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Full text of "Das Sexualleben unserer Zeit in seinen Beziehungen zur modernen Kultur"

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T3 



956 



)"-: 



Das Sexualleben 
unserer Zeit 

in seinen Beziehungen zur modernen Kultur. 



Dr. med. Iwan B)och, 

SpailMlarzt fOr Haut- und 8axuBll«ldanXir^arlln-Ch «Hotten bürg 
:; VerTaMor von „Ursprung dtrSypViWm" etc. otc. 



6-— 18. Tausend. 



Zw«He und dritte vieKech verbeeeerte und vermehrte Auflege 




Berlin SW. 61. 
Lx>uis Marcus Veriagsbuchhandtung. 

1S07. 



Alla Recht«, in»be»ondare daa dar 
Uabaraalzung in tramd« Sprachen, 
auch ina Ungariacha, vorbahatten. 







Vorrede. 



Seit mehr als zehn Jahren hat Verfasser des vorliegendeiD 
Werkes sich theoretisch und praktisch mit den Problemen des 
Sexuallebens beschäftigt und dieselben in seinen verschiedenen 
früheren Schriften nicht bloß vom Standpunkte des Arztes, sondern 
auch von dem des Anthropologen und Kulturhistorikers be' 
trachtet, in der Ueberzeugung, daß eine rein medizinische Auf- 
fassung des Geschlechtslebens, obgleich sie immer den Kern der 
Sexualwissenschaft bilden wird, nicht ausreiche, um den viel- 
seitigen Beziehungen des Sexuellen zu allen (Gebieten des mensch- 
lichen Lebens gerecht zu werden. Um die ganze Bedeutung der 
Liebe f üi* das individuelle imd soziale Leben und für die kulturelle 
Entwicklimg der Menschheit zu würdigen, muß sie eingereiht 
werden in die Wissenschaft vom Menschen überhaupt» 
in der imd zu der sich alle anderen Wissenschaften vereinen, die 
allgemeine Biologie, die Anthropologie und Völkerkimde, die 
Philosophie und Psychologie, die Medizin, die Oeschichte der 
Literatur und diejenige der Kultur in ihrem ganzen Umfange. 
Soweit das einem einzelnen möglich' ist, hat sich der Verfasser 
bemüht, diese so verschiedenen Gesichtsptmkte in der Erforschung 
des Sexuallebens überall zu berücksichtigen, um eine allseitige, 
objektive Betrachtung der einschlägigen Probleme zu ermög- 
lichen. Besondere Aufmerksamkeit hat er auch den in den letzten 
Jahren hervorgetretenen Bestrebungen sozialer, wirtschaft- 
licher und rassenhy^ienischer Natur auf dem Gebiete 
des Sexuallebens zugewendet, wie sie namentlich in der Fra^ 
der 80 wichtigen Bekämpfung der Gesohleehtskrankheiten, des 
Mutterschutzes und der freien Liebe aktuell geworden sind. Ver- 



VI 

fasser hat kein Hehl daraus gemacht, wie er das auch in seinen 
im Auftrage der Deutschen Gesellschaft zur Bekämpfung der 
(Geschlechtskrankheiten in zahlreichen deutschen Städten gehal- 
tenen Vorträgen ausgeführt hat, daß die Bekämpfung und Aus- 
rottung der Geschlechtskrankheiten das Zentralproblem der 
ganzen sexuellen Frage ist, ohne dessen Lösung eine Keform, 
Veredelung und Vervollkommnung des Liebeslebens unserer Zeit 
unmöglich ist. Da glücklicherweise über diesen Punkt zwischen 
den Anhängern des Alten und den Verfechtern des Neuen, zu 
denen der Verfasser sich zählt, eine erfreuliche Uebereinstimmung 
herrscht, so ist dieser erste und wichtigste Gegenstand der Sexual- 
reform, der die Herbeiführung der physischen Eeinheit in den 
Beziehungen der Geschlechter und die Gresundung unseres ganzen 
Liebeslebens betrifft, bereits tatkräftig und mit Erfolg in An- 
griff genommen worden. Auch zu den heute aktuellen Fragen der 
konventionellen Ehe und der freien Liebe, des außerehelichen 
Geschlechtsverkehrs, der Prostitution, der geschlechtlichen Ent- 
haltsamkeit, der sexuellen Erziehung, der Verhütung der Emp- 
fängnis, der sexuellen Bassenhygiene, der pornographischen Lite- 
ratur hat der Verfasser eine bestimmte und klare Stellung 
genommen und auf Grund seiner Forschungen hier überall die 
Entartungstheorie bekämpft und ist zu demselben Ergebnis 
gelangt, wie neuerdings Elias Metschnikoff und Georg 
H i r t h , daß auch auf sexuellem Gebiete ein stetiger Fortschritt, 
eine beständige Vervollkommnung unverkennbar ist und die 
etwaige Degeneration und erbliche Belastung stets durch eine 
Begeneration imd erbliche Entlastung (Hirth) paralysiert wird. 

Li der Darstellung ist die genetische Methode möglichst 
befolgt worden, so daß der Leser nicht nach einzeln und willkür- 
lich herausgegriffenen Kapiteln das Werk richtig beurteilen kann, 
sondern nur nach zusammenhängender Lektüre des Ganzen. 
Erst dann wird er z. B. verstehen können, weshalb ich so außer- 
ordentlich scharf den „außerehelichen" Geschlechtsverkehr be- 
kämpfe und doch für die „freie" Liebe im Sinne Ellen Keys 
eintrete. 

Ich darf wohl behaupten, daß das vorliegende Buoh eine 
Lücke auf dem Gebiete der Sexualliteratur ausfüllt. Es gibt 
bisher kein einziges umfassendes Gesamtwerk über das 
Sexualleben, in dem alle die zahlreichen und wertvollen For- 
achungen und Arbeiten in allen Teilen der Sexualwissenschaft 



vir 



kritisch verarbeitet worden sind. Es ist allerhöchste Zeit, 
d&ß einmal der Versuch unternommen wird, das geradezu ungeheure 
bisher vorliegende Material einigermaßen zu sichten und nach 
einheitlichen Gresichtspunkten darzustellen. Bei dem regen Inter- 
esse und Forschungseifer auf diesem Grebiete dürfte es schon in 
wenigen Jahren einem einzelnen unmöglich werden, eine solche 
Gesamtdarstellung zu unternehmen. Was in den letzten 30 Jahren, 
also seit Beginn der eigentlichen wissenschaftlichen Sexual- 
forschung, Wertvolles geleistet worden ist — die in dieser Zeit 
geschaffenen Grundlagen für das Studium des Sexuallebens — 
das wird, so hoffe ich, der Leser im vorliegenden Werke finden, 
das als eine Enzyklopädie der gesamten Sexual- 
wissenschaft gedacht ist auf Grund meiner eigenen Er- 
fahrungen und Beobachtungen und durchaus prinzipiellen Stellung- 
nahme zu allen einschlägigen Problemen. Es stand mir von vorn- 
herein fest, daß nur eine selbständige, originelle Durch- 
arbeitung des ganzen umfangreichen Gebietes von Wert sei. Diesen 
Versuch habe ich gemacht und hoffe so auch dem Kenner und 
Spezialforscher, besonders dem Mediziner und Anthropologen, viel 
Neues zu bieten, in klinischer, wissenschaftlich-theoretischer und 
kulturhistorisch'literarischer Beziehung. 

Besonders möchte ich. aufmerksam machen auf den Nach- 
weis (S. 44), daß Weiningers „M+W-Theorie" sich bereits 
in Heinses „Ardinghello" findet, auf die erstmalige Mit- 
teilung eines bisher unveröffentlichten Schopen- 
hauerschen Manuskriptes über Tetragamie (S. 273 
bis 275), das also hier im Erstdruck vorliegt, auf die Er- 
klärung einer Stelle aus Goethes „Wahlverwandtschaften"' aus 
einer japaniscken Quelle (S. 268 — 269), auf den sowohl in 
politischer wie in psychologisch-medizinischer Beziehung inter- 
essanten Beitrag zur Psychologie der russischen 
Bevolution in Form der authentischen Entwick- 
lungsgeschichte eines sexuell perversen russ-i- 
sohen Revolutionärs (S. 646 — 668). 

Ich schrieb das Buch für alle ernsten Männer und 
Frauen, die sich über die sexuellen Probleme orientieren und 
Bich über die Ergebnisse der so verschiedenartigen Forschungen 
auf diesem Grebiete unterrichten wollen. Welche eminente Be- 
deutung das echte kritische Wissen über die Verhältnisse des 
Geschlechtslebens für das Individuum, den Staat und die Gesell- 



VIII 



Schaft hat, habe ich im Text wiederholt erörtert und muß darauf 
verweisen. 

Da der festgesetzte Umfang des Werkes um ein Beträcht- 
liches überschritten wurde, so mußte auf die Beigabe eines Namen- 
und Sachregisters verzichtet werden. Jedoch bieten die im Texte 
den einzelnen Kapiteln beigefügten genauen Inhaltsübersichten 
einigen Ersatz dafür. 

Zum Schlüsse meinen herzlichen Dank den alten und neuen 
Freunden, von denen ich im persönlichen Verkehr oder durch 
briefliche Mitteilung so manche Anregung und wertvolle 
Mitteilung empfing, vor allem den Herren Dr. Alfred 
Blaschko, Dr. ErichEbstein, Geheimrat Prof. Dr. Albert 
Eulenburg, Dr. Magnus Hirschfeld, Dr. Georg 
Hirth, Dr. Friedrich S. Krauß, Dr. Heinrich 
Stümcke, sowie Frau Rosa Mayreder und Dr. Helene 
Stöcker. 

Charlottenburg, den 18. November 1906. 



Dr. Iwan Bloch. 



Vorrede zur zweiten und dritten Auflage. 



Genau drei Monate nach, der Niederschrift der Vorrede zur 
ersten Auflage ist dasjenige zur zweiten und dritten notwendig 
geworden. Die günstige Aufnahme des Werkes sowie die bisher 
erschienenen Besprechungen aus der Feder wirklich sach- 
verständiger Kritiker und zahlreiche schriftliche und mündliche 
AeuJ3erungen gebildeter Leser aus den verschiedensten Stauden 
haben mich zu meiner Freude in der bereits im Vorwort zur 
ersten Auflage ausgesprochenen Ueberzeugung bestärkt, daß ein 
wirkliches Bedürfnis nach einem kritisch zusammenfassenden, da- 
bei von einheitlichem Geiste getragenen Werke über das Gesamir 
gebiet der Sexualwissenschaft vorlag. 

Wesentliche Aenderungen an Plan und Inhalt des Buches 
vorzunehmen, fand ich keine Veranlassung. Jedoch habe ich mich 
bemüht, durch zahlreiche Verbesserungen, Ergänzungen, Zusätze 
und Literaturnachweise das Werk auf der Höhe der Forschung 
zu erhalten, soweit dies in dem kurzen Zeiträume möglich war. 
Hierbei erfreute ich mich der wertvollen Unterstützxmg des Herrn 
Medizinal-Bates Dr. Paul Näcke in Hubertusburg, eines der 
wenigen Kenner auf dem Gebiete der Sexualwissenschaft. Für 
die mir von ihm zuteil gewordenen Nachweisimgen spreche ich 
auch an dieser Stelle meinen aufrichtigen Dank aus. 

Charlottenburg, den 18. Februar 1907. 



Dr. Iwan Bloch. 



Inhalts -Verzeichnis. 



Seite 

Einleitug 1 

Entm KapiteL Das Elementarphänomen der menschlichen Liebe . 8 
Zweites Kapitel« Die sekundären Erscheinungen der menschlichen 

Liebe (Gehirn und Sinne) 22 

Drittes Kapitel« Die sekundären Erscheinungen der menschlichen 

Liebe (Geschlechtsorgane, Geschlechtstrieb, Geschlechtsakt) 41 

Yiertes Kapitel« Die körperlichen Geschlechtsunterschiede ... 57 
Fttaftes Kapitel« Die psychischen Sexualdifferenzen und die Frauen- 
frage (mit einem Anhange über die geschlechtliche Sensibilität 

des Weibes) 71 

Seclistes Kapitel« Der Weg des Geistes in der Liebe. — Religion und 

Sexualität 94 

Siebentes Kapitel« Der Weg des Geistes in der Liebe. — Das 

erotische Schamgefühl (Nacktheit und Kleidung) 135 

Aelites Kapitel« Der Weg des Geistes in der Liebe. — Die Indi- 

yidualisierung der Liebe 177 

Henntes Kapitel« Das künstlerische Element in der modernen Liebe 198 
ZeiiBtes Kapitel« Die sozialen Formen der sexuellen Beziehungen. 

Die Ehe 207 

Elftes Kapitel. Die freie Liebe 260 

Zwölftes Kapitel« Verführung, Genussleben und wilde Liebe . . . 311 
Drelieliiites Kapitel. Die Prostitution (mit Anhang: Die Halbwelt) 339 
yienehntes Kapitel. Die Geschlechtskrankheiten (mit Anhang: Die 

Geschlechtskrankheiten der Homosexuellen) 392 

FtnfxeliBtes Kapitel« Die Verhütung, Behandlung und Bekämpfung 

der Geschlechtskrankheiten 416 

Seetazebntes Kapitel. Sexuelle Reiz- und Schwächezustände (Auto- 

Erotismus. Onanie, sexuelle Hyperästhesie und Anästhesie, 

Samen Verluste, Impotenz und sexuelle Neurasthenie) .... 454 

Slebielmtes Kapitel. Die anthropologische Betrachtung der Psycho- 

pathia sexualis (mit Anhang: Sexuelle Perversionen durch 

Krankheiten) 503 

Aelitzehiites Kapitel. Der Abfall vom Weibe 530 

Kevnxeiuites Kapitel« Das Rätsel der Homosexualität (mit Anhang: 

Theorie der Homosexualität) 539 



KapileL Die P«*€'U«Jo-Hoiii«»w»-x:;aIität /grit^-hi«*jLe und 
orieritali^he I*ader*Mie. HerrEaphr»>«liti^ma<. bisexuelle Varie- 

ateni h<i3 

KfanaixwjttzigstM KapIteL Iiie AlgoUcnie (Sa<]i^iiiUii und Ma^uohis- 
miisi. Mit Anhang*: Ein Beitrag- zur P^vcholosie der rassi- 
schen Revolution (Entwickhinfrsg^e««-hichteeir.f-s? al2^>lasmi^xicben 

Revolutionärs! 612 

Zfrefaa^xwaaxigstM KapiteL Her N^xu^lle Ketixhisnri*** 669 

Urefmixwaazlgsti^ KapiteL Uf.zncht mit Kindern. H]ut<^liande, 
Unz'.H'ht mit I>?i''hen und Tieren, Kxhihiiionisnius und andere 
ge^^chlechtliche Pervers ität«*n (neb>t Anhang-: l»ie Behandlung 

der sexuellen Perversionenj 692 

Tlenu^xwaBzIgstM Kapit^L Iiie8ittlichkeit.<verge]ien in forensischer 

Beziehung 721 

Ftoftm^zwaasigatea Kapitel« Die Enthalt^amkeitsfragv 734 

Sechsui^zwaBxIfBtea KapiteL Die sexuelle Erziehung 744 

SieWns^zwaazifstea KapitoL Xeomalthu«ianismus, sexueUer Praven- 

tivverkehr, künstliche Sterilität und künstlicher Abort . . . 7S5 

AdrtBB^zwaBxIgltoa KapiteL Die sexuelle Hygiene 772 

Vemaa^zwaazlgates Kapitel. Das Semalleben in der OefTentlich- 

keit, Annoncen, Skandale, sexuelle Kurpfuscherei 7^2 

llrelaaigates KapiteL Das Pornographische in Schrift- und Bildtum 7^2 
BtanMreiaalgftea KapiteL Die Liebe in der belletrL<:ti<<chen Literatur '^M 
ZwelaB^^relMigstes KapiteL Die wissenschaftliche Literatur über 

das Sexualleben 815 

DreiaB44rei99f|rstes KapiteL Ausblick in die Zukunft ^25 



Einleitung. 

„Es scheint zwar, als wenn die Natur dem Menschen den 
Zengungstrieb nur zur Erhaltung der Gattung verliehen und dabei 
keine Rücksicht auf das Individuum genommen habe; allein es ist 
unleugbar, daß bei jener hohen Bestimmung dieses Triebes das 
Individuum nicht vergessen ward.'' 

Ueber die Kunst, ein hohes Alter zu erreichen. 
Berlin 1813, Bd. I S. 2. 



Bloch, Sexualleben. 2. u. 3. Auflage. 
(6.-18. Tanaend.) 



Inhklt der EJBleltang. 

Die beiden Eomponenteu dör modernen Liebe. — Gattungsiweok 
nnd IndividoaliwBok. — ünml&ngliobkeit des enteren ffir daa Ver- 
■tändnifl der Liebe. — Die Individaalisierang der Liebe durch die 
Ealtnr. — Orguiiacher Znaanuneohang swischen den körperlichen nnd 
geistigen Entcheinnngen der Liebe. — Ihre künftigen Bntwicklnngs- 
mOglichkeiteo. — Sieg der Liebe äee Knltormenschea fiber den Dämon 
dea GesohleohtstriebM. — Unsere Zeit ein Wendepunkt in der Oe- 
ichichte der Uebe. 



t 



Die Sexualität des modernen Kulturmenschen, d. h. die Summe 
der aus dem Greschlechtfitriebe hervorgehenden und mit ihm ver- 
knüpften Erscheinungen der geschlechtlichen Liebe, ist das Er- 
gebnis einer Entwicklung von Jahrtausenden. In ihr spiegeln 
sich alle Phasen der physischen und geistigen Geschichte des 
Menschengeschlechts getreu wider. Wer die moderne Liebe imd 
ihren komplizierten Charakter begreifen will, muß zuvor die 
sehwierige Aufgabe zvl lösen versuchen, nicht nur über ihre 
schon der grauen Vorzeit angehörenden primitiven Grundlagen, 
sondern auch über die Veränderungen und Bereicherungen der 
Liebesempfindung im Laufe der Kulturentwicklung sich klar zu 
werden. Aus diesen beiden Komponenten setzt sich die moderne 
Liebe zusammen. 

Da6 Wort „Liebe" ist nur auf den menschlichen Geschlechts- 
trieb anwendbar. Es besagt, daß die rein tierischen Empfindimgen 
bei ihm eine Bedeutung, ein Ziel gewonnen haben, das über 
die Zwecke der bloßen Fortpflanzung, der Erhaltimg der Art 
weit hinausgeht. Das Wesen der menschlichen Liebe kann nur 
begriffen und erklärt werden aus dieser innigen untrennbaren 
Verknüpfung ihres Gattimgszweckes und ihrer selbständigen Be- 
deutung im Leben des liebenden Lidividuums selbst. Das ist der 
springende Punkt der ganzen sogenannten „sexuellen Frage", wie 
schon hier im Anfange dieses Werkes hervorgehoben werden soll. 
Die ältere Zeit wies der menschlichen Liebe vorwiegend Gattungs- 
zwecke zu. Der moderne Kulturmensch, der die Geschichte auf- 
faßt als den Fortschritt im Bewußtsein der Freiheit, hat auch 
die ganz gewaltige individuelle Bedeutung der Liebe für 
sein eigenes inneres Wachstum, für die eigene Entwicklung seines 
freien Menschentums erkannt. Die echte, erlebte Liebe des Kultur- 

1* 



•f' 



menfichen der Gegenwart ist einer der „Wege zur Freiheit", um 
einen Ausdruck des geistreichen Georg Hirth zu gebrauchen. 
In ihr offenbart und durch sie entwickelt sich sein innerstes, 
individuelles Wesen. Wir können daher die diesen individuellen 
Faktor ganz vernachlässigende „Metaphysik der Gescblechts- 
liebe" Schopenhauers nur als eine einseitige, wenn auch 
geniale Erklärung des Wesens der Liebe bezeichnen. Und wenn 
ein von Schopenhauer stark beeinflußter neuerer Schrift- 
steller, Arnold Lindwurm, in der Einleitung seines Werkes 
üeber die Geschlechtsliebe in sozial-ethischer Beziehung" erklärt : 
Das sittliche Eriterixun, welches dem Verfasser auf dem ge- 
schlechtlichen Forschungsgebiete sich ergeben hat, sind die 
Früchte der Liebe, die Kinder, resp. der von diesen, der 
Erziehung halber, als Mittel nicht zu trennende Hausstand, 
die Ehe. Hier liegt das sozial-sittliche Ziel aller Geschlechts- 
liebe, daher dieser auch nur in der Kindererzeugiing und Er- 
ziehung der Maßstab zu ziehen ist," so lehnen wir von vorn- 
herein diesen Standptmkt als einen dem Wesen der modernen 
Liebe bei weitem nicht gerecht werdenden ab. Lehrt uns doch 
die Geschichte des menschlichen Geschlechtstriebes in unwider- 
legbarer Weise, daß derselbe im Laufe der Menschheitsentwick- 
lung iTTiTny-r mehr durch Verknüpfung mit geistig-gemütlichen 
Elementen, deren Ganzes als „Liebe" bezeichnet wird, eine fort- 
schreitende Individualisierung imd bestimmte Bedeutung für den 
einzelnen Menschen empfing. Die Geschlechtsliebe macht heute 
einen Teil des Wesens des Ktdturmenschen aus, sein Sexualleben 
spiegelt seine individuelle Natur deutlich wider und die Liebe 
beeinflußt seine EntwicUimg in nachhaltigster Weise. 

Sie verknüpft auf eine ganz besondere Art die Lebens- 
erscheinungen miteinander, indem sie beide Elemente derselben, 
die des niederen vegetativen Leb^is tmd die des höheren animali- 
schen in sich enthalt und die Einheit des Lebens zum höchsten 
und intensivsten Ausdruck bringt (Schopenhauers „Brenn- 
punkt des Willens"; Weismanns „Kontinuität des Keim- 
plasma"). 

Wer die im Laufe der Menschheitsgeschichte zutage ge* 
tretenen Entwicklungstendenzen der Liebe, ihre eigentümliche 
Entfaltung, Bereicherung und Veredlung durch die Kultur ver- 
stehen wiÜ, der muß sich von Anfang an klar sein üb^r dieses 



\. 



scheinbar dualifitische, in Wirklichkeit aber durchaiifl einheitliche 
Wesen der Liebe. 

Efi läBt sich das auch so ausdrücken, daß derjenige, der die 
Liebe wissenschaftlich erforscht, philosophisch ergründet und 
wirklich erlebt hat, wenigstens in bezug auf das Leben, auf die 
organische Welt ein überzeugter Monist werden und alle duali- 
stische Trennung nach einer körperlichen und geistigen Seite 
hin für etwas Künstliches ansehen muß. Li der Liebe offenbart 
sich dieses Oeheinmis des Lebendigen am meisten, wie es ahnungs- 
voll seit Jahrtausenden die Dichter, die Künstler, die Meta- 
physikei aussprachen, wie es wissenschaftlich-bewußt die großen 
Naturforscher des 18. und 19. Jahrhunderts, vor allem Charles 
Darwin und Ernst Haeckel, dargetan haben. Und es gibt 
kein glücklicher gewähltes Bild, keines, das das im letzten 
Grunde einheitliche Wesen der Liebe besser erleuchtete, als ein 
Wort des alten Aesthetikers J. G. Sulz er, daß die Liebe ein 
Baum sei, der seine Wurzeln im Körperlichen habe, seine 
Aeste aber hoch über der körperlichen Welt, in der Sphfixe 
des Geistigen immer mehr ausbreite, immier reicher verzweige.^) 
Gewiß kann es keine treffendere Vergleichung geben. Durch sie 
wird uns ohne weiteres der innere organische Zusammen- 
hang zwischen den körperlichen und geistigen Erscheinimgen in 
der Liebe klar. Sie wurzelt immerdar in der Mutter Erde, aber 
sie strebt empor in den lichten Aether. Wie der Baumkrone 
eine viel reichere, mannigfaltigere, ausgebreitetere Entwicklung 
zuteil wird als der Baumwurzel, so kann auch die Liebe erst 
im geistigen Sein sich in die Höhe und nach allen Bichtungen 
hin ausbreiten, die körperliche Entwicklungsfähigkeit ist dem- 
gegenüber minimal imd beschränkt. Aber wie der Baum- 
krone aus der Wurzel, so wird andererseits der 
höheren Liebe aus der Sinnlichkeit immer wieder 



^} „Aber es ist nicht die Natur, die die Blüten hervorbringt, 
die kommen von oben, und der Geist ist's, der sich den nafür- 
lichen Vorgang cum Werkzeug aaserwählt, um seinen ganzen Blüten- 
himmel, all seinen jauchzenden Segen über seine Lieblinge auszu- 
schütten." (Splitter. Notnife mit einem Aufruf von Eonrad 
Seher. Zürich 1891, S. 27.) ^ Auch der Naturforscher Eiel- 
meyer, der Lehrer Guviers, verglich die Genitalien mit der 
Wurzel, das Gehirn mit der Krone des Baums. Vgl. Arthur 
Schopenhauer, Neue Faralipomena ed. Grisebach S. 217. 



6 

neue Nahrung zugeführt- Eben damit sie geistig reicher 
werde, bedarf sie der physischen Grundlage.') Um es kurz zu 
sagen: die künftigen Entwicklungsmöglichkeiten der 
menschlichen Liebe liegen rein auf geistigem Gebiete, sind aber 
untrennbar geknüpft an die weit weniger' veränderlichen körper- 
lichen Erscheinungen der Sexualit&t. 

Einzig und allein die Entwicklung und Gestaltung und 
Differenzierung geistiger Elemente im Geschlechtstriebe begründen 
seine innigen Beziehungen zur Kultur. Diese spiegelt sich wider 
in den mannigfaltigen Phasen der Evolution des Liebesgefühles. 

Denn der menschliche Geist ist im Laufe der Entwicklung 
nicht nur der Herr der Erde, der elementaren Naturkräfte, er 
ist auch Herr, Gebieter, Deuter und Wegweiser des Geschlechts- 
triebes geworden, der ihm sein neues, eigentümliches, entwick- 
lungsfähiges Leben verdankt, wie es in der Liebe sich 
offenbart. Die Geschichte der Liebe ist die Geschichte der 
Menschheit, der Kultur. Auch sie weist einen ständigen Fort- 
schritt auf, den nur diejenigen leugnen können, welchen die 
ganze tiefe Bedeutung der menschlichen Liebe für das gesamte 
Kulturleben aller 2ieiten noch nicht aufgegangen ist, und die 
nur aus dem Fortbestehen des uralten, ewig regen Geschlechts- 
triebes und seiner dämonischen Natur Grund zu der hoffnungs- 
losen Verzweiflung an der Möglichkeit aller Liebe schöpfen und 
damit dem Pessimismus recht geben, mit dem ein Schopen- 
hauer über die Bedeutung des menschlichen Greschlechtslebens 
geurteilt hat. Gewiß, jener dämonische Trieb besteht noch immer, 
und allein ihm folgen, bedeutet den Tod, trostlose Oede, das 
Nichts, wie Tolstoi, Strindberg, Weininger, diese 
furchtbaren Ankläger der modernen „Liebe", es in erschütternder 
Darstellung vor Augen geführt haben. Aber kannten sie die 
wirkliche Liebe? War ihnen die gewaltige Notwendigkeit 
zum Bewußtsein gekommen, mit welcher die Kultur im Laufe 
der Zeiten und der Generationen auf so mannigfaltige Weise, 
auf so wxmderbaren Wegen den menschlichen Geschlechtstrieb in 
Liebe verwandelt, zur Liebe umgestaltet hat? Hatten sie eine 



<) Sehr fein bemerkt Eduard von Hartmann, daß eihe 
„angebliche Liebe ohne Sinnlichkeit nor das fleisch- und blatlose 
Phantasiegespenst der gesuchten Seele** sei. (Fl.ilosophie de« Uiile- 
wußten. ö, Auflage, Berlin 1871. S. 19G.> 



Idee von der Entwicklung der Liebe, von ihrer Stellung und 
Bedeutung in der Geschichte? 

Sie mögen es glauben, jene zweifelnden und verzweifeln- 
den Gemüter: nichts ist verloren gegangen von allen den 
geistigen Beziehungen, von allen den wunderbaren Gestaltungs- 
möglichkeiten, die im Verlaufe der langen, wechselvollen; Ent- 
wickelungsgeschichte der Liebe sich offenbarten. Diese Entwick- 
lung schildern, heißt alle jene Kulturelemente aufweisen, die 
noch heute in der Liebe wirksam sind, heißt aber auch 
zugleich die Bichtung ihrer zukünftigen Entwicklung andeuten. 
Wieder einmal stehen wir an einem großen Wendepunkte in 
der Geschichte der Liebe. Altes scheidet sich von Neuem, das 
Bessere wird auch hier der Feind des Guten sein. Aber das 
Wesen der Liebe als des mit höchstem geistigen Lihalt erfüllten 
Geschlechtstriebes wird bestehen bleiben als unverlierbares Kultur- 
gut, ja es wird immer reiner, beglückender hervortreten, wie ein 
Spiegel von wunderbarer Klarheit, in dem die Kultur jeder Zeit 
ihr eigentümliches Bild am getreuesten wiederfindet. 



ERSTES KAPITEL. 

Du ElementarphKaomen der menschlichen Liebe. 

„Der kritische Naturforscher faßt diesen Vorgang, dieae „Krön» 
der Liebe") sehr nüchtero als den Verwachsungaprozeß aweier Zellea 
und die Verschmelzung ihrer Eermoassea auf." 

Ernst HaeckeL 




Inhalt des ersten Kapitels. 

Die Urquelle der Liebe. — Die Verschmelzung der Eeimsellen 
als einfachster Ausdruck der Natur der Geschlechter. — Das aktive 
männliche und passive weibliche Prinzip der Sexualität. — Darstellung 
im antiken Mythus. — Bedeutung der geschlechtlichen Zeugung. — 
Das wichtigste Prinzip fortschreitender Entwicklung. — Bedeutung 
der Geschlechtstrennung. — Entwicklung der HeterosexuaJität. — 
üeberreste eines ursprünglich, hermaphroditischen Zustandes bei Mann 
und Weib. — Neuerwerbungen. — Das Jungfernhäutchen. — Metsch- 
nikoffs Hypothese über die ursprüngliche Bedeutung des Hymen. 

— Das „dritte Geschlecht". — Die Vervollkommnung durch fort- 
schreitende Differenzierung der Geschlechter. — Die Intensitats- 
steigerung der geschlechtlichen Anziehungskraft im Laufe der Ent- 
wicklungsgeschichte der Menschheit. — Ursache. — Erklärung von 
Paul R6e. — Theorie von Havelock Ellis. — Das psychische 
Slementarphänomen der Liebe. — Eine geruchsähnliche Empfindung. 

— Theorien von Steffens, Haeokel, Eröner. — Die spezi- 
fischen Sexualgerüche der Eaprylgrupppe. — Parfümdrüsen bei Tieren 
und beim Menschen. — Ein Beispiel aus dem südslavischen Folklore. 

— Die GenitaJstellen der Nase. — Die sexuelle Rolle der künst- 
lichen Duftstoffe. — Ursprung der letzteren. — Reduktion des Riech- 
oiganes beim Menschen. — Das primäre und sekundäre Element in 
der menschlichen Sexualität. — Bölsches „Mischliebe'' und 
fjDistanzliebe". — Dire verschiedene Bedeutung. 



10 



Das Mysterium der geschlechtlicilen Liebe, dieses „Lebens- 
ii^iiDder'S aus dem der religiöse Glaube in gleichem Maße wie 
die künstlerische Inspiration den besten Teil ihrer Eraft ge- 
schöpft haben und noch fortdauernd schöpfen, läßt sich im 
letzten Grunde auf eine einzige Fundamentalerscheinung in der 
Sexualität der der großen Gruppe der Metazoen angehörenden 
Tierwelt imd des Menschen zurückführen. Dieser, Begattung und 
Zeugung zu gleicher Zeit umfassende Vorgang ist die Ver- 
sclimelzung einer weiblichen Eizelle mit einer männlichen Sperma- 
zclle, die „Urquelle der Liebe'' nach Haeckels Ausdruck, 
Dcben welcher alle anderen, auch die kompliziertesten körper- 
lichen und geistigen Erscheinungen nxir untergeordneter, sekun- 
därer Natur sind. Aus diesem ursprünglichen organischen Vor- 
gange der Anziehung und Verschmelzung der beiden „Keim- 
zellen'' geht die ganze Fülle und Mannigfaltigkeit aller übrigen 
körperlichen tind seelischen Liebeserscheinungen hervor. Er stellt 
ihr Bild im kleinen dar, wir haben in ihm gewissermaßen die 
sehr vereinfachte sinnliche, unmittelbare Anschauung der Natur 
der Beziehungen zwischen Mann imd Weib vor uns. Auch sind 
die höchsten und feinsten geistigen Eindrücke und Erlebnisse 
unter dem Einflüsse der Liebe zuletzt nur die Folgen dieses 
„erotischen Chemotropismus" der Samen- und Eizelle. 

Die männliche Samen- und die weibliche Eizelle bringen auf 
die einfachste und überzeugendste, weil anschaulichste Weise 
die tiefgehende, bereits durch die Natur vorgesehene und später 
durch die Kultur nur weiter fortgebildete, gesteigerte und 
verfeinerte Differenzierung der Geschlechter, die spezi- 
fischen Geschlechtsunterschiede zum sichtbaren 
Ausdruck. ^ 

Die Zeugung kommt durch die Wanderung der Samenzelle 
zur weiblichen Keimzelle, durch ihr Eindringen in letztere zu- 



11 



Blande. Jene repräsentiert das aktive, diese mehr das passive 
Prinzip in der Sexualität. Schon in diesem wesentlichsten 
Akt der Zeugung also spricht sich das natürliche Verhältnis 
zwischen Mann und Weib sehr klar und deutlich aus. Diese 
Auffassung findet sich bereits im Mythus tmd der Gräbersymbolik 
des Altertums. Hier wird stets der Mann als aktives Prinzip 
dem Weibe als passives Prinzip gegenübergestellt. 

,,Stille und Buhe herrscht in dem Ei; aber wenn, durch 
Werdelust getrieben, der männliche Gott die Schale durchbricht 
und als Enorchis sein Werk beginnt, so wird alles Bewegung, 
alles ruhelose Eile, alles Triebkraft, alles ein nie endender Kreis- 
lauf. Das mijinlich zeugende Prinzip erscheint also selbst als 
der Vertreter und Träger der Bewegung in der sichtbaren Erd- 
schiOpfung. Wie es durch die erste Tat dazu den Anstoß gibt, 
so erneuert es sie ohne Unterlaß durch stete Wiederholung der- 
selben. Das tatkräftige Naturprinzip erscheint zugleich als das 
bewegende . . . Geflügelt ist der Phallus, ruhend das Weib; 
Prinzip der Bewegung ist der Mann, Prinzip der Buhe das Weib ; 
des ewigen Wechsels Ursache die Kraft, ewiger Buhe Bild das 
Weib, weshalb die Erdmütter meist sitzend dargestellt werden.^' 
(Bachofen.) 

Das Auftreten der geschlechtlichen Zeugung in der 
Entwicklungsgeschichte der lebendigen Welt ist ein besonders 
lehrreiches Beispiel für die große Bedeutung der Differenzierung 
und Variation als des wirksamsten Prinzips aller Entwicklung 
überhaupt Die niedrigsten Lebewesen vermehrten sich auf höchst 
einfache Weise durch ungeschlechtliche Zellenteilung, die nicht 
mit Unrecht als eine besondere Art des Wachstums aufgefaßt 
worden ist und sich auch noch bei höheren, sich durch geschlecht- 
liche Zeugung fortpflanzenden Organismen als eben solches 
Wachstum erhalten hat Entweder löst sich bei der einfachen 
ZeUteilung die zweite Zelle, die „Tochterzelle^S von der alten 
Zelle, der „Mutterzelle", los imd bildet ein neues, vollständiges 
Individuum, oder diese Zellteilung geschieht in Form der Sprossen- 
bildung, wobei die Tochterzelle mit der Mutterzelle vereinigt 
bleibt und ein neues Organ bildet. 

Diese Fortpflanzung durch Zellteilung findet sich noch bei 
vielen Pflanzen und niederen Tieren neben der geschlechtlichen 
Zeugung. Diese letztere tritt erst bei höheren Tieren und beioi 
Menschen ein, deren Fähigkeit der Erzeugung neuer Individuen 



12 

durch Zellteilung oder neuer bezw. verlorener Organe durch 
Wachstum verloren gegangen ist. Dem Fortschritt und Gewinn, 
der durch die geschlechtliche Zeugung gegeben ist, und dessen 
Charakter wir gleich nfiher betrachten wollen, steht also eine 
Rückbildung, ein Verlust auf der anderen Seite gegenüber. Wir 
werden dieser Tatsache noch öfter in der Entwicklungsgesdiichte 
des Geschlechtstriebes, speziell beim Menschen, und der mensch- 
lichen Liebe begegnen. 

Durch die geschlechtliche Zeugung wird aber ein sehr großer 
Fortschritt insofern angebahnt, als dadurch der Differenzierung 
und Variabilität der Formen ein imvergleichlich g^fierer Spiel- 
raum eröffnet wird, als dies bei der ungeschlechtlichen Zeugung 
möglich ist. (Kerner v. Marilaun, R. Martin.) Durch 
die geschlechtliche Vereinigung zweier verschiedener selb- 
ständiger Individuen, von denen jedes wieder von zwei ebenso 
verschiedenen Individuen abstammt, wird eine fortschreitende 
Differenzierung der Individuen dieser Art herbeigeführt. Keins 
gleicht völlig dem anderen. Jedes weist neue Eigentümlichkeiten, 
neue Fähigkeiten auf, die im Kampfe ums Dasein eine Bolle 
spielen. So vollzieht sich allmählich ein Fortschritt zu höheren, 
besseren, vervoUkommneteren Formen. Die durch die Vererbung 
gewährleistete Beharrlichkeit der Gattung empfängt durch die 
Tatsache der geschlechtlichen Zeugung mittelst Vermischung 
zweier verschiedener und von verschiedenen Individuen stammenden 
Keimzellen die Tendenz zu fortschreitender Veränderung und 
Vervollkommnung. So wird also die Ebrhaltung der Gattung 
durch diese Art der Zeugung ebenso gesichert wie durch andere 
und gleichzeitig die Möglichkeit der Differenzierung, des Variierens 
bedeutend verstärkt. Daß in der auffälligen Verschiedenheit 
der männlichen tmd weiblichen Keimzellen der letzte Grund für 
die tiefgehende Wesensverschiedenheit der Geschlechter zu suchen 
sei, hoben wir bereits hervor. Alle Verfechter einer Theorie von 
der absoluten Gleichheit von Mann und Weib müssen immer 
wieder hieran erinnert werden. Gewiß ist die größere Beweg- 
lichkeit der männlichen Keimzellen gegenüber dem mehr passiven 
Verhalten der weiblichen auch der Ausdruck tiefbegründeter 
seelischer Differenzen, die um so sicherer anzimehmen sindi als 
wir ja durch die Erfahrung wissen, bis zu welchem hohen Grade 
die feinsten psychischen Eigentümlichkeilen von Vater und Mutter 
auf das Kind vererbt werden können. 



13 

Alle Versuche der Natur oder der Kultur, den 
Unterschied zwischen dem spezifisch Männlichen' 
und dem spezifisch Weiblichen zu verwischen^ 
müssen daher als aussichtslos und den Fortschritt 
der Entwicklung hemmend angesehen werden. 
Das sogenannte „dritte Geschlecht^' ist ein eminenter Bückscliritt.! 
Denn die Greschlechtstrennung ist eine höhere Stufe als die 
ursprünglich andemselben Individuum (Hermaphroditis- 
mus, Zwitterbildung) stattfindende Differenzierung der 
beiden Keimzellen. Diese einseitige geschlechtliche Zeugung in 
der Vorfahrenreihe des Menschen ist im Laufe der Stammes- 
geschichte durch die zweiseitige ersetzt worden, wobei zwei von- 
einander getrennten Individuen die Keimzellenbildung und 
zwar den männlichen die Spermazellen-, den weiblichen die Ei- 
zelleo Produktion zugeteilt wurde. So entstand der Gegensatz der 
Geschlechtsindividuen, die Differenzierung der beiden Geschlechter, 
die sich phylogenetisch immer bestimmter, reicher und eigen- 
artiger entfaltete, vermittels des Prinzips der geschlecht- 
lichen Zuchtwahl, in der Vererbung und Anpassimg all- 
mählich die physischen und psychischen Aeußerungen der Sexua- 
lität, alte und neu hinzugekommene, bestimmt und fixiert haben. 
Durch Vererbimg wurde in der höheren Tierwelt und beim 
Menschen diese Heterosexualität immer schärfer zum Aus- 
druck gebracht, ohne daß die Spuren der früheren Zustände 
gänzlich verloren gegangen wären. Der Mensch liebt zu zweien. 
Das ist der normale Zustand und der einzige, der die Tendenz 
des Fortschrittes, der Vervollkommnung in sich trägt. Aber 
Anklänge an den Hermaphroditismus, an die Bisexualität in 
demselbeu Individuum, an das „dritte Geschlecht*' finden sich in 
jedem Menschen, wie schon die durch die Embryologie und ver- 
gleichende Anatomie festgestellten üeberreste, die Budimente der 
weiblichen Geschlechteanlage beim Manne und der männlichen 
beim Weibe dartun. Das ist ein sicherer Beweis für die ur- 
sprünglich hermaphroditische Natur der menschlichen Vorfahren. 
Aber diese weiblichen Sexualorgane im männlichen Körper sind 
verkümmert, sind eben nur noch Eudimente, und umgekehrt 
die männlichen im Körper des Weibes, während im Laufe der 
Entwicklung die männlichen Sexualorgane bei jenem, und die 
weiblichen bei der IVau sich immer stärker entwickelt und 
schärfer voneinander differenziert haben und zum Ausdruck der 



14 

spezifischen unterschiede von Mann tmd Weib geworden sind. 
Sie allein repräsentieren den vollkommeneren Zustajid. Uebrigens 
sind jene Ueberbleibeel eines früheren hermaphroditischen Zu- 
Standes beim Menschen weit geringer als bei den Säugetieren 
und sie treten noch mehr zurück, wenn man die Tatsache ins 
Auge faßt, daß gewisse Teile des Genitalsystems nur dem 
Menschen eigentümlich sind, richtige Neuerwerbungen dar- 
stellen, vor allem das Jungfernhäutchen, sogen. „Hymen", das 
noch den dem Menschen am nächsten stehenden Affen fehlt. 
Der ursprüngliche Zweck des Jungfernhäutchens, das offenbar 
einst entwicklungsgeschichtlich einen Fortschritt darstellte, ist 
noch unaufgeklärt. Eine interessante Hypothese darüber hat 
Metschnikoff aufgestellt. Nach ihm ist es sehr wahrschein- 
lich, daß die Menschen während der ersten Periode ihrer Existenz 
die geschlechtlichen Beziehungen in einem sehr jugendlichen 
Alter beginnen mußten, zu einer Zeit, wo das äußere Geschlechts- 
organ des Knaben noch nicht ganz entwickelt war. Das Jungfern- 
häutchen war also hier nicht nur kein Hindernis der Begattung, 
sondern ermöglichte eigentlich erst durch Verengerung der weib- 
lichen Geschlechtsöffnung und Anpassimg derselben an das relativ 
zu kleine männliche Glied den Geschlechtsgenuß. Es wurde also 
damals nicht brutal zerrissen, sondern allmählich erweitert. Sein 
Zerreißen stellt nur eine späte und sekundäre Erscheinung dar. 

In der Tat sprechen die noch heute bei vielen primitiven 
Völkern üblichen Heiraten im Kindesalter, sowie die Tatsache, 
daß in vielen Fällen auch bei den Kulturvölkern das Hymen 
nicht immer durch den Beischlaf zerrissen wird, sondern in etwa 
15 Prozent der Fälle (nach Budin) erhalten bleibt, für diese 
Annahme. 

Unterliegt es keinem Zweifel, daß die Entwicklung und der 
Fortschritt der Kultur eine möglichst scharfe Differenzierung der 
beiden Geschlechter zur Folge gehabt haben, so könnte die Bildung 
eines sogenannten „dritten Geschlechts", bei dem diese sexuellen 
Unterschiede verwischt sind, nur einen gewaltigen Bücksduitt 
bedeuten. Was Ernst v. Wolzogen unter diesem Namen in 
einem bekannten Boman geschildert hat, eine Art von unfrucht- 
baren, verkümmerten Weibern, die es aber in bezug auf die 
Arbeit den Männern gleich tun, das ist unseres Erachtens nur 
ein Uebergangsstadium in dem großen Kampfe der Frau 



15 

um selbständige, freie Entwicklung ihres eigensten Wesens. 
Diese Typen sind gewiß nicht das Endziel der Frauenbewegung. 
Es sind Karikaturen, Produkte einer falschen und extremen Auf- 
fassung der weiblichen Entwicklung. Dieses „dritte Geschlechtes 
das Schurtz nicht mit Unrecht mit den verkümmerten, un- 
fruchtbaren Arbeiterinnen der Ameisen und Bienen vergleicht, 
ist nicht existenzfähig tmd wird einer neuen Frauengeneration 
Platz machen, die unter völliger Bewahrung ihrer spezifisch 
weiblichen Eigentümlichkeiten sich mit gleichen Bechten und 
Pflichten wie die Männer an der großen KultiLrarbeit beteiligt, 
wodurch letztere gewiß durch zahlreiche neue und fruchtbare 
Elemente bereichert wird. 

Es ist ja möglich, daß auch das dritte Geschlecht, daß die 
Hermaphroditen, Homosexuellen, die sexuellen „Zwischenstufen" 
eine bestimmte Bolle in dem großen Kulturprozesse spielen. Aber 
jedenfalls ist die Bedeutung derselben schon deshalb sehr gering 
und beschränkt, weil die Möglichkeit einer Vererbung wertvoller 
Eigentümlichkeiten bei diesen unfruchtbaren Individuen, und da- 
mit ^e in der Zukunft liegende Vervollkommnung, ein wirk- 
licher „Fortschritt" ausgeschlossen ist. Es gibt nur zwei Ge- 
schlechter, auf denen jeder wahre Kulturfortschritt beruht: den 
echten Mann und das echte Weib. Alles übrige sind schließlich 
doch nur Phantasien, Monstrositäten, Ueberbleibeel primitiver 
vorzeitlicher Sexualität. 

Sehr gut hat Mantegazza den tiefinnersten Zusammen- 
hang dieser Träume vom dritten Geschlecht mit den phantastischen 
Verirrungen des Geschlechtstrie1)es geschildert: „Während die 
Pathologie der Idebe in vielen geschlechtlichen Verirrungen die 
dunkeln Spuren eines allgemeinen Hermaphroditismus erblickt, 
läßt tins die Phantasie, welche noch schneller eilt als die Wissen- 
schaft, die Möglichkeit erscheinen, daß in noch komplizierteren 
Geschöpfen die Geschlechtsverschiedenheit eine mehr als zwei- 
fache sein kann, so daß die 2ieugung derselben eine noch größere 
Arbeitsteilung darstellt. So erscheinen auch in den zynischen 
oder skeptischen Unterscheidungen zwischen platonischer, ge- 
schlechtlicher und ausschweifender Liebe die ersten Spuren neuer 
und monströser Zeugungsmöglichkeiten, die einen an Erhaben- 
heit mit dem Uebersinnlichen wetteifernd, die anderen brutaler 
als die schrecklichsten geschlechtlichen Verirrungen." 



16 

In Wirklichkeit hat nur die gewöhnliche heterosexuelle Liebe 
zwischen einem normalen Manne und einer normalen Frau eine 
Daseinsberechtigung. Nur diese immer mehr differenzierte und 
individualisierte Liebe zwischen den beiden Geschlechtern wird 
in dem künftigen Entwicklungsgange eine Bolle spielen. 

Die durch die Anziehung imd Vereinigung der von getrennten 
Geschlechtsindividuen stammenden Keimzellen zum Ausdruck 
gebrachte Heterosexualität bildet auch die Grundlage, das Wesent- 
liche der geschlechtlichen Beziehungen in der höheren Tierwelt 
und beim Menschen und wurde durch Vererbung immer sch&rfer 
zum Ausdruck gebracht. Da dieses GrundpJi&nomen des Ge* 
schlechtstriebes schon von den ältesten und einfachsten Formen 
der organischen Welt übernommen imd nur in der Bichtung der 
Heterosexualität modifiziert wurde, so hat» wie EwaldHering 
am Schlüsse seiner berühmten Bede über das ,,GredächtniB als 
eine allgemeine Funktion der orgajiisierten Materie*' darlegt, die 
organische Substanz für den Glenerationstrieb in seiner ältesten, 
primitivsten Form das stärkste Gedächtnis, so daß er als inten- 
siver körperlicher Drang noch heute den Menschen mit der Macht 
einer Elementargewalt beherrscht, die trotz der allmählichen 
höheren Entwicklung des Grehims ziemlich unverändert im Laufe 
der Jahrtausende sich wirksam erhalten hat, ja durch die 
kumulierenden Einflüsse einer durch Tausende von Generationen 
sich erstreckenden Vererbung eine bedeutende Litensitätssteige- 
rung erfahren hat. Man muß annehmen, daß seit unzähligen 
Generationen immer diejenigen Tiere und Menschen die meisten 
Nachkommen hatten, deren Triejb am heftigsten war. Die Nach- 
kommen vererbten ihrerseits wieder diese Stärke des Triebes auf 
ihre Deszendenz. 

Diese zuerst von dem Moralphilosophen Paul Bee gegebene 
Erklärung der unzweifelhaften allmählichea Litensitätssteigerung 
des Geschlechtstriebes leuchtet mehr ein als die von Havelock 
Ellis aufgestellte Theorie von der Verstärkung des letzteren 
durch die Kultur, was schon vor ihm Lucretius behauptet 
hatte (De natura rerum. V, 1016). Die hierfür angeführte relativ 
schwache Entwicklung der Genitalien bei Naturvölkern ist in 
einer solchen allgemeinen Verbreitung keineswegs sicher bezeugt. 
Die Kultur hat nur durch Vermehrung der physischen und 
psychischen Beizmittel alle Seiten des Geschlechtslebens zur 



vollen Entwicklung gebracht; ob sie aber selbst als ein luimittel- 
bares ursächliches Moment für die Steigerung der Intensität des 
Sexualtriebes anzusehen ist, erscheint sehr fraglich. 



"Wenn wir als das aus der stanimesgesehichtlichen Vorzeit 
überkommene Elementajphänomen der menschlichen Liebe die 
Verschmelzung der beiden Geschlechtszellen kennen gelernt haben, 
so entsteht die Frage nach der Natur der psychischen Vor- 
gänge, nach der Art der Empfindungen bei dieser Ver- 
einigung der Samen- mit der Eizelle. AVelches ist das ursprüng- 
lichste seelische Element arphänomen der Liebe? 

Es ist wahrscheinlich diejenige Empfindung, bei welcher eine 
wirkliche Berührung der Psyche mit dem Materiellen, eine 
unmittelbare Empfindung des "Wesens der Materie stattfindet: 
die Geruchsempfindung. Man hat niclit mit Unrecht die 
metaphysische Bedeutung des Geruches daliin bezeichnet, daß er 
das „sublimierte Ding an sich"' sei, daß er uns wie keine andere 
Empfindung unmittelbar in das Wesen der Materie eindringen 
laaso, daß er der Sinn der Persönlichkeit seL „Der Geruch", 
Bögt Henrich Steffens, „ist der Hauptsinn der höheren 
Tiere, er schließt die innere eigene Welt für sie auf, von welcher 
befangen, sich ihr Dasein enthüllt. Auf den Geruch, in welchem 
die Sympathie UJid Antipathie sich darstellt, gründet sieh die 
ganze Sicherheit des höheren tierischen Instinkts ; denn die 
eigentümliche Begierde findet und ergreift sich 
in diesem Sinne . - . Ja, in der Begattimg verschmilzt sich 
das innere Gefühl, welches durch den Gemch sich entwickelt, 
mit dem äußeren ganz, imd aus der Einheit beider entspringt 
die tiefe Lust, in welcher die Unergründlichkeit der zeugenden 
Ivraft und die ganze Gewalt des JlJeschlechts sich verliert." 

Ernst Haeckel schreibt den beiden Geschlechtszellen 
eine Art niederer Seelentätigkeit zu, sie empfinden beide gegen- 
seitig ihre Nähe, und zwar ist es wahi'scheinlich eine dem Ge- 
rüche verwandte Sinnestätigkeit, die sie zueinander zieht. Die 
sinnliche Empfindung der beiden Geschlechtszellen, die Haeckel 
speziell in die Zellkerne verlegt, nennt er den „erotischen Chemo- 



18 

tropifimtiB". Er beruht auf einer Anziehung durch den Geruch 
mid stellt die seelische Quintessenz, das ursprünglichste Wesen 
der Liebe dar. 

Auch ein späterer Forscher, Eugen Kröner, vertritt 
dieselbe Anschauung. Er erblickt in der Konjugation zweier 
Vortizellen eine Wirkung der durch den chemischen Sinn aus- 
gelösten Oeruchsempfindungen. Der Greruch ist ihm das Wesent- 
liche im Geschlechtstriebe der Tiere. 

Diese Theorie wird erheblich gestützt und ziim Bange einer 
naturwissenschaftlichen Tatsache erhoben durch den umstand, daß 
bei den höheren Tieren der Geruchssinn im Laufe der Stammes- 
gescbichte eine immer größere Bedeutimg für die Sexualität ge- 
wonnen hat, und daß nach der Entdeckung Zwaardemakers 
eine ganz bestimmte Gruppe von geschlechtlichen Gerüchen 
in der Natur verbreitet ist, die sogenannten „Kaprylgerüch e", 
deren nahe Verwandtschaft ein Beweis dafür ist, daß sie eine 
natürliche biologische Beziehung zur Vita sexnalis haben. Diese 
Kaprylgerüche, die bereits bei den Pflanzen eine sexuelle Rolle 
spielen, sind bei den Tieren und beim Menschen direkt an oder 
in der Nähe der Geschlechtsteile lokalisiert (Parfümdrüsen von 
Biber tind Moschustier usw., Sekret der männlichen Vorhaut und 
der weiblichen Scheide) oder auch in allgemeinen Absonderungen 
(Schweiß) wirksam. Neuerdings ist sogar von Gustav Klein 
der Nachweis erbracht worden, daß eine bestimmte Drüsengruppe 
der weiblichen Genitalien, die Glandulae vestibuläres majores, als 
ein Ueberbleibsel aus der Bnmstzeit aufzufassen sind. Damals 
war beim Menschen wie bei den Tieren der Greschlechtstrieb noch 
ein periodischer, und das Sekret dieser Paxfümdrüsen des mensch- 
lichen Weibes diente damals noch als Anlockungsmittel für das 
männliche Geschlecht. Heute haben dieselben als spezifisches 
Beizmittel sehr an Bedeutung verloren. Meist wirkt die Aus- 
dünstung des ganzen weiblichen Körpers erotisch erregend. Solche 
Fälle, in denen ausschließlich nur von den weiblichen Geschlechts- 
teilen solche Beizungen ausgehen, deutet K 1 e i n als ein phylogene- 
tisches ueberbleibsel aus den ursprünglichen Beziehungen zwischen 
brünstigem Biechstoff des Weibes und Witterung des Mannes. 
Friedrich S. Krauß teilt in der von ihm herausgegebenen 
„Anthropophyteia"' (1904, Bd. I, S. 224) eine südslavische Er- 
zählung mit, in der ein Mann geschildert wisd, der nur durch 
den natürlichen Geruch des weiblichen Genitale sexuell be- 



19 

friedigt wird. Erinnert sei auch an die merkwürdige Einteilung 
der indischen Weiber nach dem verschiedenen Gerüche ihrer 
Geschlechtsteile. 

Daß dieses Urph&nomen der Liebe auch heute noch eine ge- 
wisse Bedeutung hat, wenn es auch durch das stärkere Hervor- 
treten des Gehirns und rein geistiger Elemente beim Menschen 
stark abg^chwächt worden ist, dafür zeugt der von Fließ nach- 
gewiesene interessante physiologische Zusammenhang zwischen 
Nase und Genitalien. Es finden sich an der unteren Nasen- 
muschel solche „Q^nitalstellen", die bei sexuellen Beizungen und 
Erregungen, wie im Koitus, während der Menstruation usw., an- 
schwellen. Man kann von ihnen aus direkt gewisse Zustände 
an den Genitalien beeinflussen. 

Sehr bemerkenswert ist es, daß die Kultur die natürlichen 
Sexualgerüche vielfach durch künstliche ersetzt hat, die soge- 
nannten Parfüme, deren Ursprung sich zum Teil an die Nach- 
ahmung oder Verstärkung der natürlichen Ausdünstung 
knüpft, zum Teil aber auch, besonders in späterer Zeit, auf ein 
Bestreben, die letztere zu verdecken, zurückzuführen ist, 
wenn nämlich diese Ausdünstung einen unangenehmen Charakter 
annahm. Daher finden wir neben so scharfen Parfümen wie 
Zibeth, Ambra, Moschus, auch sehr milde, wie viele pflanzliche 
Biechstof fe. Die starke, sexuell erregende Wirkung dieser künst- 
lichen Duftstoffe wird besonders von Frauen, speziell käuflichen 
Weibern, benutzt, um die Männer anzulocken.^) Oft genügen auch 
schon einfache Blumendüfte für diesen Zweck. Krauß berichtet, 
daß beim Kolo-Tanze der Südslaven die Mädchen stark duftende 
Blumen und Sträucher am Busen befestigen und dadurch in den 
Burschen einen wilden Geschlechtstrieb erregen. Im Orient spielen 
die sexuellen Beizungen durch den Geruchssinn überhaupt eine 
weit größere Bolle als in Europa. 

Der Geruch als spezifisches Elementarphänomen der ge- 
schlechtlichen Zeugung ist aber beim Menschen durch die stärkere 



^) Nach Laurent (Die krankhafte Liebe, Leipzig 1896, S. 133 
bis 134) benutzen die gemeinen Dirnen mit Vorliebe Moschus, die 
jungen Arbeiterinnen Veilchen- oder Rosenduft, die Damen der 
Bourgeoisie die durchdringenden Gerüche, wie weißen Heliotrop, 
Jasmin, Ylan-Tlan, die Halbweltlerinnen feinere Parfüme oder solche, 
„die kompliziert sind wie ihre Laster," z. B. Corylopsis, Maiglöckchen- 
oder Resedaduft. 

2* 



20 

Entwicklung anderer Sinne, namentlich des Gesichts, längst in 
den Hintergrund gedrängt worden, was auch durch die unzweifel- 
hafte Reduktion des Riechorgans zum Ausdruck kommt. An 
die Stelle des Riechlappens ist beim Menschen der Stimlappen, 
der Sitz der höchsten Oeistesverrichtungen und der Sprache ge- 
treten. Außerdem wurde durch die Bekleidung der natürliche 
Greruch des Mannes und Weibes, der früher so große sexuelle 
Bedeutung hatte, der Wahrnehmung so gut wie ganz (.ntzogen, 
und erbt jetzt konnten sich die vom Tastsinn und vom Gresichts- 
sinn ausgehenden sexuell erregenden Eindrücke entwickeln, wo- 
durch z. B. die Hände, die Lippen und die weiblichen Brüste 
in erotische Organe verwandelt wui*den. Trotz dieser tatsäch- 
lichen Abschwächung der sexuellen Bedeutung des Geruches wird 
jene ursprünglichste, wohl schon an die Keimzellen geknüpfte 
Empfindung niemals gänzlich schwinden. Immer noch „umhüllt 
uns ein bald leise, bald merklicher wogendes Duftmeer, dessen 
Wellenschlag in uns ohne Unterlaß Sympathie- oder Antipathie- 
gefühlc frei macht und dessen feinste Berührungen wir nicht 
unbeachtet lassen." (Havelock Ellis.) 

Indem wir als einzigen Urgrund, als das Wesentliche, das 
Elementarphänomen der menschlichen Liebe die wahrscheinlich 
unter einer geruchsähnlichen Empfindung erfolgende Verschmel- 
zung der männlichen Sperma- mit der weiblichen Eizelle bezeichnen, 
haben wir von dieser primären Erscheinxmg der Sexualität 
alle übrigen als sekundäre, als entferntere Erscheinungen zu 
trennen. Wilhelm Bölsche hat das auch sehr gut fo aus- 
gedrückt, daß er die Vereinigung der beiden Keimzellen als die 
eigentliche „Mischliebe'^ bezeichnet, während er all das, was 
später im Laufe der viel tausend jährigen Entwicklung hinzukam 
und diesen Vorgang durch so zahlreiche neue Einflüsse, Reize 
und Vorstellungen zur Liebe des modernen Kulturmenschen ge- 
staltete, mit dem zutreffenden Namen der „Di stanz liebe" 
belegt. 

Nach ihm fällt „der äußerste Liebesakt plötzlich auch beim 
höchsten Kulturmenschen heraus aus der ganzen Welt der 
zwischengelegten Werkzeuge, der Buchstaben, Posten, Telephone, 
Kabel ... In diesem Moment siegt das Prinzip des Aneinander- 
wachsens noch einmal wie in einer äußersten posthumen Vision, 
einem Aufleben eines Stückes Urnatur, Urwelt, Kinderzeit vor 
einer Sekunde tiefsten Sichversenkens in das größte Mysterium 



21 

des dunkeln Natururgrundes, der keine Zeit, kein Alt und Neu 
kennt, sondern ewig wieder in uns mit seiner Dämonenkrait auf- 
ersteht: der 2jeugung. In diesem Moment muß auch das Liehes- 
individuum heim, ans Herz der ürmutter, da hilft kein Sträuben. 
Es muß schöpfen aus dem innerlichsten Jugendbrunnen — muß 
gleichsam hinabsteigen zu den Nomen wie Odhin, zu den Müttern 
wie Faust —., und da versinkt alle Kultur, da muß 
Zeil-Leib zum Zeil-Leibe, um in heißer Umarmung 
seinen Abstand auf das Mindestmaß zu reduzieren, das über- 
haupt so großen Körpern gegeben ist. Ja, der Akt geht in Wirk- 
lichkeit, jenseits dieser Mindestnähe, noch tiefer. Oehen doch die 
losgelassene Samenzelle \ind die entgegenwandemde Eizelle im 
Schöße des einen Liebespartners eine letztliche wahre 
Mischung Leibes und der Seele ein, gegen die gehalten, selbst 
die engste Aneinanderfügung der großen Hälften des Liebes- 
individuums das Ineinanderschieben zweier Attrappen bleibt. Erst 
der Inhalt vollzieht das Endgültige, indem Samenzelle und Ei- 
zelle verschmilzt." 

um es kürzer auszudrücken: die Mischliebe erfüllt den 
Gattujigszweck, die Distanzliebe dient mehr den Zwecken des 
Individuums. So liefert uns schon der im nächsten Kapitel weiter 
zu verfolgende natürliche Gang der Entwicklung den Beweis für 
unsere in der Einleitimg aufgestellte These von der doppelten 
Natur der menschlichen Liebe. 



22 



ZWEITES KAPITEL. 

Die sekondären Erschemmigen der menschlichen Liebe. 

(Gehirn und Sinne). 

Aus diesen Betrachtomgen geht hervor, daß der Mensch in seiner 
Vor^hrenreihe einer großen Zahl von Vorteilen im Laufe langer geo- 
logischer Zeiträume verlustig gegangen ist, und es wird sich nun 
die Frage erheben, ob er nicht auch gewisse Vorteile dafür eingetauscht 
hat. Dies ist nun allerdings der Fall und mußte der Fall sein, sollte 
die Species Homo auch fernerhin existenzfähig bleiben. Es handelte 
sich also sozusagen um einen Tauschvertrag, and dieser basierte 
auf der unbegrenzten Bildungsfähigkeit seines Ge- 
hirns. Dieses eine Tauschobjekt kompensierte vollkommen den Ver- 
lust jener großen und langen Reihe vorteilhafter Einrichtungen. 

R. Wiedersheim. 



23 



Inhalt des zweiten Kapitels. 

Die sekundaron Eracheinuxigen der Sejtaalität. — Ihr Zusammen- 
hazig mit Nervensystem und Sinnesoiganen. — Das Gehirn als Krite- 
rinxn der menschlichen Sexualität. — Seine Fortbildung proportional 
der Rückbildung anderer Teile. — Beispiel des Greruohsorganes und 
der Brustdrusen. — Relative Rückbildung des weiblichen Kitzlers. — 
Variation der weiblichen Grenitalien. — Reduktion des Haarkleides. 

— Theorien über den Ursprung der relativen Kahlheit des Menschen. 

— Angeblicher Zusammenhang mit Klima. — Mit Zahnbildung. — 
Einflufi der künstlichen Bekleidung. — Die hygienische und ästhe« 
tische Bedeutung der Enthaarung. — Ursache der Erhaltung der 
Achsel- und Schamhaare. — Sexuelle Wirkungen darselbea und des 
weiblichen Kopfhaares. — Allmählicher Rückgang des Männerbartes. 

— Die Veränderung des Körpertypus unter dem Einflüsse des Ge- 
hirns. — Der Weg des Geistes in der Liebe. — Das rein Instinktive 
in der Sexualität des Urmenschen. — Fehlen des Begriffes „Liebe". 

— Analogien dieses Zustandes in den niederen Volksklassen. — Perio- 
dizität des Geschlechtstriebes in der Urzeit. — Erhaltung derselben 
bei heutigen Naturvölkern. — Die Forschungen von Fließ und 
Swoboda. — Die 23 tagige „männliche" und die 28 tagige „weib- 
liche" Periode. — Die Menstruation. — Eine Eigentümlichkeit des 
menschlichen Weibes. — Der Ursprung der Dauerliebe des Menschen. 

— Die Verlängerung der Liebe durch den Geist. — Kants Aeußerung 
darüber. — Hypothesen von W. Rheinhard und V i r e y. — Die 
Komplikation des Geschlechtstriebes durch Sinnesreize. — Buddhas 
Rede an die Mönche. — Die Prävalenz der höheren Sinne. — Der 
Tastsixm. — Die Haut als Wollustorgan. — ^ Die „erogenen" Haut- 
steilen. — Der Kuß. — Seine erotische Bedeutung. — Ein arabischer 
Dichter (Scheik Nefzawi) darüber. — Burdachs Definition des 
Kusses. — Der Kuß als Grenze zwischen Erotik und Geschlechtsgenuß. — 
Der Ursprung des Kusses. — Die primitiven Elemente des Berührens, 
Leckens und Beißens. — Zusammenhang mit dem Nahrungstriebe. — 
Euroiaischer Ursprung des Berührungskusses. — Der Riechkuß der 
Mongolen. — Kuß und Sexualität. — Voltaires Genito-Labial-Nerv. 

— Geschmackssinn und Sexualität. — Die überwiegende Bedeutung 
der höheren Sinne für die Liebe des KulturmeuBchen. — Schöne Er- 
klärung Herders. — Die Befreiung vom Stoffe in den höheren 
Sinnen. — Der Gesichtssinn als eigentlich ästhetischer Sinn. — Die 
Schönheit als Produkt der Liebe. — Ihre Wahrnehmung durch den 
Gesichtssinn. — Rolle des Gehörsinnes im Liebesleben. — Darwins 
Untersuchungen. — Die Stinmie als geschlechtliches Lockmittel. — 
Die rhythmische Wiederholung der Lockrufe. — Ursprung des Ge- 
sanges und der Musik. — Größere Empfänglichkeit des Weibes für 
die Eindrücke des Gehörsinnes. — Der Zauber der weiblichen Stinmie. 
~ Ein Erlebnis des Naturforschers Moreau. 



24 



Hat sieb, wie die Darlegungen im ersten Kapitel lehrten, 
das ürphänomen der geschlechtlichen Anziehung und Fort- 
pflanzung, die Verschmelzung der männlichen mit der weiblichen 
Keimzelle, auch beim Menschen unverändert erhalten als wesent- 
lichster Akt der Zeugung, so verknüpft sich doch dieser von 
einzelligen Organismen ererbte Vorgang der „Mischliebe" mit 
zahlreichen neuen, sekundären körperlichen und seelischen Er- 
scheinungen der Sexualität, wie sie die Natur des menschlichen 
Organismus als eines Zellenstaates, seine Entwicklung als ein 
„Säugetier" und endlich seine Erhebung über die tierischen 
Mammalia als ein „Gehimwesen" mit sich bringt. Der Gesamt- 
komplex jener durch die Entwicklung bedingten sekundären 
körperlichen und seelischen Erscheinungen der Liebe, den, wie 
erwähnt, W. Bö Ische mit dem Namen „Distanzliebe" treffend 
bezeichnet und von dem primären elementaren Phänomen der 
„Mischliebe" trennt, spielt in der menschlichen Kultur eine sehr 
bedeutsame Bolle, ja, gibt ihr gegenüber dem mit Tieren und 
Pflanzen gemeinsamen Ürphänomen das eigentümliche Gepräge. 

Diese sekundäre Sexualität des Menschen ist, entsprechend 
der Differenzierung der verschiedenen Organe seines Körpers, 
eine sehr komplizierte, und keineswegs allein abhängig von der 
Bildung der besonderen Geschlechts- bezw. Begattungs- 
organe, sondern auch im innigen Zusammenhange mit anderen 
Körperteilen, vor allen den Sinnesorganen imd dem Nervensystem. 
Dabei paßt sie sich allen Wandlungen und Veränderungen an, 
die der menschliche Körper im Laufe seiner langen Entwicklungs- 
geschichte durchgemacht hat. Man kann sagen :dasKriterium, 
das Unterscheidungsmerkmal des menschlichen 
Körpers vom tierischen, ist auch das Unter- 
scheidungsmerkmal der menschlichen Sexualität 
von der tierischen. Und dieses Kriterium ist das Gehirn. 



20 



Die gegenwärtige körperliche und geistige Beschaffenheit des 
Mensehen ist Ergebnis einer Entwicklung, deren am meisten 
charakteristisches Merkmal das immer stärker hervortretende 
üebergewicht des Oehims ist. Phylogenie und Ontogenie zeigen 
deutlich die Entwicklung des menschlichen Körpers von niederen 
Zuständen zu höheren, eine allmähliche, aber sichere Vervoll- 
kommnung in der Richtung einer immer stärkeren Ausbildung 
und Entfaltung des Gehirns, die durchaus noch nicht abgeschlossen 
ist, sondern auch für eine ferne, ferne Zuktmft eine weitere 
Differenzierung erwarten läßt, der parallel eine ebensolche Ver- 
vollkommnung der bewußten Psyche geht. 

Diese immer mehr in den Vordergrund tretende Entwicklung 
des Gehirns hatte eine Rückbildung xmd Verkümmerung anderer 
Teile und Organe zur Folge, darunter auch solcher, mehr oder 
weniger nahe mit der Sexualität verknüpfter, denen ursprünglich 
größere Bedeutung zukam. Gegenbaur in seiner Anatomie 
und Wiedersheim in seinem interessanten Buche über den 
„Bau des Menschen als Zeugnis für seine Vergangenheit" er- 
kennen in der „unbegrenzten Bildungsfähigkeit" des menschlichen 
Gehirnes die einzige Ursache der Verkümmerung und regressiven 
Metamorphose so vieler in der übrigen Tierwelt persistenter 
Organe imd Organfunktionen. 

Auch im Geschlechtsleben trat entsprechend dieser Präpon- 
deranz des Grehirnes das rein Seelische immer mehr hervor, es 
verkümmerten früher mit der Sexualität in innigster Beziehimg 
stehende Teile imd ihre Punktionen So hat, wie schon erwähnt, 
das menschliche Geruchsorgan sicher in früheren Zeiten größere 
Bedeutung für die Vita sexualis gehabt als heute, da es nach 
Wiedersheim früher einen bedeutend höheren Grad der Aus- 
bildung hatte und* heute zu den in Verkümmerung begriffenen 
Organen gezählt werden muß. Die vielleicht ursprünglich der 
Erzeugung von Riechstoffen, später der Milchabsonderung 
dienenden Brustdrüsen waren früher in einer größeren Zahl vor- 
handen als heute, wie die Verhältnisse beim menschlichen Embryo 
beweisen, bei dem eine normale „Hyperthelie", eine Ueberzahl von 
Brüsten, besteht, von denen aber nur ein Teil sich weiter ent- 
wickelt. Ebenso waren die heute verkümmerten Brustdrüsen des 
Mannes ursprünglich stärker entwickelt und dienten gleich den 
weiblichen Mammarorganen der Milchabsonderung. Diese Tat- 
sachen erklären sich ungezwungen durch die Annahme einer 



26 

iirsprünglicli größeren Zahl gleichzeitig erzeugter Nachkommen, 
wodurch die Erhaltung der Art stärker gefördert wurde. 
(Wiedersheim.) 

Sehr interessant ist, daß auch das weibliche „Wollustorgan", 
der sogenannte Eätzler oder die Klitoris, gegenüber der relativ 
und absolut größeren Affenklitoris eine unverkennbare Rück- 
bildung aufweist und keineswegs mehr jenes, der wollüstigen 
Beizung und Erregung so leicht zugängliche Organ darstellt, wie 
es von den älteren Aerzten und Physiologen angenommen wurde, 
so daß z. B. noch der berühmte Leibarzt der Kaiserin Maria 
Theresia, van Swieten, die „titillatio clitoridis" als 
sicherstes Heilmittel der sexuellen ünempfindlichkeit seiner 
hohen Gebieterin empfahl. 

Ueberhaupt läßt sich die außerordentliche Variation in der 
äußeren Konfiguration der weiblichen Genitalien, wie sie besonders 
Budolf Bergh in seinen, nach sehr exakten und minutiösen 
Beobachtungen mitgeteilten „Symbolae ad oognitionem genitalium 
extemorum femineorum'' nachgewiesen hat, vielfach aus solchen 
Verkümmerungsvorgängen erklären, die übrigens auch beim Manne 
nicht fehlen. 

Eine sehr bedeutungsvolle Erscheinung im Laufe der Mensoh- 
heiteentwicklung ist die Reduktion des Haarkleides. 
Gegenüber den anderen Säugetieren, speziell den ihm am nächsten 
stehenden anthropoiden Affen, ist der Mensch relativ kahl. Diese 
Kahlheit ist eine allmählich erworbene und wahrschein- 
lich in Zukunft noch mehr fortschreitende, üeber den Zweck 
und die eigentlichen Ursachen dieser fortschreitenden Verkümme- 
rung einer ursprünglich die ganze Körperoberfläche betreffenden 
dichten Behaarung sind viele Hypothesen aufgestellt worden. 
Tropenklima ist kein ausreichender Grund, da auch hier die Be- 
haarung als Schutz gegen die Sonnenstrahlen nützlich ist, wie 
die dichte Behaarung der Tropenaffen beweist. Näher liegt der 
G^anke der geschlechtlichen Zuchtwahl, den Darwin für die 
Erklärung des Haarverlustes heranzieht. Danach wären die 
relativ kahleren Weiber von der Männern gegenüber den be- 
haarteren Frauen bevorzugt worden. Hei big macht den Ein- 
wand, daß der Urmensch bei der Begattung wohl zunächst nur 
die Geschlechtsteile und deren nächste Umgebxmg beachtet habe. 
Dort aber habe das geschlechtsreife Weib einen Rest des Felles 
behalten. Man müsse also, um die Idee der geschlechtlichen Zucht- 



k 



27 

wähl in hezug auf die größere Kahlheit zu retten, annehmen» 
daß der Urmensch mehr ästhetisch, nicht besonders sinnlich ge- 
wesen sei und deshalb mehr den ganzeo Körper der Frau auf 
sich habe wirken lassen. Das ist natürlich sehr fraglich. Das 
gleiche gilt von einem hypothetischen Zusammenhang zwischen 
sehr entwickelter Zahnbildung und Eahlheit der Haut (H e 1 b i g). 
Einleuchtender ist W. Bölsches Ansicht, daß die Verkümmerung 
des menschlichen Haarkleides in Beziehimg steht zum Auftreten 
der künstlichen Bekleidung. Seitdem wurde der eigene 
dichte Haarpelz als lästig empfunden, da er die Hautausdünstung 
unter der Kleidung hindert und auch das Einnisten von Unge- 
ziefer (Flöhe, Läuse) begünstigt, das ja noch heute in der ganzen 
behaarten Säugetierwelt eine so große Eolle spielt. Unter diesen 
Umständen erschien dem Urmenschen die Nacktheit als ein Ideal. 
Durch das Abscheuem der Haare unter dem Kleide, durch Kurz- 
schneiden tmd Alisrupfen derselben wurde eine künstliche Ent- 
haarung herbeigeführt, die dann als Schönheitsideal erschien. So 
kam es, daß bei der Liebeswahl die von Natur schwächer be- 
haarten Individuen bevorzugt wurden, und so wurde allmäh- 
lich durch diese geschlechtliche Zuchtwahl eine immer haarlosere 
Rasse erzeugt, bis schließlich die heutige relative Kahlheit des 
menschlichen Körpers erreicht war. 

Wenn sich an einzelnen Körperstellen, wie besonders in der 
Achselhöhle tmd an den Greschlechtsteilen, eine stärkere Behaarung 
erhalten hat, so hängt dies vielleicht damit zusammen, daß von 
den Achsel- tmd Schamhaaren gewisse erotische Wirkungen, 
nämlich bestimmte Geruchseindrücke, ausgingen, bezw. daß die 
Haare an diesen Stellen, wo besonders stark riechende Sekrete 
abgesondert werden, die Bolle von Duftzers treuem Dach Art der 
,J>uftpinser' der Schmetterlinge spielen. 

In ähnlicher Weise kann man die Erhaltung und besonders 
reiche Entwicklung des Kopfhaares der Frauen erklären, da auch 
vom weiblichen Haupthaar tmzweifelhaf t erotische Duftwirkungen 
ausgehen. Dieser Umstand hat die geschlechtliche Zuchtwahl im 
Sinne einer Erhaltung und Bevorzugung möglichst langer und 
dichter weiblicher Kopfhaare beeinflußt, während im übrigen 
gerade der weibliche Körper durch eben jene sexuelle Selektion 
stärker enthaart worden ist als derjenige des Mannes. 

Es scheint aber, daß auch beim letzteren dieser Enthaarungs- 
prozeß noch nicht beendet ist. Schon spielt der Männerbart nicht 



28 

mehi' die Bolle als sexuelles Anziehuagsmittel, die ihm früher 
zukam. Und Schopenhauers Behauptung, daß der Bart mit 
fortschreitender Kultur verschwinden werde, hat etwas Bichtiges 
für sich. Die Basur ist ihm das Abzeichen der höheren Zivili- 
sation. Sie ist gewissermaßen ein logisches Postulat der natür- 
lichen Entwicklung. 1) 

Wenn Havelock Ellis in „Mann und Weib" zu dem 
Ergebnis kommt, daß die körperliche Entwicklung unserer Basse 
ein Fortschritt in der Bichtung zum Typus des Jugendlichen sei, 
f so ist das nur ein anderer Ausdruck für das Zurückbleiben vieler 
•^ Organe und Organsysteme, besonders der Behaarung, und eine 
Anerkennung ihrer regressiven Metamorphose als einer Kom- 
pensation für die allbeherrschende gewaltige Entwicklung des 
Gehirns. 

Dieser Entwicklung des Grehims parallel geht die Entwick- 
lung der Sexualität vom niedrigsten tierischen Instinkt zur 
höchsten menschlichen „Liebe". Es ist der Weg des Oeistes in 
der Liebe, der durch die kulturelle Entwicklung der Menschheit 
vorgezeichnet wird. Es liegt ein tiefer Sinn in dem Ausspruche 
Schopenhauers, daß die Verwandlung des Greschlechts- 
triebes in leidenschaftliche Liebe den Sieg der Erkenntnis über 
den Willen bedeutet. Und wenn ein anderer geistreicher Schrift- 
steller die Geschichte der Kultur als die Geschichte des Fort- 
schreitens der Menschheit von nahen zuentfernteren, höheren, 
vergeistigteren Lustreizen bezeichnet hat, so gilt dies vor allem 
von der menschlichen Liebe. 

In niederen Zuständen fehlten Jene geistigen Elemente voll- 
kommen. Die ersten Menschen haben sich hinsichtlich der Aeusse- 
rungen ihrer Sexualität von den ihnen nächststehenden Tieren 
nicht unterschieden. Ihre Liebe war noch reiner tierischer Instinkt. 
Jene asiatische Mythologie, welche die ältesten Zeiträume der 
menschlichen Greschichte so einteilte, daß die Menschen des 
Paradieses sich Jahrtausende zuerst durch Blicke, nachher durch 
einen Kuß, durch eine bloße Berührung geliebt hätten, bis sie 
endlich im „Sündenfall" zu den niedrigen Arten des gewöhn- 



1) Würde man heute eine Umfrage bei den Frauen der euro- 
päischen und anglo-amerikanischen Eulturwelt veranstalten, ob bärtige 
oder bartlose Männer ihrem Schönheitsideal mehr entsprecheu, so 
würde sicher eine große Zahl, wenn nicht die Mehrzahl derselben 
sich gegen den männlichen Vollbart aussprechen. 



•29 

liehen tierischen Geschlechtsgenusses hinabgesunken wären — 
diese kindliche Mythologie wäre richtig, wenn man die umge- 
kehrte Eeihenfolge der Entwicklungsstadien der Liebe annähme. 

Das liegt um so näher, als es nach neueren urgeschicht- 
lichen Forschtmgen sehr wahrscheinlich ist, daß dem paläolithi- 
schen Menschen der älteren Diluvialzeit der Begriff des Seelischen 
noch vollkommen unbekannt war daß er vielmehr noch ganz 
als einheitliches Triebwesen handelte, wie dies auch Darwin 
schon in der „Abstammung des Menschen'* behauptet hat. Des- 
halb war ihm vor allem im Greschlechtsinstinkt jede dualistische 
Trennung von Körperlichem und Geistigem noch fremd. Je 
primitiver die Kultur, um so weniger ist der Begriff „Liebe" 
bekannt, wie dies von Lubbock zuerst festgestellt wurde. 
Ja, noch heute läßt sich in bezug auf diesen Punkt ein deut- 
licher Unterschied zwischen den höheren Ständen und den niederen 
Volksklassen bei den europäischen Kulturvölkern feststellen. Sagt 
doch auch z. B. Elard Hugo Meyer in seiner vortrefflichen 
„Deutschen Volkskunde" (Straßburg 1898, S. 152), daß von Ost- 
friesland bis zu den Alpen das Volk das uns so unentbehrliche 
holde Wort „lieben" nicht kennt und an seiner Stelle mehr 
die sinnliche Seite des Triebes ausdrückende Worte gebraucht. 

Bousseau läßt den männlichen Urmenschen das Weib 
oder besser ein Weib nur in den flüchtigen Momenten des 
instinktiven Triebes umarmen, und es ist in der Tat sehr wahr- 
scheinlich, daß den ältesten Menschen noch die alte periodische 
Brunst mit den Tieren gemeinsam war und sich erst im Laufe 
der höheren Entwicklimg abschwächte, ohne daß sich ihre Spuren 
gänzlich verloren hätten. Diese Periodizität des Geschlechts- 
triebes hing vielleicht mit wechselnden Nahrungsverhältnissen zu- 
sammen und war so, wie Darwin annimmt, eine Art von natür- 
lichem Hindernis allzurascher Vermehrung. Lifolge späterer 
größerer Sicherheit des Lidividuums und andauernd besserer Er- 
nährung ging dann jene periodische Brunst verloren, um nur 
noch in Form der Menstruation (Ovulation) des Weibes erhalten 
zu bleiben, bei welchem um die Zeit dieses Vorganges eine deut- 
liche Erhöhung der Sexualität eintritt. Bei Naturvölkern 
ist diese Periodizität des Geschlechtstriebes, 
seine Steigerung zu bestimmten Jahreszeiten 
auch beim Manne noch deutlich ausgeprägt. 
Heape und Havelock Ellis haben diese primitive Er- 



30 

«clieiiiiuig eingehend studiert und zahlreiche Belege dafür bei- 
gebracht.*) 

Nor das menschliche Weib hat eine eigentliche g^enstruatioo", 
d. h. einen die Reifung des Eies begleitenden monatlichen Bint- 
floß aus den Geschlechtsteilen. Die sogenannte Menstruation der 
Affenweibchen beschränkt sich auf eine periodische Anschwellung 
der äußeren Genitalien und auf einen mehr schleimigen Ausfluß 
aus denselben. Nach Metschnikoff bildet die Menstruation 
der Affen eine Art Zwischenstadium zwischen der „Brunst" der 
niederen Säugetiere and der „Menstruation" des menschlichen 
Weibes. Diese ist eine Neuerwerbung, vielleicht zur Einschränkung 
der Fruchtbarkeit und Verhinderung allzufrilher Heirat der 
Mädchen. 

Mit der zimehmenden Entwicklung des G«hims wurde die 
alte, in ihren Rudimeuten nach fortbestehende periodische Brunst 
immer mehi' dem bewußten Willen unterworfen, immer mehr 
dauernde Liebe. Charles Letourneau sagt: „Wenn man 
den Dingen auf den Grund gehen will, wird man finden, daß 
die menschliche Liebe im wesentlichen nur die Brunstzeit bei 
einem vernünftigen Wesen ist; sie erhöht alle Lebenskräfte des 




*) Neuerdings hat man ausgehend von der sexnellen Periodizität 
überhaupt eine Periodizität der Lebens erscheinungen, besonders der 
mit der Sexualität in Zusammenhang stehenden psychischen Phäno- 
mene, beim Uanne und Weibe festgestellt. In einem Aufsehen erregen- 
den Werke „Der Ablauf des Lebeos. Qrundlegnag zur exakten Biologie" 
(Wien 1906) bat Wilhelm FlieB das Vorkommen einer 23tägigen 
„männlichen" und 26 taugen „weiblichen" Periode beim Menschen 
nachgewiesen. Nicht nur somatische Phänomene, sondern auch Vor- 
stellungen, Gefühle, Willensimpulse sollen ganz spontan nach 23 odei 
28 Tagen wiederkehren. Hermann Swoboda, ein geistvoller An- 
hänger der Fließ sehen Theorie, bat dieselbe ebenfalls in zwei 
Werken „Die Perioden des menschlichen Organismus in ihrer psycho- 
logischen und biologischen Bedeutung" (Leipzig und Wien 1904) nnd 
„Stadien zur Gruadlegnog der Psychologie" (Leipzig nnd Wien 1905) 
behandelt und sogar 23 atiindige und 18 stündige Lebenswellen beim 
Menschen nachgewiesen, sowie die Bedeutung dieser Periodenlehre für 
(iiv I'ä^ciiuiii^i<: beleuchtet. Diese Untersuchungen von Fl iefi and 
Swoboda t»:dürfen noch der Bestätigung durch andere Forscher, 
bevor sie ala neue wissenschaftliche Urninge uschaften angesehen wer- 
den können. Vgl. übrigens auch noch die ältere Arbeit von Carl 
R e i n 1 „Die Wellenbewegung der Lebensprozesse des Weibes" 
fLeipsig 188IJ, Ferner Van de Velde, OTOrialfunktlon, Wellen- 
bewegung und Uenstrualblntung, Jena 1905. 



31 

MenBchen, wie die Bninfit die des Tieres steigert. Weim sie 
scheinbax außeroidentlich davon abweicht, so kommt dies nur 
daher, da£ der Fortpflanzungstrieb, der ursprünglichste aller 
Triebe, während er sich in entwickelte Nervenzentren verbreitet, 
bei dem Menschen ein ganzes Gebiet des Seelenlebens erweckt 
und aufregt, das dem Tiere unbekannt ist/' 

Wenn Naturforscher und Philosophen den Unterschied 
rwij3chen der menschlichen und tierischen Liebe dahin bestimmt 
haben, daß der Mensch immer, zu jeder Zeit lieben könne, das 
Tier aber nur periodisch, so gilt dieser unterschied nicht für 
die Anfänge der menschlichen Entwicklung, sondern ent- 
steht ganz ohne Zweifel erst beim Aiuftreten des 
Geistigen in der Liebe. Nur dieses allein macht den 
Menschen zu dauernder Liebe fähig, befreit ihn aus der Ab- 
hängigkeit von den periodischen Brunstzuständen. Diese zeitliche 
Verlängerung der Liebe durch das Geistige hat schon Kant 
festgestellt, dessen Schriften (namentlich die kleineren) ja reich 
sind an genialen Naturbeobachtungen ähnlicher Art. Li seiner 
1786 erschienenen Abhandlung über den „mutmaßlichen Anfang 
der Menschengeschichte" sagt er über den Geschlechtsinstinkt: 
ytDie einmal rege gewordene Vernunft säumte nun nicht, ihren 
Einfluß auch an diesem zu beweisen. Der Mensch fand bald, 
daß der B/eiz des Geschlechts, der bei den Tieren bloß auf einem 
vorübergehenden, größtenteils periodischen Antriebe beruht, für 
ihn der Verlängerung und sogar Vermehrung durch 
die Einbildungskraft fähig sei, welche ihr Geschäft 
zwar mit mehr Mäßigung, aber zugleich dauerhafter und 
gleichförmiger treibt, je mehr der Gegenstand den Sinnen 
entzogen wird, und daß dadurch der Ueberdruß verhütet werde, 
den die Sättigung einer bloß tierischen Begierde mit sich führt." 
Diese wichtige Frage nach dem Ursprünge der eigentlichen 
,Jjiebe'^ der Menschen im Gegensätze zu den periodischen In- 
stinkten der Tiere und Urmenschen ist seltsamerweise noch fast 
gar nicht untersucht worden, obgleich sie eins der bedeutsamsten 
Entwicklungsprobleme in der Greechichte der menschlichen Kultur 
und gewissermaßen das einzige in der Urgeschichte der Liebe 
selbst darstellt. 

Die wesentliche Ursache der perennierenden Natur der 
menschlichen Liebe gegenüber der mehr periodischen des Ge- 
schlechtstriebes der Tiere muß mit Kant in dem Auftreten dieser 






geistigen Beziehungen zwischen den Geschlechtem gesucht werden. 
Hypothesen, wie diejenige von Dr. W. Rheinhard in seinem 
Buche „Der Mensch als Tierrasse und seine Triebe", nach welcher 
(übrigens bezeichnenderweise ebenfalls in der Eiszeit) die durch 
die erschwerte Nahrungsbeschaffung häufiger gewordene längere 
Trennung der Geschlechter eine unvollständigere Befriedigung 
des Fortpflanzungstriebes zur Brunstzeit und damit eine 
beständige Regung desselben zur Folge gehabt habe, sind 
nicht ernst zu nehmen. Derselbe Autor macht übrigens auch das 
übermäßige Fleischessen in der Eiszeit (aus Mangel an 
Pflanzennahrimg) für die stärkere Erregung des Geschlechts- 
triebes und Verlängerung seiner Dauer über die Brunstzeit hin- 
aus verantwortlich. 

Ganz gewiß ist Kants Erklärung die einzig richtige, die 
wohl auch Schiller im Auge hatte, wenn er in seiner Ab- 
handlung über den Zusammenhang der tierischen Natur des 
Menschen mit seiner geistigen von dem Glück der Tiere als einem 
solchen spricht, das „nur die Perioden des Organismus nach- 
macht, das dem Zufall, dem blinden Ungefälir preisgegeben ist, 
weil es nur allein in der Empfindung beruht." So rein instink- 
tiv triebmäßig war auch das Geschlechtsleben des Urmenschen. 

Für ihn waren Anfang, Verlauf und Ende jedes Liebes- 
I)rozesses „eine durchaus kontrollierbare Linie, oline ein Hin- 
überschwanken und -schwenken in das nebelhafte Gebiet des 
Transzendenten." Das Bedürfnis nach Liebe und die Stillung 
desselben beschränkten sich bei dem primitiven Menschen ledig- 
lich auf den physisclien Prozeß der sexuellen Aktivität. 
(L. Jacobowski, Die Anfänge der Poesie, S. 84.) 

Erst die Durchdringung der ganzen Sexualität mit geistigen 
Elementen unterbrach diese eine Linie der Empfindung, 
machte gewissermaßen zwei daraus, war Ursache des oft so 
unseligen Dualismus zwischen Körper und Geist im Liebesleben 
und doch zugleich Ursache der Erhöhung der menschlichen Jjiebe 
zu rein individuellen Gefühlen, die weit über die Zwecke 
der Fortpflanzimg hinausgehend der Förderung der liebenden 
Menschen selbst dienen.^) 



•) V i r e y erklärt die perennierende Natur der menschlicheu Liebe 
ebenfalls aus der „überflüssigen, kräftigen" Nahrung, während die 
ärmlichen Wilden des Nordens und Amerikas, die oft fasten müssen, 
wirklich nur „Augenblicke" eines geschlechtlichen Glücks haben, 



33 

Die Natnrwifisenschaft, speziell die Deszendenzlehre, hat in 
der höheren Tierwelt, wozu nach obigem anch der Urmensch ge- 
rechnet werden muß, eine Komplikation des Geschlechts- 
triebes gegenüber den niederen Formen nachgewiesen und diese 
Komplikation wesentlich in der innigeren Verbindung der 
Sinnesreize mit dem Sexualtrieb erblickt. In einer im Pali- 
Kanon überlieferten Bede an die Mönche hat schon Buddha 
sehr gut diese sexuelle Bolle der verschiedenen Sinne geschildert: 

„Nicht kenne ich, ihr Jünger, anch nnr eine andere Gestalt, 
welche das Herz des Mannes so fesselt, wie die Gestalt des Weibes. 

Die Gestalt des Weibes, ihr Junger, fesselt das Hers des 
Mannes. 

Nicht kenne ich, ihr Jünger, anch nnr eine andere Stimmte, 
welche das Hers des Mannes so fesselt, wie die Stimme des Weibes. 

Die Stimme des Weibes, ihr Jünger, fesselt das Hers des 
Mannes. 

Nicht kenne ich, ihr Jünger, anch nnr einen anderen Geruch, 
welcher das Herz des Mannes so fesselt, wie der Geruch des Weibes. 

Der Geruch des Weibes, ihr Jünger, fesselt das Hers des 
Mannes. 

Nicht kenne ich, ihr Jünger, auch nur einen anderen Ge- 
schmack, welcher das Herz des Mannes so fesselt, wie der Ge- 
schmack des Weibes. 

Der Geschmack des Weibes, ihr Jünger, fesselt das Herz des 
Mannes. 

Nicht kenne .ich, ihr Jünger, auch nur eine andere Be- 
rührung, welche das Herz des Mannes so fesselt, wie die Be- 
rührung des Weibes. 

Die Berührung des Weibes, ihr Jünger, fesselt das Herz des 
Mannes.** 

Dann folgt in derselben Beihenfolge die Aufzählung der 
durch Auge, Ohr, Geruch, Geschmack und Tastsinn hervor- 
gerufenen Erregungen des Weibes. 

Hit der Fortbildung dieses durch die Sinnesreize be- 



gleich den wilden Tieren, die nur zu bestimmten Zeiten in Brunst 
geraten. Aus derselben Ursache aber begatten sich unsere Haustiere, 
die überflüssige Nahrung haben, weit öfter. Auch ist die immerwäh- 
lende Annäherung beider Geschlechter durch das gesellige Leben 
für uns eine stete Quelle neu erv^achender Liebesbegehmisse, selbst 
ohne unseren Willen. Auch die aufrechte Stellung desMenscheUj 
die ja in so innigem Zusammenhange mit der Präponderanz des Ge- 
hirns steht, ist nach Yirey eine „fortwährende Ursache zur ge- 
schlechtlichen Erregung^. .Vgl. J. J. Yirej, Das Weib. Leipzig 
1827, 8. 301. 

Blpoh, SazuAlleben. 2. u. & AulUffe. 3 



34 

reicherten Greschlechtstriebee zur „Liebe" ging ein Ueb er- 
wieg e n , eine Prävalenz, gewisser Sinnesreize einher. Hier liegen 
jedenfalls die Anfänge einer Vergeistlgang rein tierischer In* 
stinkte und Triebe. 

Die größte Bolle im Liebesleben des Menschen spielen heute 
noch der Tastsinn und die beiden höheren Sinne: Glicht und 
Oehör, diese so viele geistigen Elemente in sieh enthaltenden 
Sinne. 

Der Tastsinn ist der räumlich am weitesten verbreitete, 
daher quantitativ am meisten erregbare Sinn. Die Beizung der 
sensiblen Hautnerven, deren außerordentlich große Zahl den 
Beichtum an Empfindungen durch die Haut zur Genüge erklärt, 
als Berührung, Eätzel, leichter Schmerz empfunden, vermittelt 
dem Wollustgefühl sehr ähnliche Empfindungen. Hierfür spricht 
auch, daß die Endigungen der sensiblen Hautnerven, die soge- 
nannten Vaterschen oder Pacinischen Körperchen den 
Krauseschen Körperchen an der Olans penis tmd ditoridis, am 
Präputium der Klitoris, den großen Schamlippen und in den 
Papillen des roten Lippenrandes sehr ähnlich sind. Unter diesem 
Oesichtspunkt kann man die Haut als eia einziges großes Wollust^ 
Organ betrachten, dessen Erreguogen an der Haut der Geschlechts- 
teile am stärksten sind. 

Mantegazza nennt deshalb die geschlechtliche Liebe eine 
höhere Form des Gefühlssinns. Bei menschlichen Naturen von 
niedrigem Charakter sei die Liebe nichts anderes als Berührung 
und Betastung. Von der keuschen Berührung des Haares bis zum 
gewaltigen Sturm der Wollust ist nur eia quantitativer, aber 
kein qualitativer unterschied. Der Tastsinn ist ein tiefgeschlecht- 
licher Sinn, der heute etwa die Bolle spielt, die in der Urzeit 
dem Gerüche zukam. „Die Haut," sagt Wilhelm Bölsohe, 
„wurde der große Kuppler, der allherrschende Liebesvermittler 
und Liebesträger für die vielzelligen Tiere, die nicht mehr auf 
echte Ganzvermischung hinlieben durften, sondern nur mehr 
Distanzliebe, Berührungsliebe pflegten. Und so ist denn die Haut 
auch die ursprüngliche Wolluststätte geworden, der Schauplatc 
für den höchsten körperlichen Lusttriumph dieser Distanzliebe." 
Man hat nicht mit Unrecht gesagt, daß die erste absichtliche 
Berührong einer Hautstelle des geliebten Menschen schön eine 
halbe geschlechtliche Vereinigung sei, wofür audi die Tatsache 
spricht, daß solche intimen körperlichen Berührungen auch ao 



K 



35 

von den Geschlechtsteilen örtlich weit entfernten Stellen sehr 
bald in letzteren starke Erregungszustände auslösen. Sehr richtig 
nennt deshalb Magnus Hirschfeld die durch den Hautsinn 
heirvorgerufenen Lustempfindungen die Uebergangsstelle, an der 
die Beherrschungskraft und Widerstandsfähigkeit der sich aus 
den Gtefühlswahmehmungen in Bewegungen und Handlungen um- 
setasenden Triebe am häufigsten nachläßt. Wer jene ersten Be- 
rühmiigen meidet, schützt sich am besten gegen die Gefahr, von 
seinem Greschlechtstriebe überwältigt zu werden und ihm blind- 
zu unterliegen, z. B. im Zusammensein mit einer Geschlechts- 
verdächtigen Individuen. 

Besonders sexuell reizbare, sogenannte „erogene" Haut- 
steilen sind die Körperstellen, wo Haut und Schleimhaut 
ineinander übergehen, so vor allem die Lippen, aber auch die 
Gegend des Afters und der weiblichen Greschlechtsöffnung, der 
weiblichen Brustwarzen. 

Die Berührung der Lippen im Kusse ist, wie schon ein 
alter arabischer Schriftsteller des 16. Jahrhunderts, der Scheik 
Nefzawi, in seinem „duftenden Garten", einer arabischen 
Ars amandi sagt, eines der stärksten Beizmittel der Liebet) Er 
sitiert den Vers eines arabischen Dichters : 

Wenn ein Herz in Liebe glüht, 
Findet, ach, es nirgends Heilung: 
Keiner Hexe Zauberkünste 
Geben ihm, wonach es dürstet; 
Keines Amnlets Mirakel 
Wirkt die Wunder, die es braucht: 
Auch die innigste Umarmung 
Laßt es kalt und unbefriedigt, 
Wenn des Kusses Wonne fehlt I 

Der Physiologe Burdach definierte unter dem Einflüsse 
der damals herrschenden Naturphilosophie Schellings den 
EnB als das „Symbol der Vereinigung der Seelen", analog der 



*) Neuerdings hat Gualino (,J1 riflesso sessuale neir ecci- 
Wmento alle labbra". In: Archivio di psichiatria 1904, S. 341 ff.^ 
durch mechanische Reizung des Lippenrots erotische Ideen und Rei- 
song mit Kongestionen zu den Genitalien hervorgerufen und dadurch 
dkl Lippen als eine erogene Zone erwiesen. Vgl. auch die sehr inter- 
essanten Bemerkungen ;Ton Prof. Petermann und Dr. Näcke 
Aber die Genese des Lippenkusses im „Archiv f. Kriminalanthropologie- 
1904, Bd. XVI 8. 366-357. 

3* 



36 

„galvanischen Berührung eines positiv und eines negativ olek* 
trisierten Körpers erhöht er die geschlechtliche Polarität, durch* 
bebt den ganzen Körper und trä^, wo er unrein ist, die Sünde 
von dem einen Individuum auf das andere über.'* Sehr an- 
schaulich hat auch Goethe die geschlechtliche Vereinigung iuk 
Kusse geschildert: 

Gierig saugt sie seines Mundes Flammen, 
Eins ist nur im andern sich bewußt, 

und ebenso Byron: 

A long, long kiss, a kiss of youth and love. 
And beanty, all concentrating like rays 
Into one focus kindled from above; 
Such kisses as belong to early days, 
Where heart, and soul and sense in concert more, 
And the blood's lava, and the pulse a blaze, 
Each kiss a heart-quack — for a kisses strength, 
I think it must be reckon'd by its length. 

Deshalb ist es ein wahres Wort, daß eine Frau, die dem 
Manne den Kuß gewährt, ihm auch das üebrige geben wird.^) 
Und von den meisten feiner empfindenden Frauen wird auch der 
Kuß demgemäß ebenso hoch bewertet wie die letzte Gunst*) 

Die Frage nach dem Ursprung des Kusses, die Scheffel 
im „Trompeter von Säkkingen'* in scherzhaften Versen behandelt 
hat, ist neuerdings auch der naturwissenschaftlichen Erörterung^ 
unterworfen worden. Nur der Mensch kennt den Lippenkuß, imd 
auch bei ihm ist der Trieb dazu nicht angeboren, sondern hat 
sich allmählich entwickelt und hat erst allmählich Beziehungen 



^) Der Kuß ist die Grenze zwischen Erotik und Geschlechts- 
genuß. B 5 1 s c h e nennt ihn die eigentliche Uebergangsf orm zwischen 
Mischliebe und Distanzliebe. Im Moment des Kusses sei die Distanz 
zwischen den beiden Liebenden zweifellos an der Minimalgrenze, die 
Distanzliebe stehe also auf dem Funkte, Mischliebe zu werden. Andrer» 
seits aber sei der Kuß noch reine Tast-Berührung, und zwar eine solche 
vom Kopfe aus, der am meisten auf Distanzliebe eingestellten Gegend 
des Gesamtmenschen. Der Kuß ist der Grenzwert des Kampfes und 
der Sehnsucht um die völlige Mischliebe und zugleich Symbol der 
XBin geistigen Distanzliebe. 

<) Besonders in Frankreich ist das der Fall. Madame Adam, 
•cbildert sehr anschaulich dieses Gefühl der verlorenen Unschuld 
nach einem Kusse. VgL Havelook Ellis, Die Gattenwahl, Würz* 
bürg 1906, S. 30. 



37 

zur Geschlechtssphäre gewonnen. Havelock Ellis hat neuer- 
dings interessante Untersuchungen über den Ursprung des Kusses 
angestellt und nachgewiesen, daß der Liebeskuß sich aus dem 
primitiven Mutterkuß und dem Saugen des Kindes an der Mutter- 
brust entwickelt hat,^) der auch dort üblich ist, wo der Sexual- 
kuß unbekannt ist. Sowohl der Tast- als auch der Geruchssinn 
spielen bei diesem primitiven Kusse eine Bolle, und zu der bloßcQ 
Berührung kam beim Urmenschen noch das Lecken und Beißen. 
Dieser primitive physiologische Sadismus des „Bißkusses*', nach 
dem Wort von Kleists , J'enthesilea" : „Küsse reimen sich auf 
Bisse*', ist vielleicht schon von den Tieren ererbt, die bei der 
Begattung sich ineinander verbeißen. Aeltere Autoren, wie z. B. 
Mohnike in seiner vortrefflichen Dissertation über den Sexual- 
instinkt, haben aus dieser heftigen Begleiterscheinung des Kusses 
einen tiefen Zusammenhang desselben mit dem Nahrungstrieb 
abgeleitet. Der Kuß, der ja auch am Munde, dem Anfange des 
Nahrungskanales, sich betätige, sei der Ausdruck dafür, die 
Geliebte ganz in sieh aufzunehmen, vor „Liebe zu essen". Des- 
halb kann nach Mohnike die Käserei der wilden Küsse, der 
leidenschaftlichen Liebe bis zur Anthropophagie führen, wie in 
einem von Metzger mitgeteilten Falle, wo ein Jüngling das 
geliebte Mädchen in der Hochzeitsnacht tatsächlich „anbiß'' und 
zu verspeisen anfing! Wenn es sich auch in diesem Falle ohne 
Zweifel um einen Geisteskranken handelte, so wird jene Be- 
tätigung sadistischer Gefühle in leichteren Formen beim Kusse 
90 oft beobachtet, daß man sie als physiologisch bezeichnen kann.^) 

Der Kuß durch Berührung der Lippen oder benachbarter 
Hautstellen ist europäischen Ursprungs tmd auch hier noch ver- 
hältnismäßig spät üblich geworden, da ihn die Alten nur selten 
erwähnen. Seine erotische Bedeutxmg wurde früh von indischen, 
orientalischen und römischen Dichtem gewürdigt. Bei den 
mongolischen Völkern ist weit mehr der sogenannte „Biechkuß" 
verbreitet (olfaktorischer Kuß), bei dem die Nase an die Wange 



f ) Vgl. auch J. L i b r o \v i c z , Der Kuß und das Küssen, Ham- 
ouig 1877, 8. 22. 

s) £a ist interessant, daß die Chinesen den europäischen Enß 
als ein Zeichen von Kannibalismus betrachten. d'Enjoj, Le Baiser 
en Europa et en Chine. (Bulletin de la soci^t^ d'anthropologie. Paris 
1897, Heft 2.) 



J 



38 

der geliebten Person gelegt und nun die Luft und damit der 
von der Wange ausgehende Duft eingesogen wird. 

Mit der Ausbreitung der europäischen Kultur hat auch der 
europäische Berührungskuß, der faktische Lippenkuß, sich ver* 
breitet. Es läßt sich nicht mehr entscheiden, ob der eigentüm- 
liche Zusammenhang der Lippen mit den (Geschlechtsteilen, wie 
er z. B. durch das Hervorbrechen der Haare an der Oberlippe 
beim männlichen Geschlechte, auch durch die bekannten, dicken^ 
aufgeworfenen, die „sinnlichen'' Lippen der mit heftigem Oe- 
schlechtstriebe ausgestatteten Lidividuen bezeugt wird, ein ur- 
sprünglicher, primärer ist oder erst sekundär durch die sexuelle 
Betätigung der Lippen sich entwickelt hat.*) 

All die Betrachtung des Kusses knüpfen sich ungezwungen 
einige Bemerkungen über die Bolle des Geschmackssinnee 
in der menschlichen Liebe an. Da der Geschmack fast stets in 
inniger Verbindung mit dem Geruch steht, so läßt sich auch 
für die Vita sexualis selten nachweisen, ob mehr ein Geschmacks- 
reiz oder ein Geruchsreiz in einem konkreten Falle vorliegt. 
Beim Kusse scheint auch ein unbewußtes „Schmecken" der ge- 
liebten Person vorzuschweben, wie denn dieses bei dem Küssen 
anderer Körperstellen, vor allem der Grenitalien, auf dem Höhe- 
punkt der sexuellen Erregung, recht häufig vorkommt. Li 
norwegischen Märchen und einem von Friedrich S. Krauß 
mitgeteilten südungarischen Liede wird denn auch dieser Ge- 
schmack des Weibes sehr realistisch geschildert. Vielfach hat 
man auch die Neigung für Süßigkeiten mit der Sexualität in 
Verbindung gebracht. Kinder, die das Süße lieben und einen 
leckeren Gaumen haben, sind auch sinnlich angelegt, geschlecht- 
lich leicht affizierbar und mehr zur Onanie geneigt, als andere 
Kinder. Man hat daher den sinnlichen Trieb in Sättigungs- und 
Geschlechtstrieb eingeteilt. Etwas Wahres liegt in dieser Beob- 
achtung. 

Von viel größerem Einflüsse als diese niederen Sinne sind 
aber auf den modernen Kulturmenschen die höheren, eigentlich 
intellektuellen Sinne, Gesicht und Gehör. Sie ge- 
wannen mit der Entwicklung des aufrechten Ganges das üeber- 
gewicht über jene, namentlich den Geruchs- und Geschmackssinn. 



*) Hier sei nur beiläufig auf Voltaires berühmten „Genito* 
Labial-Nerven" hingewiesen. 



39 



In den ,Jdeen zur Philosophie der QeechiGhte der MensohheiV* 
sagt Herder: ,,Nahe dem Boden hatten alle Sinne des Menschen 
nur einen kleinen umfang und die niedrigen drängten 
sich den edlern vor, wie das Beispiel der verwilderten 
Menschen zeiget, Gerach nnd Geschmack waren, wie beim Tier, 
ihre ziehenden Führer. — üeber die Erde tmd Erftater erhoben, 
herrscht der Gemch nicht mehr, sondern das Auge: es hat ein 
weiteres Beich nm sich nnd übet sich von Kindheit auf in der 
feinsten Geometrie der Linien nnd Farben. Das Ohr, unter den 
hervortretenden Schädel tief hinuntergesetzt, gelangt näher zur 
inneren Kammer der Ideensammlung, da es bei dem Tier lauschend 
hinaufsteht und bei vielen auch seiner äuBeren Gestalt nach 
zugespitzt horchet." Geruch, Geschmack und selbst Gefühl be- 
sitzen wenig ästhetischen Wert gegenüber den beiden höheren 
Sinnen, weil in ihnen das Stoffliche za sehr überwiegt und sie 
tiefer mit den rein tierischen Trieben zusammenhängen als Gesicht 
und Gehör. Johannes Volkelt hat in seiner vortrefflichen 
^esthetik" eine interessante Untersuchung über diesen Punkt 
angestellt und kommt za dem Ergebnis, daß bei Gesicht und 
Gehör das Empfinden ohne Spuren der Stofflichkeit vor sich 
gehe, bei Getast und Geschmack dagegen zugleich Stofflichkeits- 
gefühl sei, wfihrend der Geruch in der Mitte stehe. Schon 
Schiller sagte: Dem Auge und Ohr ist die andringende Materie 
hinweggewälzt von den Sinnen. Daher geben sie den freiesten, 
begierdelosesten ästhetischen Genufi. 

Der Gesichtssinn ist der eigentliche ästhetische Sinn in 
bezug auf die Vita sezualis, er ist der erste Bote der Liebe, 
durch ihn werden Farbe und Form zu geschlechtlichen Beizen, 
der Gesamieindruck der geliebten Persönlichkeit zuerst durch 
ihn empfangen, die Sympathie und sexuelle Anziehung fast immer 
zuerst durch ihn vermittelt. Er ist der hauptsächUdi für die 
Liebeswahl in Betracht kommende Sinn. 

Nach den Untersuchungen der modernen Entwicklungslehre 
können wir nicht mehr daran zweifeln, daß die Schönheit der 
lebendigen Welt in innigster Beziehung zum geschlechtlichen 
Leben steht, ja durch dieses erst hervorgerufen worden ist. Alle 
Schönheit ist, nach den Worten von Darwin imd P. J. Möbius, 
wahrnehmbar gewordene Liebe, und, fügen wir hinzu, durch den 
Gesichtssinn wahrnehmbar gewordene Liebe. Die Gestalt, Haltimg, 
der Gang, die Beeidung, der Schmuck, die Betrachtung der 



40 

Schönlieiten der einzelnen Körperteile der geliebten Person, alle 
diese durch den Qesiohtssinn vermittelten Eindrücke haben die 
stärkste erotische Wirkung. 

Auch Havelock Ellis kommt zu dem Besultat, daß für 
den Menschen das Ideal eines passenden Oatten (bezw. Liebes- 
partners) mehr auf Erwartungen des Gesichtssinnes 
als auf solche des Gefühls, Geruchs tmd Gehörs gegründet ist« 

Immerhin spielt neben dem Gesichtssinne der Gehörssinn eine 
nicht tmbedeutende Bolle im Liebesleben des Menschen. Hier- 
für spricht schon der Stimmwechsel des Mannes in der Pubertäts- 
zeit. Aus Darwins klassischen Untersuchungen geht diese innige 
Beziehung der Stimme zum (Geschlechtsleben unwiderleglich her- 
vor. Besonders die männliche Stimme übt eine sexuell erregende 
Wirkung auf das Weib aus, aber auch die umgekehrte Wirkung 
einer Frauenstimme auf einen Mann wird beobachtet. Bei den 
Säugetieren wird hauptsächlich in der Brunstzeit die Stimme als 
geschlechtliches Lockmittel benutzt. Die Wiederholung dieser 
Lockrufe in abgemessenen Zeiträumen führte zum Rhythmus, 
zum Gesang. Die rhythmische Wiederkehr derselben Töne besitzt 
etwas in hohem Grade Suggestives, Faszinierendes und dient so 
der sexuellen Anlockung, Verführung tmd Bezauberung in aus- 
gezeichneter Weise. Hier ist der Ursprung der tiefen erotischen 
Wirkung von Gesang und Musik. Darwin nimmt an, daß die 
Urerzeuger des Menschen, ehe sie das Vermögen, ihre gegenseitige 
Liebe in artikulierter Sprache ausTUdrücken, erlangt hatten, sidi 
einander in musikalischen Tönen imd Bhythmen zu bezaubern 
suchten. Die Frau ist für den sexuellen Einfluß des Gesanges 
oder der Musik bei weitem empfänglicher als der Mann, aber 
auch dieser unterliegt nicht selten dem Zauber einer schönen 
Frauenstimme. Der weiche Tonfall einer weiblichen Stimme ist 
für manche Männer die erste, beglückende Offenbarung weib- 
lichen Wesens. Der französische Arzt und Naturforscher M o r e a « 
erzählt, daß er einst auf das Vergnügen, eine schöne Schau- 
spielerin spielen zu sehen, verzichten mußte, um die Ausbrüche 
einer heftigen Leidenschaft zu dämpfen, die dxirdi den bloßen 
Beiz ihrer Stimme in ihm eixegt worden war. 



41 



DRITTES KAPITHL. 

Die sekimdären Erscheinungen der menscliliclien Liebe. 
(Geschleclitsorganey Geschlechtstriebi Qeschleclitsakt). 

Im Leben ist die Geschlechtsleidenschaft eine Sache der all- 
gemeinsten Erfahmng; und im allgemeinen kann man es auch als 
dnrchans wünschenswert bezeichnen, daß jeder Erwachsene ein ge- 
wisses MaB wirklicher Er&hrung darüber habe. 

Edward Oarpenter. 



42 



Inhalt des dritten Kapitels. 

Ursprung nnd Zweck der Geschlechtsoigane. — Fortschreitende 
Dnrcrcnzienmg derselben. — Ursprongliche Gleichartigkeit ihrer 
Anlage bei beiden Geschlechtern. — Weiningers Theorie 
von der Mischung der Geschlechtselemente. — Schon yon Heins« 
ausgesprochen. — Die Bisexualitat. — Geringe tatsächliche Bedentang 
derselben. — Phylogenetische Erklärung der Begattnngsorgane. — 
Bölsohes drei Fragen. — Die „Loch- oder Türfrage''. — Zusammen- 
hang zwischen Geschlechtspforte und Hamkanal. — Zwischen Ge* 
schlechtsoffnung nnd After. — Bedeutung für gewisse sexuelle Aber- 
rationen. — Die „Gliedfrage". — Frühere Formen der Verankerung 
im Liebesakt. — Das Saugen und Beißen. — Die Aktion der Glied- 
maßen (Umarmung). — Das Geschleohtsglied. — Formen desselben« 

— Der Penisknochen. — Die freie Natur des Mannesgliedes. — Der 
Descensus teeticulorum. — Das weibliche Rudiment des Geschleohts- 
gliedes. — Ersatz durch weitere Ausbildung der Geschlechtspforte. 

— Umbildung zur Klitoris und den Labia minora. — 'Die „Lustfrage". 

— Die Wollust ein Phänomen der Distanzliebe. — Fragliche Spezi- 
fität derselben. — Theorie des „Gesohlechtssinnes" und der „Sexual- 
zellen''. — Beziehungen der Wollust zur Kitzel- und Schmerzempfin- 
dung. — Ein Spezialfall der Berührungsreize. — Lokalisation an den 
Geschlechtateilen. — Der Geschlechtstrieb. — Relative Unabhängig- 
keit desaelben von den Keimdrüsen. — Grenesis der sexuellen Erregung. 

— Stadium der Verlust (Sezualspannung). — Der Sndlust (Sexual- 
entladung). — Symptome und frühes Auftreten der Vorlust. — Ur- 
sache der Sexualspannung. — Chemische Theorie derselben nach 
Freud. — Der Geschlechtsakt. — Roubauds Schilderung des Bei- 
schlafs. — Verhalten des Weibes in coitu. — Magendie darüber. 

— Dr. Theopolds Beobachtungen — Physiologische Begleit- 
erscheinungen des Beischlafs. — Sadistische und masoohistisdha An- 
klänge darin. — Die Normalstellung beim Beischlaf. — Die Figozaa 
Veneris. — Kulturelle Bedeutung der Normalstellung. 



43 



Mit der fortschreitenden Entwicklung der mehrzelligen Or- 
ganismen nnd der steigenden Differenzierung der einzelnen 
Körperteile trat die Notwendigkeit ein, den bei den einzelligen 
Organismen sehr einfachen Prozeß der Fortpflanzxmg (durch 
Zellteilung oder Konjugation) durch neue Einrichtungen im mehr- 
zelligen Organismus der Metazoen zu sichern und zu erleichtern. 
Dies ist um so nötiger, als durch die Differenzierung der übrigen 
Organe die ursprünglich so selbständigen Zeugungselemente immer 
mehr vom Organismus abhängig und zur Ernährung durch eigene 
Nahrungsassimilation unfähig werden. Es muß daher die Zeit, 
welche die Sexualzellen abgelöst vom Organismus bis zu ihrer 
Vereinigung zu einem neuen Individuum zuzubringen haben, mög- 
lichst abgekürzt werden. Diesem Zwecke dienen Einrichtungen, 
welche eine sichere und schnelle Verschmelzung der beiden 
Oeschlechtsprodukte ermöglichen, in Gestalt von besonderen Aus- 
fuhrkanälen mit kontraktilen Wandungen, durch welche die 
beiden Sexualelemente zusammengeführt werden. Es sind die „Be- 
gattungsorgane'S durch welche die Distanz zwischen den 
beiden liebenden Individuen verringert wird. Nach den eingehenden 
Untersuchungen von Ferdinand Simon nimmt die Voll- 
kommenheit und die Differenzierung dieser Leitungsbahnen in 
dem Maße zu, wie der Organismus höher ausgebildet wird. 

Gleichzeitig damit vollzieht sich die Differenzierung der 
eigentlichen inneren Zeugungsorgane, deren Anlage ursprünglich 
bei beiden G^chlechtem die gleiche ist. Ein Teil dieser ur- 
sprünglich gleichartigen G(ebilde findet beim Manne, ein anderer 
beim Weibe seine Weiterentwicklung, während in beiden Geschlech- 
tem Sudimente des früheren Zustandes erhalten bleiben, die von 
dem gemeinsamen Zustande Zeugnis ablegen, in welchem beide 
Keimdrüsen in demselben Individuum vorhanden waren (Herma- 
lus). In diesem Sinne trifft Weiningers Theorie zu. 



44 

daß es kein absolut männliches und kein absolut weibliches In* 
dividuum gebe daß in jedem Manne etwas vom Weibe und in 
jedem Weibe etwas vom Manne sei und zwischen beiden üeber^ 
gangsformen sexuelle „Zwischenstufen*' existieren. Jedes Indi- 
viduum hat darnach so und so viele Bruchteile ,,Mann" und so 
und so viele Bruchteile „Weib*' in sich, und muß je nach dem 
Plus dem einen oder anderen G^chlechte zugez&hlt werden. Diese 
Theorie, die Weininger als seine Entdeckung verkündigt, ist 
durchaus nicht neu, und findet sich z.B. schon in Heinses 
,,Ardinghello'S wo es heißt: „So finde ich es eher notwendig, 
männliche und weibliche Elemente in der Natur anzunehmen. Der 
Mann ist der vollkommenste, der ganz aus männ- 
lichen Elementen zusammengesetzt ist, und das 
Weib vielleicht das vollkommenste, welches nur 
gerade so viel weibliche Elemente hat, um Weib 
bleiben zu können ; so wie der Mann der schlech- 
teste ist, der gerade nur so viel männliche Ele- 
mente hat, um Mann zu heißen.'' 

Magnus Hirschfeld, dem übrigens diese denkwürdige 
Stelle aus Heinse nicht bekannt zu sein scheint, hat neuerdings 
in seinen verdienstvollen Monographien „Geschlechtsübergänge" 
(Leipzig 1905) und „Vom Wesen der Liebe" (Leipzig 1906) diese 
Verhältnisse eiagehend untersucht und zitiert u. a. Aussprüche 
von Darwin und Weismann, wonach die latente Anwesen- 
heit der entgegengesetzten Oeschlechtscharaktere in jedem ge- 
schlechtlich differenzierten Bion als eine allgemeine Einrichtung 
aufgefaßt werden muß. Mit dieser Tatsache hängt sicherlich die 
weit verbreitete Erscheinung der „psychischen HermaphrodiBie", 
der seelischen „Bisexualität" zusammen, die uns den Schlüssel 
für das Verständnis der Homosexualität liefert. Beide Zustände 
aber weisen eben nur auf primitive Zustände in der Sexualität 
zurück. Sie können durchaus keine ernsthafte Bolle spielen in 
dem zukünftigen Entwicklungsgange der Menschheit, für den ge- 
rade die fortschreitende Differenzierung der Geschlechter charak- 
teristisdi ist. Demgegenüber kommt jenen Budimenten keinerlei 
Bedeutung zu. Freilich kann die Suggestion, der Einfluß augea- 
blicklicher Zeitrichtungen und Geisteszustände eine solche 6e- 
^deutung vortäuschen. Und wenn z. B. Hirschfeld behauptet^ 
daß im nervösen Zentralorgan der Frauen die mehr männlichen 
Verstandesqualitäten, in dem der Männer die weiblichen Gefühls- 



' 45 

qualit&tea in Steigerang begriffen seien, so trifft das erstens in 
dieeer Allgemeinheit nicht zu und ist zweitens eine ganz vor- 
übergehende Erscheinung, die bereits zu einer sehr starken Beak- 
tion im entgegengesetzten Sinne geführt hat.^) Die 
Exnvien eines überwundenen Znstandes können nicht wieder 
lebendig gemacht werden. 

Der ursprüngliche Zweck der Begattungsorgane ist also die 
oben erwähnte Sicherung und Erleichterung des Zusammentreffens 
der beiden Keimzellen unter den komplizierter gewordenen Ver- 
hältnissen eines vielzelligen Organismus; sie sind nicht etwa, 
wie Eduard von Hartmann annimmt, ein bloßer Wollust- 
köder tur Vollziehung der Instinkthandlung des durch die Ent- 
wicklung höheren Bewußtseins gefährdeten Geschlechtstriebes. 
Denn auch Tiere ohne Begattungsorgane empfinden Wollust im 
Momente des geschlechtlichen Orgasmiis tmd der 2^ugung. 

Nur die EntwicklungsgeschicJite löst das Bätsei vom ür- 
Sprung der Begattungsorgane und klärt uns über ihren Zweck 
auf. In geistreicher Weise hat W. Bö Ische in dieser Geschichte 
der Genitalien drei Fragen imterschieden : die „Loch- oder 
Türfrage'S die „Gliedfrage" und die „Lustfrage''. 

Die erste Frage betrifft die Art und Lage der beiden Leibes- 
öffnungen, aus denen die Geschlechtsprodukte, die Keimzellen her- 
vortreten, die zweite die genaue Aneinanderpassrmg der männlichen 
tmd weiblichen Geschlechtsöffnung, die dritte den Antrieb zu 
jener innigen Vereinigung der Geschlechtspforten durch einen 
heftigen Nervenreiz. 

Die auffälligste Tatsache, die uns bei der Betrachtung 
der ersten Frage, der „Lochfrage'* entgegentritt, ist die innige 
Verknüpfung der Geschlechtsöffnung mit dem Ausführungskanale 
der Hamwerkzeuge beim Weibe und beim Manne, bei letzterem 
aber noch ausgesprochener. Es ist eine Art von Sparsamkeit der 
Katur, die diese beiden Abflußröhren des Urins tmd der Geschlechts- 



^) Abgesehen von Strindberg und Weininger, die 
•obarfste, einseitigste Ausprägung des männlichen Wesens als Heil 
der Zukunft, als Entwicklungsideal predigen, weise ich nur auf den 
„physiologischen Schwachsinn des Weibes" von Möbius, aber auch 
auf Schriften wie B. Friedländers „Benaissance des Eros Uranios** 
(Berlin 1904) und Eduard von Mayers „Die Lebensgesetze 
der Kultur^ (HaUe 1904) als bezeichnende Symptome einer solchen 
Beaktion hin. 



46 

siotfe 80 nahe vereinigt hat. PhylogenetiBch gelangten oraprüng^ 
lieh die Geschleehtsprodukte sogar mit dem Urin zngleioh ins 
Freie, wo sie sich dann vereinigten. Noch bei heute lebenden. 
Würmern findet sich diese „ürinliebe". Sp&ter schied sich dann 
der Geschlechtskanal vom Hamkanal, um nur noch in den Aus- 
führongBgfingen zum Teil vereinigt zu bleiben und beinahe an 
der gleichen Stelle des Leibes auszumünden. Beim Manne dient 
noch immer die Harnröhre zugleich der Herausbeförderung des 
Urins und des Samens, bei der Erau sind zwar beide Ausfühninga- 
gfinge getrennt, münden aber in unmittelbarer Nähe in derselben 
Oeffnxmg zwischen den Schenkeln aus. 

Dieses VerhAltnis eines innigen Konnexes zwischen Harn- und 
Geschlechtsorganen ist nicht ohne Bedeutung für das Verstfindnis 
gewisser Abirrungen der Libido sexualis. Das gleiche gilt von 
den Beziehungen zu der ebenfalls benachbarten Mündung des 
Darmes, der Afteröffnung. Die „After''- oder besser „Kloaken- 
liebe*' spielt ja bei vielen Fischen, Amphibien und Beptilien eine 
Bolle, hier geht der Zeugungsakt und die Ausscheidung von Urin 
und Exkrementen gleichzeitig durch den After. Bei den Säuge- 
tieren ist phylogenetisch frühzeitig eine Trennung der Geschlechts- 
anlage und der Geschlechtsausfühiungsgänge vom Darme erfolgt» 
und nur in der örtlichen Nfihe der Mündungen belnindet sich 
noch der ursprüngliche Zusammenhang. Der pfiderastische Akt 
erinnert noch an denselben. Er ist aber nur ein „spaßhaftes 
Schattenbild des äußerlichen Versuches" (Bö Ische). 

Die Lochfrage führt im Laufe der fortschreitenden Entwick- 
lung ganz von selbst zur „Gliedfrage", d. h. zur Frage der 
besseren Vereinigung der beiden Geschlechtsöffhungen vermittels 
einer Sduuube, eines Scharniers. Das Geschlechtsglied ist gleich- 
sam der Nagel, der mechanische Halt bei der Begattung, eine 
Abkürzung der Distanzliebe in den Körper hinein. Es wird durch 
dasselbe das Verankern und Verklammem der Sichgattenden 
erreicht, was in früheren Zuständen durch Saugen und Beißen 
bewirkt wurde, wie z. B. bei den Vögeln, wo das eigentliche 
Gfeschlechtsglied meist fehlt, dafür aber z. B. der Hahn die Henne 
bei der Begattung mit dem Schnabel am Bjalm packt xmd festhält, 
und das Liebessaugen und Liebesverbeißen ist ja auch beim 
Menschen als Beminisz^iz dieser Verhältnisse übrig geblieben. 
Dazu traten beim Wirbeltiere noch andere EQammermögliehkeiten 
in Gestalt der Gliedmaßen, der Flossen, Arme und Beine, welche 



47 

die »»Umarmung" ermöglichten, bis endlich ein eigenes Glied für 
den Oeschlechtazweck die lange Kette dieser Veieinigungsarten 
schloß. Dieses ursprünglich einen Zapfen oder einen Stachel, eine 
Warze in der Geschlechtsrinne bildende Verlötungsorgan wird erst 
beim Menschen pudern freien Gliede. Noch Hunde, Nage- und Baub- 
üeret Fledermäuse und Affen haben einen starken Knochen in 
demselben, den sogenannten ,,Penisknochen". Beim Menschen fehlt 
derselbe. Das Glied ist ganz frei geworden. „Dem ganzen schweren, 
massigen Rumpf-Schenkelstück,*^ sagt W. Bölsche, „verleiht 
das scharf individualisierte, selbstfindig bewegliche Glied zugleich 
eine Art vergeistigten Mittelpunktes, es bildet gleichsam einen 
Finger, eine kleiae dritte Hand an ihm, die mit den Hfinden 
rechts und links in eine rhythmische Beziehung für das Auge 
tritt" 

Mit der Entwicklung des Gliedes geht phylogenetisch parallel 
(vom Beuteltier an aufw&rts) der „Descensus testiculorum", das 
Hinahrutschen der männlichen E[eimdrüsen, der Hoden, und ihre 
flchließliche Lagerung im Hodensacke unter dem Mannesgliede. 
Auch hier läßt sich das Prinzip der „Gliederlösung^', der ver- 
geistigten Beweglichkeit erkennen. 

Auch das Weib besitzt im Kitzler das Budiment eines ur- 
sprünglichen Geschlechtsgliedes. Durdi Aneinanderfügung beider 
Glieder sollte eine vollkommnere und schnellere Vereinigung der 
beiderseitigen Sexualprodukte herbeigeführt werden. Aber die 
Ausbildung der weiten Geschlechtspforte des Weibes hemmte die 
Weiterentwicklung dieses primitiven Gliedes, machte es gewisser- 
maßen überflüssig, da ja jetzt durch die Anpassung des Maoines- 
gliedes an die weibliche Geschlechtsöffnung eine genügend innige 
Verankerung im Begattungsakte ermöglicht war. So diente das 
weibliche Glied anderen Zwecken, ein Teil desselben bildete die 
Schamlippen, die kleinen Schamlippen, ein Teil, der obere, die 
Klitoris oder den Kitzler, dessen Namen schon die Beziehung aus- 
drückt, die er, gleich dem Mannesgliede, zum Wollustgefühl hat 

Dieses bildet den Gegenstand der dritten und letzten Frage, 
der „Lustfrage''. Beim Menschen ist die Wollustempfindung fast 
ganz von dem Vorgange der ,Jiiischliebe", der Vereinigung von 
Samen- und Eizelle abgelöst worden und wesentlich eine Er- 
scheinung der Distanzliebe geworden. Ob es eine Spezifität des 
Wollustgefühles, einen besonderen „Geschlechtssinn" gibt, erscheint 
sehr fraglich. Magnus Hirschfeld nimmt besondere „Sexual- 



48 

zellen'S mit einer Sinnessubstanz von beeonderer, spezifiscker 
Empfindlichkeit ausgestattete Empfangsstationen für sexuelle 
Beize an. Er faßt die Liebe und den Geschlechtstrieb als eine 
„durch das Nervensystem strömende Molekularbewegung oder Kraft 
von ganz spezifischer Beschaffenheit" auf, die von einem ganz 
bestimmten Gefühls- oder Lustton begleitet ist, wie er durch die 
Erregung der Sezualzellen zustande kommt. Wie aber schon oben 
erwähnt wurde, stellt das "WoUustgefühl wohl nur einen Spezial- 
fall des allgemeinen Hautgefühls dar, es ist mit dem Hautkitzel 
sehr nahe verwandt, eigentlich nur ein exzessiv starker 
Kitzel. Auch zur Schmerzempfindung hat es innige Beziehun- 
gen.^) Bau und Lagerung der das Wollustgefühl vermittelnden 
Nervenendapparate der Genitalien weisen große Aehnlichkeit mit 
den Tast- imd Qefühlskörperchen der übrigen Haut auf. In der 
.Wollust ist die allgemeine Hautempfindung zur höchsten Liten- 
sitat gesteigert, so stark geworden, daß für einen Augenblick 
das Bewußtsein davon verloren geht. Das Zusammentreffen 
momentaner Bewußtlosigkeit mit derAkme der Empfindung macht 
den Gipfel der Wollust aus. Es ist ein Aufgeben, eine Auflösung 
der eigenen Persönlichkeit. 

Die Wollust spielt sich beim Menschen ganz innerhalb der 
Distanzliebc ab. Sehr schön hat Bölsche ihre Bedeutung für 
diese geschildert: 

„Alles umfaßte bis ssa dem gewissen Punkt ja das Liebes- 
leben auch der großen Zellgenossenschaften, wie du eine bist, 
wie ich eine bin, wie deine Liebste eine ist. Diese höheren, ge- 
steigerten Lidividuen sahen sich, konnten sich aufeinander zu be- 
wegen, hörten sich, fühlten sich durch hundertfache äußere Medien 
hindurch, sie schmolzen geistig einander zu, setzten sich in wunder- 
bare Harmonie, — sie berührten sich endlich unmittelbar mit 
den Hauptwänden ihrer Leiber — sie drückten sich die Hand, 



*) In seiner tiefgründigen, viele neue Gesichtspunkte dar- 
bietenden Abhandlung „lieber die Affekte'' (Monatsschrift für Fsy- 
ohiatrie und Neurologie 1906 Bd. XIX Heft 3 u. 4) hat Dr. Edmund 
I'orster diese ursprünglichen Beziehungen zwischen Wollust und 
Schmerz einleuchtend dargelegt. Ihm ist die in der Pubertätszeit ein- 
setzende Sexualspannung ein vermehrter Beiz auf die Schmerznerven 
der Grenitalien, der positive Gefühlston der Wollust bei der Ejakulation 
das erleichternde, daher lustvoll betonte Gefühl der Befreiung von 
den schmerzlichen, beunruhigenden SensatijDuen der Sexualspannong. 



49 



amanateu sichi küßten sich, — sie preBten sich immar fester an- 
einander, durchdrangen sich ein kurzes Stück Körper in Körper. 
In alledem trog ihre liebe die ganze Sache, trug sie tausend- 
mal besser als die sich erachenden Einzelzellen es jemak vermocht, 
trog sie für die im Leibesinneren verborgenen (Geschlechtszellen 
mit. Alle Lust- nnd Leidgefühle der Liebe wallten und wogten 
eo lange durch den Oesamtorganismus in voller Wucht, wühlten 
das ganze obere, höhere, umfassendere Personenindividuum auf, 
bis in jede Tiefe hinein, verlangten, klagten, jauchzten, ver- 
strömten in ihm. 

Aber an ganz bestimmter Stelle dann machte das alles oben 
EUdt. Die Samenzellen spritzten aus, die Eizelle fand sich zu 
ihnen, ein geheimes Innenleben kleiner separater Maulwürfe be- 
gann innerhalb des einen Üeber-Individuums. Eine letzte Distanz 
wurde dort genommen und eine echte Zellmischung fand statt. 
Aber als das kam, war jede unmittelbare Verbindung mit dem 
Liebesleben der großen Individuen Mann und Weib bereits völlig 
abgerissen. Der körperliche Liebesakt war dort längst zu Ebde. 
Seine eigene höchste Steigenmg und Erfüllung mußte l&ngst 
vorüber sein. 

Der höchste Wollustmoment, bei den einzelligen Wesen in 
die völlige Verschmelzung naturgem&ß gelegt, mußte sich für 
die Vielzeller ebenso naturgemäß gleichsam in eine andere Stufe 
der großen Liebesbahn verlegen. 

In eine frühere. 

In die dem wahren Mischakt nächste der Distanzliebe. 
Also in den äußersten Punkt dieser Distanzliebe, der von den 
großen Attrappen der echten mischfähigen (Seschlechts-Einzeller, 
von den vielzelligen Üeber-Individuen selber noch erreicht 
wurde." 

Dieser äußerste Punkt ist ein Berührungsakt.^) DieHaut 
als Projektion des Nervensystems und ihre Bedeutung für die 
Sexualität als solche haben wir bereits kennen gelernt. Auch die 
aus der Haut hervorgegangenen übrigen Sinne müssen hier ein- 
geordnet werden. An den Geschlechtsteilen nimmt dieser Be- 
rOhrongsreiz einen ganz besonderen Charakter an, er löst hier 
das eigentliche Wollustgefühl aus, das in Beziehung zu der Ab- 



*) Carpenter erblickt in 
Wesen aller Geechleohtsliebe. 

Bloeb Sexualleben. 2. u. S. AufUige. 
(6l— 18. Tausend.) 



,, Gefühl des Kontaktes" das 



60 

aondenmg der Geechlechtsprodnkte gesetzt wird« Beim Maone 
tritt diee letztere Moment am deutlichsten hervor. Der Augen- 
blick höchster Wollust f&llt zusammen mit der Ejakulation« der 
Heraufischleuderong des Samens. Der Charakter des Wollust- 
gefühls läßt sich kaum definieren, es ist einesteils ein intensiver 
Kitzel, hat auf der anderen Seite aber eine unverkennbare Be- 
ziehung zum Schmerze. Später kommen wir in anderem Zusammen- 
hange auf diesen interessanten Pnnkt noch eingehender zurück. 
Nicht übel hat man den Geschlechtsakt auch mit ,dem Niesen 
verglichen, dessen Kitzel mit nachfolgender Auslösung des Niesena 
in der Tat eine große Aehnlichkeit mit den Vorgängen beim 
Geschlechtsakte hat. 

Dieser letztere kommt durch Beize zustande, die mit der 
vollen Ausbildung der äußeren und inneren Genitalien und der 
Keimdrüsen in Zusammenhang stehen, wie diese sich in dar Zeit 
der Pubertät bei Mann und Frau vollzieht. Die Summe dieser 
Beize bezeichnet man als „GescklechtstrieV^ Während der 
Geschlechtstrieb bei den Tieren noch wesentlich an die Tätigkeit 
der Keimdrüsen geknüpft ist, hat er beim Menschen mit der übeiv 
wiegenden Bedeutung des Gehirns eiae relative Unabhängigkeit 
von den Keimdrüsen erlangt, während die Psyche ihn sehr stark 
beeinflußt. Im allgemeinen kommt die sexuelle Erregung auf drei 
Wegen zustande; erstens durch die Tätigkeit der Keimdrüsen, 
zweitens durch die peripherische Erregung von den sogenannten 
„erogenen" Stellen aus, und drittens durch zentrale psychische 
Einflüsse. S. Freud hat neuerdings das Verhältnis dieser drei 
Ursachen der geschlechtlichen Erregung, des Geschlechtstriebes 
studiert und sehr zweckmäßig ein Stadium der „Vorlust*' und 
der eigentlichen sexuellen „Lust" unterschieden. 

Das Stadium der Vorlust trägt deutlich den Charakter der 
Spannung, das der Lust den der Entlastung. Das Spannungsgefühl 
der Vorlust kommt sowohl psychisch als auch körperlidi durch 
eine Beihe von Veränderungen an den Genitalien zum Ausdruck. 
Dazu kommt noch die Steigerung der Spannimg durch die Bei- 
zung der übrigen erogenen Zonen. Ist diese Vorlust auf einem 
gewissen Höhepunkte angekommen, dann setzt sich die sie 
charakterisierende potentielle Energie der Sexualspannung in die 
erlösende und entlastende kinetische Energie der Endluat um, die 
durch die Entleerung der Sexualstoffe hervorgerufen wird. 

Die Vorlust, die sich besonders durch eine vom Bückenmark 



51 

auagehende reflektorische Blutüberfüllimg, Erweiterung imd Erek- 
tion der Schwellkörper der mäjinlichen und weiblichen Geschlechts- 
teile charakterisiert, kann schon lange Zeit vor der eigentlichen 
Pubertät auftreten, und ist noch viel unabhängiger von Vorgängen 
in den Keimdrüsen als die End- oder Befriedigungslust, die beim 
Manne durch die Ejakulation des Samens erreicht wird und an die 
mit der Pubertät eintretenden Verhältnisse geknüpft ist. 

Der eigentliche Ursprung der zur schließlichen Entladung 
führenden Sexualspannung ist noch dunkel. Es liegt nahe, sie 
beim Manne mit der Samenanhäufung in Zusammenhang zu 
bringen, deren Druck auf die Wandung ihrer Behälter vielleicht 
als Beiz auf die 2^tren des Eückenmarks und weiter des Gehirns 
wirke. Aber diese Theorie berücksichtigt nicht die Verhältnisse 
beim Kinde, beim Weibe und männlichen Kastraten, wo trotz 
Fehlens einer ähnlichen Anhäufung von Geschlechtsprodukten 
dennoch eine deutliche Sexualspannung beobachtet wird. Es ist 
ja eine alte Erfahrung, daß Kastraten einen sehr heftigen Ge- 
schlechtstrieb haben können. Dieser ist also in sehr hohem Grade 
unabhängig von den Keimdrüsen. 

Das Wesen der G^schlechtlichkeit, der Sexualspannung ist 
noch gänzlich unbekannt. Freud nimmt unter Hinweisimg auf 
die neuerdings erkannte Bedeutung der Schilddrüse für die Sexua- 
lität an, daß vielleicht ein im Organismus allgemein verbreiteter 
Stoff durch die Beizung der erogenen Zonen ersetzt werde, dessen 
Zersetzungsprodukte einen spezifischen Beiz für die Beproduk- 
tionsorgane oder das mit ihnen verknüpfte Zentrum im Bücken- 
mark abgeben, wie ja solche Umsetzung eines toxischen, chemi- 
schen Beizes in einen besonderen Organreiz von anderen dem 
Körper als fremd eingeführten Giftstoffen bekannt ist. Für die 
Wahrscheinlichkeit dieser chemischen Theorie der Sexual- 
erregung spricht nach Freud die Tatsache, daß die Neurosen, 
welche sich auf Störungen des Sexuallebens ztirückführen lassen, 
die größte klinische Aehnlichkeit mit den Phänomenen der In- 
toxikation und Abstinenz zeigen, die durch die habituelle Ein- 
führung lusterzeugender Giftstoffe (Alkaloide) erzeugt werden. 

Die Auslösung, Entladung der Serualspannimg geschieht in 
natürlichster Weise im Geschlechtsakte, der zwischen 
Mann und Weib vollzogenen Begattung. Trotz zahlreicher Beob- 
achtungen hervorragender Naturforscher und Aerzte über den Be- 
gattungsakt, unter denen ich nur die Forschungen von Magendie, 

4* 



62 

Johannes Müller, Marshall Hall, Kobelt, Busch, 
Deslandes, Boubaud, Landois, Theopold, Bur- 
da eh und vielen anderen nenne, besitzen wir aus begreiflichen 
Gründen noch keinerlei exakte Untersuchungen über die verschie- 
denen Phänomene beim Geschlechtsakt. Insbesondere ist das Ver- 
halten des Weibes in demselben noch in großes Dunkel gehüllt. 

Der französische Arzt Boubaud hat die anschaulichste 
Schilderung des Beischlafes geliefert. Er beschreibt ihn (nach 
der Uebersetzung von Gyurkovechky) folgendermaßen: 

„Sobald das Membrum virile in das Vestibulom eindringt, reibt 
sich die Glans penis vorerst an der Glandula olitoridis, welche sich 
an dem Eingange des Geschlechtskanales befindet und vermittels ihrer 
Lage und des Winkels, den sie bildet, nachgeben und sich biegen, 
kann. Nach dieser ersten Heizung der beiden Empfindungszentren 
gleitet die Glans penis über die Bander der beiden Bulbi; das Collmn 
und das Corpus penis werden durch die vorspringenden Teile der 
Bulbi umfaßt, die Glans hingegen, welche weiter vorgedrungen, ist 
mit der feinen und zarten Oberfläche der Vaginalschleimhaut in Be- 
rührung, welche selbst vermöge des zwischen den einzelnen Mem- 
branen befindlichen erektilen Gewebes elastisch ist. Diese Elastizität, 
welche es der Vagina ermöglicht, sich dem Volumen des Penis anzu- 
schmiegen, vermehrt noch die Turgeszenz, somit die Empfindlichkeit 
der Klitoris, indem sie das Blut, welches aus den Gefäßen der Vaginal- 
wände ausgetrieben wurde, den Bulbis und der Klitoris zuführt. 
Andererseits ist die Turgeszenz und Empfindlichkeit der Glans penis 
durch die kompressive Aktion des immer turgeszenter werdenden 
Vaginalgewebes und der beiden Bulbi im Vestibulum vermehrt. Zudem 
wird die Klitoris durch die vordere Portion des Musculus compressor 
nach unten gedrückt und begegnet der Dorsalfläche der Glans und 
des Corpus penis, reibt sich an derselben und reibt dieselbe, so daß- 
jede Bewegung der Kopulation beide Geschlechter beeinflußt, und 
schließlich die wollüstigen Empfindungen summierend zu jenem hohen 
Grade von Orgasmus führt, welcher einerseits die Ejakulation und 
andererseits das Empfangen der Samenflüssigkeit in die klaffende 
Oeffnung des Gebärmutterhalses veranlaßt. 

Wenn man bedenkt, welchen Einfluß Temperament, Konstitution 
und eine Menge anderer sowohl spezieller als auch allgemeiner Um- 
stände auf den Geschlechtssinn haben, wird man überzeugt sein, daß 
die Frage über die Unterschiede in der Wollustempfindung zwischen 
den beiden Geschlechtern noch bei weitem nicht gelöst ist, ja, man 
wird sich überzeugen, daß die Frage, umgeben von allen den ver- 
schiedenen Bedingungen, unlöslich sei; und dies ist so wahr, daß 
es sogar Schwierigkeit bereitet, wenn man ein treues und vollständiges 
Bild von den allgemeinen Erscheinungen beim Koitus zeichnen will, 
während sich bei einem das Wollustgefühl nur durch ein kaum fühl- 



62 

Johannes Müller, Marshall Hall, Kobelt, Busch, 
Deslandes, Boubaud, Landois, Theopold, Bur- 
da oh und vielen anderen nenne, besitzen wir aus begreiflichen 
Gründen noch keinerlei exakte Untersuchungen über die verschie- 
denen Phänomene beim Geschlechtsakt. Insbesondere ist das Ver- 
halten des Weibes in demselben noch in großes Dunkel gehüllt* 

Der französische Arzt Boubaud hat die anschaulichste 
Schilderung des Beischlafes geliefert. Er beschreibt ihn (nach 
der Uebersetzung von Gyurkovechky) folgendermaßen: 

„Sobald das Membrum virile in das Vestibulom eindringt, reibt 
sich die Glans pema vorerst an der Glandula clitoridis, welche sich 
an dem Eingange des Geschleohtskanales befindet und vermittels ihrer 
Lage und des Winkels, den sie bildet, nachgeben und sich biegen, 
kann. Nach dieser ersten Heizung der beiden Empfindungszentien 
gleitet dio Glans penis über die Rander der beiden Bulbi; das GoUum 
und das Corpus penis werden durch die vorspringenden Teile der 
Bulbi umfaßt, die Glans hingegen, welche weiter vorgedrungen, ist 
mit der feinen und zarten Obeifläche der Yaginalschleimhaut in Be- 
rührung, welche selbst vermöge des zwischen den einzelnen Mem- 
branen befindlichen erektilen Gewebes elastisch ist. Diese Elastizität, 
welche es der Vagina ermöglicht, sich dem Volumen des Penis anzu- 
schmiegen, vermehrt noch die Turgeszenz, somit die Empfindlichkeit 
der Klitoris, indem sie das Blut, welches aus den Gefäßen der Vaginal- 
wände ausgetrieben wurde, den Bulbis und der Klitoris zuführt. 
Andererseits ist die Turgeszenz und Empfindlichkeit der Glans penis 
durch die kompressive Aktion des immer turgeszenter werdenden 
Vaginalgewebes und der beiden Bulbi im Vestibulum vermehrt. Zudem 
wird die Klitoris durch die vordere Fortion des Musculus compressor 
nach unten gedrückt und begegnet der Dorsalfläche der Glans und 
des Corpus penis, reibt sich an derselben und reibt dieselbe, so daß- 
jede Bewegung der Kopulation beide Geschlechter beeinflußt, und 
schließlich die wollüstigen Empfindungen summierend zu jenem hohen 
Grade von Orgasmus führt, welcher einerseits die Ejakulation und 
andererseits das Empfangen der Samenflüsaigkeit in die klaffende 
Oeffnung des G^bäirmutterhalses veranlaßt. 

Wenn man bedenkt, welchen Einfluß Temperament, Konstitution 
und eine Menge anderer sowohl spezieller als auch allgemeiner Um- 
stände auf den Geschlechtssinn haben, wird man überzeugt sein, daß 
die Frage über die Unterschiede in der Wollustempfindung zwischen 
den beiden Geschlechtern noch bei weitem nicht gelöst ist, ja, man 
wird sich überzeugen, daß die Präge, umgeben von allen den ver- 
schiedenen Beding^ungen, unlöslich sei; und dies ist so wahr, daft 
es sogar Schwierigkeit bereitet, wenn man ein treues und vollständiges 
Bild von den allgemeinen Erscheinungen beim Koitus zeichnen will» 
während sich bei einem das Wollustgefühl nur durch ein kaum fühl^ 



53 



Erzittern kundgibt, erreicht es bei einem anderen Individuum 
den Höhepunkt der sowohl moralischen als auch physischen Exal- 
tation. Zwischen diesen beiden Extremen g^bt es unzählige lieber- 
gänge: Beschleunigung der Blntzirkulation, heftiges Pochen der 
Arterien; das venöse Blut, welches durch Muskelkontraktionen in den 
Gefäßen zurückgehalten wird, vermehrt die allgemeine Körperwärme, 
und diese Stagnation des venösen Blutes, welche im Gehirne durch 
die Kontraktion der Halsmuskeln und die nach rückwärts gebeugte 
Haltung des Kopfes noch ausgesprochener in Aktion tritt, verursacht 
eine momentane Gehimkongestion, während welcher der Verstand und 
alle geistigen Eigenschaften verloren gehen. Die Augen, durch In- 
jektion der Konjunktiva gerötet, werden stier und machen den Blick 
unstät, oder wie es in der Mehrzahl der Fälle zu sein pflegt, schließen 
sich krampfhaft, um der Berührung mit Licht zu entgehen. 

Die Respiration, welche bei dem einen keuchend und aussetzend 
ist, wird bei anderen durch die krampfhafte Zusammenziehung des 
Lar}'nx unterbrochen und die Luft, durch einige Zeit komprimiert, 
macht sich endlich einen Weg nach außen, vermengt mit zusammen- 
hanglosen und unverständlichen Worten. 

Die, wie gesagt, kongestionierten Nervenzentren geben nur kon- 
fuse Impulse. Die Bewegung und Empfindung zeigen eine unbe- 
schreibliche Unordnung; die Glieder werden von Konvulsionen, 
manchmal auch von Krämpfen ergriffen, bewegen sich in allen Rich- 
tungen, oder strecken sich und erstarren wie Eisenstangen; die 
aneinander gepreßten Kiefer machen die Zähne knirschen und einzelne 
Personen gehen in ihrem erotischen Delirium so weit, daß sie, ganz 
vergessend auf den anderen Teilnehmer in diesem Wollustkampfe, 
eine ihnen unvorsichtigerweise überlassene Schulter bis zum Blute 
beißen. 

Dieser frenetische Zustand, diese Epilepsie und dieses Delirium 
dauern gewöhnlich nur kurze Zeit, aber genügend lange, um die 
Kräfte des Organismus ganz zu erschöpfen, besonders beim Manne, 
wo diese Hyperexzitation durch einen mehr oder minder abundanten 
Spermaverlust beendet wird. Es erfolgt dann ein Erschöpfungszustand, 
welcher um so bedeutender ist, je heftiger die vorhergehende Auf- 
regung war. Diese plötzliche Mattigkeit, diese allgemeine Schwäche 
und diese Neigung zum Schlafe, welche sich des Mannes nach dem 
Koitus bemächtigen, sind teilweise der Spermaabgabe zuzuAchreiben, 
weil das Weib^ wie energisch es auch beim Akte mitgewirkt haben 
mag, nur eine vorübergehende Müdigkeit empfindet, welche weit ge- 
ringer ist alB die Mattigkeit des Mannes, und welche ihr bedeutend 
froher eine Wiederholung des Koitus erlaubt. „Triste est omne animal 
poat coitum, praeter mulierem gallumque", hat Galen gesagt, und 
diese« Axiom ist im wesentlichen, was das menschliche Geschlecht 
anbelangt, richtig.'' 

Aehnlich ist die Schilderung der Begattung von Kobelt in 
seinem berühmten Werke über die Wollustorgane des Menschen 




54 

(Freiburg 1844, S. 59 ff). Das Verhalten des Weibes wird in den 
meisten Beschreibungen des KoitiiB verhältnismäßig wenig berück- 
sichtigt. Schon Magendie hob hervor, daß hier noch ^delee 
dunkel sei und betonte die in Vergl^ichung mit dem Verhalten des 
Mannes so überaus großen Unterschiede bei Frauen in bezug auf 
die Lebhaftigkeit der Aktion bei der Begattung und die Intensität 
der Wollustempfindung. „Sehr viele Frauen", sagt dieser be- 
rühmte Physiologe, „haben in diesem Momente sehr lebhafte 
Wollustempfindungen; andere dagegen scheinen dabei ganz ohne 
Empfindung, und einige wieder haben nur ein unangenehmes und 
schmerzhaftes Gefühl. Manche Frauen ergießen in diesem Mo- 
mente der höchsten Wollust eine große Menge Schleim, während 
die meisten keine ähnliche Erscheinung zeigen. In Beziehung auf 
alle diefie Erscheinungen gibt es vielleicht keine zwei 
Frauen, die sich einander vollkommen gleichen." 

Das Verhalten des Weibes in ooitu ist besonders von Frauen- 
ärzten, wie Busch, Theopold und neuerdings Otto Adler 
studiert worden. Wenig bekannt sind die 1873 erschienenen, aiif 
eigenen Beobachtungen beruhenden Mitteilungen des Dr. Theo- 
pold. Er widerspricht energisch der Ansicht, daß das Weib beim 
Koitus stets passiv sei oder daß die weiblichen Begattungaorgane 
bei demselben inaktiv seien. Bei erotischer Erregung des Weibes 
schlägt das Herz rascher, die Arterien der Schamlippen klopfen 
kräftiger, die Grenitalien turgeszieren und zeigen erhöhte Wärme. 
Naht die höchste Libido, so erigiert sich der Uterus, sein Orund 
berührt die vordere Bauchwand, die Muttertrompeten siod als 
harte gebogene Stränge durch dünne Bauchdecken deutlich zu 
fühlen. Die Vagina, besonders ihr oberer Teil, wechselt zwischen 
Kontraktion und Expansion, tmd volle Befriedigung endet den Akt. 

Willkürlich kann das Weib, so lange der Scheidenmuskel 
(CJonstrictor cimni) unverletzt ist, durch feste ümschnürung der 
Wurzel des männlichen Gliedes die Ejaculatio seminis be- 
schleunigen oder die Heizung bis dahin steigern. 

Diese kräftigen, mit Erweiterung abwechselnden, die Olans 
fest umgreifenden Kontraktionen der Scheide im Orgasmus be- 
dingen eine Koaptation des Orificium penis mit dem äußeren 
Muttermunde, dessen erweiterte Oeffnung dem Samen leiehtereia 
Eingang verstattet. 

Nach 0. Adler beginnt die seruelle Erregung des Weibes 
während des Aktes mit stärkerer Durchblutung des ganzen G^ 



55 

schlechteappaiates bis hinauf zu den Fimbrien der Muttertiom- 
peten, wodurch eine Erektion dieser Teüe, besonders aber des 
Eatzlers, der kleinen Schamlippen und der Vaginalw&nde hervor- 
gerufen wird. Zugleich fangen die DrOsen der Scheidenschleim- 
haut und des Scheideneingangee an zu sezemieren, was eich durch 
„Naßwerden'* der äußeren Geschlechtsteile bekundet. Sodann be- 
ginnen leichte, rhythmische ZusamTnen riehungen der Muskulatur 
der Scheide und des Beckens» die sich im Orgasmus zu krampf- 
haften Eontraktionen steigern, wodurch ein vermehrtes Sekret, 
besonders durch Auspressnng von Uterinschleim, abgesondert wird. 

Sehr wichtig ist die Betrachtung der verschiedenen physio- 
logischen BegleiterBcheinimgen des Beischlafiss da sie das Ver- 
ständnis für das Zustandekommen und für die biologische Wurzel 
mandier sexuellen Perversionen eröffnen. Es lassen sich in der 
Tat bereits im normalen (Geschlechtsakt sadistische imd maso- 
chistiflche Elemente nachweisen. Das von Boubaud erw&hnte 
Beißen und Schreien in der Wollustekstase kommt sehr h&ufig 
vor. Budolf Bergh, der berühmte dänische Dermatologe und 
Arzt am Hospital für venerische Frauen in Kopenhagen, erwähnt 
in seinen Jahresberichten regelmäßig auch die Folgen „erotischer 
Bisse^^ Bei den Südslaven ist die Sitte des sich beim Koitus 
,4neinander Verbeißens" weit verbreitet (K r a u ß). Auch die inten- 
sive dunkelrote Färbung des Gesichts und der (Geschlechtsteile 
ond ihrer Umgebung ist eine physiologische Begleiterscheinung 
der geschlechtlichen Aufregung, die meist durch die damit ver- 
knüpfte Tnrgeszenz der männlichen und weiblichen (Genitalien 
um 00 auffallender hervortritt und zu (Gefühlsassoziationen führt, 
in welchen das Blut eine hervorragende Bolle spielt. Hieraus 
leitet sich die biologische und ethnologische Bedeutung der roten 
Farbe für die Sexualität ab. I^ Bedürfnis des Sadisten, beim 
Oeschlechtsverkehre „rot am sehen", ruht also auf einer tiefen 
physiologischen (Grundlage, die nur eine Steigerung erfahren hat.^) 
Auch das Schreien und Fluchen, in dem manche Individuen eine 
nmelle Befriedigung finden, hat in den beim normalen Beischlaf 
am^gestoßenen imartikulierten Lauten und Schreien ein physio- 
logisches Vorbild. Es ist bezeichnend, daß ein indischer Erotiker, 



*) Deshalb erscheinen manche raffinierte Prostituierten im roten 
Hemde. Vgl P. Näoke, Un cas de fötiohisme de souliers etc. In: 
Bnlkdn de kk aooi6t6 de m6deoine memtale de Belgique 1894. 



66 

Vätsyäyana, difiaen Wortsadisnxus auB den verBchiedenai 
Lauten ableitet, die auch im normalen Beischlafe ausgestoßen 
^Verden. In fthnlicher Weise kaon man auch fttr beide Teile 
masochistische Elemente im Eoitos naoh^rasen, Eiduldimg von 
wolltbBtig betonten Schmerzen.^) 

Was die Stellung beim Beischlafe betrifft, so kommt fflr 
den Kulturmenschen, der sich in dieser Beziehung vom Tiere weit 
entfernt hat, als Normalstellimg der Beischlaf Leib an Leib in 
Betracht, wobei die Frau auf dem Bücken liegt, mit gespreizten, 
in Knie und Hüfte gebeugten Beinen, der Mann über ihr zwischen 
ihren Schenkeln liegt und Hand und Ellenbogen während der 
Begattung aufMützt, oder audi wohl beider Lippen gleichzeitig 
im Kusse sich vereinigen. 

Von allen übrigen zahllosen Stellungen oder „Eigorae 
Veneris", die nach Scheik Nefzawi zum Tail nur ,4n Worten 
und Gedanken^' möglich sind, kommen aus Gründen der Hygiene 
die Seitenlage der Frau, Bückenlage des Mannes und der Coitus 
a posteriori (z. B. bei Fettsucht beider Teile) in Betracht. Das 
gehört aber schon zum Kapitel der sexuellen Hygiene. 

PloB-Bartels hat nachgewiesen, daß die oben erwähnte 
Normalstellimg schon iq alten Zeiten und bei den verschiedensten 
Völkern die herrschende war. Sie hat sich ohne Zweifel mit der 
Entwicklung des aufrechten Ganges des Menschen ausgebildet. 
Es ist die natürliche, instinktive Stellung des Kulturmenschen, 
der auch hierin einen Fortschritt über das Tier hiniaus bekundet. 



*) Sadismus nnd Masochismüs sind also nicht sowohl „atarismi 
genitali** im Sinne Man tegazzas und Lombrosos, als vielmehr 
graduelle Steigerungen noch heute bestehender physiologischer Br- 
scheinungen. 




57 



VIERTES KAPITEL. 



Die körperlichen Geschlechtsnnterschiede. 



Eb ist hier eine ursprüngHohe Ungleichheit, deren Ursprung- 
liohkait auf den Gegensatz von Inhalt and Form Eurückgeht. Aus 
dieser ürversohiedenheit entspringen die anderen, sekundären Unter- 
alle. 

Alfons Bilhars. 



58 



Inhalt des yierten KapItelB. 

Der Gesohleohtaimteraohied ak ürtatoaohe des menBohliohen 
SexaallebenB. — Bedeatung der eezuellen Differenrieniag nach Wal- 
dejer. — Da« biologiflohe Gesetz Herbert Spencers. — Anta- 
gonismus zwisohen Fortpflanzung und Entwicklungstendenz» — Bei 
spiel der Menstruation zur Illustration dieses Gegensatzes. — Die 
ürsprüngliohkeit und größere Natumilie des Weibes. — Unsnl&ssig- 
keit des Begriffes der „Inferiorität des Weibes. — Ansichten aber die 
Natur seiner körperlichen Entwicklung. — Stärkere Diffarensierung dar 
Geschlechter durch die Kultur. — Yezgleichung dar Fmuenbildnisse 
des Mittelalten und der G^egenwart. — Verdunkelung des Geschlechts- 
gegensatzes in primitiven Zustanden. — Beispiele daför. — Yer&nde- 
rung der Stimme durch die Kultur. — Anklinge an primitive Ver- 
hältnisse in gewissen Erscheinungen der Frauenemajudpätioii (Mftnner- 
tracht, Gigarrenrauchen). — SexueUe Indifferenz in der üxgeschichte 
der Menschheit. — Zusammenhang einer früheren Gjn&kokratie damit 
(nach Batzel). — Die sekundären Geschlechtsmerkmale. — HiEUipt- 
nnterschied des majinliohen und weiblichen Körpers. — Neuere For- 
schungen über die Sexualdifferenzen. — Unterschiede des Skeletts. — 
Die spezifische Sexualdifferenz des menschlichen Beckens. — Abhängig 
von Kultur und Gehimentwicklung. — Unterschied von Körpeigröße 
imd K ö rpergewicht. — Von Muskulatur und Fettansatz. — lÜe Blut- 
beschaffenheit. — Sexuelle Differenzen von Kehlkopf und Stimme. — 
Männer- und FrauenschädeL — Himgewicht. — Kein (}mnd für die 
Inferiorität des Weibes. — Differenzen im Bau des Gehirns. — For- 
schungen von Büdinger, Waldeyer, Broca, G. Betzius u. a. 
darüber. — Kennzeichnung des weiblichen Typus als eines mehr kind- 
lichen. — Bedingt durch die Anpassung an die Zwecke der Fort- 
pflanzung. — Mäinnliche imd weibliche Schönheit. — Verschieden, 
aber keine der anderen überlegen. 



59 



Der ünteTBchied der Greedilechter ist eine Urtatsache des 
»enüch liehen Sexuallebens, die ursprüngliche Voranssetzxmg aller 
menschlichen Ktütur. Er l&ßt sich sowohl in physischer als auch 
psychischer Beziehung bereits in dem Elementarphänomen der 
menschlichen Liebe nachweisen, wo er, weil hier die Verh&llr 
nisse noch einfach imd xmkompliziert sind, auch am anschau- 
lichsten hervortritt. 

Waldeyer hat in seinem bedeutsamen Vortrage über die 
somatischen Unterschiede der Goschlechter auf der Anthropologen- 
▼ersammlung in Kassel 1895 darauf hingewiesen, daß die höhere 
Entwicklung einer bestimmten Art wesentlich mit durch die 
größere Differenzierung der Oeschlechter charakterisiert ist. Je 
weiter wir in der Tier- und Pflanzenwelt von den niederen zu 
den höheren Formen aufsteigem, um so mehr unterscheiden sich 
die männlichen imd weiblichen Qeschlechtspersonen voneinander. 
Auch beim Menschen sind im Verlaufe der phylogenetischen Enir 
wioklung diese Oeschlechtsunterschiede in steigendem Maße zu- 
tage getreten. 

Bei der Ausbildung dieser Sezualdif ferenzen spielt der zuerst 
von Herbert Spencer festgestellte Antagonismus zwischen 
Fortpflan2n2ng und höherer Entwicklungstendenz eine wichtige 
Bolle. Unter den höheren Tiergattungen bekunden die männlichen 
Wesen eine stärkere Entwicklungstendenz als die weiblichen, 
weil ihr Anteil am Fortpflanzuugsgesch&ft ein bedeutend ge- 
ringerer ist Der größere organische Verbrauch, den die Forir 
pflanzongsfunktionen erfordern, schränkt die weibliche Entwick- 
lung bedeutend mehr ein als die männliche. Beim Menschen wird 
dieses Zurückbleiben des Wachstums beim Weibe noch besonders 
gesteigert durch die Menstruation, die ein treff^ides Beispiel für 
die Richtigkeit des Spencer sehen Oesetzes darstellt. Ich führe 



60 

hierfür auch die Aeußemugen des Würzburger Anatomea Oskar 
Schultze in seinem soeben erschienenen wertvollen Vortrag 
über jJDas Weib in anthropologischer Betrachtung'* (Würzburg 
1906, S. 65—56) an: 

„Die wellenartig verlaufende Periodizität der Hauptfunk- 
tionen des weiblichen Organismus, welche in der Ovulation und 
Menstruation ihren Grand hat und, solange es Menschen gibt, in 
dem weiblichen Körper stattfindet, fehlt bei allen übrigen Säuge- 
tieren (außer den Affen). Bei ihnen sind, soviel wir beobachten, 
die sekundären G^chlechtsunterschiede, soweit es sich um unter- 
schiede der Muskulatur und Kraft handelt, nicht oder bisweilen 
nicht so ausgesprochen, wie bei dem Menschen. Hierbei müssen 
wir von unterschieden, wie sie bei Haustieren als Folgen der 
Domestikation bestehen können, absehen (z. R bei Kuh und Stier). 
Bei dem Weibe hat die bereits auf den jugendlichen, noch nicht 
ausgewachsenen Körper wirkende Periodizität seit Jahrtausenden 
die sekundären Geschlechtsunterschiede gesteigert Die Periodizität 
ist so, meiner Auffassung nach, eine wesentliohe Ursache für 
die Tatsache, daß das Weib vor allem an Ausbildung der Mus- 
kulatur und an Kraft dem Manne nicht gleichkommt, und daß 
seine Organe zum großen Teile dem kindlichen Typus näherbleiben. 

Der geschlechtsreife weibliche Körper hat den in der Men- 
struation erlittenen Verlust in der intermenstruellen Zeit stets 
wieder einzubringen. Kaum ist dies geschehen und der Höhe- 
punkt der Lebensenergie wieder gewonnen, so platzt ein neuer 
Follikel im Eierstock, und die neue menstruelle Blutung setzt 
ein. So geht die monatliche Lebenswelle und Lebensenergie fort- 
während auf und ab. Die für die Hauptfunktion des 
Weibes periodisch verbrauchte Kraft ist seit 
Jahrtausenden für den inneren Eigenausbau 
gleichsam verloren gegangen. Der Einzelverlust ist so 
gering, daß er von zahlreichen Weibern in keiner Weise unan- 
genehm empfunden wird. Der Effekt liegt in der Siunmation. 
Der Gewinn wird sofort wieder verausgabt, jedoch nicht 
im eigenen Haushalt, sondern im Dienste der 
Fortpflanzung für andere, welche erst kommen und die 
Art erhalten sollen. Eigenes Kapital aufzuspeichern 
ist dem Weibe schwerer gemacht als dem Ma;nne." 

Das oben erwähnte biologische Gesetz von Spencer, für 
welches die Menstruation eine so interessante Dlustration liefert, 



61 

erklärt die auch von Milne Edwards, Darwin, Brooks^ 
Lombroso, Alfons Bilharz und anderen Naturforsckem 
hervorgehobene größere Einfachheit und Ursprünglichkeit des 
Weibes gegenüber der komplizierteren, variableren, weil innerhalb 
weiterer Grenzen vor sich gehenden Natur des Mannes. Sohon 
Paracelsus sprach das tiefe Wort: „Die Frau ist der 
Welt näher denn der Mann." 

Es wäre grundfalsch, hieraus eine Inferiorität und 
Minderwertigkeit des Weibes abzuleiten. Vielmehr ist die Axt 
seines Körperbaues, dem Zwecke entsprechend, eine vollkommene, 
und diese Vollkommenheit hat im Laufe der Kultorentwicklun^ 
sieh noch gesteigert. Wir sahen ja schon, daß unter dem Ein- 
flüsse der immer stärker hervortretenden Prävalenz des Gehirns 
auch beim Manne gewisse Bückbildungsprozesse sich geltend 
machten^ wie z. B. die zunehmende Enthaarung, die beim Weibe 
in größerem Maße vor sich gegangen sind, weil hier die pro- 
gressive Entwicklung von Natur eine geringere ist. Daher 
sind sogar neuere Forscher, wie z. B. HavelookEllis,zu dem 
Schlüsse gekommen, daß der Idealtypus, dem die körperliche 
Entwicklung des Menschen zustrebt, derjenige des Weibes, d. h.j 
ein jugendlicher Typus sei.^) 



1) Noch weiter geht ein anderer Schriftsteller H.Quensel in 
seinem zimi Teil sehr phantastischen Buche „(leht es aufwärts f Eine 
idealphilosophische Hypothese zur Entwickltmg der menschlichen 
Psyche auf naturwissenschaftlicher Grundlage'^ (Köln 1904, S. 152 bis 
153). Er sagt wörtlich: „Was die Kulturstellong von Mann und Frau 
im Verhältnis sueinander betrifft, so nimmt zwar der Mann unzweifel- 
haft die höhere Stellung ein hinsichtlich derjenigen psychischen Triebe^ 
welche den höheren und höchsten Kulturstufen als Unterlage dienen, 
das sind namentlich die Triebe des Bauens, Eonstruieiens, des 
Sammelns und Yerarbeitens wissenschaftlicher Tatsachen, hinsicht- 
lich der Staatskunst und der formellen sozialen Tätigkeiten, der 
Kansalitäts- und der Eunsttriebe. Wenn man aber meine Feststellungen 
aber die Einzelheiten des körperlichen Abstieges, des psychischen Auf- 
stieges auf die Torliegende Frage anwendet, so zeigt sich, daß die 
Fsan in manchen Beziehungen zweifellos höher steht als der Mann. 
Denn die Frau ist in ihrer Entwicklung, nicht allein in körperlicher 
Beziehung hinsichtlich des Skelett- und Muskelsystem-Abetieges und 
der dadurch bedingten zarten Konstitution, hinsichtlich der Haut- 
bedeckung, der Sprache tmd der Stimme auf dem kultumotwendigen 
KörpexTuckschrittswege viel weiter gekommen wie der Mann. Sie ist 
«och positiv, geiade was die Entwicklung der höchststehenden psychi- 
schen Triebe der allgemeinen feinen Nervenempfindlichkeit, des ver- 



62 

Eb ist aber sehr zweifelhaft, ob diese Eatwicklung jemals 
80 weit gehen wird, daß die ursprüngliche und im Wesen 
des G^chlechtlichen begründete Differenz zwischen Mann und 
Weib aufgehoben und ausgeglichen werde. Im Gegenteil l&ßt 
sich trotz jener mit der überwiegenden Entwicklung des Gtehims 
^in Zusammenhang stehenden regressiven Verfinderungen doch 
«eine immer stärkere Differenzierung der Geschlechter 
:^ durch die Kultur nachweisen. Auf diese Tatsache, die gerade 
für die Diskussion der Frauenfrage und der Homosexualit&t eine 
große Bedeutung besitzt, hat zuerst der Eulturhistoriker 
W. H. Biehl in seinem 1855 erschienenen Werke über die 
Familie hingewiesen. Er widmet das zweite Kapitel desselben 
dieser Scheidung der Geschlechter im Prozesse des Kulturlebens. 
Ihn überraschte die Tatsache, daß auf fast allen Bildnissen be- 
rühmter weiblicher Schönheiten aus vergangenen Jahrhunderten 
die Köpfe zu männlich erscheinen gegenüber dem Urbild 
weiblicher Schönheit, das uns Modernen vorschwebt. 

„Sowie die mittelaltrigen Maler den allgemeinen Typus der 

Engel- und Heiligenköpfe aufgeben, sowie van Eyck und Hemm- 

ling Madonnen und weibliche Heilige mit persönlichen, individuell 

durchgebildeten Köpfen malen, schleichen sich in diese so tief 

empfundenen Bildnisse zartester Jungfräulichkeit gewisse harte 

ZVige ein, welche uns die Köpfe auffallend männlich oder ein 

klein wenig zu alt erscheinen lassen, van Eycksche Madonnen 

mit dem Ohristuskind auf dem Schöße sehen uns häufig wie 

* Dreißigerinnen aus. Dennoch folgte der Maler der Natur; aber 

' die Natur ist seitdem eine andere geworden. 

Auch die zarte Jungfrau hatte vor drei Jahr- 

. hunderten noch männlichere Züge als jetzt, und 

wer in dem Porträt der Maria Stuart ein G^esicht wie aus dem 

Modejoumal geschnitten sucht, der wird sich enttäuscht finden. 



feinerten Gefühls für sittliche Werte und des Idealismus, der all* 
gemeinen Nächstenliebe und Auf opfenmgsfähigkeit mit sorücktzetendem 
Egoismus, der tianssendentalen Frönmiigkeift und des Gottessnohens 
wie auch des Hiellflehens, endlich der höchste psychische Differensiemng 
▼erratenden Anpassungsfähigkeit, wohl im Zusammenhange mit man- 
gelnder Beständigkeit, anlangt, auf dem Kulturfortsohrittswege dam 
Manne schon stark vorgekommen, kulturlioh also den Mann sicher 
überragend." 



63 

durch die bestiminteii, für das Auge des neimzehiLten Jahrhunderts 
fast mfinnlich bestimmten Umrisse dieser gepriesenen Schönheit.'' 

Der Geschleehtsgegensatz tritt mit steigender Geaittang 
immer sch&rfer und individueller hervor, während er in primi- 
tiven Zuständen, ja selbst noch beim Landvolke und Proletariat 
minder scharf und zum Teil sogar verwischt und ausgeglichen ist.] 
Man vergegenwärtige sich nur moderne Frauenbildnisse aus den 
Arbeiterkreisen, die uns fast wie verkappte Männer anmuten. 
Auch die Körpergröße der Geschlechter zeigt bei Naturvölkern 
xmd in den unteren Volkaklassen weit geringere Unterschiede als 
bei den verfeinerten Großstädtern Sehr charakteristisch für den 
differenzierenden Einfluß der Kultur sind auch die Verhältnisse 
der Stimme. Sie hl bemerkt darüber: „Selbst die Ellangfarbe 
der Stimme der beiden Geschlechter ist bei einfacheren Zuständen 
der Gesittung im allgemeinen gleichmäßiger. Der hohe Tenor, 
als die weibliche Mannsstimme, und der tiefe Alt, als die männ- 
liche Frauenstimme, sind bei den Kulturmenschen viel seltener 
als bei den Naturmenschen, wo männliche und weibliche Art noch 
unterschiedloeer ineinander übergreift. Unsere Kapellmeister 
reisen nach Ungarn und Gtalizien, um helle, hohe Tenöre zu suchen, 
und für den tiefen Alt wird fast gar nicht mehr komponiert, 
weil die mann-weiblichen Oontrar Altistinnen bei den zivilisierten 
Völkern aussterben. Herrschend wird dagegen der 
bestimmteste Gegensatz der geschlechtlichen 
Klangfarbe: Sopran und Baß. Diese Tatsache ist bereits 
bestimmend geworden für unsere^ G^angschule, bestimmend für 
unsere vokale Tondichtung — aui welche versteckte Seitenwege 
führt doch hier die Wahrnehmung des stets sich erweiternden 
Gegensatzes zwischen Mann und Weibl" 

Gewisse Erscheinungen und Ausartungen der Frauen- 
emanzipation, wie die Männertracht, das Zigarrenrauchen, sind 
nichts anderes als Sückf alle in primitive Zustände, die sich 
beim gewöhnlichen Volke noch bis heute erhalten haben. Es sei 
nur an den Männerhut, den kurzen Bock und die hohen Schnür^ 
Stiefel der Tirolerinnen, an das Tabakrauchen der Weiber bei 
mittel- und niederdeutschen Bauernhochzeiten erinnert. Einer 
solchen falschen „Emanzipation" des Weibes begegnet man bei 
Bauern, Vagabimden, Zigeunern sehr häufig, worauf schon die 
geschlechtslose Bezeichnung der Weiber jener Ellassen als „das 
Mensch", als „Weibskerle" u. dergl. hinweist, wodurch die dem 



64 

„Weib auB dem Volke eigene selbfitbewiiBte, aktiv vorschreitende 
ManDefiDatar" treffeaid charakterisiert wird. 

Daß die relative Verwischujig der GesohleclitsgegexiBiize bei 
den niederen Stäxiden der modernen GeeeUsobaft Uebeixest primi- 
tiver Zustände ist, zeigt auch die ürgeediichte der Völker. Der 
schon im biblifichen Schöpfangsmythne, dann von Plato und 
später von Jakob Böhme ausgesprochene Gedanke, daß der 
erste Mensch nisprünglich Mann nnd Weib zugleich gewesen 
sei, imd daß das Weib dann ans diesem Urmenschen Adam 
gebildet worden sei, dieser sinnvolle Gedanke ist nur der Ansdmck 
der Tatsache von der Indifferenz der Gesohlechter bei den Nattuv 
Völkern nnd in der Urgeschichte der Menschheit. Der Hennsr 
phrodit der antiken Knnst ist ebenso wie das Mannweib der 
modernen Frauenbewegung ein Atavismus, ein Bückfall in jene 
längst überwundenen Zustände, an die nur noch die erwähnten 
üeberreste erinnern.*) 

Friedrich Batzel würdigt in der Einleitung seiner 
„Völkerkunde" ebenfalls diese primitive Verdunklung der Ge- 
schlechtsgegens&tze auf unteren Kulturstufen und zieht daraus 
interessante Schlußfolgerungen für das Bestehen einer einstigen 
Gynäkokratie, einer Weiberherrschaft. Ich habe ebenfalls sehr 
ausführlich über diese Frage im zweiten Bande meiner „Beiträge 
zur Aetiologie der Psychopathia sezualis'' gehandelt, und komme 
auf sie noch bei Erörterung des Masocfaismus zurück. 

W. H. Biehl und nach ihm Heinrich Schurtz haben 
ausdrücklich auf die Gefahren einer Verwischung des Gesddechts- 
unterschiedes für die Kultur hingewiesen. Dieser steht und 
fällt mit der Kultur. Er ist ihre Voraussetzung. Ihn be- 
seitigen, hieße die ganze Entwicklung rückgängig machen. 

Die Sezualdifferenzen betreffen wesentlich die verschiedene 
Ausbildung der sogenannten „sekundären Geschlechtsmerkmale*', 
d. h. derjenigen ünterschiedsmerkmale, welche, abgesehen von der 
eigentlichen Geecfalechtsaufgabe, noch zwischen Mann und Weib 
bestehen, wie z. B. Größe, Skelett, Muskeln, Haut, Stimme usw. 



*) Auch W. Havelburg macht in seiner Abhandlung „Klima 
Basse und Nationalitat in ihrer Bedeutung für die Ehe" (in: Krsnk- 
heiten und Ehe von Senator und Kaminer, München 1904 Bd. I 
8. 129) auf die Bedeutung der fortschreitenden sexoellen Differen- 
sierung für die Kultur und die Steigerung der weiblichen Schönheit 
aufmerksam. 



65 

Der männliche Körper hat sich mehr zu einer £j:aitmaschine 
entwickelt als der weibUche, weil bei ihm Eiiochen und Muskeln 
eine bedeutendere Ausbildung erlangt haben, während dem Weibe 
eine größere Fettentwicklung eigentümlich ist, wodurch die 
Plastizität des Körpers vollkommener, die Mechanik und Kraft- 
entfaltimg aber benachteiligt wurden. 

Nach der neuesten wissenschaftlichen Darstellung der Sexual- 
differfenzen, wie sie in der Monographie von Oskar Schnitze 
vorliegt, der eigene Untersuchungen, sowie die älteren Arbeiten 
von Vierordt, Quetelet, Topinard, Pfitzner, Wal- 
deyer, C H. Stratz, J. Bänke, E. v. Lange, Havelock 
Ellis, Merkel, Bischoff, Bebentisch, Welcher, 
Schwalbe, Marchand u. a. als Grundlage gedient haben, 
sind die wichtigsten körperlichen Unterschiede zwischen Mann 
und Weib die folgenden: 

Die Grundlage des Körpers, das Knochengerüst, weist bei 
Mann und Weib wesentliche Verschiedenheiten auf. Die Knochen 
des Weibes sind im ganzen kleiner und schwächer. Besonders 
große Geschlechtsdifferenzen treten aber am Becken hervor. 
Wiedersheim bezeichnet diese sexuelle Differenz des mensch- 
lichen Beckens geradezu als ein spezifisches Merkmal des Menschen- 
geschlechts. Bei allen anthropoiden Affen ist sie weit weniger 
ausgesprochen als beim Menschen. Auch sie zeigt den Charakter 
einer progressiven Entwicklung im Sinne einer sich anbahnenden 
Vervollkommnung, die wesentlich von der höheren Kultur ab- 
hängig ist- Deshalb sind, wie G. Fritsch, Aisberg u. a. 
hervorheben, auch bei den meisten wilden Völkerstämmen die 
Unterschiede zwischen männlichem imd weiblichem Becken viel 
geringfügiger als beim Kulturmenschen. Die charakteristischen 
Eigentümlichkeiten des europäischen Weiberbeckens, die dasselbe 
auf den ersten Blick vom Becken des Mannes unterscheiden lassen, 
nämlich die größere Geräumigkeit im Breitendurchmesser, die 
größere Niedrigkeit und die weitere Oeffnung des vorderen 
Knochenbogens sind bei den Weibern der südafrikanischen Stämme 
und der Südseeinsulaner weit weniger ausgeprägt. 

Die Erweiterung des weiblichen Beckens ist abhängig von dem 
wichtigsten Kultorfaktor, dem Gehirne, dessen Vergrößerung 
schon beim menschlichen Fötus eine ungleich bedeutendere Volums- 
entfaltung des Schädels bedingt, als dies bei den meisten Säuge- 
tieren der Fall ist. Das beeinflußt den Eingang des kleinen 

Bloch, Sextuüldben. 2. u. 3. Auflage. 5 

(6.-18. Tausend.) 



66 

Beckens inklusive Kreuzbein, aber auch das große Becken, da 
durch, die aufrechte Stellung des Menschen der Druck des 
schwangeren Uterus mehr seitwärts geht und so die Dannbein- 
schaufein zu größerer Entfaltung bringt. Gerade bei niederen 
Bässen ist diese tellerartige Verbreiterung der Darmbeinschaufeln 
viel weniger ausgesprochen als bei zivilisierten Völkeim. 

Ein weiterer körperlicher Unterschied zwischen den Ge- 
schlechtern betrifft Körpergröße und Körpergewicht- 

Die Durchadinittsgröße des Weibes ist etwas geringer als 
die des Mannes. Sie beträgt beim Europäer 1,60 Meter gegenüber 
1,72 Meter für den Mann. Nach Vierordt ist schon der neu- 
geborene Knabe etwa 0,5 bis 1 2ientimjeter länger als das neu- 
geborene M&dchen. Johannes Bänke charakterisiert die 
einzelnen diesen Unterschied bedingendan Faktoren folgender- 
maßen: ,J)er typisch vollendeten männlichen Körperentwicklung 
entspricht ein zur Körperhöhe relativ kürzerer Bumpf, aber 
relativ ziu* Bumpflänge längere Arme, längere Beine, längere 
Ober- und Unterschenkel, längere Hand und längerer Fuß und 
im Verhältnis zum langen Oberarm resp. zum langen Ober- 
schenkel längerer Vorderarm und längerer Unterschenkel und ein 
relativ zur ganzen vorderen Extremität längeres „freies^' Bein 
bis zur Standfläche. 

Größere Bumpflänge, zu letzterer kürzere Arme, Beine, Ober- 
und Unterarme, Ober- und Unterschenkel, kürzere Hände und 
Füße, relativ zum kurzen Oberarm noch kürzere Unterarme und 
relativ zum kurzen Oberschenkel noch kürzere Unterschenkel, 
schließlich relativ zur ganzen vorderen Extremität kürzere Beine 
bedeuten dagegen eine Annäherung an den jugendlichen unent- 
wickelten Zustand tmd charakterisieren die dem Jugendzustande 
nälierbleibenden weiblichen Proportionen gegenüber den voll ent- 
wickelten männlichen.'* 

Der Unterschied der Körpergröße findet sich auch bei primi- 
tiven Völkern. Bei den noch in der Steinzeit lebenden Natur- 
Völkern Brasiliens fand Karl von den Steinen bei einer 
Durchschnittsgröße der Männer von 162 cm eine Differenz von 
10,6 cm zu Ungunsten des Weibes. Diese Differenz stimmt genau 
mit der überein, welche man nach den von Topinard ermittelten 
Verhältniszahlen für die Durchsdinittsgröße von 162 cm er- 
warten sollte. 

^'n Verhältnis zur größeren Körperlänge weisen auch die 



67 

sonstigen Proportionen des männlichen Körpers größere Zahlen 
auf. Besonders die Breite der Schultern ist gegenüber derjenigen 
des Weibes eine größere. 

Das Körpergewicht des Mannes ist ebenfalls beträchtlich 
größer als das des Weibes. Nach Vierordt beträgt das Durch- 
schnittsgewicht eines neugeborenen Kjiaben in Mitteleuropa 
3333 g, dasjenige eines neugeborenen Mädchens 3200 g. Der 
Unterschied beträgt also 133 g, beim Erwachsenen aber gar 
10 kg, da als Durchschnittsgewicht des Mannes 65 kg, des 
Weibes 58 kg ermittelt ist. 

Entsprechend der geringeren Entwicklung des Skeletts ist 
auch die Muskulatur beim Weibe schwächer ausgebildet und 
besitzt einen größeren Wassergehalt als die des Mannes, worin 
ebenfalls ein Anklang an kindliche Zustände zu finden ist. 

Dagegen ist der Fettansatz bedeutend istärker als beim 
Manne« Bischoff hat das Verhältnis von Muskeln und Fett 
bei Mann und Weib untersucht und fand auf die Körpermasse 
bezogen beim Manne 41,8<yo Muskulatur und 18,2o/o Fett, beim 
Weibe 35,8<yo Muskeln imd 28,2 tyo Fett. Beim Weibe sind zwei 
Köi"pergegenden durch besonders reichliche Fettablagerung aus- 
gezeichnet: die Brüste und das Gesäß, wodurch beide Stellen 
zu besonders hervorstechenden sekundären Grcschlechtsmerkmalen 
gestempelt werden. Auf der größeren Fettanh.äufung beruhen 
die weicheren, mehr gerundeten Formen des weiblichen Körpers, 
während die Muskulatur zurücktritt. Beim Manne dagegen tritt 
letztere namentlich am Kopf, Hals, Brust und oberen Extremi- 
täten kräftig hervor. Der verschiedene Schönheitstypus von Mann 
und Weib erklärt sich wesentlich aus diesem unterschiede. 

Die Haut des Weibes ist zarter und heller als die des 
Mannes. 

Wichtiger ist die Tatsache, daß der Mann eine sehr be- 
tricbtliche Menge von roten Blutkörperchen mehr besitzt 
als das Weib. Das Blut des Weibes ist wasserreicher. W e 1 o k e r 
fand in einem KubikmilUmeter Blut des Mannes 5 Millionen, 
in der gleichen Menge Blut des Weibes 4^/2 Millionen Blutzellen. 
Dementsprechend ist der Hämoglobingehalt und das spezifische 
Crewicht des weiblichen Blutes geringer als die des männlichen. 
Da die roten Blutkörperchen als Sauerstoffträger eine sehr 
wichtige Bolle im Körperhaushalt spielen, so ist dieser Unter- 

5* 



68 

schied sehr wesentlich xmd beeinflußt die körperliche Organisation 
beider Geschlechter in hohem Grade. 

Kehlkopf xmd Stimme bleiben beim Weibe kindlich, 
der Kehlkopf des Weibes ist bedeutend kleiner als der des Mannes. 
Die Stimme ist nach der Pubertät durchschnittlich in den tiefen 
TöneD eine Oktave, in den hohen zwei Oktaven höher als die 
des Mannes. 

Nach den Messungen von Pfitzner sind die Maße des 
Kopfes (Länge, Breite, Höhe, Umfang) beim Weibe kleiner als 
beim Manne. Der Schädel des Weibes bleibt in bezug auf viele 
Einzelheiten seines Baues dem kindlichen Schädel auffallend 
ähnlich. Diese infantile Eigenschaft des Weiberschädels läßt 
wiederum keinen Schluß auf die Inferiorität des Weibes zu. 
Mit Recht erinnert Schnitze gerade bei Darlegung dieser 
Schädeldifferenzen an die bekannte Tatsache, daß auch der 
geniale Mensch häufig durch infantile Eigenschaften auffällt. 

Der Schädel des Weibes ist absolut kleiner als der des 
Mannes, demgemäß ist auch das G^irn des Weibes absolut kleiner 
als das des Mannes. Waldeyer stellte in bezug auf das durch- 
schnittliche Hirngewicht 1372 g für den Mann und 1231 g für das 
Weib fest. Schwalbe 1375 bezw. 1245. 

Hierzu bemerkt 0. Schnitze: „Es erhebt sich sofort die 
Frage, ob man etwa berechtigt ist, auf Grund des geringeren Hirn- 
gewichts von einer geistigen „Inferiorität" bei dem Weibe zu 
sprechen. 

Von vornherein scheint es selbstverständlich, daß der größere 
Körper des Mannes ein größeres Hirn gleichsam erfordert. Und 
es ist nicht auffallend, daß die bedeutendere Größe, welche viele 
Organe bei dem Manne zeigen, auch bei dem Grehim gefunden 
wird. Es liegt sehr nahe, die zweifellos größeren Leistungen, 
welche das männliche Gehirn seit Jahrtausenden zu verzeichnen 
hat, durch die bedeutendere Masse desselben erklären zu wollen, 
etwa wie ein größerer Muskel im allgemeinen mehr Arbeit leistet 
als ein kleinerer. 

In der Tat haben imter den zahlreichen Forschem, welche 
sich mit dieser Frage beschäftigt haben, viele die Auffassung 
vertreten, daß die Verschiedenheiten der psychischen Kraft des 
menschlichen Gehirns von dessen Gesamtmasse abhängen. Aber 
es liegt hier tatsächlich nur eine Auffassung vor. Mit 
Bischoff, der vor vierzig Jahren bereits umfassende Unter* 



69 

gachungen in der Frage der Beziehtmg von Hirngewicht znr 
Greisteekraft anstellte, müssen wir auch heute noch sagen, daß 
ein Beweis dafür, daß eine solche Beziehung besteht, noch nicht 
geliefert ist." 

Ob das Studium des feineren Baues des Gehirns bei Mann 
und Weib bessere Aufschlüsse hinsichtlich der Feststellung einer 
verschiedenen geistigen Wertigkeit liefern wird, muß vorläufig 
dahingestellt bleiben. Nach Büdinger und Passet bestehen 
bei neugeborenen Knaben und Mädchen sehr auffällige Unterschiede 
in der Formausbildung und Entwicklung des Gehirns. Bei den 
männlichen Fötusgehirnen sind die Stimlappen mächtiger, breiter 
und höher, die Windimgen, besonders des Scheitellappens, besser 
ausgebildet als bei den weiblichen Fötusgehirnen. Waldeyer 
konnte diese Tatsache bestätigen uad hält sie für sehr wichtig, 
besonders wegen des hohen Anteils, den der Stimlappen an den 
rein intellektuellen Funktionen hat. Broca jedoch konnte die 
geringere Entwicklung des Stimlappens beim Weibe nicht fest- 
stellen, Eberstaller und Cunningham glaubten sogar 
eine stärkere Ausbildung dieses Hirnteils beim Weibe festgestellt 
zu haben I Endlich hat der große schwedische Gehimanatom 
6. Betzius genaue Untersuchungen über die Gesohlechtsunter- 
schiede des männlichen und weiblichen Gehirns im ausgebildeten 
Zustande angestellt. Seine Besultate können nach 0. Schnitze 
als maßgebend angesehen werden. Danach wurden bisher 
keine spezifischen, immer wiederkehrenden Ei- 
gentümlichkeiten aufgefunden, durch welche das 
weibliche Gehirn von dem männlichen immer 
sicher zu unterscheiden wäre.. Jedoch neigt nach 
Betzius das Gehirn des Weibes zu größerer Ein- 
fachheit des Baues, es zeigt weniger Abweichun- 
gen vom Haupttypus. 

Das stimmt mit der von uns schon hervorgehobenen Tatsache 
überein, daß das Weib gegeuüber dem Manne überhaupt eine 
geringere Variabilität besitzt, das einfachere, ursprünglichere 
Wesen ist. Ebenso lehrt die Erfahrung der Bassenforscher, daß 
die Männer einer Basse viel mehr voneinander verschieden sind als 
die Frauen.*) 

*) Es soll nicht verschwiegen werden, daß andere bedeutende 
Anthropologen wie Manouvrier, Fearson, Erassetto und 
besonders Giuffrida-Ruggieri die geringere Variabilität und 



70 

Wenn man mit einem Worte das Wesen der körperlichen 
Sexualdifferenz bezeichnen will, so muß man sa^n: das Weib 
bleibt dem Kinde ähnlicher als der Mann. 

Dies begründet aber in keiner Weise irgend eine Inferiorität, 
wie Havelock Ellis und Oskar Schultze überzeugend 
darlegen. Es ist nur der Ausdruck einer ursprünglichen Wesens- 
verschiedenheit, hervorgebracht durch die Anpassung des 
weiblichen Körpers an die Zwecke der Fortpflanzung. Und diese 
ist eben die Ursache des mehr kindlichen Habitus des Weibes 
(nach dem oben dargelegten biologischen Gesetze von Spencer). 

Die Betrachtung der körperlichen Verschiedenheit von Mann 
und Weib belehrt uns auch über die Nichtigkeit der alten Streit- 
frage, ob der Körper des Mannes oder der des Weibes von größerer 
Schönheit sei.^) Die verschiedenen Aufgaben des männlichen und 
weiblichen Körpers bedingen eine verschiedene Entwicklung der 
einzelnen Teile. Ist diese in ihrer Art vollkommen, so ist der 
Körper schön. Mit Becht hat Stratz in der Einleitung seines 
Werkes über die Schönheit des weiblichen Körpers die voll- 
endete Schönheit mit der vollkommenen Gesund- 
heit identifiziert. Schön wird also sowohl der männliche 
als auch der weibliche Körper sein, wenn alle sekundären Ge- 
schlechtsmerkmale in harmonischem nicht übertriebenem Maße 
ausgeprägt sind, wenn sowohl die Idee der „Männlichkeit" beim 
Manne wie die der „Weiblichkeit" beim Weibe voll zum Ausdrudc 
kommt und nicht zu sehr durch einzelne individuelle Züge und 
Abweichungen beeinträchtigt wird. Männliche und weibliche 
Schönheit sind etwas Verschiedenes. Von einer Ueberlegen- 
heit der einen über die andere kann nicht die Bede sein. 



den infantilen Charakter des Weibes neuerdings bestreiten. Vgl. 
Giuffrida-Ruggieri, Considerazioni antropologicbe sull' infan- 
tilismo e conclusioni relative all' origine delle varietä umane. In: 
Monitore Zoologico Italiano, 1903 Bd. XIV No. 4—5. (VgL dazu die 
interessanten Bemerkungen Näckes im Archiv für Eriminalanthro- 
pologie 1903 Bd. XIII S. 292—293.) 

A) Sehr gut hat Konrad Lange (Das Wesen der Kunst, Berlin 
1901 Bd. II S. 361—364) die subjektiven Gründe dieses alten Streites 
auseinandergesetzt und ihre Haltlosigkeit nachgewiesen. 



71 



FÜENFTES KAPITEL. 

Die psychischen Sexnaldif f ereneen und die Frauenfrage (mit 
rinem Anhange fiber die geschlechtliche Sensibilit&t des 

Weibes). 

Unter allen höheren Regungen und Bewegungen unserer Zeit er- 
scheint mir, rein menschlich betrachtet, als die schönste und inter- 
essanteste der Kampf imserer Schwestern um Gleichstellung mit dem 
starken, dem herrschenden und unterdrückenden Geschlecht; ja loh 
halte es für möglich, dafi nicht etwa die sozialen und wirtschaftlichen 
Dissidien der Männerwelt dem kommenden Jahrhundert seinen eigen- 
tämliclien Stempel aufdrücken werden, sondern daß dieses Jahrhundert 
seine Weltsignatur recht eigentlich von der Lösung der „Erauenfrage" 
erhalten wird. 

Georg Hirth. 



72 



Inhalt des ffinften Kapitels. 

Die Tatsache der psychischen Sexualdifferenzen. — Versache, sie 
zu leugnen. — Rosa Mayreders „Kritik der Weiblichkeit**. — 
Die sexuellen Nuancen der Psyche. — Unaustilgbarkeit derselben. — 
Urteil über die psychische Bisexualitat. — Ausdruck psychischer 
Differenz im Verhalten von Samen- und Eizelle. — Urbilder der yer^ 
schiedenen Natur von Mann und Weib. — Neuere Forschungen über 
die psychischen Sexualdifferenzen. — Sinnesempfindungen. — In- 
tellektuelle Unterschiede. — Versuche von Jastrow, Minot u. a. 

— Enqueten von Delaunay und Havelock Ellis. — Leichtere 
Suggestibilität des Weibes. — Ansätze zu selbständigem Schaffen bei 
Frauen. — Höhere geistige Tätigkeiten bei Mann und Frau. — Be- 
gabung der letzteren für Politik. — Emotivitat des Weibes. — Leich- 
tere Ennüdbarkeit. — Abnahme der Emotivitat beim modernen Weibe. 

— Künstlerische Begabung von Mann und Weib. — Größere Varia^ 
bilitat des Mannes. — Einfluß der Menstruation auf die ^weibliche 
Psyche. — Psychologische Experimente von H. B. Thompson. — 
Weib und Mann heterogene Naturen. — Die Gleichung von Alf ons 
Bilharz. — Das Rätselhafte im Weibe. — Dichter und Denker 
darüber. — Eine Aeußerung von TheodorMundt. — Die Antipathie 
der Geschlechter. — Die Liebe als Enträtselung. — Bedeutung der 
psychischen Sexualdifferenzen für die Fraoenfrage. — Anteil der 
Frauen au der Kultur. — Rückblick auf die Urgeschichte. — Die Frauen 
als Erfinderinnen von Handwerk und Kun^t. — Als Lehrerinnen der 
Manner. — Thomas Huxley über die Frauenfrage. — Der Wert 
der Arbeit für die Frau. — Die Vervollkommnung der häuslichen 
Arbeit nach Schmoller. — Die Frau der Zukunft. 

Anhang über die geschlechtliche Sensibilität 
des Weibes. — Eine alte Streitfrage. — Geschlechtliche Sensibilität 
des Mannes. — Weibliche erotische Typen. — Theorie von Lombroso 
und Ferrer o. — Adlers Monographie. — Widerlegung der Theorie 
von der geringeren sexuellen Sensibilität des Weibes. — Diffuser 
Charakter der weiblichen Sexualsphäre. — Untersuchungen von Have- 
lock Ellis über den Geschlechtstrieb des Weibes. — Erfahrungen 
von Irrenärzten über die Sexualität der Frau. — Ein Fall von tempo- 
rärer sexueller Anästhesie. — Ursachen der sexuellen Frigidität. 



73 



Den unzweifelliaft vorhandenen kör]>erlichen Unterschieden 
zwischen den G^chlechtem entsprechen ebenso unzweifelhaft be- 
stehende geistige Sexualdifferenzen. Auch psychisch sind Mann 
und Weib völlig verschiedene Wesen. Man muß nur das 
Wort „psychisch'' nicht, wie es immer geschieht, in dem ganzen 
Sinne von „Intelligenz" nehmen, sondern darunter den ganzen 
Inbegriff und Inhalt der Psyche, das ganze geistige Wesen, den 
geistigen Habitus, Gemütsart, Qefühls- und Willensleben ver- 
stehen, um sofort überzeugt zu werden, daß männliches und weib- 
liches Wesen etwas durchaus Verschiedenes sind, heterogene, un- 
vergleichbare Naturen. 

Unter dem Einflüsse des Buches von Weininger — der 
übrigens nicht etwa nur auf eine Verwischung und Ausgleichung 
der Geschlechtsunterschiede ausging, sondern alles weibliche Wesen 
für Personifikation des Nichts, des Bösen, erklärte, daher ver- 
nichten wollte, um nur ein einziges Geschlecht, das männliche, 
diese Verkörperung des Objektiven und Guten, bestehen zu lassen 
— hat man in neuester ZJeit versucht, die Geschlechtsunter- 
scbiede auch auf psychischem Gebiete zu leugnen, speziell 
ihren Ursprung aus dem verschiedenen Wesen der männ- 
lichen und weiblichen Natur zu bestreiten. Mit größtem 
Interesse las ich kürzlich das geistvolle, an neuen Gedanken 
reiche Buch von Rosa Mayreder „Zur Kritik der Weib- 
lichkeit" (Jena 1905), in dem das, was die Verfasserin die 
„primitive teleologische Gescfalechtsnatur" nennt, d. h. die 
Tatsache der verschiedenen geschlechtlichen Funktionen von 
Mann und Weib als ziemlich tmerheblich für die Bestimmung 
ihrer geistigen Natur hingestellt und die Unabhängigkeit der 
individuellen psychischen Differenzierung von der Sexualität und 
der venBchiedenen Geschlechtsnatur behauptet wird. Nach ihr er- 
streckt sich die geschlechtliche Polarität nicht auf die „höhere 



74 

Natur" des Menschen, auf das geistige Gebiet. Sie führt liierfür 
u. a. auch die Tatsache als Beweis an, daß durch gekreuzte Ver- 
erbung geistige Eigenschaften des Vaters sich auf die Tochter 
vererben. Ganz gewiß. Auch wird kein objektiver Naturforscher 
bestreiten, daß eine Frau denselben Grad individueller psychischer 
Differenzierung erreichen kann wie ein Mann, daß sie ihre „höhere 
Natur'' nicht zu ebenso großer Entwicklung bringen könne. Aber 
ebenso unbestreitbar ist die von Rosa Mayreder allzusehr in 
den Hintergrund geschobene Tatsache, daßallesPsychische, 
das ganze Gefühls- und Willensleben durch die 
besondere Geschlechtsnatur einen eigentüm- 
lichen Charakter, eine bestimmte Färbung und 
spezifische Nuance empfängt, die eben das Heterogene 
und Nichtvergleichbare der männlichen und weiblichen Natur aus- 
machen. 

Die Versuche, die Geschlechtsunterschiede in der Theorie auf- 
zuheben, sind sehr alt,^), sie sind aber immer wieder in der Fi^axifl 
gescheitert an — den Geschlechtsunterschieden. Naturam expellas 
furca tamen usque reeurret. Und diese Bückkehr der Natur ist 
eben ein Fortschritt über primitive hermaphroditische Zu- 
stände hinaus. Die Sexualdifferenzen sind unaustilgbar, im Gegen- 
teil zeigt die Kultur eine unverkennbare Tendenz, sie zu steigern. 
Es gibt auch eine individuelle Differenzierung der Gesohlechts- 
charaktere. Sie geht proportional der Differenzierung der psychi- 
schen Merkmale von Mann und Weib. Und das Problem ist dieses: 
wie kann namentlich beim Weibe eine Entwicklung und Vervoll- 

^) Die hermaphroditische Idee des Altertums hat immer wieder 
die Geister fasziniert. Gewiß lag — das ist nicht zu leugnen — 
etwas Großes und Edles in dem Gredanken einer Ueberwindong des 
Geschlechts. Schon beinahe 80 Jahre vor Weininger und den 
modernen Aposteln der Bisexoalitat prophezeit Johann Michael 
Leupoldt, Professor der Medizin an der Universität Erlangen: 
„Die Versöhnung ^des Ges chlechtsgegensat zes in 
jedem menschlichen Individuum wird aber einst so 
zunehmen, daß, dynamisch verstanden, mit allgemeinem 
Ueberhandnehmen einer Art von HermaphroditismuSi 
die Menschheit, wenn sie ihr Ziel auf der Erde erreicht hat, völlig 
versiegen wird.*^ („Eubiotik oder Grundzüge der Kunst, als Mensch 
richtig, tüchtig, wohl und lang zu leben," Berlin und Leipzig 1828, 
S. 232 u. 233.) Also eine Art natürlicher Verwirklichung des E. von 
Hartmann sehen Ideals bewußter Selbetvemiohtung am Ende der 
Zeiten 1 



76 

komnmimg üirer höheren Natur erreicht werden, ohne daß ihr 
bestimmter Charakter als Geschlechtswesen zu sehr beeinträchtigt 
und verdunkelt wird? 

Wenn selbst Bosa Mayreder am Schlüsse ihres Budies 
(S. 278) zu dem Besultate gelangt: „In dem Bereiche der Physis, 
darüber kann es keinen Zweifel geben, bedeutet die Entwicklung 
zur yjiomologen Monosexualität'', zur unbedingten Ge- 
schlechtstrennung der Individuen, das wünshens- 
w er teste Ziel. Jede Abweichung von der physiologischen 
Norm macht das Individuum zu einem unvollkommenen Wesen; 
die körperliche Zwittcrhaftigkeit ist widerwärtig, 
weil sie eine Unzulänglichkeit, eine unterbrochene u^d mißglückte 
Bildung darstellt. Dem Körper nach ein ganzer Mann oder ein 
ganzes Weib zu sein, gehört ebenso zu den Eigenschaften des 
schönen und gesunden Menschen, wie eine intakte Korporisation 
nach jeder anderen Bichtung", dann hat sie zugleich das Urteil 
über den Wert der psychischen Bisexualität gesprochen, die 
immer nur ein Budiment bei jenem „ganzen Manne'' oder 
„ganzen Weibe'* sein, nie aber jene überragende Bedeutung er- 
langen, jenen Fortschritt zum Höheren bezeichnen kann, den in 
seltsamer Verkennung der wirklichen Verhältnisse die Verfasserin 
ihr zuschreiben mödite. Man kann zugeben, daß der bisexuelle 
Einschlag mehr oder weniger stark bei den einzelnen männlichen 
und weiblichen Individuen entwickelt ist, ohne doch dadurch die 
grundsätzliche Wesensdifferenz zwischen Mann und Weib aufzu- 
heben, die nicht bloß physisdi, sondern auch psychisch sich 
ausprägt. 

Ich glaube daher nicht an Bosa Mayreders „synthe- 
tischen Menschen'', der sowohl den „Bedingungen des Männlichen 
und des Weiblichen" unterworfen ist, wohl aber glaube ich, wie 
ich das schon in früheren Schriften ausgesprochen habe, an eine 
Individualisierung der Liebe, an eine Veredlung und Vertiefung 
der Beziehung zwischen den Geschlechtern, wie sie nur freie Per- 
Bönlichkeiten schaffen können. Das verträgt sich sehr wohl mit 
der Beibehaltung aller körperlichen und geistigen Eigentümlich- 
keiten, wie sie durch die geschlechtliche Differenzierung bei Mann 
und Weib sich ausgebildet haben. 

Es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß auch psychisch 
das Weib ein anderes Wesen ist als der Mann. Und mit Becht nennt 
Mantegazza die Behauptung Mirabeaus, daß die Seele 



76 

kein Greschlecht habe, sondern nur der Körper, eine große 
Dummheit. 

Wir kehren wieder zurück zu dem so anschaulichen Elementar- 
phänomen der Liebe, dem Vorgange der Verschmelzung der Samen- 
zellen mit dem Ei, und wir sind im Hinblick auf andere Natur- 
vorgänge zu dem Analogieschluß berechtigt, daß die dabei 
beobachtete Verschiedenheit der Kinetik auch der Ausdruck diffe- 
renter psychischer Vorgänge ist. Auf diese energetischen 
Verschiedenheiten von Spermatozoen und Eizellen macht 
nachdrücklich Georg Hirth aufmerksam.') Er folgert auch 
aus der größeren Variabilität der Spermatozoen bei den verschie- 
denen Arten gegenüber der meist kugelrunden Gestalt der weib- 
lichen Eier, daß jenen die wichtigere kinetische Aufgabe bei der 
Keimbildimg zukomme, worauf ja schon ihre aggressive Beweg- 
lichkeit deutet, während das Ei mehr die gebundene Energie 
repräsentiere. 

,iWirklich ist kaum anzunehmen, daß es irgendwo in der 
organischen Welt bei gleich geringer Masse etwas Schneidigeres, 
Unternehmenderes gebe als diese sogenannten Samentierchen, die 
ja gar keine Tierchen sind und uns dennoch mehr Freude und 
mehr Kummer bereiten als irgend ein Tierchen Da ist alles 
Ergal; mit welcher Turbulenz sie sich fortschlängeln, bis sie 
das heißersehnte Ziel erreichen, und sich dann kopfüber in den 
Eierstrudel stürzen — das ist schon allein ein Schauspiel für 
Götter. Hier noch an der Energetik zweifeln wollen, wäre 
wahrlich mehr als Baximfrevel !" 

Samen- und Eizelle sind auch die Urbilder des geistigen 
Wesens von Mann und Frau. Unbeschadet aller weiteren Diffe- 
renzierung und Individualisierung stimmen die Grundzüge der 
männlichen und weiblichen Natur mit dem Verhalten der Keim- 
zellen übereiii und lassen erkennen, daß es sich bei beiden um 
verschiedene, aber durchaus gleichwertige Aufgaben 
handelt. Sehr richtig bemerkt Bosa Mayreder, daß das männ- 
liche Greschlecht als das zeugende und schaffende biologisch nicht 
höher stehe als das weibliche, dem an der Erziehung und Fort- 
pflanzung des Lebens mindestens der gleiche Anteil zukomme. 

Andererseits aber gilt das Wort des in bezug auf die Frauen- 



2) G. Hirth, Entropie der Eeimsysteme und erbliche Entlastung, 
München 1900, S. 89—90. 



77 

frage durchaus objektiven HavelockEllis („Mann und Weib" 
S. 21) : „Solange die Frauen sich durch primäre sexuelle Charakteie 
und dadurch, daß sie empfangen und gebären, vom Manne unter- 
scheiden, solange werden sie ihm auch in den höchsten psychischen 
Prozessen niemals gleich sein." 

Die Natur des Mannes ist aggressiv, progressiv, variabel — 
die der Frau rezeptiv, reizempfänglicher, einförmiger. 

Die exakten naturwissenschaftlichen, ethnologischen und psy- 
chologischen Untersuchungen über die G^chlechter, unter denen 
als besonders hervorragend diejenigen von Darwin, Allan, 
Münsterberg, C. Vogt, Ploß-Bartels, Jastrow, Lom- 
broso und Ferrero, Shaw, Havelock Ellis und Helen 
Bradford Thompson zu nennen sind, haben diese Wesench 
verschiedenheit der Geschlechter durchaus bestätigt. Viele 
Einzelheiten sind noch dunkel, aber jene eben gekennzeichnete 
Sexualdifferenz ist überall erkennbar und selbst durch eine 
höhere psychische Differenzierung nie ganz auszutilgen. Selbst 
die Verfasserin der „Kritik der Weiblichkeit", die der Frei- 
heit der Individualität eine unbegrenzte Perspektive eröffnen 
möchte, sieht sich doch zu dem Eingeständnis genötigt, daß 
die Mehrzahl der Frauen weder in den Eigenschaften des 
Charakters, noch in denen des Intellektes dem Manne gleich ist. 

Havelock Ellis hat in einem klassischen Werke („Mann 
und Weib", Leipzig 1894) eine Uebersicht über die psychischen 
Differenzen zwisch^i den Gleschlechtem nach den neueren anthro- 
pologischen und psychologischen Untersuchungen gegeben. Dieses 
Werk bildet die Grandlage für alle weiteren Forschimgen. 

Von den einzelnen psychischen Erscheinungen bei Mann und 
Frau kommen ztmächst die Sinnesempfindungen in Be- 
tracht. Hier läßt sich keine absolute und allgemeine Ueberlegenheit 
eines der beiden Greschlechter feststellen. Die Annahme, daß die 
Frauen feiner empfindende Sinne haben, trifft nicht zu, eher 
ist da« Gegenteil der Fall. Frauen besitzen wohl eine größere Er- 
regbarkeit durch Sinnesreize, aber keine gesteigerte ünterschieds- 
empfindlichkeit. 

Was die allgemeine intellektuelle Veranlagung der 
Geschlechter betrifft, so zeigten die interessanten experimentell- 
psychologischen Untersuchungen von Jastrow beim Weibe ein 
entschiedenes Interesse für seine unmittelbare Umgebung, für das 
fertige Produkt, für das Dekorative, Individuelle und Konkrete, 



78 

beim Manne aber eine Vorliebe für das Entferntere, für das im 
Werden Begriffene, das Nützliche, Allgemeine und Abstrakte. 

Hiermit stimmt ein Bericht im „Berliner Städtischen Jahr- 
buch" (1870, S. 59 — 77) über die Kenntnisse von mehreren Tauaend 
Knaben und Mädchen bei ihrem Eintritt in die Schule überein. 
Es heißt darin :„Je gewöhnlicher, naheliegender und leichter 
ein Begriff ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, daß die 
Mädchen die ICnaben übertreffen werden imd umgekehrt. Bei 
Knaben kommt es häufiger vor als bei Mädchen, daß sie ganz 
gewöhnliche Dinge aus ihrer nächsten Umgebung nicht kennen." 

Prof. Minot ließ Karten von Personen beider Geschlechter 
mit 10 beliebigen Zeichnungen ausfüllen, es stellte sich dabei 
heraus, daß die Zeichnungen der Männer eine größere Mannig- 
faltigkeit zeigten als die der Frauen. 

In bezug auf Schnelligkeit der Auffassung und geistige Be- 
weglichkeit ist die Frau entschieden dem Manne überlegen. Frauen 
lesen z. B. schneller als Männer und können besser über das Ge- 
lesene berichten. Daraus ist aber kein Schluß auf ihre höhere 
intellektuelle Begabung zu ziehen, da viele geniale Männer sehr 
langsame Leser waren. 

Delaunays Enquete bei einer Bieihe von Kaufleuten über 
die industriellen Leistungen der beiden Geschlechter ergab, daß 
Frauen fleißiger wären als Männer, aber weniger intelligent, so 
daß man ihnen nur Boutine-Arbeit anvertrauen könne. 

Im allgemeinen stimmen die Erfahrungen der Postverwaltung 
hiermit überein. Havelock Ellis bezeichnet die Besultate 
einer Umfrage bei mehreren großen englischen Postämtern als 
„typisch imd zuverlässig". — Das Urteil des Chefs eines der Haupt- 
postämter lautete, daß Frauen Besseres als Männer leisten in der 
Buchführung, in der gleichzeitigen Erledigung von Postanwei- 
sungs- und Sparkasäengecfchäften, im Befördern und Aufnehmen 
von Depeschen und im Schaltei*verkehr mit ungebildeten Personen. 
Telegraphistinnen arbeiten ebenso intelligent und genau wie ihre 
männlichen Kollegen, nur intereseieren sie sich nicht wie die 
Männer für das technische Verständnis der Telegraphie, auch 
können sie bei schwereren Aufgaben wegen des Mangels an nach- 
haltiger Arbeitskraft mit den Männern nicht konkurrieren. Auch 
erschwert die geringere Kraft des Handgelenks Telegraphistiiinen 
das erforderliche schnelle Schreiben und die Herstellung der nötigen 
Zahl von Kopien. 



79 

Alle Berichte stimmten darin überein, daß „Frauen leiehter 
zu belehren und zu leiten sind, daß sie leidite Arbeit ebenso 
gut machen und in mancher Beziehimg ausdauernder sind ; anderer- 
seits versäumen sie häufiger den Dienst wegen geringfügiger In- 
disposition, versagen schneller unter starker Inanspruchnahme und 
zeigen weniger Intelligenz für außerhalb der laufenden Arbeit 
liegende Aufgaben, wobei sie besonders weniger Lust und Fähig- 
keit zeigen, sich aus- imd fortzubilden". 

Zweifellos ist die wohl organisch bedingte leichtere 
Sugg^estibilität des Weibes, die es so schnell dem Einflüsse 
von Personen und Meinungen unterwirft, wenn dieselben eine 
genügend starke Wirkung auf sein Gemütsleben ausüben. Das 
Selbständige, Sdiöpferische liegt der Frau femer, ist ihrem 
Wesen fremder, als dem des Mannes. Daß es ihr aber ganz un- 
möglich ist, möchte ich bezweifeln. Und wenn sogar Havelock 
Ellis es z. B. für undenkbar hält, daß eine Frau das Coperni- 
kanische Weltsystem entdeckt haben sollte, so eriimere ich ntir 
an die bekannten physikalischen Entdeckimgen der Madame 
Curie, deren durchaus selbständige Arbeit sie zur Nachfolgerin 
ihres Gatten atif dem Lehrstuhl der Sorbonne qualifizierte. Man 
wird danach die Möglichkeit, daß auf dem Gebiete der Natur- 
wissenschaften künftige bedeutende Entdeckungen und Erfin- 
dungen ims durch die selbständige Arbeit von Frauen zuteil 
werden, nicht ausschließen können. 

Sehr interessant sind die Bemerkungen von Paul Lafitte 
über die Unterschiede der höheren geistigen Eigenschaften bei 
Mann und Weib. Nach Charakterisierung der stärkeren Bezepti^ 
vität des Weibes sagt er u. a, : „Wenn Kinder beider Greschlechter 
zusammen erzogen werden, so sind die Mädchen während der ersten 
Jahre an der Spitze ; es handelt sich um diese Zeit wesentlich um 
die Aufnahme und Bewahrung von Eindrücken, und wir sehen 
alltäglich, daß Frauen durch die Lebhaftigkeit ihrer Eindrücke 
und ihr Gredächtnis ihre männliche Umgebung in den Schatten 
stellen. Zu diesen Anlagen kommt der angeborene Sinn der 
Frauen für Symmetrie, und daraus erklärt sich, daß sie geometri- 
schen Unterricht gewöhnlich mit Erfolg genießen. Dementsprechend 
glänzen Studentinnen der Medizin beim Examen in der Physiologie 
und allgemeinen Pathologie und zeigen darin eine Klarheit der Auf- 
fassung von Tatsachenreihen, die geradezu frappiert; dagegen 
«ind sie entschieden inferior in klinischen Untersruchimgen, bei 



80 

denen andere geistige Eigenschaften in Frage kommen. Ln allge- 
meinen sind Frauen mehr für Tatsachen als für Gesetze empfängt 
lieh, mehr für konkrete als für allgemeine Gedanken. Wenn man 
irgendwo ein Urteil über einen Bekannten abgeben hört, so wird 
das des Mannes wahrscheinlich richtiger in den allgemeinen Um- 
rissen sein, Nuancen des Charakters werden aber Frauen besser 
atiffassen.'' 

So sind auch bei den Frauen die konkreten Philosophen be- 
liebter als die abstrakten Metaphysiker. Nach den Erfahrung^ 
eines Londoner Buchhändlers bevorzugten die Damen des Londoner 
Westend Schopenhauer, Plato, Marc Aurel, Epiktet 
imd Ben an, also die konkretesten, persönlichsten, poetischsten 
und religiösesten Denker. Diese letztere Eigenschaft fasziniert 
das weibliche Gemüt am meisten. Zugleich bekundet sich in dieser 
Stellimg der Frauen zu den religiösen Erscheinungen des 
geistigen Lebens in auffallender Weise das Mißverhältnis zwischen 
ihrer starken Suggestibilität und der geringen selbständigen Pro- 
duktion. Havelock Ellis weist nach, daß von all den großen 
religiösen Bewegungen der Welt 99 unter 100 ihren ersten Lnpuls 
von Männern erhalten haben. Dagegen waren es die Frauen, die 
immer bereit waren, sich den Beligionsstiftem anzuschließen. 

Im Gegensatze dazu scheinen die Frauen auf dem Gebiete 
der Politik mehr selbständige Bedeutung zu besitzen, wie die 
große Zahl hervorragender Herrscherinnen beweist. Die diplo- 
matische Gewandtheit, List, Selbstbeherrschung, wie sie die poli- 
tische Tätigkeit erfordert, sind ja spezifisch weibliche Eigen- 
schaften. 

Die oben erwähnte große Suggestibilität des Weibes hängt 
zusammen mit seiner größeren „Emotiv! tat", d. h. es reagiert 
auf physische und psychische Beize rascher als der Mann. Die 
von Mo SSO und C. Lange aufgestellte „vasomotorische Theorie'^ 
der Affekte gUt in höherem Grade von der Frau als vom Manne. 
Ihr Nerven-Muskelsystem ist erregbarer, wie sich besonders an 
der Pupille und der Harnblase zeigt. Letztere nennen M o s s o und 
Pellacani den feinsten Psychometer des ganzen Körpers. Die 
Kontraktion der Harnblase ist bei vielen Gemütszuständen, wie der 
Furcht, der Erwartung und Spannung, der Schüchternheit eine 
bekannte Erscheinung. Sie kommt bei Frauen und Kindern viel 
häufiger als beim Manne vor. Aerzten und sonstigen Beobaditem 
ist ja die Tatsache, wie leicht bei Frauen unter dem Einflüsse 



81 

starker Erregungea ein Drang zum Urinieren sich einstellt, sehr 
wohl bekannt. 

Zur Erklärung der größeren neuromujskulären Erregbarkeit 
des Weibes kann man auch die relativ bedeutendere Größe seiner 
Unterleibsorgane heranziehen. 

Dieser größeren Erregbarkeit der Frauen entspricht eine 
leichtere Ermüdbarkeit. Diese tritt bei jeder länger 
(lauernden Arbeit hervor, ist aber ein Schutz gegen zu große Ueber- 
anstrengung, die so häufig beim Manne zu völliger Erschöpfung 
führt, weil er z u lange arbeitet. Jene Erschöpf barkeit des Weibes 
hängt wohl auch zusammen mit seiner im vorigen Kapitel er- 
wähnten physiologischen Anämie, dem größeren Wassergehalt 
seinem Blutes und der geringeren Zahl der roten Blutkörperchen. 

HavelockEllis konstatiert eine Abnahme der Emotivitat 
beim modernen Weibe unter dem Einflüsse der Sitte und Erziehung, 
besonders der größeren Verbreitxmg körperlichen Sportes unter den 
Mädchen. Aber er glaubt ebenfalls nicht an einen dereinstigein 
völligen Ausgleich der emotiven Unterschiede zwischen den Ge- 
scblechtem, da diese auf festgelegten körperlichen Differenzen 
beruhen, wie der größeren Ausdehnung der Sexualsphäre und 
der viszeralen Funktionen beim Weibe, der physiologischen Anämie 
desselben xind der größeren Periodizität in seinen Lebensvorgängen. 

„So viele Faktoren wirken zusammen, dem Spiel der Affekte 
eine Basis zu geben, deren größere Breite keine Aenderung des 
Milieus und der Sitten beseitigen kann. Die Emotivitat des Weibes 
kann auf feinere und zartere Nuancen reduziert, aber sie kann 
nicht auf das Niveau des männlichen Geschlechts gebracht werden.'^ 

In bezug auf die künstlerische Begabung ist das 
männliche Geschlecht ohne Zweifel dem weiblichen überlegen. 
Der langen Beihe genialer mäjmlicher Dichter, Musiker, Maler, 
Bildhauer läßt sich keine nennenswerte Zahl hervorragender weib- 
licher Künstlerinnen auf diesen Gebieten gegenüberstellen. Selbst 
die Kochkunst wurde durch Männer ausgebildet und weiter ge- 
bracht. Ohne Zweifel spielt hierbei die verschiedene Sexualität 
eine hervorragende ursächliche BioUe. Der impetuose, aggressive 
Charakter des männlichen Greschlechtstriebes begünstigt auch die 
schöpferischen Antriebe, die Umsetzung der sexuellen Energie in 
höhere plastische Tätigkeit, wie sie sich in den Momenten höchster 
künstlerischer Konzeption vollzieht. Auch die größere Variabilität 

Bloob, 6emAll6b6D. 2. u. a Auflage. 5 

(6.~ia Tausend.) 



«2 

des Mannes macht die größere Häufigkeit männlicher Künstler 
er&ten Ranges erklärlich. 

John Hunter, Burdach, Darwin, Havelock 
Ellis u. a. haben die größere Neigung des Mannes, 
vom Typus abzuweichen, festgestellt. In der Entwicklung 
stellt der Mann die variablere und progressivere, das Weib die 
monotonere und konservativere Hälfte der Menschheit dar, was 
auch psychisch deutlich zum Ausdrucke kommt. Trotz sninehmen- 
der individueller Differenzierung — freilich nur bei einer Minorität 
und Elite von Frauen, wie Rosa Mayreder sehr richtig dar- 
legt — wird jener große Unterschied in der Variabilität der 
Geschlechter immer bestehen bleiben. Diese biologische Tatsache 
hat gewiß für die Kultur und das Verhältnis der Geschlechter 
eine große Bedeutung. 

Bei einer Vergleichung von Mann und Frau ist auch niemals 
die wichtige Tatsache der Menstruation zu vergessen. Sie 
ist nur der Ausdruck, nur eine Phase einer beständigen Wellen- 
bewegung im ganzen weiblichen Organismus. Der Geistes- und 
Gemütszustand des Weibes ist ohne Zweifel ein verschiedener 
in den verschiedenen Phasen des monatlichen Zyklus. Icard 
und neuerdings Francillon (Essai sur la puberte chez la f emme, 
Paris 1906, S. 189 — 198) haben darüber Genaueres mitgeteilt. „Bei 
allen Proben von Kraft und Geschicklichkeit," sagt Havelock 
Ellis, „hängt die Verfügung des Weibes über ihren Besitz an 
Kraft und Genauigkeit von dem gerade vorhandenen Niveau ihrer 
Monatskurve ab. Ebenso sollte bei jedem strafrechtlichen Ver- 
fahren gegen eine Frau regelmäßig das Verhalten der Tat zu 
ihrem Monatszyklus ermittelt werden." 

Die Besultate, zu denen Helen Bradford Thompson 
durch experimentelle Untersuchungen in ihrer „vergleichenden 
Psychologie der Geschlechter" (Würzburg 1905) gelangt ist, 
stimmen in ihren Grundzügen mit den eben dargelegten Ergeb- 
nissen früherer Untersuchungen überein. Auch bei ihren Ver- 
suchen erwies sich „der ^fann in bezug auf motorische Fähig- 
keiten und Urteilsfähigkeit als besser entwickelt. Die Frau hatte 
wirklich schärfere Sinne und ein besseres Gedächtnis, die Be- 
hauptung aber, daß die gemütliche Erregbarkeit im Leben der 
Frau eine größere Bolle spiele, bestätigte sich ihr nicht. Da- 
gegen weist ihr größerer Hang zur Religiosität und zum Aber- 



83 

glauben auf ihre konservative Natur hin, auf ihre Funktion, fest- 
stehende Glaubenslehren und Einrichtungen zu bewahren." 

Die Tatsache kann also nicht aus der Welt geschafft werden, 
daß Mann und Weib körperlich und geistig eminent verschie- 
dene Wesen sind. Ob sie, wie Alfons Bilharz ausführt, 
wirklich durchaus gleichwertige Gregensätze sind, was er durcli 
die Gleichung (4- 1) = ( — 1), d. h. ihre Summe ist gleich Null, 
ausdrückt, das bleibe dahingestellt. Daß aber tinvertilgbare Diffe- 
renzen bestehen, ist gewiß. Dabei kann von einer Inferiorität 
des Weibes gegenüber dem Manne nicht die Bede sein. Was ihr 
auf der einen Seite abgeht, hat sie auf der anderen mehr. Sie 
ist ein durchaus anders geartetes Wesen, der Natur näher 
als der Mann, daher auch rätselhaft wie diese, die „große 
Siegelbewahrerin des Naturgeheimnisses" (Bärenbach). 

Wer erklärt die wundervolle 
Magische Gewalt im Weibe? 

sagt Platen, damit eine Seite urgermanischer Empfindung be- 
rührend, die bereits im „sanctum aut providum" des Tacitus 
hervorgehoben wird. Auch Ovid, Byron, Börne, Rous- 
seau haben den wunderbaren, geheimnisvollen Einfluß der der 
männlichen so dtirchaus heterogenen Natur des Weibes geschildert, 
am schönsten aber Theodor Mundt in der folgenden herr- 
lichen Stelle seines Buches über Charlotte Stieglitz: 

„Das Geheimnisvolle in der weiblichen Natur weist mit der 
zauberhaften Mystik ihrer Organisation auf besondere und tief- 
liegende Ideen der Schöpfimg zurück, und in diesen holden llätseln 
der Liebe hat sich das Sympathetische in allem Weltzusammen- 
hange ausgedrückt. Das Sympathetische, welches die Kräfte lockt 
und bindet, die stille Musik im Innersten der Weltseele, die Sterne, 
Sonnen, Körper, Geister in diesem ewig wandelnden Bhythmus 
und in dieser unverlierbaren Gegenseitigkeit sich bewegen macht, 
ist das Weibliche des Universxuns. Dies ist das ewig Weibliche, 
von dem (xoethe sagt, daß es himmelan ziehe. Daher nichts 
Tieferes, Leiseres, Unerforschlicheres, als eines Weibes Herz. All- 
beweglich greift es in jede wunderbare Feme des Daseins hin- 
über und hört mit feinen Nerven das Verborgenste, was es gibt, 
in sich heraus. Von jedem Klang berührt und erschüttert, wie 
eine Geisterharfe gebaut, zittern auf ihm die geheimsten Saiten 
der Natur und des Lebens oft in prophetischen Schwingungen nach. 

6* 



84 

Das Weibliche ist etwas Allgemeines an allem Leben, die leiseste 
Psyche des Daseins, und daher der feine Zusammenhang der weib- 
lichen Natur mit den allgemeinen Organisationen, Einwirkungen 
und Weltkräften, daher die geheimnisreiche Anziehungskraft, die 
es, als der eigentliche Pol des Greschlechts, so magisch ausübt, als 
könne jedes nur erst in und mit ihm, dem echt Weiblichen, seinen 
Frieden finden, und ein Allgemeines, das es mit jenem gemein- 
sam hat lind doch auch wieder nicht, als ihr Dauerndes befestigen. 
So deuten die Alten diese Idee eines allgemein Weiblichen in der 
menschlichen Natur merkwürdig an, indem sie durch ihre Be- 
nennung der Augäpfel ausdrücken, daß jedem ein junges Mäd- 
chen im Auge sitze! Junge Mädchen (pupillae, xopoi) nannten 
die Alten die Augäpfel, worauf einmal Winkelmann aufmerk- 
sam gemacht, und das menschliche Auge, dieses strahlende Hell- 
dunkel des geheimsten Seelengrundes, kann man es treffender 
und bezeichnender nennen, als indem man ihm die Weiblichkeit 
beilegt, die Weiblichkeit, die am eigensten aus jenem geheimen, 
leisen Seelengrund alles Lebens, wie eine Anadyomene aus der 
Tiefe, heraussteigt, die, wie sie das aufgeschlagene Auge der 
irdischen Schönheit, so auch die Schönheit im menschlichen 
Auge ist?" 

Auch Nietzsche spricht von dem „Schleier" von schönen 
Möglichkeiten, der über dem Weibe liege imd den Zauber des 
Lebens ausmache. Diese undefinierbare geistige Emanation, dieses 
Dunkle, Irrationale im Weibe veranlaßt von Hippel zu dem 
geistreichen Wort, daß das Weib ein Komma sei, der Mann ein 
Punkt. „Hier weißt du, woran du bist; dort lies weiter." £& 
gehen von dieser tiefinnerlichen Natur des Weibes ungeheuere 
Wirkungen aus, weibliches Wesen ist ein Kulturfaktor ersten 
Ranges. Fehlte er, so gäbe es keine Kultur. Am schönsten hat der 
große Buckle die Unentbehrlichkeit der Frau auch für den 
geistigen Fortschritt der Menschheit ins Licht gestellt. „Wir," 
sagt er, „die Sklaven der Erfahrungen und Tatsachen, verdanken's 
nur ihnen, daß unsere Knechtschaft nicht weit vollständiger und 
schmählicher geworden ist. Ihre Art und Weise des Denkens, ihre 
geistigen Gepflogenheiten, ihre Unterhaltung, ihr Einfluß breiteten 
sich unmerkbar über die ganze Gesellschaft aus und drangen viel* 
fach auch in den inneren Bau derselben ein. Dadurch sind wir, die 
Männer, mehr als durch alles andere einer vollkommener gedachten 
Welt zugeführt worden." 



85 

Dieses dunkle, vninderbare Wesen des Weibes hat aber auch 
seine Kehrseite. Auf ihm beruht jene Ursprüngliche, tief wtirzelnde 
Antipathie der Geschlechter, die aus ihrer tiefen 
Heterogenität, aus der Unmöglichkeit, einander wirklich zu ver- 
stehen, hervorgeht. Hier liegen die Wurzeln der brutalen Knech- 
tung des Weibes durch den Mann im Laufe der Gfeschichte, des 
Hexenglaubens, der Weiberverachtung und der stetigen Er- 
neuerung der Misogynie in der Theorie. Oft täuscht die Ge- 
flchlechtsliebe über diese Gregensätze nur hinweg. Wie wenig das 
Weib das innerste Wesen des Mannes versteht, haben Leopardi 
und Theophile Gautier (in „Mademoiselle de Maupin**), 
wie wenig der Mann die Frau begreift, hat Annette von 
Droste-Hülshof f poetisch geschildert. 

Deshalb ist wahre Liebe Verständnis des gegenseitigen 
Wesens, Enträtselung. Etre aime, c'est etre oompris, sagt Del- 
phine de Girardin. 

Was bedeutet die Feststellung der psychischen Sexual- 
diiferenzen für die sogenannte Frauenfrage? Die Antwort ^ 
lautet: Die Natur des Weibes, voll entwickelt • 
in allen ihren Eigentümlichkeiten, bereichert | 
durch alle ihrem Wesen adäquaten geistigen Ele- \ 
mente unserer Zeit, sichert ihm einen gleichen j 
Anteil an der Kultur und dem Fortschritte der j 
Menschheit. 

Eine völlige Gleichheit zwischen Mann und Frau ist im- 
möglich. Aber sind denn schon alle Seiten des weiblichen Wesens 
herausgeaürbeitet, entwickelt? Muß nicht das Kulturweib der 
Zukunft noch erst geschaffen werden? Den berechtigten 
Kern der Frauenbewegung erblicke ich lq der Emanzipation des 
Weibes von der Herrschaft der bloßen Sinnlichkeit und von der 
nicht minder verderblichen des mannlichen G^isteshochmutes. 
Haben wir Männer denn wirklich einen Gnind, uns auf unser 
Wissen und unsere. Intelligenz so sehr viel einzubilden? Hätten 
wir es ohne die Frau so herrlich weit gebracht? 

Ein Blick auf die Anfänge der menschlichen Kultur lehrt 
uns ein wenig Bescheidenheit. Da sehen wir nämlich, daß das 
Weib in bezug auf die produktive, schöpferische Tätigkeit dem 
Manne gleich, wenn nicht sogar überlegen war. Erst allmählich 
im Laufe des Kulturfortschritts verdrängte der Mann die Frau 
und übernahm nach und nach alle Teile der Produktion, während 



86 

die Frau immer mehr auf die häuslichen Angelegenheiten be- 
schränkt wurde. Nach Karl Bücher fiel ursprünglich der 
Frau alle Arbeit zu, die mit der Gewinnung und Verarbeitung 
der Pflanzenstoffe zusammenhangt, auch die Herstellung der 
dabei nötigen Vorrichtungen und Grefäße, dem Manne Jagd, Fisch- 
fang, Viehzucht, die Herstellung der Waffen und Werkzeuge. 
Somit hatte die Frau das Stampfen und Mahlen des Getreides, 
das Backen des Brotes, die Zubereitung von Speisen und Ge- 
tränken, die Töpferei, die Verarbeitung der Spinnstoffe zu be- 
sorgen. Da diese Arbeiten vielfach in rhythmischer Art vor sich 
gingen und die Frauen auch gesellig in den Feldern oder bei 
den Hütten arbeiteten, während der Mann einsam im Walde das 
Wild beschlich, so waren die Frauen auch die ersten Schöpferinnen 
von Poesie imd Musik. 

„Nicht auf den steilen Höhen der Gesellschaft", sagt 
Bücher, „ist der Dichtung Quell entsprungen, sondern aus den 
Tiefen der reinen und starken Volksseele ist er hervorgequollen. 
Frauen haben über ihm gewaltet, und wie die 
Kulturmensehheit ihrer Arbeit viel des Besten 
verdankt, was sie besitzt, so ist auch ihr Denken 
und Dichten eingewoben in den geistigen Schatz, 
der von Geschlecht zu Geschlecht überliefert ist. 
Es wäre eine lohnende Aufgabe, die Spuren der Frauendichtung 
weiter zu verfolgen in dem geistigen Leben der Völker. Sind 
sie auch vielfach verschüttet durch die nachfolgende Periode der 
Männerpoesie, die in dem Maße die Herrschaft zu erlangen scheint, 
als auch die materielle Produktion an die Männer übergeht, so 
lassen sie sich doch bei einer Beihe von Völkern bis tief in die 
literarische Zeit hinein verfolgen." 

Von den Frauen erlernten vielfach erst die 
Männer die verschiedenen Handwerke. So hat, wie 
M a s o n sagt, die Frau der Urzeit ihr „Ulu" dem Sattler Über- 
macht und hat ihn die Bearbeitung des Leders gelehrt. Die 
Frauen sind die ersten Erfinderinnen zahlreicher Industrien und 
Handwerke. Die weitere Entwicklung und Fortbildung fiel aber 
später den Männern zu. Sie allein verstanden es, die Arbeit zu 
differenzieren, während die Mutterschaft die Arbeit der Frauen 
von vornherein stark beeinträchtigen mußte. 

Noch im Mittelalter gab es in Europa, besonders in Deutsch- 
land und Frankreich, ausschließlich weibliche Handwerker, wie 



87 

die Seidenspümerinnen, die Seidenweberinnen, Schneiderumen, 
Gürtlerinnen usw. Es gab Meisterinnen, Mägde und Lehr- 
Jungfrauen in diesen Berufen. EIrBt seit dem 16. Jahrhundert 
wurde die Handwerksarbeit ein Monopol des männlichen Ge- 
schlechts. Im 18. Jahrhundert wurden die Frauen sogar gesetz- 
lich von den Handwerken ausgeschlossen, bis sich dann in der 
Neuzeit wieder ein Wandel zu ihren Gunsten vollzog. 

Man darf also die Fähigkeit der Frauen für die praktische 
Tätigkeit außerhalb des Hauses nicht nach den heutigen Ver- 
hältnissen bexirteilen. Ich stimme durchaus Oerland bei, wenn 
er einen gewissen schädigenden Einfluß der Jahrtausende währen- 
den Bedrückung des weiblichen Geschledits annimmt, imd ebenso 
Havelock Ellis, wenn er von der Kultur der Zukunft die 
Entwicklung einer gleichen Freiheit für Mann und Frau erhofft 
und eine auf unbeschränktem Experimentieren beruhende Er- 
fahrung über die Qualifikation des weiblichen Geschlechts für 
alle Arbeitsgebiete fordert. Goldene Worte über die Notwendig- 
keit einer umfassenden Frauenemanzipation hat schon 1877 der 
berühmte Anthropologe Thomas Huxley in seinem Aufsatze 
über „schwarze und weiße Emanzipation'^ gesprochen imd das 
gegenwärtige System der Mädchenerziehimg scharf verurteilt. 
„Warum", fragt dieser große Naturforscher, „sollen wir nicht 
liebliche Mädchen als Doktorinnen haben? Sie werden bei ein 
wenig Weisheit nicht weniger lieblich sein; und das „goldene 
Haar*^ wird sich nicht weniger anmutig deshalb auf dem Kopfe 
locken, weil Gehirn darinnen ist. Ja, wenn offenbare praktische 
Schwierigkeiten überwunden werden können, so lasse man die 
Frauen, welche Neigung dazu fühlen, in die Gladiatorenarena 
des Lebens hinabsteigen, nicht bloß in der Verhüllung der 
„letiariae" wie vormals, sondern als kühne „sicariae", mit 
mutiger Stirn im offenen Gefecht. Man lasse sie, wenn es 
ihnen gefällt, Kaufleute, Anwälte, Politiker werden. Sie mögen 
freies Feld haben, aber sie mögen auch das verstehen, was not- 
wendig dazu gehört, daß keine weitere Bevorzugung ihrer wartet, 
allein die Natur möge hoch über den Schranken zu Gericht 
sitzen und den Streit entscheiden.'^ Und daß die Männer ihre 
alte Stellung behaupten werden, daran dürfte nicht zu zweifeln 
sein. Nur wird die Teilnahme der Frauen an der Kulturarbeit») 

•) Vgl. dazu Alice Salomon, Die Berufswahl der Mädchen ; 
Josephine Le vy -Rathenau, üebersicht über die einzelnen 



88 

ein nenes, frijsches Element in dieselbe hineinbringen, und indem 
jede Frau zur systematischen Lebensarbeit herangezogen wird, 
wird dem physisch und psychisch so verderblichen Müßiggang 
des unbeschäftigten jungen Mädchens, der „alten Jungfer*' und 
der „unverstandenen Frau" ein Ende gemacht und damit diese 
wenig schönen Typen für immer beseitigt. Die Arbeit der Mutter 
und Hausfrau muß dementsprechend ebenfalls höher bewertet 
werden, als das bis jetzt der Fall war. Auch die Technik und 
Theorie der Hauswirtschaft kann heute vervollkommnet und zu 
einer befriedigenden Tätigkeit umgestaltet werden.*) 

Die Frau ist ein integrierender Bestandteil des Kultur- 
prozesses, der ohne sie nicht denkbar ist. Eben jetzt ist ein 
Wendepunkt in der Greschichte der weiblichen Welt. Die Frau 
der Vergangenheit schickt sich an, der Frau der Zukunft Platz 
zu machen, an die Stelle der gebundenen tritt die freie 
Persönlichkeit. 



Frauenberufe, ihre Erfordernisse und Aussichten ; Elisabeth Alt- 
mann-Gottheiner, Frauenstudium. Sämtlich in : Das Buch vom 
Kinde, herausg. von Adele Schreiber, Leipzig und Berlin 1907 
Bd. II, Abt. 2 S. 182—188; 189—209; 210—216 (mit Angabe der 
wichtigsten Literatur). 

*) Darüber äußert sich einer unserer bedeutendsten National- 
ökonomen folgendermaßen: „Man beobachte, was heute eine tüch- 
tige Hausfrau des Mittelstandes durch vollendete hauswirtschaftliche 
und hygienische Tätigkeit, durch Eindererziehung, durch Kenntnis und 
Benutzung der hauswirtschaftlichen Maschinen leisten kann ; man über- 
sehe nicht, wie einseitig die großen naturwissenschaftlichen imd tech- 
nischen Fortschritte sich bisher in den Dienst der Großindustrie ge- 
stellt haben, welche segenspendende Vervollkommnung noch möglich 
ist, wenn sie nun auch in den Dienst des Hauses treten. Kur die 
rohe, barbarische Hauswirtin der unteren Klassen kann sagen, sie 
habe heute nichts mehr im Hause zu tun ; vollends bei gesunder Wohn- 
weise, wenn zu jeder Wohnung ein Gärtchen gehört, ist die Hausfrau 
auch heute voll beschäftigt und wird es künftig noch mehr sein. 
trotz aller sie unterstützenden Schulen, Kaufläden und Gewerbe, trotz- 
dem daß sie in steigendem Maße fertige Produkte, ja fertiges Essen 
einkauft. Und neben ihrer Hauswirtschaft soll sie Zeit für Lektüre. 
Bildung, Musik, gemeinnützige und Yereinstätigkeit haben, gerade 
auch bis in die untersten Klassen hinein. Ohne das gibt es keine 
soziale Bettung und HeiL" G. Schmoller, Grundriß der allgemeinen 
Volkswirtschaftslehre, Leipzig 1901, Bd. I, S. 253. 



89 



Anhang über die geschlechtliche Sensibilität 

des Weibes. 



Eine alte, bis heute noch nicht gelöste Streitfrage betrifft 
die Stärke und Natur der geschlechtlichen Sensibilität des Weibes. 
Während die Aeußerungen der männlichen Gbschlechtsbegierde 
und (Jeschlechtslust ziemlich eindeutig sind, und bei ihm, wie 
auch A. Eulenburg feststellt, der Begattungstrieb jedenfalls 
bedeutend mehr hervortritt als der Fortpflanzungstrieb, ist das 
aeruelle Empfinden des Weibes noch in großes Dunkel ge- 
hüllt. Sagte doch schon Magendie, daß nicht zwei Frauen 
in bezug auf ihr geschlechtliches Fühlen und Empfinden 
übereinstimmen. Es gibt ohne Zweifel noch viel mehr ver- 
sdiiedene erotische Typen bei Frauen als bei Männern. Bosa 
Mayreder unterscheidet z. B. einen erotisch -exzentrischen, 
einen altruistisch - sentimentalen imd einen egoistisch -frigiden 
Typus. Man hat den Versuch gemacht, den letzteren als den 
am meisten verbreiteten, ja als den am meisten für das 
Weib charakteristischen Typus hinzustellen. Zuerst haben 
Lombroso und Ferrero diese geringere geschlechtliche 
Sensibilität der Frau behauptet, ebenso Campbell, und 
neuerdings hat ein Berliner Arzt, Dr. O. Adler, sogar ein 
eigenes Buch über die „mangelhafte Qeschlechtsempfindung 
des Weibes'' veröffentlicht, dessen Ergebnis ist, daß „der Gre- 
schlechtstrieb (Verlangen, Drang, Libido) des Weibes sowohl in 
seinem ersten spontanen Entstehen wie in seinen späteren Aeuße- 
rungen wesentlich geringer ist als derjenige des Mannes, daß die 
Libido vielfach erst in geeigneter Weise geweckt werden muß 
und oftmals überhaupt nicht entsteht.'' 

Zuerst ist Albert Eulenburg in einem Artikel in der 
„Zukunft" (vom 2. Dezember 1893), später in seiner „Sexualen 
Neuropathie'' (Leipzig 1895, S. 88 — 89) dieser Lehre von der 
physiologischen sexuellen Anästhesie des Weibes entgegengetreten 
und beruft sich dabei auf den erfahrenen Frauenarzt Kisoh, 
von dem er folgende Aeußerung zitiert: „Der Geschlechtstrieb 
ist eine so machtvolle, in gewissen Lebensperioden den ganzen 
Organismus des Weibes so überwältigend beherrschende elementare 
Gewalt» daß ihre Entfesselung der Beflexion über Fortpflanzung 
keinen Raum läßt, und daß im Gegenteile die Begattung begehrt 



90 

wird, auch wenn vor der Fortpflanzung Furcht herrscht oder 
von Fortpflanzung keine Bede mehr sein kann." 

Ich selbst habe eine ganze Anzahl gebildeter Frauen über 
diesen Funkt befragt. Ohne Ausnahme erklärten sie die 
Theorie von der geringeren geschlechtlichen Sensibilität des 
AVeibes für unrichtig, viele meinten sogar, sie sei größer und 
nachhaltiger als beim Manne.^) 

Wenn man in der Tat die physischen Grundlagen der weib- 
lichen Serualität betrachtet, so wird man zugeben müssen, daß 
seine Geschlechtssphäre eine viel ausgebreitetere ist als 
beim Manne. Der Verfasser der „Splitter" hat das sehr gut 
charakterisiert, wenn er sagt: „Die Weiber sind überhaupt lauter 
Cxeschlecht von den Knien bis zum Hals. Wir haben unser Zeug 
an einen Ort konzentriert und extrahiert, d. h. vom übrigen 
Körper abgelöst, weil pret ä partir. Sie sind eine große Ge- 
schlechts fläche oder -Scheibe, wir haben nur einen Geschlechts- 
pfeil. Das Zeugen ist ihr eigentliches Element, und wenn 
sie es tun, bleiben sie zu Hause und in ihrem Eigenen, wir 
müssen dazu in die Fremde und aus uns selbst heraus. Auch 
zeitlich ist unser Zeugen konzentriert. Wir brauchen unter Um- 
ständen kaum zehn Minuten dazu, sie ebensoviel Monate. Sie 
zeugen eigentlich immerwährend und stehen imunterbrochen am 
Hexenkessel, kochend und brauend, während wir nur im Vorbei- 
gehen und fast zufällig einige Brocken hineinwerfen." 

Vielleicht bedingt aber die größere Ausdehnung der weib- 
lichen Sexualsphäre eine, wenn man so sagen darf, größere Zer- 



^) Bemerkenswert ist die folgende Aeoßerung von geistlicher Seite 
über die Sinnlichkeit der Landmadehen: „Mädchen stehen in fleisch- 
licher Lüsternheit hinter den jungen Leuten nicht zurück, sie lassen 
sich nur zn gern verführen und gebrauchen, so gern, daß selbst 
ältere Mädchen oft mit halbwüchsigen Burschen fürlieb nehmen, und 
daß Mädchen häufig nacheinander sich mehreren 
Männern preisgeben. Auch sind es nicht immer die jungen 
Burschen, von denen die Verführung ausgeht, sondern vielfach sind 
es die Mädchen, welche dieBurschenzumGeschleohts- 
genuß an sich locken, wie sie denn auch nicht warten, bis 
die Knechte sie in ihrer Kammer besuchen, sondern sie gehen zu den 
Knechten in deren Schlaf räum und erwarten diese oft schon in deren 
Bett." G. Wagner, Die geschlechtlich-sittlichen Verhältnisse der 
evangelischen Landbewohner im deutschen Reiche, Leipzig 1897 Bd. I 
2. Abt. S. 213. 



91 

Streuung der geschlechtlichen Empfindungen, die nicht so sehr 
auf einen Punkt zusammengedrängt sind wie beim Manne, wo- 
durch auch die spontane Auslösiing der Libido erschwert wird. 

Neuerdings hat Havelock Ellis eingehende Unter- 
suchungen über den Greschlechtetrieb beim Weibe angestellt. Er 
fand folgende Unterschiede vom Geschlechtstrieb des Mannes. 

1. Der Geschlechtstrieb des Weibes zeigt größere äußerliche 
Passivität. 

2. Er ist komplizierter, tritt weniger leicht spontan hervor, 
häufiger der äußeren Anregung bedürftig, während sich der 
Orgasmus langsamer einstellt, als beim Manne. 

3. Er entwickelt sich erst nach dem Beginne des regelmäßigen 
Geschlechtsgenusses in seiner vollen Stärke. 

4. Die Grenze, jenseits deren der Exzeß beginnt, wird 
weniger leicht erreicht als beim Manne. 

5. Die G^chlechtssphäre hat eine größere Ausdehnung und 
ist diffuser verteilt als beim Manne. 

6. Die spontanen Regungen des geschlechtlichen Begehrens 
haben eine ausgesprochenere Neigung zur Periodizität.^) 

7. Der Geschlechtstrieb zeigt beim Weibe eine größere 
Variabilität, eine weitere Variationsbreite als beim Manne, so- 
wohl wenn man die einzelnen weiblichen Individuen, wie wenn 
maji die verschiedenen Phasen des Lebens bei demselben Weibe 
miteinander vergleicht. 

Diese große Ausbreitung der weiblichen Sexualsphäre wird 
z. B. durch den von Moraglia mitgeteilten Fall einer Frau 
illustriert, die sich durch Masturbation von 14 verschiedenen 
Sielleu ihres Körpers in geschlechtliche Erregung versetzen konnte. 

Wie viel mehr das Weib Sexualität ist als der Mann, kann 
mau in Irrenanstalten beobachten, wo die konventionellen Hem- 
mungen wegfallen. Hier sind nach Shaws Beobachtungen die 



•) E. Heinrich Kisch (Das Geschlechtsleben des Weibes, 
Berlin u. Wien 1904 S. 183) nennt die Ovarien einen „Eegulator 
4e« Geschlechtstriebes." Im Ovarium und dessen periodischen Ver- 
äuderangen liege die Grundursache und die Eegulation des Ge- 
schlechtstriebes, in der Klitoris sei der Sitz des Wollust- 
gefühles. 



92 

Frauen an Greläufigkeit, Bosheit und Schmutzigkeit den 
M&nnem entschieden überlegen, und in dieser Beziehung gibt es 
keinen Unterschied zwischen einem schamlosen Mannweibe aus 
den Quartieren des Londoner Gresindels und einer eleganten Dame 
aus vornehmen Stadtteilen. Lärm, Unreinlichkeit und geschlecht- 
liche Depravation in Sprache imd Betragen ist in den Frauen- 
abteilungen der Irrenanstalten viel gewöhnlicher als in den 
Männerabteilungen. Li allen Formen akuter Geistesstörung tritt 
nach Shaw das semielle Element beim Weibe deutlicher hervor 
als beim Manne. 

Ein anderer erfahrener Lrenarzt, Dr. E. Bleuler, bestätigt 
dieses Durchtränktsein des Weibes mit Sexualität. Er macht in 
einer neuerdings erschienenen Schrift darüber die zutreffende 
Bemerkung: „Die ganze „Karriere*' hängt ja bei der Durch- 
schnittsfrau an der Sexualität; für sie bedeutet die Heirat oder 
ein Aequivalent derselben das, was dem Manne Emporkommen 
im Geschäft, sein Ehrgeiz in allen Beziehungen, der glücklich 
geführte Kampf ums einfache Dasein, sowie um Lebensgenuß 
und Lebensinhalt ist, und dann erst noch die Sexualität mit 
Elinderfreude dazu. Nicht heiraten, sowie außerehelicher Qe- 
schleohtsgenuß haben für die Frau unabsehbare Folgen mit den 
stärksten Affektbetonungen; dem Durchschnittsmanne erscheint 
beides relativ oder absolut gleichgültig. Und dann noch die ein- 
fältigen Schranken unserer Kultur, welche sogar das innere Aus- 
leben auf diesem (}ebiet, das Ausdenken dem wohlerzogenen 
Weibe unmöglich machen, und innere Unterdrückung der sexuellen 
Affekte selbst, nicht nur der Aeußerungen derselben verlangen. 
Was Wtmder, daß man unter diesen Umständen bei kranken 
Frauen auf Schritt und Tritt konvertierten, unterdrückten, ver- 
schobenen sexuellen (}efühlen begegnet, den sexuellen Gefühlen, 
welche überhaupt mindestens die Hälfte unserer natürlichen 
Existenz ausmachen; ich sage mindestens die Hälfte, denn 
der analoge Trieb, der Nahrungstrieb, scheint vor dem Sexual- 
trieb ^orückzutreten, und 2rwar nicht nur beim kultivierten 
Menschen.'* 

Li den meisten Fällen ist tatsächlich die sexuelle Kälte des 
Weibes nur eine scheinbare, entweder wo hinter dem durch die 
konventionelle Moral »vorgeschriebenen Sohleier der äußeren Zu- 
rückhaltung sich eine glühende Sexualität verbirgt oder wo es 
dem Manne nicht gelingt, die so komplizierten und schwer aus- 



93 

lösbaren erotischen Empfindungen richtig zu wecken.') Sobald ihm 
das gelingt, schwindet auch in den meisten Fällen die sexuelle 
Unempfindüchkeit. Ein eklatantes Beispiel hierfür liefert der 
folgende Fall- 

Fall von temporärer sexueller Anästhesie. — 
ÜO jähriges Mädchen. Frühzeitige Regung des Geschlechtstriebes. 
Schon als Kind von 5 Jahren trieb sie Onanie, führte sich öfter 
zum Zwecke der sexuellen Reizung Haarnadeln in die Scheide 
ein, bis eines Tages eine stecken blieb und auf operativem AVeg« 
entfernt werden mußte. Trotzdem setzte sie bald die Masturbation 
fort, wobei sie mit dem Finger, mit Kerzen usw. an den Geni- 
talien manipulierte. Zuletzt geschah das täglich, bis zum 18. Jahre, 
Damals erster geschlechtlicher Verkehr mit einem Manne, der 
sie aber völlig kalt ließ, wie auch die folgenden Versuche mit 
diesem und anderen Männern. Endlich gelang es einem ihr sym- 
pathischen Manne, sie geschlechtlich zu befriedigen, durch Ver- 
tauachung der Bollen und dementsprechende Aenderung Jer Stel- 
lung. Späterer Verkehr in normalT Stellung brafhte ihr eben- 
fallB volle Befriedigung. Seitdem hat Onanie völlig aufgehört, 
und es tritt in coitu sofort Orgasmus schon nach 1^2 Minuten ein. 

Wo dauernde sexuelle Frigidität beim Weibe besteht, da 
handelt e« sich entweder um Einflüsse der Vererbung, um eine 
sexuelle Entwicklungshemmung, den „psycho- sexualen Infantilis- 
mus" Eulenburgs, oder um Krankheiten (besonders Hysterie 
and andere Nervenleiden) und um die Folgen habitueller Onanie. 

Im großen und ganzen ist die geschlechtliche Sensibilität 
des Weibes zwar, wie wir sahen, von ganz anderer Natur als 
diejenige des Mannes, aber in ihrer Wirkung mindestens ebenso 
groß wie diese. 



') Treffend bemerkt Georg Hirth (Wege zur Liebe, Münchea | 

1906, S. 570) : „Da ist es denn die Aufgabe des Ifasnes, seioe ganae ' 

Selbstbeherrachung und Kanst zusammeuzunehmea und vor allem da- 
für an aorg«a, dafl die Frau, wie mau zu sagen pflegt, ,, fertig" wird. 
Der Uann, der mir auf die eigene Befriedigung bedacht iat und seine 
Partnerin auf halbem Wege im Stiebe läßt, ist ein brutaler Meusoh, 
oder aber er abnt nicht, welchen Schaden er ibr zufügt . . . Im 
allgemeiuea bat der Mann das Tempo der Befriedigung viel besser und 
■icberer in der Hand, als die Frau, bei manchen Frauen tritt der 
Orgasmus überhaupt sehr schwer ein. Da heißt es mit Kunst und 
Zärtlichkeiten nachhelfen." 

^ Ü 



94 



SECHSTES KAPITEL. 

Der !Weg des Geistes in der Liebe. 
Religion und Sexualität. 

Je klarer wir uns darüber werden, wie die unbestimmte geschlecht- 
liche Anziehungskraft der niedrigsten Organismen sich durch den 
stetigen Zuwachs psychischer Elemente langsam bis zur Liebe der 
höheren Tiergattungen und des Menschen entwickelt hat, desto eher 
sind wir geneigt, diesem Gefühl jene Bedeutung zuzuerkennen, welche 
ihm gebührt. Dann können wir dasselbe nicht mehr für eine individuelle 
Einbildung halten, die keinen Zusammenhang mit der Wirklichkeit 
und keine Wurzel in der Tiefe des Lebens hat. Sie wird uns zum 
Maßstabe füi* die Stufe der Entwicklung, welche wir erreicht haben. 

Charles Albert. 



r 



95 



Inhalt des sechsten Kapitels. 

Einfluß der Gehimentwickluiig auf den Seraaltrieb. — Beziehungen 
zwischen Sprache und Liebe. — Die psychisch - emotionelle Wurzel 
der Liebe. — Die Liebe als Kulturprodukt. — Zusammenhang zwischen 
körperlichem und geistigem Bildungstrieb. — Der „Funktionatrieb" 
des Dr. Santlus. — Die psychischen sexuellen Aequivalente. — 
Schopenhauer, Hirth, Mantegazza darüber. — Holle der 
Sexualität im Lebensgefühle. — Die organische Bedingtheit der 
Liebe. — Sexualphilosophie. — Der Marquis de Sade. — Otto 
Weininge r. — Max Zeiß. — Beziehungen der Liebe zum indi- 
Tidnelleu Fersönlichkeitsgefühl. — Fortpflanzungs- und Yereinigungs- 
trieb. — Liebe und Liebesumarmung als Selbstzweck. 

Das psychogenetische Grundgesetz der Liebe. — Der Weg des 
Geistes in der Liebe. — Richtung vom Allgemeinen zum Individuellen. 

— Tom Jenseits zum Diesseits. — Die Liebe als transzendentales und 
als persönliches Verhältnis. 

Die Verknüpfung religiös-metaphysischer Vorstellungen mit dem 
Sexualleben. — Eine allgemein anthropologische Erscheinung. — Anthro- 
pomorphistisch-animistische Erklärung des Zusammenhanges zwischen 
Religion und Geschlechtsleben. — Billroths naturwissenschaftliche 
Analyse der religiösen Empfindung. — L. Feuerbach, M'Len- 
nan, Tylor darüber. — Meine Schilderung des psychologischen 
FjrozesaeB bei der Verbindung von Religiösem und Sexuellem. — Die 
Vergöttlichung der Liebe nach E. v. Mayer. — Am stärksten beim 
Weibe. — Vikariieren religiöser und sexueller Empfindungen. — Ge- 
schichte der religiös-sexuellen Phänomene. — Die religiöse Prostitution. 

— Die einmalige und die dauernde religiöse Prostitution. — Hingabe 
an die Gottheit oder deren Stellvertreter. — Die Defloration durch 
göttliche Symbole. — Deflorationsgottheiten der Inder, Juden und 
Römer. — Religiöse Defloration durch Stellvertreter der Gottheit. — 
Der babylonische Mylittakult. — Verbreitung und Erklärung desselben. 

— Die religiöse Prostitution in Indien. — Bei primitiven Völkern. — 
Bachofens geniale Deutung der religiösen Prostitution als Wider- 
stand gegen die Individualisierung der Liebe. — Verachtung der Jung- 
fnuschait bei primitiven Völkern. — Die dauernde religiöse Prostitution. 

— Der Beischlaf als heiliger Akt. — Die Tempelmädchen der Griechen, 
Phönizier und Inder. — Die indischen „Nautsches". — Das Ewigkeits- 
geffihl im religiösen und geschlechtlichen Drange. — Die sexuelle 



96 

Mystik. — Eeligiös-erotische Feste. — Weite Verbreitung. — Beispiele 
aus dem Altertum, aus Indien, Zentral- und Südamerika. — Sexual- 
mystik im Christentum. — Religiös-sexuelle Sekten. — Die ,yUnio 
mystioa". — Die Primiz oder mystische Hochzeit. — Der Marien- 
kultus. — Ein religiöses Lied. 

Die Askese. — Ursprung derselben. — Metschnikoffs Er- 
klärung des Ursprungs der Askese. — Die Disharmonien des Sexuallebens. 

— Psychologie des Asketen. — Seine HypersexuaHtät. — Hohes Alter 
und Ubiquitat der Askese. — Die Askese der Inder, Mohammedaner 
und Christen. — Die Beschäftigung der christlichen Asketen mit 
Sexuellem. — Geschlechtliche Visionen. — Ausschweifende Sekten, — 
Das Mönchs- und Klosterwesen. — Die moderne Askese. — Ihr Unter- 
schied von der älteren. — Zusanmienhang mit den Lebenserfahrungen. 

— Beispiel Schopenhauers. — Ein bisher unveröffentlichtes 
Zeugnis für die Beziehung seiner asketischen Anschauung zu seinem 
Leben. — Tolstoi über die Leiden der Wollust. — Seine relative 
Askese. — Weiningers Erneuerung der altchristlichen Asketik. 

— Motivierung derselben. — Charakteristik des Weininger sehen 
Buches. 

Der Hexenglauben. — Die Hauptquelle aller Misogynie und 
Weiberverachtung. — Keine christliche Erfindung. — Die uralte Ver- 
bindung zwischen Geschlechtlichem und Magischem. — Der sexuelle 
Ursprung des Hexenglaubens. — Die Teufelsbuhlschaft. — Voraussetzim- 
gen des mittelalterlichen Hexenglaubens. — Fortdauer bis zur Gegenwart. 

— Bolle der Sexualität in der Pastoralmedizin. — Aeujßere und innere 
Veranlassung der theologischen Behandlung sexueller Fragen. — Die 
sexualkasuistische Literatur. — Der religiöse Faktor im Sexualleben 
der Gegenwart. — Sexuelle Ausschweifungen moderner Sekten. — Die 
Erneuerung der Romantik. — Erfahrungen eines älteren Arztes über 
Religion und Sexualita.t. — Liebesentbehrung und Liebesübersattigoiig 
als Quellen religiöser Bedürfnisse. — Bedeutung des religiösen Faktors 
in der Geschichte der Liebe. — Untergeordnete Rolle desselben in der 
Individualisierung des Liebesgefühles. 



97 



Wenn man mit Friedrich Batzel die Kultur als die 
Summe aller geistigen Errungenschaften einer Zeit bezeichnet, so 
ist auch die menschliche Liebe, dieses spezifische Kulturprodukt, 
nur ein Spiegelbild der geistigen Begangen der jeweiligen Kultur- 
epoche. Wir können diesen Weg des Geistes in der Liebe 
verfolgen von der Urzeit bis zur Gegenwart und die im Laufe 
der Jahrtausende der Menschheitsgeschichte erfolgte sucoessive 
Verknüpfung der jeder Kulturepoche eigentümlichen geistigen 
Zustände mit der Sexualität noch heute in den einzelnen psychi- 
schen Elementen nachweisen, die die Liebe des modernen Kultur- 
menschen charakterisieren. 

Die mit der Kultur zunehmende Vergeistigimg und Ideali- 
sierung der Sinnlichkeit trotz Bestehenbleibens der elementaren 
Intensität des Geschlechtstriebes hängt mit der schon früher er- 
wähnten, das Genus Homo charakterisierenden Präponderanz des 
Gehirns zusammen, die ganz gewiß eine allmählich ge- 
wordene ist imd wohl aus einer Kumulation ursprünglicher 
Variationen hervorgegangen ist, die ihren Trägem im Kampfe 
ums Dasein eine gewisse Ueberlegenheit verschafften. 

So erweiterte sich ganz allmählich das primäre instinktive, 
noch rein tierische Ich zum sekundären Ich (im Sinne M e y n e r t s), 
zur geistigen Persönlichkeit, der durch die Sprache 
die feste Grundlage gegeben wurde. Mit einigem Becht hat man 
gerade das Auftreten der Sprache als sehr bedeutsam für die 
Entwicklung der Liebesgefühle erklärt und wesentlich durch sie 
die Erhebung über die primitiven tierischen Instinkte sich ver- 
mitteln lassen. A. C a b r a 1 meint in seinem interessanten Werke 
„La Venus Genitrix" (Paris 1882, S. 155), daß Sprache und Ge- 
sang nur wegen der sexuellen Beziehimgen sich entwickelt hätten, 
und er verweist dafür auch auf die wohlbekannten,' so ver- 
schiedenartigen Laute der Tiere im Zustande der geschlecht- 

7 
Bloch, Sexualleben. 2. n. 3. Auflage. 
(^— la Tausend.) 



98 I 

liehen Erregung. Es ist in dieser Hinsicht sehr bedeutungsvoll, 
daß die anthropologische Wissenschaft die frühere Entwicklung 
der Poesie vor der Prosa als wichtige völkerpsychologische Tat- 
sache nachgewiesen hat.*) Das Ursprüngliche war der rhythmische 
Laut, das Lied, der Gesang. Und daß dieser wesentlich suggestiven 
Zwecken, vor allem der geschlechtlichen Anlockung diente, sahen 
wir oben. So hat der ursprüngliche, natürliche Zusammenhang 
der Sprache mit der Sexualität einige Wahrscheinlichkeit für 
sich. An diese ersten erotischen Laute und Locktöne knüpfte 
dann das erste geistige Verständnis, der Gedanke sich an. 

Dieser „Abfall des Menschen vom bloßen Instinkte'^ den 
Schiller in seinem Aufsatze über die erste Menschengesellschaf t 
als die „glücklichste und größte Begebenheit in der Menschen« 
geschichtet' bezeichnet, von der aus das Streben zur Freiheit zu 
datieren ist, ließ allmählich die höheren „Gefühls töne'' der 
Empfindungen mehr hervortreten. Die elementaren Triebe ver- 
knüpften sich mit Lust- und Unlustempfindungen als seelischen 
Beaktionen. Die „Organempfindungen" traten in das Licht des 
Bewußtseins ein und lieferten so in Verbindung und Wechsel- 
wirkung mit den höheren Sinnenreizen die psychisch-emotionelle 
Wurzel der Triebe. So wird in der geschlechtlichen Sphäre aus 
der bloßen Wollust, dem rein instinktiven Begattungstriebe die 
Liebe, deren Wesen eine innige Verknüpfung körperlicher 
Empfindungen mit Gefühlen und GManken, mit dem ganzen 
geistiggemütlichen Sein des Menschen ist.^) 

„Die Liebe," sagt Charles Albert, ,4st das Resultat 
aller Fortschritte der menschlichen Tätigkeit auf allen Gebieten 
und nach jeder Richtung in ihrer Wirkung auf das Geschlechts- 
leben. Sie ist ein Fortschritt, der mit allen anderen Hand in 
Hand geht. Ist doch der Mensch ein untrennbares Ganzes, das 
nur in der Theorie in einzelne Gebiete zerteilt werden kann! 



^) Vgl. F. V. Andrian, lieber einige Resultate der modernen 
Ethnologie in: Correspondenzblatt der deutschen Gesellschaft für 
Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte 1894, No. 8, S. 71, 

>) Die „Liebe" im obigen Sinne ist nur dem Menschen eigentümlich 
und deshalb muß man sie, wie auch Ploß-Bartels hervorhebt, 
schon dem Menschen auf niederster Kulturstufe zusprechen. Dort ist sie 
freilich nur ein „schwach glimmsnder, leicht verlöschender Punke", 
während sie bei den zivilisierten Völkern zur „bellen, weitstrahlenden 
Flamme*' geworden ist. 



99 

Id Wirklichkeit aber sind alle Gebiete menschlicher Entwicklung 
80 innig miteinander verbunden, daß der Fortschritt auf jedem 
einzelnen allen anderen zugute kommen muß. 

Zunehmende psychische Verfeinerung und Differenzierung desi 
menschlichen Typus, Vorherrschaft der Intelligenz und des Ge-I 
fühls über die rohe Kraft, Umwandlung des sozialen Verhält-I 
nisses zwischen Mann und Weib infolge ökonomischer Be- 
dingungen oder religiöser tmd moralischer Ideen, Achtung vor 
der Persönlichkeit, Sicherung der dringenden Lebensbedürfnisse 
und daraus entspringende Hebung und Komplikation des sexuellen 
Lebens, der Einfluß des Verlangens nach idealer Schönheit im 
psychischen und moralischen Sinne, das alles und noch vieles 
andere hat dazu beigetragen, die geschlechtliche Liebe in dem 
Sinne, wie wir sie heute verstehen xmd empfinden, herauszubilden. 
Die Sprache des Liebenden unserer 2^it ist der Ausdruck und 
die Zusammenfassung alles menschlichen Fortschritts. Der Unter- 
schied zwischen der tierischen Brunst und dem Hochgefühl der 
Liebe entspricht genau dem Abgrund, welcher den Urmenschen, 
der sich aus Kieseln einige unbehilfliche Werkzeuge zuschleift, 
von dem Kulturmenschen trennt, welcher durch zahllose Maschinen 
die Naturkräfte seinen Zwecken dienstbar gemacht hat.'' 

Wir müssen auf die ersten Anfänge der Entwicklung der 
menschlichen Psyche in ihrer Verbindung mit der Sexualität zurück- 
gehen, um den tiefen, ursprünglichen Zusammenhang 
zwischen körperlichem und geistigem Bildungstrieb zu verstehen, 
welcher Zusammenhang auch so ausgedrückt worden ist, daß man 
den Geschlechtstrieb den Vater des im Menschen allein lebenden 
genialen Triebes genannt hat, der ihn zum Denker und Erfinder 
gemacht hat. Im Zeitalter der Schellingschen Natur- 
philosophie sprach man von den „Hodenhemisphären" als einer 
Analogie zu den Himhemisphären. Und spricht sich nicht auch 
etymologisch dieser Zusammenhang aus in der Zusammensetzung ^ 
der Worte „Zeugung" imd „Ueberzeugung" (= höhere, geistige | 
Zeugung) und in der Zusammenfassung von „zeugen" xmd ^ 
„erkennen" in einem Begriffe in der hebräischen Sprache? 

Schon Plato ahnte diesen Zusammenhang, als er das Denken 
sublimierten Geschlechtstrieb nannte, ebenso Buffon, wenn er 
die Liebe „le premier essor de la sensibilite, qui se porte ensuito 
k d'antres objets" nennt. In neuerer Zeit faßte der Arzt Dr. 
Sandln 8 in seiner wertvollen Abhandlung „Zur Psychologie der 

7* 



100 

meDflchlichen Triebe" (Archiv ftir Psychiatrie 1864, Bd. VI, S. 244 
und 262) diese Kombination der G^eschlechtssphäre mit den 
höchsten geistigen Interessen des Menschen unter dem Namen 
des „Funktionstriebes" zusammen. 

Aus diesen innigen Beziehungen zwischen sexueller und 
geistiger Produktivität erklärt sich die merkwürdige Tatsache, 
f daß gewisse geistige Schöpfungen an die Stelle des rein körper* 
I liehen Sexualtriebes treten können, daß es psychische sexuelle 
|Aequivalente gibt, in die sich die potentielle Energie des 
Geschlechtstriebes umsetzen kann. Hierher gehören viele Affekte, 
wie Grausamkeit, Zorn, Schmerz und die produktiven Geistes- 
tätigkeiten, die in Poesie, Kunst und Religion ihren Niederschlag 
finden, kurz, das ganze Phantasieleben des Menschen im 
weitesten Sinne vermag bei Verhinderung der natürlichen Be- 
tätigung des Geschlechtstriebes solche sexuellen Aequivalente zu 
liefern, deren Bedeutung in der Entwicklungsgeschichte der mensch- 
lichen Liebe wir noch näher zu betrachten haben. 

Interessante Bemerkungen über diesen innigen Zusammenhang 
zwischen dem geistigen und physischen Zeugungstriebe finden 
sich bei einem Denker, der kein Hehl aus seiner heftigen Sinn- 
lichkeit gemacht hat und in dessen Lieben und Denken die Sexua- 
lität eine eigentümliche Rolle gespielt hat : bei S c h o p e n h a u e r. 
In den „Neuen Paralipomcna'' betont er die Aehnlichkeit des 
genialeii Schaffens mit den dem Menschengeschlechte eigenen 
Modifikationen des Geschlechtstriebes. An einer anderen Stelle, 
wo er, wie auch Frauenstädt hervorhebt, aus eigener innerer 
Erfahrung spricht, heißt es: „An den Tagen und Stunden, wo 
der Trieb zur Wollust am stärksten ist, nicht ein mattes 
Sehnen, das aus Leerheit und Dumpfheit des Bewußtseins ent- 
springt, sondern eine brennende Gier eine heftige Brunst : g e r a d e 
dann sind auch die höchsten Kräfte des Geistes, 
ja das beste Bewußtsein zur größten Tätigkeit 
bereit, obzwar in dem Augenblicke, wo das Bewußtsein sich 
der Begierde hingegeben hat, latent: aber es bedarf nur einer 
gewaltigen Anstrengung zur Umkehrung der Richtung, und statt 
jener quälenden, bedürftigen, verzweifelnden Begieixle (dem Reich 
der Nacht) füllt die Tätigkeit der höchsten Geisteskräfte das 
Bewußtsein (das Reich des Lichtes)." 

Georg Hirth, der in dem „Splitternackte Gedanken'* 
betitelten Abschnitt seiner „Wege zur Liebe'' eine interessante 



101 

Psychologie der Liebe ia Aphorismeii gibt, konstatiert das 
^^beglückende Phänomen eines besonders lebhaften Aufflackems 
unseres Denk- und Schaffenstriebes" nach erotischer Sättigung, 
nach einer glücklichen Liebesnacht Sehr anschaulich hat auch 
Mantegazza die geistigen Anregungen durch eine glückliche 
und siegreiche Liebe geschildert*) 

Viele große Denker haben diese angebliche Trübung der 
reinen Geistigkeit durch das Greschlechtsleben beklagt und die 
Askese empfohlen, um zu wahrer innerer Erleuchtung zu kommen. 
Das hieße aber die Wurzel des geistigen Schaffens ausrotten, 
die Grundlage eines reichen Gefühls- und Lineniebens, aller 
wahren Poesie und Kunst zerstören, üebrig bliebe nur die Oede 
einer kalten Abstraktion. Man denke an Abälards Briefe vor 
und nach seiner Entmannung I Erst die Sexualität haucht unserem 
geistigen Sein das warme blühende Leben ein. 

„Die Welt," sagt Philipp Frey, „würde in schärfer um- 
grenzten Denkgebilden von uns erfaßt werden, wenn wir sie nicht 
in den Wechsellichtern unserer Sexualität erblicken würden: vom 
leise träumerischen verlangenden Grün über das Gelb hinaus- 
gedrängter Emotionen und das Blutrot geschwellter Begierden 
bis zum kühlen Blau der Befriedigung erstrahlen alle Dinge in 
dem Schein unserer Greschlechtlichkeit. Das Leben wäre besser 
geordnet, wenn wir rein intelligible Emährungs-, Arbeits- und 
Fort Pflanzungsmaschinen wären. Aber ohne den Dualismus von 
Begierde und Sättigung würde die Welt in einem großen grauen 
Gähnen erstarren." 

Diese innige Verbindung des psychisch-emotionellen Seins 
mit dem Sexualtriebe führt zu einer Vertiefung, Konzentration 
und Intensitätssteigerung des Liebesgefühles, die dasselbe als die 
heftigste Erschütterung des Menschen in körperlich-seelischer Be- 
ziehung erscheinen lassen. Treffend sagt Voltaire in den 
, »Pensees philosophiques" : „L'amour est de toutes les passions 
la plus forte, parce qu'elle attaque k la fois la tete, le coeur 
et le Corps." Daß in der Liebe die unmittelbare Einmischung 



>) Vgl. über den Zusammenhang zwischen Sexualität und Geistes- 
iatigkelt auch V i r e y , Recherclies m^dico-philosophiques sur la nature 
et les Cacult^s de Thomme, Paris 1817, S. 39. 



104 






SO können wir die ideale Greschlechtsliebe als ein Gefühl des 
Kontaktes ansehen, das Leib und Seele völlig durchdringt — 
während die Geschlechtsorgane nur eine Spezialisation dieser 
Vereinigungsmöglichkeit in der äußersten Sphäre sind: und wenn 
die Vereinigung in der körperlichen Sphäre zur körperlichen 
Zeugung führt — so führt die Liebe als Vereinigung auf 
geistigem und psychischem Gebiet zu 2ieugungen anderer Natur." 

Die Feststellung, daß die Liebe auch in rein individueller 
Beziehung eine sehr große Bedeutung für die menschliche Kultur, 
für die Höherentwicklung des Menschentums hat, neben ihrer 
Bedeutung für die Gattung, diese Feststellung ist sehr wichtig 
im Hinblick auf gewisse Probleme der Bevölkerungslehre und 
daraus abgeleitete praktische Bestrebungen, wie z. B. den Neo- 
malthusianismus. Liebe und Liebosumarmung sind 
nicht nur Gattungszweck, sie sind auch Selbst- 
zweck, sind nötig für Leben, Entwicklung und 
inneres Wachstum des Individuums sTelbst. 

Und man verkenne nicht, wie sehr diese Förderung des 
Lidividuums durch die Liebe zuletzt doch wieder der Gattung 
zi'.gute kommt. Auch für diese liegt der wahre Fortschritt in der 
Individualisierung des Geschlechtstriebes. 



Wenn wir nun im eiozelnen die allmähliche Durchdringung 
der Sexualität mit geistigen Elementen, die allmähliche Entwick- 
lung und Vervollkommnung der Liebe durch die Kultur ver- 
folgen, so ergibt sich für die Liebe des modernen Kulturmenschen 
auch eine Art von biogenetischem oder besser psychogenetischem 
^Grundgesetz. In der modernen Liebe begegnen uns alle geistigen 
»Elemente, die in der Liebe vergangener Zeiten mächtig und 
wirksam waren, die Liebe des Kulturmenschen der Gegenwart 
ist ein Auszug, eine abgekürzte, gedrängte Wiederholung des 
ganzen Entwicklungsganges der Liebe von den ältesten Zeiten 
bis auf die Gegenwart. Und die allgemeine Bichtung dieser Ent- 
wicklung kehrt auch in der Liebe des Individuums wieder. 

Diese Richtung geht, kurz ausgedrückt, vom Allgemeinen 
zum Individuellen, vom Jenseits zum Diesseits. Man kann daher 
die Geschichte der menschlichen Liebe in zwei große Epochen ein- 
teilen. In der ersten war sie wesentlich, überwiegend ein trans- 



105 

zendentales Verhältnis religiös-metaphysischer Natiu*. 
Die transzendentalen Beziehungen spielten eine bedeutendere Rolle 
als die rein menschlichen, persönlichen. Ueberall spielt ein 
jenseitiges Element mit hinein. In der zweiten Epoche ent- 
wickelte sich die Liebe mehr zu einem persönlichen Ver- 
hältnis, wobei der Mensch selbst gegenüber allem Transzendentalen 
in den Vordergrund tritt. Die Geschichte der Liebe ist gleichsam 
eine Illustration der Com t eschen Ablösung der theologisch- 
metaphysisclien Epoche geistiger Entwicklung durch die anthro- 
pologische. In der individuellen Liebe sind jedoch noch viele 
Momente der transzendentalen wirksam und nachweisbar. Jene 
ältesten geistigen Elemente in der Liebe bilden noch immer einen 
Teil des Inhalte der modernen Liebe und spielen eine mehr oder 
weniger hervorragende Holle in ihrer Grenesis. 

Zu diesen uralten psychischen Phänomenen gehört vor allem 
die innige Verknüpfung der religiösen Vorstellungen und 
Gefühle mit dem Geschlechteleben. In einem gewissen Sinne kannj 
man die Geschichte der Beligionen als Geschichte einer besonderen 
Erscheinungsform des menschlichen Geschlechtetriebes, besonders 
in seiner Wirkung auf die Phantasie und ihre Gebilde, bezeichnen. 

Es ist eine große Ungerechtigkeit, wie sie von einigen 
modernen, kulturgeschichtlich wenig gebildeten und laienhaften 
Schrif tetellem beliebt wird, besonders die katholische Kirche für 
das Hervortreten dieses sexuellen Elementes im Kultus und' 
Dogma verantwortlich zu machen Eine wissenschaftliche. 
Untersuchung dieser Verhältnisse lehrt vielmehr, daß alle 
Religionen mehr oder weniger diese sexuelle Beimischung auf- { 
weisen, und wenn dies in der katholischen ICirche scheinbar mehr 
hervorgetreten ist, so liegt dies erstens daran, daß sie uns zeit- 
lich näher steht als viele Religionen des Altertums, Tind wird 
zweitens durch den Umstand erklärt, daß die katholische Kirche 
über diesen Punkt stete mehr Offenheit und weniger Heuchelei 
gezeigt hat, als z. B. die protestentischen Pietisten, die, wie die 
Königsberger Skandale, die Affäre der Eva v. Buttler u. a. 
zeigen, nicht geringere geschlechtliche Ausschreitungen sich zu- 
schulden kommen ließen. 

Eine wirklich objektive Grundlage für die Beurteilung 
der Beziehungen zwischen Religion und Sexualleben gewinnen wir 
nur, wenn wir dieselben nicht als eine Sache des Dogmas und 
der Konfession auffassen, sondern sie auf diejenige Basis stellen, 



106 I ■ . ' I ' ' 

auf die sie gehören: die anthropologische. Denn diese 
Beziehungen sind dem Genus Homo als solchem eigentümlich. 
Das sexuelle Element macht sich ebenso in der Beligion primitiver 
Völker geltend wie in deD modernen Kulturreligionen. 

Die anthropologische Wissenschaft hat sich bisher mehr mit 
der Tatsache als mit der Erklärung der merkwürdigen Beziehungen 
zwischen Beligion und Sexualität beschäftigt Es kann aber 
keinem Zweifel unterliegen, daß diese Beziehungen aus der 
menschlichen ITatur hervorgehoben. Es stimmen daher die ver- 
schiedenen Anthropologen und Aerzte, die sich mit diesem Problem 
befaßt haben, darin überein, daß der Zusammenhang zwischen 
Religion und Geschlechtsleben nur anthropomorphistisch- 
animistisch erklärt werden könne, also durch jene Art von 
Vorstellungen, die Tylor als die Grundlage des primitiven 
Geisteslebens nachgewiesen hat. 

So bezweifelt der große Arzt und Menschenkenner Theodor 
Billroth überhaupt die Existenz einer reinen, von allen sinn- 
lichen Zusätzen freien, religiösen Empfindung. Er sagt in einem 
Briefe an Hanslick (vom 21. Februar 1891): „Es ist nach 
meiner Empfindung auch ein Unsinn, von speziell religiöser 
Empfindung zu sprechen. Was man so nennt, ist entweder eine 
phantastisch-schwärmerische Stimmung, die sich bis zur Hallu- 
zination steigern kann und zum Inhalt irgend ein Phantasiebild 
hat, welches den Gläubigen oder Liebenden sehnsüchtig erregt, 
— oder es ist bei Fanatikern eine geradezu erotische Erregung, 
wie die Betbewegungen bei den Mohammedanern, das Tanzen der 
Derwische, das Herumspringen der Flagellanten. Die Earche 
als Bräutigam für die Nonnen, als Braut für die Mönche deutet 
auch darauf hin. Es ist in gewissem Sinne die Fortsetzung des 
Isisdienstes und der Aphroditen- und Bacchusfeste. Der Mensch 
hat sich seine Götter oder seinen Gott stets nach seinem Eben* 
bilde geformt und betet und singt ihn, d. h. eigentlich sich, mit 
den Kunstformen der Zeit an. Weil da^ sogenannte Göttliche 
immer nur eine Abstraktion oder Personifikation einer oder 
mehrerer menschlicher Eigenschaften in der höchst denkbaren 
Potenz ist, kann menschlich und göttlich, weltlich und religiös 
auch nicht verschieden sein. Der Mensch kann überhaupt nichts 
Uebematürliches denken und nichts Unnatürliches tun, weil er 
immer nur mit menschlichen Eigenschaften denken und handeln 
kann." 



107 

Diese Erklärung deckt sich mit der Auffassung Ludwig 
Feuerbachs, der speziell in seiner Abhandlung „Ueber den 
Marienkultus" das anthropomorphistische Element in den religiös- 
sexuellen Phänomenen betont hat 

M'Lennan ymd Tylor haben dann besonders die ani- 
mistische Seite auch in den religiös-sexuellen Vorstellungen auf- 
gedeckt. Analog den anderen Natur phänomenen nahm der primitive 
Mensch auch die Tätigkeit treibender Geister im Geschlechtstrieb 
und was damit zusammenhängt an, und zollte diesen als der 
sieht- und fühlbaren Erscheinung jener Geister göttliche Verehrung. 

Etwas anders habe ich früher diesen psychologischen Prozeß 
näher geschildert (Beiträge zur Aetiologie der Psychopathia 
sexualis I, 76 — 77) und wiederhole hier diese Darstellung der 
ursprünglichen Vergöttlichung des Sexuellen: 

Als etwas Dämonisches, Unheimliches, Uebematürliches tritt 
in der Pubertätszeit der Geschlechtstrieb in das Leben des 
Menschen ein, durch seine übermächtige Gewalt, durch die 
Intensität, Spontaneität und Mannigfaltigkeit der Empfindungen 
jene Gefühle weckend, welche die Phantasie iu ungeahnter Weise 
befruchten, beleben und entflammen. Mit heiliger Scheu erfüllt 
den Menschen dieses mit elementarer Kraft über ihn herein- 
brechende Phänomen. Er schreibt es übernatürlicher Einwirkung 
zu, und so verknüpft sich in seinem Empfindungs- 
kreise diese übernatürliche Einwirkung mit jenen 
anderen, die er schon früher erfahren hat, und die 
ihm dad Gefühl der Abhängigkeit von einer ein- oder 
mehrheitlichen höheren Kraft eingeben, vor der er in 
Anbetung niedersinkt. Wie das Metaphysische überall in 
das Geschlechtsleben des Menschen hineinragt, hineinspielt, hat 
Schopenhauer in seiner „Metaphysik der Geschlechtsliebe'' 
deutlich gemacht. Beligion und Sexualität berühren sich auf das 
innigste in jener Ahnung des Metaphysischen und jenem Ab- 
hängigkeitsgefühle; daraus entspringen jene merkwürdigen Be- 
ziehungen zwischen beiden, jene leichten üebergänge religiöser 
in sexuelle Gefühle, die in allen Lebensverhältnissen sich be- 
merkbar machen. In beiden Fällen wird die Hingabe, die Ent- 
äußerung der eigenen Persönlichkeit als ein Lustgefühl empfunden. 
Schopenhauer hat in klassischer Weise den ins Unendliche, 
Göttliche strebenden metaphysischen Drang der Liebe geschildert, 
dessen Analogien mit dem religiösen Drange unverkennbar sind. 



108 

la seinem geistvollen Buche ,,Die Lebensgesetze der Kultur" 
(Halle 1904, S. 52) hat auch Eduard von Mayer das religiös- 
sexuelle Problem berührt. Er geht von dem Gedanken aus, daß 
der Mensch das über sich emporhob, wessen er nicht mächtig war, 
so vor allem Hunger und Liebe. 

„Die Qual der Unbefriedigung des Hungers oder des Liebes- 
verlangens zieht die tiefen Furchen, in die dann die Saat der 
Lust fällt, der Sättigung oder des Liebesgenusses. Und dem 
Menschen, dem die ganze Umwelt lebendigen Wesens voll ist, 
werden auch Hunger und Liebe zu göttlichen Mächten, 
die ihn antreiben und peinigen, bis ihr Wille erfüllt ist." 

Die Verknüpfung des Sexuellen mit dem Religiösen betrifft 
beide Geschlechter gleichmäßig, wenn auch, entsprechend ihrem 
tieferen Gemütsleben, diese Erscheinung bei der Frau intensiver 
und nachhaltiger sich äußert. Die Gebrüder Goncourt nennen 
in ihrem Tagebuch die Religion geradezu einen Teil des weib- 
lichen Geschlechtslebens. Die weibliche Geschlechtsbetätigung er- 
scheint dann als etwas Religiöses, Frommes, Heiliges. Und jene 
Priester, die die von ilinen verführten Frauen durch ihre Liebes- 
erweisungen zu „heiligen'* vorgaben, empfanden physiologisch 
jedenfalls richtiger, als die die Fleischeslust als Sünde und Teufel»- 
werk verdammende Kirche. Im Mittelalter war besonders in 
Frankreich die Meinung, daß der von Frauen mit Priestern 
gepflegte Geschlechtsverkehr eine Heiligung der letzteren sei, 
verbreitet. Man nannte die Maitressen der Priester die 
„Geweihten". 

Die Identität der religiösen und sexuellen Empfindungen 
erklärt ihr häufiges Ineinanderübergehen, ihre beständige 
assoziative Verknüpfung und ihr leichtes Vikariieren. So kann 
das Sexuelle eia Teil des Religiösen werden, ja ganz an dessen 
Stelle treten. 

Die ungemein interessante Geschichte der so komplizierten 
und merkwürdigen religiös-sexuellen Erscheinungen klärt uns über 
die individual- und völkerpsychologischen Vorgänge dabei auf 
und gibt uns so das Verständnis für die mächtigen Nach- 
wirkunr^on jener Erscheinungen in Brauch, Sitte und Konvention 
unserer Zeit und für die Rolle, die der religiös-sexuelle Faktor 
auch heute noch im Leben vieler Menschen spielt. 

Eines der ältesten, wenn nicht das älteste religiös-sexuelle 
Phänomen stellt die religiöse Prostitution dar, das 



109 

„Woll uetopf er", wie Eduard v, Mayer sie mit einem 
glückliclien Ausdmcke nennt, weil dai-in der Akt des Geachlechts- 
genufses als ein der Gottheit dargebrachtes Opfer aufgefaßt wird, 
eines Geschlecbtsgenusses, der in der Form der Prostitution, der 
schrankenlosen geschleclitlichen Hingebung an jeden Beliebigen 
ohne Liebe, nur als Akt roher Sinnlichkeit und für 
Entgelt vor sich geht, also alle Merkmale dessen oJi sicli 
trägt, was wir heute „Prostitution" nennen. 

Nach meinen schon früher veröffentlichten Untersuchungen 
über die religiöse Prostitution zerfällt dieselbe in zwei große 
Gruppen' 

1. Die einmalige Prostitution zu Ehren der 
Gottheit, 

2, die dauernde religiöse Prostitution. 

Die einmalige reUgiöse Prostitution betrifft meistens die 
Darbringung der Jungfemscliaft oder aueli die einmalige, in der 
Folge nicht wiederhollc Hingal« eines bereits deflorierten "VVeibea. 
Entweder bringt sich bei der einmaligen religiösen Prostitution 
da» Weib direkt der Gottheit dar, indem die physische 
Eotblujnung durch ein göttliches, körperliches Symbol erfolgt, 
z. B. durch ein männliches Glied aus Stein, Elfenbein, Holz oder 
durch direkten Verkehr mit dem Geselileelitsteü der Gottes- 
statue, oder das Weib gibt sich einem menschlichen Stell- 
vertreter der Gottheit hin, z. B. dem König, dem Priester, 
einem Blutsverwandten (nicht seltx;n dem eigenen Vater, also eine 
Art von religiösem Inzest) und sogar einem nicht ortsansässigen 
Fremden.*) 

Was zunächst die Belege für den ersten Modus, die Ent- 
jungferung durch ein göttliches Symbol betrifft, so haben wir 
darüber besonders ausführliehe Nachrichten aus Ostindien, wo 
zuerst (im 16, Jahrhundert) der Portugiese Duarte Barbosa 
der religiösen Dofloration von Mädchen durch den ,,Lingam", den 
göttlichen Phallus, im südlichen Dekhan beiwohnte. Erst zehu- 
jährige &lädchen wurden bereits auf diese bmtale AVeise der 
Gottheit geopfert. Aus etwas späterer Zeit stamnien die Berichte 
des Jan Huygen van Linschoten und des Gasparo 



*} Hieraus kann man wcilil den Schluß ziehen, daß die sogenajinte 
„Gasttreundachaftsproatitution" nur eine Abart der 
nligiöeen Prostitution ist. 




110 

Balbi über die Sitte der Einwohner von Groa, der Braut im 
Tempel ein männliches Glied von Eisen oder Elfenbein in die 
Scheide zu stoßen, so daß der Hymen zerstört wurde, oder auch 
die Grenitalien der Mädchen mit dem steinernen Glied eines 
18 Meilen von Goa entfernten Götzenbildes in Beriihrimg zu 
bringen, worüber W. Schnitze üi seiner „Ost-Indischen Eeyse" 
(Amsterdam 1676, fol. 161a) erzählt: 

„Durch diesen Pryapum wird den Jungfern mit HUfe der 
gegenwärtigen Freunde und Verwandten auf eine schmerzliche 
Weise und mit Gewalt ihre Jungfemschaft genommen, worüber 
sich alsdann der Bräutigam erfreuet, daß der schändliche und 
verfluchte Abgott ihm diese Ehre bewiesen, in der Hoffnung, 
er werde nun hinfort einen besseren Ehesegen erhalten." 

Diese Hingabe der indischen Jungfrauen an die Lingamidole 
wird durch die Berichte von John Fryer, Eoe, Jean 
Mocquet, Abbe Guyon, Demeunier u. a. bestätigt. 

Auch die bei den Moabitern und Juden verehrte Gottheit 
Baal Peor scheint eine solche Deflorationsgottheit gewesen zu 
sein. Es wird nämlich ihr Name von „peor" = öffnen, d. h. das 
Jungfernhäutchen, abgeleitet.^) 

Noch deutlicher ist diese Beziehung bei den folgenden Gott- 
heitsnamen der alten Römer, der Dea Perfica, Dea Per- 
tunda, dem Mutunus Tutunus, über deren ohne Zweifel 
auf die Aufgabe der Defloration hindeutende Etymologie ich in 
meiner Abhandlung über „Altrömische Medizin" (in Pusch- 
m a n n s Handbuch der Geschieh te der Medizin, Jena 1902, Bd. I, 
S. 407) Näheres mitteile. 

Zu Ehren dieser sexuellen Gottheiten mußte sich, wie 
Augustinus, Lactantius und Arnobius berichten, die 
Braut auf ein „Fascinum = Membrum virile der Priapus- 
Statuen setzen und auf diese Weise entweder physisch oder 
wenigstens symbolisch ihre Virginität der Gottheit opfern. Der 
Sage nach soll sogar die — Konzeption der Ocrisia auf diese 
Weise erfolgt sein.^) 

Bei dem zweiten Modus der einmaligen religiösen Prostitution 



7) J. A. Dulaure, Des divinit^s gön^ratrices etc. Paris 1885, 
S. 67. 

') W. Scb'wartz, Frähistorisch-anthropologische Studien, Ber- 
lin 1884, S. 278. 



111 

übt ein Stellvertreter der Grottheit das dieser zustehende 
Hecht der Entjungferung aus. Es ist eine Art religiöses jus 
primae noctis, was hier dem König, dem Priester, dem Vater 
und oft einem gänzlich fremden und unbekannten Manne zuteil 
wird, bevor das Mädchen einem Gatten oder Besitzer dauernd 
gehört. In den Fällen, wo ein rechtmäßiger Gatte die Defloration 
vollzogen hat, begnügt sich die Gottheit auch mit der späteren 
einmaligen Hingebung an ihren Stellvertreter. 

Am bekanntesten hierfür ist die religiöse Prostitution im 
Mylitta-Kult der Babylonier, jener Göttin, die nach Bach- 
ofen das sich selbst überlassene Natur leben in seiner vollen, 
durch keine menschliche Satzung beeinträchtigten Schöpfungs- 
tätigkeit darstellt und deren Wesen die beengende Fessel der Ehe 
zuwider ist. Daher verlangt die Göttin als Vertreterin des zügel- 
losen Naturprinzips von jedem Mädchen freie Hingabe an den 
sie zur Begattimg auffordernden Mann. Und diese Aufforderung 
geschieht im Namen Mylittas und in dem ihr geweihten Tempel. 
Das für den GteschlechtsgenuB von dem Manne gezahlte Geld 
gehört der Göttin imd wird dem Tempelschatze einverleibt.*) 

Herodot und Strabo geben uns nähere Nachrichten über 
diesen seltsamen Mylittadienst. Vornehme Frauen und solche 
niedrigen Standes mußten sich in gleicher Weise einmal von einem 
Fremden beschlafen lassen und durften nicht eher nach Hause 
zurückkehren, als bis sie den Tribut für die Göttin erlangt hatten. 
Auch durften sie keinen Fremden abweisen, während dieser um- 
gekehrt freie Wahl hatte. Also alle charakteristischen Merk- 
male der „Prostitution'' nach unserem heutigen Begriffe waren 
in diesem Falle gegeben. 

Diese Sitte wurde erst durch den Kaiser Constantin. 
abgeschafft, wie Eusebius in seiner Lebensgeschichte dieses 
Kaisers berichtet, ihr Bestehen von der Zeit des Herodot bis 
zu der des Constantin wird durch Strabo und Quintus 
Curtius bezeugt. Auch in Cypem, Phönizien, Karthago, 
Judaea. Armenien, Lokris war sie verbreitet. i^) 



•) VgL J. J. Bachofen, Die Sage von Tanaquil. Eine 
Untersuchung über den Orientalismus in Rom und Italien, Heidelberg 
18T0, S. 43. 

^0) VgL die Einzelheiten und genaueren Nachweisungen in meinen 
^Beitragen zur Aetiologie der Psychopathia sezualis" £d. I, S. 84-— 85. 



112 

Der eigentliche Ursprung derselben war ein religiöser, es 
war eine Weihe an die Gottheit, ein Tribut an die Göttin der 
Lust. Erst sekundär mögen andere Momente hinzugekommen sein, 
wie die später weit verbreitete Annahme von der Unreinheit 
und giftigen Beschaffenheit des bei der Entjungferung aus- 
fließenden Blutes. Zugleich mag sich die religiöse Vorstellung 
eines „Opfers" mit der geschlechtlichen der „Hingabe" an einen 
wildfremden, ungeliebten Mann kombiniert haben, so daß viel- 
leicht eine Art von Masochismus vonseiten der sich preisgebenden 
Weiber dieser eigentümlichen Sitte zugrunde liegt, während ein 
sadistischer Ginmdzug in dem Verhalten der ihre Prauen fi^mden 
Männern überlassenden Verlobten und Gatten unverkennbar ist, 
beides, Sadismus und Masochismus, in religiöser Betonung. 

In Ostasien und bei vielen Naturvölkern spielen die 
Priester die Rolle der Stellvertreter der Gottheit, denen die 
Defloration der Jungfrauen und Neuvermählten zukommt, z. B. 
in der von Vallabha gestifteten indischen Sekte der 
„Mahäräjas", in der „Immoralität zu einem gött- 
lichen Gesetze erhoben wird."^^) 

Diese „Großkönige" gerieren sich als GJottheiten, die das 
unbeschränkte Verfügungsrecht über die Weiber der Gläubigen 
haben, vor allem aber das Eecht der Entjungferung. Sie pro- 
klamieren als höchste (Jottesverehrung die in getreuer Nachahmung 
der „Hirtinnen" (gopis), der Lustobjekte des Gottes Krishna, 
vollzogene Hingabe der Weiber an das geistliche Haupt der Sekte 
zur sinnlichen Lust, was beim Hirtenspiel „räsmandali" im Herbst 
vor sich ging.*^) Außerdem empfing der Priester für seine 
Tätigkeit als Deflorant auch noch ein Geschenk im Namen der 
Gottheit. Abel Bemusat berichtet in seinen „Nouveauz 
Melanges Asiatiques" (Paris 1824, Bd. I, S. 16 ff.) nach den 
Mitteilungen eines chinesischen Schriftstellers des 13. Jahr- 
hunderts über die eigentümliche Praxis, die in bezug auf die 
religiöse Defloration in Kambodja herrschte. Hier wurden die 
Buddhapriester oder die Priester der Tao-Eelig^on in Sänften zu 
den ihrer harrenden Mädchen getragen. Jedes Mädchen hatte 



") Earsandas Mulji, History of the Sect of Mahäräjas, 
orVallabhächärjas in Western India, London 1865, S. 181. 

^2) Vgl. £. H a r d y , Indische Keligionsgeeohichte, Leipzig 1898, 
S. 124-126. 



113 



: Zurichtung 

des Lagers = Beischlaf) mußte innerhalb der Zeit des Abbrennens 
der Kerze bis zu diesem Zeichen geschehen I 

Auch die Zauberpriester und Medizinmänner der zentral- und 
südamerikanischen Karaiben, die „Piaches" oder „Pajes", hatten 
die Defloration der jungen Trauen zu vollziehen,") während bei 
anderen primitiven Völkern dieses Recht den Häuptlingen zukam.'*) 
Sehr fein hat der geniale und tiefblickende Bachofen, 
einer der größten Kulturfo racher und Kulturpsjchologen, in 
seinen klassischen Werken über das „Mutterrecht" und ilie „Sage 
von Tanaquil" die religiöse Defloration und die religiöse Prosti- 
tution überhaupt als den aus primitiven Instinkten hervorgehenden 
Widerstand gegen eine Individualisierung der Liebe gedeutet. 
In der Tat legt die religiöse Auffassung des üeschleehtlichen 
mehr Wert auf den Akt als auf die Person, das Individuum. 
Daher die im Gegensatze zur modernen Anschauung so auf- 
fällige Geringschätzung der physischen und moralischen Jungfrau- 
schaft des Weibes, die uns — ob mit Hecht, sei hier nicht unter- 
sucht — als Symbol der weiblichen Individualität gilt. Ueber 
diese uns so seltsam anmutende Verachtung des jungfräulichen 
Weibes in primitiveren Zuständen haben Waitz, Bachofen, 
Kutischer, Post, Ploß-Bartels, Rottmann und 
andere Ethnologen nähere Angaben gemacht, und die Tragikomik 
unserer „alten Jungfer" steht im engsten Zusammenhange mit 
dieser uralten Anschauung.*^) 

Die eben erörterten Tataacheu der einmaligen religiösen 
Prostitution erleichtem uns das Verständnis für die dauernde 
Tempelprostitution als geschichtliches Phänomen. 

Die geschlechtliche Hingebung als rein ainnlicher Akt iat mit 
einem religiösen Gefühle verknüpft. So konnte entweder eine 
Kombination glühender Sinnlichkeit mit intensivem religiösen 
Empfinden das Weib veranlassen, sich ganz dem Dienste des 



'*) K. Fr. Ph. V. Uartiua, Beiträge lur Ethnographie und 
Sprachenkunde Amerikas, Leipzig 1867, Bd. I, S. 113. 

'*) Starke, Die primitive Familie, Leipzig 1888, 8. 135. 

i*) Vgl. L. Tobler, Die alten Jungfern im Glauben und Brauch 
dei deutschen Volkes in: Zeitschrift für Völkerpsychologie (von Laza- 
Steinthal) Berlin 1882, Bd. XIV, S. 64—90. 



i>eD<].} 



Jl 



114 

Grottes zu weihen und seinen Leib im Namen desselben dauernd 
hinzugeben oder es konnte auch die Idee eines göttlichen Harems 
— der Glaube der Inder legt jedem GJott seinen Harem bei — 
ihre irdische Verwirklichung in der Tempelprostitution finden, 
bei der die Gottheit viele Weiber durch Vermittlung der Männer 
genießt, oder endlich konnte diese Sitte aus dem ursprünglichen 
Gebrauche stammen, überhaupt den als einen religiösen Akt 
betrachteten Beischlaf im Tempel oder an heiligen Stellen des 
Hauses auszuüben. Hierfür spricht eine bezeichnende Aeußerung 
des in ethnologischen Dingen so scharf blickenden Herodot 
im 64. Kapitel des 2. Buches seiner Geschichte. Er berichtet, 
daß bei den Aegyptem der Beischlaf im Tempel streng verboten 
ist, und sagt dann: „Denn alle ajideren Völker, außer den 
Aegyptern und den Hellenen, begatten sich in den Heiligtümern 
und gehen vom Beischlaf ungewaschen in das Heiligtum und 
meinen, die Menschen wären gleich wie die Tiere, denn man sähe 
doch das Vieh \mi die Vögel sich begatten in den Tempeln der 
Götter und in den heiligen Hainen; wenn nun dieses dem 
Gotte nicht angenehm wäre, so würden es ja die Tiere 
auch nicht tun. Also tun sie und diesen Grund geben sie 
davon an." 

Dieser Brauch entsprang ohne Zweifel dem Bedürfnis einer 
religiösen Empfindung und dem Wunsche, sich durch den Aufent^ 
halt im Tempel während des Aktes mit der Gottheit direkt in 
Verbindung zu setzen. Als nun später die Gottheit ihre eigenen 
Hierodulen in Gestalt der Tempelmädchen bekam, da war 
es nicht mehr nötig, die eigene Gattin oder eine andere Frau- 
mit in den Tempel zu nehmen, da man ja nun vermittels der 
Hierodulen mit der Gottheit verkehren konnte. Bei weiblichen 
Gottheiten kommt als viertes ursächliches Moment der Tempel* 
Prostitution noch in Betracht, daß jene Buhlerinnen oft wegen 
ihrer großen Schönheit und hervorragenden Geistesgaben als 
Abbilder der Göttin betrachtet wurden. Daraus erklärt sich 
bei den Griechen die Sitte, daß schöne Hetären, z. B. die P h r y n e , 
dem Praxiteles und dem Apelles Modell standen, um 
nach ihnen Venusstatuen für die Tempel zu bilden. 

Die heiligen Venuspriesterinnen, die „Kadeschen'* der 
Phönizier und „Hierodulen" der Griechen, waren Dienerinnen 
der Aphrodite, wohnten im Tempelbezirke. Ihre Zahl war oft 
sehr groß. So prostituierten sich in Korinth mehr als tausend 



115 

weibliche Eüerodulen beim Tempel der Aphrodite Pome oder 
sogar im Tempel selbst.^*) 

Indien, wo man überhaupt die Urerscheinungen des 
Liebeslebens am besten studieren kann, ist auch das gelobte Land 
der Tempelprostitution, da die religiöse Auffassung des Sexuellen 
nirgends so sehr hervortritt, wie im indischen Glauben.^') Die 
indischen Tempeldimen heißen „Nautch-women" oder „Nautsches". 
Warne ck berichtet über sie: 

„Jeder Hindu-Tempel von einiger Bedeutung besitzt ein 
Arsenal Nautsches, d. h. Tanzmädchen, die nächst den 
Opferem das höchste Ansehen im Tempelpersonal genießen. Es 
ist noch nicht lange her, daß diese Tempelmädchen (ganz wie 
die griechischen Hetären!) fast die einzigen einigermaßen ge- 
bildeten Frauen in Lidien waren. Diese von ihrer Kindheit her 
den Oötzen vermählten Priesterinnen müssen von 
Berufswegen sich für jedermann aus jeder Kaste prostituieren, 
und diese Preisgebung ist so weit entfernt, als Schande zu gelten, 
daß selbst angesehene Familien es vielmehr für eine Fihre 
achten, ihre Töchter dem Tempeldienst zu weihen. Allein in der 
Präsidentschaft Madras gibt es gegen 12000 dieser Tempel- 
prostituierten."^^) Short t gibt weitere interessante Nachrichten 
über diese Tempelprostituierten, die auch „Thassee" genannt 
werden. 

Die Beligion teilt mit dem geschlechtlichen Drang die Unend- 
lichkeit der Sehnsucht, das Ewigkeitsgefühl, die mystische Ver- 
senkung in die Tiefen des Lebens, den Durst nach Verschmelzung 
der Individualitäten in einer ewig-seligen Vereinigung, frei von 
den irdischen Fesseln. Daher die Todessehnsucht der Liebenden 
und mystisch verzückten Frommen, die Leopardi so wunderbar 
geschildert hat. „Die Todessehnsucht Liebender ist eins mit der 
Sehnsucht nach geschlechtlicher Vereinigung," bemerkt H. Swo- 
boda sehr richtig und nennt treffend manchen Selbstmord aus 
„unglücklicher Liebe" viel eher einen aus glücklichster Liebe. 

Gelegenheit zu Aeußerungen dieser religiös-sexuellen Mystik 



*•) W. H. Röscher, Nektar und Ambrosia, Leipzig 1883, 
8. 86-^9. 

^^) Vgl. darüber Edward Seilen, Annotations on the Sacred 
Writings of the Hindus, London 1865, S. 3. 

»•) Ploß-Bartels, Das Weib in der Natur- und Völker- 
kunde, 8. AufL Leipzig 1905, Bd. 1, S. 580. 

8* 



116 

gaben bei den primitiven Völkern und im Altertume zuerst die 
religitfs-erotischen Feste. Hier tritt der Uebergang 
religiöser Ekstase in sexuelle Empfindungen ganz besonders deut* 
lieh hervor und kommt in den häufig als Finale inbrünstiger 
religiöser Andacht auftretenden sexuellen Orgien zum grellsten 
Ausdruck. Die geschlechtliche Brunst erscheint dann gleichsam 
als eine Fortsetzung und Steigerung der religiösen 
Brunst, im tiefsten Grunde, in der Wurzel mit ihr überein* 
stimmend, als natürliche irdische Lösung einer ekstatischen aufs 
Jenseits und Metaphysische gerichteten Spannung. 

Die Tatsache, daß wir solche geschlechtlichen Aus* 
Schweifungen bei religiösen Veranstaltungen auf der ganzen 
Erde verbreitet sehen, daß sie seit uralter Zeit bei den ver- 
schiedensten Beligionen vorkommen, weist wiederum auf 
einen mit dem TVesen der Religion als solchen zusammenhängenden 
Ursprung dieser Dinge hin, die mit der einzelnen historischen 
Konfession nichts zu tun haben. Es ist also völlig unkritisch 
und ungerecht, wenn man in neuerer Zeit den Katholizismus 
dafür verantwortlich macht, der als solcher ebensowenig damit 
zu tun hat, wie alle anderen Bekenntnisse. Die religiös-sexuellen 
Phänomene gehören zu den überall wiederkehrenden Elementar- 
gedanken des Menschengeschlechts (im Sinne Bastians), 
denen nur die objektive anthropologisch-ethnologische Betrach- 
tungsweise wissenschaftlich gerecht werden kann. 

So tritt uns die sexuell-religiöse Mystik überall als dieselbe 
entgegen, bei den religiösen Festen des Altertums, den mit wilden 
geschlechtlichen Orgien einhergehenden Isisfeiem Aegyptens und 
des kaiserlichen Boms, den Festen des Baal Peor bei den Juden, 
den Venus- und Adonisfesten der Phönizier, in Cypern und Bybios, 
den Aphrodisien, Dionysien und Eleusinien der Hellenen, dem 
Feste der Flora in Bom, bei dem nackte Freudenmädchen lunher- 
liefen, den römischen Bacchanalien und dem Feste der Bona Den, 
dessen wilde Unzucht Juvenals berühmte Schilderung uns allzu 
deutlich vor Augen führt. 

In Indien feiert die im 16. Jahrhundert begründete Sekte 
des Caitanya die tollsten religiös-geschlechtlichen Orgien, ihr 
Gottesdienst besteht vornehmlich in langen Litaneien and Hymnen, 
die von zügelloser Erotik strotzen, dazu kommen wilde Tänze, 
alles zielt darauf ab, die „Gottesliebe" (bhakti) möglichst fühlbar 



117 

zu machen.^^) Noch schlimmer waren die Sakta- Sekten (von 
£akti = Kraft, d. h. sinnliche Offenbarung des Gottes Siva), 
sie gaben sich mit glühender Sinnlichkeit dem Dienste der weib- 
lichen Emanationen Sivas hin, wobei Aufhebung aller Kasten* 
unterschiede und wüde geschlechtUche Promiskuität die Itegel 
war. Stets geht der geschlechtlichen Vermischung ein Gottes- 
dienst vorher. 

Bei den Kauchiluas, einer dieser Sakta-Sekte, werfen 
die am Gottesdienste teilnehmenden Weiber einen kleinen Schmuck- 
gegenständ in einen vom Priester verwahrten Kasten. Nach 
Beendigung der religiösen Feier nimmt jeder der männlichen 
Beter eins dieser Stücke heraus, worauf die Besitzerin sich bei 
den nun folgenden zügellosen geschlechtlichen Ausschweifungen 
sich ihm hingeben muß, selbst wenn sie seine eigene Schwester 
wäre,^) 

Auch das alte Zentral- und Südamerika kannte solche wilden 
Ausbrüche sexuell-religiöser Natur. In Guatemala fanden an den 
Tagen der großen Opfer sexuelle Ausschweifungen schlimmster 
Art mit Müttern, Schwestern, Töchtern, Kindern und Kebs- 
weibem statt, und beim „Akhataymitafeste^^ der alten Peruaner 
endigte die religiöse Feier mit einem Wettlauf zwischen voll- 
ständig nackten Männern und Weibern, wobei jeder ein Weib 
einholende Mann sofort den Beischlaf mit ihr ausübte.'^) 

Auch ins Christentum fand die sexuelle Mystik Eingang. 
Wenn der berühmte Philologe Usener in seiner Arbeit über 
Jdytbologie" mit Bezug auf diese Dinge sagt: „Das ganze 
Heidentum zog in das Christentum ein", so war es nicht nach 
unserer Auffassung das „Heidentum'^ sondern ürerschei- 
nungen der primitiven Menschennatur, der uralte 
Zusammenhang zwischen Beligion und Sexualität, der sich auch 
im Christentum mit Naturnotwendigkeit zeigen mußte. 

So treffen wir denn bis auf den heutigen Tag die- 
selben eigentümlichen Offenbarungen der Sexualmystik auch bei 
den verschiedenen christlichen Konfessionen, nicht bloß im 
Katholizismus, an. 

Schon die juden-christliche Sekte der Sarabaiten im vierten 



»•) E. Hardy a. a. O., S. 126. 

^ Sellon, Annotations etc. 8. 30. 

«) Ploß-BartelB, a. a. 0. I, S. 608. 



118 ; 

Jahrhundert beschloß ihre religiösen Feste mit wilden sexuellen 
Ausschweifungen, die Cassianus in drastischer Weise schildert. 
Sie bestand bis zum neunten Jahrhundert. Auch die spätere 
christliche Sektengeschichte ist erfüllt von diesem religiös-sexaellen 
Element. Religiöse und geschlechtliche Inbrunst decken sich, 
gehen ineinander über, steigern sich gegenseitig. Ich erwähne 
nur die in der Kulturgeschichte so bekannten und von vielen 
neueren Forschem untersuchten und beschriebenen religiös-erotisch- 
orgiastischen Feiern der Kikolaiten, der Adamiten, der Valesianer, 
der Karpokratianer, der Epiphanier, Kalniten und Manichäer. 
Dixon hat in seinen „Seelenbräuten" besonders die sexuellen 
Ausschweifungen neuerer protestantischer Sekten, wie der Mucker 
von Königsberg, der „Erweckten", der Foxschen Spiritualisten 
von Hydesville usw. beschrieben. Allbekannt ist ja auch die 
eigentümliche Verquickung des Sexuellen mit dem Beligiösen im 
Mormonismus, wo Vielweiberei ein religiöses Gebot ist. 

Kicbt bloß Katholizismus und Protestantismus weisen solche 
Erscheinungen auf, auch in der griechischen Eorche treibt die 
sexuelle Mystik die seltsamsten Blüten. Leroy-Beaulieu 
berichtet über die russische Sekte der „Skakuny" oder Springer, 
die bei ihren nächtlichen Zusammenkünften sich durch Hüpfen 
und Springen, wie die tanzenden Derwische des Islam, in 
eine erotisch-religiöse Ekstase versetzen. Ist die Raserei am 
größten, dann greift in allgemeiner Vermengung der Geschlechter 
eine schamlose Unzucht PlatZ; wobei auch Blutschande getrieben 
y^ird.") 

Wie sehr spukt noch, ganz abgesehen von diesem Sekten- 
wesen, der religiös-sexuelle Empfindungskomplex in der Vor- 
stellung der heutigen wirklich frommen Christen. Die Idee einer 
„Unio mystica" zwischen dem Menschen und der Gottheit macht 
sich überall geltend.^') Albrecht Dieterich hat in seinem 
gelehrten Werke „Eine Mithrasliturgie" reiches kulturgeschicht- 
liches Material über diese mystische Hochzeit beigebracht. Schon 
die ältesten heidnischen Kulte kennen die Liebesvereinigung als 
das Bild der Einigung der Menschen mit Gott und eine ganz 



**) Vgl. H. Beck, Des Grafen Leo Tolstoi Ereutzersonate usw. 
Leipzig 1898, S. 5. 

*•) VgL „Mystische Hochzeiten" in: Vossiscbe Zeitung 370 vom 
9. August 1904. 



119 

hervorragende Bolle spielt das Bild vom Bräutigam und dem 
Hoclxzeitsmahl im Neuen Testament. Christus ist der „Bräutigam'' 
der Kirche, diese seine „Bi'^^t". Fromme Mädchen und Nonnen 
wiederum nennen sich gern Bräute Christi. Dieser ekstatischen 
Vereinigung liegt stets die geschlechtliche als Vorbild zugrunde. 
Augustinus sagt: „Wie ein Bräutigam tritt Christus aus 
seinem Thalamos, in der Hochzeitsstimmimg beschreitet er das 
Feld der Welt.« 

Das Mittelalter bietet in der Ausschmückung der mystischen 
Hochzeit in Literatur, Theologie, Visionen und bildender Kirnst 
unendlich viel. Besonders die heilige Katharina von Siena 
und die heilige Therese waren für letztere dankbare Objekte. 
Der Barockkünstler Bernini hat aus der heiligen Therese in 
der Kirche Santa Maria della Vittoria in Bom eine wahre 
moderne Alkovenszene gemacht, so daß ein geistvoller französischer 
Spotter, der Präsident de Brosses, davon sagte: ,^Ab, wenn 
das die göttliche Liebe ist, dann kenne ich siel" 

Als am 8. Oktober 1900 Crescentia Höß aus Kaufbeuren 
in der Peterskirche selig gesprochen wurde, war ein Gemälde 
rar Stelle, das die mystische Hochzeit der neuen Seligen mit 
dem Heiland darstellte. Darüber stand lateinisch: „Unser Herr 
Jesus Christus überreicht der Jungfrau Crescentia unter Beistand 
der heiligsten Gottesmutter und in Gegenwart ihres Schutzengels 
als Brautführers den Bing und verlobt sie sich/' Auch die Nonne 
tritt als Braut vor den Altar, um sich für ewig mit Christus 
zu vermählen, und im Volksleben findet sich eine noch realistischere 
Veranschaulichung der mystischen Hochzeit. Da das ehelose 
Priestertum dem Bauer trotz aller Achtung, die er vor dem geist- 
lichen Stande hat, etwas Fremdes, Unverständliches bleibt, so 
stellte man die Primiz, die Feier des ersten Meßopfers, als eine 
Hochzeit dar, die der hochwürdige Primiziant mit der Kirche 
feiert, zu welchem Zwecke sich diese durch ein mehr oder minder 
junges Mädchen vertreten läßt. Das ist heute noch Volksgebrauch 
in Baden, Bayern und Tirol. Bei dieser, der Poesie nicht ent- 
behrenden Zeremonie, die F. P. P ige r in der „Zeitschrift des 
Vereins für Volkskunde 1899" anschaulich schildert, machen die 
anwesenden Bauemburschen die derbsten imd anzüglichsten Witze 
und ziehen nach derselben mit der „geistlichen" Braut in ein 
Wirtshaus, wo „man sich vor den geistlichen Herren nicht zu 
genieren braucht". 



120 

Wie nahe in diesen mystischen Vereinigungen und Ver- 
mählungen Sexualität und Religion sich berühren, hat Ludwig 
Feuerbach in seiner Abhandlung „lieber den Marienkultus'' 
(Sämtliche Werke, Leipzig 1846, Bd. I, S. 181—199) nachgewiesen. 
Einen sehr interessanten Beleg dafür liefert auch das folgende 
religiöse Lied in einem unter der weiblichen Bevölkerung Frank- 
reichs einst weit verbreiteten poetischen Erbauungsbuche („Les 
Perles de saint Frangois de Sales, ou les plus helles pensees 
du bienheureux sur Tamour de Dieu", Paris 1871): 

Vive J6sus, vive sa force, 
Vive son agr^able amorcel 
Vive J6sus, quand sa bont^ 
Me r6duit dans la nudit^; 
Vive J68US, quand il m'appelle: 
Ma soeur, ma colombe, ma bellet 

Vive J6sus 9n tous mes pas, 
Vivent ses amoureuz appasl 
Vive J6sus, lorsque sa beuche 
D'un baiser amoureux me touchel 

Vive J6sus quand ses blandicea 
Me comblent de chastes d61icesl 
Vive J^stLs lorsque ä mon aise 
n me permet que je le baisei 

Neben der religiösen Prostitution und der Sexualmystik 
weisen noch zwei andere religiöse Erscheinungen innige Be- 
ziehungen zum Geschlechtsleben auf, ja sind zum Teil sexuellen 
Ursprungs: die Askese und der Hexenglauben. 

Beide sind nicht, wie ebenfalls von oberflächlichen Autoren 
immer noch behauptet wird, dem christlichen Glauben eigentüm- 
lich, nicht das Christentum allein hat den Eros vergiftet, wie 
Nietzsche sagt, sondern es sind allgemeine kultur- 
geschichtlich - anthropologische Konzeptionen, 
die aus einer primitiven glühenden religiösen Empfindung ent- 
springen. 

In welcher Weise hängt die Wertschätzung der „Askese", 
d. h. die Vorstellung, daß das irdische und ewige Heil in der 
vollständigen geschlechtlichen Enthaltsamkeit 
liege, mit dem religiösen Gefühl zusammen? Beligion ist die 
Sehnsucht nach dem Ideal, der Glaube an Vervollkommnung. 



121 

Solchem Olauben muß der Oeschlechtstrieb und alles, was damit 
zusammenhängt, als größtes Hindernis der Verwirklichung des 
Ideals erscheinen, weil nirgends die Disharmonie des Daseins 
so sehr fühlbar wird, wie im sexuellen Leben. 

Im fünften Kapitel seiner „Studien über die Natur des 
Menschen" hat Metschnikoff alle die zahlreichen Dis- 
harmonien in der Organisation und Funktion des Fortpflanzungs- 
apparats zusammenstellt, unter denen ja auch der wissend 
gewordene moderne Mensch so sehr leidet. Zu diesen disharmo- 
nischen Phänomenen im Sexualleben rechnet Metschnikoff 
u. a. die so peinliche, schmerzhafte und unästhetische menstruelle 
Blutung des menschlichen Weibes, die schon von allen primitiven 
Völkern als etwas Unreines, Böses betrachtet wurde, femer die 
Leiden der Niederkunft, den Mißklang zwischen der Pubertät 
und der allgemeinen Beife des Organismus, die später eiutritt 
als jene, die zeitlich ungleichmäßige Entwicklung der ver- 
schiedenen Teile der Greschlechtsfunktionen, die z. B. Onanie noch 
vor der Bildung von Spermatozoen zur Folge hat, den großen 
zeitlichen Abstand zwischen dem Eintreten der Greschlechtsreife 
und der Eheschließung, die zahlreichen disharmonischen Er- 
scheinungen bei der Abnahme der Zeugungsfähigkeit im höheren 
Alter, wo starke spezifische Erregbarkeit und sexuelles Empfinden 
so oft die Begattungsfähigkeit überdauern, endlich die Dis- 
harmonien im sexuellen Verkehr zwischen Mann und Frau. 

Nach Metschnikoff ist diese Disharmonie des Sexual- 
lebens vom zartesten bis zum vorgerücktesten Alter die Quelle 
so vieler Uebel, daß fast alle Eeligionen die Oeschlechtsfunktionen 
streng beurteilt und verurteilt und die Enthaltung vom Koitus 
als bestes Mittel zur harmonischen und idealen Gestaltung des 
Lebens empfohlen haben. 

Hinzu kommt der schon vom primitiven Menschen tief- 
empfundene Gegensatz zwischen Geist und Materie; das Sexuelle, 
als das Höchstsinnliche imd als intensivster Ausdruck des mate- 
riellen Daseins wurde als das unreine Element dem Geistigen ent- 
gegengesetzt, das zugunsten des letzteren bekämpft, überwunden 
und womöglich ausgerottet werden müsse. Schon die erste be- 
friedigte Wollust reichte hin, den Menschen für immer aus dem 
^aradiese'S d. h. dem höchsten geistigen Sein, zu vertreiben. 
Neben dem Gelübde der Armut ist daher die geschlechtliche 
Abstinenz, der Kampf gegen das „Fleisch" („caro" der alten 



122 

Kirchenväter bezeiclinet stets die Genitalien) der vornehmste 
psychologische Charakterzug der Askese. 

Was ist aber die notwendige Folge dieses beständigen 
Kampfes gegen den Geschlechtstrieb? Wenn Weininger 
behauptet (Geschlecht und Charakter, 2. Aufl. Wien 1904, S. 469) : 
„Die Verneinung der Sexualität tötet bloß den körperlichen. 
Menschen, und ihn nur, um dem geistigen erst das volle Dasein 
zu geben," so ist das ganz falsch und zeugt von einer höchst 
mangelhaften Kenntnis der menschlichen Natur. Denn die „Ver- 
neinung der Sexualität" ist wahrlich der am wenigsten geeignete 
Weg, um dem geistigen Menschen das volle Dasein zu geben. 
Ebensowenig vermag sie den körperlichen zu vernichten. Im 
Gegenteil. Denn um den übermächtigen, in jedem Menschen zeit- 
weilig intensiv gesteigerten Sexualtrieb niederzukämpfen und 
auszurotten, mußte der Asket immer vor ihm auf der 
Hut sein, d. h. immer an ihn denken. So kam er dahin, 
sich mehr mit dem Geschlechtstrieb zu beschäftigen« als der 
normale Mensch für gewöhnlich zu tun pflegt. Dies wurde noch 
begünstigt durch die freiwillige Weltflucht des Asketen, 
durch das beständige Leben in der Einsamkeit, was der Ent^ 
stebung von Halluzinationen und Visionen sehr förderlich ist 
und nur durch ein als natürliche Beaktion anzusehendes üppigeres 
Phantasie- und Sinnesleben einigermaßen erträglich wird. Denn 

Nous naissons, nous vivons pour la societ6: 
A nous-m§mes livr6s dans une solitude 
Notre bonheur bientöt fait notre inqui^tude. 

(Boileau, Satire X.) 

Diese „inquietude", diese intensive Steigerung des Nerven- 
lebens in jeder Beziehung machte sich nun ganz besonders auf 
geschlechtlichem Gebiete bemerkbar. Visionen sexueller Natur, 
erotische Versuchungen, Kasteiungen des Fleisches in Form der 
Selbstgeißelung, Selbstentmannung und Verstümmelung der Gre- 
schlechts teile sind charakteristische asketische Erscheinungen. 
Auf der anderen Seite führte die übertriebene Schätzung und 
Erhöhung des rein Geistigen nicht nur zu einer Sündhaftr 
erklärung und Erniedrigung der Materie, sondern auch 
direkt zu geschlechtlichen Ausschweifungen, da 
viele Asketen-Sekten erklärten, was mit dem an sich schon sünd- 
haften Körper geschehe, sei gleichgültig, jede Befleckung desselben 



123 

aei erlaubt Hieraus erklfirt sich die merkwürdige Tatsache des 
Vorkommens von natürlicher und widernatürlicher 
Unzucht bei zahlieichen asketischen Sekten I 

Geschlechtliche Kasteiung und geschlechtliche Ausschweifung : 
das sind die beiden Pole, zwischen denen sich das Leben des 
Asketen bewegt, das also In jedem Falle eine starke sexuelle 
Beimischung aufweist. Die Askese ist dann oft nur das Mittel, 
sich den sexuellen Genuß in einer anderen Form und in intensiverer 
Weise zu verschaffen. 

Die Askese ist so alt wie die menschliche 
Religion und auf der ganzen Erde verbreitet. Wir 
finden einzelne Asketen bei vielen wilden Völkern, asketische 
Sekten besonders unter den alten und neuen Kulturvölkern, in 
Babylon, Syrien, Fhrygien, Judäa, selbst im präkolumbischen 
Mexiko und am meisten entwickelt in Indien, im Islam und im 
Christentum. 

Die die potenzierte Selbstzucht, „yoga'S fordernde indische 
Sämkhya-Lehre, die auf dem Gegensatze von Geist und Materie 
beruht, führte zur Aufnahme der Askese in den Buddhismus und 
die Jaina-Beligion, auch zur Gründimg asketischer Sekten, wie 
der „Acelakas", der „Ajivakas", der „Suthres" oder „Beinen", 
die nacli Hardy „durch ihr Leben ein Hohn auf ihren Namen 
sind''. In höchster Steigerung findet sich das Yogintum bei den 
^ivaltischen Sekten des 9. bis 16. Jahrhunderts, die neben wilder 
Befriedigung der rohesten sinnlichen Triebe auch die Askese bis 
zur Selbstpeinigung ausgestalteten. 

Im Islam zeigt die Sekte der Sufis besonders die Verbindung 
von Sexualismus und Askese, aber erst das Christentum hat die 
Asketik zu einem förmlichen System ausgebildet und die extremsten 
Konsequenzen daraus gezogen. Nur der Nahrungstrieb war dem 
Ältesten Christentum etwas Natürliches, der Geschlechtstrieb ver- 
schlechterte Natur, die physische imd seelische Entmannung ein 
schon in Schriften des neuen Testamentes empfohlenes Ideal. 
Schon im zweiten nachchristlichen Jahrhundert entmannten sich 
viele Christen freiwillig und im 4. Jahrhundert mußte sich das 
Konzil zu Nicäa mit dem Ueberhandnehmen dieser asketischen 
Unsitte und den antiken Vorgäjigem der heutigen Skopzen be- 
schäftigen.**) 

»*) Vgl Adolf Harnaok, Medizinisches aus der ältesten 
Kirchemgeschichte, Leipzig 1892, S. 27—28, S. 52. 



124 

Zahlreiche Asketen und Heiligen zogen dch in die Einsam- 
keit zurück, um durch Kasteiung des Leibes das Heil zu er- 
reichen. Aber es ist sehr bezeichnend, daß sie alle fast nur 
im Geschlechtlichen lebten und webten und auf die 
oben erklärte Weise dazu kamen, sich mit allen das Sexualleben 
betreffenden Fragen unaufhörlich zu beschäftigen. 

Die Schriften der Heiligen sind voll von solchen Beziehimgen 
auf die Vita serualis und daher eine ergiebige Quelle für die 
Sittengeschichte des Altertums. Nichts interessiert diese Asketen 
80 sehr, als das Leben der Prostituierten, als die sexuellen Aus- 
schweifungen der Unfrommen. Viele Legenden erzählen von den 
Bemühungen der Heiligen, Freudenmädchen ihrem Berufe zu 
entreißen und einem heiligen Leben zuzuführen, und das Werk 
von Charles de Bussy „Les Courtisanes saintes" zeugt von 
dem Erfolg dieser Bemühungen. Der hl. Vitalins besuchte 
jede Nacht die Bordelle, gab den Dirnen Geld, damit sie nicht 
sündigten und betete für ihre Bekehrung. 

So diente dem, beständig das Sexuelle in (redanken um- 
kreisenden Asketen die Kasteiung, Selbstgeißelung und Selbst- 
entmannung nur dazu, um die eigne Vita sexualis immer mehr 
auf krankhafte, perverse Bahnen zu führen. Die monströsen 
geschlechtlichen Visionen der Heiligen spiegeln in 
typischer Weise die imglaubliche Heftigkeit der sexuellen 
Empfindungen der Asketen wieder. Wie fem war, um mit 
Augustinus zu sprechen, diesen Unglücklichen die „heitere 
Klarheit der Liebe", wie nahe das „Düster der Sinnenlust'' I Diese 
Visionen, diese „falschen Bilder" verlockten den „Schlafenden" 
zu etwas, wozu ihn wirkliche beim Wachen nicht verführen 
konnten (Augustinus, oonfesdones, X, 30). Gestalten von 
schönen nackten Weibern, mit denen übrigens die Asketen sich 
oft, um sich zu prüfen, auch in Wirklichkeit umgaben, er* 
schienen ihnen im Traume, fetischistische und symbolistische 
Visionen erotischer Natur plagten sie und führten zu den 
heftigsten sinnlichen Anfechtungen, die sich in den Sekten der 
Valesianer, Mardoniten und Gnostiker zu sexuellen Atis- 
Schweifungen steigerten. Marcion, der Stifter der nach ihm 
benannten Sekte, predigte Enthaltsamkeit, behauptete aber, daß 
geschlechtliche Ausschweifungen für die Erlösung kein Hindernis 
abgeben könnten, da ja die Seelen allein nach dem Tode auf- 
erständen! Die Gnostiker schwankten zwischen unbedingter 



125 

Ehelosigkeit und unterschiedsloser Oeschlechtsgemeinsohaft hin 
und her. Noch im 19. Jahrhundert führte eine asketische Mystik 
die protestantische Sekte der Königsberger Pietisten zu den 
gröbsten sinnUchen Exzessen. 

Aus der Askese ging das Mönchstum und Kloster- 
wesen hervor, auf das sich die obigen Betrachtungen in jeder 
Weise anwenden lassen. Die nicht wegzuleugnende Unzucht in 
den mittelalterlichen Klöstern, die in der Benennung der Bordelle 
als ,,Abteien" und vor allem im Volkslied und der Volkaerzählung 
ihren bezeichnendsten Ausdruck fand, läUt ebenfalls die Be- 
ziehungen zwischen religiöser Askese und Vita sexualis deutlich 
erkennen. 

Die Idee der Askese hat bis zur Gegenwart ihre Anziehungs- 
kraft auch für gewisse Geister außerhalb der Kirche nicht ver- 
loren. Aber der Charakter und Ursprung dieser modernen, 
Asketik ist ein anderer. Wir verstehen ihn, wenn wir uns an 
den Ausspruch Otto Weiningers, dieses typischen Vertreters 
der y^modernen'' Asketik, erinnern, daß nicht der Mann die 
schlechteste Meinung von den Frauen bekäme, der am wenigsten, 
sondern vielmehr jener, der am meisten Glück bei ihnen gehabt 
hat (Geschlecht und Charakter, S. 315). 

Die Asketen des ältesten Christentums verneinten zuerst die 
Sexualität, z. B. durch' Selbstentmannung, durch Flucht in die 
Einsamkeit, um sie dann um so stärker zu bejahen. Unsere 
modernen fin de si^cle- Asketen, vor allem die drei erfolgreichsten 
literarischen Apostel der Askese, Schopenhauer, Tolstoi 
und Weininger, bejahten zuerst in recht intensiver Weise 
ihre Sexualität, um sie dann erst um so gründlicher zu verneinen. 
Sie lernten die Wollust nicht bloß in der Idee, sondern auch in 
Wirklichkeit kennen. Deshalb haben sie uns auch wertvollere 
Aufschlüsse über ihre Natur und ihre Bedeutung im Leben des 
einzelnen Menschen gegeben, als wir sie aus den Visionen alt- 
christlicher Asketen empfangen können. Vor allem gilt das von 
Schopenhauer und Tolstoi 

Schopenhauer hat erst die ganze Tragik der Wollust, 
den Dämon des Geschlechtstriebes, die „Feindschaft*^ der Liebe 
(eigene Aeußerang zu Challemel-Lacour) am eignen Leibe 
empfinden müssen, ehe ihm die volle Bedeutung der asketischen 
Idee aufging. Seine Asketik hängt mit seiner Sinnlichkeit und 



126 

den Folgen ihrer Betätigung aufs engste zusammen. Ich glaube 
neuerdings einen stringenten Beweis dafür durch Veröffentlichung 
einer bisher unbekannten eigenhändigen Niederschrift des Philo- 
sophen geliefert zu haben,'^) aus der seine syphilitische Er- 
krankung mit Sicherheit hervorgeht. Hieraus wieder erklärt 
sich die enge Beziehung, die Schopenhauer zwischen der 
„wunderbaren venerischen Krankheit" und der Asketik statuiert. 
Aus seinen verschiedenen Aeußerungen über die Syphilis und vor 
allem der Tatsache der eignen syphilitischen Erkrankung ergibt 
sich die Bedeutung, die die Syphilis für die Konzeption seiner 
asketischen Anschauung hatte, die unter dem unmittelbaren 
Einflüsse seiner Erlebnisse, Leiden und Leidenschaften sich ent- 
wickelte, während im Alter, wo der Dämon des Geschlechtstriebes 
und die unseligen Folgen des letzteren ihn nicht mehr quälten, 
eine deutliche eudämonistische Färbung in seinem Denken 
sich zeigt. 

Auch Tolstoi bekennt unverhohlen, wie sehr er durch die 
Wollust gelitten. „Ich weiß," sagt er, „wie sie alles verdeckt, 
alles für eine Zeit vernichtet, wovon das Herz und die Vernunft 
lebten." Die ünenthaltsamkeit der Männer ist nach Ihm die 
Ursache der Sinnlosigkeit des Lebens. Tolstois Auffassung 
der Asketik deckt sich aber keineswegs mit der altchristlichen, 
buddhistischen und Schopenhauerischen Askese. In dem schönen 
Ausspruch : Nur mit der Frau kann man die Keuschheit verlieren, 
nur mit ihr kann man sie wahren, liegt das Zugeständnis, daß 
absolute Keuschheit ein unerreichbares Ideal ist, und daß der 
Mensch nur eine relative Askese erreichen kann. Man sollte 
sich an diese Aussprüche in den keineswegs systematisch durch- 
gebildeten Lehren Tolstois halten und nicht an seine ver- 
rückte Lehre von der ünkeuschheit der Ehe. Später werden wir 
bei Erörterung der sogenannten „Enthaltsamkeits frage" auf diese 
Idee einer relativen Enthaltsamkeit und das Gute, das in ihr 
liegt, zurückkommen. 

Ganz zum Begriffe der altchristlichen Askese kehrt der ohne 
Zweifel stark pathologische Weininger zurück. Nach ihm 



w) Iwan Bloch, Schopenhauers Krankheit im Jahre 1823 
(Ein Beitrag zur Fathographie auf Grund eines unveröffentlichten 
Dokumentes), Vortrag in der Berliner Gesellschaft für Geschichte der 
Naturwissenschaften und Medizin am 15. Juni 1906. Abgedruokt in: 
Medizinische Klinik 1906, No. 25 und 26. 



127 

„widerspricht der Koitus in jedem Falle der Idee der Mensch- 
heit" I Die Sexualität erniedrigt den Menschen. Die Fortpflanzung 
und Fruchtbarkeit ist „ekelhaft".'*) Der Mensch ist nur deshalb 
unfrei, weil er auf unsittliche Weise entstanden isti Der Mann 
negiert in der Frau immer wieder die Idee der Menschheit. 
Verneinung, üeberwindung der Weiblichkeit ist das, worauf es 
ankommt. Da alle Weiblichkeit Unsittlichkeit ist, 
so muB das Weib aufhören, Weib zu sein, und 
Mann werden !*^) 

Georg Hirth hat das Weiningersche Buch als ein 
„unerhörtes Verbrechen an der Menschheit" bezeichnet.'^) Da es 
sich aber, wie Probst in seiner psychiatrischen Studie über 
Weininger mit Evidenz nachgewiesen hat, um das Werk 
eines Greisteskranken handelt, so kann dem Verfasser rlieses Ver- 
brechen jedenfalls nicht zugerechnet werden. Bedauerlich ist nur, 
daß so viele Leser durch geistreiche Einzelheiten in dem Buche 
sich dazu verführen ließen, Weininger als „Denker" ernst 
zu nehmen oder gar mit dem bizarren August Strindberg 
zu glauben, daß hier „das schwerste von allen Problemen" 
gelöst seil 

Sehr bedeutsam und bis zur Gegenwart nachwirkend sind 
die Beziehungen zwischen religiösem und geschlechtlichem Fühlen 
imHezenglaube n,*^) dieser merkwürdigen Symbolisierung imd 
Verzerrung der Weiblichkeit, dieser in die fernste Urzeit zurück- 
reichenden Hauptquelle aller Misogynie und Weiberverachtung, 
an die man unsere modernen Weiberhasser nicht oft genug er- 
innern kann, um ihnen die ganze Sinnlosigkeit, das Primitive 
und Atavistische ihrer Anschautmgsweise klar zu machen. 



^) Bezeichnenderweise spricht in Uebereinstimmung mit dem 
asezuellen Weininger der hypersezuelle Marquis de S a d e be- 
standig diesen gleichen Gedanken aus. 

*^) VgL das Kapitel „Das Weib und die Menschheit" in: „Ge- 
schlecht und Charakter", S. 453—472. 

») G. Hirth, Wege zur Liebe, S. 219. — Vgl. auch die treffenden 
Aosfühningen von Grete Meisel-Hess, Weiberhaß und Weiber- 
▼eracbtong, Wien 1904. 

••) VgL auch die gründliche Untersuchung über Hexenwahn und 
Hexenwesen bei Graf von Hoensbroech, Das Papstthum in 
seiner sozial-kulturellen Wirksamkeit, 3. Aufl., Leipzig 1901, Bd. I, 
6. 380-599. 



128 

Auch hier muB zunächst dem Irrtum entgegengetreten werden, 
als ob der Hexenglaube ein spezifisch christliches Erzeugnis sei. 
Zur Verbreitung dieser falschen Anschauung hat vor allem das 
berühmte Werk von J. Michelet „La sorciere" beigetragen, in 
dem die Hexe als eine christlich-mittelalterliche Erfindung hin- 
gestellt wird. 

Aber die christliche Religion ist als solche an dieser 
Schöpfung genau so unschuldig wie alle übrigen Konfessionen. 
Der Hexenglauben mit seiner religiös-sexuellen 
Grundlage ist eine primitive, allgemein anthro- 
pologische Erscheinung, ein Inventar, der menschlichen 
Urgeschichte, entsprangen aus uralten Beziehungen zwischen 
religiöser Magie und Geschlechtsleben. 

„Ein tiefer gehender Blick in das Gebiet der Seelenlehre,'* 
sagt G. H. von Schubert, „läßt uns eine geheime Verbindung 
zwischen den Regungen des tierisch fleischlichen Geschlechtstriebes 
und der Empfänglichkeit für die magischen Zustände der Menschen* 
natur nicht nur vermuten, sondern mit großer Sicherheit erkennen. 

Wir stehen hier an einer Tiefe des Abgrundes, in welcher 
sich die Lust des Fleisches zu einer Lust der Hölle entzündete 
und in welcher das Fleisch mit allen ihm Lanewohnenden Kräften 
der Sünde und des Todes seine höchsten Triumphe feierte über 
den von Gott ihm zum Herrscher bestimmten Geist."*®) 

Der Animismus des Urmenschen und des heutigen Natur- 
menschen erblickt in allen furchtbaren, sein innerstes Dasein auf- 
rüttelnden imd erschütternden Naturerscheinungen die Aeußerung 
und die Tat von Dämonen und Zauberern. Einwirkimg eines 
Dämons ist auch die Brunst, die den Urmenschen zxim Weibe 
zieht, und bald nahm das Weib selbst für ihn etwas 
Unheimliches, Zauberisches an. Seinen Ursprung leitet 
der Hexenglaube atis dem Geschlechtstrieb ab, und stets 
blieb die Zauberei mit dem Geschlechtstrieb in 
irgend einer Form verknüpft. 

Diesen sexuellen Ursprung des Hexenglaubens und Magier- 
tums hat der berühmte Ethnograph K. Fr. Fh. v. Martius 
nach seinen Beobachtungen bei den Eingeborenen Zentralbrasiliens 
genau geschildert. „Alle Zauberei kommt aus der 



^) Gotthilf Heinrich von Schubert, Die Zauberei* 
Sünden in ihrer alten und neuen Form, Erlangen 1851, S. 25. 



129 

Brunst," sa^e ihm ein alter Indianer. Die Magie pflanzt 
sich durch Geschlechtslust fort, und wird nach Martins bei 
primitiven Völkern so lange herrschen, als diese nicht 
keusch werden.*^) Qeheime Kunst, Wollust und unnatürliche 
Laster sind voneinander unzertrennlich. Das beweist die ganze 
Kultur* und Sittengeschichte der Menschheit. Bei den brasilia- 
nischen Eingeborenen spielt der „Paje^' oder „Piache", der Zauberer 
dieselbe Bolle wie die christliche Hexe des Mittelalters. 

Zauberer und Hexen sind vor allem auf sexuellem Gebiete 
erfahren, der Volksglaube denkt immer zuerst hieran. Die Hexen 
des ftltesten Boms gleichen denen des Mittelalters in bezug auf 
ihren bösen £uf in geschlechtlicher Beziehung. Nach J. Frank 
kommt das Wort Hexe von „hagat" == Lotterweib. Die wesent- 
lich von Männern formulierte asketische Anschauung des Mittel- 
alters sah im Weibe die Verführerin zur sinnlichen, sündhaften 
Lust» die Personifikation des Bösen, die „janua diaboli" und 
schlieBlich die Teufelin und Hexe selbst, deren Wesen das 
Obszöne imd Geschlechtliche ist. Die Lehren von der Erbsünde 
und der unbefleckten Empfängnis hatten gewiß einen großen 
Anteil an dieser Auffassimg des Weibes. 

Der Begriff des Weibes als Hexe drehte sich fast nur um 
das Geschlechtliche, das meist als ,,Teufelsbuhl8chaf t*' 
(vgl. über diese W. G. Sold an, Geschichte der Hexenprozesse, 
Stuttgart 1843, S. 147 — 159) vorgestellt wurde, wobei das sexuell 
Perverse die Hauptrolle spielte, da statt des einfachen Verkehrs 
die scheußlichste widernatürliche Unzucht angenommen wurde. 

Holzin ger hat jn seinem gediegenen Vortrag über die 
Naturgeschichte der Hexen den Geistes- imd Sittenzustand der 
Zeit, die solche Ideen hervorbrachte, mit wenigen, aber treffenden 
Worten charakterisiert: 

„W&hrend im 15. und im Anfange des 16. Jahrhunderts, was 
Kenner der damaligen Sittenzustände zu bestätigen wissen, in 
sexueller Beziehung eine nahezu schrankenlose Freiheit herrschte, 
wollten damals Staat und E[irche auf einmal, vereint durch äußere 
Macht und religiösen Zwang, im Volke durchgehend eine bessere 
Zucht erzwingen. Eine solche forcierte Umwälzung in einem so 
vitalen Punkte mußte notwendig eine Beaktion der schlimmsten 

*i) K. Fr. y. Martins, Das Naturell, die Krankheiten, das Arzt* 
tum und die Heilmittel der Urbewohner Brasiliens, München 1843, 
S. 111—113, 

B I o e h , 8«ziiAt1«b«n % u. 8. Auflage. 9 

(V. — la TMuend.) 



130 

Sorte erzeugen, und den zn unterdrücken versuchten Trieb auf 
geheime Auswege drängen. Und das geschah mit elementarer 
Macht. Eine allgemeine, vor nichts zurückschreckende, oft toll- 
kühne geschlechtliche Vergewalti^ng und Verführung, bei der 
überall der Teufel helfen mußte, der nun. einmal der ganzen 
Welt im Kopfe steckte, die wilde Lust von Wüstlingen an ge- 
heimen baochanalischen Versammlungen und Orgien, bei deren 
vielen sie mit oder ohne Vermummung ebenfalls die Rolle des 
Satans spielen mochten, die Schandtaten aufgeregter Weiber 
und zu jeder verbrecherischen Nichtswürdigkeit bereiter Kupple- 
rinnen und Buhldimen, dazu das weitverzweigte Grespinst einer 
vollkommen entwickelten Hezentheorie und die systemgemäBe 
Bestärkung des allgemein grassierenden Teufelsglaubens durch den 
Klerus... Dieses alles in einem labyrinthisch ineinander führen- 
den Zusammenhange, machte es möglich, daß Tausende und 
Tausende von der Justiz gemordet, dem Wahne zum Opfer fielen.'' 

Das Studium der Hexenprozesse des Mittelalters und der 
Neuzeit, da bekanntlich bis in die siebziger Jahre des 19. Jahr- 
hunderts (II) solche stattfanden,**) würde ohne Zweifel wertvolle 
kulturgeschichtliche Beiträge zur Lehre von der Psychopathia 
sexualis liefern und zugleich auf die Entstehimg geschlechtlicher 
Verirrungen ein bedeutsames Licht fallen lassen. 

Wie viel geschlechtlich Abnormes geht auch heute noch 
aus demselben allgemein menschlichen, abergläubischem, dunklem, 
aus religiöser Mystik imd sexueller Brunst gemischtem Drange 
hervor, der den mittelalterlichen Hexenglauben zu einer so großen 
Blüte entwickeitel 

Es war, wie Michelet in seinem klassischen Werke zur 
Evidenz nachgewiesen hat, die auf sexuelle Abwege ge- 
ratene religiöse Phantasie, die sich zu einem großen 
Teile im Hexenglauben Luft machte und hier zu den scheuß- 
lichsten Verirrungen gelangte, hauptsächlich solchen sadistischer 
Natur. 



*s) Nach Holzinger wurden am 20. Angnst 1877 lu 

St. Jacobe in Mexiko fünf Hexen lebendig verbrannt! Da ^^setsten 

sich entrostet Hunderte von Federn in Bewegimg, nm den foroht- 

baren Anachronismus zu brandmarken". Noch 1875 veröffeatliohta 

«Friedrich Nippold in den von Holtsendorff und Oncken 

I herausgegebenen „Deutschen Zeit- und Streitfragen" eine Abhandlung 

|über die gegenwärtige Wiederbelebung des Hezenglaubens. 



131 

Wie der Aberglauben, so steckt auch, der sexuell-religiöse 
Drang des Mittelalters noch heute in vielen Menschen und 
ruft sexuelle Anomalien hervor. 

Außer der Askese und dem Hexenglauben liefert auch die 
theologische Literatur zahlreiche Belege für die Beziehungen 
zwischen Religion und Sexualität. 

In einer vor sechs Jahren veröffentlichten Abhandlung*^) 
habe ich auf die große Bolle hingewiesen, die geschlechtliche 
Fragen in der sogenannten Pastoralmedizin spielen, d. h. 
in jenen theologischen Schriften, in denen die einzelnen Tat- 
sachen und Fragen der Medizin vom kirchlichen Standpunkt aus 
untersucht und ihr Verhältnis zum Dogma festgestellt wird. 

Wir finden hier die theologische Kasuistik in bezug auf 
alle möglichen Fragen der Vita sexualis auf die Spitze getrieben, 
die Erfahrungen des Beichtstuhles in einer merkwürdigen Weise 
verwertet, die religiöse Phantasie in einer eigenartigen Ver- 
bindung von Scholastik imd Sinnlichkeit auf dunklen Gebieten 
menschlicher Verirrungen umherschweifend. 

Die äußerliche Veranlassung zur theologischen Behand- 
lung sexueller Fragen boten teils Geständnisse perverser 
Individuen im Beichtstuhle, teils öffentliche Skandale. In beiden 
Fällen suchte die Kasuistik gewisse Normen für die Beurteilung 
der verschiedenen, das Greschlechtsleben berührenden Dinge vom 
religiösen Standptmkt aus festzustellen. Das wäre aber nicht 
möglich gewesen imd in diesem Umfange nicht geschehen, wenn 
nicht zugleich eine innere Veranlassung in* den nahen Be- 
ziehungen zwischen Sexualismus und Religion vorgelegen hätte. 

So nur ist die . Entwicklung einer riesenhaften sexuell- 
kasuistischen Literatur in der Theologie, speziell der 
Pastorsimedizin, zu erklären. Das Verständnis für diese Tat- 
sachen ermöglicht nicht die erbitterten, von konfessionellem 
Vorurteil eingegebenen Tiraden der Kulturhistoriker, sondern 
nur die Darlegungen des Arztes imd Anthropologen, der 
diese Dinge in dem oben skizzierten großen Zusammenhange be- 
trachtet und die Beziehimgen zwischen Beligion und Geschlechts- 
leben als allgemein menschliche erkannt hat, nicht als künst- 
liche Produkte irgend einer bestimmten Geistesrichtung. Gerade 



*s) Iwan Bloch, üeber den Begriff einer Kulturgesohiohte 
der Medizin in: Die medizinische Woche 1900, No. 36. 

9* 



132 

die häufigen Bemühungen der katholischen Kirche, die Ärgsten 
Auswüchse auf diesem Gebiete zu beseitigen, ohne daß es je 
gelungen ist, sie ganz zu vernichten, lehreui, daß diese Dinge 
mit dem Wesen der Beligion zusammenhängen. 

Es gibt keine sexuelle Frage, die nicht von den theologischen 
Kasuisten^^) in subtilster Weise erörtert worden ist, so daß ihre 
Schriften uns zugleich ein lehrreiches Bild der Phantasie- 
tätigkeit auf geschlechtlichem Grebiete geben. 

Die höchst detaillierte, bis ans Zynische streifende Er- 
örterung darüber, bis zu welchem Grade sexuelle Berührungen 
erlaubt seien, rief den Namen „theologiens mammillaires^' hervor, 
weil einige, wie Benzi und Bousselot, die „tatti mam- 
millari'' gebilligt hatten. Diese Lehre verdammte Papst 
Benedikt XIV., ein Beweis, daß die katholische Kirche als 
solche durchaus nicht diese Dinge gebilligt hat 

In Antonio Maria Clarets, des Erzbischofs von Kuba, 
„Goldenem Schlüssel" („Llave de Oro**)? üi Debreynes „Moe- 
chialogie", in Liguoris, Dens' und J. 0. Saettlers 
Schriften über Moraltheologie, in den in Frankreich weit ver- 
breiteten ,J)iaconale6" und vielen ähnlichen Schriften werden 
alle möglichen sexuellen Fragen, wie sie im Beichtstuhle vor- 
kommen und vorkommen können, selbst die unwahrscheinlidisten 
und immöglichsten, eingehend behandelt. Coitus interruptus, 
Irrigatio vaginae post coitum, Pollutionen, Bestialität, Nekrophilie, 
Figurae Veneris, Kuppelei, die verschiedenen Arten der Lieb- 
kosungen, Onanie der Ehegatten, Abortus, Arten der Mastur- 
bation, Päderastie, Statuenschändung (I), Oedankenonanie, Pfidi- 
kation usw. werden einer subtilen kritisch-theologischen Analyse 
imterworfen. Li gewisser Weise sind diese Schriften wirklich 
reiche Fundgruben für die Psychopathia sexualis. Später werden 
wir die religiöse Aetiologie der einzelnen sexuellen Verirrungen 
noch öfter berühren. 



M) Die bekanntesten sind Augustinus, Benzi, Bonvier, 
Cangiamila, Gapellmann, Glaret, Debreyne, Dens, 
Filliucius, Gary, Liguori, Moja, Molina, Moullet, 
Pereira, Rodriguez, Rousselot, Sa, Thomas Sanchez, 
Samuel Schroeer, Skiers, Soto, Suarez, Tamburin!, 
Thomas v. Aquino, Vivaldi, Wigandt, Zenardi. — Um- 
fangreiche Auszüge aus ihren Schriften gibt Orafv. Hoensbroaoh 
im zweiten Band seines Werkes „Das Papsttum in seiner sosial-knltu* 
rellen Wirksamkeit" (Leipzig 1907). 



133 



Schon aus den bisherigen Darlegungen ergibt sich klar und 
deutlidi, daß die Beziehungen der Beligion zur Vita sexualis 
als allgemein anthropologische Erscheinungen aufzufassen sind, 
nicht als zufällige durch Ort, Zeit und Volk t>edingle Besonder- 
heiten. Der moderne Arzt, Jurist und Kriminalanthropologe muß 
daher dem religiösen Faktor im normalen und abnormen Ge- 
schlechtsleben des Menschen die größte Aufmerksamkeit zuwenden, 
wenn er zu einer unbefangenen und ungetrübten Erkenntnis der 
sexuellen Anomalien kommen will. Auch Havelock Ellis hat 
die prinzipielle Bedeutung religiös-sexueller Empfindungen hervor- 
gehoben und den Nachweis erbracht, daß kleine Schwingungen 
erotischer Gefühle alle religiösen Empfindungen begleiten und 
unter Umständen die letzteren übertönen können.*^) Noch immer 
erleben wir sexuelle Auschweifungen unter dem Mantel der 
Beligion, wie kürzlich (1905) in Holland und 1901 in England, 
wo in den religiösen Versammlungen der von dem amerikanischen 
Ehepaare H o r o s gegründeten „Theocratic Unity" junge Madchen 
in die scheußlichste Unzucht eingeweiht wurden.*^) 

Wenn Friedrich Schlegel, wie Budolf von Gott- 
schal 1 bemerkt, in seiner „Lucinde'^ ein neues Evangelium der 
Zukunft verkündet, in welchem die Wollust, wie zu den Zeiten 
der Astarte, einen Teil des religiösen Kultus bildet, so scheint 
die in unseren Tagen wieder erwachte Neigung zur romantischen 
Empfindungsweise auch die Gefahr einer Erneuerung und Ver- 
stärkung religiös-sexueller Vorstellungen nahe zu rücken. 

Denn so lange die Grefühle der Liebe den unaussprech- 
lichen, übermächtigen Drang in sich tragen, wie die religiösen 
Empfindungen, wird jene enge Verknüpfung zwischen Beligion 
und Sexualität in gutem und bösem Sinne bestehen bleiben. 
Ein älterer Arzt, der in einem interessanten Werke die Er- 
fahrungen aus vierzigjähriger Praxis niederlegte,*^) hat auch 



<*) H. Ellis, Geschlechtstrieb und Schamgefühl, Leipzig 1900, 
S. 329—346. 

^ Auf die noch heute in Paris, aber auch in anderen großen 
Städten gefeierten religiös-sexuellen „Messen" kommen wir spater 
n&rück* 

*^ Selbstbekenntnisse oder vierzig Jahre aus dem Leben 
eines oft genannten Arztes, Leipzig 1854, 3 Bande. Dazu : Nachlese 
in und außer mir. Aus den Papieren des Verfassers der Selbst- 
tiekenntnisse usw., Leipzig 1856, 4 Bände. 



über diesen religiösen Sexualismus sehr zutreffende Bemerkungen 
gemacht. Nach ihm ist überschwängliche Frömmigkeit y,oft nichts 
weiter als Sexualsymptom", hervorgehend aus Liebes- 
entbehrung und Liebesübersättigung, letzteres nach 
dem Sprichwort: „junge Hure, alte Betschwester", üebrigens 
gilt das von Männern und Frauen. Die Frömmigkeit durch Liebes* 
entbehrung kann man oft durch „Castoreum, kalte Duschen oder 
eine wohlberechnete Hochzeit mit einem handfesten, energischen 
Manne" heUen, der den „Himmelsbräutigam'* durchaus ver- 
drängt.*®) 

Die religiöse Empfindung ist eine durchaus allgemeine 
Sehnsucht, und so auch die mit ihr verknüpften sexuellen Gref ühle. 
Der grenzenlose, ewige Zug daxin läßt eine Lidividualisierung 
nicht zu. Daher können die religiös-sexuellen Empfindungen in 
der individuellen Liebe der Zukunft nur eine untergeordnete Bolle 
spielen, sie bilden nur die erste Etappe in der Geschichte der 
Idealisierung des Geschlechtstriebes, seiner Vergeistigung zur 
Liebe. 

In dem Boman „Scipio Cicala" von Behfues ruft die 
neapolitanische Aebtissin aus: „Ich liebe die Liebe," nach- 
dem sie alle Phasen der Liebeswut zu Gott durchgemacht hat. 

Der moderne Mann aber sagt zum Weibe und das Weib 
zu ihm: „Ich liebe dich," die allgemeine, religiöse Liebe hat 
vor der individuellen kapituliert. Das ist auch ganz deutlich 
die Bichtung des Weges des Geistes in der Liebe, den wir nun 
weiter verfolgen wollen. 



**) Nachlese in und außer mir. Bd. II, S. 37 — 45. — Uober die 
Beziehungen zwischen Religion und Sexualität finden sich auch manche 
interessante Mitteilungen in der Schrift von Georg Keben, Die 
halben Christen und der ganze Teufel. Höllenfahrten des Aberglaubens. 
Groß-Lichterfelde 1905 (besonders in dem Kapitel ,,Der Buhlzwinger^ 
S. 93—110). 



186 



SIEBENTES KAPITEL. 

Der ^^eg des Geistes in der Liebe. — Das erotische 
SchamgefflhI (Nacktheit nnd Kleidung). 

Die Scham hat am Mensohen körperlich nichts mehr verändert 
im Umrißbilde. Aber sie hat die etärkste Rolle gespielt in das ganze 
Werkzeuggebiet der Kleidung hinein. Und sie hat seelisch eine solche 
Gewalt an sich gerissen, daB das gesamte Liebesleben des höheren 
Menschen davon beherrscht wird. Erst vor dieser Scham trennt sich' 
das Liebesleben endgültig und individuell von dem der übrigen Tiere. 

Wilhelm Bölsohe. 



156 



Inhalt des siebenten Kapitels. 

Das individualisierende Moment im SchamgefühL ^ Neuere 
anthropologische Forschungen über Ursprung und Natur des erotischen 
Schamgefühls. — Der animalische und soziale Faktor der Scham. — 
Scham als biologisches Abwehrgefühl. — Die Koketterie. — Sociales 
Grundelement des Schamgefühls. — Lombrosos Theorie der Scham. 

— Furcht, Widerwillen zu erregen. — Zusammenhang des Scham- 
gefühls mit der Kleidung. — Verhaltnisse bei den Eingeborenen Zen- 
tralbrasiliens. — Das Nacktsein als natürlicher Zustand. — Genital- 
hüllen primitiver Völker sind Schutzmittel, keine Kleidungsstücke. -^ 
Ursprung der Kleidung. — Erster Zweck der Verzierung und Ver- 
schönerung. — Beziehungen der Kleidung zum Liebesgefühle. — Das 
Tätowieren eine Vorstufe der Kleidung. — Prähistorische Körx>er- 
bemalung. — Die Tätowierung als sexuelles Lockmittel. — Tätowieren 
der Genitalien. — Sexuelle Wirkung der Farben, — Vorkommen der 
Tätowierung bei modernen Kulturvölkern. — Neuere anthropologische 
Forschungen darüber. — Erotische Tätowierungen, — Fälle von Täto- 
wierung der Frauen der höheren Stände. — Das koloristische Element 
in der Kleidung. — Ursprung der » Kleidung aus dem Hüftschmuck. 

— Zusammenhang mit der geschlechtlichen Magie. — Mit der Eifer- 
sucht. — Mit der sexuellen Anlockung. — Sinnliche Wirkung der 
Verhüllung. — Der Beiz des Unbekannten. — Die beiden C^mnd- 
elemente der Mode. — Akzentuierung tmd Entblößung von Körper- 
teilen. — Wirkung der halben Verhüllung, des „Betrouss6*. — Die 
beiden Grundformen der Kleidung. — Die akzentuierende und ver- 
größernde Wirkung der Kleidung. — H. Lotzes Theorie des Wesena 
der Kleidung. — Wechselwirkung zwischen Kleidung und Persönlich- 
keit. — „Physiognomie" der Kleidung. — Die Kleidung als Ausdruck 
der Psyche. — Die Entblößung als sexuelles Stimulans. — Die Mode* 

— Fehlen derselben im Altertum. — Unterschied zwischen antiker 
und modemer Kleidung. — Durchsichtige Gewänder der antikem 
Halbwelt. — Zerlegung der Kleidung. — Ober- und Unterkleidung. — 
Die Taille. — Weitere Differenzierung in eigentliche Kleidung und 
intime Kleidungsstücke. — Ankleiden und Entkleiden. — Trennung 
der Körpersphäi^en durch die Taille. — Anfänge der Mode im Mittel« 
alter. — Das Korsett als Erzeugnis der christlichen Lehre. — Kampf 
der mittelalterlichen Mode gegen die Asketik. — Sieg. — Akientuianmg 
des Busens. — Das „D^coUet^". — Ansichten der Aesthetiker darüber. 

— Schädlichkeit des Korsetts. — Eine Sünde wider die Aeethetik nnd 
Hygiene. — Schädliche Wirkung auf Brust- und Unterleibsoigaiie. — 
Korsett und Bleichsucht. — Verkümmerung der Brustdrüsen. — 
Andere schädliche Folgen. — Wirkung auf die weiblichen Geschlechts- 
organe. — Korsett und „weißer Fluß". — Korsett und Sterilität. — Die 
präraphaelitische Busenlosigkeit. — Akzentuierung der HüftgegwuL — 



137 

Die Tonmüre (Cul de Paris). — Die Andeutung des weiblichen Sohoßes 
und der Grayiditat. — Der Beifrock und die Erinoline. — Ursache 
des Unterschiedes zwischen Männer- und Frauenkleidung nach 
Waldeyer. — Größere Einfachheit der Männertracht. — Zusammen- 
hang mit der größeren geistigen Differenzierung des Mannes. — Frühere 
Ausartungen der Männertracht. — Die Hosenlatze. — Feminine Manner- 
trachten. — Heutige Vorherrschaft der englischen Männertracht. — 
Wirkung der Kleidung auf die Haut. — Venus im Pelz. — Sacher- 
Masoohs Erklärung der sexuellen Wirkung von Pelzstoffen. — Ge- 
sicht und Kleidung. — Geschlechtliche Differenzierung der Gesichts- 
teile. — Die Beziehung der Kleidung zur Umgebung. — Erweiterung 
des Begriffes „Mode". — Theorie der Mode. — Die beiden Funktionen 
der Mode. — Soziale Egalisierung und individuelle Differenzierung. — 
Demimonde und Mode. — Die Mode als Schutz der Persönlichkeit. — 
Oekonomische Theorie der Mode. — Ihr Zusammenhang mit dem Ka- 
pitalismus. — Die Beform der Frauentracht. — Das „Beformkleid". — 
Schilderung einer Soiree in einem Pariser Salon. 

Die Beziehung zwischen Schamgefühl und Nacktheit als modernes 
Kultnrproblem. — Die Prüderie. — Natürliche und lüsterne Nacktheit. 
— Die Prüderie ist versteckte Begierde. — Schleiermachers 
geniale Charakteristik des sexuellen Elements in der Prüderie. — 
Psychiatrische Beobachtungen. — Unnatürliche Vergrößerung des 
Schamgefühls. — Bedeutung des echten, natürlichen Schamgefühls 
für die Kultur. — Die falsche Feigenblattmoral. — Natürliche Auf- 
fassung des Nackten und Sexuellen die Parole der Zukunft. 



188 



DeD ersten Schritt auf dem Wege der Individualisierung der 
Liebe bezeichnet die den ersten Anfängen der grauen Vorzeit an- 
gehörige Entstehung des geschlechtlichen Schamgefühles. 
Erst die Forschungen der Neuzeit haben den Nachweis gebracht^ 
daß das Schamgefühl nichts dem Menschen Angeborenes darstellt^ 
sondern ein spezifisches Kulturprodukt ist, d. h. ein im 
Laufe der fortschreitenden Entwicklung auftretendes geistiges 
Phänomen, das als solches schon dem nackten, vor allem aber 
dem bekleideten Menschen eigentümlich ist. Schamgefühl und 
Kleidung haben sich mit- und durcheinander in proportionalem 
Maße entwickelt und dienten ursprünglich beide dem gleichen 
Zwecke, die individuelle, persönliche, besondere Natur des ein- 
zelnen Menschen stärker hervorzuheben und zum Ausdruck zu 
bringen. Sie spiegeln die ersten individuellen Regungen im 
Liebesleben des Urmenschen wieder. 

Sehr gut hat Georg Simmel dieses individualisierende 
Moment im Schamgefühl erkannt, wenn er sagt: „Alles Scham- 
gefühl beruht auf dem Sichabheben des einzelnen."^) 

Durch die neueren kritischen Forschungen hervorragender 
Anthropologen und Ethnologen haben wir über Ursprung und Natur 
des erotischen Schamgefühles die bedeutsamsten Aufschlüsse be- 
kommen. Vor allem sind da die scharfsinnigen Untersuchungen 
von Havelock Ellis zu nennen, die durch die Forschungen 
von C. H. Stratz, Karl von den Steinen u. a. ergänzt 
werden. 

Havelock Ellis unterscheidet einen animalischen 
und einen sozialen Faktor der Scham. Der erstere ist spezi- 
fisch sexueller Natur, imd das einfachste und ursprünglichste Ele- 
ment des Schamgefühls. Er ist ohne Zweifel beim Weibe stärker 



1) G. Simmel, Philosophie der Mode, Berlin 1906, 8. 27. 



139 

ausgeprägt als beim Manne, Ja ursprünglich wohl nur dem weib- 
lichen Greschlechte eigentümlich und der Ausdruck für das Be- 
streben, die Geschlechtsteile gegen die unerwünschte Annäherung 
des Mannes zu schützen. In dieser S^orm beobachtet man das 
Schamgefühl schon bei Tieren. 

,J)as sexuelle Schamgefühl des weiblichen Tieres," sagt Ha- 
velock Ellis, „wurzelt in der Sexualperiodizität des weib- 
lichen Geschlechts überhaupt, und ist ein unwillkürlicher Ausdruck 
der organischen Tatsache, daß jetzt nicht die Zeit zum Lieben 
seL Da diese Tatsache nun während des größten Teiles des Lebens 
aller dem Menschen untergeordneten weiblichen Tiere zutrifft, so 
wird der Ausdruck dieses Abwehrgefülils so zur Gewohnheit, daß 
es sich auch in solchen Momenten äußert, wo es aufgehört hat, am 
Platze zu sein. Wir sehen dies auch wieder bei der Hündin, 
die zur Brunstzeit selbst dem Hxmde nachläuft, dann sich wieder 
umwendet und zu entfliehen sucht, und schließlich nur nach großen 
Verführungskünsten seinerseits di^ Begattung duldet. Auf 
diese Weise wird das Schamgefühl mehr als nur 
eine einfache Abweisung der männlichen Annähe- 
rung, es wird zur Aufforderung für das männ- 
liche Wesen und reiht sich seinen Ideen über das 
an, was ihm beim weiblichen Wesen geschlecht- 
lich wünschenswert erscheint. So würde sich auch das 
Schamgefühl als ein psychischer sekundärer Ge- 
schlechtscharakter erklären lassen. . . . Das sexuelle 
Schamgefühl des weiblichen Wesens ist daher ein imvermeidliches 
Nebenprodukt der natürlichen aggressiven Haltung des männlichen 
Wesens in geschlechtlicher Beziehung und der natürlichen ab- 
wehrenden Haltung des weiblichen, die wiederum darauf begründet 
ist, daß — beim Menschen und allen ihm verwandten Arten — 
die geschlechtliche Funktion des weiblichen Wesens periodisch ist 
und stets vor dem anderen Geschlecht behütet werden muß, 
während sie bei letzterem selten oder nie behütet zu werden 
braucht" 

Mit dieser abwehrenden Natur des Schamgefühls hängt, wie 
Oroos sehr richtig ausführt, die hohe biologische und psycholo- 
gische Bedeutung der Koketterie zusammen, die aus dem 
Gegensatze zwischen geschlechtlichem Instinkt und angeborenem 
Schamgefühl entspringt. Sie ist gewissermaßen eine Ausbeutung 
des Schamgefühls zu sinnlichen Zwecken, eine selten fehlschlagende 



140 

Spekulation auf den Geschlechtstrieb des Mannes, und in diesem 
Sinne ein Ausfluß echt gynäkokratischer Instinkte, als welcher 
sie uns bei der Betrachtung des Masochismus noch einmal 
begegnen wird. 

Wird man also nach den Ergebnissen der neuesten Forschungen 
an einer ursprünglichen organischen, animalischen Orundlage des 
sexuellen Schamgefühls nicht mehr zweifeln können, so ist 
ebenso zweifellos, daß die eigentliche psychische, individuelle Be- 
deutung des Schamgefühls aus dem zweiten Grundelement des 
Schamgefühls, dem sozialen Faktor stammt, der zugleich auch 
die Erklärung für das Auftreten des Schamgefühls beim Manne 
liefert. Diese Erscheinungsform des Schamgefühls ist zugleich eine 
spezifisch menschliche. 

Dieses zweite soziale Grundelement des Schamgefühls ist die 
Furcht, Widerwillen zu erregen. 

Es ist hier der interessanten drastisch-naturalistischen Theorie 
Lombrosos über den Ursprung des Schamgefühls zu gedenken. 
Lombroso geht nämlich von der Beobachtung aus, daß bei 
vielen Prostituierten eine Art von merkwürdigem Aequivalent 
des Schamgefühls bestehe, nämlich die Abneigung, ihre Genitalien 
inspizieren zu lassen, wenn dieselben nicht sauber oder in der Men- 
struation begriffen sind. Nim leitet sich die romanische Bezeich- 
nimg für Scham von „putere" ab, was auf den Ursprung des Scham- 
gefühls aus dem Widerwillen gegen den Geruch zersetzter 
Sekrete hindeutet. Bringt man hiermit die Tatsache, daß der 
Kuß ursprünglich ein Bericchen war, in Zusammenhang, so stellt 
nach Lombroso jene Paeudo-Schamhaf tigkeit der Prostituierten 
das ursprüngliche primitive Schamgefühl des weiblichen ür- 
mensohen dar, d. h. die Furcht, dem Manne widerlich zu sein.*) 
Auch Sergi hat diese Hypothese Lombrosos akzeptiert 

Nach Bichets Studien über die Ursachen des Ekels bildet 
die genito-anale Begion mit ihren Sekreten und Exkrementen 
bei den meisten primitiven Völkern einen Gegenstand des EkelB, 
den man sorgfältig verbirgt, sowohl dem gleichen als ganz be- 
sonders dem anderen Geschlechte gegenüber. Später spielt gans 
allgemein die Furcht, Abscheu oder Ekel zu erregen, eine promi- 



*) Vgl. C. Lombroso und G. Ferrero, Das Weib als Ver- 
brecherin und Prostituierte. Deutsch von Dr. H. Karella, Hamburg 
18d4, S. 649. 



141 

nente Bolle im Schamgefühl überhaupt. Sie betrifft nicht nnr 
die eigeatlichen G^chlechtsorgane, sondern auch die Posteriora. 
Letztere werden sogar bei manchen primitiven Völkern ganz allein 
verhüllt. 

Auch die Idee der zeremoniellen Unreinheit, besonders 
durch den Vorgang der Menstruation hervorgerufen und mit 
rituellen Grebräuchen verknüpft, hat einen Anteil an der Genesis 
des Schamgefühls. 

Unstreitig die innigsten Beziehimgen aber hat letzteres zur 
Bekleidung, die wohl nur zum Teil auf jene erwähnten 
primären Faktoren des Schamgefühls zurückzuführen ist, anderer- 
seits aber im späteren Verlaufe der Kulturentwicklung eine eigen- 
tümliche selbständige Rolle bei der weiteren Ausbildung eines 
verfeinerten sexuellen Schamgefühls gespielt hat. 

Karl von den Steinen kommt auf Grund seiner Beobach- 
tungen bei den Bakairi Zentralbrasiliens zu dem bemerkenswerten 
Schlüsse: „Ich vermag nicht zu glauben, daß ein Schamgefühl, 
das den luibekleideten Indianern entschieden fehlt, bei andern 
Menschen ein primäres Grefühl sein könne, sondern nehme an, daß 
es sich erst entwickelte, als man die Teile schon verhüllte, und 
daß man die Blöße der Frauen den Blicken erst entzog, als unter 
vielleicht nur sehr wenig komplizierten wirtschaftlichen und 
sozialen Verhältnissen mit regerem Verkehrsleben der Wert des 
in die Ehe ausgelieferten Mädchens höher gestiegen war, als er 
noch bei den großen Familien am Schingu galt. Auch bin ich 
der Meinung, daß wir uns die Erklärung schwerer machen als 
sie ist, indem wir uns theoretisch ein größeres Schamgefühl zu- 
legen, als wir praktisch haben."^) 

Daher ist bei den fast völlignackt gehenden Bakairi unser 
(sexuelles) Schamgefühl fast gar nicht entwickelt, besonders ein 
auf die Entblößung bezogenes Schamgefühl existiert nicht, wäh- 
rend jenes animalische, physiologische Schamgefühl auch bei ihnen 
sich deutlich offenbari^) 

Wo die Nacktheit Sitte ist, ist das erotische Schamgefühl 
nur in sehr geringem Maße entwickelt. Auch der zivilisierte 



*) Karl von den Steinen, Unter den Naturyölkem Zentral- 
BcasUiens, Berlin 1894, S. 199. 
ebendaselbst S. 66. 



142 

Mensch gewöhnt sicli unglaublich schnell an das Nacktsein, als 
an einen ganz natürlichen Zustand. 

„Die böse Nacktheit sieht man nach einer Viertelstunde gar 
nicht mehr, tmd wenn man sich ihrer dann absichtlich erinnert 
und sich fragt, ob die nackten Menschen : Vater, Mutter und Kinder, 
die dort arglos umherstehen oder gehen, wegen ihrer Schamlosig- 
keit verdammt oder bemitleidet werden sollten, so muß man ent- 
weder darüber lachen, wie über etwas unsäglich Albernes oder 
dagegen Einspruch erheben, wie gegen etwas Erbärmliches. . . . 
Mit welcher Schnelligkeit man sich bis in die Regionen des Un- 
bewußten hinein an die nackte Umgebung gewöhnen kann, geht 
am besten daraus hervor, daß ich vom 15. auf den 16. September 
und ebenso in der folgenden Nacht von der deutschen Heimat 
träumte, und dort alle Bekannten ebenso nackt sah, wie die Ba- 
kalri; ich selbst war im Traum erstaunt darüber, aber meine 
Tischnachbarin bei einem Diner, an dem ich teilnahm, eine hoch- 
achtbare Dame, beruhigte mich sofort, indem sie sagte: „Jetzt 
gehen ja alle so/'*) 

Die völlig nackt gehenden Bakairi haben keine „geheimen" 
Körperteile. Sie scherzen über sie in Wort und Bild mit voller 
Unbefangenheit. Es wäre töricht, sie deshalb „unanständig" zu 
nennen. Der Eintritt der Mannbarkeit für beide Geschlechter wird 
mit lauten Volksfesten gefeiert, wobei sich die allgemeine Auf- 
merksamkeit und Ausgelassenheit mit den „private parts" demon- 
strativ beschäftigt. Ein Mann, der dem Fremden sich als Vater 
eines andern, eine Frau, die sich als Mutter eines Kindes vor- 
stellen will, sie fassen mit ernsthafter, unbefangenster Miene die 
Geschlechtsteile an, wodurch sie sich als die Erzeuger bekennen. 
Die Penisstulpen und die dreieckigen Uluris der Frauen sind keine 
Hüllen, sondern dienen lediglich dem Schutze der Schleimhaut, 
als Verband und Pelotte bei Frauen, als Vorrichtung zur gym- 
nastischen Behandlung der Phimose bei Männern. 

„£[leidungsstücke'', deren Hauptzweck es wäre, dem Scham- 
gefühl zu dienen, kann man doch nur im Scherze in jenen Vor- 
richtungen erblicken. Sexuelle Erregung wurde durch sie nicht 
verhüllt, und wurde auch nicht geheimgehalten. Das rote Fftdchen 
der Trumai, die zierlichen Uluris, die bunte Fahne der Boror6 
fordern wie ein Schmuck die Aufmerksamkeit heraus, statt sie 



*) ebendaselbst S. 64, 



113 

abzulenken. Die völlig nackten Suyafrauen wuschen sich die Oe- 
schlechteteile am Fluß in Gegenwart der Europäer.^) 

Es läßt sich also bei diesen noch in der Steinzeit lebenden 
Karaiben 2^ntralbrasilien8 die Wirkung völliger Nacktheit noch 
ganz rein beobachten und feststellen, daß dieselbe die Entstehung 
eines erotischen Schamgefühls in unserem Sinne so gut wie ganz 
hindert. Die physiologischen Faktoren des Schamgefühls reichen 
für sich allein nicht aus, um dieses in seiner ganzen Stärke als 
besonderes psychisches Phänomen hervortreten zu lassen. Erst in 
Verbindung mit der Kleidung gewinnen auch sie eine größere Be- 
deutung für das Zustandekommen des Schamgefühls. 

C. H. Stratz hat in einer kulturgeschichtlich-anthropologi- 
sehen Studie über die Frauenkleidung (Stuttgart 1900) die Ergeb- 
nisse der neueren ethnologischen Untersuchungen mit den aus der 
Kultur- und Kunstgeschichte bekannten Tatsachen verglichen und 
eine überraschende Uebereinstimmxmg beider festgestellt. Nach 
ihm ist „der erste ursprüngliche Zweck der Kleidung nicht die 
Bedeckung, sondern allein und ausschließlich die Verzierung, 
der Schmuck des nackten Körpers".'') Der nackte Mensch schämt 
sich nur wenig öder gar nicht; erst der Bekleidete empfindet 
Scham, und zwar dann, wenn ihm der übliche Zier- 
rat fehlt. Das gUt sowohl für primitive als auch für zivilisierte 
Menschen. Denn mit Becht weist Stratz darauf hin, daß eine 
von der Mode, d. h. von dem jeweils bestehenden Kodex des 
VeTBchönems vorgeschriebene Entblößung niemals als solche ge- 
fühlt wird. Im Gegenteil würde sich eine Dame in geschlossenen 
Kleidern unter den dekolletierten Frauen eines Ballsaales „tief 
schämen über die fehlende Elntblößung*'. 

Die Geschichte der Kleidung und der mit ihr so eng veiv 



«) ebendaselbst S. 190—191 ; S. 195. — Vgl. auch die sehr inter- 
essanten Bemerkungen über die Nacktheit der südamerikanischen Ein- 
geborenen bei Alex. v. Humboldt, Reise in die Aequinoktial- 
Gegenden des neuen Kontinents, Stuttgart o. J., Bd. II, S. 16 — 16. 

^ a^ a. O., 8. 8. — Etwas abweichend ist E. v. d. Steinen 
(a. a. O., S. 174, 178, 186) der Ansicht, daß der Mensch die Dinge, 
die er braucht, um sich zo schmücken, zuerst durch ihren Nutzen 
kennen gelernt -habe. Er führt hierfür vor allem die Tätowierung 
in Form des Beschmierens mit farbigen Erden, mit Lehmarten an, 
die sugleich auch als Kühl- und Schutzmittel gegen Insektensticke 
dienten. Vgl. auch Yr jö Hirn, Der Ursprung der Kunst, Leipzig 
IS^. S. 222. 



144 * 

knüpfteii Mode liefert uns die wicktigsten Grundlagen fOr daa 
Verständnis des Schamgefühls des modernen Menschen und fflr 
die Beurteilimg der Bedeutung und der natürlichen Grenzen des- 
selben. Zugleich hat die Kleidung auch sonst die innigsten Be- 
ziehungen zur Liebe als psychischem Phänomen. y,Welchen Ein- 
fluß," sagt EmanuelHerrmann, „nimmt die L i e b e in allen 
Stadien auf die Kleidung, und wie spricht aus dem Kleide wieder 
die Liebe heraus T*^) Die Kleidung befriedigt ganz besonders das 
von Ho che und mir nachgewiesene allgemein menschliche Be- 
dürfnis nach Variation in den geschlechtlichen Beziehungen, das 
immer neue Lock- und Reizmittel erfordert. 

Die erste Vorstufe der Kleidung, eine Art von symbolischer 
Eleidung des Urmenschen, ist das Färben, Bemalen und 
Tätowieren der Haut, über die die neueren ethnologischen 
Forschungen, namentlich die von Westermarck,') Joest^^) 
und Marquardt^i) bemerkenswerte Aufschlüsse gebracht haben. 

Es ist von größtem Interesse, daß der Hang zum Bemalen 
und Schmücken des Körpers bereits in prähistorischen Zeiten vor- 
handen war, eine beredte Illustration zu der Behauptung Herbert 
Spencers, daß die Eitelkeit des unzivilisierten Menschen weit 
größer sei als die des Kulturmenschen. Man fand in der 
Tat schon in paläolithischen Wohnstätten, z. B. an der Schüssen- 
quelle in Oberscbwaben farbige Erden, mit Benntierfett einge- 
fettete Farbpasten aus Eisenrot, die ohne Zweifel zum Bemalen 
und Färben des menschlichen Körpers verwendet wurden. Man 
kann also, wie Ludwig Stein bemerkt, die Geschichte der 
Schminke, die einst Baco von Verulam in seinen „Cosmetica'^ 
bis zum biblischen Altertum zurückdatierte, getrost bis zum EiB- 
zeitmenschen zurückverfolgen, auf dessen intellektuelle und morar 
lische Qualitäten diese Tatsache ein bezeichnendes Licht fallen 
läßt Nach Klaatsch begnügte sich der paläolithische Mensch 



*) E. Herrmann, Naturgeschichte der Kleidung, Wien 1878, 
S. 239. 

*) EduardWestermarck, Geschichte der menschlichen Ehe, 
deutsch von L. Eatscher und R. Grazer, Jena 1893, S. 162—183. 

^0) Wilhelm Joest, Tätowieren, Narbenzeichnen und Körper- 
bemalen. Nebst Originalmitteilungen yon O. F i n s c h nnd J. K n ba r y , 
BerUn 1887. 

^^) Carl Marqnardt, Die Tätowierung beider Geschlaohter 
in Samoa, Berlin 1809. 



146 

nicbt mit dem bloßen Bemalen, sondern t&towierte sich auch mittels 
feiner Feuersteinmesserchen.^') 

Das Bemalen und Tätowieren des Körpers kann, wie erwähnt, 
als eine> primitive Vorstufe der Kleidung aufgefaßt werden. P 1 o ß- 
Bartels bemerkt: „Es kann für mich keinem Zweifel unter- 
liegen, daß der ursprüngliche Sinn der Tätowierungen darin ge- 
sucht werden muß, daß man bestrebt war, die Nacktheit zu 
verdecken." Und Joest, der gründlichste Kenner der Täto- 
wierung meint ähnlich: „Je weniger sich ein Mensch bekleidet, 
desto mehr tätowiert er sich, und je mehr er sich bekleidet, desto 
weniger tut er letzteres."^*) 

Auch die farbige Hülle der Tätowierung dürfte als ein An- 
ziehungsmittel aufzufassen sein, die Tätowierung wurde haupt- 
sächlich zum Zwecke der sexuellen Anlockung und Anreizung 
vorgenommen. Der tätowierte Mensch ist der Schönere und Be- 
gehrenswertere. Selbst wenn ursprünglich eine andere Ursache, 
z. B. irgend ein medizinischer Zweck, das Bemalen und Tätowieren 
herbeigeführt hat, oder dieses vielleicht als ein soziales oder poli- 
tisches Unterscheidungszeichen galt, so haben doch diese Zeichen 
und sichtbaren Veränderungen der Körperhaut sofort einen mäch- 
tigen Einfluß auf das andere Geschlecht ausgeübt und wurden 
durch geschlechtliche Zuchtwahl zu sexuellen Lockmitteln.^^) 

Für diesen sexuellen Charakter der Tätowierung spricht auch 
der Umstand, daß bei zahlreichen Naturvölkern der Südsee, auf 
den Karolinen, auf Neu-Ouinea, den Pelau- imd Nukuoro-Inseln 
die Mädchen sich zwecks Anlockung der Männer ausschließ- 
lich die Oenitalregion, besonders den Mons Veneris, tät9- 
wieren, d. h. diese Gegend durch die Tätowierung grell hervor- 
heben. Es ist charakteristisch, daß Miklucho-Maclay beim 
eisten Anblick den Eindruck hatte, als ob die Mädchen an dem 



^^) Vgl. Ludwig Stein, Die Anfänge der menschlichen Kultur, 
Leipzig 1906, S. 74—75; Edward B. Tylor, Einleitung in das 
Studium der Anthropologie und Zivilisation, Braunschweig 1883, S. 281. 

u) Nach E. y. d. Steinen a. a. 0., S. 186, ist die Oelfarbe 
der Körperbemalung „tatsächlich die Kleidung des In- 
dianers, wie er sie bedarf. Ihr ältester Zweck war 
Schuts gegen die Wärme, die Sprödigkeit und äußere Insulte. 

"J Vgl. y. Hirn, Der Ursprung der Kunst, Leipzig 1904, S. 223 
biB 224. 

B I o e h , SaxnaUebeii. 2. n. 3, AniUure. i n 

(6.— la Twiaend.) ^ 



146 

MoDB VeneriB ein dreieokiges Stück von blauem Zeug trügen. 
So sehr kann die T&towierung der Eleidung gleichen. 

Auch die Verknüpfung der Tätowierung mit phalliflchen 
Festen beweist ihre geschlechtliche Natur. In Tahiti gibt es eine 
sehr charakteristische Sage über den sexuellen Ursprung der 
Tätowierung.^^) Bei vielen primitiven Völkern gibt der Beginn 
der Menstruation Anlaß zur Tätowierung und zu priapischen 
Feiern. 

Eine wichtige sexuelle Beziehung bekundet sich auch durch 
das farbige Element der Tätowierung. Es scheint, daß das 
Gefühl der Liebe beim primitiven Menschen eng mit der An- 
schauimg bestimmter Farben zusammenhängt. Nach Konrad 
Lange erhält der sinnliche Lustwert dieser Farben durch das 
mit ihrer Anschauung verbundene Gefühl der Liebe seinen be- 
sonderen Charakter, und es läßt sich überhaupt eine gewisse Ver- 
bindung der Farbenlust mit dem sexuellen 
Triebe nachweisen. L a n ge teilt aus seiner eigenen Jugend mit, 
daß die Gefühle, die er mit etwa vierzehn Jahren beim Anblick 
eines bunten Schlipses von bestimmter Farbe hatte, von sexuellen 
nicht sehr verschieden waren. Mit Becht macht er darauf auf- 
merksam, daß diese Ideenassoziation beim primitiven Menschen 
eine besonders lebhafte ist, weil, wie oben erwähnt, die Be- 
malungen des Körpers meist in der Zeit der beginnenden Ge- 
schlechtsreife ausgeführt werden.^*) 

Bezeichnenderweise findet sich die Tätowierung unter den 
modernen Kulturvölkern nur noch bei bestimmten niederen Volks- 
klassen, wie Matrosen, Verbrechern und Prostituierten, bei denen 
die primitiven Triebe noch häufig in ganz besonderer Stärke wirk- 
sam sind, wie Lombroso besonders in seinen „Palimsesti di 
carcere'' und in seinen Werken über den Verbrecher und über 
das prostituierte Weib gezeigt hat. Sehr häufig trifft man bei 
diesen Personen obszöne Tätowierungen.^^) Auch Marro, La- 
cassagne, Batut und Budolf Bergh haben die Täto- 
wierungen der Prostituierten und Verbrecher untersucht und die- 



^*) VgL meine „Beiträge zur Aetiologie der Psychopathia sezualis*', 
Bd. II, S. 338. 

^<) Vgl. E. Lange, Das Wesen der Kunst, Berlin 1901, Bd. II, 
S. 186—186. 

^^) Auf die Bedeutung dieser Tätowierungen für die Diagnostik 
sexueller Perversitäten werden wir ap&ter genauer eingehen. 



147 

selben Objekte xmd Omameiaie bei beiden Ejitegorien beobachtet 
Zu gleichen Besnltaten gelangten Salillas in Spanien, Drago 
ui Argentinien, Ellis nnd Greaves in England, Tronow in 
Bnßland. Knrella fand bei 12,5 o/o der Insassen der Straf- 
anstalt in Brieg Tätowierungen. Nach ihm sind „Zynismus, Bach- 
sacht, Grausamkeit, Beuelosigkeit, düsterer oder gleichgültiger 
Fatalismus, tierische Geilheit mit dominierender Neigung zu 
widernatürlicher Unzucht jeder Art" die im Inhalt der Täto- 
wierungen vorherrschenden seelischen Erscheinungen. 

„Päderastische Symbole bei den Männern, tribadische bei den 
prostituierten Weibern haben einen überraschenden Beichtum an 
Ausdrucksmitteln, wozu u. a. die den Zuhälter andeutende, über 
der Vulva eingeätzte Makrele gehört; noch widerlichere sexuelle 
Darstellungen haben selbst französische Autoren, wie B a t u t, nicht 
zu schildern gewagt; man bekommt Dinge zu sehen, die einen 
Sittenpolizisten außer Fassimg bringen können. Schon bei ganz 
jungen Strolchen, häufig Söhnen von Prostituierten, treten der- 
artige Dinge hervor."^®) 

Aber nicht bloß bei Verbrechern und Prostituierten, sondern 
auch bei nichtkriminellen Angehörigen der tmtersten Volks- 
schichten findet man oft erotische Tätowierungen von obszönsten 
Charakter, die ohne Zweifel als Lock- luid Beizmittel dienen. 
J. Robinsohn und Friedrich S. Krauß machten darüber 
neuerdings eine interessante Mitteilung. i*) 

Fälle von Tätowierung bei Frauen der höheren 
Stände. — Es scheint, als ob auch die primitive Neigung zur 
Tätowierung als sexuellem Beiz- und Lockmittel in gewissen 
Kreisen der raffinierten Genußwelt wieder Anklang findet. Be n e 
Schwaeble berichtet in seinem auf eigenen Beobachtungen und 



") VgL H. Eurella, Naturgeschichte des Verbrechers, Stutt- 
gart 1893, S. 106—112. 

>*) „Erotische Tätowierungen" in: Anthropophyteia. Jahrbücher 
für folkloristische Erhebungen und Forschungen zur Entwicklungs- 
geschichte der geschlechtlichen Moral, herausgegeben von Dr. Fried- 
rich S. Krauß, Leipzig 1904, BcL I, S. 507—513. — Nach einer 
Mitteilung des „Temps" fand man bei einem fahnenflüchtigen fran* 
sösischen Soldaten die überraschendsten Tätowierungen, z. B. auf 
der Brust zwei reizende Frauen, die einem strammen Musketier Eüssc 
Äuwerfen, femer Porträts von Kabare ttsängern und -Sängerinnen, z. B. 
Vvette Guilbert. Der ganze Rücken war mit Amoretten ge- 
schmückt. VgL „B. Z. am Mittag" vom 21. August 1906. 

10* 



148 

Sittenstudien bemhendezi Buche „Les Detraqu^es de Paris*' (Fazu 
1904) über die zunehmende Verbreitung der Tätowierung unter 
Männem und Frauen der höheren Pariaer Gesellschafty für die 
sogar ein Spezialarzt ein eigenes Atelier in der Rue Blandie 
in Montmartre eingerichtet hat. Schwaeble widmet den 
„Tatouees" ein eigenes Kapitel (S. 47 — 57) und schildert eine 
Zusammenkunft solcher tätowierter vornehmer Libertinen in einem 
Hause der Bue de la Pompe in Passy. Bei einer von ihnen ahmte die 
Tätowierung in täuschender Weise Strümpfe nach, ein charakte- 
ristischer Beleg für den oben erwähnten Zusammenhang zwischen 
Tätowierung und Kleidung. Eine andere hatte sich Inschriften 
auf Oberschenkel und Hüften eintätowieren lassen, bei zweien 
waren die Beine mit Girlanden aus Weinlaub geschmückt, Vögel 
schnäbelten sich auf der Bauchgegend, und auf dem Bücken waren 
vielfarbige Blumenbuketts eingegraben, mit der Unterschrift: »,X. 
pinxit, d'apres Watteau.'' Eine Marquise hatte sich zwischen den 
Schulterblättern ihr Adelswappen anbringen lassen, eine andere 
vornehme Dame bot die tollsten obszönen Tätowierungen von 
satanistischem Charaktar dar! Zwei offenbar homosexuelle Frauen 
hatten eine gemeinsame Tätowierung, d. h. die eine ergänzte die 
andere, erst zusammen ergab die Zeichnimg einen Sinn. Die aller- 
seltsamste Tätowierung aber bot die Hauswirtin dar, nämlich die 
Darstellung einer ganzen Jagd, die in den einzelnen Szenen 
rund um den Körper eingezeichnet war, in den lebhaftesten Farben, 
Wagen, Meute, Jäger, nichts fehlte. Das Ziel der Jagd war 
ein in der Gegend des Gfenitale eintätowierter Fuchs I 

Die Tätowierung leitet über zur bunten und farbigen 
Kleidung, die besonders primitiven Zuständen eigentümlich ist. 
Meist dient sie dazu, gewisse Körperteile hervorzuheben, um die 
geschlechtliche Begierde des anderen Geschlechtes anzureizen. Nach 
Mosel ey beginnt der Wilde damit, sich der Zierde halber zu 
bemalen und zu tätowieren. Dann nimmt er ein bewegliches An- 
hängsel an, welches er um den Körper wirft, und an dem er den 
Zierrat anbringt, den er früher mehr oder minder an- 
vertilgbar auf seine Haut zeichnete. Hierdurch wird 
eine größere Abwechselung möglich, als dies beim Tätowieren 
und Bemalen der Fall war. So wird durch bunte und grellfarbige 
Bänder, Fransen, Gurte und Schurze, die meist in der Nähe der 
Genitalien befestigt werden, die Aufmerksamkeit auf diese Gegend 
gelenkt, wobei der Farbenkontrast sehr wirksam ist Die 



149 

Admiralitäteindianer haben als einziges Kleidungsstück eine blen- 
dend weiße MuschelBchale, die einen überraschenden Gegensatz 
zur dunklen Hautfarbe bildet. Die Areois auf Tahiti, eine Klasse 
von privilegierten Wüstlingen und geschlechtslustigen Individuen, 
kündigten in der Oeffentlichkeit diesen Charakter durch einen 
Gürtel aus gelben „ti"-Blättem an.*®) 

Der erste und ursprüngliche Teil der Kleidung war also dieser 
Hüftschmuck, der ursprünglich wohl nur Zierrat, nicht Ver- 
hüllung war. Die letztere Bedeutong gewann er in dem Maße, 
als die Genitalien Gegenstand einer abergläubischen Ehrfurcht, 
Sitz einer gefährlichen Magie wurden.*^) Hier machte sich der 
oben erwähnte Zusammenhang zwischen Geschlechtlichem und 
Magischem geltend. Da mußte diese wunderbare, dämonische 
liegion verhüllt werden, um den Zuschauer vor ihrem bösen Ein- 
flüsse zu schützen oder auch umgekehrt sie selbst vor dem „bösen 
Blick'' des ersteren zu behüten. Beide Ideen sind ethnologisch 
nachweisbar. Nach Dürkheim wurden die Geschlechtsorgane, 
besonders die weiblichen, schon in frühester Zeit verhüllt, um 
etwaige unangenehme Ausdünstungen derselben der Wahrnehmung 
zu entziehen. Endlich haben Waitz, Schürt z und Le- 
tourneau die Theorie aufgestellt, daß die Eifersucht der Ehe- 
männer der primäre Grund der Bekleidung und indirekt auch des 
Schamgefühls gewesen sei. Hierfür spricht die interessante ethno- 
logische Tatsache, daß bei manchen Stänunen nur die verheirateten 
Frauen bekleidet sind, die erwachsenen jungen Mädchen aber völlig 
nackt gehen. Die Ehefrau ist hier eben ein Besitz des Ehemannes. 
Diesem erscheint die Kleidung als ein Schutz gegen einen Angriff 
auf seinen Besitz ; Entblößung der Frau ist eine Entehrung, eine 
Schande. Wo nun der Begriff des Besitzes auch im Verhältnis 
des Vaters zu seinen unverheirateten Töchtern sich geltend macht, 
da tritt auch bei diesen Bekleidung ein ; damit wird der Begriff 
der Keuschheit und des Schamgefühls entwickelt.^') 

Es lassen sich aber auch sehr viele Belege für die Annahme 
beibringen, daß die erste Verhüllung der Genitalien im Zusammen- 
hang mit dem Hüftschmuck nicht aus Schamgefühl vorgenommen 



*0) William Ellis, Polynesian Besearches, London 1859, Bd. 1, 
S. 235. 

«) Vgl Hirn, Ursprung der Kunst, Seite 214—216. 
») VgL Havelock Ellis a. a. 0., S. 6$— 62. 



150 

vmrde, sondern im Gregenteil der geschlechtlichen Anlockung diente. 
Maü lenkte durch allerlei auffallenden Schmuck wie vom oder 
hinten^^) befestigte Katzenschwänze oder Muscheln oder Tierfelle 
die Aufmerksamkeit auf jene Gegend. Die Verhüllung stellte 
sich als ein stärkerer sinnlicher Beiz heraus als die Nackir 
heit. Das ist eine alte anthropologische Erfahrung, die auch für 
unser modernes Kulturleben noch größte Bedeutung besitzt. 

Schon Virey meint, daß die Menschen größere und mannig- 
faltigere sexuelle Genüsse als die Tiere haben, weil diese ihre 
Weibchen zu jeder 2ieit ohne fremden Schmuck sehen, während 
die halbgeöffneten Schleier, mit welchen das menschliche Weib 
seine Beize verhüllt oder doch erraten läßt, die schon grenzenlosen 
Begierden des Menschen noch hundertfach erhöhen. Denn ,,je 
weniger man sieht, desto mehr ahnet die Phantasie.^''^) Das Raffi- 
nierte und sinnlich Beizende ist die halbe, stückweise Nackt- 
heit, nicht die ganze. Wesiermarck bemerkt: „Wir haben 
mehrere Beispiele von Völkern, die im allgemeinen vollständig 
nackt einhergehen, zuweilen aber doch eine Hülle benutzen. Letz- 
teres tun sie immer unter Umständen welche klar beweisen, daß 
die Hülle einfach als Lockmittel getragen wird. So erzählt L o h - 
mann, daß sich bei den Saliras nur Buhlerinnen bekleiden, und 
sie tun dies, um durch das Unbekannte zu reizen. Bei 
vielen heidnischen Stämmen im Innern Afrikas gehen nach B ar th 
die verheirateten Frauen ganz nackt, während die heiratsfähigen 
Mädchen sich bedecken (da sie noch begehrenswert erscheinen 
müssen). Die verheirateten Frauen der Tipperah tragen nichts 
anderes als ein kurzes Böckchen, während die imverheirateten 
Mädchen die Brüste mit buntgefärbten, an den Enden gefransten 
Tüchern bedecken. Bei den Toungta bleiben die Busen der Frauen 
nach der Geburt des ersten Kindes unbedeckt, aber die unver- 
heirateten Frauen tragen ein schmales Brusttuch."**) 

Diese auch von K. v. d. Steinen und Stratz bei primi- 
tiven Völkern festgestellte Bedeutung der £[leidung und Halb- 
kleidung als geschlechtliches Beizmittel läßt sich auch in der 



n) Daß das Gesäß bei vielen, besonders afrikanischen Volks- 
stammen, einen Gegenstand erotischer Anziehung bildet, ist eine b^ 
kannte Tatsache. 

**) J. J. Virey, Das Weib, Leipzig 1827, S. 300. 

**) Westermarck, Geschichte der menschlichen Ehe, S. 
193, 197. 



„Mode" der Kulturvölker nachweisen, die vermittels der beiden 
Grundelemente der Akzentuierung und Entblößung gft- 
wiäser Teile der Pliantasie ganz neue sexuelle Reize zuführt und 
der Menschheit „geheime Lüste" erzählt. Bereits Moses hat diese 
psycho-sexuelle Wirkung der Kleidung verwertet. Er wollte die 
Seelenzahl seines kleinen Volkes vergrößern und befahl daher 
die Verhüllung der weiblichen Reize, um „dieSinneseiner 
männlichen Gemeinde zu kitzeln und so die Frucht- 
barkeit des Volkes zu erhöhen."*^) Die von ihm als unzweck- 
mäßig verworfene Nacktheit galt dann der christlichen Lehre 
schlechthin als „unsittlich", für welche verkehrte An- 
schauungsweise ja noch heute tagtäglich Beispiele in unserem 
Öffentlichen Leben vorkommen. 

Den größten sinnlichen Reiz übt die halbe Verhüllung 
oder teilweise EntblöUung des Körpers, das sogenannte 
,>Betrousse" aus, d. h. die Kunst, die Beize der Kleidung mit 
den Reizen des Körpers in eine raffinierte Wechselwirkung zu 
bringen.*') Es spielt besondei-a bei der Entstehung des sogenajinten 
„Kleidungsfetischismus" eine bedeutsame Rolle, auf die wir bei 
der Beeprechung dieser sexuellen Anomalie näher eingehen werden. 

Die Kleidung, als dereji beide Grundformen die tropische 
(Rock und Gürtel) und die arktische Kleidimg (Hose und Jacke) 
anzusehen sind, hat stets neben ihrer Funktion als Schutz vor 
der schädlichen Einwirkung der Sonnenstrahlen in den Tropen 
und der Kälte in nordischen Klimaten der Verschönerung und 
geschlechtlichen Anlockung bei beiden Geschlechtem gedient. Die 
wechselnden Erscheinungen imd Phasen der „Kleidermode" liefern 
hierfür die sichersten Beweise, sie können als wertvolle sexual- 
pejchologische Dokumente der jeweiligen Kulturepoche betrachtet 
werden. Als solche hat sie besonders der berühmte Aesthetiker 
Friedrich Theodor Viacher in seiner originellen, durch 
die kernige Sprache ausgezeichneten Schrift „Mode und Zynis- 
mus. Beiträge zur Kenntnis unsrer Kulturformen und Sitten- 



■^ 0. H. Strati, Die Frauenlcleidung, Stuttgart 1900, S. 42. 

") Id den „ConfeBsions" erzählt Rousseau vom Halskragen 
dar scfaSneo Buhleria Giulietta: „Ihre Manschetten uad ihr Ilals- 
kragen waren mit Seidenfadeu durchzogen und mit Kosafiguren geatickt. 
Bs atand zu einer schönen Haut ganz vortrefflich." 



152 

begriffe" (Stuttgart 1888) geschildert. »8) Er nennt die „Wut des 
Ueberbietens im Mannfang" den ^^tärksten unter den Holzbränden, 
die den Wahnsinn der Mode, ihres hirnlosen Wechsels, 
ihrer furiosen Neigungen, ihres wütenden Verzerrens zur Siede- 
hitze schüren." In gewissem Sinne kann man auch bei gewissen 
M&nnermoden von einem „Weibfange** sprechen. Doch im ganzen 
tritt das viel weniger hervor als bei der Frauenkleidung. 

Auf zweierlei Weise wirkt die Eleidung sexuell erregend. 
Entweder werden gewisse Teile durch die Form, den Wurf der 
Kleidung, durch Anbringung von Zierraten und Ornamenten be- 
sonders hervorgehoben und vergrößert, oder es werden 
einzelne Teile des Körpers direkt entblößt. Beides hat eine 
sexuelle Wirkung. 

Die Hervorhebung und Vergrößerung gewisser Körperteile 
durch die Eleidimg entspringt aus dem Glauben des Menschen, 
sich in solchen Erweiterungen seiner Persönlichkeit wirklich und 
wesenhaft fortgesetzt zu sehen, als seien sie ein Stück 
von ihm. Diese geniale Theorie der Kleidung, nach welcher 
diese eine Verstärkung des Körpers darstellt, gewisser- 
maßen den nach außen projizierten Wesensausfluß des Menschen, 
eine direkte Fortsetzxmg des Körpers, wurde von dem berühmten 
Philosophen Hermann Lotze aufgestellt. Er sagt : „Ueberall, 
wo wir mit der Oberfläche unseres Leibes, denn nicht die Hand 
allein entwickelt diese Eigentümlichkeiten, einen fremden Körper 
in Verbindung setzen, verlängert sich gewissermaßen 
das Bewußtsein unserer persönlichen Existenz 
bis in die Enden und Oberflächen dieses fremden 
Körpers hinein, und es entstehen Gefühle, teils einer Ver- 
größerung unseres eigenen Ich, teils einer uns jetzt möglich ge- 
wordenen Form und Größe der Bewegung, die unsem natürlichen 
Organen fremd ist, teils eine ungewöhnliche Spannung, Festigkeit 
oder Sicherheit unserer Haltimg."*^) 

Natürlich bleibt die Wechselwirkung von einer Person auf 
die andere nicht aus und der Betrachter glaubt in der Kleidung 



*8) Sehr beherzigenswerte Ausführungen über des derben Schwaben 
„Sittenpolizei" auf literarischem und modischem Gebiete bietet die Ab- 
handlung „Ungoethesche Moralien'* in Georg Hirths i,Wege sor 
Liebe", S. 383—397. 

^) H. Lotze, Mikrokosmus. Ideen zur Naturgeschichte und Ge* 
schichte der Menschheit. 3. Auflage. Leipzig 1878, Bd. II, S. 210. 



Iö3 

dea Körper selbst zu finden. Teile, die sonst nicht aufgefallen 
wären, erscheinen als wesentliche, dem Betreffenden eigentümliche 
Objekte, z. B. verleiht der Zylinderhut als Fortsetzung des Kopfes 
demselben eine gewisse Höhe und Würde. Fein schildert Gustave 
Flaubert in „Madame Bovary" den merklichen Uebergang, die 
Identifizierung von Kleidung und Körper: 

„Unterhalb ihrer aufwärts frisierten Haare zeigte die Haut 
ihres Nackens einen bräunlichen Farbenton, der allmählich 
schwächer wurde xmd sich im Schatten ihres Kleides verlor. Ihr 
Kleid quoll zu beiden Seiten über ihren Sessel hinaus, es war 
vielfach gefaltet und breitete sich auf dem Fußboden aus. Wenn 
er es zufällig mit der Sohle berührte, zog er den Fuß sofort 
zurück, als hätte er auf etwas Lebendiges getreten." 

Dieselbe Ideenassoziation veranlaßt Hermann Bahr zu 
der Forderung, daß das IQeid „wie eine vollkommene Haut des 
Menschen sein," gleichsam eine „ideale Nacktheit'* darstellen 
müflse.^) Die Kleidung repräsentiert die Person, birgt ihr Wesen, 
ihre Seele. Daher kann sie auch zum Ausdrucksmittel mensch- 
licber Eigentümlichkeiten, individueller Charakterzüge werden. 
Es gibt eine „Physiognomik" der E^leidung. Sie ist ein Spiegel 
des körperlichen und geistigen Wesens.^^) Mit Recht heißt es in 
einem Pseudonymen Aufsatze über die „Erotik der Kleidung", 
daß die Kleidimg im Laufe der vieltausendjährigen Kulturentwiok- 
lung soviel vom Geiste des Menschen in sich aufgenommen habe, 
daß wir alle Probleme meofichlicher Kultur begreifen würden, 
wenn wir den Geist der Kleidung völlig und unmittelbar ver- 
stünden. Die Form des Kleides ist zugleich auch der subtilste 
und korrekteste Meßapparat für das Besondere und Eigene eines 
Menschen, für das Individuum in ihm.^') 

Wenn die Hervorhebung gewisser Teile das erste, so ist die 
Entblößung das zweite sexuelle Stimulans der Kleidung. Der ein- 
mal eingeführte Gebrauch der Verhüllung verleiht nim der Ent- 
blößung einen sexuell erregenden Charakter, den sie früher nicht 



^) H. Bahr, Zur Eeform der Tracht, in: Dokumente der Frauen, 
1902, Bd. VI, No. 23, S. 665. 

*^) VgL die ausführlichen Darlegungen in meinen „Beiträgen 
lur Aetiologie der Psychopathia sexualis", Bd. II, S. 334—336. 

*0 ^ S^ Lucianus, Erotik der Kleidung, in : Die Fackel, her- 
aosgegebeu von Karl Kraus, Wien, No. 198 vom 12. März 1906, 
8. 12—13. 



164 

gehabt haben, würde, und in primitiven Zitständen auch heute 
noch nicht hat. In dem Worte eines geistreichen Schriftstellers, 
daß ein sehr großer Unterschied in erotischer Beziehung zwischen 
dem Anblick der nackten Beine eines drallen Bauemmädchens 
oder der nackten Beine einer jungen Weltdame bestehe, kommt 
diese verschiedene Auffassung des Nackten sehr gut zum Auf- 
druck. Es gibt eben eine natürliche, sexuell indifferente, und eine 
künstliche, erotisch, anreizende Nacktheit Nur die letztere spielt 
in der Oeschichte der E^leidung und Mode eine BoUe und ist 
in Verbindung mit der erotischen Akzentuierung gewisser Teile 
besonders von der Prostitution und Demimonde von jeher kulti* 
viert worden, um die Männer anzulocken. 

Das trat zuerst im klassischen Altertum hervor, dem sonst 
eine eigentliche „Mode" fremd war, weü die IQeidung nicht mit 
dem Leibe verschmolzen war wie in der Neuzeit und daher nicht 
so als Fortsetzimg und Darstellung des Körperlichen erschien. 
Im ganzen fehlten die Baffiniertheiten der modernen Mode in 
bezug auf die Akzentuierung bestimmter Körperteile durch die 
Kleidimg. Treffend hat Schopenhauer im zweiten Bande der 
„Parerga und Paralipomena" den durchgreifenden Unterschied 
zwischen antiker und modemer Kleidung in dieser Beziehung 
charakterisiert. Die Eleidung war noch ein Ganzes, das vom 
Körper gesondert blieb und die menschliche Gestalt in allen Teilen 
möglichst deutlich erkennen ließ. Sexuelle Beizung war nur durch 
die Verwendung durchsichtiger Gewänder möglich, die in 
den Kreisen der Demimonde und effeminierten Männerwelt beliebt 
waren. Varro, Juvenal, Seneca geißeln mit scharfen 
Worten diese Unsitte der „Qoacae ve^tes" oder des aus Aegypten 
übernommenen Trikot. Als besonderer Typus erschien damals zu- 
erst die Frau in Männerkleidung, ein Beweis für die große Ver- 
breitung der Knabenliebe, auf deren Neigungen jene als Männer 
verkleideten Prostituierten spekulierten, um konkurrenzfähig zu 
bleiben. 

Die Zerlegung der Kleidung in eine Ober- und 
Unterkleidung bedeutete eine für die erotische Wirkung sehr 
wirksame Differenzierung der Kleidung. Erst jetzt konnten sich 
die einzelnen Teile des Körpers im Verhältnis zum Ganzen 
geltend machen, ihr Formausdruck deutlicher hervortreten. Die 
Taille in Uebereinstimmung mit der an der menschlichen Gte- 



155 

stall eichtbaien Hauptform des Goldenen Schnittes gab den Grund- 
toa für das Kleidsame der Tracht.^) 

Die Zerlegung der Eleidung äußerte sich weiter in der Tren- 
nung der eigentlichen Eleidung von der darunter liegenden in- 
timeren Bedeckung des Körpers, der Leibwäsche, den Hemden, 
Juponfl und Dessous. Besonders diese Differenzierung hat eine 
gioBe erotische Bedeutung. Erst die Vergrößerung der Zahl der 
Kleidungsstücke hatte die erotisch betonte Vorstellung der all- 
mählichen jvAjikleidung" und „Entkleidung" zur Folge, die Idee 
der intimen „Toilette". Die Möglichkeiten der Entblößung, Halb- 
yerhüUung und halben Nuditäten wurden bedeutend vermehrt, der 
erotischen Phantasie ein weiterer Spielraum eröffnet. 

In Verbindung damit deutete die Taille, namentlich beim 
Frauenkörper, eine TrennTing der Körpersphären in eine obere mehr 
dem Intellektuellen, und eine Tinteie mehr dem rein Sexuellen zu- 
gewandte Sphäre. 

, »Die Taille, die eigentlich schon durch Hüftkette oder Gürtel 
gegeben ist, aber durch die fortschreitende Zerlegung der weib- 
lichen Kleidung gewissermaßen prinzipiell wird, teilt den Frauen- 
Icib in Ober- und Unterleib. Die bekleidete Frau wird zum Insekt, 
zur Wespe, mit scharf abgegrenzter Gemüts -und Geschlechts- 
sphäre, mit einer hinunlischen und einer irdischen Partie."**) 

Mit dieser Zerlegung und Dif fe^nzierung der Kleidung war 
nun ein reiches Feld für die Betätigung der „Mode" gegeben, die 
daher als solche eigentlich erst im Mittelalter beginnt, nach S o m- 
barf^) zuerst in den italienischen Städten des 15. Jahrhunderts 
ihre volle Wirksamkeit gewinnt. Die Mode ist ein Produkt des 
christlichen Mittelalters, das spezifische Element, das diese Zeit 
in die weibliche Kleidung eingeführt hat, das Korsett, ist ein 
Erzeugnis der christlichen Lehre. 

Stratz bemerkt darüber: „So überraschend es klingen mag, 
ao ist es doch merkwürdigerweise wahr und läßt sich beweisen: 
Das Korsett hat seinen Ursprung zu danken dem 
eh ristlichen Gottesdienst. Bei der, wenigstens im öffent- 
lichen Leben, streng kirchlichen Sichtung des Mittelalters, ver- 



M) VgL darüber Ernst Eapp, Grundlinien einer Philosophie 
dar Technik. Braunschweig 1877, S. 267. 

M) Lucianus, Erotik der Kleidung a. a. 0. S. 16. 

w) W. Sombart, Wirtschaft und Mode, Wiesbaden 1902, S. 12. 



166 

langte die herrschende asketische Auffassung die größtmögliche 
Bedeckung des weiblichen Körpers, und das Abtöten des 
Fleisches erheischte, daß namentlich diejenigen Körperteile 
dem Anblick der sündhaften Menschheit entzogen wurden, die als 
besondere Kennzeichen des weiblichen Geschlechtes bekannt sind. 
Durch das Weib war ja die Sünde in die Welt gekommen, und 
darum mußte vor allen das Weib darauf bedacht sein, die sünd- 
haften Merkmale ihres niederen Geschlechtes soviel wie möglich 
zu verbergen. Während die Männer durch möglichste Verbreite- 
rung von Schultern xmd Brust ein kräftigeres, kriegerisches 
Aeußere vorzutäuschen suchten, finden wir bei den Frauen im 
12. bis 16. Jahrhundert das Bestreben vorherrschen, die Brust 
möglichst platt und kindlich, engelhaft schmal zu gestalten, und 
zu diesem Zwecke, zum Zusammenpressen, zum Ver- 
schwindenlassen der Brüste diente der Schnür- 
leib, die älteste Form des Korsetts.***^) 

Es ist nun charakteristisch, wie die Mode später das Korsett 
gerade im entgegengesetzten Sinne verwendete, nämlich 
um die Brüste „unter dem tiefer und tiefer sinkenden oberen Sand 
des Gewandes desto deutlicher hervortreten zu lassen." So ent- 
stand ein Kampf der mittelalterlichen Mode gegen die asketische 
Richtung der 2^it. Sie siegte auf der ganzen Linie, was man 
in der interessanten Abhandlung von Ritter über die Nuditäten 
des Mittelalters im einzelnen verfolgen kann.'^) 

Seit dem Mittelalter wurden besonders zwei Körperteile durch 
die EQeidimg beim weiblichen Geschlecht akzentuiert: Busen 
und Hüft- und Gesäßgegend. 

Der Hervorhebung des Busens diente, wie erwähnt} daa 
Korsett, das zugleich eine erregende Kontrastwirkung zwischen 
seiner Form und der durch den Schnürleib verstärkten Schlank- 
heit der Taille schuf. Zugleich wurde frühzeitig eine Entblößung 
dieser Region damit verbunden, durch Einführung der Kleider 
„ä la grand' gorge*', während das aus Stangen von Fischbein, Stahl 
und Eisendraht hergestellte Korsett, eine „boime oonche'* ver- 
lieh. Die Akzentuierung des Busens beherrscht die weibliche Mode 



w) Stratz, Frauenkleidung, S. 123—124. 

•0 B. Ritter, Nuditäten im Mittelalter. Sittengeschiohtlicbe 
Skizze in: Jahrbücher für Wissenschaft und Kunst, herausgegeben 
von 0. Wigand, Leipzig 1855, Bd. III, S. 229. 



167 

bis zum heutigea Tage. Außer dem Korsett wurden für diesen 
Zweck noch klinstliche Busen aus Wachs, ferner Verzierungen in 
Form von „Brustringen" usw. zu Hilfe genommen. 

Die teilweise Entblößung des Busens stellt das eigentliche 
DecoUete unserer Balle und Festlichkeiten dar, eine Sitte, gegen 
die selbst ein in diesen Dingen sonst so toleranter Mann wie 
H. Bahr aus ästhetischen Gründen Einspruch erhebt.^^) 

„Die Kunst, schöne Mädchen imd Frauen in Gedanken 
zu entkleiden und genießen," sagt Georg Hirth, „lernt man 
namentlich auf Hof- imd anderen Bällen, wo für die weiblichen 
Teilnehmer die Entblößimg der oberen Fleischpartien vorschrifts- 
mäßig ist. Es ist erstaunlich, wie rasch, wie anstands-ausnahmslos 
die Jungfrauen der besten Kreise sich mit dieser für uns Männer 
so aufregenden Exhibition befreimden. Dennoch würden sie die 
Nase rümpfen, wenn auch auf Unteroffiziersr und Dienstboten- 
bällen die Damen so tiefe Einblicke in ihren „Herzipopo" ge- 
statteten. So nämlich hörte ich einmal eine Dreijährige die 
Dekolletage ihrer Mama nennen, die sich vor dem Balle von 
ihren Kinderchen bewundern ließ. Wie würde man das arme 
Dienstmädchen auszanken, wenn es den Kindern ihren „Herzipopo" 
zeigen wollte 1"»») 

Auch Fr. Th. Vischer geißelt diese Ausstellung weiblicher 
Nuditäten ooram publice. Gewiß ist auch gerade der an solchen 
Abenden von der Männerwelt reichlich genossene Alkohol nicht 
geeignet, eine rein ästhetische Betraditung der zur Schau ge- 
stellten Beize aufkommen zu lassen. 

Was speziell das Korsett betrifft, so ist es sowohl un- 
ästhetisch als auch unhygienisch. 

Das Korsett beeinträchtigt den schönen Umriß des weiblichen 
Körpers aufs empfindlichste, die dadurch hervorgerufene Wespen- 
taille ist eine unschöne Uebertreibimg des natürlichen Verhält- 
nisses. Bei der von der Herausgeberin der „Dokumente der Frauen" 
unier Künstlern veranstalteten Umfrage über das Mieder äußerte 
sieh u. a. einer derselben, der Architekt Leopold Bauer, fol- 
gendermaßen : 

„Die Natur hat dem weiblichen Körper einen herrlichen Um- 
riß gegeben. Es ist geradezu unerfindlich, wie es das Schönheits- 



M) H. Bahr, Zur Beform der Tracht a. a. 0., S. 666. 
») G. Hirth, Wege ziir Liebe, S. 619. 



168 

ideal einer langen Zeit sein konnte, diese wundervolle Einheii 
zu zerstören. Das Mieder knickt die Wirbelsäule, macht unförm- 
liche Hüften, täuscht eine unnatürliche, oft abstoßende Brost- 
entwicklung vor, welche unser Gefühl für die heilige Schönheit 
des menschlichen Körpers in die niedersten sexuellen und perversen 
Triebe umsetzt. Daß das Mieder nicht schlank macht, daraa 
zweifelt wohl niemand mehr. Auch alle sonst ins Treffen geführten 
Vorteile des Mieders sind Vorurteile. . . . Erst losgelöst von dem 
Zwange der häßlichen Miederung wird die IQeidung der Frauen 
sich frei und künstlerisch entwickeln können.***^) 

Ueber die unhygienische Natur des Korsetts herrscht unter 
den Aerzten nur eine Stimme. Der schädliche Einfluß des 
„Schnürens*' auf die Form und Tätigkeit der Brust- und Unter- 
leibsorgane ist von vielen Autoren eingehend erörtert worden. 
Ich nenne u. a. nur die Aeußerungen von Hugo Klein,*^), von 
Menge,*^) von O. Rosen b ach") über die Gefahren des Korsetts. 
Das Korsett hindert die für eine genügende Tätigkeit der Atmungs- 
und Kreislaufsorgane so notwendige Einatmung, wird damit eine 
Hauptursache der Bleichsucht (0. Bosenbach), es übt einen 
äußerst schädlichen Druck auf die Unterleibsorgane, besonders 
Magen und Leber aus und verdrängt sie aus ihrer natürlichen 
Lage, 80 daß es zu einer Senkung der Nieren, der Leber, dar 
G^enitalien kommt. Der so unschöne „Hängebauch" hängt ebenfalls 
mit dem Korsettragen zusammen. Der Druck des Korsetts hat auch, 
oft eine Verkümmerung der Brustdrüsen und eine abnorme Ver- 
änderung der Brustwarzen zur Folge. Das beeinträchtigt wieder 
das Vermögen des Stillens aufs schwerste oder hebt es ganz auf. 
Deshalb ruft auch Oeorg Hirth in seiner vortrefflichen Ab- 
handlung über die Unersetzlichkeit der Mutterbrost: Fort mit 
dem Korsett, ein breiter Bimd unter der Brust tut es auchl^) 
Auch Bücken- und Bauchmuskeln verkümmern durch die Gewohn- 
heit des Korsettragens, das ihre Tätigkeit ziemlich ausschaltete 



*^) Leopold Bauer, in: Dokumente der Frauen, März 1902, 
S. 676—676. 

*i) ebendort, S. 671—672. 

A*) Menge, Ueber die Einwirkung einengender Kleidung auf die 
Unterleibsorgaiie, besonders die Fortpflanzungsorgane des Weibes, 
Leipzig 1904. 

*') 0. R o s e n b a c h , Korsett und Bleichsucht, Stuttgart 1895. 

**) G. Hirth, Wege zur Liebe, S. 49. 



159 

BleichBucht, Magen- und Leberleiden, IntercostaJneuralgien htogen 
mit dieser .^ch&dlichatea Unsitte der Frauen kleidung", wie 
V. Er&fft-Ebiog das Korsett nennt, zusammen. Eingehend 
hat Menge die achädlirJien Wirkungen des Korsetts auf die 
weiblichen Fortpflanzungaorgane studiert. Er erwähnt als solche 
XL. a. entzündliche Zustände und Schwellungen der Eierstöcke, Er- 
schlaffung derGebärmuttermufikulutur, Rückbüdungs- und Wuche- 
rungszustäsde in der Gebärmutterachleimhaut, das Auftreten des 
unangenehmen „weißen Flusses", vorzeitige Unterbrechung der 
Schwangerschaft, Lageveränderung«n der Gebärmutter (Rück- 
wärts knickung, Vorwärtsbeugung, Senkung), abnorme Dehnung 
des ganzen Beckenbodens, Harnverhaltung, Obstipation, nervöse 
Beschwerden der verschiedensten Natur. Sehr oft steht auch die 
Unfruchtbarkeit des Weibes in einem ursächlichen Zusammenhang 
mit der einengenden und Drackwirkung des Korsetts. 

Mit Recht spielt daher die Beseitigung des Korsette die Haupt- 
rolle in der Frage der sogenannten ,,lleformtracht" der Frau, auf 
die wir weiter unten noch zu sprechen kommen. 

Neben der Akzentuierung des Busens durch Korsett und andere 
Vorrichtungen*') wurde von der weiblichen Mode ein zweites Be- 
etreben in den verschiedensten Formen hartnäckig festgehalten, 
nämlich das, die verschiedenen Partien der Hüftgegend 
deutlicher hervorzuheben und alles, was sich auf die direkt ge- 
schlechtlichen Funktionen des Weibes bezieht, schärfer zu akzea- 
tuieren oder die den Mann stimulierenden sekundären Geschlechts- 
charaktere des Weibes in jener Gegend i-echt drastisch anzudeuten. 

„Die wahrhaft modernen Damen," sagt Heinrich Pudor, 
„kokettieren heute weniger mit ihrer Brust als mit ihrem Hinter- 
gelände, schon deshalb, weil sie meist männlichen Typus haben (?). 
Mit dem Cul de Paiis hat os angefangen. Heut werden die Kleider 



**) Die gegenwärtige Schwärmerei für schlanke, ätherische „prä- 
raphaelitiache" weibliche Gestalten hat auch gewissermaßen zu einer 
negativen Akjentuiemng der Brüste gefülirt. Und Heinrich Pudor 
«rklSxt es nicht mit Unrecht beute für vielleicht die stärkste geschlecht- 
liche Wirkung des Weibes, daS es „jede Brust ableugnet und mäna- 
licbes Geschlecht zur Schau träst". (Vgl. seinen Artikel „Kleid nod 
Geschlecht" ia: Die Gemeinschaft der Eigenen. Auguatbeft 1906. S. 22.) 
Doch scheint die sexuelle ReizwirkuDg dieser Busenlosigkeit sich vor- 
läufig Dor auf gewisse Kreise von Hyperastheten und Homosexuellen 
zu erstrecken. 



I 



160 

80 geschnitten, daß die Bückenansicht, vor allem die regio glutaea, 
recht prall iind recht scharf hervortreten. So etwa sieht heute 
eine deutsche Offiziersfrau aus. „Tailor made" nannte man es 
schon früher in England. Der Schneider hat es gemacht, also 
nicht die Putzmamsell. Nein, der Schneider, der vielleicht auch 
nebenbei Bademeister Tind Masseur ist. . . Es gibt gewisse Favian- 
rassen, die sich durch einen besonders farbenprächtigen und stark 
geformten Hinteren auszeichnen — kein Zweifel, daß sich diese 
unsere modernen Damen das high life zum Vorbild genommen 
haben. Oder wollen sie den homosexuellen Neigungen ihrer M&nner 
entgegenkommen? Gewiß. Hier liegt der tiefere Grund zu der 
heute da« HintergelÄnde so sehr bevorzugenden Kleiderkultur 
unserer Tage. Das Abscheuliche ist aber hierbei nicht die Homo- 
sexualität, sondern der Mißbrauch, der mit dem Kleid getrieben 
wird. Freilich, das für feinere Sinne abstoßendste Treiben ist wohl 
dies, daß die Frauen das Kleid um die Hüften herum so eng 
als möglich tragen, damit das, was das Weib als G^chlechtswesen 
charakterisiert, das breite Becken, möglichst stark isoliert in Eir- 
scheinung tritt."*®) 

Aehnlich hat Fr. Th. Vischer diese Unsitte der krassen 
Akzentuierung kallipygischer Beize gegeißelt,*'^) welche im 18. 
Jahrhundert durch Erfindung der sogenannten Tournüre (Cul 
de Paris) inauguriert wurde, gegen die schon Mary Woll- 
stonecraftdie ernstesten Bedenken erhob. Durch die Spannung 
des Kleides wurden nicht bloß das Gesäß, sondern auch Hüften und 
Schenkel in gröbster Weise hervorgehoben. Dazu kam noch in 
gewissen Epochen die Andeutung des weiblichen Schoßes durch 
die Form und Art der Kleidung, wie im Mittelalter bis zum 16. 
Jahrhundert die Afode Frauen und Mädchen mit dem Kennzeichen 
der Schwangerschaft ausstattete, was man z. B. noch auf den 
Gemälden des Jan van Eyck (Das Lamm, Eva), des Hans 
M e m 1 i n g (Eva) Tind Tizians (Schöne von Urbino) sehen kann. 
Die Mode der „dicken Bäuche" im 17. und 18. Jahrhundert war 
nur eine andere Variation desselben Themas. 

In naher Beziehxmg zu den eben erwähnten Ausartimgen der 
Mode steht der Beifrock (Montgolfiere) oder die Krinoline. 



^) H. Puder, Nackt-Kultur. Zweites Bandchen: Kleid and 
Gesohlecht; Bein und Becken. Berlin-Steglitz 1906, S. 7—8. 

*^) Vgl« die Stelle in meinen „Beiträgen usw.** I, 152 — 153, 



161 

Sie wurde zuerst im 16. Jahrhundert von Kurtisanen und Prosti- 
tuierten erfunden, die mit runden und herausfordernden Formen 
prahlen und die Männer durch diese >,vertugale8'S die nach dem; 
Bonmot eines Franziskaners die ,, vertu*' vertrieben, um nur die 
,,gale" (Syphilis) übrig zu lassen, anlocken wollten. Das Treffendste 
über die widerwärtig-schmutzige Mode des Beifrockes hat 
Schopenhauer gesagt.^) Es scheint, als ob die Krinoline, 
die unter dem zweiten französischen Kaiserreiche bekanntlich ihre 
größten Triumphe feierte — wer kennt nicht die charakteristischen 
Daguerrotypen aus jener Zeit? — , auch neuerdings wieder ihre 
Auferstehung erleben soll, da schon im letzten Winter die ersten 
Versuche zur BehabUitierung dieser Kleidungsmonstrosität ge- 
macht wurden. 

Der körperliche Unterschied zwischen Mann und Frau ist 
auch wohl die Hauptursache des Unterschiedes zwischen männ- 
licher Kleidung und Frauentracht. Nach Waldeyer (Verhand- 
lungen des 26. Anthropologenkongresses in Kassel 1895 im Kor- 
reepoodenzblatt der deutschen Gesellschaft für Anthropologie 1895 
No. 9 S. 76) sind besonders die Differenzen in Länge und Stel- 
lung der Oberschenkel maßgebend für die Differenzierung von 
männlicher und weiblicher Tracht gewesen. Beim Weibe sind die 
Oberschenkel wegen der größeren Beckenbreite an ihren oberen 
Enden weiter voneinander entfernt, als beim Manne, und da sie 
sieh im Ejiie bis zum Anschluß wieder nähern, so sind sie mehr 
schräg gestellt Dies im Verein mit der geringeren Länge des 
weiblichen Oberschenkels übt einen offenbaren Einfluß auf den 
Gang aus, besonders beim Laufschritt, in dem der Mann dem 
Weibe überlegen ist. Li diesem rein anatomischen Verhalten 
liegt der Grund, warum die die unteren Extremitäten deutlich! 
hervortreten lassende Männertracht für das Weib unvorteilhaft 
erscheint, namentlich bei aufrechter Stellung. Es ist mit eine 
wesentliche Ursache für die Differenzierung von Männer- und 
Frauentracht 

Ein weiterer grundsätzlicher Unterschied zwischen der Klei- 
dong von Mann und Weib ist die im ganzen größere Einfachheit 
usd Monotonie der Männertracht. Man hat sie nicht mit Unrecht 
mit der größeren geistigen Differenzierung des Mannes in 



**) Schopenhauer, Färerga mid Paralipomena, Beklamausg. 
Bd. V, 8. 176. 

Bloch, Senutlleben. 2. u. 8. Auflage. l\ 

(6b— 18. Tausend.) 



162 

ZiisammenlLaiig gebracht, die keiner besonderen Akzentuierung der 
individuellen Persönlidikeit durch die Kleidung bedürfe. Das 
Weib, das eben früher nur Geschlechtswesen war, benutzte die 
Kleidung in der mannigfaltigsten Weise als geschlechtliches An- 
lockungsmittel, als Hauptersatz für das ihr durch Natur und 
Sitte versagte aktive Vorgehen, das wiederum den Mann im 
großen und ganzen der Anwendimg sexueller Stimulantien durch 
die Kleidung enthob. 

Noch einen anderen Gesichtspunkt macht Georg Simmel 
geltend. Er meint, daß die Frau, mit dem Manne verglichen, im 
ganzen das treuere Wesen sei, daß aber eben diese Treue, die 
die Gleichmäßigkeit und Einheitlichkeit des Wesens nach der Seite 
des Gemütes hin ausdrücke, um der Balancierung der Lebens- 
tendenzen willen irgend eine lebhaftere Abwedislung auf mehr 
abseits gelegenen Gebieten verlange, während umgekehrt der seiner 
Natur nach untreuere Mann, der die Bindimg an das einmal 
eingegangene Gemütsverh&ltnis nicht mit derselben Unbedingtheit 
und Konzentrierung aller Lebensinteressen auf dieses eine zu be- 
wahren pflegt, infolgedessen weniger jener äußeren Abwechslung 
bedürfe. Der Mann ist gegen seine äußere Erscheinung im ganzen 
gleichgültiger als das Weib, weil er im Grunde das vielfältigere 
Wesen ist und deshalb jener äußeren Abwechslungen eher ent* 
raten kann.^) ^ 

Trotzdem fehlte es bis zum Beginne des 19. Jahr- 
hunderts auch in der Männermode nicht an Bestrebungen, 
gewisse Teile der Kleidung als sexuelle Stimulantien wirken 
£u lassen. Ich verweise in dieser Beziehung auf meine 
früheren Mitteilungen^<^) und erwähne nur als besonders 
charakteristische Ausartungen der Männertracht die starke äußere 
Hervorhebung der männlichen Genitalien durch die Hosenlätse 
(braguettes), die die Form eines männlichen Gliedes nachahmenden 
Schuhe „2k la poulaine'S die sehr oft seit der römischen Kaiserzeit^O 
wiederkehrende feminine Tracht der Männer, die mit der jeweiligen 
größeren Verbreitung homosexueller Neigungen zusammenhängt 



M) Q. Simmel, Philosophie der Mode, Berlin 1906, S. 24. 

M) Beitrage zur Aetiologie der Paychopathia sezualis, Bd. I, 
S. 168—162. 

*^) Schon O y i d ermahnt in seiner An amandi die Männer, welche 
den Frauen gefallen wollen, weibischen Pats ru vermeiden, diesen 
den Homosexuellen zu überlassen. 



163 

und bisweUen an Buntheit^ Farbenpracht, häufigem Wechsel und 
aeitweiligen Nuditaten es mit der Frauenkleidung aufnehmen 
konnte. Hier gibt die Kleidung nicht bloß Aufschluß über den 
inneren Menschen, sondern auch über den Charakter der Zeitepoche. 
Es gibt ja auch ein modernes Dandy tum, das manche Auswüchse 
früherer Zeiten wiederholt, aber im ganzen tendiert die Männer- 
mode zur Einfachheit und sexuellen Indifferenz. Diese Bewegung 
ist von England ausgegangen imd die englische Herrentracht ist 
für die ganze Welt vorbildlich geworden, während die Frauen- 
kleidung nach wie vor aus Paris ihre modischen Anregungen 
empfängt. 

Es gibt außer den geschilderten indirekten Beziehungen der 
Kleidung zur Vita sexualis noch eine direkte, das ist die 
Wirkung gewisser Eleidungsstof fe auf die Haut, 
woraus gewisse Ideenassoziationen und abnorme Neigungen ab- 
geleitet werden können. So wirkt z. B. die Berührung von wollenen 
und Pelzstoffen sexuell erregend. Schon B y a n verglich ihre Wir- 
kong mit der der Flagellation.^') Auch in diesem Sinne gehören 
Pelz und Peitsche zusammen, diese beiden Symbole des „Maaochis- 
mxuf*. Auch Samt wirkt Ähnlich. Der berühmte Verherrlicher 
der ,,Venus im Pelz'S Leopold von Sacher-Masoch, hat 
sich in dem bekannten gleichnamigen Boman eingehend über die 
sexuelle Bedeutung der Pelzstoffe ausgesprochen. Sie üben nach 
ihm einen seltsam prickelnden physischen Beiz aus, vielleicht durch 
Ladung mit Elektrizität und durch die warme Atmosphäre. Eine 
Frau im Pelz ist wie eine „große Katze,^^) eine verstärkte 
elektrische Batterie*'. Auch Geruchseindrücke scheinen dabei mit- 
zuwirken. Denn in einem Briefe an seine Frau schreibt Sacher- 
Masoch einmal, welche Wollust es ihm sein würde, sein Oesicht 
in dem warmen Duft ihrer Pelze zu baden.^) Mit der Vorstellung 
der Erregung durch Berührung und Geruch des Pelzes verband 
er aber außerdem noch diejenige, daß der Pelz dem Weibe etwas 
Maehtgebietendes, Herrisches, Dämonisches verleihe. Seine Venus 
im Pelz ist ihm zugleich die „Herrin'^ Tizian fand für den 



*■) J. Ryan, Prostitution in London, London 1839, S. 882. 

M) In Alfred de Muasets erotischer Erzählung „Gamiani'' 
wird geschildert, wie sich eine Frau auf einem Teppich von Eatzen- 
haaren wälzt, was ihr sehr wollüstige Empfindungen verschafft. 

M) Meine Lebensbeichte. Memoiren von Wanda von Sacher- 
M a 8 o o h , Berlin und Leipzig 1906, 8. 38. 

11* 



164 

rosigen Leib seiner Geliebten keinen köstlicheren Rahmen als 
dunklen Pelz. Es ist wohl die starke Kontrastwirkung zwischen 
den zarten Beizen und dem zottigen Gtewande, das jene seltsame 
symbolische Beziehung zu Machtgelüsten und grausamer Despotie 
hervorruft. In einem geistreichen Essay „Venus im Pelz*' (Berliner 
Tageblatt No. 487 vom 26. September 1903) wird dieser Oedanke 
ausgeführt und erklärt, daß die Vorliebe der Frau für Pelzwerk 
aus ihrer innersten Natur resultiere. Es ist die geheime Ahnung 
einer Steigerung ihi^r Machtwirkung durch den Kontrast.^) 

M&nner- und Frauenkleidung betrifft im allgemeinen den 
ganzen Körper mit Ausnahme des freibleibenden Gesichtes, von 
der Kopfbedeckung und Haartracht abgesehen. Neuerdings bringt 
nun H. Pudor auch das Gesicht in eine eigentümliche 
sexuelle Beziehung zur Kleidung. Seine Aeoßerungen 
darüber, denen manche zutreffende Beobachtung zugrunde liegt, 
wenn sie auch als Ganzes übertrieben sind, lauten: 

„Ee ist kein Zweifel, daß das Gesicht Träger des Geschlechts- 
sinnes zweiten oder dritten Grades ist. Nicht etwa nur der Mund 
oder der Kehlkopf. Die Nase besonders vermöge der den Duft auf* 
nehmenden Schleimhäute. Das Auge vermöge der magnetischen 
Strömungen, der Lichtspaltung und der chemischen Wirksamkeit 
der Netzhaut. Aber selbst die Wangen und Ohren : man lasse sich 
von einer Person, die man gern hat, etwas ins Ohr flüstern — 
und man wird aus dem Kitzel, den man fühlt, merken, wie von 
hier Leitungen nach den Geschlechtszellen führen. (I) Vor allem 
aber natürlich der Mund. Wir sprechen von den Schamlippen dea 
weiblichen Geschlechtsteiles und deuten schon damit die Beziehung^ 
zu den Lippen des Mundes an. Man kann in der Tat eine Kon- 
gruenz, nicht nur einen Parallelismus im Bau des Mundes und 
der Geschlechtsteile beim Manne ebenso wie bei der Frau nach- 
weisen. Ja, man kann noch weiter gehen, man kann die regio 
sacralis der Stirn, die regio analis der Nase, die regio pudendalia 
dem Munde und die regio glut^ea den Wangen oder Backen gleich* 
stellen. (I) 

Wenn aber nun die geschlechtliche Differenzierung der Oe* 



M) Erwähnt sei an dieser Stelle eine AeuBerung in dem Tagebuch 
der Goncourts, daB nichts dem sarten wollüstigen Reise des alten 
Kaschmir bei Frauen zu vergleichen sei. E. u. J. de Goncourt, 
Tagebuchblätter 1861—1896. Deutsch von H. Stümoke, Berlin und 
Leipzig 1905, S. 65. 



165 

flichtsteile feststeht, so gewinnen wir von diesem Standpunkt 
ans einen interessanten Ausblick auf die tiefer liegenden Ursachen 
des Eleidertragens. Die Geschlechtsteile ersten Grades verhüllen 
die Kulturmenschen, die Geschlechtsteile dritten Grades, also die 
Gesichtsteile tragen sie nackt, ja sie sind vermöge der vielfachen 
Bekleidung der das G^cht umgebenden Körperteile bestrebt, die 
Nacktheit des Gesichtes als Gteschlechtsteiles dritten Grades recht 
stark hervorzuheben — nun erkennt man auch die Bolle, die der 
Hut spielt — und durch das, was man Koketterie nennt, die eigent- 
lichen Geschlechtsteile in den Gesichtsteilen gleichsam nachzu- 
spiegeln oder vermöge der Gesichtsteile auf die Geschlechtsteile 
aufmerksam zu machen und gewisse Eigenschaften der letzteren 
in den ersteren wachzurufen. In diesem Zusammenhang sei an ge- 
wisse Gesichtstrachten erinnert, die dazu dienen, die Nackt-Sph&re 
des Oesichtes noch mehr einzudämmen und einen noch größeren 
Bereich des Gesichtes zu bekleiden, wie die die Ohren bekleidenden 
Haarflechten, die die Tänzerin Cleo de Merode eingeführt hat, 
oder die sogenannten Ponnylocken, oder die bis über die ^itte 
des Eannes gezogene Kinnbinde. Vielleicht spielt sogar der Ge- 
sichteschmuck (Halsband, Ohrringe, Stimreif bis zu IQemmer und 
Lorgnette [ 1 ]) auch nach dieser Bichtung eine gewisse Bx)lle. Vor 
allem denke man aber dabei an die Stehkragen und an die hohen 
Taillen- und Busenkragen, die die Bekleidung bis zum Kinn führen. 
Jener Teil des Gesichtes aber, welcher nackt bleibt, soll nun auch 
80 sebr als möglich nackt sein, deshalb sind Haare, bofem sie 
nicht zum Bart als Geschlechtsteil zweiten Grades gehören, ver- 
pönt, und die Gesellschaft sieht ängstlich darauf, daß die Ge- 
sichter „dean shaved'^ sind.*'^) 

Das Verhalten des Gesichts zur Kleidimg macht uns schon 
den Begriff des „Kostüms" als einer Erweiterung der IQeidung 
über die eigentliche Körperbedeckung hinaus klar. Alles, was den 
Menschen umgibt, was zu seiner Erscheinung eine Beziehung hat, 
ist Kostüm im weiteren Sinne des Wortes, so Wohnraum, Werk- 
stätte, Studier- und Toilettenzimmer, Park, Bibliothek usw. „Auf 
das, was wir zunächst um uns und an uns haben, auf unsern 
Anzug, achten wir, denn darin sind wir zu Hause, darin leiden 
und treuen wir ima Wo wir uns heimisch fühlen, werden wir 
uns so einzurichten trachten, daß bis zu den fernsten Aeußerungen 



«) H. Puder, Nackt-Kultur, Bd. II, S. 4—6. 



166 

unseres Daseins uns behaglich wird, so daß Zimmer, Kammer, 
Haus und Garten eine Fortsetzung, eine Erweiterung 
unserer Kleidung bilden." (A. v. Eye).*') 

So kommt es, daß die „Mode" nicht bloß die menschliche 
Kleidung betrifft, sondern sich auf eine Fülle von Gebrauchs- 
gegenständen erstreckt. Zimmereinrichtung und Ausstattung, 
Kunstgegenstände, Körperpflege, gesellschaftlicher Verkehr, Sport 
usw. werden der Mode unterworfen. Auf diesen erweiterten Begriff 
der Mode trifft die Definition Fr. Th. Vischers zu: «,Mode ist 
ein Allgemeinbegriff für einen Komplex zeitweise gültiger Kultur- 
formen." 

Die Theorie der Mode ist besonders von Sombart^) und 
S i m m e 1**) bearbeitet worden. Auch bei W. F r e d^) finden sich 
einzelne geistreiche Bemerkungen. 

Nach Simmel erfüllt die Mode eine doppelte Aufgabe. Sie 
ist einerseits Nachahmung eines gegebenen Musters und genügt 
damit dem Bedürfnis nach sozialer Anlehnung. Sie führt den 
einzelnen auf die Bahn, die alle gehen. Aber auf der andern 
Seite befriedigt sie das Unterschiedsbedürfnis, die* Tendenz auf 
Differenzierung, Abwechslung, Sich-Abheben. Das bewirkt sie 
durch häufigen Wechsel des Inhalts und durch die Tatsache, daß 
sie zuerst immer eine Klassenmode ist. Die Moden der höheren 
Stände unterscheiden sich von der der niedrigen und werden in 
dem Augenblicke verlassen, wo sie auf diese übergehen. So ist nach 
der Definition Simmeis die Mode nichts anderes als 
eine besondere unter den vielen Lebensformen, 
durch die man die Tendenz nach sozialer Egali- 
sierung mit der nach individueller Unter- 
Bchiedenheit und Abwechslung in einem einheit- 
lichen Tun zusammenfuhr! 

Im Modezentrum Paris ist das Zusammengehen dieser beiden 
Tendenzen am besten und reinsten zu studieren. Man kann dort 
beobachten, wie zunächst immer nur ein Teil der Gesellschaft^ 
der Gesellschaftsgruppe die Mode übt, die (Gesamtheit aber sich 



^7) Ernst Kapp, Gmndlinien einer Philosophie der Technik; 
Brannachweig 1877, S. 269—270. 

M) W. Sombart, Wirtschaft und Mode, Wiesbaden 1902. 

**) Q. Simmel, Zur Psychologie der Mode in: Die Zeit vom 
12. Oktober 1895; Philosophie der Mode, Berlin 1906. 

w) W. Fred, Psychologie der Mode, Berlin 1906. 



167 

erst auf dem Wege zu ilir befindet. Ist sie völlig dorchgedningen, 
wird sie ausnahmslos geübt, dann ist sie auch schon zu Ende, 
ist keine „Mode'' mehr> weil nun jede Unterschiedlichkeit auf- 
gehoben ist Sie ,,hat durch dieses Spiel zwischen der Tendenz 
auf allgemeine Verbreitimg imd der Vernichtung ihres Sinnes, 
die diese Verbreitung gerade herbeiführt, den eigentümlichen Beiz 
der Grenze, den Beiz gleichzeitigen Anfanges imd Endes, den 
Beiz der Neuheit und gleichzeitig der Vergänglichkeit'' (S i m m e 1). 

Hiermit hängt es zusammen, daß gerade die Demimonde 
von jeher den Antrieb zu neuen Moden gegeben hat. Bei der ihr 
eigentümlichen imsicheren gesellschaftlichen Position ist ihr alles 
Konventionelle, Althergebrachte verhaßt, nur das Neue, die Ver- 
änderong ist ihr gemäß. „In dem fortwährenden Streben nach 
neuen, bisher imerhörten Moden, in der Bücksichtslosigkeit, mit 
der gerade die der bisherigen entgegengesetzteste leidenschaftlich 
ergriffen wird, liegt eine ästhetische Form des Zerstörungstriebes, 
die allen Pariaezistenzen, soweit sie nicht innerlich völlig ver- 
sklavt sind, eigen zu sein scheint." (Simmel.) 

Andererseits dient die Egalisierungstendenz der Mode fein- 
fühligen Naturen als eine Art Schutz ihrer Persönlichkeit, wie 
Simmel das in geistvoller Weise ausführt. Diesen dient die 
Mode als eine Art Maske. „So ist es gerade eine feine Scham und 
Scheu, durch die Besonderheit des äußeren Auftretens vielleicht 
eine Besonderheit des innerlichsten Wesens zu verraten, was manche 
Naturen in das verhüllende Nivellement der Mode flüchten läßt. . . 
Sie gibt einen Schleier imd Schutz für alles Innere xmd nun tun 
so Befreitere ab." 

Daß die moderne Mode wesentlich ein Kind des 19. Jahr- 
hunderts ist, und mit dem Wesen des Kapitalismus aufs innigstci 
zusammenhängt, hat W. So m hart schlagend nachgewiesen. Als 
entscheidende Tatsache im Modebildimgsprozesse bezeichnet er die 
Wabmehmxmg, daß die Mitwirkung des Konsumenten dabei auf 
ein Minimum beschränkt bleibt, daß vielmehr durchaus die 
treibende Kraft bei der Schaffung der modernen Mode der kapi- 
talistische Unternehmer ist Wenn z. B. eine Pariser Kokotte 
eine neue Kleidermode erfindet oder der englische König die Mode 
der weißen Hüte und weißen Schuhe für Herren einführt, worüber 
nenerdings die Zeitungen berichteten, so tragen diese Leistungen, 
nach 8 o m b a r t nur den Charakter der vermittelnden Beihilfe. Das 
eigentliche treibende Agens für die schnelle allgemeine Ver- 



168 

breitung der Mode und für den h&ufigen Modewechsel bleibt 
der kapitalistische Unternehmer, der Produzent oder H&ndler. Dies 
weist Sombartan einzelnen Beispielen überzeugend nach. Diese 
ökonomische Seite der Mode muß neben der psychologischen 
beachtet werden. 

Ist schon, wie oben erwähnt wurde, die Männertracht bei 
weitem nicht in dem Maße der Herrschaft der Mode unterworfen 
wie die Frauentracht, so machen sich auch in letzter Zeit Be- 
strebungen geltend, diese ebenfalls zu vereinfachen, von den Launen 
der Mode unabhängig zu machen, und vor allem nach hygienischen 
Grundsätzen zu gestalten. Es ist bezeichnend, daß diese Be- 
strebungen besonders von den Führerinnen der modernen Frauen- 
bewegung ausgehen, ein interessanter Beweis für den oben dax- 
gelegten Zusammenhang zwischen Persönlichkeit und Kleidung. 
Je differenzierter und innerlich reicher jene, desto einfacher, mono- 
toner diese. Insofern ist das Verlangen nach einer Vereinfachung 
der weibUchen Kleidung ein durchaus logisches Postulat der 
Frauenemanzipation. Aber auch in hygienischer Beziehung kommt 
dieser Forderung eine Berechtigung zu. Das hat besonders Paul 
Schultze-Naumburg in seinem Buche über „die Kultur des 
weiblichen Körpers als Grundlage der Frauenkleidung'' (Leipzig 
1901) ausgeführt. Er fordert vor allem radikale Beseiti- 
gung des Korsetts und der „engen Taille" und eine Bück- 
kebr der Frauentracht zu den freien, leichten Gewändern der 
Antike. Auch dem unhygienischen Schuhwerke der Männer und 
Frauen widmet er beherzigenswerte Betrachtungen. 

Die Idee, daß sich das Frauengewand zwangslos an die Fonn 
des Körpers anschließen müsse, ist durch das sogenannte ,3^* 
formkleid" in seinen verschiedenen Abarten sehr ansprechend 
verwirklicht worden. Nicht ohne Einfluß auf diese anerkennens- 
werten Bestrebimgen war die Bekanntschaft mit der vornehmen 
Einfachheit und hygienischen Zweckmäßigkeit der japanischen 
Frauentracht. 

Einstweilen aber ist die alte Mode noch obenauf und feiert 
alljährlich ihre Triumphe in bezug auf neue Erfindungen und 
Baffinements der mit den Mitteln der Akzentuierung und Ent- 
blößung, der koloristischen und omamentalen Beize ausgestatteten 
mondänen Frauentracht. Als ein kulturhistorisches Dokument für 
diese noch immer allmächtige Herrschaft der Kleidermode, für 



169 

die innigen Beziehungen, die sie zu allen Erscheinungen des ge- 
•ellsehaf tlichen Lebens hat, für das sie recht eigentlich den färben- 
prSchtigen Bahmen abgibt, lasse ich die Schilderung einer Soiree in 
den Salons des Pariser Finanzministers am Beginn des 20. Jahr- 
hunderts, Winter 1900, folgen, die ich dem „Kleinen Journale*' 
(No. 312 vom 12. November 1900) entnehme. Die Mode erscheint 
hier nur als ein Teil des raffiniertesten Genußlebens: 

Blättern Sie alle Modejoumale dieser Erde durch — lassen Sie 
sich in den berühmtesten Schneiderateliers die neuesten elegantesten 
Modelle vorlegen — studieren Sie im „Palais des Gostumes" die reichen 
kostbaren Gewänder der verschiedenen Epochen — bewundem Sie 
In der Abteilung: „Tissos, Yfitements" usw. der Pariser Weltausstellung 
all die üppigen Phantasieblüten, die ein ausschweifendes Schneiderhim 
getrieben — und es wird nur ein schwacher dürftiger Abglanz dar 
lebendig gewordenen Träume sein, die uns, einem süßen Rausche 
gleich, gefangen nahmen. 

Beim Ministre des Finances war's, bei Mr. und Mdme. Caillaux. 

Das weite Tor der mächtigen Fassade des Palais du Louvre er- 
strahlte tausendflammig. Die endlose Wagenreihe bewegte sich lang- 
sam durch die Eingangshallen in die Cour dlionneur, wo eine Schar 
gallonierter Bedienter die Wagenschläge öffnete, wo eine Legion der 
irielbesungenen Pariser Füßchen auf weichen samtnen Läufern eiligst 
dem Ziel ihrer Erfolge zuschwebten. Unten im Parterre die Garderoben. 
Nun stieg man die breite, schwere, hohe Marmortreppe hinan, auf 
der bewaffnete Dragoner in strammer militärischer Haltung, steif und 
mäuschenstill wie Wachsfiguren aus einem Panoptikum, Spalier bildeten. 
Schon dieses Treppenhaus, mit seinem kompakten goldnen Gelander, 
seinen Marmorgruppen unter dem Schatten dichter hoher Lorbeer- 
Msohe, erinnert an einen kühnen Traum, an das Märchen von „yer- 
wunsohenen Prinzen und Prinzessinnen", das man nun in die Wirk- 
lichkeit übertragen sieht und in dam man zu seiner eigenen höchsten 
Verwunderung selbst mitspielt. 

Mr. und Mdme. Caillauz stehen an der ersten Tür, empfaügen in 
liebenswürdig leutseliger Weise ihre (HLste mit Händedruck, dann 
und wann auch mit einer freundlichen Ansprache. Der Huissier waltet 
gewissenhaft seines Amtes und ruft den Namen eines jeden Ankömm- 
lings mit Stentorstimme in den Saal. 

In den Saall Wohl reicher, wuchtiger noch ist die Fiacht der 
Ausstattung des Ssales, des Pä^viUon Bohan, als der Elys^e-Säle. Mäch- 
tige Kaiyatiden tragen den Plafond, von dem fünf kolossale Kron- 
kuöbter herabhängen. Qold und Kristall glitzern und funkeln und 
onser Bliok würde wohl noch stundenlang dort oben haften bleiben, 
wüxden wir nicht von allen Richtungen her den unwiderstehlichen 
*• ^ empfinden, der uns gewaltsam zur berückenden Weiblichkeit 



170 

lieht. Und unser Auge taucht unter und wird mit fortgerisaea von 
der Flut der Schönheit, die uns umbraust I Wie schwer ist es da^ 
zu sedieren, zu kritisieren, zu detaillieren, wo der Totaleindruck mehr 
das Seelenregister, als die Gedanken in Tätigkeit setzt! Und doch — 
ich will Sie teilnehmen lassen an den Orgien, die ihre Majestät 
Königin Mode gefeiert, und meiner armseligen kleinen Feder will 
ich das schwere Amt aufbürden, Ihnen die delikatesten Speisen des 
leckeren Mahles vorzusetzen. AuBer der Reihe treten aus dem Kaleido- 
skop meiner Erinnerungen hervor: 

Eine kleine, graziöse, üppige Erscheinung mit graugrünen Augen^ 
blauschwarzem Haar im griechischen Arrangement, um den Lockea- 
knoten leicht gewunden ein schmales Bandeau von Silbeigaze: eine 
fest anschmiegende blauseidene Frinzeßrobe, dekolletiert, sehr de- 
kolletiert und nicht erfolglos dekolletiert, darüber ein Spitzen — ^hemdt 
Hier steh ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir — Amen! Also 
wirklich: wundervoller Duchessespitzenstoff in der Form dieses aller- 
diskretesten Waschekleidungsstücks gearbeitet. Nur unten herum weitel 
sich dies verführerische Gewand; an große Zacken, in denen das 
Muster endet, schließen sich lange weißseidene Fransen, die aber» 
damit sie abstehen, auf einen bauschigen Cripevolant, das wiederum 
mit vielleicht zwölf kleinen Seidenrüschen besetzt ist, fallen; ruhig' 
fließendes Wasser auf tänzelndem WellengekräuseL Der Ausschnitt» 
der tiefe, ist von einem Ferienblattergewinde begrenzt, das, über die 
Schulter gehend, den fehlenden Aermel ersetzen soll, aber so einsiohta- 
und verständnisvoll ist, ihn nicht zu ersetzen, sondern beglückend» 
Reize so unverhüllt wie möglich laßt. Spitzen, Schmelz und Tüll und 
Samt stehen an der Tagesordnung. Von sylphidenhafter Grazie sind 
die plissierten Tüllroben, d. h. die ein Zentimeter breiten Falten werdea 
nach der Figur des Körpers genaht, gehen also an der TedUe spitB 
zu und weiten sich nach unten. Auf den Nähten dieser Falten sind 
Perlenflitter, einer fest an den anderen gefügt, und auf der Robe ver- 
teilt sind große stilisierte Arabeskenmuster aus Schmelz. Zu einer 
schwarzen TüUrobe fast stets ein weißseidenes Unterkleid. Nur eine 
schlanke ätherische Erscheinung sah ich in Fischschnppenkostüm. 
Dicke, dichte, schwarze Schmelzschuppen, die schönen Körperfonnea 
fest umgrenzend, einem schillernden, sich windenden Fische gleich« 
bewegte sich die Sirene in der staunenden Menge. Und wie gefftUft 
Ihnen ein weißes Cr^pe de Chine-Prinzeßkleid, das eine junonisch» 
Gestalt zur Schau trug, das prall und doch leger in letzter Minute 
auf den Körper gespannt zu sein scheint? Nicht eine Spur von Be- 
satz, nur seidene Fransen, die aus dem Stoff herausgeknüpft sind, 
fallen so unvorbereitet wie möglich an verschiedenen Raffiingen her- 
unter. Keine Ferien, keine Brillanten verdecken die Schönheit ihxee 
wunderherrlichen Halses ! Goldig rote Haare, in der Mitte gesoheitelti 
in Wellen zu beiden Seiten nach einem englischen Knoten im Nacken 
führend. Als Haarschmuck vom, hochstehend, drei einzelne Brülant- 
steme, die wie kleine Ableger aus dem großen leuchtenden Stern, dem 
Weibe, gleichsam heraus zu wacheen scheinen. Die engÜBOhe FriAiir, 



171 

die, wie man zum Schrecken der Meisten verbreitet, wieder Mode 
werden floll, war hier nur sehr spärlich vertreten. Außer dieser 
Heroinenerscheinung trug sie nur noch ein blutjunges, mit allem Zauber 
der italienischen Basse gesegnetes Madchen, von vielleicht 18 oder 
19 Jahren. IHe elegante Pariserin wird auf die Vervollständigung 
ihrer verführerischen Gesajnteirscheinung, auf die hohe Frisur, nicht 
gans Verzicht leisten. Im besten Fall werden nur leise Konzessionen 
gemacht. Wie reizend sich das hochgekammte Haar garnieren und 
verzieren läfit, dafür spiaoh der gestrige Abend. Der kleine grüne 
Bl&tterkzanz um den griechischen Knoten gewunden, aus dem als 
einzige Blume eine Rose auf einer Seite fast bis auf die Stirn fallt» 
kleidet ganz entzückend zu Gesicht. Originell und nicht minder schon 
machten sich zwei Riesen-Chrysanthemen rechts und links über dem 
Ohr, den Kopf verbreiternd, aber ihm gleichzeitig ein apartes Relief 
gebend. Koch jener ganz mattgelben Spitzenrobe muß ich gedenken, 
die auf einen durchweg plissierten Rock aus weiBem Crdpe chiffon 
fällt, auf der ebenfalls ganz plissierten Taille ein dekolletierter Spitzen* 
bolero, als Gürtel ein schmiegsames goldenes Band. Ein halblanger 
Aennel aus Entredeux-Flisses, am Ellenbogen fällt ein reicher plissierter 
Volant, mit kleiner Rüsche besetzt, weit auseinander. Die Taille vom 
phantastisch, zügellos verlsiigert. Hier muß ich eine Parenthese machen. 
Wir aind doch unter uns, meine Damen, denn so weit wird meinem 
Bericht wohl kein Herr gefolgt sein. Also das Korsett hat eine große 
Reform hervorgerufen, der Einschnitt an der Taille vom existieirt 
nicht mehr, die Stangen gehen gerade herunter, so daß, ich muß 
medizinisch werden, der Magen und die angrenzenden Organe weniger 
eingeengt sind und einen weiteren Spielraum haben. Frauen mit kurzer 
Taille, die in Deutschland feist zur Epidemie geworden, gereicht diese 
Koreettform zu einem unschätzbaren Vorteil, denn sie dürfen ad libitum 
ihrer Taille den Abschluß g^ben. Auch hier findet man aus dieser 
Beform oft zu eifrig Kapital geschlagen, denn die endliche Erfüllung 
einer so lange unbefriedigten Sehnsucht artet, wie auch bei allen 
anderen Dingen im Leben, in Uebertreibung aus. Und nun wieder 
zurück ans unserer diskreten Ecke, ins GewühL Da stoßen wir sofort 
wieder auf eine eigenartige Erscheinung. Auf silbergrauem Atlas- 
Prinaeßkleid eine schwarze Ferienrobe, sackartig hangend, ohne Nähte, 
nur am Rücken eine Watteanfalte. Links von der Schulter, bis zum 
Kleidersanm ihexabhangend, eine Girlande bunter großer Chrysan- 
themen, einer modernen Pariser Ophelia gleich. Eine buntgeblümte 
Pompadourtoilette echtesten Stils lenkt uns ab. Noch eine andere 
fesselnde Erscheinung in einer rosa Tüllrobe mit rosa Sammetbandenok 
nach der Form des Glockenrockes, besetzt, darüber Chamoiz-Spitzen- 
Tnnique, huscht an uns vorüber, um den Oberarm eine Krawatte von 
duftigem rosa MalinetüU mit luftiger Schleife . . . imd so wird man 
immer wieder und wieder abgelenkt von der eigentlichen Unterhaltung 
des Abends, die die Gastgeber in Hülle und Fülle boten. Die ersten 
Kräfte des Od6on, der Gom6die Franyaise liehen ihre Mitwirkung bei 
vier Einaktern, in denen sich auch die Granier hervortat. In den Pausen 



172 

lockte ein Büfett in die Nebensale, wo es wieder Neues zu bewundern 
gab. Die lange Tafel von Orchideen, in zaubrisch hauchzarten Farben- 
tönen geschmückt, bot auch von lukullischen Genüssen das exquisiteste. 

Nachdem wir Kleidung und Mode in ihren Beziehungen zum 
Sexualleben betrachtet und sie als sexuelle Beizmittel von eigen- 
ttimlicher Natur kennen gelernt haben, sind wir imstande, die 
Beziehungen zwischen Schamgefühl und Nackt- 
heit, wie sie sich uns als modernes Eulturproblem dar- 
fltellen, zu würdigen. 

Während, wie auch Simmel hervorhebt und wir oben ein- 
gehend dargelegt haben, die Kleidung vermittels der Mode als 
Massenaktion Schamlosigkeiten begeht oder wie man heute zu 
eagen pflegt, das Schamgefühl gröblich verletzt in einer Art, 
die als individuelle Zumutung vom einzelnen Individuum mit Ent- 
rüstung zurückgewiesen werden würde,'^) hat sie gerade auf der 
anderen Seite ebenfalls das natürliche, biologische Schamgefühl 
irregeleitet, da sie die alleinige Ursache des „übertriebenen Scham- 
gefühls'S der Prüderie, wurde. Die Prüderie kennt nur einen 
bekleideten Menschen, den nackten Menschen will sie nicht 
gelten lassen, die rein sittlich-ästhetische Wirkung der natürlichen 
Nacktheit nicht anerkennen, diese ist ihr etwas Unsittliches und 
Widerwärtiges ! 

Diese Prüderie alleüi trägt die Schuld, daß wir modernen 
Kulturmenschen sowohl den Sinn für die natürliche Nacktheit 
als auch für das natürliche Schamgefühl verloren haben und so 
wenig Verständnis für die edlen, kulturfördemden Momente in 
beiden zeigen. 

Die natürliche Nacktheit, der Zustand, in dem der Mensch 
geboren wird, nicht die raffinierte, durch Kleidung, Stellung, Ge- 
bärde lüstern wirkende Nacktheit, ist durchaus Gegenstand reiner 
Anschauung für den normal empfindenden Menschen, der im un- 
bekleideten menschlichen Körper eben dasselbe individuelle Natur* 
gebildc sieht wie in den Körpern anderer belebter Wesen. Selbst 
sonst sehr prüde Leute geben das zu, wenn ihnen einmal die 



<^) Mit Recht bemerkt Simmel, daß viele Frauen sich geuiexen 
würden, in ihrem Wohnzimmer oder vor einem einseinen fremden 
Manne so dekolletiert zu erscheinen, wie sie es in der Gesellscbaft 
und der Mode entsprechend vor dreifiigen oder hundert tun« 



17» 

heaie allerdings seltene Gelegenheit geboten wird, völlig nackte 
Menschen in natürlichen Verhältnissen, z. B. beim Baden, zu 
sehen. 

Erst wenn wir absichtlich ein sexuelles oder überhaupt 
nur ein künstliches Moment hineinlegen, wirkt die Nacktheit ala 
ein lüsterner Beiz. Prüderie ist aber weiter nichts ala 
solch ein Anschauen des Nackten mit versteckter 
Begierde. Das hat schon der geniale Schleiermacher er- 
kannt. Er hat die Prüderie als Mangel an Schamgefühl entlarvt 
und das Greschlechtlich-Lüsteme in ihr deutlich hervorgehoben. 
Die schöne Stelle findet sich in seinen „Vertrauten Briefen über 
die Lucinde'' (Ausgabe von K. Gutzkow, Hamburg 1835, S. 6ä 
bis 65) und lautet: 

„Was soll man also von denen halten, die in dem Zustande 
des rahigen Denkens und Handelns zu seyn vorgeben, und doch 
60 unendlich reizbar sind, daß auf den kleinsten entfernten Anstoß 
von außen Begungen der Leidenschaft in ihnen entstehen, und um 
desto schamhafter zu seyn glauben, je leichter sie überall etwas 
Verdächtiges finden? Nichts, als daß sie sich in jedem Zustande 
eigentlich nicht befinden, daß ihre eigne rohe Begierde 
überall auf der Lauer liegt und hervorspringt, sobald 
sich von fem etwas zeigt, was sie sich aneignen kann, und daß 
sie davon die Schuld gern auf dasjenige schieben möchten, was 
die höchst unschuldige Veranlassung dazu war. Oewöhn- 
lieh muß ihnen die liebe Unschuld zum Verwände dienen. Jung- 
linge und Mädchen werden vorgestellt als noch nichts von Liebe 
wissend, aber doch von Sehnsucht, die jeden Augenblick auszu- 
brechen droht, und den kleinsten Anlaß ergreift, um mit ver- 
botenen Ahndungen zu spielen. Das ist aber nichts. Wahre Jüng- 
linge und Mädchen sind freilich das Ideal dieser Art von Scham- 
haftigkeit, aber in ihnen gewinnt sie eine andere Ge- 
stalt. Nur was keinen andern Sinn haben kann, als Verlangen 
und Leidenschaft zu erwecken, muß sie verletzen; aber warum 
sollten sie nicht die Liebe kennen dürfen, und die 
Natur, da sie beide überall sehen? Warum sollten sie 
nicht desto unbefangener verstehen und genießen können, was 
darauf gedacht und davon gesagt wird, je weniger eben die 
I^idenschaft in ihnen aufgeregt wird? Jene ängstliche 
und beschränkte Schamhaf tigkeit, die jetzt der 



174 

Charakter der Gesellschaft ist, hat ihren Grund 
nur in dem Bewußtsein einer großen und allge* 
meinen Verkehrtheit und eines tiefen Verderbens. 
Was soll aber am Ende daraus werden? Es muß dieses, wenn 
man die Sache sich selbst überl&ßt» immer weiter um sich greifen ; 
wenn man ganz so eigentlich Jagd macht auf das nichtschamhafte, 
so wird man sich am Ende einbilden, in jedem Ideenkreise der- 
gleichen zu finden, und es müßte am Ende alles Sprechen und 
alle Gesellschaft aufhören, man müßte die Geschlechter sondern, 
damit sie einander nicht erblicken, und das Mönchtum, wo nicht 
noch etwas Aergeres einführen. Das ist nun nicht zu ertragen, 
und es wird daher der Gesellschaft ergehen ,wie unseren Frauen, 
die, wenn die Sittsamkeit sie immer enger bedrängt, und es am 
Ende unschicklich ist^ eine Fingerspitze zu weisen, wie aus Ver- 
zweiflung auf einmal rasch umkehren, und wieder Nacken, Schul- 
tern und Busen den rauhen Lüften und den forschenden Augen 
preisgeben; oder wie den Baupen, die den alten Balg durch eine 
entschlossene Bewegung abwerfen. So wird es seyn: wenn die 
Verderbtheit den höchsten Gipfel erreicht hat, und die rohen Triebe 
80 herrschend geworden sind, und so reizbar und scharfsichtig, 
daß es nicht möglich ist, sie durch irgend etwas 
anzuregen, so platzt jener falsche Schein von selbst, und es 
wird sich darunter zeigen die junge Schamlosigkeit mit dem Körper 
der Gesellschaft schon längst innig zusammengewachsen, als ihre 
wahre Haut, in der sie sich natürlich imd leicht bewegt Die 
völlige Verderbtheit und die vollendete Bildung, durch 
welche man zur Unschuld zurückkehrt, machen beide 
der Schamhaf tigkeit ein Ende ; durch jene stirbt mit der falschen 
auch die wahre ihrem Wesen nach, durch diese hört sie nur auf, 
etwas zu seyn, worauf eine besondere Aufmerksamkeit gewendet 
und ein eigner Wert gesetzt wird, sie verliert sich in die allge- 
meine Gesinnung, unter der sie begriffen ist." 

Herrliche Worte eines Theologen! Diese durchaus richtige 
Kennzeichnung des Wesens der Prüderie und ihrer Gefahren 
möge imseren heutigen theologischen Muckern und Sittlichkeit»- 
fanatikem recht eindringlich zu Giemüte geführt werden. Wie 
wahr hier von Schleiermacher das Wesen der Prüderie ge- 
schildert worden ist, beweist auch die Beobachtung des Psychiaters 
J. L. A. Koch, daß gerade früher prüde und „sittsame" Frauen 
in Geisteskrankheiten, z. B. in der Manie, viel schamloser sind 



175 

als die im gewöhnlichen Leben eine natürlichere Auffassung des 
Geschlechtlichen bekundenden Frauen. 

Das ewige Verstecken der natürlichsten Dinge macht 
sie erst xumatürlich, weckt erst ein Verlangen, wo sonst ein harm- 
loses, ruhiges Daranvorbeigehen erfolgt wäre. Man hat heute 
das natürliche, berechtigte Schamgefühl ins Unnatürliche ver- 
größert, und so verfälscht, daß diese Uebertreibung des Scham- 
gefühles, diese beständige äußerliche Unterdrückung natürlich- 
unschuldiger Begungen und Gfefühle in Wirklichkeit die innere 
Begierde ins ungemessene steigert, die Fleischeslust recht eigent- 
lich nährt") 

Das echte, natürliche, biologische Schamgefühl ist eine 
Schranke der Lust. Wir verdanken ihm die Veredlung und Ver- 
geistigiing des rohen Sexualtriebes, es ist die Voraussetzung einer 
Individualisierung desselben. Es steht in innigster Beziehung zur 
freiwilligen temporären und relativen Enthaltsamkeit, die so 
große Bedeutung für die eigentliche Liebe besitzt. Das Scham- 
gefühl hat den Geschlechtstrieb zivilisiert, ohne seine Grundlage 
zu leugnen xuid zu verneinen. 

Die vollendete Bildung kehrt zur vollendeten Unschuld zu- 
rück. Diese kennt keine Feigenblätter, sie schlägt nicht, wie jüngst 
jener von der Psychose der Hyperprüderie ergriffene Geistliche 
im Dresdener Museum, den nackten Statuen die Genitalien ab und 
kastriert auch nicht im Geiste den Menschen, wie die meisten 
philologischen Biographen es noch heute mit den großen Männern 
machen, deren Lebenslauf sie schildern. Sie erkennt das Sexuelle 
als etwas Edles und Natürliches an. 

Schamgefühl ist eine unverlierbare Kulturerrungenschaft, es 
ist Selbstachtung. Aber, wie Havelock Ellis mit Becht be- 
merkt, bei vollentwickelten menschlichen Wesen hält die 
Selbstachtung ein übertriebenes Schamgefühl im Zaum. Das 
Wissen, die Bildung, macht aller falschen Prüderie den Garaus. 
Der gebildete Mensch blickt dem Natürlichen fest ins Auge, er- 
kennt seinen Wert, seine Notwendigkeit. Ihm ist das Geschlecht- 



es) Welche eminenten Gefahren für die Oesundheit die Prüdeirie 
herbeiführen kann, hat neuerdings Karl Ries in einer lesens- 
werten Abhandlung „Die Prüderie als Ursache körperlicher Schadi- 
gongen*' (in: Mitteilungen der Deutschen Gesellschaft zur Bekampfang 
der Geschlechtskrankheiten 1906, Bd. lY, S. 113—121) sehr anschau- 
lich geschildert. 



176 

liehe Bedingimg und Voraussetzung des Lebens, daher im Grande 
etwas Harmloses, Selbstverständliches, das nicht 
unterschätzt, aber erst recht nicht überschätzt werden 
darf, wie es unsere Tugendheuchler und Fanatiker der Prüderie tun. 
Die wahre Liga gegen die Unsittlichkeit ist die Liga gegen 
die Prüderie. Die Apostel des Nackten dienen der wahren Sitt- 
lichkeit mehr als die „Lex-Heinze-Männer'S die Sittlichkeits- 
konferenzler und „christlich-germanischen'' Tugendbolde. Natür- 
liche Auffassung des Nackten: das ist die Parole der Zukunft« 
Darauf weisen alle hygienischen, ästhetischen und ethischen Be- 
strebungen unserer Zeit. 




177 



ACHTES KAPITEL. 

Der 5Veg des Geistes in der Liebe. — Die 
Individualisierung der Liebe. 

Vor allen Dingen müssen wir mit dem weitverbreiteten Irrtum 
anfräamen, daß die Liebe ein einfaches und einzelnes Gefühl sei. 
Gerade das Gegenteil — sie besteht ans einer ganzen Gruppe, und 
swar einer äußerst zusammengesetzten und ewig wechselnden Gruppe 
von Gefühlen. 

H. T. Fincfc 



B 1 g c h , Sextuklleben. 3. u. 3. Auflage« i 

(&'!& TaiiBeud.) ^ 



178 



Inhalt des achten Kapitels. 

Die Individualisierung der Liebe ein Produkt der neueren Zeit. -^ 
Fincks „romantische" Liebe ein zu enger Begriff. — Rolle der 
Idealisierung der Sinne. — Erste Anfange der individuellen Liebe. — 
Der Piatonismus der Griechen und der Renaissance. — Unterschied 
des Plastischen und Romantischen. — Die Liebe der Minnesanger. — 
Verknüpfung von Natur- tind LiebesgefühL — Das Geheimnis in der 
Liebe. — Minne und Galanterie. — Die Sklaverei der Liebe. — Das 
phantastische Element in der Minne. — Hervortreten der G^mütswelt 
in der Ritterzeit. — Ausbildung des Konventionellen in den Liebes- 
beziehungen. — Die echte und falsche Galanterie. — Die Liebe bei 
Shakespeare. — Das konventionelle Genußleben unter Lud- 
wig XV. und XVI. — Der Glaube an das Weib („Manon Lescaut"). 

— Rousseaus „Julie" und Goethes „Werther" — Naturgefühl 
und Sentimentalität in der Liebe. — Unterschied zwischen der „Neuen 
Heloi'sc" und dem „Werther". — Erste Anfange des Weltschmerzes. 

— Sein physiologischer Zusammenbang mit dem Lebensgefühl der 
Pubertät. — Die Lebenseneigie im Goethe -Hein eschen Welt- 
schmerz. — Der moderne Weltschmerz. — Nietzsches Stellung 
zu demselben. — Die Liebe der Romantik. — Ein Spi^el der 
Vergangenheit. — Traume und Emotionen. — Mondscheinschwärmerei. 

— Kampf gegen die konventionelle PhilistermoraL — Friedrich 
Schlegels „Lucinde". — Die Apotheose der Individualliebe. — 
Die „Genialitat" der Liebe darin. — Rolle des Emotionellen in der 
romantischen Liebe. — Liebesmystik. — Die moderne Renaissance der 
Romantik. — Das dionysische Element in der modernen romantischen 
Liebe. — Unterschied der „romantischen" und „klassischen" Liebe. 
Theodor Mundt darüber. — Goethes „Tasso". — Gretchen 
und Helena im „Faust". — Heinses „Ardinghello" eine Vereinigung 
der romantischen und klassischen Liebe. — Das Vorbild des „jungen 
Deutschlands". — Diskussion aller modernen Liebesprobleme in der 
jungdeutschen Literatur. — Gutzkows überragende Bedeutung. — 
Der beste Frauenkenner des 19. Jahrhunderts. — Seine Mädchen- und 
Frauengestalten. — Bringt zuerst die Liebesprobleme auf die Bühne. — 
Das Problem der Persönlichkeit bei Gutzkow. — Die jungdeutsche 
Poesie des Fleisches. — Die Selbstanalyse und Reflexion in c^er Liebe. 

— Französische Vorlauf er. — Ersatz der mittelalterlichen „Sünde" 
durch die Selbstbespiegelimg. — Gutzkows „Wally" und „Se- 
raphine". — Die Liebe der emanzipierten Frau. — Kierkegaards 
und Grillparzers Tagebücher. — Die „freie Liebe" und „freie 
Ehe" in der modernen Literatur. — EinfluJ) des zweiten Kaiserreichs. 

— Das satanische und das artistische Element in der Liebe. — Der 
Pessimismus. — Grisel>achs „Neuer Tanhauser". — Die Lebensbejahung 
darin. — Ausblick auf die Gegenwart. 



179 



Die IndividuaUßierung der Liebe ist wesentlicli ein Produkt 
der neueren Zeit Ein geistvoller Schriftsteller, H. T. Finck, 
hat dieser Tatsache ein umfangreiches Werk in zwei Bänden 
gewidmet.^) Er nennt diese individuelle, die geistigen Elemente 
aller Kulturepochen enthaltende Liebe die „romantische" Liebe, 
wfihrend wir für gewöhnlich unter dieser letzteren eine besondere 
Abart der umfassenderen individuellen Liebe verstehen. 

Jeder der sich für die zahlreichen „Obertöne" der indivi- 
duellen Liebe interessiert, findet in dem Buche Fincks ein 
reiches, obgleich wenig übersichtlich angeordnetes Material. 

Unabhängig von Finck will ich im folgenden den Versuch 
machent ganz kurz die nach meiner Ansicht wesentlichen 
Elemente und Entwicklungsphasen des modernen Liebesgefühles 
nachzuweisen. 

Vorher aber sei noch der „Idealisierung der Sinne" 
gedacht, mit welchem Ausdruck Georg Hirth die Befähigung 
der Sinne zur Selbstverwaltung, zu selbständigen Lust- und 
Unlustgefühlen bezeichnet, zur Entwicklung eigener Fhajitasien, 
Ideen und Talente imd zur beliebigen Indienststellung anderer 
Sinnesgebiete und Triebherde, ja des ganzen Individuums zu 
Zwecken eben jener rein sinnlichen Selbstherrlichkeit. Die niederen 
Sinne, zu denen Hirth auch den Geschlechtstrieb rechnet, 
können nur infolge zentripetaler Inanspruchnahme der höheren 
Sinne ,4dealisiert" werden.') 

Diese künstlerische Idealisierung der Sinne imd Triebe spielt 
auch in dem Prozesse der Individualisierung und Durchgeistigung 
der Liebe eine wichtige EoUe. Auch der Geschlechtstrieb wird 
zu einer „Quelle reicher Freuden und phantastischer Tragik" 
vermittelst des „Phantasieschleiers", der „G^mütshaube" und des 



^) IL T. Finck, Romantische Liebe und persönliche Schönheit. 
Deutaoh von Udo Brachvogel. Breslau 189 1, 2 Bande. 

») Vgl O. Hirth, Wege zur Freiheit, München 1903, S. d68— 472. 

12* 



189 

„Vemtuifthelmes'' (Hirth). An der Idealisierung aller mensch- 
lichen Sinne und Triebe nimmt auch die Libido sexnalis teil. 
Das ist die unentbehrliche Voraussetzung und Orundlage der 
Umwandlimg des Geschlechtstriebes in Liebe. 

Die erste bedeutsame Bereicherung der sexuellen Neigungen 
durch ein höheres geistiges individuelles Element, das auch 
heute noch einen Bestandteil der modernen Liebe ausmacht, er- 
blicke ich im Piatonismus des griechischen Altertums und 
der italienischen Benaissance. Es ist eine Metaphysik der Liebe, 
beruhend auf individueller ästhetischer Betrachtimg der geliebten 
Persönlichkeit.') Denn das ist der wahre Sinn der „platonischen 
Liebe'S Sie veredelt die physische Liebe zum himmlischen Eros, 
der nichts anderes ist als der Begriff der Schönheit im 
höchsten Sinne des Wortes. Kuno Fischer hat dieser plato- 
nischen Liebe in seiner Erstlingsschrift „Diotima^' (Pforzheim 
1849) ein herrliches Denkmal gesetzt. Und hat nicht der unsterb- 
liche Darwin den Oedanken Pia tos wiederholt, wenn er die 
Schönheit ein Erzeugnis der Liebe nennt? Ln Piatonismus lag 
jedenfalls die erste Ahnung einer höheren individuellen Be- 
deutimg der Liebe. Li Dantes Beatrioe, in Petrarcas plato- 
nischer Lyrik leuchtet diese Idee nach der langen Nacht des 
Mittelalters wieder auf, um im neuen Piatonismus imd Schönheits- 
kult der Benaissance noch deutlicher hervorzutreten und eine 
viel stärkere individuelle Färbung zu bekommen als sie bei den 
Griechen hatte. 

Dem plastischen Geiste der Griechen entsprach auch in der 
Liebi* die ruhige ästhetische Betrachtimg, das romantisch Indivi- 
duelle war ihm fremd. Es ist ein modernes Gefühl. Jean Paul 
hat in seiner „Vorschule der Aesthetik" (Hamburg 1804, Bd. I, 
S. 139) diesen Unterschied zwischen antikem und modernem 
Empfinden treffend mit den Worten charakterisiert: .,Die 
plastische Sonne (der Alten) leuchtet einförmig wie das "Wachen; 
der romantische Mond (der Neueren) schimmert veränderlich wie 
das Träumen." 

•) Auch G. Saint-Yves (La litt^rature amoureuse. Paris, 1887, 
S. XXV) erblickt in der ästhetischen Betrachtung der gellebten Person 
die Urwurzel der individuellen Liebe. Sie habe sich aus der all- 
gemeinen ästhetischen Naturbetrachtung allmählich entwickelt. Ein 
interessanter Beweis für diesen Zusammenhang ist das Hohelied, in 
dem die ästhetischen Reize der Geliebten mit allen möglichen un- 
belebten .und belebten Naturgegenständen yeiglichen weiden. 



181 



Diese ersten Spuren der romantisch-individuellen 
Liebe lassen sich schon im christlichen Mittelalter nach-weisen, 
bei den Troubadours und Minnesängern. Daß tiefinnige Lied 
,J)q bist mein, ich bin dein" bringt die individuelle, rein 
persönliche Natur der Liebesbeziehungen zwischen Mann und Weib 
bereits zum schärfsten Ausdruck und verrät auch „romantischea" 
Empfinden: „Du bist verschlossen in meinem Herzen, verloren 
ist das Schlüsselein, nun mußt du immer drinnen sein," und jene 
der Romantik eigentümliche innige Verknüpfung von Natiirgefühl 
und Liebesgefühl. Erst der Geliebte macht die Sommerwonne voll, 
seine Liebe ist der Rose gleich. Der Subjektivität der Empfindung 
wird damit ein ungeheurer Spielraum eröffnet. Die Romantik 
des Oebeimnisses in der Liebe wird in diesen Zeiten zuerst 
empfunden und in Worten offenbart. 

Kein Feuer, keine Kohle kann brennen so heiß, 
AU heimliche Liebe, von der niemand was weiß.^ 

Die Zeit des Rittertums kommt heran, die Epoche der Minne 
und Galanterie, Welche neue eigentümliche Veränderung in 
der geistigen Physiognomie der Liebe I Auch sie hat tiefe Spuren 
in der Liebe des heutigen Kulturmenschen zurückgelassen, auch 
diese Zeit bildet eine wichtige Etappe in der Entwicklungs- 
geschichte individueller Erotik. 

Die Ritterehre und die Frauenliebe des Mittelalters, die 
„schönsten Strahlen aus dem Leben dieser wunderbaren Zeit", 
wie Wienbarg sie nennt, gehören zusammen. Seitdem bUeb 
Mannesehre auf eigentümliche Weise mit der Frauenliebe veiv 
flochten. 

Kühn aber treffend hat der tiefblickende Herder die 
ritterliche Minne als einen Reflex der Gothik bezeichnet. Dieselbe 
Unermeülichkeit der Phantasie, dasselbe unnennbare Gefühl schuf 
die ungeheuren Dome und die unendlich schwärmende, Wert und 
Schönheit der Geliebten bis ins Ungemessene steigernde Minne 
nebst ihrem äußeren Aufdruck, der Galanteric. 

Li vergötternder Anbetung erhob der ritterliche Geist das 
schone Geschlecht in den Himmel, über sich empor, ordnete 



*) VgL fiber die aahlrcichon Wendungen und Variationen dieses 
&]ten Verses die interessant«a Nach Weisungen bei Arthur Kopp, 
Alt«r Kernaprüclilpin und Volksreime für liebende Herzen ein Dutzend, 
in: ZoitsohrUt des Vereins für Vol^kuade in Berlin 1902, Heft 1 S. 8—9. 




y 



182 

sich ihm tmter, opferte sich auf für die Gebieterin des HerzesB, 
Unterwarf sich ihrem Urteil vor den i^Cours d'amour", den Liebes- 
höfen, Minnegerichten und Turnieren. Der Bitter wurde ein 
,iSklave'' der Liebe und der geliebten Frau, er trug ihre 
Fesseln, er gehorchte ihren leisesten Winken, er legte sich 
Kasteiungen und Schmerzen um ihretwillen auf. 

War dieses alles aber Wirklichkeit? War's nicht vielmehr 
wesentlich Fhantajsie? Es gab einen Wurm in dieser Romantik, 
wie Johannes Scherr sagt. Der Verhimmelung des Weibes 
entsprach keineswegs dessen soziale Stellung und die Minne wurde 
oft zu geschlechtlicher Zügellosigkeit gegenüber Frauen aus 
niederen Ständen. 

Das Vorherrschen des phantastischen Elementes charakterisiert 
die Ausartungen der sich zu Ehren der Geliebten erniedrigenden 
Minne. Das in jeder Liebe steckende masochistische Element wurde 
hier zum ersten Male in ein System gebracht. Wir werden beim 
Kapitel „Masochismus" darauf zurückkommen. 

Und doch wurde auf der anderen Seite durch den Geist des 
Bittertums auch eine edlere Auffassung weiblichen Wesens an- 
gebahnt. 

„Ursache und Geheimnis dieser Herrschaft (der Frauen) ist 
eben das, daß die Frau mit der vollen, edlen Weiblichkeit ganz 
Und voll in das Leben eintrat, daß sie sich des Beiohes be- 
mächtigte, welches ihr rechtmäßiges Eigen war, der Gemütswelt, 
aber ganz und gar, imd einzig nur dieser. Als Herrin über die 
Gemüter, als Pflegerin des Gemütes brachte sie die Poesie in 
das Leben und in die Kunst jenen hohen Schwung, jene oben 
angedeutete, schwärmerisch - ideale oder weibliche Richtung, die 
beim Beschauenden und Empfindenden wieder auf die Stimmung 
des Gemüts zurückwirkt."*) 

In diese Zeit fällt auch die Ausbildimg des Konventio- 
nellen in den Liebesbeziehungen zwischen den Geschlechtem, 
die nach bestimmten Vorschriften geregelt wurden. Seitdem galt 
z. B. das längere Alleinsein einer unverheirateten Frau mit einem 
Manne als unanständig und anstößig, welche Anschauung sich ja 
bis heute erhalten hat. Der gesellige Verkehr der Geschlechter 
beruhte auf der „Galanterie^' oder „Courtoisie'S dem feinem 
durch die Gesetze der Schönheit, des Anstandes und gesellschaft- 

s) Jacob Falke, Die ritterliche Gesellschaft im Zeitaltar 
des Frauenkultus, Berlin o. J., S. 49. 



183 

liehen Taktes geregelten Benehmen gegenüber den „Damen". In 
der Folge entwickelte sich darans jene übertriebene, wenig zart- 
fühlende, weil deutlich einen verächtlichen Beigeschmack ver- 
ratende moderne Galanterie, die die Frau allzu deutlich fühlen 
Iftfit, daß sie Vertreterin eines »^schwächeren", inferioren Oe- 
schlechts ist und keinerlei eigenen, individuellen, persönlichen 
Wert hat. Gegen diese moderne Galanterie haben denn auch 
geistig hochstehende Frauen stets Einsprach erhoben. Mante- 
gazza hat in seiner „Physiologie des Weibes" (Jena 1893, S. 442) 
die Heuchelei, die in dieser schlechten Art von Galanterie liegt, 
treffend charakterisiert. 

Die erste Ahnung der modernen individuellen Liebe finden 
wir bei Shakespeare, dem zwar die Liebe im allgemeinen 
noch eine „übermenschliche" Leidenschaft, etwas jenseits von Gut 
und Böse Liegendes ist, das den Menschen wider Willen ergreift, 
der aber bereits die romantisch-ideale Liebe seiner Zeit in höchst 
individuell erfaßten Frauengestalten, einer Ophelia, Miranda, 
Julia, Desdemona, Virginia, Imogen, Cordelia verkörpert hat und 
in Kleopatra die dämonisch-bacchantischen Züge der Frauenliebe 
schildert In Julia, die „nichts als Unschuld sieht in inn'ger 
Liebe Tun", ist die leidenschaftliche Begung des ursprünglichen 
Naturtriebes und das erste Erwachen des Weibes als Persönlich- 
keit vollendet dargestellt. 

Die falsche Galanterie in Verbindung mit dem konventio- 
nellen Anstände, beides in höchstem Maße an den Höfen Lud- 
wig XIV. imd Ludwigs XV. ausgebildet, brachte die Liebe 
in Hegeln und vertrug sich sehr gut mit leichtfertigstem epiku- 
räischem Genußleben, freilich auf Kosten der tiefinnerlichen, 
natürlichen Empfindung, an deren Stelle die bloße Liebelei und 
Koketterie traten. Auch hier schimmert die Verachtung des Weibes 
deutlich durch. Besonders im Hinblick auf diese Zeit hat man 
behauptet, daß die modernen Franzosen das Göttliche in weib- 
lichen Naturen nie geahnt, begriffen und anerkannt haben. Doch 
^derspricht das Liebesleben der berühmten Heldinnen des Salons, 
einer Du Deffand, Lespinasse, Du Chatelet, Qui- 
nault und vor allem der berühmten Ninon de l'Enclos^ 



•) In ihren Briefen (Briefe der Ninon de Lenolos. Mit 
10 Radierungen von Karl Walser, Berlin 1906) haben sowohl 
die tieferen seelischen Beziehungen der Liebe wie die mondäne Liebe 
das 17. und 18. Jahrhimderts eine klassische Darstellung gefonden. 



1B4 

einer Verallgemeineruiig dieser Anffaasuhg^ und dar Abbi 
Prevost hat mit seiner unsterblichen „Manon Lescant" den 
Beweis geliefert, daß auch damals der durch nichts zu er- 
schütternde Glaube an das Weib, wie ihn der unglückliche 
Chevalier Desgrieux in der Ehre und Lebensglück opfernden Liebe 
zvL einer Gefallenen bekundet, wenigstens als Ideal vorhanden war. 

Gerade in Frankreich sollte die höhere individuelle Liebe 
eine neue geistige Bereicherung erfahren. Bousseaus „Julie" 
erscheint am Horizont des Liebeshimmels. Und ganz im Hinter- 
grunde zeigt sidi schon der von ihr so stark beeinflußte deutsche 
„Ayerther'^ Das Naturgefühl auf der einen, die Sentimen- 
talität auf der anderen Seite sind die neuen Elemente in der 
Liebe der Heloisen- und Wertherzeit. 

Li der „Nouvelle Heloise" Rousseaus wurde leidenschaft- 
liche Liebe und vollkommene Hingebung gezeichnet ohne das 
Baffinement und ohne die Buhlerei und Leichtfertigkeit, von 
welcher die Literatur der Zeit erfüllt war. Es wardie Liebe 
in größerem Stile, als man sie zu sehen gewöhnt war. Da- 
durch bezeichnet das Budi einen Wendepunkt in der Literatur. 
Daß die Liebe ein ernstes Ding ist, daß sie la grande affaire 
de notre vie werden kann, ist vielleicht niemals tiefer und ein- 
gehender als in dem Charakter Juliens gezeigt worden. Li der 
Behauptung der Reinheit des Liebesverhältnisses, wenn die 
Stimme der Natur sich wirklich in ihm hören läßt, spricht 
Rousseau über ein Hauptthema seines eigenen Lebens. 

„Ist nicht die wahre Liebe" — fragt Julie — „das keuscheste 
aller Bande? . . . Ist nicht die Liebe in sich selbst der reinste 
sowohl als der herrlichste Trieb unserer Natur? — Verschmäht 
sie nicht die niedrigen und kriechenden Seelen, um nur die 
großen und starken Seelen zu begeistern? Und veredelt sie nicht 
alle Gefühle, verdoppelt sie nicht unser Wesen und erhebt uns 
über uns selbst?" — Im Gegensatze zu den sozialen Ungleich- 
heiten deutet das Liebesverhältnis auf ein höheres Gesetz hin, 
das alle gleich macht."^) 

Die Liebe des Rousseau ist eben nichts Soziales, kein 
Produkt der Kultur, sondern ein Gebilde der Natur, eins mit 



7) Vgl. Harald Uöffding, Rousseau und seine Philosophie^ 
Stuttgart 1897, S. 86, 89. 



18S 

ihr. Naturgefühl und Liebesgefühl sind aufs innigste 
miteinander verknüpft. 

Und er betrachtet beide, Natur imd Liebe, empfindsam.! 
Die „sensibilite de Täme'^ findet in der Natur und in der Liebe 1 
Gegenstände herrlichster Verzückungen, süßester Schmerzen, 
heißester Tränen. 

„Aus den mit schmerzlicher Wonne gehegten Empfindungen, 
die der Anblick der Natur, der Schönheit oder dessen, was man 
damals eine schöne Handlung nannte, ihm erregte, wob er den 
Schleier der Empfindsamkeit, mit welchem er die Gebilde seiner 
Phantasie verklärend lungab. Unaufhörlich auf sich zurück- 
kehrend, in dem von gekränkter Freundschaft, nicht erhörter Liebe 
wunden Herzen wühlend, seine Wünsche und Enttäuschungen, 
Fähigkeiten und Unzulänglichkeiten selbstquälerisch zergliedernd, ^ 
ward er einer der ersten Verkünder des Weltschmerzes, des 1 
Schmerzes der Werther und Eene, dem Byron und Heine dann | 
noch die Selbstverspottung hinzufügten."^) 

Die Sentimentalität des 18. Jahrhimderts ist, wie ich ausführ- 
lich in meinem Pseudonymen Werke über „Das Geschlechtsleben 
in England" (Berlin 1903, Bd. 11, S. 95—107) dargelegt habe, 
zuerst in England aufgekommen, wo sie durch die Bomane von 
Bichardson tmd Sterne und durch die Gartenbaukunst ihren 
bezeichnendsten Ausdruck fand, um aber erst durch Bousseau 
und Goethe recht eigentlich in die Wirklichkeit des Lebens 
überführt zu werden. 

Denn die Gteschichte Juliens, die Geschichte Werthers, das 
wurde die Geschichte aller glücklich oder unglücklich liebenden 
Mädchen und Jüngliage der Zeit. Jede hatte ihren Saiat-Freux, 
jeder seine Lotte. 

Die tiefe Wirkung Bousseaus, besonders auf die Frauen, 
hat H. Buffenoir in einer formvollendeten Studie^) ge- 
schildert« die Bedeutung, die der „Werther" für das Gemütsleben 
der Zeit hatte, hat Erich Schmidt in einer berühmten 
Monographie^^) mit feinstem Verständnis dargelegt. 



•) Emil Du Bois -Reymond, rriedrich II. und Jean- 
Jaoques Rousseau in: Reden. Erste Folge. Leipzig 1886, S. 366 — 367. 

*) II. Bnffenoir, Jean-Jacques Rousseau et les femmes. 
Fans 1891. 

^*) Erich Schmidt, Richardson, Rousseau und Goethe. 
Jeoa 1875. 



186 

Er weist nach, daß NatiirgefüliI und Sentimentalität in 
Goethes „Werther" weit tiefer empfunden sind als in Bons- 
8 e a u s „Neuer Heloise'^ Goethe selbst sagt in „Wahrheit und 
Dichtung" über dieses poetische, verständnisvoll innige und lieber 
volle Versenken in die Natur: „Ich suchte mich innerlidi von 
allem Fremden zu entbinden, das Aeußere liebevoll zu betrachten 
und alle Wesen, vom menschlichen an, so tief hinab als sie nur 
faßlich sein könnten, jedes in seiner Art auf mich wirken za 
lassen. Dadurch entstand eine wundersame Verwandtschaft mit 
den einzelnen Gegenständen der Natur, und ein inniges An- 
klingen, ein Mitstimmen ins Ganze, so daß ein jeder Wechsel, 
es sei der Ortschaften und Gegenden, oder, der Tages- imd Jahres* 
Zeiten, oder was sonst sich ereignen konnte, mich aufs innigste 
berührte. Der malerische Blick gesellte sich zu dem dichterischen, 
die schöne ländliche, durch den freundlichen Fluß belebte Land- 
schaft vermehrte meine Neigung zur Einsamkeit imd begünstigte 
meine stillen, nach allen Seiten hin sich ausbreitenden Betrach- 
tungen." 

Werthers Naturgefühl steht in innigster Beziehung zu seiner 
Liebesleidenschaft. Beide harmonieren miteinander, beeinflussen 
sich gegenseitig. Die Natur ist ihm eine zweite Geliebte. Ihre 
Jugend, ihr Frühling auch Jugend imd Frühling seiner Liebe. 

In der eigentümlichen Verknüpfung von Liebe, Naturgefühl 
und Sentimentalität, wie sie die Julie- Wertherzeit charakterisiert, 
liegen die ersten Anfänge des „Weltschmerzes" mit seiner 
erotisch bedeutsamen „Wonne des Leids". Die folgenden Worte 
in Goethes „Stella" scheinen mir schon Weltschmerz und Erotik 
in deutliche Beziehung zueinander zu bringen. Stella sagt von 
den Männern: 

„Sie machen uns glücklich und elend 1 Mit Ahnungen von 
Seligkeit erfüllen sie unser HerzI Welche neue, unbekannte 
Gefühle und Hoffnungen schwellen unsere Seele, wenn ihre 
stürmende Leidenschaft sich jeder unsrer Nerven mitteilt I Wie 
oft hat alles an mir gezittert imd geklungen, wenn er in 
unbändigen Tränen die Leiden einer Welt an 
meinen Busen hinströmte! Ich bat ihn um Gottes willen, 
sich zu schonenl — michl — Vergebensl — Bis ins innerste 
Mark fachte er mir die Flammen, die ihn durch- 
wühlten. Und so ward das Mädchen vom Kopf bis zu den 
Sohlen ganz Herz, ganz Gefühl." 



187 

Hier wird bereits deutlich das erotische Element im Seelen- 1 
schmerz« geschildert und die merkwürdige Steigerung der! 
Leidenschaft durch Leid, Tränen imd tiefes Empfinden des Welt-|, 
Übels hervorgehoben. Dieser Weltschmerz facht die erotische 
Glut an, steigert die Liebe und löst schließlich doch ein eigen-: 
tümliches Kraftgefühl aus, ja er ist am häufigsten in der ersten \| 
Blüte des Lebens, den Jahren der Pubertät, wodurch sich eben- | 
falls sein Zusammenhang mit der Sexualität aufs deutlichste ^ 
bekundet. Der berühmte Psychiater Mendel hat diesen beinahe 
physiologischen Weltschmerz der Pubertätszeit als „Hypo- 
melancholie" beschrieben. Eine unbestimmte leidenschaftliche 
Sehnsucht, die Trost in Tränen sucht, eine nicht unbedenkliche 
Neigung zum Selbstmord — für den Werther das klassische Vor- 
bild ist — charakterisieren diesen Zustand, der mit der gesamten 
Bevolutionierung des Seelen- imd Gemütslebens durch das Ge- 
schlechtliche zusammenhängt. Der Weltschmerz der Jugend ist 
latentes sexuelles Kraftgefühl. 

Wie Naturgefühl und Liebe sich zu weltschmerzlichen Emp-i 
findungen verbinden, haben Byron und Heine am schönsten | 
in ihren Poesien zum Ausdruck gebracht. Ganz besonders deut- 
lich schildert Heine es auch in einem Briefe an Friedrich 
M er ekel (aus Nordemey vom 4. August 1826), wo er eine 
nächtliche Szene mit einer schönen Frau am Meeresstrande be- 
schreibt: 

, J)as Meer erscheint nicht mehr so romantisch, wie sonst. — 
Dnd dennoch hab' ich an seinem Strande des süßeste, mystisch 
lieblichste Ereignis erlebt, das jemals einen Poeten begeistern 
konnte. Der Mond schien mir zeigen zu wollen, daß in dieser 
Welt noch Herrlichkeit für mich vorhanden. — Wir sprachen 
kein Wort — es war nur ein langer, tiefer Blick, der Mond 
machte die Musik dazu — im Vorbeigehen faßte ich ihre Hand, 
und ich fühlte den geheimen Druck derselben — meine Seele 
zitterte und glühte. — Ich hab' nachher geweint.*' 

Wie verschieden diese Tränen von der ungeheuren Tränenflut 
in Millers „Siegwart" und anderen ähnlichen Produkten der 
Wertherepoche, die mit ihrer schwächlichen Sentimentalität, der 
rOhrseligen »»Empfindsamkeit" nichts mit dem viel natürlicheren, 
weU im Grunde physiologisch bedingten Goethe-Heineschen 
Weltschmerze zu tun haben. 

Auch in der modernen Liebe lebt der Weltschmerz weiter. I 



188 

Nur hat er durch die pessünistische Philosophie gewissermaßen 
eine reale Grundlage empfangen. Und doch hat uns ein 
Nietzsche die verborgene Kraft gezeigt, die in dieser Wonne 
des Leids liegt. Gerade aus den Schmerzen der Welt heraus 
bejaht er freudig das Leben und die Liebe. Wer einst die psycho- 
logisch so interessante Geschichte des Weltschmerzes schreiben 
wird, darf an Nietzsche als einem bedeutsamen Wendepunkte 
derselben nicht vorbeigehen. 

Die kraftgenialische Leidenschaft, der Ueberschuß an Lebens- 
energie in der „Sturm- imd Drang"- Epoche der deutschen Literatur 
vertrug sich sehr wohl mit jenem echten, ursprünglichen Welt- 
schmerze. Bousseaus mehr unbestimmte Empfindsamkeit hatte 
dagegen einen größeren Einfluß auf die Gefühlsweise der 
Bomantik, die mit ihm mehr Verwandtschaft zeigt als mit 
Goethe. 

Die romantische Liebe faßt gleichsam die Gefühls^ 
demente der vorangegangenen Epochen in einem gesteigerten 
Subjektivismus zusammen. Nicht bloß die Natur, auch die 
Geschichte, die Märchen, Sagen tmd Poesien tmd wimderbaren 
Geheimnisse der Vorzeit spiegeln sich wieder in der romantischen 
Liebe und erwecken seltsame Träume und Emotionen. Die 
„mondbeglänzte Zaubemacht" ist weit mehr als bloßes Natur- 
empfinden, es ist die Ahnung eines Zusammenhanges mit der 
Vergangenheit tmd ihrem heimlich süßen Märchengrauen. Fou- 
ques „Undine" ist das klassische Paradigma hierfür. Die 
romantische Liebe schwelgt in diesen Wunderstimmungen des 
Herzens, die Wirklichkeit wird ihr zum Traum. Das Dunkle, 
Eätselhafte zieht den Bomantiker an. Deshalb liebt er auch 
Nacht und Nachtstimmung der Natur mehr als das helle Tages- 
licht, die Mondscheinschwärmerei ist ein charakteristi- 
scher Zug romantischer Liebe. Alles verfließt im Unbestimmten, 
Nebelhaften, Grenzenlosen. Diese Liebe kennt keine Beschränkung 
und Einengung, keine Fesseln, sie ist die geschworene Feindin 
der konventionellen, engherzigen Philistermoral und aller Be- 
schränkung der Persönlichkeit. In Friedrich Schlegels 
„Lucinde^S diesem berühmtesten Denkmal romantischer Liebe, 
wird dieser Kampf gegen das Philistertum als größten Feind 
eines freien, edlen Liebeslebens mit Energie geführt. Es ist ganz 
falsch, wenn man die „Lucinde" als einen Boman der tendenzioson 
Nacktheit, als Poesie des Fleisches bezeichnet. Gbwiß predigt 



189 

•ie die fieiei natürlicHe Auf fawaDg tmd Empfmdtmg des Nackten 
und OeschlechÜichen tmd ist ein herrlicher Protest gegen die 
künstlich-heuchlerische Trennung von Leib und Seele in der Liebe. 
Aber auf der anderen Seite schließt sie auch den ganzen Beich- 
tum des Gefühls- und Seelenlebens in der Liebe auf und seine 
Bedeutung für den einzelnen Menschen als freie Persön- 
lichkeit. 

Mehr als Bousseaus „Julie" und Goethes „Werther'' 
ist Friedrich Schlegels „Lucinde'' die Apotheose der 
Individualliebe. Die romantische Liebe ist der Spiegel der Persön- 
lichkeit, ist veränderlich, von höchstem geistigen Gehalte erfüllt 
und vor allem entwicklungsfähig wie diese. Meisterhaft 
hat Schlegel den tiefen Zusammenhang der echten Liebe mit 
aller Lebenaenergie dargestellt. Die „Grenialität" der Liebe ist 
niemals wieder so geschildert worden. 

^y^ier ist/' sagt Karl Gutzkow, „von keiner Raffinerie 
die Bede, sondern von der Sehnsucht eioes Jünglings, der liebt, 
aber das Eine, ewig und einzig Geliebte in vielen Grestalten sehen 
will, in den Metamorphosen seines eignen Ichs, der sich sehnt,! 
Egoismus und Liebe zu versöhnen." 

Schleiermacher, in seinen „Vertrauten Briefen über die 
Lucinde", Gutzkow in der Vorrede zur Neuausgabe dieser 
Schrift und neuerdings H. Meyer-Benf ey^^) haben uns über 
die wahre Bedeutung der „Lucinde" Aufschlüsse gegeben, die 
sich ungefähr mit imserer Aufasstmg decken. 

Noch ein Neues in der romantischen Liebe muß hier erwähnt 
werden, das seitdem in der Geschichte der modernen Erotik eine 
große Bolle gespielt hat. Es ist das „l'art pour Tart" der Liebe, 
das Schwelgen in bloßen Stimmungen und Emotionen als Mittel 
des Genusses. Das Emotionelle überwuchert nicht selten das 
natürliche Liebesgefühl. Jean Paul z. B. „stellt in Beinkultur 
die Erotik dar, die niemals Menschen liebt, sondern nur aus ihnen 
Funken schlägt, das eigene Innere zu illuminieren und in Glanz 
und Bausch den eigenen Gefühlen strahlende Feste zu geben, 
bei denen auch ein Menschenopfer nicht verschmäht werden würde. 
Er gibt das Muster jener Künstlerliebe, die vampyrisch die Seelen 



") H. Meyer-Benfey, Lucinde in: Mutterschutz, Zeit- 
fcSuift züT Beform der sexuellen Ethik. Herausgegeben von Dr. He- 
lene Stoecker. X906, Heft 6, S. 173—192. 



190 



derer, die sich ihr geben, trinkt, die nur den Stoff xa 

in den ihr dargebotenen Herzen sieht und in ihrem wannen Blut 

nur berauschenden stimulierenden Trank.^'^) 

Dieses bloße Suchen eigener Geflihlserregungen durch die 
Liebe ohne Bücksicht auf den Partner wird besondero in Jean 
Pauls „Titan*' dargestellt. 

Vor den Gefahren dieser rein artistisch-emotionellen Liebe 
hat schon Wackenroder in den „Phantasien über die EunsV' 
gewarnt. KarlJoel hat neuerdings sehr anschaulich geschildert, 
wie zuletzt die Romantiker alle Lebensverhältnisse in die 
Emotionen der Liebe auflösten.^') Dies Bestreben mußte schließ- 
lich auf eine Mystik hinauslaufen, deren typischer Bepräsentant 
Novalis ist. 

Es ist sehr interessant, daß alle die verschiedenen Elemente 
der romantischen Liebe sich auch in der heutigen Benaissance 
der Bomantik nachweisen lassen. Li seinem schönen Bache über 
Nietzsche und die Bomantik hat Karl Joel diese romantischen 
Elemente der modernen Liebe nachgewiesen, und vor allem den 
tiefen Zusammenhang betont, den die Philosophie Nietzsches 
mit der Kampfesfreude und Lebensenergie der Bomantiker hatw 
Beide siad die Apostel des Dionysischen, nicht des Apollinischen.^^) 

Das ist auch der Unterschied, der die „romantische" Liebe 
von der „klassischen" scheidet, welchen Unterschied und 
welche Bezeichnung ich zuerst in Theodor Mundts Novelle 
„Madeion oder die Bomantiker in Paris" (Leipzig 1832) hervor- 
gehoben finde. 

Die interessante Stelle (S. 9 — 12) lautet: 

„Ich behaupte demnach, daß, wenn es eine romantische tind 
klassische Poesie geben kann, es auch eine romantische und 
klassische Liebe gibt, und gestehe, nur durch dies zwiefache 
Wesen der Liebe jenen Gegensatz in der Poesie ahnen und fassen 
zu können . . . 

Diese wilde und doch so süße Unruhe des Herzens» in der 
die Liebe zu ihr bestand, dies Entzücken und Schw&rmen der 



^) Felix Poppenberg, Jean Paul Friedrich RichtexB 
Liebe und Ehestand in: Bibelots, Leipzig 1904, S. 214. 

^*) Karl Joel, Nietzsche und die Eomantik, Jena und Leipsig 
1905, S. 13—16. 

^) ^g^- dazu Helene Stöcker, Nietzsche und die Romantik 
in: Kölnische Zeitung No. 1127 yom 29. Okt. 1905. 



191 



erregten Phantasie, die, vom Beiz der Geliebten hingerLasen, in 
allen sinnlicben Träumen einea "wonnevollen Erdenglücks sich 
berauschte, und gleich der Blumenknospe, in der ein brennender 
Sonnenstrahl den Trieb zum Blühen anf einmal erweckt hat, 
in Lnst und Sehnsucht des sinnlichen Dranges aufging; alle diese 
Tränen und Seufzer der verliebten Schmerzen und Freuden, dies 
Liebesglück und Liebeselend zu gleicher 2ieit, diese stemen- 
flammenden Nachtstücke der Leidenschaft, auf die nach umher- 
irrender, trunkener Schwärmerei ein taukalter, nüchterner Morgen 
folgte, alles dies, mein Freund, war eine romantische Liebe... 

Und soll ich dir nun auch die klassische Liebe be- 
schreiben? . . . Olaube mir, daß es Gesichter gibt, die uns schon 
beim ersten Anblick so vertraut und verwandtschaftlich anziehen, 
als wenn wir jahrelang Liebe bittend und Liebe empfangend mit 
ihnen in Sympathie gestanden hätten. Aus diesem Mädchengesichte 
wehte mich so plötzlich ein Friede an, den ich noch nie in meinem 
Leben empfunden habe, und diese sanften Gefühle, die mich zu 
ihr ziehen, möchte ich die wahre Liebe nennen tmd das wahre 
Glück. In ihren lieben Augen glüht kein verführerisches Feuer, 
kein abstoßender Stolz unserer romantischen Madeion, bei der 
einfach schönen Deutschen ist alles klar und wahr, aus ihren 
milden Zügen spricht ihre milde Seele, und alles, wonach ich 
mich in leidenschaftlich verirrten Stunden meines Lebens gesehnt 
habe, ein stillbegrenztes, gediegenes Glück des Daseins schien 
mir aus ihren blauen treuen Augen, als ich nur das erste Mal 
hineinblickte, entgegenzuwinken. Mein Freund, ist das nicht 
die Klassizität der Liebe?'' 

Es ist das apollinisch-platonische Element der modernen Liebe, 
welches Theodor Mundt hier als „klassische'' Liebe bezeichnet 
und gewiß mit Unrecht über die romantische Liebe, diesen Aus- 
druck des modernen Subjektivismus und Individualismus, stellt. 
Jene klassische Liebe fand in Goethes „Tasso" ihre vollendetste 
Darstellung. Eier wird die Liebe aufgefaßt als „Besitz, der 
ruhig machen soll", das geliebte Wesen wirkt wie ein „schön 
verklärtes" Bild. Der platonische Eros ist, wie Kuno Fischer 
sagt, in der Welt des (Joetheschen Tasso Mode. Liebe ist hier 
ruhige, reine Anschauung des Schönen in tmd mit der Geliebten. 

Gretchen und Helena im „Faust" verkörpern recht anschau- 
lich die (Gegensätze der romantischen und klassischen Liebe. 
Vereinigt sind diese Gegensätze in Wilhelm Heinsea 



19S 

berühmtem „Ardinghello'S diesem uns heute 00 modern anmutenden 
Boman. Hier wird der dionysisch-faustische Drang des liebenden 
Individuums wie die apollinisch-künstlerische Betrachtung der 
Geliebten mit gleicher Meisterschaft geschildert. 

Heinse war in bezug auf die Liebe das Vorbild des 
„Jungen Deutschlands'^ Und das junge Deutschland 
sind wir. 

Denn alle Probleme des LiebeslebenSi die heute die Geister 
beschäftigen, sind schon von den Schriftstellern des jungen 
Deutschlands zur öffentlichen Diskussion gestellt worden. In der 
jungdeutschen Liebesphilosophie kommen sowohl die „Bitter vom 
Geiste" als auch die ,3itter vom Fleische" zu ihrem vollen 
Bechte. Nur Ignoranten können die sogenannte „Emanzipation 
des Fleisches", die Apotheose lüsterner Sinnlichkeit als das einzige 
charakteristische Merkmal der Bestrebungen und Kampfe dieser 
Zeit hinstellen. Nein, gerade wer die moderne Liebe in allen 
ihren seelischen Aeußerungen und Beziehungen kennen lernen 
will, der lese die Schriften des jungen Deutschlands, besonders 
die Werke von Laube, Gutzkow, Mundt und Heine, 
der zum jungen Deutschland innigere Beziehungen hat als zur 
Bomantik. 

Besonders Gutzkow, für mich der größte und umfassendste 
Geist der jimgdeutschen Literatur, ja der neueren deutschen 
Literatur überhaupt,^^) ist an keinem Batsei und Problem modemer 
Erotik vorbeigegangen, er ist der beste Frauenkenner des 
19. Jahrhunderts. Wie reizvoll und bei aller Mannigfaltigkeit 
wie wahr sind seine Mädchengestalten 1 Die auf weißem Zelter 
stolz dahinsprengende Wally, äußerlich ein Bild der Schönheit, 
innerlich aber vom Dämon des Zweifels gequält, wie so manche 



^) Vorlanfig teilen dieses auf genaue Lektüre sämtlicher Werke 
Gutzkows sich gründende Urteil erst wenige lebende Zeit* 
genossen. Ich berufe mich aber mit Genugtuung auf die Pro- 
phezeiimg des verstorbenen Dramatikers Feodor WehL Er sagt 
▼on Gutzkow: „Seine literariscbe Erscheinung wird waclisen mit 
der Zeit. Nach langen, langen Jahren werden aus der Literatur 
unserer Tage zwei Charakterköpfe emporragen, ein lachender und ein 
ernst imd trübe blickender: der Kopf Heinrich Heines und der von 
Karl Gutzkow: Poesie und Prosa von 1830 bis 18G0." F. Wehl, 
Zeit und Menschen. Tagebuch-Aufzeichnungen aus den Jahren von 
1863 bis 1884. Altona 1889, Bd. I, S. 279. 



193 

moderne emanzipierte Frau, die wunderbare trätunerische, über 
sich selbst und ihre Liebe unklare Seraphine, von der der Dichter 
später selbst zugestand, daß sie nach der Wirklichkeit gebildet 
worden sei,**) die hoheitsvolle ideale „Wellenbraut" Idaline, eine 
typische Figur des konventionellen Highlife, die aber dennoch 
in plötzlicher Auflehnung gegen diesen Konventionalismus ihr 
ganzes Wesen einer Liebe des Zufalls, des Augenblicks hingibt,*^) 
die sie ihrem Bräutigam und späteren Gatten entfremdet und 
in den Tod treibt, dann alle die glänzenden Frauengestalten in 
dem großen Zeitromane „Die Ritter vom Geiste", die Melanie, 
Helene, Selma, Pauline, Olga — sie alle sind Gestalten der Wirk- 
lichkeit« in ihrem Seelen- und Herzensleben so verschieden und 
doch lebenswahr, besonders aber in ihren so mannigfaltigen, 
differenzierten Beziehungen zu Männern echt moderne Frauen. 

Gutzkow war auch der erste, der das moderne Weib 
und die Probleme der modernen Liebe, lange vor den Franzosen 
und vor Ibsen, auf die Bühne brachte. 

Er machte, wie Karl Frenzel schon 1864 bemerkte, die 
Bühne zum Kampfplatz der modernen G^anken. Die inneren 
Gegensätze des Lebens, das psychologische Problem des Herzens 
wagte er zuerst dramatisch zu gestalten. 

„Wir alle empfanden die Wunden, welche „die AVeit" WerLer 
schlug, wii* alle irrten einmal von dem stillen Veilchen Agathe 
zu der glänzenden Ro^ Sidonie hinüber, wie Ottfried, auch in 
uns kämpfte die Liebe des Herzens mit der des Geistes. Wer 
wollte sich für so bettelarm erklären, daß er nie in diesen 
Gefühlen geschwelgt, gelebt and gelitten? Welche Frau hätte, 
wenigstens in der Phantasie, nicht einen Augenblick wie Ella 
Böse zwischen dem Geliebten tmd dem Gatten geschwankt ? Solche 
Gestalten tragen den Kern der Wahrheit in sich und verlieren 
ihren hohen Wert nicht, weil vielleicht ihre Grewänder sie nicht 
harmonisch genug drapieren. Sie rühren uns, denn wir erkennen 
in ihnen unser Fleisch und Blut, auch sie erfüllen, so weit die 
Form des gesellschaftlichen Dramas es gestattet, Shakespeares 



^*) Karl Gutzkow, Rückblicke auf mein Leben, Berlin 1875, 
8. 18. 

»») „O, die Zeit der Liebe ist das Alter nicht, nicht die Jugend: 
die Zeit der Liebe ist der Augenblick", läßt Gutzkow auch 
Beate am Schlüsse des Schauspiels „Ein weißes Blatt" sagen. 

n 1 o e b , Sexualleben. 2. u. S, Auflage. \ 3 

(9.^ia Tausend.) 



[ 



194 

Wort von der dramatischeii Kirnst; sie halten der Natur den 
Spiegel vor. In seinen Schauspielen: ^yWemer'S „Ottfried'S «»Ella 
Böse'' zeichnet Gutzkow in meisterhafter Ausführung das innere 
Leben der 2ieit, in ihnen waltet der Flügelschlag der Seelen» 
die in Schmerzen, wie diese Tage es wollen, nach der Schönheit 
tind der Freiheit trachten."^*) 

Von allen jungdeutschen Schriftstellern hat Gutzkow am 
besten das große Problem der Probleme in der Liebe begriffen: 
das Problem der Persönlichkeit. Li der schmerzlichen Frage 
an Helene d'Azimont in den „Bittem vom Geiste'*: 

Ist es denn dein innerstes Bedürfen, 
Andern alles, nichts dir selbst zu sein? 
Nichts der Frauen höchstem Liebosruhme, 
Nichts, Helene, dem Entsagungsschmerz? 

wird dieses imveräußerliche Becht auf Bewahrung imd Entwick- 
lung der eigenen Persönlichkeit trotz aller Hingebung und Opfer^ 
fähigkeit leidenschaftlicher Liebe mit Nachdruck hervorgehoben. 
Es ist ja der eigentliche Kernpunkt aller höheren, individuellen 
Liebe zwischen Mann und Weib. 

Man hat Gutzkow, wobei man ausschließlich die rein 
symbolische Nuditätsszene in der „Wally'' im Auge hatte, aber 
auch den anderen jungdeutschen Schriftstellern, wie Laube (im 
„Jungen Europa"), Theodor Mundt (in der „Madonna"), 
Wienbarg (in den „Aesthetischen Feldzügen"), Heine (in den 
„Neuen Gedichten") den Vorwurf gemacht, sie predigten die 
„Emanzipation des Fleisches". Mit Unrecht. Es ist nur die 
Poesie des Fleisches, der sie zu ihrem Bechte verhelfen wollten. 
Trotz seines enthusiastischen Lobeshymnus auf Casanova er- 
klärt Theodor Mundt in der „Madonna" die Trennung von 
Fleisch imd Geist für den „unsühnbaren Selbstmord des mensch- 
lichen Bewußtseins". 

Weit bedeutsamer und als das eigentliche charakteristische 
Merkmal für alle Schriftsteller des Jungen Deutschlands erscheint 
mir die Bolle, die hier zum ersten Male die Selbstanalyse 
und Beflexion in der Liebe spielt, sichtlich unter dem Ein- 
flüsse der Ausläufer der französischen Bomantik, wo wir dieser 



^B) E. Frenz el, Karl Gutzkow in: Büsten und Bilder, Haa* 
nover 1864, S. X77— 178, 



195 

Ersclieinung ebenfalls begegnen, in George Sands „Lelia", 
in Alfred de Mtissets ,,Confe6äion d'un enfant du siicle'S 
in Balzacs 9,Fran von dreißig Jahren", in welch letzterem 
BomaJi sich der Ausdruck findet: 

fj)ie Liebe nimmt die Farbe jedes Jahrhxinderts an. Jetzt,! 
im Jahre 1822, ist sie doktrinär. Anstatt sie wie ehedem durch ^ 
Taten zu beweisen, erörtert man sie, bespridit man sie, bringt 
man sie auf der Tribüne zur Sprache." 

Wie im Mittelalter die Idee der „Sünde" das 
zerstörende Prinzip für die Liebe war, so ist es 
für den modernen Kulturmenschen seit den Tagen 
des jungen Deutschlands diese kalte Selbst- 
bcspiegelung, diese kritische Analyse der eigenen 
leidenschaftlichen Empfindungen und Gefühle. 
Es ist der Wurm, der ständig an unserer Liebe frißt und die 
schönsten Blüten derselben vernichtet. Gutzkows „Wally, die 
Zweiflerin" und „Seraphine" sind die klassischen literarischen 
Dokumente für diese verderbliche Herrschaft des bloßen Gedankens 
in der Liebe. Bezeichnenderweise sind es in beiden Bomanen 
Frauen, die Leben und Liebe durch die Beflexion zerstören, 
während der Mann von jeher dieser Gefahr unterlag. ' Es ist das 
Schicksal moderner Frauen, individueller Persönlichkeiten, was 
hier geschildert wird und mit dem Momente eintritt, wo die 
Frau teilnimmt am Geistesleben des Mannes. Die kalte Dialektik 
Seraphinens, die, wie Gutzkow den einen ihrer Geliebten sagen 
läßt, die natürliche Ordnung des Mannes und Weibes umkehrt, 
ist eine notwendige Begleiterscheintmg der Liebe des zur freien 
Persönlichkeit reifenden Weibes, aber glücklicherweise eine vor- 
übergehende Erscheinxmg. Die vollentwickelte Persönlichkeit 
wird auch zur Ursprünglichkeit der Gefühle zurückkehren und 
keinen Zwiespalt, nichts „Zerrissenes" in sich dulden. Die ent- 
sprechenden Erscheinxmgen beim Manne haben Kierkegaard 
und Grillparzerin ihren Tagebüchern, klassischen Dokumenten 
der „Reflexionsliebe", geschildert. 

Die Liebe der Gegenwart enthält und nährt sich von allen | 
den geschilderten geistigen Elementen der Vergangenheit. Nament- 1 
lieh ist die Frage der sogenannten „f r e i e n L i e b e" oder „freien 
Ehe" ohne die gesetzlich bindenden Formen der Zivil- und 
Ivircbenehe heute der Ausdruck für alle Herzensbedürfnisse des 
höheren Kulturmensclicn, die durch den Materialismus und mehr 

13* 



196 

noch durch den in tiberlebten Formen sich bewegenden Konven- 
tionalismus der Zeit niedergehalten, tmterdrückt und beschränkt 
werden. Das Problem der freien Liebe war in der „Lucinde'' 
zuerst formuliert worden, fand dann in der jungdeutschen 
Literatur, besonders den Schriften Laubes, Mundts und 
Dingelstedts seine theoretische Begründung und in der 
6oh6meliebe des zweiten Kaiserreichs seine praktische Verwirk- 
lichung, deren rein idyllischer Charakter imd Beschränkung 
auf die Kreise des dem dolce far niente obliegenden Studenten- 
und Ktinstlertums freilich nur sehr wenig dem Charakter der 
allerpersönlichsten, im vollen Lebenskampfe sich be- 
tätigenden freien Liebe entsprach, wie sie dem modernen 
Menschen als Ideal vorschwebt. 

Das zweite französische Kaiserreich, dessen Bedeutung für 
die geistigen Strömungen unserer 2ieit eine sehr große gewesen 
ist, ließ auch zwei andere schon früher charakterisierte Elemente 
der Liebe wieder besonders stark hervortreten, die ebenfalls 
noch in der Gegenwart nachwirken: das satanisch-diabo- 
lische Element der Erotik, das in den Schöpfungen der 
von den Schriften de Sades stark beeinflußten Barbey 
d'Aurevilly, Baudelaire und besonders des großen 
Felicien Rops den hervorstechendsten Ausdruck fand, und 
das rein artistische Element, wie es ebenfalls in den 
Schriften der beiden eben genannten Schriftsteller, am meisten 
aber bei Theophile Gautier sich findet. Dieses „junge 
Frankreich" (nach einem gleichnamigen liomane Gautiers) 
hat Liebesleben und Liebestheorie der Gegenwart beinahe ebenso 
stark beeinflußt wie das jimge Deutschland. 

Um dieselbe SSeit, in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts, 
brach sich in Deutschland die Schopenhauerische Philosophie 
Bahn und seine Metaphysik der Liebe, die dem Lddividuum 
nichts, der Gattung alles ließ, diese pessimistische Auf- 
fassung jeder Liebe fand ihren dichterischen Ausdruck in 
Eduard Grisebachs 1869 erschienenem „Neuen Tanh&uscr". 
Auch hier ist es ein großer Irrtum, diese erotischen Zeitgedichte 
wegen ihrer glühenden Sinnlichkeit als bloße Verherrlichungen 
der Fleischeslust zu kennzeichnen oder gar zu brandmarken. 
Der neue Tanhäuser war der Dichter selbst. Er wollte, wie er 
mir oft gesagt hat, ne1>en den lebensbejahenden auch die lebens- 
verneinenden Mächte in diesen Gedichten zu Worte kommen 



197 

lassen. Er sang Lust und L(?id, Ahnung und Enttäuschung der 
modernen Liebe. Ihm ist diese ganz tmd gar die Rose mit den 
Dornen. Daher ist das Motto der Dichtung ein Ausspruch des 
Meister Eckart: „Die Wollust der Kreaturen ist gemenget 
mit Bitterkeit", und das Thema der in verschiedenen Variationen 
vom Dichter ausgesprochene Gredanke: „Es gibt kein Glück 
ohne Beue". 

Aber deshalb — imd darin nähert er sich Nietzsche — 
wollte er trotzdem dieses schmerzerfüllte, in allem Tun die Beue 
mit sich führende Leben freudig bejahen. In diesem Sinne ist 
er kein reiner ausschließlicher Pessimist, sondern ein Apostel 
der Tat wie die Männer des jungen Deutschlands, in deren 
Spuren, besonders denen Heines, er wandelt. Das schöne Wort 
Laubes in den „Liebesbriefen" (Leipzig 1835, S. 29): „Wer 
von keinem tiefen Leide erschüttert wird, kennt auch keine tiefe 
Freude, kennt keinen Vers jener Schwärmerei, welche um den 
versagten Himmel buhlt, empfindet keine Art von Religion, ist 
keines Opfers, keine Größe fähig", paßt auch auf den „Neuen 
Tanhäuser", der die deutsche Jugend in den 70er und 80er Jahren 
des vorigen Jahrhunderts so mächtig bewegte. 

Wie nun in imserer durch die Problemdichtungen Ibsens, 
durch Zolas Naturalismus und den von ihm abhängigen 
französischen Symbolismus^*) stark beeinflußten Gegenwart die 
verschiedenen Liebesprobleme in der Literatur sich spiegeln, das 
soll in einem besonderen Kapitel über die Liebe in der heutigen 
Literatur später geschildert werden. 

Wir wollen in dem folgenden Kapitel nur noch ein Moment 
bebandeln, das in der Liebe und Erotik der Gegenwart ganz 
besonders hervortritt und eine große Bedeutung für die Indivi- 
dualisierung der Liebe besitzt. Es ist das künstlerische 
Element in der modernen Liebe. 



^0 -Auf diesen Zusammenhang von Naturalismus und Symbo- 
Hsmuj weist z. B. Heinrich Stümcke in einem geistreichen Essay 
liin (Zwischen den Garben, Leipzig 1899, S. 156). 



198 



NEUNTES KAPITEL. 

Das künstlerische Element in der modernen Liebe. 

Ich meine, die Liebe trage mehr als ein anderes sittliches Ver- 
hältnis den Sinnfür das Schöne in sich, und wenn irgend einmal 
ein schwerfalliges Herz anfängt seine Fittige zu regen und dem Ideale 
zustrebt, so ist es in der Zeit, wo es liebt. Ohne Zweifel, eine 
ästhetische Empfindung begleitet das Auge des Liebenden immer 
uud iu einem höheren Grade, als das nüchterne Aag^. 

Kuno Fischer. 



199 



Inhalt des nennten Kapitels. 

Veredelung nnd Beform des Liebeslebens als Zeitfordemng. — 
^^^Q^P^ gegen den Dämon des Triebes und der Askese. — Das künst« 
lerische Element in der modernen Liebe. — Erotischer Rhjthmotropis- 
mas. — Sexualität und Aesthetik. — Erwachen ästhetischer Empfin- 
dungen in der Pubertätszeit. — Bedeutung der Sinnlichkeit für Leben 
and Schaffenstrieb. — Beispiel der Annette von Droste-Hüls« 
hofl — Sinnlichkeit großer Dichter und Künstler. — Ansichten 
neuerer Aesthetiker über die Beziehungen zwischen Geschlechtsliebe 
and künstlerischem Empfinden« — Bolle des erotischen Dlusionsbe- 
dürfnisses im geselligen Leben. — Emerson, Konrad Lange 
and Wilhelm Soherer über die ästhetische ErotilE der Gesellig- 
keit. — Das befreiende und belebende Element darin. — Bedeutung 
der modernen individuellen Schönheit. — Die weiBe und die rote 
Rose. — Darstellung der „nervösen", charakteristischen Frauenschön- 
heit bei Lionardo, Heine und in Grisebachs „Tanhäuser in 
Rom". — Das präraphaelitische Schönheitsideal. — Die Mannesschön- 
heit. — Weshalb die Frauen häßliche Männer lieben. — Caroline 
Sohlegel, Goethe, Eduard v. Hartmann, Swedenborg 
darüber. — Die Anziehungskraft des Schöpferischen und Geistigen 
im Manne. 



200 



Wir befinden uns gegenwärtig, trotz aller gegenteiligen 
Behauptungen und Jeremiaden verblendeter Sittlichkeitsapostel, 
nicht in einer Periode des Niederganges und der Dekadenz in 
bezug auf das Liebesleben, sondern wir stehen bereits unmittelbar 
von einer Neuordnung und Kefonn desselben, im Sinne einer 
Veredelung. Alle Tendenzen der SJeit gehen auf eine solche 
radikale Vervollkommnung der Liebe, auf ihre freie, individuelle 
Gestaltung, nicht durch Entfesselung, sondern durch Idealisierung 
der Sinnlichkeit, welch letztere durch eine natürliche Auffassung 
alle Schrecken verlieren wird. Wir kämpfen zugleich wider den 
Dämon des wilden Triebes und den Dämon lebensverneinender 
Asketik. In diesem Kampfe spielt das künstlerische Element in 
der modernen Liebe eine bedeutsame Rolle. Damit meinen wir 
nicht das süßliche Aesthetentum, auch nicht den ganz unsinn- 
lichen platonischen Eros, sondern jenen Körperliches und Geistiges 
innig miteinander verknüpfenden ästhetischen Zug in der mensch- 
lichen Liebe, den W. Bölsche als „Rhy thmotropismus" 
bezeichnet. Es ist das „triebhaft zwangsweise Reagieren des 
höheren Tiergehims auf rhythmische Schönheit*S dem auch die 
Kunst ihren Ursprung verdankt. Dieser ästhetische Naturtrieb 
hat größte Bedeutung für die Liebe, wie schon Darwin er- 
kannt hat. Er sprach den. großen Gedanken aus, daß Schönheit 
wahrnehmbar gewordene Liebe sei. 

Das Geschlechtliche ist der ästhetischen Be- 
trachtung durchaus nicht feindlich, wie das ganz 
irrtümlich der unglückliche Weininger in dem konfusen 
Kapitel „Erotik und Aesthetik" seines Werkes behauptet. Kr 
spricht daher kurzweg der Sexualität jeden ästhetischen Wert 
ab. Und doch hat schon P.lato aus dem physischen Eros die 
höchste ästhetische Betrachtung geistiger Natur abgeleitet. Er 
ei.l deckte den Widerschein des Göttlichen in der Sinnonweli. 

Schon die b<'kannfe Tatsache, daß mit dem Erwachen des 



203 

deutung dieser imwägbaren leisen Einflüsse erotisch-ästhetischer 
Natur für unser Kulturleben sehr schön geschildert und Konr ad 
Lange führt in seinem „Wesen der Kunst'^ (Berlin 1901, Bd. II, 
S. 23) die Freude an der Geselligkeit überhaupt letzten Endes auf 
den G^cblechtstrieb zurück, wenn auch dabei die Sinnlichkeit 
durch die Illusion gemildert, in eine reinere Sphäre emporgehoben 
wird. Der erotische Grenuß wird zum „Liebesspiel" verflüchtigt, die 
Sinnlichkeit wird verfeinert, vergeistigt, entmaterialisiert. Gerade 
diese ästhetische Erotik gewinnt heutzutage eine immer größere 
Bedeutung für das Gemüts- und Gefühlsleben der im harten 
Sjunpfe ums Dasein ringenden Kulturmenschheit, der Zeit und 
Ruhe für die „große" Liebesleidenschaft fehlt. Für sie machen 
diese leichten Anregungen den eigentlichen Beiz des Lebens aus, 
sie bringen Licht und Farbe in die dunkle Monotonie desselben. 

In seinen feinsinnigen „Bemerkungen über Goethes Stella" 
hat Wilhelm S eher er diese erotische Aesthetik und ästhetische 
Erotik der Geselligkeit und des gesellschaftlichen Verkehrs ge- 
würdigt. Er spricht von einem Beize persönlicher Gegenwart, 
der alles Beste in zwei Menschen emporlockt, von einer enthusia- 
stischen, gänzlichen Hingebung des Geistes und Gemütes, in 
welcher die Seelen sich unauflöslich zu verschlingen scheinen, 
aber auch nur scheinen. Denn in Wahrheit ist es eine Hingebung 
auf Wochen, auf Tage, auf Minuten, auf Augenblicke und an 
verschiedene Personen. Diese häufigen individuellen rein seelischen 
Berührungen der beiden Geschlechter haben ganz den Charakter 
der ästhetischen Freude, einer Empfindung der Freiheit, der 
Befreiung auch von der Macht der Sinne. Wer kennt nicht das 
glückliche, befreiende Gefühl, das der Anblick einer schönen 
Mädcbengestalt, das Lächeln eines sympathischen Mensohen- 
antlitzes hervorraft? 

Diese ästhetische Anregung durch die Erotik hat femer etwas 
Belebendes, den Willen Anspornendes, weil auch ihre Ur- 
sache solch ein Element der Tat und Lebensenergie enthält. Die 
modernen Liebesideale der Geschlechter haben einen besonderen 
Zug. Die klassische Schönheit schlechthin gilt nichts ohne das 
Individuelle^ Persönliche, Charakteristische. Auch die Frau ist 
nicht mehr das stille Gretchen von ehedem. Sie soll Temperament, 
Gehalt, Leidenschaft haben, sie soll eine Persönlichkeit sein. 
Schon vor hundert Jahren sang der Dichter der „bezauberten 
Böse": 



204 

Wohl mancher mag die weiße Ros* erheben, 
Die still im Schoß den keuschen Frieden trägt, 
Ich werde stets den Preis der roten geben, 
Aus welcher hell des Gott^es - Flamme schlägt. 
So feuchten Glanz, solch glühend Liebesleben, 
So lauen Duft, der Sehnsucht weckt und hegt, 
Solch kämpfend Weh, verhüllt in tiefe Rote, 
Ich acht' es süß, ob's auch verzehr und töte. 

Auch wir lieben die rote liose, nicht die weiße. Die herr- 
liche Giooonda (Mona Lisa) des Lionardo, der Typus des 
echt modernen, individuellen Weibes, ist unser Ideal. Uns lockt 
mehr als das Schöne noch das Charakteristische, Gehaltvolle, 
Leidenschaftliche, Innerliche in der Frau, das, was man, einen 
falschen Nebenbegriff hineinlegend, „nervöse*^ Schönheit nennt. 
Die blasse Josepha aus Heines Knabenzeit ist ein Beispiel dafür, 
am besten aber hat Eduard Grisebach in seinem „Tan- 
häuser in Rom" diesen modernen Frauentypus geschildert: 

Sie war nicht schön wie die Venus von Enidos, 

Wie Aphrodite von Kos und Abydos, 

Die göttlich schuf an Asiens Strand 

Praxiteles* geweihte Hand, 

Unalternd, trotzend Tod und Zeit, 

In marmorner Unsterblichkeit; 

Sie war keine Göttin aus Hellas Gefild, 

Sie war ein lebendiges Menschenbild, 

Mit der Vergänglichkeit Reiz geschmückt, 

Nicht in griechischen Ton gedrückt. 

Die Göttin und ilire Steinbildsäule, 

In wandelloser Langeweile, 

Sonnen in ewigem Jugendglanz sich: 

Sie aber zählte siebenundzwanzig 

Nicht ohne Sturm verlebte Jahre. 

Hatte vielleicht schon ein paar graue Ihiarc . . . 

. . . Was sind Diamanten und Himmels tau 

Gegen ihr Auge, groß und blau, 

Unter lange, schattende Wimpern geflüchtet, 

Sie hatt' es noch niemals auf ihn gerichtet. 

Die Nase war keineswegs im Profile 

Mit der Stirn eine Linie nach griechischem Siilo, 

Sie war zum Glück durchaus nicht klein. 

Doch gerade, edelgeschwungon und fein . . . 

Verräterisch, glühender Leidenschaft Spiop^el, 

Zitterten ihre Nasenflüo^el, 

Leicht aufgebläht, und liorab von ihnen 

Fiirchon bis tiof zum Kinn orscluenon, 



205 

Die Wege, welche hier seit langem 

Verzehrende Passion gegangen. 

Ein üppiger Mund, so fest und fein 

Und nioht zu groß und nicht zu klein, 

Blutrote Lippen, voll und heiß, 

Und siehl wie Elfenbein so weiß 

Lacht aus dem hall^eöffneten Tor 

Der Zahne glänzende Eeihe hervor ... 

Sehr stark und mächtig war das Kinn . . . 

Ein holdes Grübchen lacht darin. 

Die Hand war klein und schmal, doch kleiner 

Als ihr himmlischer Fuß erschien ihm noch keiner . . 

Die Gestalt nicht voll, doch auch nicht zu schlank, 

Zur stürmisch war vielleicht ihr Gang. 

In ihrem „Buch der Frauen" (Paris und Leipzig 1895) hat 
Laura Marholm in den G^talten der Marie Basch- 
kirtzew, der Anna Charlotte Leffler, Eleonore 
Düse, George Egerton, Amalie Skram und Sonja 
Kowalewska solche ausgeprägten charakteristischen Typen 
der modernen Frau als Persönlichkeit geschildert. 

Diesem Zug zum Charakteristischen, Persönlichen in der Er- 
scheinung der Frau widerspricht einigermaßen die unter dem 
Einflüsse der englischen ,,Präraphaeliten", eines Burne Jones 
und Bossetti, aufgekommene Vorliebe für die gerade Linie, 
für schlanke, ätherische, allzu sehr vergeistigte, übersinnliche 
Formen, die nicht mehr die freie Persönlichkeit des reifen Voll- 
weibes zum Ausdruck bringen, sondern mehr dem kindlichen, 
asexuellen Habitus sich nähern. Hier handelt es sich aber nur 
um eine vorübergehende Zeitmode, die jenen oben charakterisierten 
allgemeinen Zug zum Persönlichen nicht beeinträchtigen kann. 

Dieses Persönliche, Individuelle hat beim Manne noch größere 
Bedeutung als die eigentliche Schönheit. Es ist bezeichnend, daß 
in der ganzen Kulturgeschichte die Männer immer mehr Ver- 
ständnis für die „MannesschönheiV' gehabt haben als die Frauen. 
Diese haben Kraft, Intelligenz, Willensenergie und ausgesprochene 
Individualität immer bevorzugt. Caroline Schlegel schreibt 
einmal in einem Briefe an Luise Gotter über Mirabeau: 
„Häßlich mag er gewesen sein, das sagt er selbst oft in den 
Briefen — doch hat ihn Sophie geliebt, denn Weiber lieben 
gewiß nicht vom Manne die Schönheit" (Carolines 
Bri*»fe, herausgegeben von 6. Waitz, Leipzig 1871, Bd. I, S. 93). 



206 

Diese Auffassung erklärt sowohl die Worte im zweiten Teil 
des Goethe sehen ,,Fatist": 

Fraaen, gewöhnt an Männerliebe, 
Wählerinnen sind sie nioht, 
Aber Kennerinnen; 
Und wie goldlockigen Hirten, 
Vielleicht schwarzborstigen Faunen, 
Wie es bringt die Gelegenheit, 
Ueber die schwellenden Glieder 
Voll erteilen sie gleiches Recht, 

als auch die Behauptung Eduard von Hartmanns (Philo- 
sophie des Unbewußten, Berlin 1874, S. 205), daß die stärksten 
Leidenschaften nicht durch die schönsten, sondern im Gegenteil 
gerade durch häßliche Individuen erweckt werden. Die Wirkung 
ausgesprochener Individualität ist eben bedeutend stärker als die 
der körperlichen Schönheit. Auch der Mystiker Swedenborg 
hat schon erklärt, daß das Weib beim Manne die Wahrheit, die 
geistige Bedeutung, nicht die Schönheit sucht.^) 

Hierin offenbart sich die Ahnung, daß die wahre Schönheit 
zuletzt doch nur die geistige ist, der Ausdruck der Willenskraft, 
der schöpferischen Tätigkeit und der freien Persönlichkeit. 



1) „Es ist nichts Seltenes," sagt Lermontoff in „Ein Held 
unsrer Zeit" , (Eeklamausgabe S. 102), „daß Frauen sich in solche 
Männer bis zum Wahnsinn verlieben, und daß sie die Häßlichkeit der- 
selben nicht mit der Schönheit eines Endymion vertauschen möchten.'* 



207 



ZEHNTES KAPITEL. 

Die sozialen Formen der sexuellen Beziehungen. 

Die Ehe. 

Der Zug nach Individualitat, wie er unserem Kultursystem als 
entscbeidendes und auszeichnendes Kennzeichen eigentümlich ist, ist 
in der monogamischen Eheform am glücklichsten ausgeprägt; denn 
hier vollzieht sich leise imd unmerklich die Herausarbeitung der 
Individualität auch auf der Seite der Frau. 

Ludwifl: Stein. 



208 



Inhalt des zebnton Kapitels. 

Die Streitfrage der geschlechtlichen FromiBkuitat. — Tataaohe 
ihrer Existenz. — Westermarcks verfehlte Kritik der Promis- 
kuitätslehre. — Fortdauer der Promiaktiitat bis eot Gegenwart. — 
Völkerkundliche Beweise dafür. — Die Forschungen von Friedrich 
S. Krauß. — Die Ehe ein künstliches Gebilde. — Die Gruppen- 
ehe. — £iDe Form beschränkter Promiflkuitat. — Verbreitung der 
Gruppenehe. — Zusammenhajig der Polyandrie mit der Gruppenehe. — 
Vielweiberei und Gruppenehe. — Weiberverleihen und Weibertausch. — 
Mutterrecht und Vaterrecht. — Fortschreiten von niederen zu höheren 
sozialen Formen der Geaohlechtsbeziehungen. — Uebergang vom Mutter- 
zum Vaterrecht. — Bildimg der vaterrechtlichen Familie. — Kftub- 
und Kaufehe. — Die Lichtseiten des Vaterrechts. — Vaterrechtliche 
Ehef ormen. — Polygamie und patriarchalische Familie. — Die Levirats- 
ehe. — Die monogamische Ehe. — Existenz einer fakultativen Poly- 
gamie neben der Monogamie. — Die konventionelle Ehelüge. — 
Hegels Definition der Ehe. — Kritik derselben. — Vereinigung 
der mutterrechtlichen und vaterrechtliohen Formen der (^esohlechta- 
beziehungen. — Neuerliches Erwachen des Mutterrechtsgedankens. — 
Umgestaltung der alten vaterrechtlichen Ehe zu freieren Formen. — 
Einführung der Zivilehe und der Ehescheidung. — Wichtigste Grund- 
lage für die Beform der Ehe. — Die doppelte GeschlechtAmoraL — 
Ursprung derselben. — Kritik derselben. — Verhältnis der Prosti- 
tution zur konventionellen Zwangsehe. — Notwendigkeit und Be- 
rechtigung freierer Eheformen. — Leckys AeuBerungen darüber. — 
Das römische Konkubinat und die morganatische Ehe. — Bedeutung 
des sakramentalen Charakters der Ehe. — Staatliche Sanktion einer 
freieren Eheform (Zivilehe, Mischehe Ehescheidung). — Liebes- 
psychologio und Eheproblem. — Veränderlichkeit der menschlichen 
Liebe. — Die Ewigkeitslüge. — Vergänglichkeit der Jugendliebe. — 
Gutzkow, Kierkegaard, R^tif de la Bretonne darüber. 
— Die Poesie der ersten Anfange in jeder Liebe. — Das sexuelle 
Variationsbedürfnis als anthropologisch-biologisches Phänomen. — Ein 
bloßes Erklaxungsprinzip, kein Ideal. — Seltenheit der „einzigen* 
Liebe. — Der Psychologe Stiedenroth darüber. — Möglichkeit 
gleichzeitiger Liebe zu mehreren Personen. — Erklärung dieser Tat- 
sache. — Beispiele dafür. — Schwierigkeit vollkommener Harmonie 
zwischen Mann und Frau. — Das Ideal der j^Einliebe**. — Schleier* 
m acher über die Notwendigkeit der Versuche in der Liebe. — 
Beispiel der Wilhelmine Schröder-Devrient und der 



-' • 209 

Karoline Sohelling. — ünzerstörbarkeit des Liebesbedürfnisses 
durch Enttäuschungen. — Gefahren der Gewohnheit. — Doppelte 
Rolle der Gewohnheit in der Ehe. — Gefahr des intimen Zusammen- 
lebens. — Das gemeinsame Schlafzinuner. — ungünstige Altersver« 
bältnisse der Ehegatten. — Zunahme der vorzeitigen Heiraten. — 
Zusammenhang mit dem vorzeitigen Erwachen der Sexualität. — 
Allzu großer Altersunterschied der Ehegatten. — Dadurch bedingte 
physiologische Disharmonien. — Hinausrücken des Heiratsalters durch 
die Kultur. — Abnahme der Ehen in den verschiedenen europaischen 
lindern. — Die ökonomischen Faktoren. — Die Geldehe ein Ueber- 
bleibsel früherer Zeiten. — Verflüchtigung des ökonomischen Hinter- 
grundes der Ehe durch die Kultur. — Ehe und Kornpreise. — Eolle 
der Geldehen in gewissen Standen. — Bedeutung der ökonomischen 
Faktoren für die Ehe. — Zusammenfassung der Ursachen für die 
Abnahme des „Heiratatriebes". — Die „eheliche Pflicht. ** — Berech- 
tigung und Mißbrauch derselben. — Die Banalität in der Ehe. — 
Krankheiten und Ehe. — Urteil eines Psychiaters über die Kaiami- 
taten der Ehe. — Aeußerungen einer Frau. — Schiller und Byron 
über Liebe und Ehe. — Ein Wort des Sokrates. — Die Ab- 
neigung gegen den Ehezwang. — Groi3e Zunahme der Ehescheidungen 
in den letzten Jahren. — Der § 1568 des Bürgerlichen Gresetzbuches. 
— Gesetzliche Möglichkeit mehrerer Ehescheidungen bei derselben 
Person. — Eine Art staatlicher Sanktion der freien Liebe. — Ab- 
hängigkeit des Pflichtbewußtseins von der Freiheit. — Gründe der 
Ehescheidung. — Die Reform der französischen Ehe. — Zusammen- 
setzung und Programm des französischen Komitees der Ehereform. — 
Der Begriff der geschlechtlichen Verantwortlichkeit. 

Anhang. — Mitteilung von hundert Ehetypen und zwölf charak- 
teristischen Ehestandsgemälden nach Groß-Hoffinger. 



Bloch, SezuAlleben. 2. u. 3. Auflage. 14 

(6.— IS. TMuead.) ' * 



210 



Mir ist es, seitdem ich mich näher mit dem Gregenstand 
beschäftigt habe, stets unbegreiflich gewesen, wie sich imter den 
Anthropologen, Ethnologen und Kultnrhistorikem überhaupt ein 
Streit über die Frage erheben konnte, ob unter den Urformen 
der sexuellen Beziehungen die Ehe die zeitlich frühere gewesen 
sei, oder ob ihr ein Zustand der „geschlechtlichen Promiskuität" 
vorausgegangen sei 

Wer die Natur des Greschlechtstriebes kennt, wer sich über 
den Gang der Entwicklung des Menschengeschlechts klar geworden 
ist und wer endlich die noch heute herrschenden Zustände auf 
geschlechtlichem Gebiete bei primitiven Völkern und modernen 
Kulturvölkern studiert, dem kann gar kein Zweifel darüber auf- 
kommen, daß in den Anfängen der Menschheits- 
entwicklung tatsächlich ein Zustand der ge- 
schlechtlichen Promiskuität geherrscht hat.*) 

„Die idealen Ziele," sagt Heinrich Schurtz, „denen die 
Kulturmenschheit zweifellos mit mehr oder weniger Bewußtsein 
zustrebt, werden unwillkürlich auch als Maßstab genommen, nach 
dem man die Vergangenheit beurteilt, und Gefühle und Stim- 
mungen treten an die Stelle des schlichten Strebens nach Wahrheit." 

So hat man auch das Ideal der Dauerehe zwischen einem Manne 
und einer Frau, das in der Tat, wie hier gleich hervorgehoben 
sei, als ein unverlierbares Kulturideal bestehen bleiben 
wird, als solchen Maßstab für die Beurteilung der Zustände in der 



^) So erklärt auch P. Näcke, einer der gründlichsten Kenner 
der Sexualanthropologie : „Daß in alter Zeit vor der Monogamie 
Polygamie oder gar ein der Promiskuität ähnlicher Zustand existiert 
hat, ist sehr wahrscheinlich, trotz 'Westermarck, and 
sogar a priori anzunehmen." (''Einiges zur Franenfrage and 
zur sexuellen Abstinenz", in: Archiv f. Kriminalanthropologie, heraus- 
gegeben von Hans Groß 1903 Bd. XIV S. 62.) Vgl. auch Loh- 
8 i n g s Zustimmung zur Annahme einer ursprünglichen Promiskuität, 
ibid. 1901 Bd. XVI S. 332. 



211 

Vergangenheit benutzt. Das hat besonders Westermarck in 
seiner durch die Sammlung zahlreicher ethnologischer Einzelheiten 
wertvollen „Geschichte der menschlichen Ehe" (Jena 1893) getan, 
und deshalb ist seine von dieser falschen Voraussetzung ausgehende 
Kritik der Promiskuitätslehre „zuletzt doch unfruchtbar ge- 
blieben", wie Heinrich Schurtz feststellt.') Zum Beispiel 
hat sich Westermarck über die Tatsache der unzweifelhaft 
bestehenden Promiskuität innerhalb der Gruppenehe der Gre- 
Bchleehtsverbände, der Totems, einfach hinweggesetzt. 

Laßt sich, wie wir sehen werden, bei den in sozialen Ver- 
bänden lebenden Stämmen und Völkern die geschlechtliche Pro- 
miskuität neben und meist vor der Ehe nachweisen, so ist es 
über jeden Zweifel erhaben, daß die Urmenschen, bei denen über- 
haupt alle individuellen Beziehungen noch fehlten, die als reine 
Triebwesen handelten, auch den Begriff der „Ehe" im modernen 
Sinne nicht gekannt haben. Sonst wäre ja auch das „Mutterrecht" 
nicht nötig gewesen, dieser typische Ausdruck für die durch die 
geschlechtliche Promiskuität hervorgerufene Unsicherheit der 
Vaterschaft. 

Die in primitiven Zuständen herrschende größere Un- 
gebundenheit im Geschlechtsverkehr wird von den einzelnen 
Forschern verschieden bezeichnet, bald als „Promiskuität", bald 
als „freie Liebe", als „Gruppenehe", „Polyandrie", j,Polygynie", 
„religiöse und geschlechtliche Prostitution" usw. Die klassischen 
Arbeiten von Bachofen, Bastian, Giraud-Teulon, 
von Hellwald, Kohler, Friedrich S. Krauß, Lub- 
bock, MacLennan, Morgan, Friedrich Müller, 
Post, H. Schurtz, Wilcken u. a. haben diesen Hetäris- 
mus der Urzeit als Tatsache erwiesen. 

Wenn moderne Kritiker sich auch schließlich dazu bequemen, 
die Beweiskraft des ungeheuren Tatsachenmaterials auf diesem 
Gebiete anzuerkennen, so nehmen sie doch immer noch Anstoß an 
dem Begriff und Wort der geschlechtlichen „Promiskuität", womit 
ein schranken- und wahlloser sexueller Verkehr der Geschlechter 
untereinander ausgedrückt wird. Sie geben die Möglichkeit der 
Gruppenehe — obgleich das nur eine sozial begrenzte Form der 
Promiskuität ist — , der Polyandrie und Polygynie, ja der wahl- 



») Ä Schurtz, Altersklassen und Männerbündc. Eine Dar- 
stellung der Grundformen der Gesellschaft. Berlin 1902, S. 176. 

H* 



212 



,T 



losen religiöflen Prostitution zu, aber an die Exigtenz der echten 
Promigkuit&t wollen sie nicht glauben. 

Und doch könnten sie diese, wenn sie die Augen nur gehörig 
aufmachten, noch heute unter den modernen Kulturvölkern 
beobachten. In gewissen Bevölkerungsschichten und Erlassen läßt 
sich ein solcher wähl- und regelloser G^chlechts verkehr ohne 
Anknüpfung d<auemder Beziehungen noch heute beobachten. Man 
frage einen jungen Mann selbst der besseren Stände, mit wie vielen 
weiblichen Wesen er im Laufe eines einzigen Jahres verkehrt 
hat — es brauchen durchaus keine Prostituierte zu sein — und 
man wird, wenn er die Wahrheit sagt, erschrecken über die Zahl 
der „Lustobjekte"! Dieser letztere Ausdruck paßt durchaus, weil 
meist jede individuelle Beziehung zwischen den nur flüchtig sich 
Begegnenden fehlt. Und auch von gewissen Mädchen, z. B. Dienst- 
mädchen, Konfektioneusen, wird man dasselbe in Beziehung auf 
die Zahl ihrer jährlichen Liebhaber hören. Aehnlich begründet 
PhilippFrey (Der Kampf der Geschlechter, Wien 1904, S. 51) 
die Annahme einer ursprünglichen geschlechtlichen Promiskuität 
Er weist besonders auf die Zustände in den Hafenstädten hin: 

„Hafenorte, in denen überseeische Schiffe anlegen, kennen den 
jeder Verfeinerung und Hülle entbehrenden Trieb in seiner ganzen 
Tierheit. Sehen wir uns hier in die Tiefen einer notvollen Primi- 
tivität und einer Wildheit versetzt, die auf Hemmungen der Zivili- 
sation zurückgeht, so rückt uns zugleich die tierische ündifferen- 
ziertheit des in Herden lebenden Urmenschen näher. Vermischung 
von Mann und Weib nach der Begierde des Moments, einzige 
Bindung durch die gegenseitige Erregung der Lust,, zu geringe 
Unterschiede zwischen den verschiedenen Männchen und Weib- 
chen einer Menschenherde, um dauernde Vorrechte zweier ein- 
zelner aufeinander erstrebenswert zu machen, Fehlen des Orund- 
besitzes im Umherschweifen durch den Urwald, gemeinsames Eigen- 
tum der Herde oder Horde an Kindern — diese Voraussetzung 
ursprünglichster affenartiger Zustände, die unter denen anderer 
Säugetiere stehen, ist durch die in aller Kultur immer wieder 
hervorbrechenden polygamischen und polyandrischen Triebe von 
homo sapiens gerechtfertigt." 

Glücklicherweise liefert auch die Völkerkunde uns unum- 
stößliche Beweise für das Bestehen der echten Promiskuität. 

Von den Nasomonen in Afrika berichtet Herodot (IV, 172): 
,,Wenn ein nasomonischer Mann sich die erste Frau nimmt, so 



213 

ist der Brauch, daß die Braut in der ersten Nacht von allen 
Gästen sich muß beschlafen lassen, die Eeihe durch, und so wie 
einer sie beschlafen, gibt er ihr ein Qeschenk, das er von Hause 
mitgebracht 

Das gleiche erzählt D i o d o r (V, 18) von den Bewohnern der 
Balearen. Ist das nicht ein Nachklang uralter Sitte geschlecht- 
licher Promiskuität vor der Ehe? 

Sehr interessant sind die neueren Mitteilungen von Mel- 
n i k o w über die freien Geschlechtsverhältnisse bei den sibirischen 
Burjäten. Dort herrscht vor der Ehe ein regelloser Geschlechts- 
verkehr zwischen Männern und Mädchen. Besonders bei den bur- 
jatischen Festlichkeiten läßt sich das beobachten. Sie finden 
meistens am späten Abend statt und können mit Becht „Nächte 
der Liebe" genannt werden. Nahe den Dörfern brennen Scheiter- 
haufen, um welche Männer und Frauen ihren eintönigen Tanz 
„Nädan" tanzen. Von 2^it zu 2^it gehen Paare von den Tanzenden 
fort und verschwinden in der Dunkelheit der Nacht. Kurz darauf 
kehren sie zurück und nehmen wieder an den Tänzen teil, um 
nach einiger Zeit aufs neue im Nachtdunkel zu verschwinden, 
aber es sind nicht immer dieselben Paare, die aufs neue ver- 
schwinden, da die Personen miteinander wechseln.^) 

Ist das nicht echte Promiskuität? In gemilderter Form kann 
man sie auch bei uns beobachten, wie mir kürzlich ein Fall bekannt 
geworden, wo zwei gute Freunde ihre übrigens erst seit kurzer 
Zeit datierenden „Verhältnisse" miteinander austauschten. Frei- 
lich geschah das am hellen Tage, während bei den Burjäten die 
Dunkelheit eine wirklich echte wahllose Promiskuität verbürgt. 

Marco Polo berichtet als einen merkwürdigen Brauch der 
Einwohner von Tibet, daß dort ein Mann unter keinen Umständen 
ein Mädchen heiraten würde, das Jungfrau wäre. Denn, sagten 
sie, ein Weib sei nichts wert, wenn es nicht Umgang mit Männern 
gepflogen habe. Man bot die Mädchen den Beisenden an und 
erwartete, daß der Fremde die Gefälligkeit mit einem Bing oder 
irgend einer anderen Kleinigkeit belohnte, die das Mädchen, wenn 
es heiraten sollte, als „Liebeszeichen" vorzeigen mußte. Je 



<) K. Jfelnikow, Die Burjaten des Irkutskischen GoaT»m»> 
ments in: Verhandlimgen der Berliner Gesellschaft für Anthro- 
pologie, Ethnologie und Urgeschichte, 1899, S. 440. 



214 

mehr es dergleichen besaß, desto gesuchter war es als 
Gattin.*) 

Auch aus Neuholland wird ähnliches berichtet. 

Besonders wichtig und beweisend für die Existenz einer 
geschlechtlichen Promiskuität srad die Untersuchungen des Folk- 
loristen Friedrich S. Krauß über das Geschlechtsleben der 
Südslaven. Krauß hat sich überhaupt um die wissenschaftliche 
Erforschung und anthropologische Grundlegung des menschlichen 
Sexuallebens die größten Verdienste erworben, ihm gebührt neben 
Bastian, Post, Kohler, Mantegazza und Ploß- 
Bartels ein Ehrenplatz unter den Begründeiii ''er „Anthro- 
pologia sexualis". 

Dr. Krauß hat seine bahnbrechenden Untersuchungen zu- 
erst in den „Kryptadia" Bd. VI und Vll (Paris 1899 und 1901) ver- 
öffentlicht, später aber für die Zwecke der folkloriatisch-ethnologi- 
sehen Erforschung des Sexuallebens era eigenes Jahrbuch unter dem 
Titel „Anthropophyteia, Jahrbuch für folkloristische Erhebungen 
und Forschungen zur Entwicklungsgeschichte der geschlechtliclien 
Moral" begründet, das unter Mitwirkung von Anthropologen, 
Ethnologen, Folkloristen xmd Medizinern, wie Thomas 
Achelis, Iwan Bloch, Franz Boas, Albert Eulen- 
burg, Anton Herrmann, Bernhard Obst, Giuseppe 
Pitre, Isak Eobinsohn und Karl von den Steinen 
seit 1904 erscheint (bisher 3 Bände, 1904—1906) und eine höchst 
wichtige Bereicherung der bisher sehr spärlichen periodischen 
Publikationsorgane für das wissenschaftliche Studium der sexuellen 
Probleme darstellt. Ich werde auf dieses bedeutsame Unternehmen 
später noch einmal zu sprechen kommen. Hier erwähne ich nur, 
daß in diesen Publikationen von Krauß, der, wie er selbst sagt, 
für die Verlockungen des Bomaatizismus in der Volksktmde 
unempfänglich, sich einen offenen Sinn für die Wirklichkeiten 
und Möglichkeiten des Volkstums gewahrt hat, die Existenz einer 
geschlechtlichen Promiskuität unter den Südslaven mit Sicherheit 
dargctan ist. TVie er selbst erklärt, stand eine solche Fülle von 
einem Berufs-Folkloristen erhobener zuverlässiger Belege über eine 
Form der geschlechtlichen Promiskuität innerhalb eines sehr engen 
Gebiets einer einzigen geographischen Provinz der Forschung bis- 
her nicht zur Verfügung. 

^) Marco Polo, translated by Yule, 2. edition, Loadon 1876, 
Bd. II, S. 35, 39. 



215 

Eb ist auch soimenklar, daß das geschlechtliche Variations- 
bedürfnis des Menschen, welches eine anthropologische Erscheinimg 
darstellt,^) in der Urzeit sich um so starker und ungezügelter 
äuüera mußte, als noch das ganze Leben sich nicht über das 
Niveau rein physischer Bedürfnisse erhob. Wenn nun heute, im 
Zustande der fortgeschrittensten Zivilisation, nach Ausbildung 
einer das ganze gesellschaftliche Leben durchdringenden und beein- 
flussenden geschlechtlichen Moral, dieses natürliche Variations- 
bedürfnis sich beinahe noch in unverminderter Stärke äußert, 
so bedarf es eigentlich keines Beweises mehr, daß in primitiven 
Zustanden geschlechtliche Promiskuität das Ursprüngliche, ja 
eigentlich das Natürlichere ist als die Ehe. 

Denn vom rein anthropologischen Standpunkte — nur 
von diesem, nicht vom sittlichen, sozialen und kulturellen ist 
hier die Bede — erscheint die Dauerehe als ein durchaus künst- 
liches Grebilde, welches auch heute noch dem sexuellen Variations- 
bedürfnis des Menschen nicht Genüge tut, da vor allem zahl- 
reiche Männer wohl de jure monogam, de facto aber polygam 
leben, worauf schon Schopenhauer hinwies. Immer aber 
bezieht sich das auf die rein physischen, sinnlichen Beziehungen 
und berührt nicht die Ehe als Kulturideal, als welches sie vor- 
züglich einen geistig-sittlichen Inhalt hat. 

Auch die anderen, selbst von den Kritikern der Promiskuität 
als erwiesene Tatsachen anerkannten sozialen Formen des Gre- 
schlechtsverkehrs sind durch einen häufigen Wechsel in den 
sexuellen Beziehimgen ausgezeichnet. Das gilt ganz besonders von 
der ältesten Eheform, der sogenannten „Gruppenehe".^) 

Die Gruppenehe ist nicht eine Verbindung einzelner Indi- 
viduen, sondern von aus Individuen, männlichen und weiblichen, 
zusammengesetzten Stammesgruppen, den sogenannten 
„Tote ms". 



^) Vgl. darüber meine „Beiträge zur Aetiologie der Psychopathia 
0ez1lalis^ £d. I,. S. 165—169. 

*) VgL über die Gruppenehe besonders die Arbeiten des be- 
rahmten Juristen, Ethnologen und genialen Eulturpsychologen Josef 
Köhler, speziell seine Abbandlungen „Zur Urgeschichte der Ehe*', 
Stuttgart 1897; „Rechtsphilosophie und Naturrecht'' in: Holtzen- 
dorff*Eohler, Encyklopädie der Hechtswissenschaft, Leipzig 1902, 
8. 27—36; „Die Gruppenehe" in: Aus Kultur und Leben, Berlin 1904, 
8. 22 — 29; dann das Kapitel über die Gruppenehe bei Sohurtz, 
Altersklassen und Männerbünde, S. 173—189. 



216 



.t 



Der soziale Instinkt, der Gknossensdiaftstrieb, auf dem noch 
heute Staat und Familie beruhen, verband einst die Menschen 
zu Stämmen eigener Art, die sich als ein einheitliches Individuum 
fühlten und von einem Tiergeiste beseelt glaubten, ihrem Schutz- 
geiste. Diese Verbände hießen Totems. 

Die Gruppenehe ist nun die Verheiratung eines 
Totems mit einem anderen, d. h. die Männer der einen 
Totemgruppe heiraten die Frauen der anderen xmd umgekehrt. Aber 
kein einzelner hatte eine besondere Frau, sondern, 
wenn z. B. 20 Männer des ersten Totems 20 Frauen des anderen 
heirateten, so hatte jeder der 20 Männer seinen gleichberechtigten 
Anteil an jeder der 20 Frauen und umgekehrt. Das war zwar 
ein Fortschritt über die an keine soziale Form sich bindende 
schrankenlose geschlechtliche Promiskuität hinaus, bot aber keine 
Möglichkeit zu einer Individualisierung der Liebe, es blieb Promis- 
kuität in engeren Grenzen. 

Die Gruppenehe existiert heute noch in Australien in aus- 
geprägter Form bei einigen Stämmen, während sie als gelegent- 
lich geübter Brauch, als Weibertausch unter Freunden, Gästen, 
Verwandten fast überall in Australien vertreten zu sein scheint. 
Schurtz betrachtet die australische Gruppenehe als eine Art 
von „Austoben'' des wilden Geschlechtstriebes. 

Sehr bekannt ist die Schilderung der Gruppenehe im alten 
Britannien bei Cäsar: „Die Gatten besitzen ihre Frauen zu 
zehn oder zwölf gemeinsam, und zwar vorzugsweise Brüder zu- 
sammen mit Brüdern oder Eltern mit Kindern." Das ist also 
eine besondere Abart der Gruppenehe. 

Als Rest einer ursprünglichen Gruppenehe ist nach Bern- 
höft auch die „Polyandrie", die Vielmännerei, aufzu- 
fassen, bei der ein Weib mehrere Männer besitzt xmd die durch 
Frauenmangel in dem einen Totem zustande kommt. Marshall 
hat in der Tat bei den polyandrischen Toda in Südindien wirk- 
liche Gruppenehe neben der Polyandrie beobachtet. 

Bei einzelnen Indianerstämmen finden sich noch heute An- 
klänge an die Gruppenehe, z. B. besteht ein Anrecht des Mannes 
auf die Schwestern seiner Gattin oder selbst auf deren Cousinen 
und Tanten, die er nach und nach ebenfalls heiraten kann. Hier 
hat sich also die „Polygynie" oder Vielweiberei aus der 
Gruppenehe entwickelt. 

Auch die vielfach verbreitete Sitte des Weiber verleiben« 



217 

und Weibertausches h&ngt mit den Verhältnissen der 
Gruppenehe zusammen ; in Hawai, Australien, bei den Massai und 
Hcrero in Afrika treffen wir diesen Brauch, besonders aber in 
Angola und an der Kongomündung, auch in Nordostasien, bei 
manchen nordamerikanischen Indianerstämmen. 

Mit Recht macht Schurtz auf die durch die schlechten 
Wohnungsverhältnisse bedingten ähnlichen Zustände bei euro- 
päischen Proletariern aufmerksam. 

Unter diesen Verhältnissen einer wenn auch schon be- 
schränkten Promiskuität war die einzig natürliche Familien- 
verbindung diejenige zwischen Mutter und Kind. Das Kind ge- 
hörte ausschließlich der Mutter und dadurch in weiterem Sinne 
dem Totem der Mutter an. Wie namentlich Bachofen in seinem 
berühmten Werke^) nachgewiesen hat, hat die Urzeit, und bis in 
die Gegenwart noch viele primitive Stämme, ganz unter der Herr- 
schaft des auf rein sinnliche, nichtindividuelle Beziehungen sich 
gründenden „Mutterrechts" (Matriarchat) gestanden, das erst 
mit dem Eintreten mehr freier, geistiger, individueller Be- 
ziehungen zwischen den Geschlechtem, die noch keineswegs zur 
Einehe im modernen Sinne zu führen brauchten, durch das 
„Vater recht" (Patriarchat) ersetzt wurde. 

So haben die neueren ethnologischen Forschungen die Un- 
haltbarkeit der We s t er marck sehen Kritik der Promiskuitäts- 
lehre dargetan. An der Tatsache ursprünglicher Geschlechts- 
genossenschaften mit einer mehr oder weniger beschränkten Pro- 
miskuität des sexuellen Verkehrs ist nicht mehr zu zweifeln. 
Das hebt auch Ludwig Stein mit Nachdruck hervor.®) Die 
geschlechtlichen Verhältnisse der urzeitlichen Horden waren ent- 
weder gar nicht oder nur notdürftig geregelt. 

Es liegt in dieser Vorstellung durchaus nichts das Menschen- 
geschlecht Herabwürdigendes, im Gegenteil bekundet sich in der 
Entwicklung individueller Dauerbeziehungen zwischen Mann und 
Weib aus dem Zustande einer ursprünglichen Promiskuität her- 
aus ein ständiges Fortschreiten von niederen zu höheren sozialen 
Formen der Geschlechtsbeziehungen, eine sukzessive Vervollkomm- 
nung und Veredelung derselben bis zur monogamen Ehe, die auch 
heute noch ein bloßes Ideal ist, da die Wirklichkeit ihr nicht 



») J. J. Bachofen, Das Mutterrecht, Stuttgart 1861. 
•) Ludwig Stein, Die Anfänge der Kultur, 8. 106—107. 



218 



i 



entspricht oder die ursprüngliche reine Idee verfälscht und ver- 
dunkelt hat. 

Der Uebergang von dem auf rein natürlich-sinnlicher Grund- 
lage ruhenden Mutterrecht, unter dem die Frauen eine hervor- 
ragende soziale und oft auch politische Stellung einnahmen, zu 
dem die geistig-individuellen Beziehungen in den Vordergrund 
rückenden Vaterrecht bedeutete einen weiteren Schritt vor- 
wärts in der Entwicklungsgeschichte der Ehe. Bachofen hat 
zuerst die eminente kulturgeschichtliche Bedeutung des lieber- 
ganges vom Mutterrecht zum Vaterrecht für das Geistes- und 
Gesellschaftsleben der Menschheit erkannt und eingehend ge- 
würdigt. Schurtz hat dafür die Formel gefunden: 

Die Frau ist der gegebene Mittelpunkt der natürlichen, aus 
dem Geschlechtsverkehr und der Fortpflanzung entstehenden 
Gruppen, der Mann dagegen der Schöpfer der freien, auf Sym- 
pathie des Gleichartigen beruhenden Gesellschaftsformen. 

Mit dem Vaterrecht hängt die Entwicklung der individuellen, 
persönlichen Ehe aufs innigste zusanunen. In diesem, aber nur 
in diesem Sinne hat Eduard von Mayer recht, wenn er den 
Mann als den eigentlichen Schöpfer der Familie bezeichnet. 
Denn unter der Herrschaft des Mutterrechts war eben die 
„Familie^' nicht vollständig, sie bestand nur aus Mutter und Kind. 
Nun erst wurde sie ein voUkonunenes Ganzes. Diese vateri'echt- 
liche Familie, die auch unsere moderne Familie ist, ist also 
die „männliche Form der menschlichen Zusammengehörigkeit"^) 

Das Vaterrecht bedingte ein Becht des Vaters über die Frau 
und ihre Kinder, es war ein erst in hartem Kampfe erworbenes 
Herrschaftsrecht. Der Frauenraub und die Baubehe ge- 
hören den Anfängen des Vaterrechts an, später, als die Frau, 
völlig unterdrückt, zu einem bloßen Wertobjekt herabgesunken 
war, kam noch die „Kauf ehe" hinzu. Die niedere Stellung der 
Frau unter der Herrschaft des ursprünglichen Vaterrechts läßt 
sich am besten bei den Griechen studieren, wo nur die Hetäre 
und die Knabenliebe freiere Verhältnisse darbieten. Ja, die 
Ejiabenliebe war den Hellenen genau das, was dem modernen 
Kulturmenschen die heterosexuelle Liebe in ihrer allerpersön- 
lichsten, individuellsten, ganz auf geistigem Kontakt und Ver- 
ständnis beruhenden Grestaltung ist 



•) Eduard ▼. Mayer, Die Lebensgesetse der Kultor, 8. 210. 



219 

Schön hat Köhler die Lichtseiten des vollen und alleinigon 
Vaterrechts gewürdigt: 

„Jetzt erst gründet der Manu sein Heim, er ist der Herr 
des häuslichen Herdes, er ist der Opferpriester am Hausaltar, 
seine Ahnen sind geistig anwesend, er verehrt sie, das Haus 
ist von ihnen durchdrungen. In seinem Hause soll nichts Un- 
reines walten: die Kinder lehrt er Zucht und Anhänglichkeit an 
die Familie, und die Frau gibt im Augenblick, wo sie im Hoch- 
zeitszug die Schwelle des Mannes überschreitet, oder über sie 
getragen wird, ihre Heiligtümer auf: sein Heim ist nun ihr 
Heim. Jetzt am häuslichen Herde entwickeln sich die Tugenden, 
welche die Voraussetzujigen staatlicher Größen werden: def* 
Mann gewinnt im Schöße der Familie die ICraft, die ihn zu den 
höchsten Leistungen, sei es im Leben des Staates, sei es im 
Leben der Wissenschaft, befähigt; und ein auf Grund dieser Zu- 
stände geschlossener Bürger- und Bauemkreis büdet den not- 
wendigen Untergrund, um das Grebäude des ethischen, wissen- 
schaftlichen und politischen Lebens zu tragen. Die Frau tritt 
zurück, aber im Hause entfaltet sie neue Tugenden : Aufopferung 
für die Familie, häuslicher Sinn, Freude am Heim, Anmut im 
engeren Kreise sind die Lichtseiten ihres Wirkens, denn das 
Weib weiß überall herrliche Züge zu entwickeln, solange es 
nicht in volle Roheit oder Entartimg gefallen ist." 

Die älteste Eheform unter dem Vaterrecht war die Poly- 
gamie, wie wir sie z. B. im alten Testament finden, wo sie für 
die patriarchalische Famüienordnimg charakteristisch ist. Der 
Herr des Hauses und der Familie besitzt eine Hauptfrau für 
die legitime Erbfolge, daneben aber zahlreiche Kebsweiber. Bei 
den Juden führte die starke Betonung des Vaterrechts zur so- 
genannten „Leviratsehe", d. h. eine verwitwete Frau mußte 
den Bruder ihres verstorbenen Gatten heiraten, damit das Ge- 
schlecht des Toten fortgepflanzt würde. 

Aus der vaterrechtlichen Polygamie ging dann allmählich 
die monogamische Ehe hervor, die bis heute — das sei hier 
von vornherein betont — ein nie erreichtes und verwirklichtes 
Ideal geblieben ist, sowohl bei Griechen und Bömern als auch 
in der modernen Kulturwelt. 

Wenn die moderne Kulturehe wesentlich ein Erzeugnis des 
Vaterrechts ist und unter der Herrschaft der „Männermoral" 
steht, diese aber neben der staatlich festgelegten imd für bindend 



220 

erklärten monogamischen Ehe eine „fakultative Polygamie'* ge- 
sellschaftlich duldet, so ist hier ein Element der Lüge 
und Heuchelei verborgen, welches mit Becht die 
moderne vaterrechtliche Ehe als konventionelle 
Form bei jenen in Mißkredit gebracht hat, die 
in der dauernden Lebensgemeinschaft zweier 
freier, gleichberechtigter Persönlichkeiten das 
wirkliche Ideal der Zukunftsehe erblicken. 

Hegel ist in seiner berühmten Definition der Ehe,^®) die 
er als Verkörperung der Wirklichkeit der Gattung und als 
geistige Einheit der natürlichen Greschlechter durch selbst- 
bewußte Liebe, als rechtlich - sittliche Liebe auffaßt, dieser 
Wahrung und Herausbildung der Lidividualität beider Teile 
nicht gerecht geworden. Die „Einheit", das „ein Leib und eine 
Seele" entspricht wohl der vaterrechtlichen Auffassung, bei der 
die Frau ganz im Manne aufgeht, nicht aber dem modernen Be- 
griffe einer Lidividualehe, die beide, Mann und Frau, als freie 
Persönlichkeiten vereinigt. Das ist, wie wir später sehen werden, 
der Sinn der Bestrebungen für „freie Liebe", die man nicht, 
wie z. B. Ludwig Stein (Anfänge der Kultur, S. 110) es 
tut, mit der freien Liebe, dem Hetärismus der Urzeit oder dem 
bloßen außerehelichen Verkehr 'der Gregenwart verwechseln darf. 

Weder Mutterrecht allein noch Vaterrecht 
allein können die Ideale des modernen Kultur- 
menschen bezüglich der Gestaltung der sozialen 
Formen des Liebeslebens befriedigen. Das ist nur 
möglich, wenn beide rechtliche Formen in einer neuen vereinigt 
werden, die beiden Greschlechtern das gleiche Becht zuteil 
werden läßt.^i) 

Daher macht sich mit den Bestrebimgen für freiere, indivi- 
duelle Entwicklung weiblichen Wesens auch die Tendenz geltend, 
die alte mutterrechtliche Auffassung im öffentlichen Leben wieder 
zur Geltung und zu Ehren zu bringen. 

„Langsam und allmählich," sagt Kohler, „hat der wieder- 



• !<*) G. F. W. H e g e 1 , Grundlinien der Philosophie des Rechts, oder 
Katurrecht und Staatswissenschaft im Grundrisse, herausgegeben von 
Eduard Gans, Berlin 1840, 2. Aufl., S. 218. 

^^) Also nicht alleinige Geltung des Mutterrechts, wie e. B. 
Kuth Br6 es fordert. („Staatskinder oder Mutterrecht 7", Leipzig 
1904.) 



221 

erwachende Mutterrechtsgedanke daran mit scharfem Zahn genagt, 
bald in der einen, bald in der andern Weiae wieder die atrengen 
Klammem dieses Systems gelockert . . . Daß die Frau in 
dieser Weise eine würdigere Stellung erringt, ist 
sicher. Dagegen hat der einheitliche Familiensinn lange nicht 
mehr den Sporn wie bei den rein agnatischen (vaterrechtlichen) 
Völkern . . . Unsere Verhältnisse ermöglichen es, daß die Kultur- 
interessen gedeihen, auch wenn das Familienband kein so straffes 
und exklusives isf 

Der moderne Kulturmensch kann sich ruhig mit dem Gedanken 
vertraut machen, daß die alte, unter der Herrschaft des Vater- 
rechts stehende patriarchalische Familie allmählich verschwinden 
wird, daß mithin auch die scheinbar so festgefügte, vaterrechtliche 
konventionelle Ehe der alten Zeit andere, freiere Formen an- 
nehmen wird. Die Idee der Ehe und ihr Wert als Lebensgemein- 
schaft bleibt deshalb unangetastet. Man kann ein Kritiker der 
alten überlebten Eheform sein, ohne deshalb sich dem Verdacht 
auszusetzen, als wolle man die Idee einer „Ehe" überhaupt da- 
durch aufheben. Die einseitig juristische, staatliche xmd sakra- 
mentale, kirchliche Auffassung der Vergangenheit wird weder 
der sozialen noch der individuellen Bedeutung der Ehe gerecht. 
Wer gleich Westermarck die monogamische Ehe überhaupt 
als das ursprünglich Gegebene, gewissermaßen als eine biologische 
Tatsache annimmt und jede Entwicklung derselben aus 
niederen Formen leugnet, der leugnet damit auch die Möglichkeit 
einer tiefgreifenden Umgestaltxmg der heutigen Eheformen. Man 
begeht meist den Fehler, daß man auf der einen Seite die Mono- 
gamie in ihrer idealsten Form, der lebenslänglichen Ehe, der 
sogenannten „freien Liebe" auf der anderen Seite gegenüberstellt, 
wobei man unter freier Liebe einen völlig ungeregelten außerehe- 
lichen Geschlechtsverkehr versteht. Kein Wunder, daß in bezug 
auf beide extreme Formen der sexuellen Beziehungen eine pessi- 
mistische Auffassung leichtes Spiel hat. Je nach dem Stand- 
punkl» hebt der eine die Unverträglichkeit einer lebenslänglichen 
Pflichtehe für die individuelle Freiheit und Entwicklung der 
Persönlichkeit, der andere aber die ebenso großen, wenn nicht noch 
größeren Gefahren der schrankenlosen Ausübung des außerehe- 
lichen Greschlechtsverkehrs hervor. 

Glücklicherweise ist durch die gesetzliche Einführung der 
„Zivilehe" und der „Ehescheidung" bereits vom Staate die 



222 



*- i 



Notwendigkeit anerkannt worden, für viele einen Mittelweg frei- 
zugeben, der zwischen der lebenslänglichen Ehe, deren sakra- 
mentaler Charakter damit aufgegeben wird, und dem freien außer- 
ehelichen Oeschlechtsverkehr liegt und doch die Richtung 
auf das Ideal der monogamischen Ehe beibeh&lt. 

Das Prinzip der Ehescheidung bildet die wichtigste Grund- 
lage sowohl für eine künftige Beform der Ehe als auch für eine 
vernünftige, den sozialen und individuellen Interessen in gleichem 
Maße gerecht werdende ' Auffasstmg der Beziehungen zwischen 
Mann und Weib. Hiermit hat der Staat selbst den rein persön- 
lichen Charakter dieser Beziehungen anerkannt und ausgesprochen, 
daß es umstände gibt, die diesen Charakter aufheben tind unter 
denen die Ehe keine Ehe mehr ist und sein darf. Er hat da- 
mit ein Recht der einzelnen Persönlichkeit in der 
Ehe proklamiert. 

In der Ehefrage spielt auch die sogenannte „doppelte 
Geschlechtsmoral" eine bedeutsame Rolle, d. h. die Auf- 
fassung, daß der Mann von Natur zur Polygamie, das Weib 
aber zur Monogamie neige. Dabei war wohl hauptsächlich der 
durchaus richtige Gredanke maßgebend, daß der geschlechtliche 
Verkehr eines Weibes mit mehreren Männern — nota bene während 
der gleichen Zeitperiode I — die Deszendenz schädigt. Hieraus 
kann man aber höchstens den Schluß ziehen, daß für die Zwecke 
der Kindererzeugung und der Rassenhygiene die „Monogamie" 
des Weibes ausschließlich in Betracht kommt, d. h. der Verkehr 
eines Weibes mit einem Manne während dieser Zeit imd für diesen 
Zweck. Man kann nun aber nicht daraus die Forderung der 
„Monandrie" für das Weib ableiten. 

Ich will das etwas genauer erläutern und knüpfe dabei an die 
interessante Abhandlung von Rudolph Eberstadt über die 
sozialpolitische Bedeutung der sanitären Verhältnisse in der Ehe 
an (in: Krankheiten und Ehe von Senator und Kamin er, 
München 1904, S. 807 ff), weil diese recht deutlich diese Ver- 
wechslung zwischen Monogamie und Monandrie erkennen läßt. 

Nach Eberstadt sind es vor allem zwei Momente, die die 
moderne Kulturehe charakterisieren, zunächst die Deberordnung 
des Mannes im Eherecht, dann die gesteigerte Forderung an die 
voreheliche Keuschheit und an die eheliche Treue des Weibes. 
Außer der rechtlichen Vorherrschaft in der Ehe verlangte er vom 
Weibe noch die geschlechtliche Enthaltsamkeit vor der Ehe und 



228 

die unbedingte Treue während derselben. Er selbst aber erkannte 
die gleichen Verpflichtungen für sich nicht an. 

Diese verschiedene Beurteilung des außerehelichen Geschlechts- 
verkehrs beruht ganz und gar auf der durchaus richtigen Er- 
fahrung, daß der gleichzeitige Verkehr der Frau mit 
mehreren Männern die Vaterschaft und damit die Grundlage der 
Familie verdunkelt, ganz abgesehen von einer nicht seltenen 
physischen Schädigung des Kindes. Diese natürliche Ver- 
schiedenheit von Mann und Weib bezüglich des Geschlechtsverkehrs 
und seiner Folgen wird immer bestehen bleiben. Ein Mann kann 
mit zwei Frauen zugleich verkehren und sogar eine „Ehe" eia- 
gehen, ohne daß die Bildung einer Famüie dadurch beeinträchtigt 
wird, nicht aber kann umgekehrt ein Weib mit zwei Männern 
gleichzeitig verkehren. 

„Nicht die Brutalität des Mannes," sagt Eberstadt, „hat 
demnach dem Weibe eine höhere Verantwortung auferlegt, sondern 
die Natur selber hat es getan. Die Natur hat Mann und Weib mit 
Bezug auf die Folgen des Geschlechtsverkehrs verschieden gestaltet. 
Dem Weib allein ist die Frucht anvertraut. Wer aber eine 
besondere Verantwortung hat, der hat auch besondere Pflichten. 
Gewisse Verfehlungen gegen den ehelichen Verkehr werden 
strenger beurteilt, wenn sie dem Mann zur Last fallen; andere 
wiederum, insbesondere solche, die die Sorge um die Fortpflanzung 
anbetreffen, werden dem Weibe härter angerechnet. Die Stellung 
im Geschlechtsverkehr ist aus physischen und unabänderlichen 
Ursachen verschieden bei Mann und Weib ; Verführung, Mißbrauch, 
Verlassen des Weibes, Ehebruch wird beim Manne durch Eecht und 
Sitte bestraft. Das Weib dagegen verliert seine Ehre an sich 
8 c h o n bei gemischtem und ungeregeltem Verkehr, weil die Natur 
selber diesen Verkehr verbietet, wenn das materielle und seelische 
Band von Mutter, Vater und Kind bestehen soll." 

Dementsprechend hält Eberstadt an der Forderung der 
Einmännerei, der „Monandrie", für das Weib fest, ver- 
wirft grundsätzlich die geschlechtliche Gleichstellung 
zwischen Mann und Frau und verlegt die Fortentwicklung der 
Ehe ausschließlich in das geistige und sittliche Gebiet. 

So sehr auch das Richtige und durch die natürlichen Verhält- 
nisse ein für allemal Gegebene in dieser Anschauung anerkannt ist, 
90 ist sie doch zu eng und einseitig und übersieht ganz und gar, 
dafl jene Forderung der monandrischen Liebe des Weibes auch 



224 

bei einer freieren Gestaltung weiblichen Liebeslebenfi zu erfüllen 
ist. Man braucht nur an die oft glücklichen Ehen einer Frau 
mit mehreren Männern — nota bene in zeitlicher Aufeinander- 
folge — zu denken, aus welchen Ehen durchaus gesunde Kinder 
verschiedener Väter hervorgehen können, um sofort einzusehen, 
daß auch für die Frau der Zukunft die Möglichkeit einer freieren 
Gestaltung des Liebesleliens — freilich in beschränkterem 
Maße als beim Manne — gegeben ist. Wie die rechtliche Vor- 
herrschaft des Mannes in der Ehe einer rechtlichen Gleich- 
stellung von Mann und Frau als zwei freien Persönlichkeiten 
Platz machen wird, so wird auch die* „doppelte Moral'* einer 
Revision in dem obigen Sinne unterzogen werden müssen. 

Beiläufig bemerkt, sollten alle diejenigen, die jeden außer- 
ehelichen Geschlechtsverkehr des Weibes ächten und am liebsten 
jede solche Frau zur „Gefallenen" stempeln möchten, sich nur 
einen Augenblick an die ungeheuerliche Tatsache der staatlich 
geduldeten« ja legalisierten Prostitution erinnern, welche 
wie ein unheimlicher Schatten die sogenannte konventionelle Ehe 
begleitet, ein Schatten, der um so größer wird, je strenger, 
exklusiver und engherziger der Begriff dieser „Ehe" gefaßt wird I 

Das Kulturideal ist die lebenslängliche Dauer der Ehe 
zwischen zwei freien, selbständigen, reifen Persönlichkeiten, die 
Liebe und Leben vollkommen miteinander teilen und durch ge- 
meinsame Lebensarbeit sich selbst und das Wohl ihrer Kinder 
fördern. Aber dieses nur selten erreichte Kultur- 
ideal schließt keineswegs andere Formen der 
Ehe aus, die mehr vergänglichen tmd temporären Charakter 
haben, ohne daß dadurch eine Schädigung der Individuen und 
der Gesellschaft herbeigeführt würde. 

Li vortrefflicher Weise äußerte sich schon vor vierzig Jahren 
über diesen Pimkt der englische Kulturhistoriker Lecky, ein 
Forscher, den nach der Tendenz seiner Schriften gewiß niemand 
beschuldigen kann, daß er eine laxe Auffassung der geschlecht- 
lichen Moral vertrete oder gar die Ausschweifung predige. Lecky 
sagt in seiner „Sittengeschichte Europas" (Leipzig und Heidel- 
berg 1871, Bd. n, S. 289 ff.): 

„Wir haben genügende Gründe für die Behauptung, daß die 
lebenslängliche Verbindung Eines Mannes und Einer Frau der 
normale und herrschende Typus des Geschlechtsverkehrs sein sollte. 
Wir können beweisen, daß sie im ganzen der Glückseligkeit vnd 



225 

der sittlichen Erhebung beider Teile am förderlichsten ist. Aber 
über diesen Punkt hinauszugehen, würde, meine ich, unmöglich 
sein, ausgenommen mit Hilfe einer besonderen Offenbarung! 
Daraus, daß dieses der herrschende Typus sein 
soll, fol^t keineswegs, er müsse der einzige sein, 
oder es liege im Interesse der Gesellschaft, daß alle 
Verbindungen in dieselbe Form hineingetrieben 
werden müßten. Verbindungen, die eingestandenermaßen nur 
für einige wenige Jahre eingegangen wurden, haben immer neben 
dauernden Ehen bestanden; und in Zeiten, wenn die öffentliche 
Meinung, weil sie nichts Anstößiges darin findet, weder über den 
einen Teil noch über beide ein Verdammungsurteil fällt, wenn diese 
beiden Teile nicht das entsittlichende und erniedrigende Lebeoi 
führen, welches mit dem Bewußtsein der Schuld Hand in Hand 
geht, und wenn für die Versorgung der zu erwartenden Kinder 
die nötige Vorkehrung getroffen ist, so würde es, glaube ich, unmög- 
lich sein, im Lichte der einfachen und reinen Vernunft zu beweisen, 
daß solche Verbindungen beständig verdammt werden müßten. 
Für die Glückseligkeit wie für die sittliche Wohlfahrt der 
Menschen ist es überaus wichtig, daß lebenslängliche Verbindungen 
nicht bloß unter dem starken Antriebe einer blinden Begierde 
geschlossen werden. Es gibt immer sehr viele, die in der Lebens- 
periode, wo die Leidenschaften am stärksten hervortreten, unfähig 
sind, ihre E[inder standesgemäß zu versorgen, und die mithin durch 
eine frühe Verheiratung die Gresellschaft schädigen; aber diese 
Menschen sind nichtsdestoweniger vollkommen imstande, ihren 
unehelichen Kindern eine anständige Lebensbahn in dem niedrigen 
Kreise der Gesellschaft, dem sie selbstverständlich (!) angehören, 
zu sichern. Unter den erwähnten Bedingungen sind diese Verbin- 
dungen dem schwächeren Teile nicht schädlich, sondern wohl- 
tätig; sie mildem die Standesunterschiede, fördern die Gesellig- 
keit und haben weder auf den Charakter die erniedrigende 
Wirkung eines unbeständigen, wandelbaren -Greschlechtsverkehrs, 
noch für die Gesellschaft die nachteiligen Folgen unüberlegter 
Ehen, von denen jener oder diese in ihrer Abwesenheit sich ver- 
mehren* Li der ungeheuren Mannigfaltigkeit der Umstände und 
Charaktere werden immer Fälle vorkommen, in denen sie aus 
Zweckmäßigkeitsgründen ratsam scheinen dürften.^' 

Im alten Rom wurden diese loseren Verbindungen durchaus 
als eine Eheform gesetzlich anerkannt. Und diese gesetzliche An- 

Bloch, Sextialleben. 2. u. 8. Auflage. ] 5 

(6.— 18. Tausend) 



fi 



226 

erkeimiuig schützte sie trotz des tuibesdiräiikten Sckeidimgeh 
rechtes vor gesellschaftlicher Aechtung und Brandmarkung. Das 
9, Konkubinat'^ war eine solche Ehe zweiter Art, die durchaus an- 
erkannt und ehrenhaft war. Die „amica oonvictrix" oder ,,uxor 
gratuita'' war weder eine legitime Ehefrau noch fine bloße 
Maitresse, sie nahm etwa die Stellung unserer durch „morga- 
natische'* Ehe, durch „Heirat zur linken Hand" angetrauten 
Frauen ein, nur daß diese Verbindung ohne weiteres lösbar war. 

Erst das christliche Dogma vom sakramentalen und lebens- 
länglichen Charakter der Ehe infamierte alle anderen Arten des 
Geschlechtsverkehrs. Die religiöse Ehe war ihrer Natur nach 
^unlöslich, ja man hob durch das Verbot der Mischehen geradezu 
jede individuelle Bewegungsfreiheit auf. 

Demgegenüber hat der Staat durch Einführung der Zivilehe, 
der Mischehe und der Ehescheidung den modernen Ideen immer 
größere Konzessionen machen müssen und bereits im Prin- 
zip anerkannt, daß sich auch die zeitlich begrenzte Ehe 
sehr wohl mit den Forderungen der Kultur in Einklang bringen 
läßt, daß überhaupt, wie auch Lecky schon hervorhebt, die 
neueren Umwälzungen auf wirtschaftlichem Grebiete einen viel 
größeren Einfluß auf die Ehe und Eheformen haben als die kirch- 
lich-mystische Auffassung. 

Wer sich überhaupt eine Einsicht in das so überaus schwierige 
moderne Eheproblem verschaffen will, muß sich zunächst über 
einige Besonderheiten der individuellen menschlichen Liebe klar 
werden, auf deren innigen Zusammenhang mit der gesamten 
geistigen Kultur wir schon früher hingewiesen haben. 

Max Nordau hat ein berühmtes Kapitel über die „Ehe- 
lüge" geschrieben, 1^) die im Lichte der Wirklichkeit in der Tat 
oft eine solche ist, besonders im Hinblick auf die Tatsache, daß 
mindestens 75o/o der modernen Ehen sogenannte „konventionelle 
Ehen" und keine eigentlichen Liebesehen sind.^^) Aber bekanntlich 
sind diese Vemunftehen oft dauerhafter als die aus Liebe ge- 
schlossenen Ehen. Das hängt mit der Natur der menschlichen Liebe 
zusammen, die keineswegs etwas Unveränderliches ist, sondern 



^') M. Nordau, Die konventionellen Lügen der Kulturmensch- 
heit. 7. Aufl. Leipzig 1884. S. 263—317. 

^^) Georg Hirth schätzt den Prozentsatz der konventionellen 
Ehen noch höher, nämlich bis zu 90<Vo. Vgl. seine uWege sur Liebe*', 
8. 607. 



227 

auch! mit den verschiedenen Entwicklungsphasen 
des Individuums sich ändert, neuer Anregungen 
bedarf und neuer individueller Beziehungen. 

In der No. 14 919 der Wiener „Neuen freien Presse" vom 
6. März 1906 stand unter den Annoncen eine bezeichnende Frage, 
die wahrscheinlich ein betrogener oder enttäuschter Liebhaber an 
seine Geliebte gerichtet hatte: 

,, Ewige Liebe — ewige Lüge?" 

Auch die Liebe, die persönliche Liebe ist vergänglich wie 
der Mensch selbst, wie das einzelne Individuum. Auch sie ist 
verschieden in den verschiedenen Lebensaltem, verschieden auch 
in bezug auf ihre jeweiligen Objekte. EduardvonHartmann 
nennt die Liebe ein Gewitter, das sich nicht in einem Blitze, aber 
nach und nach in mehreren der elektrischen Materie entlädt, und 
wenn sie sieh entladen hat, dann „kommt der kühle AVind und der 
Himmel des Bewußtseins wird wieder klar und blickt staunend 
dem befruchtenden Begen am Boden und den abziehenden Wolken 
am fernen Horizonte nach." 

Ueber die Vergänglichkeit der Jugendliebe sind sich alle 
Menschenkenner, alle Dichter und Psychologen einig. Sie wider- 
raten deshalb auch die Ehe, die in der Leidenschaft der ersten 
Jugend geschlossen wird. Diese Poesie des ersten Anblicks und 
sofortigen Verliebens ist nach Gutzkow das ewige Hasard- 
spiel unserer jungen Leute, wobei Gresundheit, Leben und Zukunft 
zugrunde gehen. 

Aehnlich sagt ein anderer scharfer Beobachter, Kierke- 
gaard, in seinem „Tagebuch des Verführers": „Die Liebe hat 
viele Mysterien, und dies erste Verliebtsein ist auch ein Mysterium, 
wenn auch nicht das größte — die meisten Menschen sind in ihrer 
Leidenschaft wie wahnsinnig, sie verloben sich oder machen andere 
dumme Streiche, und in einem Augenblick ist alles zu Ende, 
und sie wissen weder, was sie erobert, noch was sie verloren 
haben." 

Und endlich ein dritter großer Erotiker, Retif de la Bre- 
ie nne: „Bis ist eine Torheit sondergleichen, auf die Beständig- 
keit eines jungen Menschen von zwanzig Jahren zu vertrauen. 
In diesem Alter liebt man weniger eine Frau als die Frauen, man 
berauscht sich mehr an der sinnlichen Erscheinung als an dem 
Individuum, so liebenswert es auch sei." 

Die Jugendliebe ist fast immer nur eine schöne Erinnerung, 

16* 



228 

ein entsch windendes Paradies. Ihr haftet etwas Unvergängliches 
an, das aber keine bindende Kraft haben sollte. 

Und wie die Jugendliebe sich jedem Menschen ideal verklärt, 
eben weil sie nicht in der rauhen Wirklichkeit untergeht, so 
sind in jeder folgenden Liebe fast Istets nur dieerstenAnfänge 
das eigentlich Schöne und tief Empfundene. „Ein Jahrtausend 
von Tränen und Schmerzen," läßt Goethe seine Stella sagen, 
„vermöchte die Seligkeit nicht aufzuwiegen der ersten Blicke, des 
Zittems, Stammeins, des Nahens, Weichens — des Vergessens 
sein selbst — den ersten flüchtigen, feurigen Kuß und die erste 
ruhig atmende Umarmung." 

Der ewigen Dauer solcher Gefühle widerspricht ein anthro- 
pologisch-biologisches Phänomen der menschlichen Sexualität, das 
ich als das „sexuelle Variationsbedürfnis" bezeichnet 
habe.^^) Die menschliche Liebe als Ganzes und in ihren einzelnen 
Aeußerungen wird von diesem Bedürfnis nach Abwechslung, nach 
Veränderung beherrscht und beeinflußt. Auf dieses Ur- und Grund- 
phänomen der menschlichen Liebe hat schon Schopenhauer 
hingewiesen, es aber mit Unrecht nur auf den Mann beschränkt.^*) 
Ich nehme, wie ich schon früher betont habe, dieses allgemein 
menschliche Bedürfnis nach Variation in den sexuellen Beziehungen 
mehr als ein allgemeines Erklärungsprinzip vorhan- 
denerTatsachen, nicht aber als ein etwa zu verwirklichendes 
Ideal. Im Gegenteil stellen meines Erachtens Treue, Festigkeit 
und Beständigkeit in der Liebe, Bändigung und Abschwächiing des 
sexuellen Variationsbedürfnisses durch die Erkenntnis eminente 
Kulturfortschritte dar, durch die das menschliche Liebes- 
leben in einem höheren Sinne fortgebildet und vervollkommnet 
wird. Aber die wirklich alltäglich geschehenden Tatsachen sind 
durch keinerlei Heuchelei und Prüderie aus der Welt zu schaffen. 
Man muß mit ihnen rechnen. 

So ist es auch eine unbestrittene Tatsache, daß die sogenannte 
„einzige" Liebe eine der größten Seltenheiten ist, daß vielmehr 
im Leben der meisten Männer und Frauen eine öft^.re Wieder- 
holung und Erneuerung der Liebesgefühle und Liebesverhältnisse 
vorkommt. Meist liegen diese letzteren zeitlich auseinander. 

^^} ^^1- meine „Beiträge zur Aetiologie der Psychopathia sexu- 
alis", Bd. I, S. 165-174. Bd. II, S. lÖO— 191; 208—209; 363—364. 

^^) Schopenhaners sämtliche Werke, herausgegeben von E. G r i s c - 
bach, Leipzig 1905 (Inaelverlag), Bd. II, S. 1337. 



229 

Siiedenroth. macht in seiner vortrefflichen ,, Psychologie" über 
diese Aufeinanderfolge und die Vergänglichkeit der Liebes- 
neigungen folgende Bemerkungen: 

„Da zwei Menschen sich nicht vollkommen gleich sind, so 
wird man auf einmal nur einen leidenschaftlich lieben; nach- 
einander kann man mehrere lieben, imd die Meinung, man könne 
im Leben nur einmal lieben, entspringt aus seltsamen Träumen 
über das Ideal, von dem man sich eine ganz falsche Vor- 
stellung macht. Es kann selbst ein Gegenstand erscheinen, der 
über das bisherige Ideal hinausgeht. Die Leidenschaft bedarf 
aber gar nicht eines durchgebildeten Ideals, sondern für das 
erste Fimdament nur dessen, was in der Theorie der Gefühle 
als Bedingung der Liebe gefunden ist. Daß aber jede Liebe sich 
gern unsterblich denkt, liegt in der Natur der Sache; denn bei 
der TJeberschwänglichkeit des Gegenstandes sieht sie nicht ab, 
wie sie enden sollte. Erfahrung belehrt darüber eines anderen, 
und die Einsicht erkennt leicht das Warum".^®) 

Ueber das häufige Vorkommen mehrerer zeitlich aufeinander 
folgender Liebesleidenschaften derselben Person dürfte keine 
Meinungsverschiedenheit herrschen. Aber ist es möglich, daß 
jemand zu gleicher Zeit mehrere Individuen liebt? Ich ant- 
worte auf diese Frage mit einem unbedingten Ja, und ich stimme 
Max Nordau vollkommen bei, wenn er erkläxt, daß man gleich- 
zeitig mehrere Individuen mit annähernd gleicher Zärtliclikeit 
lieben kann und nicht zu lügen braucht, wenn man jedes seiner 
Leidenschaft versichert.^') 

Gerade die ungeheuere mannigfaltige geistige Dif ferenzienmg 
der modernen Kulturmenschheit schafft die Möglichkeit einer 
solchen gleichzeitigen Doppelliebe. Unser geistiges Wesen schillert 
in den verschiedensten Farben. Es ist schwer, jedesmal die ent- 
sprechenden Komplemente in einem einzigen Individuum zu finden. 

Ich frage die Kenner der modernen Gesellschaft, ob ihnen nicht 
Mäjmer, aber auch Frauen begegneten, die soweit vorgeschritten 
sind in der Anpassung ihrer Liebesforderungen an die anatomische 
Analyse ihres Seelenlebens, daß sie für den romantischen, realisti- 
schen, ästhetischen Zug ihres Wesens, für die lyrische oder drama- 
tische Stimmung ihres Herzens, auch diesen entsprechende ver- 

A<) Ernst Stiedenroth, Psychologie zur Erklärung der 
Seelenerscbeinungen. Zweiter Teil. Berlin 1825. S. 224-<225. 
17) M. Nordau, Konventionelle Lügen, S. 306. 



230 

schiedene Geliebten verlangen, und wenn diese dann einmal 
sich ins Gehege kommen und aneinander geraten, in naivem Staunen 
ausrufen, wie die Heldin in Gutzkows „Seraphine" : „O liebt 
euch, liebt euchl Ihr seid ja eins, eins — in mirl" 

In dem Roman „Leonide" des Emerentius Scävola ist 
die Heldin zugleich die Gattin zweier Männer. Auch die Wirk- 
lichkeit kennt solche Doppelliebe, z. B. in dem Verhältnis der 
Pürstin Melanie Metternich zu ihrem Gatten, dem be- 
rühmten Staatsmann, und ihrem früheren Bräutigam, dem Baron 
H ü g e 1.^®) Besonders häufig ist die Befriedigung höherer, idealer 
Bedürfnisse und des bloßen Naturtriebes durch zwei verschiedene 
Personen. Es kann ein Mann zu gleicher Zeit ein geniales Weib 
und einfaches Naturkind lieben. In der Novelle „Doppelliebe" 
(1901) schildert Elisar von Kupffer die gleichzeitige Liebe 
eines Gelehrten zu seiner hochintelligenten Frau und zu einem 
drallen Dienstmädchen. Ein bekanntes Beispiel ist auch Wie- 
lands Doppclliebe, die ideale zu Sophie Laroche, die derb- 
sinnliche zu Christine Hagel. Aber nicht nur die Unter- 
schiede der Bildung, des Standes, des Charakters spielen in solcher 
mehrfachen Liebe eine Bolle, auch die bloße Differenz der körper- 
lichen Erscheinung vermag solche gleichzeitige Anziehung aus- 
zuüben, z. B. jemand liebt zugleich eine Brünette und eine Blon- 
dine, eine zierliche kleine Figur und eine große vornehme Er- 
scheinung. Dies ist aber im ganzen seltener als die Anziehung 
verschiedener geistiger Wesensarten. 

Solche Tatsachen sprechen nicht so sehr für eine Mehrheit 
der Liebesverhältnisse, als sie vielmehr die ungeheueren Schwierig- 
keiten der vollkommenen Harmonie zweier Menschen, eines Mannes 
und einer Frau, beleuchten. Es bleibt immer ein Best von Sehn- 
sucht, die der andere nicht erfüllen, immer ein Best von Streben, 
das der andere nicht verstehen kann. Dies kann aber das Ideal der 
Einliebe nicht im geringsten berühren, stellt es im Gegenteil 
nur um so leuchtender vor unser geistiges Auge. Es ist selten, 
nur wenigen erreichbar, wie jedes Ideal. Diese Seltenheit einer 
ganzen, vollen Liebe zwischen einem Mann und einer Frau 
betont auch Heinrich Laube in der Novelle „Die Maske", 



18; Vgl. darüber die Feuilletonnotiz in : Vossische Zeitung No. 286 
vom 17. Juni 1901. Auch Jean Paul schwärmte in Theorie und 
Praxis für solche Doppelliebe. Er nannte sie „Simultanliebe". 



• 231 

wo er die Liebe in all ihrer Mannigfaltigkeit und modernen 
Zerrissenheit schildert. 

Sehr schön hat Schleiermacher die Notwendigkeit, das 
Gute, das doch auch in dieser Wiederholung und Mannigfaltigkeit 
der Liebesempfindungen liegt, hervorgehoben. 

„Warum," sagt er, „soll es mit der Liebe anders sein, als mit 
allem übrigen? Soll etwa sie, die das Höchste im Menschen ist, 
gleich beim ersten Versuch von den leisesten Begungen bis zur 
bestimmtesten Vollendimg in einer einzigen Tat gedeihen können ? 
Sollte sie leichter sein als die einfache Kirnst zu es^sen und zu 
trinken, die das Kind lange erst mit ungeschickten Objekten und 
rohen Versuchen ausübt, die ganz ohne sein Verdienst nicht übel 
ablaufen? Auch in der Liebe muß es vorläufige Versuche 
geben, aus denen nichts Bleibendes entsteht, von denen aber jeder 
etwas beiträgt, um das Gefühl bestimmter und die 
Aussicht auf die Liebe größer und herrlicher zu 
mache n."^®) 

Auch Georg Hirth er klart, daß die wahre Meisterschaft 
der Liebe sich erst in der Wiederholung zeige. Es gibt ideale 
männliche und weibliche Don Juan-Naturen, die immer auf der 
Suche nach der echten, ewigen, einzigen Liebe sind, wie z. B. die 
von Mann zu Mann irrende und sich verirrende Wilhelmine 
Schröder-Devrient oder eine ähnliche Figur, die Titelheldin 
des Bomans „Faustine" der Gräfin Ida Hahn-Hahn. Viele, 
ja die meisten lernen die wahre Liebe niemals kennen, weil sie nicht 
den geeigneten Gegenstand derselben finden, und sie sterben, wie 
Bousseau in den „Bekenntnissen" so ergreifend sagt, ohne 
jemals gelebt zu haben, ewig verzehrt von dem Bedürfnisse, zu 
lieben, ohne dasselbe jemals vollkommen haben befriedigen zu 
können. Glücklich jene Karoline, die nach so vielen Männern 
endlich in ihrem Schelling den Mann fand, dessen mächtige 
Persönlichkeit ganz und gar ihrem Liebesideale entsprach. 

Das Bedürfnis nach jener großen tmd echten Liebe bleibt 
bestehen, trotz aller Enttäuschungen, Bitternisse und Leiden ver- 
fehlter Neigungen. Die Liebe ist eben der Mensch selbst, sie hat 
eine Entwicklung wie dieser, ein Drang zum Höheren, Besseren ist 
auch in ihr. Keine schmerzliche Erfahrung kann Liebe und Liebes- 
bedürfnis ganz vemicl^ten. In einem hübschen Verse hat ein fran- 

i») Friedrich Schleiermachers philosophische und ver- 
naschte Schriften. Berlin 1846, Bd. I, S. 473. 



> 



232 

zösiflcher faiciiter ies 18. Jaiit^ünierts, der Chevalier de Bon- 
nard, dieses Beharrende im Wesen der Liebe geschildert: 

H^lasI pourquoi le souvenir 
De ces erreurs de mon aurore 
Me fait-il pousser un soupirl 
Je dois peut-6tre aimer encore. 
Ahl si j*aime encore, je sens bien 
Quo je serai tonjours le m6me; 
Le temps au coeur ne cbange rien: 
Ehl n'est-«ce pas ainsi qu'on aime? 

t AYahre Liebe ist das Produkt reifster Entwicklung. Deshalb 

'{ist sie selten und kommt spät. Deshalb kommt, wie Nietzsche 

|l)emerkt. die Zeit zur Ehe viel früher als die Zeit zur Liebe. Erst 

durch die geistigen Beziehungen gewinnt die Liebe Dauer. Ihre 

. zeitliche Verlängerung wird fast nur durch eine Erweiterung und 

; Variation der seelischen Beziehungen bewirkt. Die körperlichen 

' allein verlieren bald durch Gewohnheit den Beiz der Neuheit, 

i woraus sich die Tatsache erklärt, daß so viele Ehemänner trots 

der körperlichen Schönheit ihrer Frauen ihnen untreu werden, oft 

zugunsten viel häßlicherer Frauen, ja Mädchen aus niedrigem 

Stande oder gar Prostituierten. Die Ooncourts machen in 

ihrem Tagebuch die Bemerkung, daß die Schönheit, die ein Mann 

bei einer Kokotte mit 100000 Francs bezahle, ihm nicht 

10000 Francs bei der Frau wert sei, die er heirate und die sie 

ihm außer der Mitgift noch obendrein zubringe. Deshalb gab ein 

Priester einer Frau, die sich beklagte, daß ihr Mann anfinge, 

.kühl zu werden, den nicht schlechten Bat: „Mein liebes Kind, 

auch die ehrenhafteste Frau muß einen kleinen Hauch von einer 

Halbweltdame an sich haben.'* 

Die größte Gefahr für die Liebe, die daher gerade in der Ehe 
am meisten hervortritt, ist die Gewohnheit. Sie wirki auf 
doppelte Weise. Einmal kann sie schon an imd für sich durch 
die Monotonie der ewigen Wiederholung die Liebe abstumpfen. 
„Es ist einer eigenen Betrachtung wert," sagt Goethe, „daA 
die G^ewohnheit sich vollkommen an die Stelle der Liebesleiden- 
schaft setzen kann; sie fordert nicht sowohl eine anmutige als 
bequeme Gegenwart, alsdann aber ist sie unüberwindlich." Zweitens 
aber widerspricht die Gewohnheit dem früher erwähnten Bedürfnis 
nach Variation, das ewige Einerlei des täglichen Beisammenfteins 
schläfert die Liebe ein, dämpft ihre Glut, ja erzeugt einen latenten 
oder offenen Haß zwischen den Ehegatten. Dieser Haß wird 



233 

gerade iu Liebesehen am häufigsten beobachtet,'^) eben weil hier 
das Ideal durch die rauhe Wirklichkeit um so grausamer zerstört 
wird, um so m^hr, wenn das intime Zusammenleben Menschliches 
— Allzumenschliches enthüllt und den letzten idealen Schleier 
fortnimmt. Mit Hecht hat man z. B. das gemeinsame Schlaf- 
zimmer der Ehegatten den „Mord der Liebe" genannt. 

Eine weitexe Ursache unglücklicher Ehen sind die ungünstigen 
Altersverhältnisse der Ehegatten. Am bedenklichsten ist das 
allzu frühe Eingehen der Ehe. 

Vor Eingehen des Bürgerlichen Gesetzbuches erlangte im 
Deutschen Beiche das männliche Geschlecht mit dem vollendeten 
20., das weibliche mit dem vollendeten 16. Lebensjahre die Ehe- 
mündigkeit. Die Genehmigung zu Heiraten vor Erreichung dieses 
Alters konnte in Preußen der Justizminister bewilligen. Nach 
dem Bürgerlichen Gesetzbuch dürfen Männer nicht vor Eintritt 
der Volljährigkeit, Frauen, wie bisher, nicht vor Vollendung des 
16. Lebensjahres eine Ehe eingehen. Die Frauen können von dieser 
Vorschrift befreit werden, die Manner nicht. Dagegen kann dem 
Manne die Heirat vor dem 21. Lebensjahre dadurch ermöglicht 
werden, daß er durch das Vormimdschaftsgericht für volljährig 
erklärt wird, was nach Vollendung seines 18. Lebensjahres ge- 
schehen kann. 

Während nim vor dem Jahre 1900 durchschnittlich jährlich 
noch nicht 300 männliche Personen unter 20 Jahren mit Geneh- 
niigung des Jflstizministers die Ehe schlössen, hat — eine bedenk- 
liche Erscheinimg! — seit dem Inkrafttreten der neuen, das Ehe- 
mündigkeitsalter der Männer um ein Jahr erhöhenden gesetz- 
lichen Bestimmung die Anzahl der vorzeitig heiraten- 
den männlichen Personen eine sehr beträchtliche 
Steigerung erfahren; denn im Jahre 1900 wurden 1546, im 
Jahre 1901 sogar 1848 männliche Neuvermählte imter 21 Jahren 
gezahlt. Diese frühzeitig Heiratenden verteilten sich auf alle 
Berufe und fast alle sozialen Stellimgen. 

Diese Zunahme der vorzeitigen Heiraten ist überhaupt ein 
bezeichnendes Symptom des vorzeitigen Erwachens der Sexualität 



*^) Vgl- Eduard v. Hartmann, Philosophie des Unbe- 
wriBten^ S. 205. In einer französischen Sammlung: „L'amonr par 
les grands ^crivains'' par Julien Lemer, Paria 1861, S. 14 findet 
sich der Ausspruch : „Ordinairement, lorsqu'on ae marie par a m o u r , 
ii vieot ensuite de la haine; c'est quo j*ai yu de mes ^eux." 



234 

in unserer Zeit, eine Erscheinimg, auf die wir später noch aus- 
führlicher zurückkommen. Vorkommnisse,! wie die gemeinsame 
Flucht eines 14 jährigen Mädchens mit einem 15 jährigen Knaben, 
die bereits ein Liebesverhältnis miteinander unterhielten und 
behaupteten, nicht mehr ohne einander leben zu können,'^) sind 
durchaus keine Seltenheiten. Es bedarf aber wohl keiner näheren 
Begründung, daß Personen, denen jede geistige und sittliche Reife 
fehlt, für die Ehe sich nicht eignen, die nur als ein Bund zweier 
vollentwickelter Persönlichkeiten einige Bürgschaften hinsichtlich 
der Dauer und des Lebensglückes bietet. In dieser Beziehung 
scheinen mir die Bestimmungen des Bürgerlichen Gesetzbuches 
noch nicht einschränkend genug zu sein. 

Ein zweiter bedeutsamer Faktor in der Aetiologie unglück- 
licher Ehen ist der allzu große Altersunterschied der Ehe- 
leute, wobei es eine alte Erfahrung ist, daß das sehr viel höhere 
Alter des Mannes weniger ungünstig wirkt als das der Frau. Dafür 
spricJit schon die Tatsache, daß Männer bis in das höchste Alter 
— man hat sogar bei einem Hundertjährigen noch reife Samen- 
fäden gefunden**) — ihre Geschlechtskraft bewahren, die Be- 
gattung ausüben und Kinder zeugen können, während bei Frauen 
im Alter von 45 bis 50 Jahren mit dem Aufhören des Monats- 
flusses die Fortpflanzungsfähigkeit, freilich nicht die Begattungs- 
fäbigkeit und Wollustempfindung, erlischt. Natürlich muß hier 
ganz von abnormen Fällen, wie vorzeitiger Impotenz des Mannes 
und krankhaften Zuständen bei Mann und Frau, abgesehen werden. 
Es handelt sich hier nur um eine Betrachtimg der physiologischen 
Altersunterschiede. Metschnikoff legt auf diese physio- 
logische Disharmonie der Eheleute großes Gewicht. Er nimmt 
freilich an, daß beim Manne die geschlechtliche Erregbarkeit im 
allgemeinen weit früher auftritt als bei der Frau \md daß zu 
einer Zeit, wo die Frau auf dem Höhepunkt ihrer geschlechtlichen 
Begierden steht, die geschlechtliche Tätigkeit beim Manne bereits 
zu sinken beginnt. Das ist aber nicht nur dann der Fall, wenn 
der Mann bei Schließung der Ehe beträchtlich älter als die Frau 
war. Ein Unterschied von 5 bis 10 Jahren macht da wenig aus, 
dagegen kann ein solcher von 10 bis 20 Jahren schon bedeutend 
ins Gewicht fallen. Im allgemeinen sollte man Ehen, für die eine 



») B. Z. am Mittag, No. 210 vom 7. September 1900. 
w) Annales d'hygiöne publique 1900, 8. 840. 



235 

lebenslängliche Dauer ins Auge gefaßt wird, nur bei einem Alters- 
unterschied bis höchstens 10 Jahren eingehen. 

Mit fortschreitender Kultur wird das Heiratsalter immer 
weiter hinausgerückt (in Westeuropa 28 bis 31 Jahre für Männer, 
23 bis 28 füi* Frauen im Durchschnitt), die Zahl der Erwachsenen, 
die erst sehr spät oder auch nie zur Ehe schreiten, nimmt be- 
ständig zu. Das ist teils eine Folge der geistigen Differenzierung 
und der immer größer werdenden Schwierigkeit, die oder den 
passenden Lebensgefährten zu finden, teils eine solche der wachsen- 
den ökonomischen Schwierigkeiten in bezug auf die Begründimg 
eines Hausstandes. 

Schmoller hat berechnet, daß unter normalen Verhält- 
nissen etwa 50 <yo, also die Hälfte der Bevölkerung eines Landes, 
verheiratet bezw. verwitwet sein müsse. In Europa sind es aber 
viel weniger. So sind von den über 50 jährigen Leuten in Ungarn 
3, in Deutschland 9, in England 10, in Oesterreich 13, in der 
Schweiz 17 o/o unverheiratet. 

Die Zahl der Verheirateten imd Verwitweten u^ter den über 
15 Jahre alten Individuen schwankt in den verschiedenen Staaten 
zwischen 56 (Belgien) und 76 <Vo (Ungarn). In England waren es 
(1886 — 1890) 60, in Deutschland 61, in den Vereinigten Staaten 
62, in Frankreich 64 o/o. Zählt man bloß die Verheirateten ohne 
die Verwitweten, so sind es 8 bis 10 o/o weniger. Vergleicht man 
nun die Verheirateten allein mit der ganzen Bevölkerung, so sind 
es nur noch 37 bis 39 o/o statt der oben genannten 50 o/o. Und 
dieser Prozentsatz wird voraussichtlich noch weiter abnehmen. 
Man muß jedenfalls in Zukunft mit dieser Tatsache rechnen, wenn 
auch Schwankungen im einzelnen die Heiratsfrequenz vorüber- 
gehend erhöhen können. Hier spielen besonders ökonomisch- 
wirtschaftliche Faktoren eine große Rolle. 

Es ist aber ganz falsch, wenn man unsere Zeit als die Zeit 
der „G e 1 d e h e n" charakterisiert, in der die Verbindung zwischen 
Mann und Frau zu einem bloßen Handelsartikel geworden sei. 
Und es fehlt nicht an Weltverbesserern, die dem Mammonismus 
alle Schuld an dem verworrenen xind unglückseligen Liebesleben 
der Gegenwart in die Schuhe schieben und Amors Tanz um das 
goldene Kalb sehr anschaulich und dramatisch darstellen. 

Die Tatsachen der Kulturgeschichte und der Völkerkunde 
widersprechen aber durchaus der Auffassung, als ob dieser mammo- 
üistische Charakter der Ehe ein Produkt unserer modernen Kultur 



236 

sei. Es ist im Gregenteil ein Ueberbleibsel früherer primi- 
tiver Kulturen, wo wirtschaftliche Faktoren stetfit eine weit größere 
Bedeutung für die Ehe besaßen als geistige Sympathien. So weist 
Heinrich Schurtz darauf hin, daß bei den meisten Natur- 
völkern die Ehe mehr eine Sache des Greschaftes als der Neigung 
sei. Und wo kommen Greldheiraten häufiger vor als gerade bei 
den urkräftigen deutschen Bauern, wo überhaupt alles Kon- 
ventionelle den breitesten Eaum einnimmt?'') 

Erst die höhere, verfeinerte, geistige Kultur bringt auch eine 
höhere Auffassimg der Ehe als Verwirklichung des Ideals der 
individuellen Einliebe. „Die Ehe," sagt Ludwig Stein mit 
Becht, „ist nicht etwa in tmserem Zeitalter erst zu einem national- 
ökonomischen Begriff entartet, sondern umgekehrt: der ökono- 
mische Hintergnmd der Ehe, wie er bei den Naturvölkern durch- 
weg in die Erscheinung tritt, beginnt sich erst im Bahmen 
unseres Kultursystems zu verflüchtigen und von 
seinen metallenen Schlacken allgemach zu be- 
freien."»*) 

Damit soll durchaus nicht geleugnet werden, daß auch noch 
heute der ökonomische Faktor bei der Eheschließung eine bedeut- 
same Bolle spielt, freilich gewiß nicht in dem Maße, daß z. B. 
die Heiraten in einem festen und bestimmten Verhältnis zu den 
Kompreisen stehen, wie Buckle behauptet.**) Ohne Zweifel 
haben wirtschaftliche Zustände einen großen Einfluß auf die 
Heiratsfrequenz. Viele Ehen sind auch heute noch bloße Geld- 
heiraten. Aber doch spielen heute die Eigenschaften des Geistes 
und Gemütes, ganz abgesehen von der körperlichen Erscheinung, 
eine mindestens ebenso große Bolle bei den Eheschließungen. Nur 
in den Ständen, die zu einer bestimmten äußeren Lebenshaltung 
sich verpflichtet fühlen, im höheren Bürgertum, der Finanz- und 
Geburtsaristokratie, dem Offiziersstande, ist das ökonomische 
Moment maßgebend für die Heirat. Bekannt ist ja auch da^ 
Vorherrschen der Geldehen imter den Juden. 

Man kann ein Feind des Mammonismus sein und doch die 



w) Vjri. Elard H. Meyer, Deutsche Volkskunde, Straßburg 
1898, S. 1G6. 

**) Ludwig Stein, Der Sinn des Daseins. Tübingen und 
Leipzig 1904. S. 235. 

*^) H. Th. Buckle, Geschichte der Zivilisation in England. 
Deutsch von A. Rüge, Leipzig und Heidelberg 1864. Bd. I, 8. 28—29. 



237 

Notwendigkeit einer ökonomischen Begelung des ehelichen Verh&lt- 
nisses im Hinblick anf die zu erwartende Nachkommenschaft, auf 
die veränderten Lebensbedingungen, die Vergrößerung des Haus- 
halts und die Sicherung der eigenen persönlichen Unabhängig- 
keit und freien Entwicklung anerkennen. Diese ökonomische 
Begelung verträgt sich durchaus mit der Forderung persönlicher 
Sympathien und innigster körperlich - geistiger Harmonie der 
Ehegatten. 

Schmoller erblickt mit Becht den wesentlichsten Fort- 
schritt der modernen Familie darin, daß sie aus einem Produktions- 
und Greschäftsinstitut mehr und mehr zu einem Institut der sitt- 
lichen Lebensgemeinschaft wurde, daß sie durch die Beschrän- 
kung ihrer wirtschaftlichen die edleren, idealen Zwecke mehr ver- 
folgen, ein inhaltsreicheres Gefäß für die Erzeugung sympathischer 
Gefühle werden konnte.*^) 

Für die Tatsache der wachsenden Abneigung gegen die Ehe, 
für die Abnahme der Litensität des „Heiratstriebes", um einen 
Ausdruck des Moralstatistikers Drobisch zu gebrauchen, die 
sich besonders in den höheren Klassen der modernen europäischen 
und amerikanischen Gesellschaft geltend macht, kommt viel 
weniger die allerdings auch oft brennende Geldfrage als ursäch- 
licher Faktor in Betracht als vielmehr die immer größer werdenden 
Schwierigkeiten individueller seelischer üebereinstimmung, bedingt 
durch Unterschiede des Alters, der Charaktere, der Erziehung, 
Lebensanschauung und individuellen Entwicklung während der 
Ehe. Genährt wird diese Abneigung gegen die Ehe durch gewisse 
später noch zu schildernde Zeitrichtungen und Umwertungen des 
Verhältnisses der Geschlechter. 

Vielen erscheint auch der Gedanke der „ehelichen 
Pflicht", wie er durch das Gesetz festgelegt worden ist, als 
ein furchtbarer Zwang, als eine Zumutung körperlicher und 
seelischer Prostitution. Mit dem modernen Bewußtsein der freien 
Persönlichkeit verträgt sich in der Tat nicht mehr jene stoische 
Auffassung der Pflicht in der Ehe, wie sie z. B. Chateau- 
briand in seinen Memoiren (deutsche Ausgabe, Stuttgart 1849, 
Bd. II, S. 168—169) verkündet, wenn auch freilich jemand, der 
eine Ehe eingeht, wissen sollte, daß er dadurch dem anderen 



*«) G. Schmoller, Grundriß der allgemeinen Volkswirtschafts- 
lehre, Leipzig 1901. Bd. I, S. 260. 



238 

gewisse Bechte zugesteht, deren Nichterfüllung eben den Charakter 
und die Idee der Ehe aufhebt. So ist das Verhalten einer Berliner 
Lehrerin, die sich beharrlich der physischen Hingebung an ihren 
Gatten mit der Begründung entzog, sie habe nur eine „ideale" ' 
Ehe eingehen wollen (nach Art der mystischen „Reformehe" der 
Amerikanerin Alice Stockham), entschieden zu verurteilen. 
Aber doch gibt es einen furchtbaren Mißbrauch der y^e- 
licheu Pflichten" durch rücksichtslose Männer, die von ihren 
Frauen schrankenlose, exzessiv häufige Befriedigung ihrer Oe- 
schlechtslust ohne Rücksicht auf den jeweiligen körperlichen und 
geistigen Zustand derselben verlangen. Daß hier der Begriff der 
ehelichen Pflichten entschieden einer Revision bedarf, hat neuer- 
dings Dorothee Goebeler in einem Aufsatze „Von ehelichen 
Pflichten" in der „Welt am Montag" (vom 6. August 1906) über- 
zeugend dargelegt. 

Zu häufig auch kommt es vor, daß der Mann einfach die 
Gewohnheiten seines außerehelichen Geschlechtsverkehrs auf die 
Ehe überträgt und seine aus dem Verkehr mit Prostituierten oder 
auch nur mit Priesterinnen der Augenblicksliebe gewonnenen Er- 
fahrungen in der Ehe verwertet, die Gattin als Objekt der Sinnen- 
lust behandelt, ohne auf ihre Individualität und ihre feineren 
erotischen Bedürfnisse Rücksicht zu nehmen. 

Diese physische Dissonanz ist noch nicht einmal das 
schlimmste. Zu oft ist es die bloße Banalität, die in der Ehe 
die Liebe tötet. Man wartet wie Nora auf das Wimderbare, das 
nicht kommt. Indessen gehen die Jahre dahin, die sinnliche Leiden- 
schaft, die ja so sehr vom geistigen Milieu beeinflußt wird, 
schwindet auch allmählich und damit auch die letzte Möglichkeit 
eines seelischen Kontaktes. So ist der Charakter der meisten 
Ehen Einsamkeit. Sie stellen die Tragödie der Verlassenheit, 
des ewigen Fürsichseins der Ehegatten dar. 

Welche verhängnisvolle Rolle endlich Krankheiten in der 
Ehe spielen, welche tragischen Konflikte hier auftreten können, 
kann man aus dem großen Werke „Krankheiten und Ehe" ersehen, 
einer von H. Senator und S. Kaminer herausgegebenen 
enzyklopädischen Darstellung der Beziehungen zwischen Gesund- 
heitsstörungen und Ehegemeinschaft (München 1904). 

Die Kalamitäten der modernen Ehe werden in der folgenden 
i psychologisch interessanten Schilderung des Irrenarztes Hein* 



239 

rieh Laekr (üeber Irrsein und Irrenanstalten, Halle 1852, 
S. U ff.) grell beleachtet : 

„Wie werden aber auch in der Wirklichkeit Ehen geschlossen ? 
Im Hinunel sicherlich die wenigsten, wenn man darunter den Bund 
versteht, der mit Bewußtsein der Opfer und der durch die innere 
Notwendigkeit hervorgerufenen und durch Selbstachtung und 
Achtung gegründeten gegenseitigen tiefen Neigung gewunden wird ; 
in geselligen Zirkeln, ziunal bei Kaffeegesellschaften, die meisten. 
Dabei kommen nun freilich meist nur die Fragen der gegenseitigen 
Benutzung, zu denen so viele Ehen später herabsinken, in Be- 
tracht« während die inneren Empfindungen und gegenseitigen 
Neigungen als Nebensache betrachtet werden und nur als Tünche 
über das Ganze dienen. Dies würde nun noch sich entschuldigen 
lassen; aber daß man die Liebe sich ohne Selbständigkeit ent- 
wickeln läßt und daß nicht selten Frauen, die in den jüngeren 
Jahren noch so unkundig über den Ernst solcher Schritte erhalten 
werden, in denen aber eine Welt von Gefühlen schlummert, die 
sich mitzuteilen drängen, dadurch zu dem ehelichen Bunde hin- 
gedrängt werden und nun wirklich auch zu lieben glauben und 
sich zärtlich anschmiegen, weil ihnen die Freiheit dazu gestattet 
ist, das ist's, was man bedauern muß. Der Mann ist in einem 
solchen Verhältnisse an Jahren voran, hat sich durch Erringung 
eines Wirkungskreises gestählt; die Frau ist voller dunkler Emp- 
findungen, unklar über das, was sie empfangen und geben soll und 
der Erde oft dornenvolle Bahn verlangt. Sie ist so geneigt bei 
dem Gefühl der inneren Schwäche, sich an den Kräftigeren anzu- 
schließen, daß sie noch viel weniger in dem Rausche der sinn- 
lichen Erregung und in dem Zustande, worin beide, um zu gefallen, 
die beste Seite nach außen zeigen, die Bedeutung eines solchen 
Schritten zu erwägen vermag. Dann freilich, wenn in der betretenen 
Bahn der Ehe der Strom der Liebe langsamer verläuft, öffnen 
sich unbeflort die Augen, tritt die nackte Wirklichkeit anstatt 
der Phantasiegebilde, die die Selbsttäuschung gebar, hervor und 
verjagt das, was als Liebe erschien, es aber nicht war. Was 
ist nicht alles mit diesem Namen belegt worden! Er mußte den 
Beckmantel für eine Menge egoistischer Triebe hergeben, mögen 
sie Eitelkeit, Wohlleben, Ehrgeiz, Trägheit heißen ; und wie viele 
Ehen werden nicht gerade deshalb von selten des weiblichen Teiles 
geschlossen, um den aus ähnlichen Ursachen hervorgegangenen imd 
entsetzlich drückenden gegenwärtigen Verhältnissen zu entfliehen. 



240 

weil die Zukunft im Gegensatz zur Gegenwart lachender erscheint, 
das Bedürfnis nach gegenseitiger Hingebung vorwaltet und der 
unselbständige Wille vorherrscht, sich den Idealen des Lebens 
ohne Vermittlung der sittlichen und logischen Gesetze n&hem 
zu wollen; ein Zustand, der, wenn die Täuschung schwindet, in 
dem besseren Gemüte nur zu leicht zu einer inneren Zerrissen- 
heit oder zu einem schwankenden Hin- und Herringen führt . . . 

Es kommen soviel Zeiten der Verstimmung, Abspannung, 
Traurigkeit, Sorge im Verlaufe der Ehe, und die Menschen ver- 
gessen so sehr der goldenen Hegel, daß sie diese Perioden mit sich 
abzumachen haben und daß beide Teile sich gegenseitig möglichst 
zur Erhebung und nicht zum Damiederbeugen gereichen sollen, 
daß nur zu leicht die Heiterkeit und der Frohsinn, der aus ihr 
hervorwachsen und jene besiegen soll, verschwindet. Ein heftiges 
Weh, das nur selten auf unser Gemüt einstürmt, ergreift bei weitem 
nicht 80 unseren Organismus, als andauernd und wiederholt sich 
äußernde G^emütsbewegungen, besonders die aus den Jämmerlich- 
keiten des Lebens entstehenden, die wir nicht nur in ims zu 
bemeistem vermögen, sondern von denen wir auch aus Egoismus 
verlangen, daß andere sie mit ims auskämpfen sohlen oder deren 
Wirkungen wir anderen fühlbar machen. Sie rufen in uns eine 
Heizbarkeit des Nervensystems hervor, die nicht nur diese Empfäng- 
lichkeit steigert, sondern auch unsere Verdüsterung vermehrt und 
in beide Teile eine Verstimmung legt, die die Ehe mehr zur Last 
als zur Lust macht. 

Der Egoismus der Liebe, der in dem „Käthchen von Heil- 
bronn'' seinen exzessiven Höhepunkt gefunden hat, der die Liebe 
herabzieht, weil er den höheren Standpimkt der Selbständigkeit 
zerstört, ist mit Mißtrauen imd der Lüge in solchem Bunde das 
Grab der Liebe und des ehelichen Glückes und damit der frucht- 
bare Boden von einer Menge von zerstörenden Einflüssen, die 
auf das Gemütsleben einwirken." 

Daß nicht bloß Männer, sondern auch Frauen die großen 
Gref ahren der Ehe für die Liebe zu würdigen wissen, beweist z. B. 
die Aeußerung von Friedavon Bülow (in „Einsame Frauen", 
1897, S. 93, 94): 

„In dieser Zeit habe ich oft über das Zusammenleben zu 
zweien nachgedacht. Ob nicht ein beständiges engstes Aufeinander- 
angewiesensein immer gegenseitigen Abscheu heranzüchten muß? 
&f an lernt einander nach und nach auswendig. Die verschleiernden 



241 

Lügen, die im gesellschaftlichen Verkehr eine so wichtige Holle 
spielen, werden unmöglich. Die Charaktere zeigen sich nackt in 
ihrer Schwachheit, ihrer Liebesunkraf t, ihrer Eitelkeit, ihrer Ich- 
sucht. Dann wirken die verhüllenden Phrasen nur unwahr und 
stoßen ab, statt Illusionen hervorzurufen. Wie bei erwachender 
Liebe alle Seelenkräfte auf Entdeckung von Vorzügen des anderen 
gerichtet sind, so ist hier die Seele auf beständigen Entdeckungs- 
reisen nach Fehlem. In beiden Fällen findet man von dem, was 
man sucht, die FüUe.^* 

Auch die Dichter lassen uns tiefe Blicke in den ewigen Zwie- 
spalt zwischen Liebe tmd Ehe tun. Wer kennt nicht des Idealisten 
und Optimisten Schiller: „Mit dem Gürtel, mit dem Schleier 
reißt der schöne Wahn entzwei"? Und die erschreckend deut- 
liche Charakteristik des Pessimisten Byron (im „Don Juan", 
Canto ni, Strophe 5 ff.): 

Es ist betrübt, man könnte drüber weinen, 
Ein Merkmal unsrer Schwäch' und Sündlichkeit, 
Daß Lieb' und Ehe selten sich vereinen, 
Da ein Gestirn doch beiden Dasein leiht. 
Wie saurer Essig wird ans süßen Weinen, 
So Eh' aus Liebe, imd es schärft die Zeit 
Den duft'gen Trank voll himmlischer Gerüche 
Zu einem niedrigen Gewürz der Küche. 

Antipathie herrscht zwischen beiden Phasen, 
Ein Stil der Schmeichelei, der sehr beredt, 
Doch kaum sehr ehrlich ist, voll süßer Phrasen, 
Ist Mode, bis die Wahrheit kommt — zu spat. 
Und doch, was soll man machen? — schweigend rasen I 
Der Sinn der Worte selbst wird ganz verdreht, 
Zum Beispiel, Leidenschaft heißt „Hochgeführ^ 
Beim Liebenden, beim Gatten „ridikül*'. 

Es ist, als ob ein häuslich ehrbar Los 
Und echte Lieb einander fliehen müßten. 
Der Dichter malt die Werbung lebensgroß, 
Und von der Ehe gibt es meist nur Büsten. 
Wer kümmert sich um eh'liches Gekos? 
Es war ein Unrecht, wenn sich Gatten küßten. 
Ob wohl Fetrark als Lauras Mann Sonette 
Sein ganzes Leben lang geschrieben hätte? 

Uebersetzung von O. Gildemeister. 

Es ist bezeichnend, daß die größten Lobredner der Ehe die 
— Junggesellen sind, die die Ehe nicht aus Erfahrung kennen, 

Bloch I Sexualleben. 2. u. 8. Auflasse. ia 

(6.— 18. TauBend.) 



242 

aber auch im Zölibat nicht das wahre Glück gefunden haben, 
nach dem Worte des Sokrates, daß es gleich sei, ob man 
heirate oder nicht, man werde es in jedem Falle bereuen. 

Unsere Zeit steht jedenfalls unter dem Zeichen der Ehe^ 
feindschaft. Es ist die Form der heutigen Ehe, d.e die meisten 
schreckt, der durch das neue Bürgerliche Gesetzbuch von 1900 
gegen früher noch verschärfte Zwang. Der moderne Individualis- 
mus lehnt sich gegen die unleugbare Unfreiheit auf, die die 
gesetzliche Ehe mit sich bringt. Der Schatten, den nach einem 
Worte E. Dührings die Zwaugsehe auf Liebe und edleres 
Geschlechtsleben geworfen hat, ist heute größer als je. 

Daher die wachsende Unlust zum Heiraten, die bezeichnender- 
weise bereits auch beim weiblichen Geschlecht in verstärktem 
Maiio sich geltend macht, daher vor allem die außerordent- 
liehe Zunahme der Ehescheidungen. 

Laut einer Notiz der „Vossischen Zeitung" (No. 137 vom 
22. März 1906) hat in Deutschland die Zahl der Ehescheidungen 
im Jahre 1904 eine abermalige erhebliche Zunahme erfahren. 
Sie belief sich auf 10882 gegen 9932 im Jahre 1903 und 9074 
im Jahre 1902, so daß im Jahre 1904 eine Erhöhung um 950 
oder 9,6 o/o stattgefunden hat 

Schon in den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts hatte eine 
starke Zunahme der Ehescheidungen stattgefunden, dergestalt, daß 
die Zahlen von 1894 bis 1899 von 7502 auf 9433 stieg. Man nahm 
damals an, daß die Steigerung damit zusammenhinge, daß das 
Bürgerliche G^esetzbuch die Ehescheidungen in den meisten Staaten 
erschwerte, so daß man noch vor dessen Einführung vielfach zu 
Klagen auf Ehescheidung schritt. In der Tat sank dann die Ehe- 
scheidungsziffer nach Einführung des Bürgerlichen Gesetzbuches 
im Jahre 1900 auf 7922 und 1901 auf 7892. Seitdem fand 
dann aber wieder eine starke Zunahme statt, 60 
daß die Ziffer des Jahres 1904 um 2990 oder 38<Vb über 
der des Jahres 1901 lag. Diese Steigerung ist hauptsäch- 
lich darauf zurückzuführen, daß die sogenannten relativen 
Scheidungsgründe des § 1568 BGB.^^) eine große Anzahl 



") Der § 1668 lautet : „Ein Ehegatte kann auf Scheidung klagen, 
wenn der andere Ehegatte durch schwere Verletsung der 
durch die Ehe begründeten Pflichten oder durch ehi^ 
loses oder unsittliches Verhalten eine so tiefe Zerrüttung des ehe- 
lichen Verhältnisses verschuldet hat, daß dem Ehegatten die Fort- 



243 

von Ebescheidungsklagen gerechtfertigt erscheinen lassen. Die 
weite Dehnbarkeit der Bestimmungen dieses Paragraphen l&ßt 
dem Eichter einen großen Spielraum für ihre Anwendung. 

Wie die Steigerung der Ehescheidungen die bestehenden Ehen 
beeinflußt, zeigt sich, wenn man die Zahl der Scheidungen mit 
der der Ehen vergleicht. Setzt man die Ehescheidungen ins Ver- 
hältnis zu, den bestehenden Ehen, deren Zahl nach der Volks- 
zählung von 1900 (unter Zugrundelegung der verheirateten Männer 
und Frauen) 9 796440 beträgt, so treffen auf 10000 Ehen im 
Jahie 1900 und 1901 je 8,1, 1902 9,3, 1903 10,1 und 1904 11,1 
Ehescheidimgen. Es sind also im Jahre 1904 von 10000 Ehen 
3 mehr geschieden als im Jahre 1901. 

Ich habe bereits die imgeheuere Bedeutung der Ehescheidung 
für die Anerkennung des temporären Charakters jeder Ehe von 
Seiten des Staates hervorgehoben, wodurch im Grunde die Berech- 
tigung der freien Liebe, welche ja nichts weiter ist als eine 
temporäre Ehe, zugestanden und diese dadurch legitimiert wird. 
Deutlicher tritt das noch hervor, wenn man an die gesetzliche 
Möglichkeit mehrerer Ehescheidungen für ein imd dieselbe 
Person denkt. Dafür lassen sich ja zahlreiche Beispiele aus der 
Wirklichkeit anführen. So wurde ein bekannter Schriftsteller 
nicht weniger als viermal geschieden, tind von seinen vier 
Frauen waren einige ihrerseits von anderen Männern geschieden 
worden. Zwei Ehescheidungen auf beiden Seiten sind nichts 
Seltenes. Vergegenwärtigt man sich einmal diese Tatsache recht 
offen und ehrlich, so muß man gestehen : das ist ja nichts anderes 
als die verrufene „freie Liebe'S dieses Schreckgespenst aller braven 
Philjjster, eine freie Liebe, die bereits offenkundig 
die staatliche Sanktion bekommen hat. 

Wenn vier und fünf Ehescheidungen bei derselben Person 
ohne weiteres durch gerichtliches Urteil ausgesprochen werden, 
also die staatliche Sanktion erhalten, so kann man diese Zahl 
theoretisch beliebig vergrößern. 

Wer die menschliche Natur kennt, wer da weiß, daß das Be- 
wußtsein der Freiheit bei reifen Menschen — und nur diese 



Setzung der Ehe nicht zugemutet werden kann. Als schwere Ver- 
letzung der Pflichten gilt auch grobe Mißhandlung." — Es ist klar, 
d&B der gesperrt gedruckte Passus einer sehr vielfältigen Deutung 
fiibig ist tmd daher den Fortfall des früheren Scheidungsgrundea 
der gegenseitigen Abneigung einigermaßen kompensiert. 

16* 



214 

sollten eine Ehe eingehen — auch das Pflichtbewußtsein 
stärkt und festigt, der braucht die Einführung der freien Ehe nicht 
zu fürchten. Im Gegenteil äarf man annehmen, daß Scheidungen 
lange nicht so häufig vorkommen würden wie unter der Zwangsehe. 

Nach dem BGB. kann die Ehescheidung wegen IJhebruchs, 
Gefährdung des Lebens, böswilligen Verlassens, Mißhandlung, 
Geisteskrankheit, strafbaren Handlungen, ehrlosen und unsitt- 
lichen Verhaltens, schwerer Verletzung der ehelichen Pflichten 
erfolgen. "Wie wir sahen, gewährt die letztere Bestimmung dem 
Bichter die Möglichkeit, auch in schwierigen Fällen durch 
humane und verständige Auslegung des Begriffes „Pflicht- 
verletzung" die Ehescheidung auszusprechen. Es ist klar, daß 
bei allen Ehescheidungen das Interesse etwa vorhandener Kinder 
besonders gewahrt werden muß. 

Die französische Ehe, für die bisher die denjenigen des BGB. 
ähnlichen Bestimmungen des Code Napoleon galten, soll neuer- 
dings moralisch und zivilrechtlich reformiert werden. Es hat sich 
in Paris ein aus angesehenen Schriftstellern, Juristen und Frauen 
bestehendes „Komitee der Ehe-Reform" gebildet, dem u. a. Pierre 
Louys, Marcel Prevost, der Richter Magnaud, Octave 
Mirbeau, Maeterlinck, Henri Bataille, Henri 
Coulon, Poincare angehören. 

In dem vom Präsidenten des Komiteesr, Henri Coulon, 
der französischen Deputiertenkammer und dem Senat überreichten 
Motivierung eines neuen Gesetzentwurfes heißt es u. a.:**) 

Es wäre kindisch, verhehlen zu wollen, daß die Einrichtung 
der Ehe in eine kritische Phase getreten ist. Philosophen und 
Romanciers verkünden um die Wette den Zusammenbruch dieser 
Institution. Vielleicht gehen sie darin etwas zu weit. Aber es 
ist nichtsdestoweniger wahr: Es liegt ein wesentliches und ernst- 
haftes Interesse zutage, die Eheeinrichttmgen zu reformieren. 
Läßt man diesen Ausgangspunkt gelten — welchen Weg 
müßte man einschlagen? 

Der Eintritt in die Ehe muß so leicht und unbeschwerlich 
wie möglich gestaltet werden; auf diese Weise wird die Zahl 
der Ehen, die sich auf Liebe gründen, rasch anwachsen. Dann 
muß man den Gatten gleiche Rechte, gleiche Pflichten, 
gleiche Verantwortlichkeit bewilligen; man wird die 



M) Nach Zeitung „Der Ta^" No. 337 vom 6. Juli 190C. 



245 

Ehe hierdarch praktischer und weniger unmoralisch gestalten, 
als wie es jetzt ist. Endlich muß man — und das ist wesent- 
lich — die Scheidung erleichtern. Diese wird hierdurch 
die einzige würdige Trennung zweier denkenden Wesen werden 
und wird nicht mehr die abscheuliche Komödie sein wie heute. 

Selbst die unlösliche Ehe ist kein Band für die, die es zer- 
reißen wollen, deren Sitten liederlich geworden sind. Die ab- 
solute Freiheit ist kein Hindernis für die Treue und die Be- 
ständigkeit — im Gegenteil: Die Freiheit ist die Ur- 
sache der Beständigkeit. 

Die Scheidung ist kein Glück, sondern ein Hilfsmittel; aber 
das Zusammenleben zweier Menschen, die sich hassen, ist ein 
größeres üebel als die Scheidung. Grewiß wäre es am schönsten, 
wenn sich die Gatten ihr Leben lang so lieben würden, wie sie 
am ersten Tage ihrer Ehe getan; daß sie ihre Kinder lieben 
und von diesen verehrt werden. Aber da die Menschheit nicht 
ohne Fehler und Laster ist, geht es so nicht weiter. Die Scheidung, 
wie wir sie wollen, macht die Ehe würdiger und tiefer. Sie 
schmiegt sich besser den neuen sozialen Bewegungen und dem 
modernen Greist an. 

Die bürgerliche Gleichheit der beiden Ge- 
schlechter müßte ein Grundgesetz des modernen 
Bechts bilden. Das französische bürgerliche Gesetzbuch 
erkennt ja beiden Geschlechtern schon jetzt gewisse gleiche Hechte 
zu; aber die Frau verliert doch einen Teil ihrer Rechte in dem 
Augenblick, da sie sich verheiratet. Sie ist in Wirklichkeit 
geschäftsunfähig. Der Kontrast zwischen der Geschäftsunfähigkeit 
der verheirateten Frau und der Geschäftsfähigkeit der unver- 
heirateten ist einer der charakteristischsten Züge unserer Gesetz- 
gebung. 

Die Scheidung hebt schon jetzt die von der Kirche geforderte 
Untrennbarkeit des ehelichen Bandes auf. Der Ehebruch darf 
nur als Scheidungsgrund angesehen werden und deshalb auch 
keine Entschuldigung für den Mörder sein, der seine ehebrechende 
Frau oder deren Komplizen tötet. 

Wir fordern die Abschaffung der Strafen für Ehebruch, weil 
die Verfolgungen in dieser Hinsicht entweder der Rache oder 
dem Prozeßverfahren entspringen." 

Daß mit der Erleichterung der Scheidung, wie sie in vorbild- 
licher Weise durch diese französische Reform der Ehe in Aussicht 



246 ■ ' • 

genommen ist, erweiterte Bürgschaften für Versorgung der 
unselbständigen Frau und der Kinder auch nacli der Trennung 
verbunden werden müssen, ist eine Forderung der Gerechtigkeit. 
In dieser Beziehung ist die eheliche Verantwortlichkeit 
nur ein Teil der geschlechtlichen Verantwortlich- 
keit überhaupt. Wenn zwei selbständige, freie Individuen in oder 
außerhalb der Ehe geschlechtliche Beziehungen miteinander 
unterhalten, so übernehmen sie damit beide hinsichtlich ihrer 
eigenen Person und der etwaigen Nachkommenschaft 
eine Verpflichtung und Verantwortung, die der Ausfluß eines 
natürlichen instinktiven Grefühles sind, eben des „gesehlechtlichen 
Verantwortlichkeitsgefühles". Dieses muß als ein kategorischer 
Imperativ das gesamte Sexualleben jedes Menschen beherrschen. 
Es ist das notwendige ethische Gegengewicht gegen die Betäti- 
gung eines schrankenlosen Geschlechtsegoismus. 

Für die Liebe der Zukunft und ihre soziale Gestaltung er- 
scheinen mir die folgenden drei Gesichtspxmkte maßgebend, wie 
sie auch das französische Beformprogramm aufstellt: 

1. Gleiche Bechte, gleiche Pflichten, gleiche 
Verantwortlichkeit der Gatten. 

2. Erleichterung der Scheidung. 

3. Bevorzugung der individuellen Freiheit vor 
dem Zwange. Denn Freiheit verbürgt am ehesten 
auch die Beständigkeit in der Liebe. 

Die strikte Durchführung dieser Prinzipien in der Praxis 
des Lebens würde ohne Zweifel, ja mit absoluter Sicherheit, die 
Zahl der Ehescheidimgen nicht vermehren, sondern vermindern 
und uns der Verwirklichung des Ideals der echten Ehe als 
Lebensbund zweier sich ihrer Pflichten und Hechte voll be- 
wußter, freier Persönlichkeiten näher bringen. 

Die hohe ethische und soziale Bedeutimg des Familienlebens 
wird immer bestehen bleiben, selbst unter der freiesten Liebe, 
worunter ich, wie ich immer wieder betonen muß, nicht den 
wahllosen und abwechslungsreichen außerehelichen G^chlechts- 
verkehr verstehe, gegen den die ernstesten Bedenken erhoben 
werden müssen. Was „freie Liebe*' ist, geht schon aus den bis- 
herigen Darlegungen hervor, soll aber noch im nächsten Kapitel 
eingehender erörtert werden. 



247 

Anhaag. 

Hundert Ehetypen und einige charakteristische 
Ehestandsgemälde nach Oroß-Hof f inger. 

In einem längst vergessenen, aber sehr interessanten Buche 
des Dr. Anton J. Groß-Hof f inger, betitelt: „Die Schick- 
sale der Frauen und die Prostitution im Zusammenhange mit dem 
Prinzip der Unauflösbarkeit der katholischen Ehe und besonders 
der österreichischen Gresetzgebung und der Philosophie des Zeit- 
alters** (Leipzig 1847), findet sich eine den Psychologen und 
Charakterologen wie den Arzt, Jurist und Soziologen in gleichem 
Maße interessierende Zusammenstellung von hundert Ehetypen, 
sowie die ausführlichere Schilderung des Verlaufs einiger Ehen, 
die es verdienen, der Vergessenheit entrissen zu werden, weil sie 
auch heute noch als Paradigmata für die Ehen unserer Zeit 
gelten können. 

Nachdem der Verfasser die großen Schwierigkeiten der Ehe 
erörtert hat, legt er sich die Frage vor, ob denn die wenigen 
relativ Glücklichen, welchen es gelingt, sich in ein legales und 
zugleich naturgemäßes Familienleben zu begeben, ihren Zweck 
bei den damaligen Ehegesetzen, Beligionsbegriffen und Gewohn- 
heiten erreichen, ob sie glücklich und fruchtbar, ehrbar und ge- 
segnet sind. Starke Zweifel daran bewogen den Verfasser, z'um 
ersten Male „der katholischen Welt ein auf zahlreiche Erfahrungen 
und Beobachtungen gegründetes Bild des wirklichen Zu- 
standes ihrer Ehen vor Augen zu stellen". Er untersuchte 
hundert Ehen aus den verschiedensten Ständen, ohne Aus- 
wahl, wie sie der Zufall ihm darbot, dann wieder hundert 
andere, und abermals hundert dritte. Stets waren die Ergebnisse 
gleich traurig, immer das Verhältnis der glücklichen Ehen zu 
den Tinglücklichen dasselbe. Das Fazit seiner Untersuchungen war : 

„Obwohl er gewissenhaft und mit Eifer nach der Zahl der 
Glücklichen geforscht, so ist doch seine Forschung stets so weit 
vergeblich gewesen, daß er es nie dahin bringen konnte, die 
glücklichen Ehen als etwas anderes als höchst ver- 
einzelte Ausnahmen von der Begel zu erkennen." 

Das ist nach seiner Erklärung nicht das traurige Besultat 
des Irrtums oder leichtsinniger Kombinationen, sondern der ge- 
nauen Beobachtung in einer Reihe von Jahren und unter Ver^ 



248 

hältnissen, welche ihn mit allen Ständen in zahlreiche und intime 
Berührungen brachten. 

So fand er nach einer langen, schwierigen und gewissen- 
haften Untersuchung in hundert Ehen aller Stände folgende 
kurz bezeichnete Verhältnisse. 

Hohe Stände. 

1. Der Gatte nicht unglücklich, Gattin krank an Syphilis- 
verdächtigem Leiden. Eheliche Treue des Gatten ehedem zweifel- 
haft. Sieche Kinder. 

2. Beide Teile glücklich in vorgerücktem Alter n^ch 
freiem Leben des Gatten. 

3. Beide Teile glücklich in vorgerücktem Alter — 
kinderlos. 

4. Der Gatte impotent, die Gttttin unglücklich. 

5. Der Gatte ein Greis, die Gattin treulos. 

6. Gatte und Gattin scheinbar glücklich — skrophulöse 
Kinder. 

7. Der Gatte durch Verhältnisse entfernt, die Gattin treulos. 

8. Beide Teile unglücklich — der Gatte ein Wüstling. 

9. Beide Teile scheinbar zufrieden in vorgerücktem Alter. 

10. Der Gatte ein ausschweifender alter Wüstling, die 
Gattin unglücklich, aber resigniert — die Ehe kinderlos. 

11. Ein ganz gleiches Verhältnis. 

12. Glückliche Mesalliance. 

13. Der Gatte phlegmatisch - glücklich, die Gattin aus* 
schweifend. Kranke Kinder. Die Mutter siech. 

14. Der Gatte ausschweifend, die Gattin resigniert — beide 
Teile verstehen sich. 

15. Der Gatte ein Wüstling, die Gattin eine Messalina, 
beide Teile syphilitisch — die Kinder siech. 

16. Beide Teile ungesund und elend — der Gatte aus* 
schweifend, roh — die Gattin leidend, hinsterbend. 

17. Der Gatte ein roher Wüstling — die Gattin von ihm 
getrennt und imglücklich. 

Sogenannte Honoratioren (höherer Bürgerstand). 

18. Beide Teile unglücklich. Der Gatte impotent, die ältere 
Gattin eine Messalina. Die Ehe kinderlos und immer stürmisch. 

19. Beide Teüe leidHch glücklich durch Milde und Güte 



249 

des Herzens. Der Gatte sinnlich trexilos. Die Gattin treu, doch 
gekränkt. 

20. Beide Teile unglücklich. Ununterbrochener häuslicher 
Krieg. 

21. Phlegmatischer reicher Gatte, arme leidende Gattin — 
die Ehe kinderlos — scheinbar glücklich. 

22. Beide Teile in sehr vorgerücktem Alter scheinbar 
glücklich. Vergangenheit zweifelhaft. Skrophulöse Kinder. 

23. Kinderlose Ehe zwischen einer ehemaligen vornehmen 
Maitresse xmd einem ausschweifenden Mann. 

24. Scheinbar glückliche Ehe zwischen einem noch jungen 
Gatten imd einer älteren Gattin. Ersterer entschädigt sich 
heimlich. 

25. Unglückliche Ehe. Beide Teile unzufrieden. Der Gatte 
ausschweifend, die Gattin resigniert. 

26. Glückliche Ehe. 

27. Zweifelhaft glückliche Ehe. 

28. Höchst unglückliche Ehe. Der Gatte ausschweifend, ge- 
wissenlos, die Gattin halb wahnsinnig, die Kinder syphilitisch. 

29. Unglückliche Ehe, der Gatte ehedem etwas leichtfertig, 
die Gattin unversöhnlich. 

30. Glückliche Ehe!?I Beide Teile sittenlos, aus- 
schweifend, die Gattin eine heimliche Prostituierte mit Wissen 
des Gatten, welcher seinerseits mehrere Maitressen hat. Man 
lebt philosophisch!? 

31. Der Gatte ein Libertin imd Courmacher von Profession, 
die Gattin von ihm getrennt. 

32. Glückliche Ehe. Der Gatte der Galanterie ergeben, ohne 
ausschweifend zu sein, die Gattin liebevoll, duldsam, ihm er- 
geben tmd treu. 

33. Der Gatte krank infolge von Ausschweifung, die Gattin 
leichtfertig. Gleichgültige Ehe. 

34. Der Gatte glücklich durch das Geld seiner Frau, welche 
er vernachlässigt, diese sehr gekränkt, abzehrend. Kinderlose Ehe. 

35. Gatte impotent, Gattin mit Wissen ihres Gemahls durch 
einen Hausfreund getröstet. In ihrer Art eine glückliche Ehe. 

36. Ausschweifender Gatte, ausschweifende Gattin, beide 
Teile schamlos und freidenkend — in gegenseitiger Gering- 
schätzung ziemlich glücklich scheinend. 



250 

37. Oatte alt und gebrechliolL, ein abgelebter Wüstling, 
Gattin durch Hausfreunde getröstet — glückliche Ehel 

38. Unglückliche Ehe. Der Gatte phlegmatisch, die Gattin 
sehr leidenschaftlich und begehrlich. 

39. Unglückliche Ehe. Nichtswürdiger Spekulant, der die 
Witwe eines reichen Mannes verführt und sie dann verlassen 
hat. Kinderlos. 

40. Abgelebter Gatte, sittenlose Gattin, glückliche Ehe! 

41. Abgelebter Gatte, duldsame Gattin, glückliche Ehe! 

42. Ein gleiches Verhältnis. 

43. Glückliche Ehe. Beide Teile noch sehr jung, ungeprüft. 

44. Glückliche Ehe. Der Gatte phlegmatisch — die 
Gattin treu. 

45. Abgelebter Gatte, reidie Gattin, zurzeit glückliche Ehe. 

Gewerbestand. 

46. Glückliche Ehe. Der Gatte phlegmatisch und selten 
treulos — die Gattin duldsam, brav \md treu. 

47. Glückliche Ehe. Beide Teile reich und jung. Der Gatte 
ohne Wissen seiner Gattin liebt die Freuden der Venus, 

48. Unglückliche tElhe. Erzwungene Vemunftheirat. Der 
Gatte lebt mit einer Konkubine, die Gattin von ihm getrennt. 

49. Unglückliche Ehe. Armut, Eifersucht imd Kinderlosigkeit. 

50. Glückliche Ehe durch Duldsamkeit und Nachsicht der 
Gattin gegen den leicht entzündlichen Gatten. 

51. Unglückliche Ehe — der Gatte lebt mit einer Konkubine 
glücklich, die Gattin mit einem falschen Freund unglüoklidi. 

52. Unglückliche Ehe. Phlegmatischer Gutte, sittenlose 
Gattin — ewiger Krieg. 

53. Unglückliche Ehe — der Gatte ein Pantoffelheld, im- 
potent, die Gattin herrisch, zänkisch und boshaft. 

54. Geschiedene Ehe. 

55. Glückliche Ehe. Die Gattin eine gutmütige Betrogene» 
der Gatte ein sinnlicher Wüstling. Sieche Kinder, die Gattin 
unheilbar krank. 

56. Glückliche Ehe. Der Gatte ein abgelebter Wüstling, die 
Gattin abgelebte Prostituierte. — Beide unheilbar krank aus 
gleichen Ursachen. 

57. Glückliche Ehe durch Not und Phlegma. 

58. Glückliche Ehe. Der Gatte, ein Betrüger, tut alles für 



' "■ . 251 

die Seinigen, die Gattin, eine ehemalige Prostitiiierte, ist glück- 
lich durch seine Sorgfalt. 

59. Glückliche Künstlerehe durch beiderseitige Liederlich- 
keit und Gewährenlassen. 

60. Ein gleiches Verhältnis. 

61. Glückliche Ehe. Der Gatte verbirgt seine Seitenwege 
mit gutem Erfolg — die Gattin treu und überaus zärtlich. 

62. unglückliche Ehe. Beiderseitiger Leichtsinn und dessen 
Folgen. 

63. Glückliche Ehe. Eheliche Treue des Gatten nicht über 
allen Zweifel. 

64 Ein gleiches Verhältnis. 

65. Ein gleiches Verhältnis. 

66. Unglückliche Ehe. — Vernunftheirat — der Mann 
etabliert sich mit dem G^lde seiner Frau, vergeudet es mit 
Freudenmädchen, die Gattin rächt sich furchtbar durch grenzen- 
lose Bosheit 

67. Unglückliche Ehe — Vernunftheirat — der junge Gatte 
etabliert sich mit dem Geld seiner alten Gattin, wird von dieser 
gepeinigt und trinkt sich zu Tode. 

68. Glückliche Ehe durch beiderseitigen Geiz. 

69. Gezwimgen glückliche Ehe durch beiderseitige Armut. 

70. Glückliche Ehe — der Gatte ein Säufer — die Gattin 
dem Geiz lebend — kinderlos. 

71. Geschiedene Ehe. Der Gatte hat seine Gattin der Armut 
und Prostitution preisgegeben. 

72. Unglückliche Ehe. Impotenter Gatte, begehrliche Gattin 

— ewiger Unfriede. 

73. Junge Elheleute — die Gattin Maitresse eines reichen 
Juden, der die Familie aushäli 

74 Unglückliche Ehe. Der Gatte ausschweifend, seiner 
Gattin abgeneigt, diese unheilbar krank, die Kinder syphilitisch. 

75. Unglückliche Ehe, beide Teile siech und arm. 

76. Spekulationsehe — der Gatte verkauft seine Gattin 
dreimal an verschiedene reiche Männer und sammelt hierdurch 
ein Verm5gen. 

77. Unsittliche Ehe. Der Gatte einer betrügerischen Industrie 
lebend, die Gattin von der Pension eines ihrer Aushalter lebend 

— die Eander zur Prostitution erzogen. 

78. Verträgliche Ehe. Gatte ein ehemaliger Domestike, nun- 




252 

mehr Gewerbsmann, Gattin ein altes Freudenmädchen, welche 
Ersparnisse gemacht hat. Kinderlos. 

79. Glückliche Ehe zwischen einem Dummkopf und einer 
gescheiten Frau. 

80. Unglückliche Ehe. Der Gatte seiner Frau abgeneigt, 
von ihr, welche das Vermögen ins Haus gebracht, zu Tode gequ&lt. 

81. Liederlicher Mann, liederliche Frau — voneinander ge- 
schieden. Die Kinder aufgeopfert. 

82. Impotenter Mann, ausschweifendes Weib, kranke Kinder, 
Zank und stürmische Szenen. 

83. Zur Ruhe gebrachter Wüstling, junge Gattin, beide Teile 
nicht unglücklich bei Ueberfluß und Sorglosigkeit. 

84. Künstlerehe. Die Gattin Maitresse eines Großen. Die 
Wirtschaft geht gut zusammen. 

Niedrige Klasse. 

85. Liederlicher Gatte, ehemals vermögend durch die Mitgift 
seiner Gattin, nun mit ihr bis zum Bettelstab verarmt, auf kleine 
Kommissionen angewiesen — sieche Gattin — die Eonder gestorben. 

86. Glückliche Ehe durch große Armut. 

87. Kupplerfamilie. 

88. Glückliche Ehe. Der Mann ein Dieb, die Frau eine 
Prostituierte. 

89. Unglückliche Ehe durch Armut. 

90. Unglückliche Ehe. Der Gatte ein Säufer, die Gattin in 
Kummer und Elend arbeitend. 

91. Unglückliche Ehe — Armut, Unverstand, Eifersucht, 
Krankheiten. 

92. Domestikenfamilie — Gattin und Tochter zur Verfügung 
des Herrn. 

93. Unglückliche Ehe — Raufszenen — gegenseitiges Miß- 
gönnen, Haß und Verachtung. 

94. Unglückliche Ehe. Der redliche Gatte von seiner Gattin 
betrogen und bei großer Armut unfähig, sie zu beherrschen. 

95. Unglückliche Ehe — der Gatte davongelaufen. 

96. Unsittliche Ehe — Mann, Frau, Kinder von den Ge- 
werben der Unzucht lebend. 

97. I 

' I Elende Ehen, welche im Armenhause endigen und schon 

QQ 1 S^'^^*^"^^ waren, sowie die Armut sie prüfte. 



253 

100. Ein glückliches Paar, welches alle schweren Prüfungen 
des Lebens aushält, sich alles verzieh, sich immer liebte und 
sich niemals verließ — eine tugendhafte Ehe im edleren Sinne. 

Es befanden sich also unter diesen hundert Ehen: 

Unglückliche zirka 48 

Gleichgültige 36 

Unzweifelhaft glückliche 15 

Tugendhafte 1 

Tugendhaft und Orthodoxe — 

Es gab ferner xinter diesen hundert Ehen: 

Absichtlich tmmoralische 14 

Liederliche tmd leichtsinnige 51 
Völlig unverdächtige ? 

Ferner : 

Frauen, die durch Schuld ihres Gatten elend waren ca. 30 

>» » onne „ ,i ,, „ 9, y 

„ „ durch eigene Schuld unglücklich waren 12 

Unter diesen htindert Ehen war nur eine durch gegenseitige 
Treue glücklich, alle übrigen wenigen glücklichen Ehen, wenn 
man sie so nennen kann, waren es nur dadurch, daß man sich 
über die Frage der Treue des Gatten weiblicherseits hinwegsetzte. 

Groß-Hof f inger zieht aus dieser Statistik u. a. die 
folgenden Schlüsse: 

1. Ungefähr die Hälfte aller bestehenden Ehen ist ab- 
solut unglücklich. 

2. Weit über die Hälfte derselben ist ganz offenbar 
demoralisiert. 

3. Die Moralität der übrigen kleineren Hälfte besteht durch- 
aus nicht in Beobachtung der ehelichen Treue. 

4. 15 o/o aller Ehen betreiben das Gewerbe der Unzucht und 
Kuppelei. 

5. Die Zahl der völlig über allen und jeden Verdacht der 
Untreue (bei vorhandener Fähigkeit) erhabenen orthodoxen Ehen 
ist in den Augen jedes Vernünftigen, der die Gebote der Natur 
kennt und das Ungestüme ihrer Forderungen, gleich Null. 
Daher wird der kirchliche Zweck der Ehe allgemein, 
gründlich, vollkommen verfehlt. 

,yEein Zwang", so schließt der Verfasser seine Aus- 
führungen, „ist unnatürlicher als der von der katholischen 



254 

(protestantischen, jüdischen, griechisch-orthodoxen) Beligion vor- 
geschriebene Ehezwang mit seinem abenteuerlichen Kodex von 
lächerlichen ehelichen Pflichten und Eechten. 

Erstens bewirkt dieser Zwang — dieses Sakrament der Ehe 
— welche nichts ist, nichts sein kann, nichts sein soll von 
Natur, als eine freie Verbindung und ein bürgerlicher 
Vertrag — daß man die Ehe meidet. 

Zweitens : daß man in der Ehe deren Zweck nicht vollkommen 
erfüllt, noch erfüllen kann. 

Drittens: daß die Ehe daher aus der natürlichen Ehe, welche 
sie sein soll, nur ein Greschäft, eine Spekulation, eine Versorgungs- 
anstalt, ein Spital für Sieche geworden ist. 

Zur Illustration dieser Thesen teilt Groß-Hoffinger 
endlich noch 24 nach dem Leben gezeichnete Ehestandsgemälde 
mit, von denen noch einige besonders interessante mitgeteilt 
werden mögen. 

1. 

Die Gräfin B. konnte, beherrscht von unerbittlichen Standes- 
Verhältnissen, nicht zu einer angemessenen Verbindung gelangen, 
sie erreichte ein- Alter von 30 Jahren, ohne sich zu verheiraten. 
Die Folge davon war, daß sie sich an ihren Domestiken weg- 
warf, infolgedessen angesteckt wurde und an der Syphilis starb, 
einige Monate, nachdem sie endlich geheiratet hatte. Ihr Witwer 
trug ein trauriges Andenken an diese kurze Ehe davon. 

2. 

Der Graf C. — ein Mann von hohem Bange, verlor durch 
den Tod seine geliebte Gattin. Die Verhältnisse erlaubten ihm 
nicht, sich wieder zu verheiraten. Furcht vor ansteckenden Krank- 
heiten, Ausartimg des Geschlechtstriebs durch Mangel an Be- 
friedigung führten ihn in die Arme der griechischen Liebe. 

3. 

Fürst D. — jung, impotent — schließt eine Eonvenienzheirat 
mit einer schönen, sehr leidenschaftlichen Dame, welche sieh 
schadlos hält und mit Domestiken, Hausoffizieren und Eavalieren 
mehrere Kinder erzeugt, welche den Titel des Gemahls erben. 
Die Ehe ist unter solchen Umständen sehr unglücklich, aber die 
Notwendigkeit zwingt den Gatten, sein Schicksal in Geduld zu 
tragen. 



255 

4. 

Graf E. — ein sonst trefflicher Charakter, schließt eine 
Kon^enienzheirat mit einer Dame ans hoher Familie, welche aber 
nicht imstande ist, ihn zu beglücken. Aus natürlichem Edelmut 
will er die Unglückliche nicht kr&nken durch Eingehen eines 
öffentlichen Konkubinatsverhältnisses, er sucht daher bei Freuden- 
mädchen Ersatz, erkrankt, teilt seiner Gattin das Uebel mit, 
welche infolge desselben hinsiecht und kranke Kinder zur Welt 
bringt. Obwohl die arme Geopferte nicht den* Ursprung ihrer 
Leiden kennt und sie mit Ergebung trägt, obgleich ihr Gemahl 
sie mit Aufmerksamkeiten überhäuft und für ihre Heilung sehr 
besorgt ist. so ist die Ehe begreiflicherweise durch die Gewissens- 
vorwürfe des einen und die Leiden, den stillen Gram des andern 
Teiles, welcher fühlt, daß er unglücklich gemacht hat, indem er 
unglücklich geworden ist, eine höchst bemitleidenswerte. 

6. 

Baron F. — ein Mann von großem Einfluß — in seiner 
Jugend Libertin — leichtsinnig und von einem für tiefere Ge- 
fühle unempfänglichen Gremüte, schließt nacheinander vier Kon- 
venienzheiraten, welche alle mit dem Tode der Gattin endigen. 
Man hat Ursache anzunehmen, daß die fortgesetzten Aus- 
schweifungen und die Gewissenlosigkeit des Gatten das Leben 
der Frauen verkürzt hat — um so mehr, da alle Kinder des 
Barons siech und skrophulös sind. 

6. 

Graf G., Wüstling, Libertin, richtet durch Verschwendung 
sein Vermögen zugrunde und zwingt seine Gattin, getrennt von 
ihm zu leben, indessen er mit Choristinnen und Tänzerinnen, 
gemeinen Freudenmädchen ungeheure Summen verpraßt. Da er 
finanziell ebenso ruiniert ist wie körperlich, so wird er von 
Vornehmen und Geringen verachtet, von Gläubigem verfolgt, 
von seiner Gattin aufs äußerste verabscheut. Obwohl seine Ver- 
gnügungen nur in Beminiszenzen bestehen, so opfert er diesen 
doch enorme Summen, welche meist durch Schulden aufgebracht 
werden. 

7. 

Oraf H. ist seit einer langen Beihe von Jahren verheiratet, 
lebt mit seiner Gattin aber auf dem unerquicklichsten Hofton, 



256 

indes er mit Freudenmädchen seine Mußestunden iiinbringt. Der 
Auswurf der Gassendimen ist seine liebste Gesellschaft, aber 
auch in die Familien dringt seine wollüstige Frechheit imd keine 
bürgerliche Ehefrau, kein noch so unbescholtenes Mädchen ist vor 
seinen Nachstellungen sicher, welche um so unbegreiflicher sind, 
da er bereits in hohem Alter steht und völlig impotent ist. Er 
bietet alles auf, um sich seine Auserwählte willfährig zu machen, 
Geschenke, Versprechimgen, Drohungen. 

8. 

Dr. S. — Gemahl eines sittenlosen Weibes, Staatsbeamter, 
Libertin, Philosoph. — ein kleines rechtliches Einkommen ge- 
nießend, lebt mit seiner Gattin auf einem Fuße, welcher beiden 
Teilen die zügelloseste Freiheit gestattet. Das würdige Ehepaar 
trachtet nur danach, durch Industrie Greld zu erwerben, was zum 
Teil durch heimliche Prostitution der Frau, zum Teil durch 
falsches Spiel und indirekte Kuppelei, durch Veranstaltung 
pikanter Soireen für die junge Aristokratie bewerkstelligt wird. 
Die Familie hat einen ausgezeichneten Buf, hohe Personen stehen 
mit ihr im vertraulichsten Umgang, junge Mädchen der besseren 
Stände besuchen ihre Soireen mit Vergnügen, da sie dort die 
Elite der jungen Aristokratie, reiche Juden und Offiziere findest. 
Dieses interessante Ehepaar macht einen Aufwand, der allen 
tinbegreiflich ist; es besitzt eine prächtige Equipage, ein Land- 
haus, eine kostbare Gremäldesammlung usw. Nur bei iliren 
Domestiken stehen beide Teile in geringem Ansehen, da der männ- 
liche Teil den Lüsten der Frau, der weibliche jenen des Gemahls 
Genüge leisten, und ins Vertrauen der Lidustrie gezogen werden 
muß. 

9. 

Dr. U., his vor kurzem alter Hagestolz, der niemals 
Lust hatte, sein Vermögen mit einer Gattin und Elindem zu 
teilen, und es viel wohlfeiler und angenehmer fand, Dienstmädchen 
und andere verlassene Greschöpfe zu schwängern, dann sie mit 
einer geringen Schadloshaltung abzufinden, oder auf der Straße 
sein Vergnügen zu suchen, hat endlich, da er mit 62 Jahren 
gebrechlich geworden und einer Wartung bedarf für ein zü- 
rn angeschwollenes gichtisches Bein, gefunden, daß es nidit 
tBoi, wenn der Mensch allein bleibe. Da er Bang und Ver- 
m besitzt, so wäre es ihm leicht geworden, junge hübsche 



267 

Mädchen zu finden, welche unter dem Titel einer Gattin die 
Bolle einer Kranbenwärierin übernommen haben würden; allein 
der alte PraktikoB kannte den Wert dessen, was er zu bieten 
hatte, zu gat, um sich an ein armes Mädchen wegzuwerfen. Er 
berechnete, daß es vernünftig sei, eine solche Wahl zu treffen, 
daß er sein Einkommen nicht teilen dürfe und eine Pflegerin 
für sein Alter finde, welche ihin gar nichts koste und dasjenige 
einbringe, waa sie brauchi Er sah! daher weniger auf Jugend 
als auf Vermögen, weniger auf Schönheit als auf Sparsamkeit, 
und fand endlich eüie alte Jungfer, welche einiges Vermögen 
besaß und wegen eines wenig einladenden Aeußeren keinen Mann 
gefunden hatte. Man sieht nun den klugen Ehegatten, der seiner 
Frau 80 treu ist, wie die Oicht ihm, zuweilen auf den Promenaden 
am Arme seiner ziemlich unzufrieden aussehenden Lebensgefährtin 
einherhinken. Sie trägt noch dieselben E^leider, welche sie als 
Jungfrau getragen und welche dürftig genug aussehen, aber sie 
erträgt ihr Los mit Geduld, denn man nennt sie „Onädige Frau'' 
und küßt ihr die Hand, was sonst nicht geschah. 

10. 

Graf J., ein Mann von unbescholtenem Charakter, lebte eine 
Zeitlang in glücklicher Ehe, allein zunehmendes Alter der Gattin, 
bei ungemein kräftiger und jugendlich ausdauernder Kon8t4tutix>n 
des Grafen, führten bald Szenen der Eifersucht herbei, welche 
dem Paare das Leben verbitteri Schwerlich ist diese Eifersucht 
grundlos, aber immer ist es zu beklage, daß zwei Menschen 
von entschifiden edlem Charakter durch die Ehe zeitlebens elend 
geworden sind. 

11. 

Herr v. K. — ein junger Geschäftsmann, Großhändler, ist 
mit der Tochter eines vornehmen Mannes vermählt, welche durch' 
eine reiche Mitgift den Beichtum ihres Mannes begründen half. 
Dafür genießt sie vor anderen Ehefrauen die Auszeichnung, daß 
ihr Gemahl ihr große Zärtlichkeit heuchelt und seine Seiten- 
sprünge mit großer Vorsicht verbirgt. Sie ist ihm daher mit 
steter Liebe ergeben, sie hält ihn für das Muster aller Ehemänner, 
für ein wahres Phänomen inmitten einer ganz depravierten, sitten- 
losen Mäxinerwelt. und in der Tat, wenn man diesen Mann sieht, 
wie er nur seinem Geschäft lebt, mit welcher züchtigen Ver- 
schämtheit er jedes Gespräch über regellosen Frauen meidet, 

Bloch. 8«zaillebeii. 2. u. 8. Aallage. 1 7 

(6.— 18. Tausend.) 



L 



wenn man ihn predigen und eifern hÖit gegen jene Ehemäunei, 
welche ihre Frauen hintergehen, wie unbegreiflich es ihm «ei, 
daß ein Mann bei einem sittenlosen Frauenzimmer Vergnügen 
finden könne, so mochte man schwören, daß er das sei, wofür 
ihn seine Frau mit Begeisterung ausgibt. Allein einige Schalks* 
knechte unter seinen Freunden entdeckten durch unermüdliche 
Sorgfalt nieht weniger als sieben Geliebte des braven Ehe- 
mannes, wovon zwei der prostituierten Klaesc, zwei jener der 
Grisetten, die übrigen aber anständigen Bürgerhäusoni abge- 
hörten. Den letzteren präsentierte er sich mit den verschiedensten 
Namen unter den verschiedensten Gestalten, bald als Attache 
einer Gesandtschaft, bald als Offizier, bald als Handwerksgeselle. 
Indem er allen diesen letzteren Geliebten die Ehe Tersprach und 
sie unter Geschenken, Schwüren und Lügen hinhielt, erreichte 
er bei allen geinen Zweck und verließ sie nun unbekümmert 
um die Folgen seiner Abenteuer, um in anderen Sl-adtviortcln 
neue Opfer für seine Begierden z« suchen. Da er sich niemxis 
mit bekannten Freudenmädchen und Kupplerinnen einließ, sondern 
in eigner Person alle Geschäfte seiner Vergnügungesucht besorgte, 
so gelang es ihm, den sowohl ftlr den Kaufmann als für den 
Ehemann wicittigen Huf eines Mannes zu wahren, der keine 
Leidenschaft kat und daher alles Vertrauen verdient. 

12. 

Major W., ein braver Offizier, ein Ehrenmann in jeder Hin- 
siclit, hat in seiner Jugend ein Kanuncrmaddien geheiratet, nattir- 
lich, wie man sieh denken kann, aus purer Zuneigxmg. , Allein 
die Ehe blieb unfruchtbar, da die Gattin an organischen leiden 
kränkelte. Bald waren ihre Reiae völlig verwelkt; während der 
Gemahl noch in voller ICraft der Mannhett stand, war die Gattin 
bereits eine alte Frau, mit Krämpfen und anderen Zxiständen 
behaft/>t, immer von Arzneiflas<^en und Arzneigerüchen um- 
geben, immer übellaiinisch und zänkisch, eine wahre Plage für 
den gutmütigen und liebevollen Ehegatten. Zwar erträgt derselbe 
mit chriBllielier Geduld und unerschöpflicher Liebe die böse 
Laune seiner Gemahlin, allein die Natur ist nicht so lenksam, 
wie sein treffliches Herz, die eheliche Zärtlichkeit nimmt »b 
und sein lebhaftes Temperament sucht andere Auswege rur Be- 
friedigung in der Natur begründeter Wünsche. Die kranke Gattin 
bemerkt dieses Erkalten und rächt sich dafür mit einer raffinierten 



259 

Grausamkeit. Sie weiß, daß' eine finstere Miene ihn kränkt und 
betrübt, sie peinigt ilin also mit Lieblosigkeit, sie macht ilim 
durch Eifersucht und Bosheit das Leben zur Hölle. Es kommt 
zu fürchterlichen Szenen des häuslichen Haders, welche den 
Gatten schon mehr als einmal in Versuchung führten, durch 
Selbstmord seinen Qualen ein Ende zu machen. Er leidet dreifach 
durch den Stachel seiner gesunden Naturtriebe, durch die Krän- 
kungen, welche er erleidet, und durch die Leiden seiner so innig 
geliebten Gattin. Er legt sich ein freiwilliges Zölibat auf, um 
sie nicht zu kränken; da aber dieses Opfer nicht genügt, so 
wird seine Gemahlin dadurch um nichts sanfter gegen ihn. Sie 
fordert von ihm stillschweigend alle Glut des Bräutigams. Keine 
Rettung aus dieser Hölle! Der Gatte ergibt sich einer stillen 
Verzweiflung. Er ist in seinem Berufe treu, er lebt nur der ihn 
quälenden Gattin, um von ihr immer gequält zu werden. Die 
Nachbarn sehen ein wenig erbauliches' Beispiel einer höchst 
unglücklichen für beide Teile martervpUen Ehe,, welche aus 
reinster uneigennützigster Liebe geschlossen wurde. 

Anmerkung. Daß die iu diesen Ehestandsgemälden geschilderten 
Wiener Verhältnisse noch dieselben sind imd Ehenot und Ehelüge dort 
besonders schmerzlich empfunden werden, beweist die Gründung eines 
„Eherechtsreformvereins*' in Wien, der an den Anfang Sep- 
tember 1906 in Kiel tagenden Deutschen Juristentag die telegraphische 
Bitte richtete, das österreichische Eherecht einer Revision zu unter- 
xiehen, da es bisher für die unglückliche Ehe in Oesterreich keine 
Heilung und keine Lösung gäbe und sogar bereits gerichtlich Ge* 
schiedene nach dem kanonischen Hecht einander wegen Ehebruchs 
belangen könnten. (Vgl. Neue Freie Presse, No. 15 108 vom 13. Sejp- 
tcmber 1906») — Kaum glaublich, aber laut Bericht in der Berliner 
Aerzte-Correspondenz 1907 No. 8 wahr ist es, daß das ärtliche 
Ehrengericht für den Stadtkreis Berlin und die Provinz Branden- 
burg noch im Jahre des Herrn 1906 Aerzte „wegen Ehebruchs" ehren- 
gerichtlich bestraft hat II 



* 
t 



17* 



260 



Die freie liebe. 

ELFTES KAPITEL. 

Die Umgestaltung ,der Zwangsehe in die freie und gleiche Ehe 
von natürlich und sittlich höherer Vollkommenheit ist nur in Ver- 
einigong mit der vollen wirtschaftlichen Selbständigkeit und materiellen 
Ezistenzsicherung des Weibes durchführbar. Ohne die Erfüllung dieser 
unumgänglichen Voraussetzung würde gerade das höchste Ideal der 
freien Sittlichkeit zur ärgsten Karikatur verzerrt werden müssen. 

E. Dühring. 



2S1 



Inhalt des elften Kapitels. 



Die freie Liebe eine brennende Zeitfrage. ;— Definition. — Freie 
nicht gleichbedeutend mit außerehelichem Geschlechtayerkebr. — 
Die Infamierung der freien Liebe und fiiUig^ung des außerehelichen Ver- 
kehrs durch die Zwangsehenmoral. — Die unsittliche Doppelmoral für 
Mann und Weib. — Dir verhängnisvoller Einfluß auf die geschlechtliche 
KoRuption der Oegenwart. — Freie Liebe als einzige Bettung. — 
Verwirklichung derselben im Proletariat. — Stärkung des Verantwort- 
lichkeitflgefnhls durch die freie Liebe. 

Geschichte der freien Liebe im 19. Jahrhundert. — William 
Oodwins Kampf gogen die Zwangsehe. — Seine freie Ehe mit Mary 
Wollstonecraf t. — Shelleys Polemik gegen die konventionelle 
Geschlechtsmon^. — John RuskinüberdiefreieLiebe. — Goethes 
Gewiseensehe. — Seine »yWahlverwandtschaften". — Merkwürdiger Vor- 
schlag einer Zeitehe in diesem Roman. — Vielleicht durch japanische 
Sitten angeregt. — Die malayische Zeitehe. — Der Einfluß von 
Schlegels „Lucinde'^. — Karolines Eheimingen, — Die freie 
Liebe in Jena und Berlin. — Kommunistisch-sozialistische Ideen über 
freie Liebe. — R^tif de la Bretonne, Saint-Simon, En- 
fantin und Fourier. — George Sands „Jacques'^. — Die „Es 
geht an-Idee** des Schweden Almquist. — Schopenhauers 
K^°^P' 8%^^ <^ Zwangsehe. — Sein einseitiger Standpunkt — Seine 
Schilderung der verheerenden Wirkungen der monogamischen Zwangs- 
ehe. — Apologie des Konkubinats. — Kritik seiner Auffassung von 
der Rolle der Frauen bei der Ehereform. — Seine Theorie der Tetra- 
gamie. — Erstmalige Mitteilung einer bisher unver- 
öffentlichten Schopenhauerschen Niederschrift 
über Tetragamie. — Kritik dieser Theorie. 

Freie Liebe auf Grundlage der Einliebe die Parole der Zukunft. 
— Die Bohdme-Liebe. — Entspricht nicht dem Ideal tatkraftiger freier 
Liebe. — Bedeutung des sozialen und ökonomischen Faktors für die 
sexuellen Besiehungen der Gegenwart. — Die Bestrebungen für Sexual- 
refonn. — Die Literatur der freien Liebe. — Charles Alberts 
kommunistische Grundlegung ^rselben. — Befreiung der Liebe von 
der Herrschaft des Staats und des Kapitals. — Ladislaus Gum- 
plowics. — Bebeis „Die Fiuu und der Sozialismus''. — Die psycho- 
logtfch-individuelle Grundlegung der freien Liebe. — Eugen Düh- 



262 

ring- — Edward Carpcntors ,>Worm die Mciuächon reif zur Lieb« 
werden". — Seine Ideen über Selbstbeherrschung und geistige Zeugung. 

— EllenKeys Werk „Ueber Liebe und Ehe''. ^ Ausführliche Analyse 
dieser Schrift. — Ihre Kritik der angeblichen „Monogamie". — Ihr 
Begriff der „seelenvollen Sinnlichkeit". — Der „erotische Monismus". 

— Die Einheit der Ehe und Liebe. — Die geschlechtliche Zersplitte- 
rung durch Zwangsehe und Prostitution. — Allgemeine Verbreitung des 
erotischen Skeptizismus. — Anerkennung der Liebe als geistige Lebens- 
macht. — Bedeutung der relativen Askese. — Die Liebeswahl. — Aerzt- 
liche Gresundheitsscheine. — Unsittliche Liebe. — Das Recht auf Mutter- 
schaft. — Vorbedingungen desselben« — Notwendigkeit der freien 
Scheidung. — Die Unglücksschicksale der Ehe. — Bedeutung der Schei- 
dung für die Kinder. — Neues Programm der Kindesrechte. — Ellen 
Keys neues Ehegesetz. — Mutterschaftsunterstützung. — Kinder- 
schtttzbehorden. — Gütertrennung der Ehegatten. — ' Aufhebung des 
Zwanges zum ^üsammenwohnen. — Geheimhaltung der Ehe. — Be- 
dingtmgen der Eheschließung. — Scheidung. — Scheidungsrat. — Kinder- 
pflegejury. — Die sexuelle Verantwortlichkeit. — Die „Gewissensehe". 

— Beispiele aus Schweden. — Oefifientliche Ankündign^ng „freier^ Ver- 
mählungen. — Gesetzliche Anerkennung fxeier Ehen in Schweden. — Zu* 
naihme der „Eheprotestanten". —^ Bedeutung freier Liebe für die Lebens* 
Steigerung der Menschheit. — Allgemeine Charakteristik des Buches 
der Ellen Kej. — Seine Bedeutung für die Sexualreform in Deutsch- 
land. — Gründung des „Bundes für Mutterschutz". — Vorstand und 
Ausschußmitglieder desselben. -^ Aufruf und Programm des Bundes. 
-^ Die 'Zeitschrift „Mütterschutz". — Gründung von Ortsgruppen, — 
Die nordamerikanische „Uinwertungsgesellschaft". — Ihre Ghajaktertstik 
der miodemen Ehe. — Die Berliner „Vereinigung für Sexualreform". — 
Helene Stöckers Buch „Die Liebe und die Frauen". — Auffassung 
des Setualproblems im Geiste Nietzsches. — Kein Umsturz, sondern 
Evolution und Reform. — Die Vertiefung der Frauenseele durch die 
alte Liebe. — Die Lebensbejahung der neuen Liebe. — Die wirtschaft- 
lich-soziale Gründe für die Notwendigkeit der Sexualreform. — 
Friedfioh Naumann, Lily Braun u. a. darüber. — Zunahme 
der erzwungenen Ehelosigkeit. — Die „Alimentationsklage*' ein Schand- 
mal unserer Zeit. — Ein charakteristischer Brief. — Dos mdikal Böse 
det koUventionellen Moral. ^- Mutterschaftsversicherung. — Schwan- 
geren- und Säuglingsheime. — Das Recht des „unehelichen'' Kindes. — 
Eine Zukunftsstatistik freier Liebe und unehelicher Nachkommenschaft 
in den höheren Standen. — * Beispiele berühmter Persönlichkeiten. 



263 



i 



Das Problem der ,, freien Liebe'' ist die brennende Frage 
unserer Zeit. Von seiner richtigen Lösung hängt die Zukunft 
der Kultur und die endgültige Erlösung und Befreiung aus den 
durch die Zwangsehe geschaffenen schmachvollen Zuständen des 
Liebeslebens der (Gegenwart ab. Das ist unsere feste Ueberzeugung, 
unser inniger Glaube, den wir mit vielen und nicht den 
schlechtesten Oeistem teilen. 

Die freie Liebe ist weder, wie böswillige Gegner uns 
imputieren, die Aufhebung der Ehe noch die Organisation des 
auAerehelichen Geschlechtsverkehrs. Freie Liebe und außerehe- 
licher Geschlechtsverkehr haben nichts miteinander zu tun. Ja, 
ich behaupte sogar, daß die wahre freie Liebe, wie sie kommen muß 
und wird, den wähl- und regellosen außerehelichen Geschlechts- 
verkehr bedeutend mehr einschränken wird als die Zwangsehe. 
Vor allem wird sie ihn veredeln. 

Denn je länger man unter den gegenwärtigen wirtschaftlichen 
Verhältnissen an der veralteten und längs reformbedürftigen 
„Zwangsehe" festhält, je geringer die Zahl der Ehelustigen wird, 
je weiter das Heiratsalter hinausgerückt wird, um so größer 
wird die allgemeine geschlechtliche Misere werden, um so tiefer 
werden wir in den mephitischen Sumpf der Prostitution geraten, 
in den die wachsende Promiskuität des außerehelichen Geschlechts- 
verkehrs mit Notwendigkeit hineinführt. 

Denn das ist die seltsame, heuchlerische und absurde ,Argu- 
mentation der Verteidiger der konventionellen Ehe: sie ächten 
und infamieren jedes auf freie Liebe zweier erwachsener, selb- 
ständiger Personen gegründete Verhältnis und billigen ganz offen 
jeden flüchtigen, aller persönlichen Beziehungen baren außer- 
ehelichen Geschlechtsverkehr, nicht bloß mit Prostituierten, son- 
dern auch mit anständigen Frauen I 

„Junggesellentum,'' sagt Max Nordau, „ist weit entfernt, 
mit Enthaltung gleichbedeutend zu sein. Der Hagestolz hat von 



264 

der OeseÜBchaft die stillschweigende ErlaubniB, sich die Annehm- 
lichkeiten des Verkehrs mit dem Weibe zu verschaffen, wie und 
wo er kann, sie nennt seine selbstsüchtigen Vergnügongen Erfolge 
nnd umgibt sie mit einer Art poetischer Olorie nnd das liebens- 
würdige Laster Don Juans erweckt in ihr ein Gefühl, das aus 
Neid, Sympathie und geheimer Bewunderung , gemischt ist."0 

Dagegen verlangt dieselbe konventionelle Zwangsehen- 
moral von dem Mäddien vollständige geschlechtliche Enthaltsam- 
keit und Unberührthieit bis zur Ehe I 

Da muß doch jeder vernünftige und gerechte Mensch die 
Frage auf werfen : Ja, wo sollen denn die unverheirateten Mi&nner 
ihren Geschlechtstrieb befriedigen, wenn man zu gleicher Zeit 
die unverheirateten Mädchen zu völliger Keuschheit verdammt? 

Diese beiden Tatsachen braiLcht man nur nebeneinander 
zu stellen, um die ganze Verlogenheit und Sdi&ndlichkeit der 
Zwangsehenmoral ins rechte Licht zu stellen und den eigentlichen 
Ejebsschaden unseres ^Geschlechtslebens, die einzige Ursache der 
zunehmend^i Ausbireitung von Prostitution, wilder ge- 
schlechtlicher Promiskuität und der Geschleohts- 
krankheiten aufzudecken. 

Wenn dereinst vor dem Bichteorstuhl der Geschichte das furcht- 
bare „J'accuse'' gegen die geschlechtliche Korruption unserer Zeit 
ausgesprochen wird, dann wird man zur Verteidig^g auch auf 
diejenigen hinweisen, die unter der Devise: Fort mit der Prostir 
tution I Fort mit den iBordellen ! Fort mit aller „wilden'* Liebe I 
Fort mit den Geschlechtskrankheiten 1 zuerst auf die freie 
Liebe als die einzige und sicheire Bettung aus diesen Nöten 
hingewiesen haben. 

Man sagt immer: die Menschen sind noch nicht reif für freie, 
selbständige Bestimmung ihres Liebeslebens, sie sind nicht reif 
für die daraus sich ergebende Verantwortlidikeit. Man weist 
besonders auf die Gefahren solcher Anschauungen und Befonnen 
für die unteren Klassen hin. 

Aber die Menschen sind besser als uns die Vertreter der 
überlebten konventionellen Moral glauben machen wollen und 



^) M. Nordau, Die konventionellffii Lügen der KuHunneoBch» 
heit 8. 283. Auch P. Näcke, „Einiges zur Fiaaenfrage und tur 
sexuellen Abstinenz*' (a. a. O. S. 62) geiBelt diese doppelte Moral 
und verlangt für die Frau im Prinzip dieselbe Qeachlechtafreiheit 
wie für den Mann. 



265 

gerade die Angehörigen der niederen Stände darf mau ruhig dem 
Zuge ihres Herzens folgen lassen. Geben sie uns doobi das Beispiel, 
daß Freiheit nicht gleichbedeut^d ist mit Unsittlichkeit und 
Ctenußsuchty daß sie im Gegenteil das Pflichtbewußtsein und 
Verantwortlichkeitsgefühl weckt und rege erhäli 

Mit Becht weist Alfred Blaschko darauf hin, daß im 
Proletariat schon längst das Ideal der freien Liebe verwirklicht 
worden ist Zum weitaus größten Teil verkehren Mann und Frau 
dort geschlechtlich miteinander, besonders in den Jahren zwischen 
18 und 25, ohne sich zu verheiraten. 

,J}ie freie Liebe hat im Proletariat aller Zeiten nie als 
eine Sünde gegolten. Wo kein Besitz vorhand^i ist, der einem 
Intimen Erben hinterlassen werden könnte, wo der Zug des 
Herzens die Menschen aneinanderführt, hat man sich von jeher 
nicht viel um des Priesters Segen bekümmert; und wäre heute 
nicht die bürgerliche Form der Eheschließting so einfach, und 
würden andererseits den unehelichen Müttern und Kindern nicht 
so viel Schwierigkeiten in den Weg gelegt, wer weiß, ob 
das moderne Proletariat für sich nicht längst die 
Ehe abgeschafft ^hätte.">) 

Blaschko erbringt nun den Nachweis, daß überall dort, 
wo freie Liebe nicht möglich ist, die Prostitution als 
Ersatz an ihre Stelle triti 

Diese Tatsache beweist schlagend die Notwendigkeit der 
freien Liebe. Denn die Antwort auf die Frage, was besser sei: 
Prostitution oder freie Liebe, kann nicht zweifelhaft sein. 

Wenn ich als Arzt und eifriger Anhänger der Bestrebungen 
zur Bekämpfung der Geedilechtskrankheiten angesichts der Tat- 
sache einer ungeheuerlichen Zunahme der gewerbsmäßigen offenen 
und heimlichen Prostitution und der außerordentlichen Ver- 
br^tung der Geschlechtskrankheiten die neuerdings von Max 
Marcus e und anderen Aerzten aufgeworfene Frage, ob der 
Arzt zum außerehelichen Geschlechtsverkehr raten dürfe, im all- 
gemeinen verneine, so erblicke ich doch gerade in der Ein- 
führung der freien Liebe und einer neuen damit verbundenen 
Geschlechtsmoral, welche Mann und Weib als zwei freie, gleich- 
berechtigte, aber auch glcichverantwortliche Persönlichkeiten auf- 



*) A, Blaschko, Die Prostitution im 19. Jalirhnnflert. Berlin 
1902, 8. 12. 



2Gß 

faßt,, tlie; einzige l{«Uüiig aiiw iIpv Misei-o iJcr rcwalitiiliou uiitl 
Vcnme. 

Stellt das freie "VV'eib dem freien Manne gegenüber, erfüllt 
beide mit einem tiefen Gefühl der Verantwortlichkeit, 
weiche aus der Betätigung der Lic)>e zweier freier Persönlichkeiten 
erwSchat, und Ihr werdet sehen, daß solche Liebe ihnen selbst 
■und den Kindern zu wahrem Glücke gereicht. 

Bevor ich näher auf das Problem der freien Liebe eingehe, 
will ich kurz die Geschichte deaselbea im 19. Jahrhundert be- 
rühren. Wir werden sehen, daß eine ganze Anzahl hervorragender 
Geister, sittlich hochstehender Nuturcn, sich damit beschäftigt 
haben, weil auch sie von der Unhaltbarkeit der bisherigen Zustände 
auf geschlechtlichem Qeblete tief durchdrungen und Hberzengt 
waren, daß nur eine Löerung im Sinne einer freieren Auffassung 
der sexuellen Beziehungen hier Bettung bringen könne. 

Neben den Bomantikem (vergl. oben 3. 189 und 196) hatte 
am Anfang des 19. Jahrhunderts in England WilliamGodwin, 
der Geliebte und Gemahl der berühmten Frauenrechtlerin Mary 
Wollstonecraft in seiner „Untersuchung über politische Ge- 
rechtigkeit" die konventionelle Zwangsehe für eine veraltete, die 
Freiheit ded Individuums schwer beeinträchtigende Institution «i^ 
klärt. Die Ehe sei eine Frage des Eiguitums, und eine Person 
dürfe nicht einer anderen angehören. Godwin behauptete, daß 
die Abschaffung der Ehe keine Hebel zur Folge haben werde. — 
Die freie Liebe und spätere Ehe Godwin s und der Woll- 
stonecraft verdient eine kuri;c Schilderung. Godwin war 
der Meinung, daß die Mitglieder einer Familie sich nicht zu 
viel sehen sollten. Er glaubte auch, daß es am Arbeiten hindere, 
wenn sie in demselben Hause wohnten. Deshalb mietete er wenige 
Häuser von ihrer Wohnung einige Zimmer und erschien oft erst 
zum späten Mittagessen bei ihr ; die dazwischen liegenden Stunden 
brachten beide mit literarischen Arbeiten zu. Briete wurden 
während des Tages gewechselt*) 

Wolil unter dem Einflüsse der Anschauungen Oodwins 
liril Slicl iey in den Anmerkungen zu „Queen Mab" sehr heftige 
AnprriilV gegen die Zwangsehe gerichtet. Er sagt dort u. a.: 

„Die Liebe welkt unter dem Zwange; ihr eigeutümlidiea 

') Vpl. Helen Zimmern, Mary Wollstonecraft in: Dentsche 
Run(UcliJi.i 1880, Bd. XV, Heft II, .S, 2.'iO-2rA 




267 

Wesen ist Freiheit; sie verträgt sich weder mit Gehorsam, noch 
mit • Eil ersucht oder Furcht ; sie ist dort am reinsten, voll- 
kommensten und schrankenlosesten, wo ihre Verehrer in Ver- 
trauen, Gleichheit und offenherziger Hingebung leben. Mann und 
Frau sollten so lange vereint bleiben, als sie einander lieben; 
jedes Gresetz, das sie zum Zusammenleben auch nur einen Augen- 
blick nach dem Erlöschen ihrer Neigung verpflichtete, wäre eine 
unerträgliche Tyrannei", 

Sodann bekämpft er die mit der Zwangsehe in so innigem 
Zusammenhange stehende konventionelle Moral und schließt mit 
den Worten: 

,,Did bigotte Keuschheitsidee der heutigen Gesellschaft ist ein 
mönchischer Aberglaube, ja selbst ein größerer Feind der natür- 
lichen Mäßigung als die geistlose Sinnlichkeit; sie nagt an der 
Wurzel alles häuslichen Glückes und verdammt mehr als die 
Hälfte des Menschengeschlechts zum Elend, damit einige Wenige 
sich eines gesetzlichen Monopols erfreuen können. Es hätte sich 
nicht wohl ein System ersinnen lassen, das dem menschlichen 
Glücke mit raffinierterer Feindseligkeit entgegenträte als die 
Ehe. Ich glaube mit Bestimmtheit, daß aus der Abschaffung der 
Ehe dos richtige und naturgemäße Verhältnis des geschlechtlichen 
Verkehrs hervorgehen würde. Ich sage keineswegs, daß 
dieser Verkehr ein häufig wechselnder sein würde. 
Es scheint sich im Gegenteil aus dem Verhältnis der Eltern zu 
den Kindern zu ergeben, daß eine solche Verbindung in der Bengel 
von langer Dauer sein und sich vor allen anderen durch Großmut 
und Hingebung auszeichnen würde." 

Also auch hier die feste Ueberzeugung, daß in der Freiheit 
der Liebe die sichere Garantie für ihre Dauer lieget 

Später haben auch die Präraphaeliten, besonders John 
Ruskin, die freie Liebe verteidigt und verkündet, daß die 
Heiligkeit der Naturbande in ihrem Wesen selbst liege. Erst 
die Liebe macht die Ehe legal, nicht umgekehrt die Ehe die 
Liebe. (Vgl. Charlotte Broicher, John Buskin xind sein 
Werk, Leipzig 1902, Bd. I, S. 104—106.) 

In Deutschland brachte der Anfang des 19. Jahrhunderts 
eine sehr lebhafte Diskussion des Liebes- und Eheproblems im 
Anschlüsse an Friedrich Schlegels „Lucinde" und Goethes 
„Wahlverwandtschaften" (1809). 



268 

Goethe hat ja in seinem reichen Liebesleben, besonders in 
seinem Verhältnis zu Charlotte von Stein und zu 
Christiane Vulpius, mit der er 18 Jahre lang in freier 
„Gewissensehe" lebte^) und deren aus dieser Ehe entsprossenen 
Sohn August er schon lange vor Legitimierung der Ehe adop- 
tierte, das Ideal der freien Liebe mehr als einmal verwirklicht. 
Wenn er in den „Wahlverwandtschaften" zuletzt die sittliche 
Idee der monogamen Ehe siegen l&ßt, und sie als leuchtendes 
Etilturideal hinstellt, welcher „Standpimkt des Ideals" auch von 
uns, wie wir im vorigen Kapitel ausführten, völlig geteilt wird, 
so hat er doch durch die in diesem Bomane dargestellten Ehe- 
konflikte gezeigt, wie tief er von der Bedeutung einer freieren 
Gestaltung des Liebeslebens durchdrungen war. Besonders durch 
den Grafen l&ßt er solche Ideen aussprechen. Dieser erzählt von 
dem Vorschlag eines seiner Freunde, daß eine jede Ehe nur auf 
fünf Jahre geschlossen werden solle. „Es sey, sagte er, dieß eine 
schöne ungerade heilige Zahl, und ein solcher Zeitraum eben 
hinreichend, um sich kennen zu lernen, einige Kinder heran- 
zubringen, sich zu entzweien, und, was das Schönste sey, sich 
wieder zu versöhnen. Gewöhnlich rief er aus: Wie glücklich 
würde die erste Zeit verstreichen! Zwei, drei Jahre wenigstens 
gingen vergnüglich hin. Dann würde doch wohl dem einen Teil 
daran gelegen seyn, das Verhältniß länger dauern zu sehen, die 
Gefälligkeit würde wachsen, je mehr man sich dem Termin der 
Aufkündigung näherte. Der gleichgültige, ja selbst der nnza- 
friedene Teil würde durch ein solches Betragen begütigt und 
eingenommen. Man vergäße, wie man in guter Gesellsehaft die 
Stunden vergißt, daß die Zeit verfließe, und fände sich auüs 
angenehmste überrascht, wenn man nach verlaufenem Tennin exet 
bemerkte, daß er schon stillschweigend verlängert 
sey." Gerade diese freiwillige stillschweigende Verlängerung 
eines von beiden Seiten ohne bindenden Zwang aus freien Stücken 
eingegangenen Verhältnisses ist es wohl, die Goethe diesem 
Vorschlag eine „tiefe moralische Deutung*' geben läßt. 

Goethe- Forscher mache ich darauf aufmerksam, daß dieser 
seltsame Vorschlag einer fün f jährigen Zeitehe mit 



*) YgL die vortreffliche kritische Untersuchung von Georg 
Hirth „Goethes Christiane'' in: Wege cur Liebe, 8. 82S— 366, wo 
sahlreiche neue und wichtige Gesichtspunkte sar Beurtoilnng dieses 
Verhältnisses beigebracht werden. 



269 

der VerUiigerung eine uralte — japanische Sitte ifit, oder wenig- 
stens noch vor 80 Jahren warl 

Wernich, der mehrere Jahre ProfesiMr der Medizin in 
Tokio war, berichtet darüber: ,J)ie Ehen werden auf Zeit ge- 
schlossen: von anständigen Personen beiderlei Oeschlechts auf 
fünf Jahre, in den niederen Ständen auch auf kürzere Zeit. 
Dabei findet aber höchst selten, nur bei wirklich offen- 
kundigem Unglück, und bei Vorhandensein wohlgebildeter lebender 
Kinder fast nie, ein Auseinandergehen der Eheleute statt, — 
im Gegenteil sind die meisten dieser Zeitehen ebenso glücklich, 
wie die ja auch durch ein höchst einfaches und dem Japanischen 
•ehr fthnliches Zeremoniell trennbaren jüdischen Ehen."^) 

Bei der merkwürdigen Uebereinstimmung des in den „Wahl- 
verwandtschaften'' gemachten Vorschlages mit diesem japanischen 
Brauche ist die Annahme wahrscheinlich, daß Goethe Kenntnis 
von letzterem gehabt hat. 

Die „Lucinde'' gab weit über den romantischen Kreis hinaus 
den Gefühlen und Herzensstimmungen der Zeit in bezug auf 
Liebe und Ehe Atisdruck. Zu keiner Zeit sind die Ideale der 
freien Liebe so tief empfunden, so enthusiastisch vorgestellt 
worden wie damals, vor allem von der herrlichen Karoline, 
die nach langen „Eheirrungen'S besondera mit A. W. Schlegel, 
endlich in der freien Liebe zu Schelling, die ganz von selbst 
zur wahren Ehe wurde, das Glück ihres Lebens fand. 

,Jn ihren Briefen,'' sagt Kuno Fischer, „erhebt sie immer 
und immer wieder den Mann ihrer Wahl und ihres Herzens, 
in dessen Liebe sie wirklich das Ziel erreicht hat, das sie lange 
labyrinthisch geerucht ... So lange sie lebte, suchte sie das Glück 
echt weiblicher Lebensbefriedigung mit einem Seelenbedürfms, 
einer Geisteeempf&nglichkeit, einer Erregung und einem Auf- 
schwünge aller Gemütskr&fte, daß sie Täuschungen erfahren 
mufiie und durch Irrungen hindurchging. Zuletzt ist ihr das 



*)JLWernioh, Geographisoh-mediEiniache Studien nach den Er« 
lebnissen einer Reise um die Erde, Berlin 1878, S. 137. Auch bei den 
ICalajen von HoU&ndisch-Indien ist die Ehescheidung sehr leicht; sie 
kostet nur ein paar Gulden und wird oft geübt, sehr „zom Vorteil der 
beiden Gatten, die nicht durch Liebe zusammengehalten werden. Auch 
kommt es nicht selten vor, daß geschiedene Eheleute 
naeh einiger Zeit sich wieder vereinigen.** Ernst 
Haeckel, Aus Insulinde. Malayische Beisebriefe, Bonn 1901, 8.242. 



270 

Meisterstück da gelungen, wo sie es allein erstixibt hat, wo es 
am schwersten und seltensten ist: im Leben selbst, sie hat 
im Kampfe mit dem Schicksal, der nie ohne Schuld ausgeht, den 
Sieg und nach dem Worte des Dichters die echteste aller Frauen* 
krönen davongetragen: „Das Allerhöchste, was das Leben 
schmückt, wenn sich ein Herz entzückend und entzückt, dem 
Herzen schenkt im süßen Selbstvergessen!" Und daß Schellüxg 
der Mann war, der das Herz dieser Frau ganz bewältigen und 
sich zu eigen machen konnte, gibt auch seinen Zügen einen Aus- 
druck, der sie verschönert "•) 

Auch Bahel^ Dorothea Schlegel, Henriette Herz 
priesen unter dem Einflüsse der „Lucinde" das Glück der freien 
Liebe. Für diese Zeit der Oenialitätsepoche in Jena und Berlin, 
wie Budolf von Gottschall sie nennt, war typisch das 
freie Liebesverhältnis des Prinzen Louis Ferdinand von 
Preußen zu Frau Pauline Wiesel, das uns aus dem 1865 
von- AlexanderBüchner veröffentlichten Briefwechsel näher 
bekannt geworden ist, in dem oft nach einem Ausdruck Ludmilla 
Assings der „leidenschaftliche Ausdruck alles in der Literatur 
Sagbare übersteigt." 

In Frankreich knüpfte die Debatte über die freie Liebe 
wesentlich an die «kommunistisch-sozialistischen Ideen eines Saint- 
Simon, Enfantin und Fourier an. Schon vorher hatte 
Betif de la Bretonne in seiner „Decouverte australe", die 
Charles Fourier stark beeinflußt hat,?) eine zunächst zwei- 
jährige Dauer der Ehen verlangt, die dann von selbst gelöst 
seien. Saint-Simon und Barrault proklamierten das „freie 
Weib", Pere Enfantin das „freie Bündnis" und Fourier die 
freie Liebe im Phalanstere. 

Ein Niederschlag dieser Ideen sind George Sands Romane, 
namentlich „Lelia" und „Jacques", diese Tragödie der Ehe, wo 
es u. a. heißt: 

„Ich glaube noch immer, daß die Ehe eine der gehässigsten 
Einrichtimgen ist; ich zweifle auch nicht, daß sie, wird einmal 
das menschliche Geschlecht an Vernunft und Gerecbtigkeitsliebe 
weiter vorgeschritten sein, aufgehoben werden muß. Ein 

<) EnnoFischer, Geschichte der neueren Philosophie, ibidel* 
berg 1898, Bd. VIT, S. 135. 

f) Vgl. darüber mein (Pseudonymes) Werk „H6iif de la Bratoua, 
Der Mensch, der Schriftsteller, der Reformator.** Berlin IfNW^ 1^ Ml 




271 

menschliches und nicht minder heiliges Band wird 
ailsdann an die Stelle derselben treten, tind die Existenz der Kinder 
wird nicht minder geborgen tmd gesichert sein, ohne deshalb 
der Freiheit der Eltern ewige Fesseln anzulegen." („Jacques" von 
George Sand, Deutsch von J. L. K, Leipzig 1837, S. 63.) 

Um dieselbe Zeit trat in Schweden der bedeutende Dichter 
C. J. L. Almquist als ein mächtiger Vorkämpfer für freie 
Liebe auf. lieber ihn hat Ellen Key im Juli- und Augustheft 
1900 der Monatsschrift „Die Insel" einen geistvollen Essay ver- 
öffentlicht, in dem sie eine Analyse seiner Anschauungen über 
dieses Thema gibt. 

In der Novelle „Es geht an" verficht Almquist die These, 
daß die echte Liebe keiner Heiligung durch die Trauung bedürfe. 
Im Gegenteil habe diese das Wesen der Ehe verfälscht, da sie 
unechte Bündnisse einweihte imd zusammenhielt und jedes aus 
den niedrigsten Beweggründen geschlossene Verhältnis, wenn ilim 
nur eine Trauung vorangehe, rein werde, während eine Ver- 
einigung echter Liebe ohne Trauung als unkensch geächtet werde. 
Im Sinne freier Liebe ordnet Lara Widbeck in „Es geht an" 
ihr und ihres Gatten Albert zukünftiges Leben. Jeder soll Herr 
seiner Person und seines Eigentums sein, für sich leben, seine 
Arbeit unabhängig vom anderen versehen und so eine lebenis- 
länglicfae Liebe bewahren können, statt sehen zu müssen, wie 
sie in Gleichgültigkeit oder Haß umschlägt. 

Man nennt noch heute in Schweden nach diesem Roman von 
Almquist die Idee der freien Liebe die „Ee-geht-an-Idee" oder 
auch die ,36ckenrosen-Moral". Es war dann vor allem Ellen 
Key, die die Ideen Almquists wieder aufnahm und zu einem 
umfassenden Beformprogramm der freien Liebe und Ehe erweiterte, 
das wir weiter unten betrachten. 

In seinen letzten Schriften hat sich Schopenhauer ein- 
gehend mit den Liebes- und Eheproblemen beschäftigt; freilich 
ganz vom Standpunkte des Misogynen und der doppelten Ge- 
scblechtamoral. Aber doch hat er die großen Gefahren und 
Schäden der überlieferten Zwangsehe für die Gesellschaft er- 
kannt und erblickte mit Becht in ihr die Hauptquelle der ge- 
schlediilichen Korruption. 

So erklärt er in seiner Abhandlung „Ueber die Weiber" 
(Parerga und Paralipomena ed. G r i s e b a c h , Bd. II, S. 657 
bis 659): 



272 

„Während bei den polygamischen Völkern jedes Weib Ver- 
sorgung findet, ist bei den monogamischen die Zahl der verehe- 
lichten Frauen beschränkt und bleibt eine Unzahl stützeloser 
Weiber übrig, die in den hohem Klassen als unnütze, alte Jungfern 
vegetieren, in den untern aber unangemessen schwerer Arbeit 
obliegen, oder auch Freudenmädchen werden, die ein so freuden- 
wie ehrloses Leben führen, unter solchen Umständen aber zur 
Befriedigung des männlichen (jeschlechtes notwendig werden, da- 
her als ein öffentlich anerkannter Stand auftreten, mit dem 
speziellen Zweck, jene vom Scliicksal begünstigten Weiber, welche 
Männer gefunden haben, oder solche hoffen dürfen, vor Verführung 
zu bewahren. In London allein gibt es deren 80000. Was sind 
denn diese anderes, als bei der monogamischen 
Einrichtung auf das fürchterlichste zu kurz ge- 
kommene Weiber, wirkliche Menschenopfer auf 
dem Altare der Monogamie? Alle hier erwähnten, in so 
schlechte Lage gesetzten Weiber sind die unausbleibliche Gegen- 
rechnting zur Europäischen Dame, mit ihrer Prätension und 
Arroganz. Für das weibliche Greschlecht als ein Ganzes be- 
trachtet, ist demnach die Polygamie eine wirkliche Wohltat 
Andererseits ist vernünftigerweise nicht ab2nisehen, warum ein 
Mann, dessen Frau an einer chronischen Krankheit leidet, oder 
unfruchtbar bleibt, oder allmählich zu alt für ihn geworden ist, 
nicht eine zweite daaru nehmen sollte. Was den Mormonen eo 
viele Konvertiten wirbt, scheint eben die Beseitigung der wider- 
natürlichen Monogamie zu sein. Zudem aber hat die Erteilung 
unnatürlicher Bechte dem Weibe unnatürliche Pflichten aufgelegt, 
deren Verletzung sie jedoch unglücklich macht. Manchem Manne 
nämlich machen Standes- oder Vermögensrücksiditen die Ehe, wenn 
nicht etwa glänzende Bedingungen sich daran knüpfen, unrätlich. 
Er wird alsdann wünschen, sich ein Weib, nach seiner Wahl unier 
andern, ihr und der Kinder Los sicher stellenden Bedingungen 
zu erwerben. Seien nun diese auch noch so billig, vernünftig 
und der Sache angemessen, und sie gibt nach, indem sie nicht 
auf den unverhältnismäßigen Bechten, welche allein die Ehe ge- 
währt, besteht; so wird sie, weil die Ehe die Basis der bürger- 
lichen Gesellschaft ist, dadurch in gewissem Grade ehrlos und hat 
ein trauriges Leben zu führen ; weil einmal die menschliche Natiir 
f es mit sich bringt, daß wir auf die Meinung anderer einen ihr 

völlig unangemessenen Wert legen. Gibt sie hingegen nicht nach. 



273 

80 läuft sie Grefahr, entweder einem ihr widerwärtigen Manne 
ehelich angehören zu müssen, oder als alte Jungfer zu vertrocknen ; 
denn die Frist ihrer Unterbringbarkeit ist sehr kurz. In Hinsicht 
auf diese Seite unserer monogamischen Einrichtung ist des 
Thomasius grundgelehrte Abhandlung de ooncubinatu höchst 
lesenswert, indem man daraus ersieht, daß, unter allen 
gebildeten Völkern und zu allen Zeiten, bis auf 
die Lutherische Beformation herab, das Konku- 
binat eine erlaubte, ja, in gewissem Grade sogar 
gesetzlich anerkannte und von keiner Unehre 
begleitete Einrichtung gewesen ist, welche von 
dieser Stufe bloß durch die Lutherische Beformatioif herab- 
gestoßen wurde, als welche hierin ein Mittel mehr zur Becht- 
fertigung der Ehe der Geistlichen erkannte; worauf denn die 
katholische Seite auch darin nicht hat zurückbleiben dürfen. 

Ueber Polygamie ist gar nicht zu streiten, sondern sie 
ist als eine überall vorhandene Tatsache zu nehmen, deren bloße 
Regulierung die Aufgabe ist. Wo gibt es denn wirkliche 
Monogamisten ? Wir alle leben, wenigstens eine Zeitlang, 
meistens aber immer, in Polygamie. Da folglich jeder Mann viele 
Weiber braucht, ist nichts gerechter, als daß ihm frei stehe, 
ja obliege, für viele Weiber zu sorgen.*' 

So richtig diese Anschauung Schopenhauers über die 
Notwendigkeit einer freieren Auffassung imd Gestaltung der ge- 
schlechtlichen Beziehungen, über die Schändlichkeit der In- 
lamierung unehelicher Mütter und Kinder ist, so gefährlich ist 
seine Auffassung von der Bolle der Frauen bei dieser Beform 
der Ehe. Das Weib soll als inferiores, unfreies Wesen wieder 
rechtlos werden, statt als freie Persönlichkeit mit gleichen 
Becbten und Pflichten dem Manne gegenüberzutreten. Nur eine 
neue und schlimmere Geschlechtssklaverei würde die Folge der auf 
dieser Basis vorgenommenen Neuordnimg des Liebeslebens sein. 

Wie Julius Frauenstädt berichtet, hat Schopen- 
hauer noch in einem besonderen hinterlassenen 
Manuskript die Uebelstände der Monogamie beleuchtet, als 
deren Abhilfe er die „Tetragamie" vorschlug. Es ist aber 
diese besondere, ohne Zweifel sehr interessante Abhandltmg nicht 
an die Berliner Königliche Bibliothek gelangt. Ueber den Ver- 
bleib des Manuskripts sind wir im Ungewissen, vielleicht hat 
Frauenstädt es vernichtet. 

B ] c b , SexuAllebea. 2. u. 8. AafUffo. tfl 

(6.--ia lautend.) 



274 

JeäocH findet sidi ein knapper, bisher nnverOffent* 
lichter Anszng daraus in Schopenhauers 1823 nieder- 
geschriebenem Mannskriptbuch „Die Brieftasche'', das auf der 
Königlichen Bibliothek in Berlin aufbewahrt wird.*) 

Ich teile hier zum ersten Male den dort auf S. 70 — 77 nieder* 
geschriebenen Wortlaut jenes Vorschlages mit: 

Skizze der Schopenhauerschen „Tetragamie" 

(bisher unveröffentlicht): 

„Indem die Natur die Zahl der Weiber der der M&nner nur 
knapp gleich machte und dennoch den Weibern eine nur halb 
so lan^ Zeit hindurch die Fälligkeit zur Zeugung und Taug- 
lichkeit für den Genuß des Mannes verlieh, hat sie das mensch- 
liche Geschlechtsverh&ltnis schon in der Anlage derangiert. Durch 
die gleiche Zahl scheint sie auf Monogamie zu deuten: hingegen 
hat ein Mann an einem Weibe nur für die halbe Zeit seiner 
Zeugungsf&higkeit Befriedigung; er mußte also eine zweite 
nehmen, wenn die erste verblüht ist; aber es ist für jeden 
nur eine gerechnet worden. Was dem Weibe' an Dauer der Ge- 
schlechtstauglichkeit abgeht, hat es wieder an Maß derselben 
voraus: es ist fähig, zwei bis drei tüchtige Männer zu gleicher 
Zeit za befriedigen, ohne zu leiden. In der Monogamie benutzt 
es nur die Hälfte seiner Fähigkeit und befriedigt nur die Hälfte 
seiner Wünsche. 

Sollte nun dies Verhältnis, nach bloßer, physischer Bücksicht 
(und es gilt ein physisches höchst dringendes — Zweck der Ehe 
bei Juden und Christen — Bedürfnis) geordnet und bestmöglichst 
ausgeglichen werden: so müssen zwei Männer stets ein Weib zu- 
sammen haben: die sie beide jung nehmen: nachdem diese ver- 
blüht ist, nehmen sie eine zweite ebenso junge dazu, welche dann 
ausreicht bis beide Männer alt sind. Beide Weiber sind versorgt 
und jeder Mann hat nur die Sorge für eine. 

In der Monogamie hat der Mann auf einmal zu viel und auf 
die Dauer zu wenig; und das Weib umgekehrt. 

Bei der vorgeschlagenen Einrichtung hat der Mann in der 



®) Eine kxiize Andeutung der Tetragamie gibt Schopenhauer 
auch In den Fragmenten seiner Vorlesung ülx^r Philosophie (Schopen- 
hauers Nachlaß ed. E. G r i s e b a c h , Bd. IV, S. 405—406), forner iu den 
Manuskriptbüchern „Fandektä** und „Spicilegia" (ebendaselbst S. 418 
bis 419). 



276 

JugenS, wo sein Besitz am genngsben tä sein pflegt, nur für 
ein halbes Weib, wenige und kleine Kinder zu sorgen: später, 
wo er reicher ist, für ein oder zwei Weiber und viele Kinder. 
Weil die Einrichtung nicht besteht, sind die Männer die 
Hälfte ihres Lebens Hurer und die andere Hälfte Hahnreie; und 
die Weiber zerfallen demgemäß in Betrogene und Betrügerinnen. 
Wer jung heiratet, schleppt sich nachher mit einer alten Frau: 
wer spät heiratet, bekommt erst Yenerische Krankheiten, dann 
Homer. Das Weib muB entweder die Blüte ihrer Jugend einem 
schon verblühten Manne opfern, oder nachher empfinden, daß sie 
einem noch rüstigen Manne kein tauglicher Gegenstand mehr 
ist. — Allen diesen Leiden hilft die Yorgeschlagene Einsicht ab; 
das Menschengeschlecht würde seines Lebens froher. Was dagegen 
zu sagen, ist: 

1. daß man seine Kinder nicht kennen würde. Antw(ort): 
das wäre durch die Aehnlichkeit und andere Umstände meistens 
doch noch zu entscheiden: auch jetzt ist's nicht immer gewiß. 

2. Ein solches Verhältnis von dreien gibt zu Streit und Eifer- 
sucht Anlaß. — Antw(ort): die finden sich überall: man muß 
sich schicken lernen. 

3. Wie ist es mit dem Vermögen? — Antw(ort): das wird 
ganz anders eingerichtet, immittelbarre Communio bonorum 
findet nicht statt. Wie gesagt: die Natur hat das Verhältnis 
schlecht angelegt; man wird es daher nie ohne üble Umstände 
einrichten. 

So wie es jetzt ist, streiten Pflichten und Natur unablässig. 
Dem Mann ist es unmöglich, den Geschlechtstrieb von seinem 
Entstehen bis zu seinem Ende auf eine legale Art zu befriedigen. 
Es sei denn, daß er jung Witwer würde. Dem Weibe ist die 
Beschränktheit auf einen Mann, die kürzere Zeit ihrer Blüte 
und Tauglichkeit hindurch, ein unnatürlicher Zustand. Sie soll 
für einen bewahren, was er nicht brauchen kann, und was viele 
andere von ihr begehren, imd sie soll selbst bei diesem Versagen 
entbehren. Man ermesse esl 

Besonders da noch hinzukommt, daß zu jeder Zeit die Zahl 
der zum Beischlaf tüchtigen Männer die doppelte ist der dazu 
tauglichen Weiber, weshalb jedes Weib beständige Anfechtungen 
findet, sie schon von selbst diesen entgegensieht, sobald ein Mann 
ihr naiie kommt." 

Wenn wir dieses Tetragamieprojekt Schopenhauers von 

18* 



276 

unserem Standpunkt aus beurteilen, so finden wir daran richtig 
die Kritik der aus der monogamen Zwangsehe sich ergebenden 
Uebelstände und die scharfsinnige Hervorhebung der aus der Ver- 
schiedenheit von Mann und Frau entspringenden physiologischen 
Disharmonien des Geschlechtslebens, auf die neuerdings auch 
Metschnikoff so großes Gewicht legt. Im übrigen ist 
Schopenhauers Vorschlag für uns nicht diskutabel, da er, 
wie schon erwähnt, erstens das Weib einfach als Sache be- 
handelt, ihr jede Individualität und Seele abspricht, und zweitens 
das damit in engstem Zusammenhang stehende Prinzip der Ein- 
liebe aufhebt. Denn die Parole der Zukunft muß lauten: 
Freie Liebe auf Grundlage der Einliebe 1 Und zwar der im 
vollen Lebenskampf beiderseits sich betätigenden Einliebe. 

Deshalb ist auch die für die zweite Hälfte des 19. Jahr- 
hunderts, ganz besonders für die Zeit zwischen 1830 tmd 1860, 
charakteristische freie Liebe des Pariser Zigeunertums, der 
Boheme, mehr ein freilich poetisches Liebesidyll, als jene ernste, 
\ große, ganz der Arbeit und der inneren geistigen Ent- 
I Wicklung geweihte Liebe, wie sie dem modernen Menschen 
\ als Ideal vorschwebt, Liebe als gemeinsame Bewältigung des 
[ Daseins. Die Grisettenliebe, die schon der alte Sebastian 
Mercier sehr anschaulich geschildert hat, die dann in Henry 
Murgers „Vie de BohSme" ihre klassische Darstellung 'fand, 
steht zwar durch das dauernde Zusammenleben der meist den 
Künstler- oder Studentenkreisen angehörenden Liebespaare himmel- 
hoch über unserem einen ganz flüchtigen Charakter tragenden 
modernen „Verhältnis", entspricht aber sonst in keiner Weise dem 
Begriff und Ideal freier Liebe als Seelen- und Lebensgemeinschaft. 
Erst die moderne Kulturentwicklung, die im Zusammenhange 
mit dem Erwachen des Individualismus und der wirtschaftlichen 
Umwälzimg ganz neue Grundlagen für die sexuellen Beziehungen 
schuf und die Schäden imd verderblichen Wirkungen einer längst 
veralteten Geschlechtsmoral immer mehr zum Vorschein brachte, 
hat uns die Erkenntnis gebracht, daß in der sogenannten sozialen 
Frage neben dem ökonomischen Problem das seruelle eine gleiche, 
wenn nicht noch größere Bedeutung beansprucht, hat uns die 
Notwendigkeit einer neuen Zukunftsliebe gezeigt, da das Fest- 
halten an den alten, überlebten Formen gleichbedeutend wäre mit 
einer ständigen Zunahme geschlechtlicher Korruption im weitesten 
Sinne des Wortes, mit einer allgemeinen Verseuchimg der Kultur- 



r 277 

Völker, wie sie das bedbx)hlich6 Umsichgreifen der Prostitution, 
besonders der heimlichen, und der Greschlechtskrankheiten ad 
oculos demonstriert. 

Fast zu gleicher Zeit setzten in den letzten Jahren bei den 
verschiedenen europäischen Kulturvölkern die Bestrebungen für 
eine radikale Umwertung der konventionellen Gfeschlechtsmoral 
und für eine den modernen Verhältnissen angepaßte Eeform d^r 
Ehe und des gesamten Liebeslebens ein. In Frankreich, England, 
Schweden und Deutschland traten Schriftsteller mit zum Teil 
bedeutenden, gehaltvollen und iimfangreichen Werken hervor, die 
ganz diesem Gegenstände gewidmet waren. (Gesellschaften für 
Ehe* und Semaireform bildeten sich in Nordamerika, in Frankreich, 
Oesterreich und Deutschland, parlamentarische Untersuchungs- 
kommiflsionen über diese Frage wurden eingesetzt, eigene Zeit- 
schriften für Beform der sexuellen Ethik begründet, kurz, das 
allgemeine Interesse hat sich dieser Kernfrage des Lebens zuge- 
wendet und betätigt sich theoretisch und Ipraktisch bei ihrer Lösung. 

Auf einmal, wie auf Verabredung legt sich die Kulturmensch- 
heit die ernste und furchtbare Frage vor: Wie war es möglich, 
daß man Hunderttausenden einfach das Becht auf Liebe aberkannte 
und sie zu einem freudlosen Dasein verdammte, in dem alle schönen 
Blüten des Lebens verwelkten, daß man andere Himderttausende 
dem entsetzlichen Elend der Prostitution, daß man schließlich 
die Gesamtheit in immer höherem Grade der Verheerung durch 
die Geschlechtskrankheiten und ihre Folgen auslieferte? 

Wie ist es möglich, fragt Karl Federn in der Vorrede 
von Carpenters „Wenn die Menschen reif zur Liebe werden", 
wie ist es möglich, daß wir Liebeslieder singen und doch edn 
Liebesleben haben, wie das, welches heute geführt wird, und eine 
Sittenlehre haben, gleich der, die heute herrscht? 

Ehre und Buhm den Männern und Frauen, die es gewagt 
haben, eine Antwort auf diese Fragen zu geben, die der kon- 
ventionellen Lüge die Wahrheit des Lebens entgegensetzten und 
den neuen Weg wiesen, den die Menschheit gehen wird, weil sie 
Um gehen muß. 

Es ist unmöglich, an dieser Stelle alle Schriften über die 
Reform der sexuellen Beziehimgen namhaft zu machen, die in 
den letzten Jahren erschienen sind. Ihre Zahl ist Legion. Wir 
begnügen uns mit einem Hinweis auf diejenigen Bücher, die am 
meisten Epoche gemacht, das Interesse der Allgemeinheit geweckt 



278 , 

und die Diskussion der Frage eigentlich erst angeregt und in 
Fluß gebracht haben. 

In FTankreich hat Charles Albert das Problem der freien 
Liebe vom kommunistischen Standpunkt aus behandelt.*) In den 
beiden ersten Kapiteln seines Buches schildert er die Entwicklung 
des primitiven Geschlechtstriebes zur höchsten Individualliebe 
und gibt dann eine interessante Darstellung des „Kampfes" der 
bürgerlichen Gesellschaft gegen die Liebe, die heute durch 
Staat imd Kapital in gleichem Maße gefährdet werde. 

„Die kapitalistische Gesellschaft stellt eine Tatsache dar, die 
Liebe eine andere. Es genügt, die beiden gegenüberzustellen, um 
zwischen ihnen einen scharfen Gegensatz zu bemerken, einen 
ewigen Ejiegszustand.'' 

Nur das Greld beherrscht Denken und Fühlen der modernen 
Menschheit, für die Liebe und ihren Idealismus bleibt kein Baum 
mehr, die soziale Oekonomie kennt nur eine Geschlechtsbeziehung, 
aber kein höheres LiebesgefühL Das Kapital unterwirft das 
ganze Geschlechtsleben seinen (besetzen. In der Prostitution wird 
dieses große soziale Verbrechen vollendet Auch die meisten 
Heiraten sind weiter nichts als „sexuelle Märkte". 

Freie Liebe ist einfach die von der Herrschaft des Staats und 
des Kapitals befreite Liebe. Sie ist daher nur.reaUsierbar durch 
eine ökonomische Umwälzung, die dem wirtschaftlichen Kampf 
ums Dasein ein Ende bereitet Freie Liebe, das ist die Unab- 
hängigkeit des sexuellen von dem materiellen Leben. Die ökono- 
mische Beform ist der einzige Weg zur höheren Liebe. Das 
ist die Ueberzeugung des Verfassers. Aber er gibt sich kein^ 
trügerischen Illusionen darüber hin, daß dann alles schön und gut 
sein werde, daß dann alle Fragen gelöst» alle Unvollkonunen- 
heiten beseitigt sein würden. 

„Wir betrachten nicht," sa^ er, „das Gebiet des sexuellen 
Lebens in der künftigen Gesellschaft als ein Eden, in welchem 
sich die am besten zueinander passenden Individuen mit mathe- 
mathischer Sicherheit zu wolkenlosem Dasein zusammenfinden 



') Charles Albert, Die freie Liebe. Aus dem Fransösischen 
übersetzt und mit einem Vorwort versehen von Therese Sohle* 
singer-Eckstein, Leipzig 1900. — Erwähnt sei noch das mehr 
allgemein philosophisch gehaltene Werk von Armand Charpen- 
tier, L'Evangile du Bonheur. Mariage. Union libre. Amoor libre^ 
Paris 1898. 



279 

werden. So gut wie heute wird es dann unerwidertes Lieben, 
unsicheres Suchen nnd Versuchen, Irrtümer und Enttäuschungen, 
Mißverständnisse, Ueberdruß, Verirrungen und Leiden geben. Wie 
hoch auch der materielle Aufschwung ^sein möge, dessen sich die 
künftige Menschheit erfreuen wird, aus dem Gefühlsleben wird ihr 
immer unentrinnbare Betrübnis erwachsen, und die Liebe wird 
nicht am seltensten den Anlaß dazu geben, aber ein großer Teil 
der heutigen Ursachen des Schmerzes kann und muß verschwinden.'' 

Die Vorbedingung freier Liebe ist die völlige Gleichstellung 
von Mann und Frau. Diese aber läßt sich nur durch den Kom- 
munismus erreichen, d. h. jene Ordnimg, in welcher Eigentum und 
Arbeitslohn ausgeschlossen sind, wo nicht nur die Produktions- 
mittel, sondern auch alle Konsumartikel dem gemeinsamen Ge- 
brauche anheimfallen werden und die Frau keinen „Handelswert" 
mehr besitzen wird wie heute. 

Aehnlich wie Albert glaubt auch Ladislaus Gum- 
plowicz,^^) daß die freie Liebe nur in einer kollektivistischen 
Gesellschaft verwirklicht werden könnte. 

So wichtig die Betonxmg des ökonomischen Gesichtspunktes 
ist, was übrigens vor Albert und Gumplowicz schon 
Bebel in dem berühmten Buche „Die Frau und der Sozialis- 
mus'' (34. Aufl., Stuttgart 1903) getan hat, so erscheint mir doch 
die kommunistische Lösung nicht als die einzig mögliche und 
freie Liebe sehr wohl mit der Aufrechterhaltung des Privat- 
eigentums vereinbar. 

Wenn auch die fortschreitende Veränderung der ökonomischen 
Struktur der Gresellschaft die sexuellen Beziehxmgen mächtig be- 
einflußt und für ihre jeweilige Form maßgebend ist, so spielen 
doch auch psychologisch-individuelle Faktoren eine 
große Bolle dabei Das zuerst hervorgehoben zu haben, ist das 
Verdienst des Engländers Carpenter und der schwedischen 
Schriftstellerin Ellen KejM) 

^9) L. Gumplowicz, Ehe und freie Liebe, Berlin 1902, 2. Aufl. 

^^) Jedoch muß erwähnt werden, daß bereits der berühmte Philo- 
soph Eugen Dühring in seiner bedeutenden Schrift „Der Wert 
des Lebens**, Leipzig 1881, 3. Auflage, S. 155—158, unter heftigen An- 
griffen auf das Zwangsehensjstem für eine freiere Gestaltung des 
Liebeslebens, für persönliche Liebe^ aus ethischen Gründen ein- 
getreten ist. 

^ E. Carpenter, Wenn die Menschen reif zur Liebe werden. 
Deutsch ▼on Karl Federn, Leipzig 1902. 



280 

Eduard Carpenter/*) ein ehemaliger Priester der 
anglikanischen Kirche, berücksichtigt in der Frage der freien 
Liebe neben dem ökonomischen Faktor vor allem den seelischen, 
die innige geistige Beziehxing zwischen Mann und Frau. £r er- 
blickt das Wesen der Liebe darin, daß sie „im Bestreben, ihr 
Ziel zu verwirklichen, immer mehr und mehr nach einem dauern- 
den und individualisierten Verhältnis drängt und nicht ruhen 
kann, bis der gleichgesinnte Grefährte gefunden ist. In dem 
Maße, als die Menschen fortschreiten, müssen ihre Beziehungen 
zueinander immer bestimmter und differenzierter werden, nicht 
aber unbestimmter — und es ist nicht die geringste Wahrschein- 
lichkeit vorhanden, daß die Gesellschaft in ihrem Fortschritt 
einen Rückfall zur Formlosigkeit erleiden könnte/' 

Vor allem hat Carpenter ein Moment in die Diskussion 
der freien Liebe eingeführt, das mir auch vom Ärztlichen Stand- 
punkte sehr bedeutungsvoll erscheint: das Moment der relativen 
Askese, der Selbstbeherrschung. Er erblickt mit Becht 
die Aufgabe der Zukunftsliebe nicht bloß in der gemeinsamen 
körperlichen, sondern auch in der geistigen Zeugung. 
Aus dem innigen seelischen Kontakte zweier differenzierter 
Persönlichkeiten gehen die höchsten geistigen Werte hervor. Nur 
Selbstbeherrschung führt zu dieser höchsten Liebe. 

„Die tägliche Erfahrung zeigt xms, daß die schrankenlose 
Befriedigung der Begierden den Menschen bis zur seelischen Dürre 
erschöpft und ihn seiner höheren Liebeskräfte beraubt — jeder, der 
einmal erkannt hat, wie herrlich die Liebe in ihrem Wesen ist, 
wird kaum irgend etwas, das zu ihr führt, ein Opfer nennen." 

Als Vorbedingungen einer Beform der Liebe und Ehe sieht 
Carpenter folgende Punkte an: 1. die Forderung der Freiheit 
und Unabhängigkeit der Frauen überhaupt, 2. die Schaffung eines 
vernünftigen Unterrichts über die Liebe für Kopf und Herz der 
Jugend beider Geschlechter, 3. die Anerkennung eines freieren 
kameradschaftlicheren, weniger ängstlich und kleinlich exklusiven 
Verhältnisses in der Ehe selbst und 4. die Abschaffung oder Ab- 
änderung der gegenwärtig geltenden abscheulichen Oeeetze, die 
zwei Menschen in der gewissenlosesten Weise das ganze Leben 
aneinander fesseln^ auch wenn ihre Verbindung eine ganz und gar 
unnatürliche und unselige ist. 

Carpenter schließt sich der Ansicht Letourneaus an^ 
daß in einer mehr oder weniger entfernten Zukunft die Listitution 



281 

der Ehe sich zu monogamischen Verbindungen umgestalten wird, 
dio frei eingegangen und, wenn es sein muß, frei gelöst werden 
durch bloße gegenseitige Uebereinkunft, wie es heute schon in 
verschiedenen europäischen Ländern, z. 6. im Eanton Genf, in 
Belgien, in Rumänien für die Scheidung, in Italien für die 
Trennung gilt. Staat und Gesellschaft mischen sich nur soweit 
ein, als es die Sicherung der Kinder gilt, betreffs derer von 
den Eltern weitgehende Verpflichtungen eingegangen 
werden müssen. Auch Carpenter führt aus, was übrigens 
schon vor 70 Jahren Gutzkow hervorgehoben hatte, daß es 
für die Entwicklung der Kinder viel vorteilhafter ist, wenn un- 
glückliche Ehen der Eltern getrennt werden, als wenn sie in- 
mitten der Misere einer solchen Ehe aufwachsen. 

„Liebe," so schließt Carpenter seine Ausführungen über 
die Zukunftsehe, „ist zweifellos der letzte und schwierigste 
Gegenstand, den die Menschheit zu lernen hat; sie ist in ge- 
wissem Sinne das Fundament aller anderen. Vielleicht ist für 
die modernen Nationen die Zeit gekommen, wo sie aufhören, 
Kinder zu sein und einen Versuch machen, sie zu erlernen." 

Größeres Aufsehen noch als das Buch Carpenters erregten 
die Essays der Schwedin Ellen Key „lieber Liebe und Ehe", 
die 1904 in deutscher Ausgabe^^) erschienen und einen ungewöhn- 
lichen Erfolg auf dem Büchermarkt hatten. Es ist ohne Frage 
das interessanteste und gehaltreichste Buch, das bisher über das 
sexuelle Problem erschienen ist. Mit dem Herzeh geschrieben 
und ganz von einem hohen freien Geiste der Betrachtung erfüllt 
geht es keiner der zahllosen Schwierigkeiten und Einwände auf 
diesem Gebiete axis dem Wege, und der Vorwurf der Weitschweifig- 
keit, den man der Verfasserin gemacht hat, muß entschieden 
zurückgewiesen werden. Gerade Ellen Key ist die ausge- 
sprochenste B«alistin von allen Schriftstellern über die freie 
Liebe, sie entnimmt dem wirklichen Leben ihre Argumente und 
sie knüpft bei ihren Beformideen überall an das Wirkliche an, 
sie verfährt streng evolutionistisch. So sucht sie auch in ihrem 
Buche zunächst die „Entwicklungslinie der geschlechtlichen Sitt- 
lichkeit" und die „Evolution der Liebe" festzustellen. 

Auch Ellen Key geht von der Tatsache aus, daß nirgends 
der Beweis dafür erbracht sei, daß die Monogamie die für die 

**) Ellen Key, üeber Liebe und Ehe. Uebersetzung von 
Prancis Maro, Berlin 1904. 



282 

Lebenskraft tind die Kultur der Völker unentbehVlidhste Form 
des Geschlechtslebens ist. Sie sei überhaupt selbst bei den Christ* 
liehen Völkern noch niemals Wirklichkeit gewesen, und ihre 
Legalisierung als einzig zulässige Form der geschlechtlichen Sitt- 
lichkeit habe der echten Sittlichkeit mehr geschadet als genützt. 

Die Verfasserin entwickelt dann den ebenso schönen wie 
wahren Gredanken, daß erst ein längeres Zusammenleben die 
Echtheit der Liebe erweisen könne und damit auch die Sittlichkeit 
des Zusammenlebens und seine Fähigkeit, das Dasein der beiden 
Liebenden und das der Generation zu steigern. Folglich könne 
keinem ehelichen Verhältnis von vornherein die Weihe er- 
teilt oder abgesprochen werden. Jedes neue Paar, welche Form 
es auch für sein Zusammenleben gewählt habe, müsse erst 
selbst dessen sittliche Berechtigung erweisen. 

Dann geht Ellen Key auf einen Gesichtspunkt ein, den 
auch ich als einen integrierenden Bestandteil des Programms der 
Zukuuftsliebe betrachte und in frükeren Schriften schon hervor- 
gehoben habe: daß die Liebe nicht nur, wie Schopenhauer 
meinte, eine Sache der Gattung sei, sondern mindestens in 
gleichem Maße eine Angelegenkeit der liebenden Individuen. 
Das ist das Ergebnis und der deutliche Fingerzeig der Kultur- 
entwicklimg, die xms, wie ich in früheren Kapiteln nachgewiesen 
habe, eine fortschreitende Lidividualisierung und zu- 
nehmende geistige Bereicherung der Liebe („seelenvolle Sinnlich- 
keit" EllenKeys) zeigt und so dieser eine durchaus selbständige 
Bedeutimg für jedes Individuum gibt. 

„So wie die Kultur jetzt die persönliche Liebe entwickelt 
hat, ist diese so zusammengesetzt, so umfassend und eingreifend 
geworden, daß sie nicht nur an und für sich — unab- 
hängig von der Arterhaltung — einen großen Lebenswert 
bildet, sondern auch alle anderen Werte hebt oder 
herabmindert. Sie hat neben ihrer ursprünglichen eine neue 
Bedeutung bekommen: die Flamme des Lebens von Geschlecht 
zu Geschlecht zu tragen. Niemand nennt jemanden unsittlich, 
der — in seiner Liebe getäuscht — davon absteht, in einer 
Ehe die Gattung fortzupflanzen; auch jene Gatten wird man 
nicht unsittlich nennen, die in ihrer durch die Liebe glücklichen 
Ehe verbleiben, obgleich dieselbe sich als kinderlos erwiesen hat 
Aber in beiden Fällen folgen diese Menschen ihrem 
subjektiven Gefühl auf Kosten des künftigen 



283 

Oeschleclits und behandeln ihre Liebe als Selbst- 
zweck. Das in diesen einzelnen Fällen den einzelnen auf Kosten 
der Gattung schon zuerkannte Eecht wird sich immer mehr er- 
weitem, in dem Maße, in dem die Bedeutung der Liebe zunimmt. 
Hingegen wird die neue Sittlichkeit von der Liebe eine immer 
größere freiwillige Bechtseinschränkung in den 
Zeiten, wo ein neues Leben es erheischt, verlangen, 
sowie einen freiwilligen oder notgedrungenen 
Bechtsverzicht, neue Leben unter Bedingungen 
zu zeugen, die dieselben minderwertig machen 
würden." 

Ellen Key nennt diese neue, moderne Liebe „erotischen 
Monismus", weil sie die ganze einheitliche Persönlich- 
keit xunfaßt, auch das geistige Wesen, nicht allein den Körper. 
George Sand gab die erste Definition dieser Liebe als einer 
aolchen, wo „weder die Seele die Sinne, noch die Sinne die Seele 
betrogen haben." 

Dieser erotische Monismus proklamiert als unerschütterlichen 
Grundsatz die Einheit der Ehe und der Liebe. 

Dieser Einheitsgedanke gibt dem Menschen das Becht auf 
Gestaltung seines Geschlechtslebens nach seinen persönlichen 
Wünschen aber unter der Voraussetzung, daß er nicht bewußt 
die Einheit und dadurch mittelbar oder unmittelbar das Becht 
etwaiger Nachkommen verletzt. 

So wird nach Ellen Key die Liebe „immer mehr eine 
Privatsache der Menschen, die*Kinder dagegen 
immer mehr eine Lebensfrage der Gesellschaft." 
Daraus folgt, daß die beiden „niedrigsten und gesellschaftlich 
sanktionierten Aeußerungen der geschlechtlichen Zersplitterung 
(des Dualismus), die Zwangsehe imd die Prostitution 
allmählich unmöglich werden, weil sie nach dem Siege des 
Einheitsgedankens den Bedürfnissen der Menschen nicht mehr 
entsprechen werden." 

Mit Becht konstatiert Ellen Key bereits heute einen 
wachsenden Abscheu der jungen Männer vor der gesellschafts- 
geschützten Unsittlichkeit (in der Zwangsehe und der Prostitution) 
und ihre einheitliche Liebessehnsucht. Auch die noch in einem 
besonderen Kapitel später zu schildernde allgemeine Verbreitung 
asketischer Stimmungen, der Misogynie der Männer und der 
Misandrie der Frauen, hängt zum Teil mit dem Gefühle zusammen, 



daß die heutigen sozialen Formen der geschlechtlichen Beziehungen 
"Würde und Freiheit des Menschen in gleichem Maße beein- 
trächtigen. 

Heute begegnen sich die „Beinheits tollen und die Genuß- 
wütigen" in gemeinsamem Mißtrauen gegen die Entwicklungs- 
möglichkeiten der Liebe, weil sie nicht an eine Veredelung des 
blinden Naturtriebes glauben. Demgegenüber erinnert Ellen 
Key an die Tatsache der „geheimnisreichen Vollkommen- 
heitssehnsucht, die im Laufe der Entwicklung den Trieb 
zu Leidenschaft, die Leidenschaft zu Liebe gesteigert hat, und 
die nun danach strebt, die Liebe zu einer immer 
größeren Liebe zu steigern." 

Man muß die Liebe als geistige Lebensmacht aner- 
kennen. Auch sie hat wie der Künstler, wie der Q^ehrte ein 
Recht auf eigene, originelle Betätigung ihrer Schaffenskraft, auf 
Produktion neuer geistiger Werte. Das vollkommenere Geschlecht 
muß im wahren Sinne des Wortes „hervorgeliebt" werden. 
Hierfür aber ist unerläßliche Vorbedingung die innere 
Freiheit der Liebe, die freie Liebesvereinigung ist die Parole 
I der Zukunft. Auch Ellen Key stellt fest, daß sie in den 
I unteren Klassen schon lange Sitte gewesen ist und dort die so 
■■ gefährliche Benutzung der Prostitution weit mehr eingeschränkt 
: hat als in den höheren Klassen, womit auch Blaschkos stati- 
i stische Feststellungen über die weit bedeutendere Verbreitung der 
I Geschlechtskrankheiten in den höheren Gesellschaftsklassen über- 
' einstimmen. 

Unerläßlich für die freie Liebe ist aber auch die volle, reife 
Entwicklung des liebenden Individuums. Deshalb verlangt auch 
Ellen Key Selbstbeherrschung und geschlechtliche Enthaltsam- 
keit, wenigstens bis zum 20. Lebensjahre. Sie erklärt den wahl- 
losen geschlechtlichen Verkehr, wie er heute unter jungen Leuten 
gang und gäbe ist, für den Tod aller Liebe. Aber auch z u 
frühe Ehen sind nicht minder gefährlich. Sie verlangt für 
die Frnu mindestens ein Alter von 20, für den Mann ein solches 
voll 25 Jahren, und möglichst geschlechtliche Enl- 
lialt^amkeit für beide Geschlechter bis zu diesem 
Alter. 

Diese Selbstbeherrschung ist gut für die körperliche Enl- 
wickhmg und gibt dem „Willen die Stählung, der Fersöolichkeit 



286 

die Machtfreude, die später auch auf allen anderen Gebieten 
bedeutungsvoll werden." 

Mit wundervollen Worten schildert Ellen Key das Glück 
des Wartenkönnensin der Liebe und zitiert dabei die schönen 
Verse des schwedischen Dichters Karlfeldt: 

Nichts gleicht auf Erden den Wartezeiten, 
Den Frühlingsfluttagen, den Enospenzeiten, 
Es kann der Mai kein Licht verbreiten 
Wie der sich klarende April. 

Andererseits aber ist es eine Forderung der wahren Sittlich- 
keit, daß gesunden Menschen zwischen 20 und 30 Jahren die 
Möglichkeit der Heirat, auch in freier Ehe, gegeben werde. Diese 
Forderung kann aber nur durch ökonomische Befonnen erfüllt 
werden. 

Die Verfasserin bespricht dann den wichtigsten Punkt der 
Liebeswahl und verlangt vor allem die obligatorische Bei- 
bringung eines ärztlichen Gesundheitsscheines vor 
Eingehen der Ehe. 

„Es steht außer aller Frage, daß teils die gesunde Selbst- 
zucht, die das eigene Ich bewahren will, teils die zunehmende 
Wertschätzung einer guten Nachkommenschaft dann so manche 
ungeeignete Eheschließung verhindern wird. In anderen Fällen 
dürfte die Liebe über diese Eücksichten, soweit sie die Gatten 
selbst betreffen, siegen, aber diese werden dann auf die Eltern- 
schaft verzichten. In den Fällen hingegen, in denen das Gesetz 
die Heirat bestimmt untersagen würde, kann man die Kranken 
natürlich nicht hindern, sich außerhalb der Ehe fortzupflanzen. 
Aber das gleiche gilt ja von allen Gesetzen: die Besten brauchen 
sie nicht, die Schlechtesten befolgen sie nicht, aber die Bechts- 
begriffe der Mehrzahl werden durch sie erzogen." 

Als unsittlich bezeichnet Ellen Key: 

Jede Elternschaft ohne Liebe. 

Jede unverantwortliche Elternschaft. 

Jede Elternschaft unreifer oder entarteter Menschen. 

Alle freiwillige Unfruchtbarkeit von Ehepaaren, welche für 
die geschlechtliche Aufgabe geeignet sind. 

Alle Aeußerungen des Geschlechtslebens, die Gewalt oder 
Verführung oder die Abneigung oder das Unvermögen, die ge- 
schlechtliche Aufgabe gut zu erfüllen, zeigen. 

Es ist interessant, daß Ellen Key als Resultat dieser fort- 



28« 

schireitenden Artveiedeltmg diiroli LiebeBanslese einen Zustand 
prophezeit, in dem jeder Mann und jede Frau geeignet ist, 
die Gattung fortzupflanzen. Erst dann würde die ideale Mono- 
gamie, ein Mann für ein Weib, ein Weib für einen Mann, ver- 
wirklicht werden. 

Sehr schön und mit kluger Einsicht in die wirklichen Ver- 
hältnisse erörtert Ellen Key die Frage des »Rechtes auf 
Mutterschaft", wobei sie Gelegenheit findet, die neuen und so 
verschiedenen Frauentypen zu schildern, welche die Entwicklung 
des modernen Lebens hervorgebracht hat. Sie erkennt nur unter 
Vorbehalt ein allgemeines Becht auf Mutterschaft an, aber sie 
betrachtet es nicht als vorbildlich, wenn eine Frau ohne Liebe 
in der Ehe oder außerhalb derselben Mutter wird. Man soll 
nicht, wie es heute von Seiten der M&nnerfeindinnen geschieht, 
die Mehrzahl der unverheirateten Frauen auffordern, sich ohne 
Liebe ein Kind zu schaffen. Das sollte nicht einmal geschehen, 
wenn zwar Liebe da w&re, aber die Unmöglichkeit eines dauernden 
I Zusammenlebens mit dem Vater des Eondes. 

Die unverheiratete Frau, die sich zur Mutterschaft entschließt, 
sollte völlig gereift sein, schon den „zweiten Frühling*^ ihres 
Lebens hinter sich haben, sie muß „nicht nur rein wie Schnee 
sein, nein, rein wie Feuer, in ihrer Gewißheit, mit dem Kinde 
ihrer Liebe ihrem eigenen Leben eine strahlende Steigerang und 
der Menschheit einen neuen Beichtum zu geben.** 

Eine solche unverheiratete Frau schenkt wirklich der 
Menschheit ihr Ejind und ist gänzlich verschieden von der unver- 
heirateten Frau, die „ein Kind kriegt". 

Freilich, das Ideal für die Mehrzahl bleibt immer der 
alte indische Weisheitsspruch, daß der Mann ein halber Mensch 
ist, die Frau ein halber tmd nur Vater und Mutter mit ihrem 
Kinde ein ganzer werden I 

Hinsichtlich der Scheidung spricht die Verfasserin die Forde- 
rung aus, daß sie vollständig frei sei und nur von dem eine 
gewisse Zeitlang festgehaltenen Willen eines oder beider Teile 
abhänge. Die Lösung der Ehe müsse ebenso leicht vor sich gehen 
können wie die Lösung der Verlobung. 

.«Welche Mißbräuche," sagt sie, „die freie Scheidung audi 
bringen kann, schwerere als die, die die Ehe mit sich gebracht 
hat und noch immer mit sich bringt, dürfte sie wohl kaum 
herbeiführen können: Die Ehe, die zu den rohesten G^chledits- 



287 

gewofinKeiten, dem sehamlofleeten Handel, den qualvollsten Seelen- 
morden, den gransamBten Mißhandlungen und den gröbsten Frei- 
heitsverletzongen herabgewürdigt wird, die irgend ein Gebiet des 
modernen Lebens aufzuweisen hat! Man braucht nicht zur Kultur- 
geschichte zurückzugehen, sondern nur zum Arzt und zum Beohts- 
anwalt, um zu erfahren, wozu „der heilige Ehestand'' benützt 
wird — xmd zwar nicht selten von denselben Männern und Frauen, 
die seinen sittlichen Wert preisen!'' 

Ebensowenig wie ^Wmde, Eltern und Kinder oder Ge- 
schwister bindende Gelöbnisse ewiger Gefühle ablegen, kann man 
dies Yon zwei Liebenden Yerlangen. Die von John Stuart 
Millund BjörnstjerneBjörnson mit so furchtbarer Wahr- 
heit geschilderte „Ehefessel" wird heute als unerträglich emp- 
funden. Die Liebe des modernen Menschen gedeiht nur in der 
Freiheit. 

„Das feinste erotische Gefühl der Gegenwart bebt davor, 
eine Fessel zu werden; es scheut vor der Möglichkeit zurück, 
ein Hindernis zu werden.'' 

Die freie Scheidung bei unglücklicher Ehe ist auch da not- 
wendig, wo Eonder vorhanden sind. Die Verpflichtungen 
der Eltern gegenüber den Kindern bleiben dann in vollem Um- 
fange bestehen, ohne daß deshalb ein fortgesetztes Zusammenleben 
der Eltern immer nötig w&re. Denn die Leiden eines solchen 
und die Schädigungen der Kinder dadurch sind schlimmer als 
eine Trennung. 

Die menschliche Liebe hat ihre Entwicklungsphasen, sie bleibt 
nicht ewig dieselbe, sondern ändert sich mit der Entwicklung 
des Individuums. Es gibt nur ein Ideal, aber keine Pflicht der 
lebenslänglichen Liebe. Solch Verlangen hieße die Persönlichkeit 
ebenso zerstören wie die Forderung des unbedingten Festhaltens 
an einer Lehre oder einem Berufe. 

Sehr interessant ist Ellen Keys Schilderung der zahl- 
reichen Enttäuschungen in der Liebe, die durch die Zwangsehe 
noch fühlbarer werden. Es gibt eine große Beihe „typischer 
Unglücksschicksale" in der Ehe, oft ohne Verschuldung beider 
Teile, nur durch bloße Disharmonie der Charaktere oder auch 
durch Fehlen jeder Individualität auf der einen Seite. 

Häufig „lebt ein seelenvoller Mann oder eine seelenvolle 
Frau neben einer Frau oder einem Manne von so fehlerloser 
Vortrefflichkeit, daß sie das Heim mit Eisnadeln erfüllt. Eines 



288 

Tages stürzt der Maun oder die iVaa fort, weil die Luft so 
dünn geworden ist, daß man darin nicht atmen konnte. Die 
allgemeine Meinung bedauert — den vortrefflichen Mann oder 
die vortreffliche Praul" 

Die freie Scheidung wird die Zahl der Ehetrennungen nicht 
vermehren. Für ernste, gereifte Menschen sind im Gegenteil die 
durch das freie Verhältnis auferlegten Verpflichtungen größer 
als diejenigen der gesetzlichen Zwangsehe. Auch ist die Furcht, 
daß bei freier Scheidung nun jeder zahlreiche freie Ehen nach- 
einander eingehen und wieder lösen würde, grundlos. (Gerade die 
in freier Liebe Vereinten empfinden eine solche Trennung, wenn 
sie einmal notwendig geworden ist, so tief und schmerzlich, daß 
das Leben selbst eine öftere Wiederholung verbietet. 

Sehr schön sind die von einer hohen ethischen Auffassung 
getragenen Ausführungen der Verfasserin über die Notwendigkeit 
einer Scheidung gerade mit Bücksicht auf die Kinder. U. a. sagt sie : 

„Die Menschen früherer Zeiten flickten bis ins Unendliche. 
Die psychologisch entwickelte Generation von heute ist mehr ge- 
neigt, das Zerbrochene zerbrochen sein zu lassen. Denn aufler in 
den Fällen, wo äußere Mißverhältnisse oder verspätete Entwick- 
lung die Ursache eines Bruches waren, erweisen sich zusammen- 
geflickte Ehen — wie zusammengeflickte Verlobungen — selten 
als haltbar. Es waren oft tiefe Instinkte, die den Bruch verur- 
sachten ; die Versöhnung vergewaltigte diese Instinkte, und früher 
oder später rächt sich eine solche Vergewaltigung. 

So kommt es vor, daß selbst die Ausnahmenatur sich an 
ihrer Bürde überhebt. Und die Kinder werden dann nicht Zeugen 
des Zusammenlebens ihrer Eltern, sondern nur ihres Zusammen- 
sterbens. 

Weder die Religion noch das Gesetz, weder die Gesellschaft 
noch die Familie kann entscheiden, was eine Ehe in einem Menschen 
tötet oder was er in derselben retten kann. Nur er selbst 
weiß das eine und ahnt das andere. Nur er selbst kann die 
Grenze ziehen, ob er mit seinem eigenen Dasein so ganz fertig 
ist, daß er voll im Leben der Kinder aufgehen kann; ob er 
das Leiden einer fortgeführten Ehe so zu tragen vermag, daß 
es kraftsteigemd für ihn selbst und die Eander wird.'* 

Beide, die Ueberzeugung vom Hechte der Liebe lud das 
Bewußtsein vom Bechte der Kinder, sind heute unverkennbar im 
Steigen begriffen. Es besteht keine Gefahr, daß das letztere 



289 

Becht, das Recht der Kinder unter dem Rechte der Liebe leiden 
wird. Es ist im Gegenteil charakteristisch, daß aus demselben 
Gefühl heraus, aus dem die freiere Gestaltung des Liebeslebens 
gefordert wird, auch ein neues Programm der Kindes- 
rechte aufgestellt worden ist. Dieselbe Ellen Key, die die 
unveräußerlichen Rechte der freien Liebe proklamiert, spricht 
auch von einem „Jahrhundert des Kindes^^ und widmet 
diesem Gegenstande ein herrliches Buch. 

Die wichtigste Frage bei einer freien Scheidung ist hin- 
sichtlich der Kinder die, daß Vater und Mutter nicht in Haß von- 
einander gehen, sondern in Freundschaft, und daß sie im Literesse 
der Kinder auch als Freunde sich ab und zu sehen. Ellen Key 
verurteilt hier mit Recht das Verhalten der guten Freunde und 
Verwandten, die einfach dekretieren, daß die getrennten Gatten 
sich hassen und in jeder Beziehung quälen und chikanieren müssen. 
Gerade die „Feindschaft'' der Eltern nach der Scheidxing ist so 
verhängnisvoll für die Kinder. 

Auch der Gesichtspimkt ist in Betracht zu ziehen, daß bis- 
weilen der neue Gatte oder die neue Gattin einen besseren Ein- 
fluß auf die Kinder ausübt bIb die eigenen Eltern, und daß 
so die Scheidung den Elindem größeres Glück brachte, für sie 
ein wahrer Segen war. 

Das Schlußkapitel ihres Werkes widmet Ellen Key der 
Formulierung praktischer Vorschläge für ein neues Ehegesetz. 
Sie bezeichnet als Ergebnis ihrer Darlegungen, daß die ideale 
Form der Ehe die ganz freie Vereüugxmg zwischen einem Manne 
und einer Frau sei Aber dieses Ideal kann einstweilen nur in 
und durch üebergangsformen erreicht werden. In diesen 
soll die Meinung der Gesellschaft über die Sittlichkeit des Ge- 
schlechtsverhältnisses zum Ausdruck kommen und so eine Stütze 
für die Unentwickelten erhalten bleiben, gleichzeitig aber sollen 
diese üebergangsformen frei genug sein, eine fortgesetzte Ent- 
wicklung des höheren erotischen Bewußtseins der (Jegenwart zu 
fördern. 

Mit ihnen ist also immer noch die Notwendigkeit freiheitr 
beschränkender (besetze verbunden, vorausgesetzt, daß diese eine 
Vervollkommnimg bezüglich der freieren Befriedigung der indi- 
viduellen Bedürfnisse mit sich brins^n. Das Solidaritäts- 
gefühl fordert ein neues, den modernen erotischen 
Bedürfnissen angepaßtes Gesetz für die Ehe, da 

Bloch, Sezuallnben. 2. u. 3. AuGagre. 29 

(6l— 19w Tstisend.) 



290 

die Mehrzahl noch nicht für vollkommene Freiheit reif ist. Nur 
die Bedürfnisse des modernen Kulturmenschen, nicht aber abstrakte 
Theorien über die „Idee der Familie" oder die „historische Ent- 
stehung" der Ehe dürfen dafür maßgebend sein. 

In der Zukunftsehe muß vor allem die ökonomische wie recht- 
lich imtergeordnete Stellung der Frau beseitigt werden. Die Frau 
muß über ihr Eigentum und ihren Verdienst selbst verfügen und 
in dem Maße für sich selbst sorgen, als dies mit ihren Mutter- 
pflichten verträglich ist. Sie muß aber auch einen Anspruch 
darauf haben, daß sie während der ersten Lebensjahre 
jedes Kindes von der Gesellschaft versorgt wird, 
und zwar xmter folgenden Bedingungen: 

Sie muß volljährig sein. 

Sie muß ihre weibliche „Wehrpflicht" durch eine einjähirge 
Ausbildung in Kinderpflege, allgemeiner Gesxindheitspflege und, 
wenn möglich, Krankenpflege durchgemacht haben. 

Sie muß selbst ihr Kind pflegen oder für eine andere voll- 
wertige Pflege Sorge tragen. 

Sie muß den Nachweis erbringen, daß sie nicht das genügende 
persönliche Vermögen oder Arbeitseinkommen besitzt, um ihren 
eigenen Unterhalt xmd die Hälfte des Unterhalts für das Kind 
zu bestreiten, oder daß sie sich um der Kinderpflege willen von 
der Berufsarbeit fem hält. 

Nur in Ausnahmefällen soll diese Mutterschaftsunterstützung 
länger als während der drei ersten und wichtigsten 
Lebensjahre des Kindes ausbezahlt werden. 

Die Beiträge zu dieser wichtigsten aller Versicherungen 
müßten in Form einer progressiven Steuer erhoben werden, und 
80 die Reichen am meisten treffen, die Unverheirateten 
in demselben Maße wie die Verheirateten. 

In jeder Gemeiude fungieren als Zentrale dieser Versicherung 
„Kinderschutz.be hör den", zu zwei Dritteln aus Frauen, 
zu einem Drittel aus Männern bestehend, die die Unterstützungs» 
gelder verteilen und über die Pflege der Säuglinge und älteren 
Kinder die Aufsicht führen, auch bei Verfehlungen der Mutter 
gegen ihr Kind sowohl Unterstützung versagen als auch das Kind 
ihr abnehmen können. 

Die Mutter erhält jährlich die gleiche Summo, außerdem aber 
für jede.-* Künd die Hälfte seines Unterhalts, falls nicht 
die Elinderzahl erreicht ist, die die Gesellschaft als die wünschena- 



291 

werte ansieht Die darüber hinatiB geborenen Kinder sind Privat- 
sache der Eltern. Jeder Vater muß von der Geburt jedes Kindes 
an bis zum achtzehnten Lebens j ahre die Hälfte zu seinem 
Unterhalt beisteuern. 

Die heutige unsittliche Unterscheidung zwischen legitimen 
und illegitimen Kindern befreit unverheiratete Väter so gut wie 
ganz von ihrer natürlichen Verantwortung und treibt ledige 
Mütter in den Tod, in die Prostitution oder zu Kindermord. 

All das würde durch ein Gresetz beseitigt werden, das der 
Mutter in den ersten, schwersten Jahren eine staatliche Unter- 
stützung zusichert, dem Kinde das Eecht auf den Unterhalt 
seitens beider Eltern, auf den Namen beider und auf die Be- 
erbung beider gibt. > 

Im Gesetze muß auch zum Ausdruck gebracht werden, daß 
jeder Ehegatte sein Eigentum besitzt, während diejenigen, die 
eine andere Ordnung einführen wollen, den Grad ihrer Gemeinsam- 
keit erst kontraktlich bestimmen müssen. Auch muß bezüglich 
der Erwerbsverhältnisse die Hausarbeit der Frau (Führung 
des Haushalts, Beaufsichtigung der Kinder) ökonomisch bewertet 
werden, was bisher nicht geschah. Nicht nur in bezug auf ihr 
Eigentum, sondern auch in allen bürgerlichen Bechten und der 
Selbstbestimmung über ihre Person muß die verheiratete Frau 
der unverheirateten gleichgestellt werden. 

Interessant ist^ was Ellen Key über die Aufhebung des 
Zwanges zum Zusammenwohnen der Ehegatten sagt: 

„Es gibt Naturen, die einander das ganze Leben hinduroh 
geliebt hätten, wenn sie nicht — Tag für Tag, Jahr für Jahr — , 
gezwungen gewesen wären, ihre Gewohnheiten, Wülen und 
Neigungen nach einander zu richten. Ja, so manches Unglück 
beruht auf lauter Unwesentlichkeiten, die für ein paar Menschen 
mit Mut und Klarblick leicht zu meistern wären, wenn nicht 
der Instinkt zum Glück von den Bücksichten auf die gewohnten 
Meinungen beschwichtigt würde. Je mehr persönliche Freiheit 
die Frau (oder der Mann!) vor der Ehe gehabt hat, desto mehi 
leidet sie (oder er) darunter, im Heim oft nicht eine Stunde oder 
einen Winkel ungestört für sich zu haben. Und je mehr der 
moderne Mensch seine individuelle Bewegungsfreiheit, sein Ein- 
samkeitsbedürfnis in anderer Beziehung steigert, desto mehr 
werden Mann und Frau sie auch in der Ehe steigern .... 

Aber jetzt werden die Gatten von der Sitte (und dem Gesetz) 

19* 



292 

in ein Zusammenleben gezwängt, welches oft damit endet, daß 
sie sicli für immer trennen, nur weil konventionelle Rücksichten 
sie davon abhielten, getrennt zu wohnen I 

Auch für Andersgeartete können die enge Abhängigkeit, die 
gezwungene Zusammengehörigkeit, die tägliche Anpassung, die 
beständigen Bücksichten drückend werden. Immer mehr Menschen 
fangen darum in aller Stille an, die ehelichen Sitten umzugestalten, 
so daß sie dem erwähnten Bedürfnis der Erneuerung mehr enfr 
sprechen. Jeder reist z. 6. für sich allein, wenn er das Grefühl 
hat, daß er Einsamkeit braucht; der eine besucht auf eigene 
Hand das Vergnügen, das der andere nicht schätzt, aber zu dem 
er sich früher entweder zwang, oder von dem er den anderen 
abhielt. Immer mehr Eheleute haben schon jedes sein Schlaf- 
zimmer. Und nach noch einer Greneration dürfte eine getrennte 
Wohnung durchaus nichts Aufsehenerregendes sein.*' 

Zum Gebiet der persönlichen Freiheit in der Ehe rechnet 
Ellen Key auch die Möglichkeit einer eventuellen Geheim- 
haltung derselben aus zwingenden Gründen, femer die Ein- 
führung neuer Formen der Scheidung, die heute zu so abscheu- 
lichen Praktiken vor Gericht Veranlassung gibt, z. B. bei der 
Aussage der Beweise für Ehebruch, oder den Mitteilungen über 
die Verweigerung oder den Mißbrauch der „ehelichen Bechte*', 
über das vorgebliche „bösartige Verlassen'^ des einen Teils. 

Demgegenüber macht Verfasserin Vorschläge für ein neues 
Ehegesetz und eine neue Scheidungsordnung. 

Als Bedingungen für die Eheschließung soll dieses neue 
Gesetz feststellen: 

daß Frau und Mann volljährig sind; 

daß keiner mehr als fünfundzwanzig Jahre älter ist als der 
andere ; 

daß keiner in auf- oder absteigender Linie mit dem anderen 
in Bluts- oder anderer Verwandtschaft steht, die das Gresetz schon 
jetzt verbietet. Wenn die Wissenschaft in Zukunft eine Vei> 
schärfung oder Milderung dieses Verbotes verlangt, so muß sich 
das Gesetz danach richten. 

Endlich dürfen die beiden Teile nicht in einer anderen Ehe 
leben. Sie haben außerdem die Pflicht, ein ärztliches Zeugnis 
über ihren Gresundheitszustand beizubringen ; und die Ehe ist ver- 
boten, wo bei einem der Teile eine vererbbare und für die Kinder 
verderbliche (nicht auch für den anderen Gatten?) ansteokende 



Kraakheit festgestellt wird. In anderen Krankheitsfällen wird 
die Elle dem freien Ermessen anheimgestellt. 

Die Ehe wird vor dem „Heirats Vorsteher" der Kommune in 
Gegenwart von vier anderen Zeugen ohne Zeremonie geschlossen, 
dtircli Eintragung in das Ehebueh und Bestätigung durch die 
Untergchriften sämtlicher Anwesenden, die, wo die Ehe geheim- 
gehalten werden soll, zum Schweigen verpflichtet sind. 

Diese bürgerliche Trauung ist die gesetzliche; die religiöse 
ist freiwillig und hat keine rechtliche Wirkung. 

Die Gatten behalten in der Ehe alle persönlichen Rechte, 
die sie vor der Ehe über ihren Körper, ihren Namen, ihr Eigentum, 
ihre Arbeit, ihren Arbeitsverdienst gehabt haben, auch das Recht, 
ihren Aufenthalt zu wäiilen, sowie alle übrigen bürgerlichen 
Rechte. Für gemeinsame Ausgaben und Schulden haften sie 
gemeinsam, sonst jeder für seine persönlichen Ausgaben und 
Schulden. Bei einer Scheidung behält jeder sein Vermögen. Bei 
einem Todesfall erbt der "Witwer oder die Witwe die eine Hälfte, 
die Kinder die andere des Gesamt Vermögens. 

Für die Scheidung schlägt Ellen Key einen aus vier 
Personen, Männern oder Frauen, bestehenden „Sehe idungs rat" 
vor. Dieser sucht zunächst, etwa wie ein Ehrenrat vor einem 
Duell, die Parteien zu versöhnen, vorhandene Konflikte beizulegen, 
Gelingt das nicht, so muß die Scheidungsanmeldung bei dem 
Heiratsvorstcher der Kommune eingereicht werden und zwar ist 
das erst ein halbes Jahr nach Inanspruchnahme des 
Scheidungsrates möglich. Dieser muß bezeugen, daß der eine 
Teil damals von dem Wunsche des andern, die Ehe 
aufzulösen und seinen Gründen in Kenntnis ge- 
setzt war. Die Scheidung wird, falls keine Kinder da sind, 
Gütertrennung vorhanden ist, die Gatten auch während eines 
Jahres vollkommen getrennt gelebt haben, ein Jahr nach 
der Anmeldung ausgesprochen. Beim Vorhandensein von Kindern 
entscheidet eine besondere „K i n d e r p f 1 e g e j u r y" über das 
Verbleiben der Kinder. Der Teil, den die Jury und der Richter 
auf Grund seiner Sitten oder seines Charakters unwürdig 
oder unfähig finden, die lünder zu erziehen, verliert das 
Recht auf sie. Ist dies der Vater, so wird ein Vormund, ist es 
die Mutter, eine Vormünderin bestellt, die sich gemeinsam mit 
der Mutler oder dem Vater um die Erziehung der Ivinder kümmern 
müasen. Sind beide unwürdig, so wird nur von einer Vormund- 




294 

Schaft die Erziehimg geleitet. "Wenn beide Eltern gleich würdig 
und geeignet für die Erziehung der Kinder sind, bleiben die Kinder 
bia zum fünfzehnten Jahre bei der Mutter und haben dann aelbat 
das Recht, zwischen den Eltern zu wählen. 

Ellen Key befürwortet sehr scharfe Gesetze gegen Ver- 
führung und Verlassen unmündiger Mädchen seitens gewissen- 
loser Männer, sie wül die wissentliche Uebertragung einer an- 
steckenden Krankheit durch den Geschlechtsverkehr mit mindestens 
sechs Monaten Gefängnis bestraft sehen. Stets soll überhaupt 
das Gesetz auf selten der Schwächeren stehen, vor allem der 
Kinder und in den meisten Fällen der Mütter. 

"Wenn auch das neue Ehegesetz den volljährigen Staats- 
bürgern volle Freiheit gibt, ihre erotischen Verbindungen unter 
eigener Verantwortung und Gefahr mit oder ohne Ehe zn 
ordnen, so sollen doch Doppelehe, Geschlechtsverhältnisse in vei^ 
botenem Verwandtschaftsgrad oder bei Krankheiten, die das Ge- 
setz als* Ehehindemisse erklärt hat, oder mit Personen unter 
achtzehn Jahren als strafbare Vergehen betrachtet werden. Ebenso 
Notzucht, homosexuelle und andere perverse Erscheinungen. Das 
Urteil wird in solchen Fällen vom Kichter gemeinsam mit einer 
aus A e r z t e n und Kriminalpsycbologen bestehenden 
Jury gefällt 

Die Verfasserin glaubt nicht, daä die Ehe auf dem Wege 
der Gesetzesreform in der von ihr angegebenen Kicbtung umge- 
staltet werden wird, sondern nur durch die Tat, nämlich durch 
„Männer und Frauen, die sich den unwürdigen Eheformen, die 
das Gesetz noch feststellt, nicht unterwerfen wollen, sondern freie, 
sogenannte „Gewissensehen" eingehen," wie sie z. B. der 
belgische Soziologe M e s n i 1 in seiner Schrift „Le libre mariage*' 
empfohlen hat. 

Gerade in Schweden, dem Vaterlande Ellen Keys, scheinen 
diese freien Gewissensehen zuerst Anklang gefunden zu haben. 
Sie erwähnt das freie Bündnis des Professors der Nationalökonomie 
in Tjund Knut Wicksei 1. Weitere Mitteilungen über die freien 
Ehen in Siliwüilen macht der schwedische Arzt Anton 
Nyström,'^) Er nennt unter den Personen, die ohne gesetzliche 
und kirchliche Trauung durch bloße öffentliche Erklärung eine 

Das Geschlechtsleben und seine Gcsatze, Barlin 




295 

„freie eheliche Vereinigung** eingingen, außer dem erwähnten 
Universitätsprofessor noch den Eedakteur einer hervorragenden 
Zeitung, einen Mediziner xmd Doktor der Philosophie, einen 
Kandidaten der Philosophie. Letzterer studierte mit seiner Frau 
an der Hochschule zu Göteborg. Sie erklärten im Februar 1904 
öffentlich in der Zeitung, daß sie eine „Gewissensehe" einge- 
gangen wären, da ihr Gewissen die kirchliche Trauung nicht 
zuließe. Das BektorkoUegium richtete an das junge Paar ein 
Schreiben, in dem es hieß, daß, obwohl diese Vereinigung nicht 
als aus unsittlichen Motiven hervorgegangen und deshalb nicht 
als verwerfliche und strafbare Handlung zu betrachten sei, doch 
eine solche freie und vom Staate nicht anerkannte Vereinigung 
von Mann und Weib sich nicht mit einer guten gesellschaftlichen 
Ordnung: vertrage, die allgemeine ethische Auffassung von der 
Heiligkeit der Ehe verletze und auch ein gefährliches Beispiel 
sei. das andere zur Nachfolge verleiten könne. Das Kollegium 
ermahnte deshalb das Paar in ernster Weise, „baldigst durch 
legitime Trauung den Ehevertrag bestätigen zu lassen". Dieser 
Aufforderung wurde jedoch keine Folge geleistet. 

Uebrigens war die Universität Upsala freidenkender als 
Göteborg. Denn der oben genannte Universitätsprofessor und seine 
Frau waren lange Zeit, nachdem sie sich in freier Liebe ver- 
einigt hatten, immatrikulierte Studenten an der Universität 
Upsala, ohne daß die Universitätsbehörde irgend welche Mahnung 
an sie gerichtet hätte. 

In den letzten Jahren hat die öffentliche Erklärung der 
„freien Ehe" auch in anderen europäischen Ländern Anklang 
gefunden. So kündigte vor einiger Zeit der unter dem Pseudonym 
BodaBoda schreibende Schriftsteller öffentlich in den Zeitungen 
seine freie Vermählung mit der Freifrau von Zeppelin an, 
und in der „Vossischen Zeitung" No. 410 vom 2. September 1906 
stand folgende Anzeige: 

Dr. Alfred Bahmer 

Wilhelmine Buth Bahmer 
geb. Prinz-Flohr 

Frei-Vermählte. 

Gleiche öffentliche Anzeigen werden aus Holland berichtet. 
Uebrigens war es, wie Ny ström mitteilt, in Schweden 



296 

8cbon seit 1734 gesetzliche BestimmuDg, daß für einen bestimmten 
Fall Verlobung gleichbedeutend mit Ehe ist, nämlich 
wenn Schwangerschaft der Braut eintritt. „Wenn ein Mann seine 
Verlobte schwängert, dann ist das eine Ehe... Ent- 
zieht der Mann sich der Trauung und beharrt er auf 
seiner Weigerung, dann sei sie als seine Ehefrau erklärt 
und genieße volles eheliche Becht in seinem Hause," heißt es 
in diesem Gesetze. 

Man kann mit Bestimmtheit voraussagen, daß die Anhänger- 
schaft der freien Ehe, die Zahl der „Eheprotestanten", wie 
Ellen Key sie mit einem glücklichen Ausdrucke nennt, immer 
mehr wachsen wird. Zu ihnen werden alle die gehören, die von 
gleichem Widerwillen gegen die Zwangsehe, den entwürdigenden 
Verkehr mit Prostituierten oder die flüchtige Zufallsliebe, wie sie 
in dem gewöhnlichen außerehelichen Geschlechtsverkehr, der 
eigentlichen „wilden" Liebe vorliegt, erfüllt sind. 

„Es ist nur eine Zeitfrage," damit schließt Ellen Key 
ihre Ausführungen über die Ehereform, „wann die Achtung der 
Gesellschaft für eine Geschlechtsverbindung nicht von der Form 
des Zusammenlebens abhängen wird, das zwei Menschen zu Eltern 
macht, sondern nur von dem Werte der Kinder, die sie zu neuen 
Gliedern in der Kette der Geschlechter schaffen. Männer und 
Frauen werden dann ihrer geistigen und körperlichen Vervoll- 
kommnung für die Geschlechtsaufgabe denselben religiösen Ernst 
widmen, den die Christen der Seligkeit ihrer Seele weihen. An- 
statt göttlicher Gesetze über die Sittlichkeit des Geschlechts- 
verhältnisses wird der Wille zur Hebung des Menschengeschlechtes 
und die Verantwortung dafür die Stütze der Sitten sein. Aber 
die Uebcrzeugung der Eltern, daß der Sinn des Lebens 
lauch ihr eigenes Leben ist, daß sie also nicht nur 
tum der Kinder willen da sind, dürfte sie von anderen 
Gewissenspflichten befreien, die sie jetzt in bezug auf die Kinder 
binden, vor allem von der Pflicht, eine Verbindung aufrecht zu 
erhalten, in der sie selbst untergehen. Das Heim wird vielleicht 
mehr als jetzt eins mit der Mutter werden, was — weit davon 
entfernt, den Vater auszuschließen — den Keim eines neuen und 
höheren „Familienrechts" in sich trägt . . . 

Ein großer und gesunder Lebenswille in bezug auf die 
erotischen Gefühle und Forderungen — dies ist es, was unsere 
Zeit braucht! Hier drohen von weiblicher Seite wirkliche Ge- 



297 

fahren. Und unter anderem auch, um diese Gefahren abzuwenden, 
müssen neue Formen der Ehe geschaffen werden. 

Immer mehr wertvolles und entwicklungsfähiges Menschen- 
material, dies ist es, was wir in erster Linie schaffen müssen. 
Die Möglichkeit, es zu erhalten, kann unter festen Formen des 
Geschlechtslebens im Niedergang begriffen sein, unter freien aber 
im Aufsteigen, und umgekehrt. Nicht nur weil die Gegenwart 
mehr Freiheit verlangt, sind ihre Forderungen verheißungsvoll, 
sondern weil die Forderungen sich immer mehr dem Mittelpunkt 
der Frage nähern — der Ueberzeugung, daß die Liebe die vor- 
nehmste Bedingung für die Lebenssteigerung der Menschheit und 
der einzelnen ist." 

Ich habe mit Absicht eine so ausführliche Analyse des Buches 
der Ellen Key gegeben, weil erstens in keinem anderen Werke 
alle für die Beurteilung der freien Liebe in Betracht kommenden 
Gesichtspunkte so klar herausgearbeitet worden sind, auf Grund 
der reichsten Lebenserfahrung und einer geradezu bewunderungs- 
würdigen psychologischen Menschenkenntnis, gepaart mit feinstem 
Verständnis für die subtileren Grefühlsregungen der liebenden 
Seele, und weil zweitens in der Tat dieses Buch wenigstens in 
Deutschland den eigentlichen Ausgangspunkt gebildet hat für alle 
Bestrebungen zur Beform der sexuellen Moral. Ellen Keys 
„lieber Liebe und Ehe" ist die Erklärung der Menschenrechte 
in Sachen der Liebe, ist das Evangelium für alle diejenigen, welche 
entschlossen sind, die Liebe mit allen Veränderungen und Fort- 
schritten der kulturellen Entwicklung in Einklang zu bringen 
und sie nicht länger mit Gewalt in Zuständen zurückzuhalten, 
die vielleicht vor hundert oder zweihundert Jahren noch erträg- 
lich waren, heute aber unbedingt kulturfeindlich sind. 

In Deutschland haben diese Bestrebungen einen Mittelpunkt 
gefunden in dem Anfang 1905 begründeten „Bunde für 
Mutterschut z", dessen Zweck es ist, ledige Mütter und deren 
Kinder vor wirtschaftlicher und sittlicher Gefährdung zu bewahren 
und die herrschenden Vorurteile gegen sie zu beseitigen, dadurch 
auch indirekt eine Reform der bisherigen Anschauungen über 
sexuelle Moral herbeizuführen. Es waren hochgesinnte Frauen, 
die diese verheißungsvolle Bewegung ins Leben riefen. Ich nenne 
XL a, nur die Namen von Buth Bre, Helene Stöcker, 
Maria Lischnewska, Adele Schreiber, Gabriele 
Eeuter, Henriette Fürth. 



298 

Von einem vorbereitenden Komitee, welchem Maria Lisch- 
newska, Dr. Borgius, Dr. Max Marcuse, Buth Bre 
und Dr. Helene Stöeker angehörten, wurde am 5. Januar 
1905 eine Ausschußsitzung einberufen und der „Bund für Mutter- 
schutz", dessen Aufruf die Unterschriften einer Reihe führender 
Persönlichkeiten aus allen Teilen des Deutschen Beiches gefunden 
halte, gegründet. 

Außer dem Vorstande, in den die oben genannten Mitglieder 
des vorbereitenden Komitees nebst Lily Braun, GeorgHirth 
und Werner Sombart gewählt wurden, wurde ein weiterer 
Ausschuß gebildet, dem angehören: Alfred Blaschko, Iwan 
Bloch, Hugo Böttger, Lily Braun, Gräfin Gertrud 
BülowvonDennewitz,M. G. Conrad, A. Damaachke, 
Hedwig Dohm, Frieda Duensing, Chr. v. Ehren- 
fels, A. Erkelenz, W. Erb, A. Eulenburg, Max 
Flesch, Flechsig, A. Forel, E. Francke, Henriette 
Fürth, Agnes Hacker, Hegar, Willy Hellpach, 
Clara Hirse hberg, Georg Hirth, Graf Paul von 
Hoensbroech, Bianca Israel, Josef Kohler, Land- 
mann, Hans Leuß, Maria Lischnewska, B v. Liszt, 
Lucas, Max Marcuse, Mensinga, Bruno Meyer, 
H. Meyer, Metta Meinken, Klara Muche, Moesta, 
A. Moll, Müller, Friedrich Naumann, A. Neißer, 
Franz Oppenheimer, Pelman, Alfred Ploetz, Hein- 
rich Potthoff, Lydia Babinowitsch, Gabriele 
Beuter, Karl Bies, Adele Schreiber, Heinrich 
Sohnrey, W. Sombart, Helene Stöcker, Marie 
Stritt, Irma von Troll-Borostyani, Max Weber, 
Bruno Wille, L. Wilser, L. Woltmann. 

In dem Aufruf, den der neubegründete Bund für Mutter- 
scluitz alsbald veröffentlichte, heißt es: 

180 000 uneheliche Kinder werden alljährlich in Deutsch- 
land geboren, nahezu ein Zehntel aller Greburten überhaupt. Diese 
gewaltige Quelle unserer Volkskraft, bei der Geburt meist von hoher 
Leberisstärke) da ihre Eltern in der Blüte der Jugend und Gesund» 
heit stehen, lassen wir verkommen, weil eine rigorose Moralanschaa- 
ung die ledige Mutter brandmarkt, ihre wirtschaftliche Existens anter- 
gräbt und sie damit zwingt, ihr Kind gegen Bezahlung fremden 
Händen auzuvertrauen. 

Die verliätignis vollen Konsequenzen dieses Zustandes seigen sich 
u. a. darin, daß der Durchschnitt der Totgeburten bei den unehelichen 



299 

Kindern 60/0 beträgt gegen 3o/s insgesamt, der im ersten Lebensjahr 
sterbenden 28,6 0/0 gegen 16,7 0/0 insgesamt. Und während nur ein ver- 
schwindender Prozentsatz militärtauglich wird, rekrutiert sich die Welt 
der Verbrecher, Dirnen und Landstreicher zu einem erschreckenden 
Teil aus unehelich Geborenen. So züchten wir durch ein unbe- 
gründetes moralisches Vorurteil künstlich ein Heer von Feinden der 
menschlichen Gesellschaft. Dabei ist die Geburtenziffer an sich in 
Deutschland in relativem Kückgang begriffen: auf 1000 Lebende ent- 
fielen 1876 noch 41 Geburten, 1900 nur noch 351/2! 

Diesem Eaubbau an unserer Volkskraft Einhalt zu tun, er- 
strebt der 

Bund für Mutterschutz. 

Man hat bereits versucht, mit Kinderkrippen, Findelhäusern und 
dergl. hier einzugreifen. Aber Kinderschutz ohne Mutter- 
schutz ist und bleibt Stückwerk; denn die Mutter ist 
die kraftigste Lebensquelle des Kindes und zu seinem Gedeihen unent- 
behrlich. Wer ihr Huhe und Pflege in ihrer schwersten Zeit gewährt, 
ihr eine wirtschaftliche Existenz für die Zukunft sichert, sie vor der 
kränkenden und das Leben verbitternden Verachtung ihrer Mitmenschen 
bewahrt, der schafft auch damit die Basis für leibliches und geisitiges 
Gedeihen des Kindes und zugleich einen starken sittlichen Halt für 
die Mutter selbst. Danmi will der Bund für Mutterschutz vor allem 
die Mütter sicherstellen, indem er ihnen zur Erringung 

*■ wirtschaftlicher Selbständigkeit 

behilflich ist, — insbesondere solchen, die ihre Kinder selbst aufzu- 
siehen bereit sind, durch Schaffung von ländlichen und städtischen 

Mü t terhe imen, 

in welchen überdies für zweckmäßige Pflege und Erziehung der 
Kinder, Bewährung von Rechtsschutz und ärztliche Hilfeleistung 
Sorge getragen wird. Die Erfahrung hat gezeigt, daß ein derartiges 
Vorgehen auch den Wünschen vieler Väter entspricht und dazu bei- 
trägt, deren Beihilfe und Interesse für Mütter und Kind zu erhalten. 
Der Bund will aber vor allem auch die Quellen verstopfen, aus 
denen die gegenwärtige Notlage der ledigen Mutter entsteht, und 
diese sind insbesondere die moralischen Vorurteile, welche sie heute 
gesellschaftlich verfehmen, und die Eechtsbestimmungen, die ihr 
nahezu allein die wirtschaftliche Sorge und Verantwortung für das 
Kind aufbürden und den Vater gar nicht oder in ganz unzureichender 
Weise zur Mittragung der Lasten heranziehen. 

Die sittliche Verfehmung 

der ledigen Mutter wäre vielleicht verständlich, wenn wir unter wirt- 
schaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnissen lebten, die es jedem 
ermöglichen, bald nach erlangter Geschlechtsreife in die Ehe zu 
treten, so daß unfreiwillige Ehelosigkeit erwachsener Personen ein 
itnonnsler Zustand wäre. In einer Zeit, wie der unsrigen aber, in der 



300 

nicht weniger als 46<Vo aller gebarfähigen Frauen nnyerheiratet sind, 
und die sich wirklich verehelichenden großenteils erst in verhältnis- 
mäßig spatem Alter in die Ehe treten können, muß eine Auffassung 
als unhaltbar bezeichnet werden, welche die unverehelichte Frau, die 
einem Eind das Leben gibt, als Verworfene gleich dem niedrigsten 
Verbrecher aus der Gesellschaft ausstößt und der Verzweiflung 
preisgibt. 

Ebenso unhaltbar erscheint darum auch 

die heutige Rech tsauf f assung, 

welche bei Mangel der vom Staat für die Eheschließung geforderten 
Formen den leiblichen Vater nicht als Vater im Bechtssinne anerkennt, 
ihm keine Verwandtschaft mit dem von ihm gezeugten Kinde zugesteht, 
ihm keine Verantwortung für das Kind und dessen Mutter auferlegt, 
obwohl in den meisten Fällen diese die wirtschaftlich schwache, er 
selbst der wirtschaftlich stärkere Teil ist. Es muß daher eine Reform 
der Gesetzgebung im Sinne möglichster Gleichstellung des unehe- 
lichen mit dem ehelichen Kinde dem Vater gegenüber erstrebt werden. 
Endlich ist aber die — eheliche wie uneheliche — Mutterschaft 
überhaupt ein für die Geseilschaft so außerordentlich wichtiger Faktor, 
daß es dringend erwünscht erscheint, sie nicht mit allen Konsequenzen 
ausschließlich der Privatfürsorge zu überlassen. Im Interesse des 
Allgemeinwohls muß vielmehr eine 

allgemeine Mutterschafts Versicherung 

erstrebt werden, deren Kosten durch Beiträge beider Geschlechter, 
sowie durch Zuschüsse aus öffentlichen Mitteln aufzubringen sind. 
Diese Versicherung muß nicht nur jeder Frau für den Fall ihrer 
Schwangerschaft Bereitstellung zureichender ärztlicher Beihilfe und 
sachkundiger Pflege während der Zeit der Niederkunft gewährleisten, 
sondern auch weiter die Erziehung des Kindes bis zu dessen Erwerbs- 
fähigkeit sicherstellen. 

Um diese AuBchauungen und Bestrebungen planmäßig und auf 
breitester Basis propagieren zu können, ist die tätige Hilfe und Be- 
teiligung weiter Volkskreise unerläßlich. Deshalb richten wir aa alle 
Gesinnungsgenossen die dringende Aufforderung, durch 

Anschluß an den Bund für Mutterschutz 

die Erreichung jener Ziele sichern und beschleunigen zu helfen. 

Als Publikationsorgan wählte der Bund die von Dr. phil. 
Helene Stöcker herausgegebene Monatsschrift »»Mutiersehutz, 
Zeitschrift zur Keform der sexuellen Ethik" (bisher erschienen 
Jahrgang 1905/06 in 12 Heften, Jahrgang 1906 12 Hefte und 
vom Jahrgang 1907 3 Hefte). 

Im Anschluß an die Gründung des Bundes fand am 26. Februar 
1905 Tuiter riesiger Anteilnahme von Seiten der Berliner Be- 
völkerung die erste öffentliche Versammlung des Bundes im 



301 

Arohitektenhause unter Vorsitz von Helene Stöcker statt. 
Die Ziele und Bestrebungen der neuen Vereiningung wurden xn 
längeren und kürzeren Beden von Buth Bre, Justizrat Solle, 
Helene Stöcker, Ellen Key, Max Marcuse, Maria 
Lischnewska, Lily Braun, Adele Schreiber, Iwan 
Bloch und Bruno Meyer dargelegt und vom Standpunkte 
der Frauenrechtlerin, des Juristen, des Arztes, des Soziologen 
und Ethikers in gleichem Maße eine radikale Umänderung und 
Beseitigung der gegenwärtigen unhaltbaren Zustande gefordert.^*) 

Bald darauf schritt man zur Bildung von Ortsgruppen. Die 
erste entstand in München, wo am 28. März 1905 die erste Ver- 
sammlung stattfand. Frau Schönfließ, Margarethe 
Joaohimsen-Böhm, Alfred Scheel und Friedrich 
Bauer gehören hier dem Vorstande an. Weitere Ortsgruppen 
wurden in Berlin (26. Mai 1905; Vorstandsmitglieder außer dem 
Vorstande des Gesamtbundes: Finkelstein, Galli, Agnes 
Hacker, Albert Kohn, Bruno Meyer, Adele 
Schreiber) und in Hamburg (Vorsitzende Begina Buben) 
gegründet.^*) 

Dia erste Generalversammlung (vgl. Helene Stööker, 
Unsere erste Generalversammlung, in : „Mutterschutz" 1907, Heft 2) 
fand am 12. — 14. Januar in Berlin statt. An die Vorträge der 
Beferenien über praktischen Mutterschutz (Maria Lisch- 
newska), die heutige Form der Ehe (Helene Stock er), Prosti- 
tution und Unehelichkeit (Max F 1 e s c h), Heiratsbeschränkungen 
durch ökonomische (Adele Schreiber) und hygienische (Max 
M a r c u s e) Faktoren, die Lage der iinehelichen Kinder (B ö h m e r t 
und Ottmar Spann), die Mutterschaftsversicherung (M a y e t) 
schlössen sich sehr lebhafte Diskussionen an, und es wurden 
mehrere wichtige Besolutionen angenommen, betreffend Gleich- 
stellung von Mann und Frau in der Ehe, gesetzliche Anerkennimg 

**) Die bei dieser Gelegenheit gehaltenen Reden sind gesammelt 
herausgegeben von Helene Stöcker in ihrer Broschüre „Bund für 
Mutterschutz** (Heft 4 der „Modernen Zeitfragen**, herausgegeben von 
Dr. Hans Landsberg), Berlin 1906. 

^*) Leider ist Ruth B r 6 , die in der Geschichte der Mutterschutz« 
und Sexualreformbewegung eine hervorragende Rolle gespielt hat, 
späterhin ihre eigenen Wege gegangen und hat einen eigenen Bund 
für Mutterschutz begründet, der hoffentlich recht bald wieder in 
dem großen aJlgemeinen Bande aufgeht. Gerade auf diesem, Angriffen 
aller Art ausgesetzten Gebiete ist Einigkeit alles, 



302 

der freien Ehen imd der aus ihnen hervorgehenden Kinder, Ein- 
führung von Gresundheitsattesten vor Eingehung der Ehe, Aua- 
gestaltimg der Fürsorge für die unehelichen Bander, Mutterschafts- 
versicherung. Besonders bemerkenswert war der Vortrag des her- 
vorrageoden Medizinalstatistikers Prof. May et über die Ein- 
führung und Grestaltung einer Mutterschaftsversichemng. Seine 
Anregung führte zur Annahme von Thesen über die Angliederung 
arbeiter in die Kranken- bezw. Mutterschaftsversicherung, die 
Notwendigkeit eines Staatszuschusses, die Einbeziehung der land- 
und forstwirtschaftlichen Arbeiter, der Dienstboten und Heim- 
arbeiter in die ELranken bezw. Mutterschaftsversicherung, die 
Möglichkeit einer freiwilligen Versicherung aller Frauen, die 
Leistungen der Mutterschaftsversicherung (freie Gewährung der 
Hebammendienste xmd der ärztlichen Behandlung, freie Haut- 
pflege im Bedarfsfalle, Gewährung von Stillprämien, Einrich- 
tung von Beratungsstellen für Mütter, von Schwangeren-, Wöchne- 
rinnen-, Mütter- xmd Säuglingsheimen), Ausbau der Arbeiterschutz- 
gesetzgebung mit Rücksicht auf die stillenden Frauen. — Die 
Wahl des Vorstandes ergab für 1907: Helene Stöcker, Mar ia 
Lischnewska, Adele Schreiber, Wilhelm Brandt, 
Iwan Bloch, Max Marcuse, Heinrich Finkelstein. 

Eode Januar 1907 wurde auch ein „Oesterreichischer 
Bund für Mutterschutz" in Wien gegründet unter Vorsitz 
von Dr. HugoKlein. Dem Ausschuß desselben gehören u. a. an : 
Siegmund Freud, Bosa Mayreder, Marie Eugenie 
delle Grazie, Prof. Schauta und etwa 40 andere bekannte 
Persöolichkeiten, Aerzte, Juristen, Pädagogen und viele Frauen. 
In der Gründungsversammlung sprachen Abg. Dr. Ofner über 
„Das Recht der unehelichen Mütter und Kinder" und Dr. Fried- 
jung über „Säuglingsschutz". 

Auch in Amerika hat sich eine Gresellschaft für Sexualreform 
gebildet, die sogenannte „Umwertungsgesellschaft**, deren haupt- 
sächlichster Zweck ist, eine gänzliche „Umwertung aller Werte** 
im Liebesleben und eine idealere Auffassung der Liebe herbei- 
zuführen. Vorsitzender dieser amerikanischen Gesellschaft ist 
EmilF. Ruedebusch, Schriftführerin Frau LinaJanssen» 
Sitz der Gesellschaft ist in Mayville im Staate Wisconsin. 

Es finden regelmäßige Diskussionsabende statt, in denen 
Fragen von besonderem Interesse erörtert werden. 

Laut Mitteilung in der Zeitschrift »,MutterBchutz** (1905| 



303 

Heft 9, S. 375 — ^376) waj das Thema der Diskussion am 8. Ok- 
tober 1906: 

Was ist es, das das Wesen der Ehe ausmacht? 

Die Antwort lautete: 

Ist es die Familienbeziehung ? — Nein, denn ein Paar braucht 
niemals Kinder zu haben oder den Wunsch danach und kann 
dennoch rechtskräftig verheiratet "sein. 

Ist es das gemeinsame Heim, der Haushalt? — Nein, denn 
man kann sein Leben lang in einem Hotel wohnen und dennoch 
rechtskräftig verheiratet sein. 

Ist es die lebenslängliche Gremeinschaft der materiellen Inter- 
essen? — Nein, denn Mann und Frau können Gütertrennung 
haben, wenn sie es wünschen. 

Ist es gegenseitige Hilfe und Beistand in einer Kameradschaft 
fürs Leben ? — Nein ; wenn eine eheliche Vereinigung das genaue 
Cregenteil davon ist, so sprechen wir von einem schlechten Ehe- 
mann und einer schlechten Ehefrau; aber sie sind trotzdem Mann 
lind Frau. 

Bedeutet es einen Kontrakt für lebenslange ausschließliche 
Liebe? — Gewiß nicht; sollte die Ehe das bedeuten, so würden 
sich alle Christen dieser Einrichtung widersetzen. 

Und dennoch, das sind die Dinge, von denen man behauptet, 
daß sie das Wesen der Ehe ausmachen, wenn immer jene Frage 
bei uns zu Lande in jener Weise diskutiert wird, die man mit 
„passend^' imd „dezent" bezeichnet. — Wahrhaftig, in dieser 
Mystifikation ist nichts Passendes und Dezentes. 

Was ist es nun, das das Wesen der Ehe ausmacht? 

Es ist der Besitz eines menschlichen Wesens für lebenslange 
ausschließlich geschlechtliche Dienstbarkeit. 

Es hat verschiedene Anschuungen gegeben über die Frage, 
wie viele menschliche Wesen einer für seinen ausschließlichen 
Gebrauch legitimerweise haben könnte, und unter den verschiedenen 
Nationen und zu verschiedenen Zeiten sind höchst verschiedene 
und auseinandergehende Regeln und Vorschriften über die Art 
und Weise der Besitzergreifung vorhanden gewesen, wie auch 
andererseits in betreff der Pflichten dem geschlechtlichen Eigen- 
tum gegenüber — aber wo immer eine Ehe vorhanden war, da 
bedeutete sie Eigentumsrecht in bezug auf geschlechtliche Dienst- 
barkeit. 

yfenn wir uns der Ehe widersetzen, so meinen wir da- 



304 

mit das, was tatsächlich vor der Moral und dem 
geschriebenen Gesetz die Ehe ausmacht, und was 
selbst den enthusiastischsten Vertretern dieser 
Einrichtung so niedrig zu sein scheint, daß sie 
sich schämen, es öffentlich zu nennen. 

Aber, mit Ausnahme der die geschlechtliche Dienstbarkeit 
betreffenden Züge, halten wir fest und verteidigen wir 
alles, was öffentlich als Ehe gepriesen wird, und wir 
erwarten, daß wir darin „treu", ,,beständig'' und „zuver- 
lässig" sein werden unter allen Umstanden. Denn bei uns sind 
diese bedeutungsvollen Imponderabilien und diese intimen Ver- 
bindungen der Interessen zwischen Mann und Frau nicht das 
unvermeidliche Resultat der Sehnsucht nach physischem gemein- 
samen Genuß, sondern das erwünschte Resultat einer wohl über* 
legten Sehnsucht für irgend eine oder alle in Frage kommenden 
Beziehungen. Bei uns aber würde die Dauer dieser Verbindung 
und die Beständigkeit und Treue während derselben nicht von 
den Regungen geschlechtlicher Wünsche abhängig sein." 

Eine besondere „Vereini,gung für Sexualref orm*^ 
wurde 1906 in Berlin gebildet, unter Leitung des Herausgebers 
der Zeitschrift „Die Schönheit", KarlVanselow. Es ist eine 
Vereinigung gebildeter Männer und Frauen, die auch die Gründung 
von Ortsgruppen ins Auge gefaßt hat, sowie die Veranstaltung 
künstlerischer und wissenschaftlicher Vorträge im Sinne der 
Reformbestrebungen. 

In der oben erwähnten, von Helene Stöcker redigierten 
Monatsschrift „Mutterschutz" werden alle modernen Probleme der 
Liebe, der Ehe, der Freundschaft, der Elternschaft, der Prosti- 
tution, sowie alle damit zusammenhängenden Fragen der Moral 
und des gesamten sexuellen Lebens nach der philosophischen, 
historischen, juristischen, medizinischen, sozialen und eüiischen 
Seite erörtert. 

Die Herausgeberin selbst, eine begeisterte Nietzscheanerin, 
hat sich seit dem Jahre 1893 besonders mit der psychologisch- 
ethischen Seite des Problems der höheren Liebe beechäftigt und 
kürzlich in einem besonderen Buche ihre gesammelten Abhand- 
lungen über dieses Thema veröf fentlicht.*') Es ist eine interessante 
literarische Physiognomie, die sich uns in diesem Buche darbietet, 
eine hohe, freie und geläuterte Auffassung der Zukunftsliebe tritt 

^^) Helene Stöcker, Die Liebe und die Frauen, Minden X906. 



L 



ao6 

ans hier entgegen. Wir sehen anob diese tapfer« und unersdirockene 
VorkSmpferin der ewigen, unveräußerlichen BecSite der Liebe nach 
den ersten geistigen Irrungen und Wirrungen, wie sie keinem 
das Ideal suchenden Gemüte erspart bleiben, zuletzt ebenfalls 
in Erkenntnis der hohen Mission der Liebe — nach dem von 
ihr mit Vorliebe zitierten Worte Nietzsches: Nicht fort sollt 
Ihr Euch pflanzen, sondern hinauf! — die Pflicht und die 
Verantwortlichkeit der individuellen Liebe ganz besonders 
betonen. Niemand kann es ernster mit der Liebe nehmen, als 
es hier geschieht. Helene Stöcker ist durchaus keine radikale 
Umstürzlerin, sondern Evolutionistin und Beformerin. Sie ist sich 
klar darüber, daß es heute noch kein Allheilmittel, keine unfehl- 
bare Lösung des sesuellen Problems gibt. Wenn sie auch die alte 
Geschlechtsmoral energisch bekämpft und ihre Umwertung zu 
einer neuen freieren Auffassung der sexuellen Beziehungen ver^ 
langt, 80 erkennt auch sie trotzdem durchaus die Bedeutung und 
den Wert der Selbstbeherrschung, der relativen Askese an, deren 
^vunderbaren Einfluß auf die Vertiefung des Gemütslebens sie 
sehr richtig erkannt hat. Besonders die Frauenseele, meint sie, 
habe durch die von der konventionellen Moral ihr auferlegte 
Askese in hohem Grade Tiefe, Fülle und Umfänglichkeit gewonnen. 
IJiese Verinnerlichung komme ihr bei der neuen Wertung der 
Liebe zustatten. Diese sei weder durch düstere Lebensentsagung 
und Verneinung, noch durch rohe, genußsüchtige Willkür, sondern 
durch freudige Bejahung des Lebens und all seiner gesunden 
Kräfte und Antriebe gekennzeichnet. 

Während Helene Stöcker besonders die psychologisch- 
f^thischen Beziehungen der freien Liebe gewürdigt hat, ist ihre 
nicht minder wichtige Motivierung aus wirtschaftlich- 
sozialen Gesichtspunkten u. a. von Friedrich Naumann,") 
W. BorgiuB,'*) Lily Braun,*") Maria Lischnewska,'') 
Henriette Fürth") versucht worden. 

") Fr. Naumann, Die Frauen im neuen Wirtechaf taleben in: 
Matterschutz 1906, Heft 4, S. 133—149. 

") W. Borgiu8,MntlerBChatt8-RenteDverBicherung, ebend. S. 119— 154, 

■^) Lily Braun, Die MutterecbaftB Versicherung, ebendaselbst 
1906, Heft 1-3, S. 18—24, 69—76, 110—124. 

>i) M. Lischneweka, Die wirlBchaf tUche Reform der Ehe, 
ebeodaselbat, Heft 6, S. 216—236. 

**) H. Fürth, Mutterschaft nnd Ehe, ebeudaselbBt 1906, Heft 7, 
10—12, S. 165—169, 389—395, 427—435, 483—489. 

Bleoh. Seiaolleben. 3. a. ü. \aümgr. OQ 

(6.— IB. TsuBBOd.) 



306 

Mit Becht weist Naumann darauf hin, daß das bloß geld- 
wirtschaftliche System der Unfruchtbarkeit günstig sei, da unter 
ihm Mutterschaft gleichbedeutend sei mit Greldverlust, weil die 
Frau in dem Maße aufhöre zu verdienen, als sie Mutter sei 
Die Last der Eindererziehung muß eine Sache der Gemeinschaft 
werden. Heute dagegen belastet man gerade die Hersteller der 
Menschen von allen Seiten. Wer Kinder hat, zahlt auch mehr 
Miete imd Schulausgaben. Deshalb verlangt Naumann Auf- 
hebimg des Schulgeldes als allerersten Schritt zur Anerkennung, 
daß es eine öffentliche Leistung ist, Kinder zu erziehen. Vor 
allem aber muß der Frau erleichtert werden, Mutter zu sein. 
Arbeit imd Mutterschaft müssen vereinigt werden. 

Die Frau als Persönlichkeit verlangt ihr Becht auf Arbeit 
und ihr Becht auf Mutterschaft. Die Tatsache der erzwungenen 
Ehelosigkeit einer immer mehr wachsenden Zahl zur Mutterschaft 
f&higer Frauen ist das hier zu lösende Problem. Nach der Volks- 
zählung von 1900 waren in Deutschland nicht weniger als 
4210955 Frauen zwischen 18 und 40 Jahren (von im ganzen 
9568659) also 44 o/o unverheiratet. Darunter waren 2 820538 
(von im ganzen 3593644), also nicht weniger als 78 o/^, im 
blühendsten Alter von 18 — 25 Jahren. Nach Lily Braun 
bleiben xmgefähr 2 bis 2V8 Millionen deutscher Frauen dauernd 
unverheiratet, und es wird eine weitere Zunahme der weiblichen 
Zölibatäre zu erwarten sein. Die ökonomischen Zustände, die 
geschilderten ungesunden Verhältnisse der Zwangsehe, die Eman- 
zipationsbestrebungen der Frau wirken in gleichem Maße ehe- 
feindlich. Auf der anderen Seite haben sich (Gesetzgebung und 
konventionelle Moral verbündet, um der unehelichen Mutter und 
den imehelichen Kindern das Leben zu einem Martyrium zu 
machen.**) Das Weib, das in freier Liebe Mutter wird, wird heute 
verfehmt, geächtet, rechtlos. Die ,,Alimentation8 klage'* 
ist das Schandmal imserer ZeitI Ein Beweis für die Gewissen* 
losigkeit des größeren Teils der Männer. Ein erfahrener Jurist 



*s) Die erwähnten Tatsachen werfen ein eigentümliches Licht 
anf den immer wieder von gewissen nicht sehen wollenden Gelehrten 
unternommenen Kampf gegen die Emanzipation der Frau and für 
die Mutterschaft 1 Ein typisches Beispiel hierfür ist die Schrift dee 
Gynäkologen Max Runge, Das Weib in seiner GeschleohtsindiTi- 
dualität, Berlin 1896, dessen Objektivität in Vergleichung mit anderen 
gegnerischen Schriften aber anpdrücklich anerkannt sei. 



307 

hat sehr anschaxilich die hier herrschenden unhaltbaren Zustände 
geschildert*^) Er teilt u. a. den folgenden charakteristischen 
Brief eines jungen Schlächtermeisters mit, der beweist, auf weldi 
gemeine Weise auch einfache Männer sich der Alimentationfl- 
pf licht zu entziehen suchen. Der Brief lautet: 

Liebe Dora! 

Wollte heute abend runter kommen, und wollte es Dir 
mündlich sagen aber das kann Ich doch nicht darum muß Ich 
es dir schreiben, daß wir uns wohl doch nicht heirathen können, 
denn Sie mal Ich habe doch jetzt noch weniger als loh geselle 
war, meine paar hxmdert mark die ich hatte, habe ich jetzt 
drinsitzen, und wenn ich jetzt nichts zuheiraten kann, denn 
kann Ich gar nicht ekzistiren, und machen ims denn die Bude 
wieder zu, was machen wir denn, dann mache ich mir in H. 
nicht mehr sehen lassen, von arbeiten blos kommt unser Ge- 
schäft auch nicht hoch. Also liebe Dora nun schreib mir, ob 
wir ims wollen in Outen abfinden, wenn du mir natürlich 
den Hals gleich zu ziehst, daß du zu viel verlangst, na denn 
ist mir kein Weg zu lang und weit, und mußt dann, sehen, 
wie du allein damit fertig wirst, Will ja gerne, was recht ist 
dazu geben, weil Ich ebenso schuld bin wie Du auch. Wenn's 
mir späterhin erst mal so gut geht als meine Brüder, denn 
gebe ich noch mehr dazu her. Aber vorläufig kann ioh 
Ich noch nicht zu viel hersteuern. Hoffentlidi be- 
kommst Du wohl denn doch noch einen Mann, wo Du dann 
auch wohl glücklicher mit leben wirst als mit mir. Liebe Dora, 
nun habe dich da nicht mehr so um: Denn es laufen doch 
noch mehr so in der Welt rum, bist du doch nicht die einzige. 
Nun schreib mir sofort wider was du machen willst laß es 
uns in Oüte abfinden, denn es ist doch für dich besser. Und 
Deine Mutter wird dir wohl nicht verlassen und kommt dir 
später dann von selbst wider. 

Besten Gruß 

Fritz H. 
Schreib gleich wieder. 
Man versetze sich in die Seele der jungen Mutter beim 
Empfange dieses raffiniert-herzlosen Briefes! Und doch ist diese 



**) Ans der Sprechstunde des Anwalts. Von Severserenus, 
Hannover 1902, 8. 70 ff. 

20* 



308 

Herzlosigkeit nicht größer als diejenige der heutigen europftiBcheD 
Gesellschaft, die sich gleichzeitig über die ,»alte Jnngfei^ 
lustig macht und die uneheliche Mutter inf amieri Diese doppel- 
züngige, verrottete ,,Moral'' ist tief unsittlich, ist das 
radikal Böse. Sie mit aller Energie bekfimpfen, für das Beeht 
der freien Liebe, der „unehelichen** Mutterschaft eintreten, ist 
sittlich und gut. Räumen wir endlich auf mit dem mittelalter- 
lichen Popanz der Zwangsehenmoral, die geradezu ein Hohn ist 
auf unsere kulturellen und wirtschaftlichen Zustände. Zwei 
Millionen Frauen in erzwungener Ehelosigkeit und — 
Zwangsehenmoral I Man braucht nur diese beiden Tatsachen sii^ 
zu vergegenwärtigen, um den völligen ethischen Bankerott unserer 
Zeit auf dem Gebiete der sexuellen Moral vor Augen zu haben. 
Neben dieser Notwendigkeit einer radikalen Aenderung der 
G^chlechtsmoral kommt die Forderung einer allgemeinen 
Mutterschaf ts - Versicherung, der Gründung von 
Schwangeren-, Wöchnerinnen- und Säuglings- 
heimen erst in zweiter Linie in Betracht. Aber auch ihre Er- 
füllimg wird uns ein gut Teil vorwärts bringen in der Ge- 
sundimg unseres Sexuallebens und der Vorbereitung eioer schöneren 
Zukunft») 

*^) Die soKiologiach so bedeutsame Frage der unehelichen 
Mutterschaft hat neuerdings Max Marouse in einer aas« 
gezeichneten Monographie „Uneheliche Mütter" (Berlin 1907, Bd. 27 
der von Hans Ostwald heransgegebenen Ghroßstadt-Doknmente) 
behandelt. Hier finden sich genauere Angaben über Zahl, Konfession» 
Stand, Beruf und Typen der unehelichen Mütter, soziale nnd psyoh<^ 
logische Ursachen der unehelichen Mutterschaft und der gegenwärtigen 
und künftigen Fürsorge für dieselben. — Derselbe Autor besprichl 
die wichtige Frage der Adoption unehelicher Kinder in der Zeit- 
schrift „Soziale Medizin und Hygiene" 1906, Bd. I, 8. 667-^67. — 
Als wertvolle Monographien über uneheliohe Kinder sind die- 
jenigen von Hugo Neumann, Die unehelichen Kinder Berlins» 
Jena 1900, Ottomar Spann, Untersuchtmgen über die unehe- 
liche Bevölkerung in Frankfurt a. M., Dresden 1906, Frieda Duen- 
sing, Rechtsstellung des unehelichen Kindes und Taube, ünehe» 
liehe Kinder, in: Das Buch vom Kinde, herausgegeben von Adele 
Schreiber, Leipzig 1907, Bd. II, Abt. 2, 8. 57—61; 8. 62—69 zu 
nennen. — Was bisher von Seiten des Bundes für Mutterschutz prak* 
tisch gelelBtet worden ist — und das ist schon recht viel, aber immer 
noch zu wenig — hat Maria Lisch newska in ihrer gut orien» 
tierenden Broschüre „Unser praktischer Muttertohuti*, Berlin 1907^ 
zusammengestellt. 



309 

W^nn es wahr ist, was W. B. Stevenson*^) berichtet, daß 
König Karl IV. alle Findelkinder in dem spanischen Amerika 
ffir adelig erklärte, damit ihnen der Zugang zu keinem Amte 
verschlossen sei, dann w&re diese Handlungs- und Denkweise 
eines Herrschers im Lande der Inquisition ein leuchtendes Vor^ 
bild für unsere Zeit 

„Die Oesellschaft'S sagt Eduard Beich, „so gut wie die 
Kirche, sündigt so lange wider die Gesetze der Sitt- 
lichkeit, als sie dem Fortkommen imehelicher Kinder hindernd 
in den Weg tritt, sei es durch Aufrechterhaltung elender Vor- 
urteile wider diese Armen, sei es durch positive Bestimmungen. 
Niemals, und mögen auch paradiesische Zustände obwalten, wird 
man imstande sein, die außereheliche Zeugung unmöglich zu 
machen: immer wird es Kinder der Liebe geben. Da nun diese es 
nicht verschulden, von ihren Eltern in die Welt gesetzt worden 
zu sein ; und femer, auch wenn alle Menschen verehelicht wären, 
man es dem einen nicht als morali3ches Vergehen anrechnen 
könnte, wenn er, in der Fülle seiner Zeugungskraft, es vorzöge, 
anstatt bei seiner z. B. am Krebse oder sonstigem Uebel leidenden 
Frau, bei einem schönen Mädchen zu schlafen — und die andere, 
die eben in der vollsten Blüte der Jugend steht, nicht der Un- 
treue beschuldigen dürfte, wenn sie, die mehrere Jahre lang z. B. 
wegen Impotenz ihres altersschwachen Mannes den Koitus nicht 
pflegen konnte, nunmehr von einem frischen und gesunden jungen 
Kerl sich beschlafen ließe; — deshalb ziehe man über alle gut- 
artigen menschlichen Schwächen den Schleier des Vergessene, und 
frage nicht mehr danach, ob der Weltbürger aus dem Bette der 
Ehe oder dem Borne der Liebe entsprungen ist: den Ver- 
nünftigen gilt nur der Mensch, und nur Halbköpfe, Schöpse und 
Esel werden nach seinem Ursprünge fragen.''*^) 

Und noch eine Frage richte ich zum Schlüsse an die mit 
ihrer Sittlichkeit prunkenden Verfechter der Zwangsehenmoral. 
Wie viele freie Liebesverhältnisse, wieviel uneheliche Kinder 
hat es nicht zu allen Zeiten unter den gebildeten Ständen, ja 



^ W. £. Stevenson, Beiaen in Arauco, Ohile, Fem und 
Columbia in den Jahren 1804—1823, Weimar 1826, Bd. I, S. 174. 

^) Eduard Reich, ünsittlichkeit und ünmäßigkeit aus dem 
Gesichtspunkte der medisinischen, hygienischen nnd politisch-mora- 
lischen Wissenschaften, Neuwied u. Leipiig 1866, 8. 127. 



310 

bei den Stützen von Thron und Altar gegeben, gerade bei 
solchen, die durch ihre höhere Geiflteebildung auch ein 
stärkeres ethisches Empfinden (nota bene vom Standpunkte der 
Zwangsehenmoral) besitzen sollten. Es w&ie eine interessante 
Aufgabe, einmal eine Statistik solcher freien Ehen 
und „unehelicher'' Nachkommenschaft bedeutender 
Männer und Frauen zusammenzustellen! Die Ehefanatiker 
würden erschrecken! Ganz abgesehen von den unzähligen 
heimlichen Liebesverhältnissen dieser Art und deren Folgen, 
würde allein schon eine kurze Betrachtung und Aufzählung der 
illegitimen Lieb- und Elternschaften geistig und sittlich gleich 
hochstehender Männer und Frauen genügen, um die wirklichen 
Verhältnisse zu beleuchten und daraus eigentümliche Schlüsse 
auf die Zwangsehe zu ziehen. Ich habe die Absicht, demnächst 
einmal in einer kleinen Schrift die Bolle der freien Liebe in 
der Kulturgeschichte darzustellen und den Beweis zu erbringen, 
daß diese sehr wohl mit sittlichem Leben verträglich ist. Wer 
konnte auch einen Bürger, Jean Faul, Gutzkow, eine 
Karoline Schlegel, eine George Sand oder gar einen 
Goethe*^) der „Unsittlichkeit" beschuldigen? 

Es ist eine einfache Entwicklungsnotwendigkeit, daß die freie 
Liebe im Zusammenhange mit der fortschreitenden Differenzierung 
und der (Gestaltung der wirtschaftlichen VerhältnisHe ihre äü- 
liehe Bechtfertigung auch bei jenen finden wird, die immer noch 
tmter dem Gesichtspunkte längst vergangener sozialer Zustande 
sie be- und verurteilen. 



'^) Abgesehen von dem Stadium der zahlreichen freien Liebes- 
verbältnisse des Dichters wäre es interessant, einmal Nachforschungen 
über seine unehelichen Kinder anzustellen. Erst vor wenigen Jahren 
starb einer der letzten (illegitimen) Enkel Goethes in Stützerbach, 
ein Holzhauer, hohen Wuchses und stolzen Ganges, in Blick und Haltung 
dem Liebling aller Frauen gleich. VgL A. Trinius, Aus Goethes 
Bergwelt in: Berliner Lokal-Anzeiger, No. 463 vom 6. September 1906. 



811 



ZWOELFTES KAPITEL. 

Verfflhniiigy Oennßleben and wilde Liebe. 

Im G^nußleben spielen auch die Imponderabilien eine hervor- 
ragende Aolle, und mancher Besserungsversuch, manche Reform ist 
daran gescheitert, daß eben diese feineren Fäden übersehen wurden, 
die des Menschen Seele mit den Einrichtungen nnd Sitten der Umwelt 
yerknüpfen. 

Willy Hellpach. 



812 



lahalt des swOlften Kapitels. 

Untersohied der freien und wilden Liebe. — Die Gefahr der wilden 
Liebe. — Bildet die Brücke zur Prostitution. — Ihr Zusammenhang mit 
dem Genußleben und der Verführung. — Die Eigentümlichkeiten des 
modernen Epikuiaismus. — Unruhiger Charakter des Genußlebens. — 
Das yySichamüsieren". — Der erotische Zweck desselben. — Die ge- 
schlechtlichen Exzesse der Gegenwart. — Sorglosigkeit der wilden liebe. 

— Einfluß der Großstadt auf das Genußleben. — Das Nachtleben. — 
Ghazakter der großstädtischen Vergnügungen. — Erhöhung der Ge- 
schleohtsspannung. — Die Genußsucht im Volke. ~ Zunahme jugend- 
licher Defiraudanten. — Die öffentliche Verführung. — Das Verführer- 
tum. — Zur Geschichte der Liebeskunst. — Allmähliche Vergeistigung 
derselben. — Verführertypen. — Don Juan und Casanova. — Der 
britische Don Juajiismus. — Der herrische Erotiker und das erotische 
Genie. — Kierkegaards »^Tagebuch des Verführer8^ — Der Pseudo- 
Donjuanismus. — Die gedruckten Führer durch das moderne Genuß- 
leben. — Einfluß der Lebensweise auf das Geschlechtsleben. — Der 
Alkohol als böser Dämon desselben. — Analyse seiner Wirkung auf 
die Vita sexualis. — Eigenartige Doppelwirkung. — Ausnutzung dieser 
durch die Prostituierten und Verführer. — Alkoholismus und Ge- 
schlechtskrankheiten. — Der Absinth in Frankreich. — Anteil des 
Alkohols an den Sittlichkeitsverbrechen. — Begünstigung der wilden 
Liebe durch denselben. — Zusammenhaag der unehelichen Geburten 
mit alkoholischen Exzessen. — Zunahme der wild^i Liebe in der Gegen- 
wart. — Das „Verhältnis*'. — Seine allmaJiliche Entartung. — Ent- 
stehungsgeschichte des Verhältnisses und psychologische Erklärungen 
desselben. — Wachsende Aehnlichkeit des Verhältniswesens mit den 
Zuständen in der Prostitution. — Ursachen. — Der häufige Wechsel 
des Verhältnisses. — Die Verbreitung der venerischen Krankheiten 
durch die wilde Liebe. — Ethische Gefahren derselben. — Rolle von 
Lüge, Zweifel und Haß darin. — Erzeugt den Unglauben an die Liebe. 

— Wilde Liebe und Zwangsehe. — Ursachen der geschlechtlichen Kor- 
ruption. — Notwendigkeit des Kampfes gegen wilde Liebe und Ge- 
schleohtsfreiheit. — Hellmanns Buch über Geschlechtsfieiheit. — 
Stellung des Arztes zum „außerehelichen* Geschlechtsverkehr. — 
Wachsende Abneigung gegen die wilde Liebe. — Zunahme freier idealer 
Liebesverbindungen. — Wilde Liebe als Uebeigaag zur Prostitution. 



813 



Im vorigen Kapitel wurde wiederholt darauf hingewieaen, 
daß freie Liebe nicht identisch sei mit der geschlechtlichen 
Fromiskoität, wie sie heute im irregulären und fast nur vom 
Zufall abhängenden außerehelichen (Geschlechtsverkehr in so er- 
schreckendem Maße imd in so verhängnisvoller Weise zutage tritt. 

So sehr ich für die „freie Liebe'^ eintrete, d. h. fttr die auf 
innige Liebe, persönliche Harmonie, geistige Wahlverwandtschaft 
gegründete, aus beiderseitiger freier Entschließung, nach Ueber- 
nahme aller aus einem solchen freien Bündnis sich ergebenden 
Verpflichtungen und Vergewisserung der Gesundheit beider Teile, 
eingegangene Geschlechtsverbindimg, ebensosehr muß ich, aller- 
dings hauptsächlich vom Standpunkt des Arztes und der öffent- 
lichen Hygiene, aber auch aus ethischen Gründen, den heute so 
weit verbreiteten „außerehelichen" Geschlechtsverkehr verurteilen, 
für den ich, um ihn von der ganz verschiedenen außerehelichen 
,»fi^ien" Liebe zu unterscheiden, die Bezeichnung „wilde 
Liebe" vorschlage. 

Diese wilde Liebe ist der wahre Krebsschaden unserer Ge- 
sellschaft. Denn ihr Hauptcharakteristikum ist es, daß sie die 
ständige Verbindung und Vermittlung zwischen dem 
hygieniseh und ethisch einwandfreien Geschlechtsverkehr und der 
Prostitution darstellt und so die ständige (Gefahr in sich birgt, 
alle Schäden der letzteren auf den ersteren zu übertragen. 
Man kann in diesem Sinne die wilde Liebe wirklich als eine 
Axt von Irradiation des ganzen Frostitutionswesens in die 
Gesamtheit der sexuellen Beziehungen überhaupt auffassen. So 
wird sie tu, einem starken Hindernis aller Veredelung und 
Sanierung des Liebeslebens, zu einer unversiegbaren Quelle 
moralischer und physischer Entartung und Durchseuchung des 
Volkes. 

Diese wilde Liebe hängt nim eng mit dem raffinierten 



314 

Oenußleben unflerer Zeit und mit den mannigfachen Arten 
der Verführung durch daaeelbe zusammen. Wilde Liebe, 
Genußleben und Verführung bilden gewissermaßen eine Trias, 
von der jedes Glied die Vorbedingung des andern ist. 

Wer einst die europäische Kultur der Gregenwart mit einem 
kurzen Worte charakterisieren will, der muß sagen, daß sie ein 
durch die Arbeit und dem Lebenskampf gemilderter Epi- 
kuräismus gewesen sei. Nur ist dieser Epikuräismus ein ganz 
eigentümlicher. Es ist nicht mehr das aus dem Vollen schöpfende 
Oenußleben des 18. Jahrhunderts, wo überhaupt die Sinnenlust 
und das epikuräische Raffinement zu einer Lebensaufgabe wurde, 
es ist auch nicht das behagliche Genießen der Biedermeierzeit, 
sondern es ist ein ganz eigenartig konzentriertes Gtenießea 
des Augenblicks inmitten der harten Lebensarbeit. 
Das horazische: Carpe diem heißt heute: Carpe horami 

Der Frondienst, den der heftige Kampf ums Dasein der 
großen Mehrzahl der Menschen auferlegt, liLßt keine 2ieit mehr 
zu einem reinen imgetrübten Genießen des Daseins, zu einem 
innigen tiefen Erleben der Wirklichkeit und einer stillem 
Freude daran. Nein, unser heutiges Genußleben tr&gt den Stachel 
des Schmerzes in sich, weil der Lebenswille, der nach 
Schopenhauer ja beständig auf „Lebenssteigerung** 
ausgeht, heute zu einer krampfhaften Sucht nach mSglichst 
heftigen Sensationen entartet ist, zu einer wilden Jagd 
nach möglichst starken und h&ufigen Genüssen, weil die 2jeit zu 
einem ruhigen, harmonischen „Sichausleben*' fehlt. Jeder fragt 
sich angstvoll, ob er nicht auch diese oder jene Möglichkeit 
äußeren (Genusses „versäumt" habe und vergißt darüber, daß das 
Glück des Lebens in ihm selbst liegt und die größte Summe 
äußerer (Genüsse ihm dieses Glück nicht verschaffen kann. 

Die Signatur unserer Zeit ist das „Sichamüsiere a'\ 
welches Wort der Inbegriff aller heutigen oberflächlichen Ver* 
gnügungen und sinnlichen und geistigen Sensationen ist, die in 
rascher Folge einander ablösen müssen, um den modernen Kultur- 
menschen fühlen zu lassen, daß er „lebt". 

Für die Mehrzahl der in Großstädten lebenden Menschen 
ist das Amüsement gleichbedeutend mit einer Aufeinander- 
folge oberflächlichster sinnlicher Genüsse als 
präparatorischer Beizungen für einen ebenso 
flüchtigen, unedlen Geschlechtsakt 



315 

Die viel gehörten und beliebten Phrasen ,»durchgehen'S „sich 
ansleben'S „sich anstoben'* nsw. haben alle die gleiche Bedeutung 
im Sinne einer Vorbereitung zum Geschlechtsgenuß durch 
Beizungen solcher Art. 

Von den Bier- und Weinrestaurants, von den Wirtschaften 
mit ,J)amenbedienung", den Kabaretts und Varietes, den Tingel- 
Tangeis und Tanzsalons, aber auch den vornehmen B&llen, Soireen 
und opulenten Gastmählern führt der Weg zur Dirne oder doch 
in die Arme eines durch die gleichen sinnlichen Beizimgen zu 
gleicher flüchtiger Geschlechtslust angeregten Mfidchens. 

Ein großer Arzt hat gesagt: Wir essen dreimal zu viel. 
Ich möchte ergänzend hinzufügen: wir essen nicht bloß dreimal 
zu viel, wir suchen auch alle anderen sinnlichen Genüsse im 
Uebermaße und deshalb lieben wir auch dreimal zu 
viel oder besser, wir suchen zu oft den Geschlechtsverkehr. 

Einer unserer geistreichsten Kulturpsychologen, Willy 
Hellpach, hat diese Verhältnisse sehr ansdiaulioh geschildert: 

„Der überwältigenden Mehrzahl unserer Junggesellen ist das 
sexuelle Vergnügen eine Selbstverständlichkeit, wie ihr Skat, ihre 
Vereinsabende, ihr Glas Bier; und von den wenigen, die anders 
leben, entfällt ein Teil ins Begister der Schüchternheit oder 
Armut (sie möchten schon, aber kommen nicht dazu), ein anderer 
Teil ist ehrlich enthaltsam, wagt aber von dieser Grundsatz- 
festigkeit kein Aufhebens zu machen, ja, man tut wohl selber 
so, als unterscheide man sich in nichts von der Majorität — 
und die paar jungen Männer, die sich bewußt der Sitte entgegen- 
steuern, sind an den Fingern zu zählen. Es ist aber klar, daß 
damit der außereheliche (Geschlechtsakt den Nimbus des Un- 
gewöhnliohen verliert, daß er sorgloser, leichtfertiger, unbe- 
kümmerter geübt wird — daß schließlich der Gedanke an seine 
Gefahren vielfach verblaßt, die Präventive mit einem leichten 
„mir ist noch nie etwas passiert" außer acht gelassen werden. 
Ja^ mancher geht selbst dem Verhängnis einer Ansteckung offenen 
Auges mit dem leichtherzigen Trost entgegen: es sei ja bis zur 
Ehe noch reichlich Zeit, um das Uebel gründlidh zu kurieren. 

Diese Faktoren haben um 'so leichteres Spiel, je mehr zu- 
^eich die ganze (Gestaltung des Genußlebens auf die Heizung 
erotischer Begungen sich zuspitzt. Und dieses Faktum knüpft 

unvermeidlich an die Entwicklung der modernen Großstadt, 



316 

die wiederum eine Nachahmung großstädtischen Grenußlebens in 
Mittelstädten, selbst in kleinen Nestern provoziert.^ 

Denn das städtische Leben trägt in sich die Mittel zu einer 
viel ausgiebigeren Beizung der Sinne, als es die ländliche Daseins- 
form vermag, und der sinnenkitzelnde, sinnenbetäubende Charakter 
der Stadt hat in der Großstadt unserer Tage einen unerhört hoben 
Orad erreicht. Die Stadt ist die typische Trägerin jenes Sinnen- 
imd Nervenzustandes der Beizsamkeit, der unsere Generation 
historisch charakterisiert, der Städter der typische Bepräsentant 
der Nervosität in ihrer modernen Gestalt. Sinn aber weist schon 
als Wort auf Sinnlichkeit hin; und es liegt eine feine Nuanoe 
sprachlichen Umfassungsvermögens darin, daß das Sinnliche ein* 
mal das mit den Sinnen Zusammenhängende — und dann schlecht- 
hin das Erotische bezeichnet. Dieses und jenes verknüpfen eben 
ausgiebige Beziehimgen. Wo die Sinne stärker in Anspruch ge- 
nommen werden, dort wächst die erotische Begierde, verliert sie 
ihren periodischen Verlauf zugunsten eines beständigen Wachseins 
oder doch eines durch leisen Anstoß zu weckenden Scbein- 
schlummers. Und der Großstädter wird nicht bloß darum leichter 
zum Geschlechtsakt getrieben, weil sich ihm die Objekte dafflr, 
die Prostituierten, Verhältnisse und dergl. leichter darbieteD, 
sondern weil auch sein überreiztes Nervensystem ihn viel stärker 
auf die Suche nach diesen Objekten drängt, ihm die Abwehr 
ihrer Verlockungen schwerer werden läßt 

Und Stadtleben ist Nachtleben I Desto mehr, je städtischer 
es wird, und am allereinseitigsten in der Großstadt — zum 
Extrem getrieben in der Weltstadt. Die Folgen bleiben für die 
Gestaltung des Genießens nicht aus. Erst das Nachtleben bringt 
eine Summe von Beizen zustande, einen unaufhörlichen Wechsel 
des Nervenkitzels, der zu wachsender Sinnlichkeit führt; und 
ist das Genußleben erst gewohnheitsmäßig noktum geworden» ao 
wirkt nun dies wieder in der Bichtung rückwärts, daß es alles 
Genießen unvermeidlich an die Stadt fesselt. Die Erholung in 
der Natur sinkt zur Nebensache herab, an die Stelle der Aus- 
spannung tritt die Scheinerholung durch Abwechslung. Alles, 
alles zugunsten einer Verschärfung der sinnliehen Begungen, sur 

^) So trifft man tatsächlich heute schon in kleinen Landstädten 
ständige Vari6t6s und Tingeltangels, und mit diesen sieh^i gewöhnlich 
auch — Prostituierte ein, und die früher geftihrloae wilde Liebe wixd 
nun ein Herd venerischer Ansteckung. 



317 

Emstellung der Wünsche auf erotisches Genießen. Und die Stadt 
ist iinennüdlich, unerschöpflich in ihren Erfindungen, diese 
Instinkte zu. befriedigen. Variete, Kabarett, Tingeltangel und all 
diese Genres des Amtisements sind ohne die sinnliche Note ja 
überhaupt nicht zu denken, und selbst da, wo sie Unbefangenheit 
behaupten, wird jene Note von den Konsumenten unbewußt ge- 
sucht, leicht gefunden und würde mit Entrüstung vermißt werden. 
Doch das gleiche gilt mehr oder minder auch von den Unter- 
haltungsfaktoren höheren ästhetischen Eanges. Mit ganz wenigen 
Ausnahmen müssen unsere Bühnen den Instinkten des Publikums 
Bechnung tragen, und des Oroßstadtpublikums Instinkte gehen 
eben vorzugsweise aufs Erotische. Oder selbst da, wo sexuelle 
Fragen in die Sphäre höchster Kunst gehoben und vom Künstler 
dem Gemeinen entrückt sind, hören die Genießer infolge ihrer 
Artung doch wieder nur das erotisch Kitzelnde heraus, und daß 
Oper imd Operetten von vielen nur um dieser Nebenwirkungen 
willen kultiviert werden, ist zu bekannt, als daß es eines 
Beweises bedürfte; vom Ausstattungsstück und vom Ballett 
ganz zu schweigen. 

Vielleicht kommt aber das Aergste noch. Nämlich: in seinen 
offiziellen Belustigungen, seinen Abendessen, Jours, Elränzchen, 
Bällen usw. findet nun der Mann der oberen Stände, der mittleren 
dcachf nicht etwa das ersprießliche Gegengewicht gegen jenes 
spezifisch junggesellenhafte Gtenießen, sondern dessen Fortsetzung 
in etwas verhüllter, raffinierter Form. Von vornherein wird das 
Verhältnis der Geschlechter zueinander in jenen Schleier der 
Befangenheit, der Absichtlichkeit gehüllt, die einen leise prickeln- 
den Beiz aufs Begehren übt und den Mann in einen Zustand 
unerquicklicher Spannung versetzt, Spannung, für die er oft nur 
eine Entladung findet: den Geschlechtsgenuß, — den er sich 
kaufen oder erlisten muß — und so tritt er gerade aus den Ein- 
drücken des offiziellen Genußlebens heraus als Kunde der Prosti- 
tuierten, als Partner des Verhältnisses, als Verführer ins groß- 
städtische Nachtleben. Und entweder lauem dort seiner die 
venerischen Gefahren oder er selber verkörpert sie; denn der 
geschlechtskranke Mann ist nicht bloß ein Opfer, sondern er ist 
meistens auch ein Herd, der neue Opfer in Gestalt bis dahin 
gesunder Mädchen schafft. 

Diesem Unheil reicht ein merkwürdiger Zug im Genußleben 
des einfacheren Weibes zum Ueberfluß noch die Hand. Ich meine 



318 

jenen ServUismuB, jene erotische Bedientenhaftigkeit, die schon 
im Klatsch, in der Lieblingslektüre der xmteren Schichten ihren 
Ausdruck findet, und die sich gewissermaflen geschmeichelt fühlt, 
vom vornehmeren Manne des Anbändeins gewürdigt zu werdea. 
Daß die Prostituierte ihre Liebhaber in der Erzählung gern zu 
Baronen macht, ist bekannt; aber eine ähnliche Neigung geht 
leider durch die weibliche Hälfte der imteren Massen überhaupt, 
leider besonders im deutschen Volke: unsere Commis voyageur* 
Natur, der wir nach Sombart ein Stück unserer Ueberlegenheit 
auf dem Weltmarkte verdanken, findet ihre betrüblichste und 
verhängnisvollste Kehrseite in der Bereitwilligkeit, mit der die 
Massen ihren Stolz xmd ihr Ich vergessen, wenn es einen Genuß 
zu erhaschen gilt. Das ist in den letzten Lustren leider nicht 
besser, eher vielfach noch schlimmer geworden: das um jeden 
Preis „fair^' Seinwollen, mit dem das einfache Mädchen sich so 
häufig lächerlich macht, umspannt eben auch den Ehrgeiz, mit 
einem vornehmen Verehrer „zu gehen"."*) 

Aber nicht nur das einfache Mädchen aus dem Volke opfert 
dieser Genußsucht Leben und Gesundheit, auch die jungen Männer 
wollen nicht zurückbleiben in der für „gentlemanlike" geltenden 
Jagd nach Vergnügungen und nach dem Weibe. Geradezu auf- 
fällig ist in letzter Zeit die Zunahme der jugendlichen Defrau- 
danten, der Lehrlinge und kaufmännischen Angestellten, die nur 
zum Zwecke der Befriedigung ihrer Animierkneipengelüste sich 
Unterschlagungen zuschulden kommen lassen. Unter ihnen trifft 
man schon Burschen im Alter von 14 bis 18 Jahren, ein Symptom 
der heutigen sexuellen Frühreife. Wenn sie, wie gewöhnlich, 
nach einigen Tagen festgenommen werden, stellt es sich heraus, 
daß die veruntreute Summe in Gesellschaft von Dirnen verjubelt 
worden ist, daß aber jener Hang zu liederlichen Ausschweifungen 
bei dem Defraudanten schon lange vorher bestanden hat. Wenn 
die Prinzipale sich über die Lebensweise ihrer Angestellten besser 
unterrichten würden, würde ihnen manche Enttäuschimg, mancher 
Verlust erspart bleiben. 

Die sexuelle Verführung geht heute viel weniger von ein- 
zelnen Personen aus, als vom MiliexL Das Genußleben als 
solches, die ganze sinnlich reizende Atmosphäre desselben spielt 

*) Willy Hellpach, Unser Genußleben und die Gesohlechls- 
krankheiten, in: Mitteilungen der Deutschen Gesellschaft aar Bekämp* 
fung der Geschlechtskrankheiten 1905, Bd. 111, No. 5/^ 8. 103*-105. 



319 

heute die Bolle, die früher bei noch unentwickeltem Verkehrs- 
und Vergnügungswesen dem y^Verführer^S galant homme und 
Don Juan der alten Zeit zufiel, unsere jungen Leute imterliegen 
viel mehr dem allgemeinen Einflüsse der alle Kreise faszinierenden 
Sucht nach Amüsement als den Verlockungen gewohnheitsmäßiger 
Verführer. Heute sind die Opfer der öffentlichen 
Verführung durch das für unsere Zeit charakte- 
ristische Genußleben weit zahlreicher als die Ver- 
führung durch einzelne Personen, die es ja zu allen Zeiten ge- 
geben hat und geben wird. 

Bevor ich noch auf einzelne, die wilde Liebe besonders be- 
günstigende Momente des heutigen Genußlebens, der heutigen 
allgemeinen Verführung eingehe, will ich noch die interessante 
Frage des „Verf ührertums^^ berühren, des Don Juanismus 
und der Praktiker der Ars amandi. 

Es ist merkwürdig, wie sehr die Geschichte der Verführungs- 
kunst die allgemeine Tendenz der Entwicklung der Liebe vom 
rein physischen Triebe zur geistigen Liebe widerspiegelt. Das 
lehrt schon eine einfache Betrachtung der so zahlreichen Lehr- 
bücher der Liebeskunst, der sogenannten „Ars amandi". 

Wahrend in den älteren Lehrbüchern derselben, von Ovids 
altberühmter „Ars amandi"^) bis zu der „Practica Artis amandi",^) 
der „Morale galante ou Tart de bien aimer"^) im 17. und Gentil 
Bernards „L'art d'aimer"*) im 18. Jahrhundert, hauptsächlich 
Wert auf alle möglichen sinnlichen Beizungen und eine mit ihnen 
im Zusammenhange stehende oberflächliche Galanterie gelegt wird, 
finden wir in den modernen Lehrbüchern, schon in dem noch dem 
18. Jahrhundert angehörenden von Manso,^) besonders aber in 
den neueren von Stendhal,^) Paul Bourget,^) A. Sil- 



s) Von ihr erschien kürzlich eine vortreffliche, in geistreicher Weise 
modernisierte Uebersetzong in Blankversen von Karl Ettlinger, 
,^0vid8 Liebeskunst. Eine moderne Nachdichtimg/' Berlin-Groß-Lichter- 
felde-Ost 1906. 

A) HilariiDrudonis, Practica Artis amandi, Amsterdam 1652. 

*) Paris 1669. 

«) Paris 1776. 

''^ J. C. F. Manso, Die Kunst zu lieben, Berlin 1794. 

*) Hehry Beyle (Stendhal), lieber die Liebe, Deutsch von 
A. Sohurig, Leipzig 1903. 

*) Paul Bourget, Physiologie der modernen Liebe, Deutsch 
von O» Dittrioh, Budapest 1891. 



320 

vefltre^^) Catulle Mendis,^^) Robert Hessen^) und 
Hjalmar Kjölenson^') viel mehr alle geistigen Momente 
der Liebeskunst betont. Man kann die ganze Bereicherung das 
Geistes- und Oefühlslelbens in ihnen verfolgen.^^) 

Derselbe Entwicklungsprozeß l&ßt sich auch in der (Sestalt 
des Don Juan erkennen. Sein Typus hat sich sukzessive verändert. 
Er ist immer intellektueller geworden. Der rein sinnliche 
Don Juan, wie ihn z. B. Lord Chesterfield charakterisiert 
und verkörpert, ist heute ganz im Genußmenschen gewöhnlichster 
Art aufgegangen, während Kierkegaards „Tagebuch des 
Verführers'^ zwar ein Extrem, den bloßen Beflexionswüstling 
schildert, aber mit diesem Extrem die allgemeine Entwicklungs- 
tendenz richtig gekennzeichnet hat. 

Neuerdings hat Oscar A. H. Schmitz eine sehr originelle 
und geistreiche Studie über „Don Juan, Casanova und andere 
erotische Charaktere" veröffentlicht (Stuttgart 1906), in der er den 
Verf ührertypus eines Casanova streng von dem Verführertypus 
eines Don Juan unterscheidet. Don Juan ist betrügerischer^ 
listiger Verführer, dem die damit verbundene Besitz- 
ergreifung, die Gefahr, die Betätigung seiner Macht* 
und Herrschaftsgelüste Hauptsache ist, der aber an sich 
unerotisch ist, während Casanova der Erotiker par ex- 
cellence ist, auch verschlagen und betrügerisch, aber nicht um sein 
Macht-, sondern um sein sinnliches Liebesbedürfnis angenehm zu 
befriedigen. Don Juan kennt nur „die Weiber*', für Casanova ist 
jede „das WeiV. Don Juan ist dämonisch, teuflisch, er geht auf 
das Verderben der von ihm verführten Frauen aus, er stößt sie 
absichtlich ins Unglück, Casanova ist menschlich, sorgt immer 
für das Glück seiner Geliebten und widmet ihnen ein zärtliches 
Andenken. Don Juan verachtet die Weiber, er ist der 
Typus des Misogynen, des satanischen Frauenhassera, Casanova 



10) Armand Silvestre, Le petit art d^aimer, Fans 1897. 

11) Catulle Mendös, L'art d'aimer, Paris o. J. 

1*) Robert Hessen, Das Gluck in der Liebe. Eine technisch» 
Studie. Stuttgart 1899. 

1') Hjalmar K jölenson, Die Erschließung des Liebesglüokes, 
Leipzig 1906. ^ 

14) Eine ausführliche Studie über die Geschichte und Liteiatiir 
der Ars amandi wird von mir vorbereitet und demnächst erscheinen. 



321 

ist typischer Feminist, besitzt ein tiefes Verständnis für die 
Frauenseele, wird durch die Liebe nicht enttäuscht und braucht 
die ständige Berührung mit weiblichem "Wesen für sein Lebens- 
glück. Don Juan verführt durch sein dämonisches Wesen, durch 
die Anziehungskraft der brutal-wilden. Gewalt, Casanova durch 
die von ihm ausgehende sinnliche Atmosphäre. 

Mit feinem psychologischen Scharfblick sagt Schmitz: „Es 
scheint, daB die Liebe einer oder womöglich mehrerer Frauen 
zugleich den Mann mit einem Lebensfluidum zu umfechten, 
seinen Blicken ein Leuchten zu geben vermag, das ihn zuzeiten 
unwiderstehlich macht. Männer des Vergnügens wollen beobachtet 
haben, daß sie gerade nach den begünstigtesten Nächten, als sie 
ermattet den Schlaf suchen wollten, auf dem Heimweg besonders 
neugierige und versprechende Frauenblicke auf sich ruhen fühlten." 

Die Unterscheidung zweier Verführertypen, wie sie S c h m i t z 
in seinem durchaus originellen und an feinen Bemerkungen zur 
Psychologie der Liebe reichen Buche durchführt, ist allerdings 
nicht neu. Schon Stendhal hat in dem Kapitel „Werther \md 
Don Juan" seines Buches „Ueber die Liebe" (Deutsche Ausgabe, 
Leipzig 1903, S. 241 bis 251) die gleichen Typen gezeichnet 
„Die echten Don Juans," sagt er, „sehen schließlich in den Frauen 
ihre Feinde und finden an deren vielfältigem Unglück Genuß", 
während Werther = Casanova alle Frauen als entzückende Wesen 
achtet, gegen die wir allzu ungerecht sind. Die Liebe des Don 
Juan ist ein „ähnliches Gefühl wie die Vorliebe für die Jagd", 
Werthers Liebe ist sanft, idealisiert die Wirklichkeit, ist voll 
von zarten und romantischen Eindrücken. Don Juan ist Eroberer, 
Werther Erotiker. 

Auch ich habe schon vor Schmitz in meinem Werk über 
das „Geschlechtsleben in England" (Berlin 1903, Bd. 11, S. 169) 
sehr deutlich diese beiden Verführertypen voneinander unter- 
schieden, an einer Stelle, wo ich den britischen Don Juan im 
Gegensatze aaim französischen und italienischen schildere. 

Dort heißt es: „Ein Hauptcharakterzug der britischen Don 
Juans, der sie durchweg von den Wüstlingen der romanischen 
und der anderen germanischen Länder imterscheidet, ist die 
kalte, eherne Biihe, mit der sie dem Lebensgenüsse frönen, 
der ihnen viel weniger eine Sache der Leidenschaft 
als des Stolzes und der Befriedigung ihres Macht- 
bewußtseins ist. Den französischen, den italienischen Don 

Bloch SazuAlleben. 2. u. 3. Auflajpe. 21 

{fi.—lS. Tausend.) 



322 

Juan treibt eine glühende Sinnlichkeit von Eroberung zu Er^ 
oberung. Das ist das Hauptmotiv ihrer Handlungen und ihrer 
Lebensweise. Der englische Don Juan verführt aus Prinzip, de« 
Experimentes halber, er treibt die Liebe als Sport. Die Sinnlich- 
keit spielt erst in zweiter. Linie eine Rolle und mitten im Genüsse 
blickt die Herzenskälte auf eine schreckliche Weise durch. 

Das ist der „E.S'ke, der Typus des Lovelace, den 
Richardson mit unvergleichlicher Meisterschaft in seiner 
„Clarissa Harlowe'^ gezeichnet hat". 

Auch T a i n e hat diesen britischen Don Juanismus, der mehr 
haßt als liebt, in seiner Geschichte der englischen Literatur ge- 
schildert. 

Endlich finden wir diese Typen auch in Rosa May reders 
Buch „Zur Kritik der Weiblichkeit" (Leipzig 1905), besonders 
in dem Kapitel „Einiges über die starke Faust" (S. 210 bis 243). 
Ihr Typus des „herrischen Erotikers" kommt dem Don 
Juan-Typus von Schmitz und meinem britischen Verführer- 
typus am nächsten. 

„Die erotische Erregung," sagt Rosa Mayreder, „löst 
bei diesen Männern Herrschaftsgelüste aus; ihnen bedeutet das 
Verhältnis zum Weibe ein Besitzergreifen, einen Machtgenuß, 
und anders als unterworfen und abhängig können sie sich das 
Weib nicht denken. Nur soweit das Weib sich als Mittel eignet, 
kennen sie es; als Persönlichkeit mit eigenen Zwecken existiert 
es für sie nicht." 

Die herrische Erotik findet sich bei ganz niedrigen wie bei 
sehr hochstehenden Männem.^^) Ihr diametral entgegengesetzt ist 
das Liebesempfinden zartfühlender, erotisch höher differenzierter 
Männer, deren höchsten Typus das „erotische Genie" dar- 
stellt. Rosa Mayreder charakterisiert dasselbe folgender- 
maßen : 

„Die gesteigerte Differenzierung des erotischen Empfindens 
bringt eine neue Fähigkeit mit sich, die das Bewußtsein der ücber- 
legenheit auslöscht und das Bedürfnis nach dem Abstand in das 
Bedürfnis der Gemeinsamkeit, der Gegenseitigkeit verwandelt — 
die Fähigkeit der Hingebung. Damit begibt sich das Merkwürdige 
in der männlichen Psyche, das große Wunder, das eine völlige 



ift) Vgl. über die herrischen Erotiker auch die AeuBemng Ton 
Qeorg Hirth in: Wege zur Liebe, S. 583. 



323 

Ümkelirung; des primitiven Empfindens bewirkt, eine Wandlung ( ?) 
der teleologischen Geßchlechtsnatur. 

Das erotische Genie umfaßt die Wesen des anderen Geschlechts 
mit intuitivem Verständnis und vermag sich ihnen ganz zu 
assimilieren. Sie sind ihm das Urverwandte xind Urvertraute; die 
Vorstellungen der Ergänzung, der Erfüllung, der Befreiung des 
eigenen Wesens oder selbst die einer mystischen Verschwisterung 
begleiten seine Liebesbeziehungen. Ihm bedeutet die Geschlecht- 
lichkeit nicht eine Aufhebung oder Beschränkung der Persönlich- 
keit, sondern eine Steigerung und Bereicherung durch die Indivi- 
duen, mit denen es auf diese Weise verknüpft wird." 

Als ein erotisches Genie solcher Art bezeichnet Bosa May- 
reder Richard Wagner, wie er sich in seinen Briefen an 
Mathilde Wesendonk offenbart. 

Die Bewußtheit und Verfeinerung der modernen Frau, ihr 
Auftreten als Persönlichkeit muß den Typus des herrischen 
Erotikers immer mehr zurückdrängen, allerdings wohl nie ganz. 
Ich glaube nicht an eine gänzliche Wandlung der teleologischen 
Oescblechtsnatur des Mannes, die ihm stets die aktive, aggressive 
Rolle zugeteilt hat. Aber es ist richtig, daß die Daseinsmöglichkeit 
für den herrischen Erotiker, den Don Juan-Typus, verringert wird. 
Er muß, wie Schmitz mit Recht hervorhebt, sich intellektua- 
lisieren, wenn er weiter existieren will. Dieser psychologische 
Satanismujs des modernen Don Juan ist wundervoll von 
S. Kierkegaard geschildert worden in seinem „Tagebuch des 
Verführers".^^) Der Held desselben lernt am besten von den 
Mädchen selbst, wie sie betrogen werden können, er entwickelt 
in ihnen die „geistige Erotik", um sie dann plötzlich zu verlassen, 
aber sie selbst müssen die Verlobung lösen. Er ergötzt sich 
bei all dem an dem „verführerischen Saltomortale ihrer Liebe". 
Das Weib und die Liebe ist ihm nicht die Hauptsache, sondern, 
wie er am Schlüsse sagt, „daß er sich mit vielen erotischen 
Wahrnehmungen bereichern könne". Der moderne Don Juan ist 
also weiter nichts als ein kalter psychologischer Ex- 
perimentator. So hat ihn vorahnend Choderlos de 
Laclos in dem Helden seiner „Liaisons dangereuses", dem 
Vicomte de Valmont geschildert. 



«) S. Kierkegaard, Entweder — Oder. Ein Lebensfragment 
Deutsch von O. Gleiß, Dresden und Leipzig 1904, S. 221—311. 

21* 



324 

Noch eines anderen interessanten Don Juan-Typus unserer 
Zeit wäre zu gedenken, der allerdings kein echter Don Juan, 
sondern ein P s e u d o - Don Juan oder besser Pseudo-Casanova ist, 
und auch im weiblichen Geschlecht vertreten ist. 

Das ist der wie Retif de la Bretonne ewig das Ideal, 
ewig die wahre Liebe suchende Mann oder Frau, ein Typus, der 
nur durch immer wiederholte Enttäuschungen und Irrtümer don- 
juanesken Charakter annimmt. Diesem Typus begegnen wir heute 
sehr oft. Er ist nur der Ausdruck für die bei der fortschreitenden 
Differenzierung erwachsenden Schwierigkeiten der richtigen 
Liebeswahl, und er wird nicht durch die Begierde nach Sinnen- 
lust, sondern durch die ewig enttäuschte Sehnsucht nach echter 
individueller Liebe erzeugt. 

Doch kehren wir nach diesem Exkurse zurück zu der Bc* 
trachtnng jener allgemeinsten öffentlichen Verführung durch das 
Genußleben unserer Zeit. Es ist bezeichnend, daß auch dieses 
seine literarischen Wegweiser und Anleitungen besitzt in Ge- 
stalt der zahlreichen gedruckten Führer fürdieLebewelt, 
der „Guides du viveur", „Guides de plaisir", „Führer durch das 
nächtliche Berlin," „New London Guide to the Night Houses/* 
„Die Geheimnisse der Berliner Passage," „Paris by Night," „The 
Sweirs Night Guide through the Metropolis," „Bruxelles la nuit, 
Physiologie des etablissements noctumes de Bruxelles" (für eng- 
lische Lebemänner als „Brüssels by Gaslight" zurechtgemacht I), 
„Paris and Brüssels after dark," „The Gentleman's Night Guide," 
„Hamburgs galante Häuser bei Nacht und Nebel," „Das galante 
Berlin," „Naturgeschichte der galanten Frauen in Berlin," „Paris 
intime et mysterieux," „Guide des plaisirs mondains et des 
plaisirs secrets a Paris," alle in den letzten dreißig Jahren zum 
Teil in zahlreichen Auflagen erschienen. Auch für Wien, Buda- 
pest, Petersburg, Rom, Alailand, Barcelona, Madrid, Marseille, 
Rotterdam, New York gibt es solche ausführlichen Uebersichten 
aller öffentlichen tmd geheimen sinnlichen Genüsse. 

Um einen Begriff von dem Inhalt einer solchen Anweisung 
zum Lebensgenüsse zu geben, teile ich nur die Kapitel eines 
1905 erschienenen und, wie der Pariser Verleger mitteilte, als- 
bald konfiszierten, dennoch aber in den Buchläden der Boule- 
vards und der Rue de Rivoli überall öffentlich ausgestellten iind 
verkauften Buches mit, das den schönen Titel führt: „Pour 



325 

s' am US CT. Guide du viveur a Paris par Victor Leca" (Paris 
1905). Der Verfasser sagt in einer versifizierten Widmung: 

Nous connaissons la Capitale 
Et nous Taimons avec ferveur 
Ma science exp6rimentale, 
A fait ce „Guide du Viveur" 

und führt in der Vorrede aus, daß alle die verschiedenen Genüsse 
des Auges, des Ohres und des Geschmacksinnes in Paris zuletzt 
zum — Weibe führen, ganz in Uebereinstimmung mit der 
Definition, die ich oben vom Genußleben unserer Zeit gab. Alle 
diese Vergnügungen laufen eben zuletzt auf den Gcschlechtsgenuß 
hinaus, das ist das Ende und der Gipfel jedes „Amüsements'^ 
das eigentliche punctum saliens des Vergnügungslebens unserer 
großen Städte. So hat denn auch Leca in seiner recht über- 
sichtlich und raffiniert zusammengestellten Anweistmg für Lebe- 
männer das Hauptgewicht auf die Notizen über die Erotik und 
die Gelegenheit zu erotischen Abenteuern an den einzelnen Ver- 
gnügungsorten gelegt. Er führt als solche der Beihe nach an: 
die Theater, besonders die „Theätres tres legers", die „Cafes- 
Concerts'*, die Balllokale, die Hippodrome und Zirkusse, die Kaba- 
retts von Montmartre, das Quartier Latin, die Weibercafes, die 
Boulevards, die Zentralmarkthallen, die Bordelle (mit genauer 
Angabe der Straßen und Hausnummern 1 1), die Absteigequartiere 
(maisons de rendez-vous), das Verzeichnis einiger „galanter Damen", 
die Straßenprostitution, die Passagen, Parks und öffentlichen 
Gärten, die Volksfeste, Hennen, Droschkenfahrten, Badeanstalten, 
Friedhöfe, Museen und Ausstellungen, alles immer in Beziehung 
auf das weibliche Element. 

Diese Lehrbücher der Genußkunst sind kulturgeschichtlich 
interessante Belege für die Tatsache, daß der Geschlechts- 
trieb durch die Kultur der Gegenwart auf alle 
möglichen Weisen beeinflußt, gesteigert, raffi- 
niert und kompliziert wird. Besonders das Großstadt- 
leben, wo das Wesen der modernen Kultur am konzentriertesten 
zutage tritt, ist sexuelles Stimulans im höchsten Grade, mit 
seinem Hasten und Jagen, seinem „Nachtleben"^^) und den mannig- 



") Die Sonne ist der Wollust feindlich, sagt Grill- 
parzer in seinem Tagebuche. Aber die künstliche Sonne unserer 
nächtlichen Großstadtbeleuchtung übt die entgegengesetzte Wirkung aus. 



326 

faltigsten Grenüssen für alle Sinne, den gastronomischen und 
alkoholischen Exzessen, kurz mit seiner neuen Devise, daß nach 
der Arbeit das Vergnügen komme und nicht die Kühe. 

In meinem „Geschlechtsleben in England" (Bd. 11, S. 261 ff.) 
habe ich den verhängnisvollen Einfluß der Lebensweise auf die 
Sexualität geschildert und nachgewiesen, wie gerade im alten and 
neuen England der übermäßige Konsum von Fleisch und alkoho- 
lischen Getränken den Geschlechtstrieb unnatürlich erregt und 
auf Abwege geführt hat. 

Aber auch von Deutschland kann man sagen: wir essen — 
abgesehen von den Zeiten der „Fleischnot" — zu viel Fleisch 
und trinken zu viel Alkohol, ersteres mehr in den höheren 
Klassen, letzteres in allen Klassen der Gesellschaft. 

Die sexuell erregende Wirkung üppiger Mahlzeiten, die z. B. 
auch Gabriele d'Annunzio im Anfange seines Bomanes 
„Lust" schildert, die Tolstoi in der „Kreutzersonate" als Haupt* 
Ursache der Aufreizung zur Lüsternheit bezeichnet, ist ja eine 
allbekannte Erfahrungstatsache. Und je später am Tage die 
großen Mahlzeiten genommen werden, um so gefährlicher sind sie 
hinsichtlich ilirer Wirkung auf den Geschlechtstrieb. Ich bin ganz 
entschieden der Ansicht, daß die gute alte deutsche Sitte, die 
Hauptmahlzeit um Mittag einzunehmen, der sogenannten „eng- 
lischen Tischzeit", wo sie bis zur vierten bis sechsten Nachmittags- 
stundc hinausgeschoben wird, bei weitem vorzuziehen ist. 
Ueppige Soupers oder gar nächtliche Mahlzeiten, wie sie heute 
gang und gäbe sind, müssen geradezu als Aphrodisiaka bezeichnet 
werden. 

Eine weit verhängnisvollere Rolle spielt der Alkohol im 
modernen Genußleben. Man braucht kein absoluter Abstinenzler 
zu sein und ist doch genötigt, diese Tatsache mit allem Nachdruck 
hervorzuheben. Ja, vom Standpunkte der ärztlichen Erfahrung 
und Beobachtung möchte ich den Alkohol den bösen Dämon 
des modernen Geschlechtslebens nennen, weil er tückisch tmd 
hinterrücks sein Opfer der geschlechtlichen Verführung und 
Korruption, der venerischen Ansteckung und allen Folgen eines 
ungewollten Geschlechtsverkehrs ausliefert,") 

Es ist hier nicht der Ort, eine ausführliche Darstellung 



w) Schon ein altes Sprichwort sagt: „Aus den zwei V: Vinum 
(Wein) und Venus (Weib) entsteht ein großes W (AVeb)." 



327 

der Alkoholfrage zu bringen und meine Ansicht, daß die absolute 
Abstinenz eine Utopie und der mäßige, vorsichtige, der ein- 
zelnen Individualität angepaßte Alkoholgenuß zur rechten 
Zeit keinen nennenswerten Schaden stiftet, im einzelnen zu be- 
gründen. Das hindert mich aber nicht, die tieftraurige Bolle 
voll zu würdigen, die der gewohnheitsmäßige Alkoholgenuß oder 
ebenderselbe als „Trinksitte" in der geschlechtlichen Korruption 
unserer Zeit spielt. Nur auf diesen Zusammenhang zwischen 
Alkohol imd Sexualleben^^) will ich etwas näher eingehen. 

Die Wirkung des Alkohols auf den Geschlechtstrieb und die 
Psyche ist eine sehr eigentümliche. Bier oder Wein, sehrm&ßig 
genossen, rufen ganz ohne Zweifel neben der allgemeinen psychi- 
schen Beizung auch eine mehr oder minder starke sexuelle Er- 
i^gting hervor. Diese sexuelle Erregung nun bleibt bei weiterem 
Alkoholgenuß länger bestehen als die psychische Erregung, die 
sehr bald einer psychischen Lähmung, einem Fortfall der vom 
Oehim ausgehenden Hemmungserscheinungen Platz macht. In 
diesem ungleichen Verhalten der rein sinnlich sexuellen und 
der psychischen Vorgänge scheint mir die eigentliche Gefahr des 
alkoholistischen Exzesses zu liegen. Die sexuelle Beizung durch 
den ersten Trunk wirkt noch nach, während der Mensch 
bereits alle Herrschaft über Vernimft und Willen verloren hat 
und flo eine leichte Beute sexueller Verführung wird. 

Kur 80 kann man sich die verhängnisvolle Wirkung des 
Alkohols erklären, denn wir wissen, daß er durchaus nicht etwa 
ein die Geschlechts k r a f t steigerndes Mittel ist. Im Gegenteil, 
er steigert zwar die Wollust und die sexuelle Begierde, behindert 
aber fast immer die Erektion und verlangsamt den geschlecht- 
lichen Orgasmus. 



^') Vgl. darüber außer den großen Werken über den Alkohol die 
speziellen Abhandlungen von B. La quer, Autoreferat und Leiteätze 
der Vorlesung über Alkohol und Sezualhygiene in: Mitteilungen der 
Deutschen Cresellschaft zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten 
1904, Bd. II, No. 3/4, 8. 56—63; W. Hellpach a. a. O. S. 100—102; 
Magnus Hirschfeld, Der Einfluß des Alkohols auf das Ge- 
schlechtsleben, Berlin 1905; derselbe, Alkohol und Familienleben, 
Berlin«Cbarlottenburg 1906; Otto Lang, Alkohol und Verbrechen, 
Basel o. J.; Oscar Rosenthal, Alkohol und Prostitution, 
Berlin 1906; G. Rosenfeld, Alkohol und Geschlechtsleben, in: Zeit- 
schrift für Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten 1905, S. 321—335. 



328 

So braucht der unter dem Einflüsse des Alko- 
hols stehende Mensch viel mehr Zeit zur Voll- 
endung des Begattungsaktes als der Nüchterne; 
dadurch aber wird die Gefahr einer etwaigen venerischen In- 
fektion bedeutend vergrößert, da der Kontakt mit der infizierenden 
Person ein bedeutend längerer ist. Ich habe viele Patienten, die 
sich nach einem alkoholistischen Exzesse bei Dirnen angesteckt 
hatten, über diesen Umstand befragt, und es stellte sich fast 
immer heraus, daß der eigentliche Akt sich infolge der bekannten 
relativen Impotenz durch Alkohol außerordentlich in die Länge 
zog und so natürlich weit mehr Gelegenheit zu ausgiebigster 
Berührung, mechanischen Verletzungen durch vermehrte Beibang 
usw. und dadurch zur Infektion gab. 

In der medizinischen Literatur werden zahlreiche Fälle be- 
richtet, in denen zwei Männer kurz nacheinander den Beischlaf 
mit einer kranken Prostituierten vollzogen und merkwürdiger- 
weise nur der eine sich ansteckte, während der andere gesund 
blieb. Genauere Nachforschung würde ohne Zweifel in vielen 
solchen Fällen ergeben, daß der nicht Infizierte nüchterner war 
als der unter dem Einfluß des Alkohols stehende Infizierte. 

Beim Weibe, bei dem von einer eigentlichen Wirkung auf 
die „Potenz^* keine Bede sein kann, macht sich um so mehr die 
die Libido erregende Wirkung des Alkohols in Verbindung mit 
der Beseitigung aller seelischen Hemmungen geltend. So wird 
dem Weibe, das überhaupt gegen Alkohol bedeutend intoleranter 
ist als der Mann, schon mäßiger Alkoholgenuß gefährlich.'^') 

Dem Verführer, der Kupplerin, der Prostituierten ist die 
geschilderte eigentümliche Wirkung des Alkohols auf die Libido 
serualis imd Psyche wohlbekannt, und gerade diese verschieden- 
artige Doppel Wirkung wird von ihnen ausgenutzt Nicht bloß 
in den sogenannten „Animierkneipen", den Kneipen mit Damen- 



>o) Nach den Feststellungen von Bonhoeffer, Hoppe, A. 
H. Ilübner n. a. bildet der chronische Alkoholismus ein wesent- 
liches ursächliches Moment für die Prostitution bei den sogen. „S p ä t • 
prostituierten*', d. h. jenen Hädchen, die sich nicht schon in 
der Pubertät, sondern meist erst nach dem 26. Lebensjahre gewerbs- 
mäßig preisgeben. VgL Artur Hermann Hubner, Ueber Prosti- 
tuierte und ihre strafrechtliche Behandlung, in: Monatsschr. für 
Eriminalpsychologie und ^Strafrechtsreform. Herausgegeben von 0. 
Aschaffenburg, 1907, S. 6. 



329 

Icdicming, und in den Bordellen dient der Alkohol diesem Zwecke, 
sondern auch die Straßendirnen erwarten ihre Opfer mit Vorliebe 
am Ausgange der großen Bestaurants oder nach Festmählern 
und sehen es hauptsächlich auf betrunkene Männer ab, weil sie 
bei diesen, denen jede Herrschaft über sich selbst verloren ge- 
gangen ist, in jeder Beziehung leichtes Spiel haben.") Der 
alkoholisierte Mann ist lenksam und willfährig wie ein Kind, 
er ist nicht wählerisch, ja sieht überhaupt nicht, ob die ihn 
ansprechende Prostituierte jung oder alt, schön oder liäßlich, 
sauber oder unreinlich ist. Er folgt ihr blindlings und meist 
zu seinem gesundheitlichen und pekuniären Schaden. 

Der folgende Fall illustriert dieses willenlose Verhalten des 
Mannes nach Alkoholgenuß in sehr anschaulicher Weise. 

Ein höherer, verheirateter, sonst sehr solider Offizier ver- 
läßt nach einem Liebesmahl in vorgerückter Nachtstunde stark 
angeheitert das Offizierskasino, um sich nach Hause zu begeben. 
Plötzlich fühlt er, wie ein Arm sich unter den seinen schiebt; 
es ist eine Prostituierte, die seinen Zustand bemerkt hat und 
sich zunutze machen will. Er läßt sich gcdanken- und willenlos 
in ihre Wohnung führen, vollzieht dort ebenso apathisch ohne 
jede Vorsichtsmaßregel den Beischlaf. Erst nachher sieht er, etwas 
ernüchtert, daß er es mit einer alten Prostituierten niederster 
Klasse zu tun hatte. Seine Befürchtung der venerischen An- 
steckung schien sich wenige Tage darauf durch das Auftreten 
eines Ausflusses aus der Harnröhre zu bestätigen. Voller Schrecken 
kam er zu mir. Doch ergab die mikroskopische Untersuchung 
des Hamröhrensekrets und die baldige Heilung nach wenigen 
Tagen, daß es sich um einen durch irgend welche Irritamente 
hervorgerufenen einfachen Harnröhrenkatarrh, nicht um Gonorrhöe 
handelte. 

Nicht immer verlaufen diese Fälle so glücklich. Es ist 
notorisch und durch die Untersuchungen hervorragender Aerzte 
und Medizinalstatistiker festgestellt worden, daß die Mehrzahl 

ti) Beim Feste, das die Stadt Berlin 1890 dem internationalen 
Aerztekongreß im Rathanse gab und bei dem 4000 Personen zusammen 
15382 Flaschen Wein, 22 Hektoliter Bier und 300 Kognaks vertilgten, 
spielten sich in und vor dem Bathause ekelerregende Szenen von 
Trunkenheit ab. »Wie sich die Scluneißfliegen nach dem Aase ziehen, 
so hatte sich auf der Straße vor dem Bathause ein Schwärm feiler 
Dirnen zusammengezogen, die unter den trunken herabwankenden Gästen 
reiche Beute machten.*' V^gl. Rosenfeld a. a. 0. S. 325. 



330 

der venerischen Infektion unter der Einwirkung des Alkohols 
zustande kommt. 

Deshalb bedeutet das wachsende Steigen des Al- 
koholkonsums eine weitere Ausbreitung der Ge- 
schlechtskrankheiten. Während unsere Altvordern nur 
an Sonn- und Feiertagen alkoholische G^tr&nke im Uebermafl 
genossen, nimmt man heute auch an Wochentagen, oder vielmehr 
Wochenabenden, geistige Getränke zu sich. Branntwein und Bier 
sind Massengetränke geworden, besonders das Bier, dessen Konsum 
von Jahr zu Jahr steigt und im Jahre 1898 bereits die unglaub- 
liche Summe von zwei Milliarden Mark erreichtet Strümpell 
stellte fest, daß Arbeiter mit einem Tagesverdienst von 3 Mark 
80 Pfennige, d. h. mehr als ein Drittel ihres Einkommens für 
Bier ausgeben, und zwar sind das keineswegs notorische Säufer, 
sondern solide Leute, die nur der allgemeinen „Sitte" folgen. 
Die Bolle des Bieres spielt in Frankreich der Absinth, der 
Wermutsbranntwein; der berüchtigte „Aperitifs zu dem die 
Pariser Prostituierten so oft die männlichen Kunden einladen« 
ist hauptsächlich der Genuß von Absinth. Der Wein kommt» 
wie der erfahrene Fiaux sagt, nur als ,J[dealgetränk'' in den 
Träumen der gewöhnlichen Pariser Prostituierten vor. 

Auf die verhängnisvolle Bolle des Alkohols bei Sittlichkeits* 
verbrechen, wo er nach Bär in 77 o/o der Fälle als ursächliches 
Moment mit in Betracht kommt, gehen wir später ein, wie wir 
überhaupt dem Alkohol in seinen Beziehungen zum Sexualleben 
und dessen abnormen Erscheinungen noch öfter begegnen werden. 

Hier sei nur nochmals hervorgehoben, in welch hohem Grade 
der übermäßige Alkoholgenuß die wilde Liebe begünstigt, 
d. h. dem wähl- und regellosen Geschlechtsverkehr, der momen- 
tanen Verführung Vorschub leistet. Das läßt sich ganz besonders 
deutlich bei Volksfesten und anderen zu alkoholischen Exzessen 
Veranlassung gebenden öffentlichen Veranstaltungen beobachten 
und später auch durch die hiermit im Zusammenhange stehenden 
unehelichen Geburten feststellen. 

Magnus Hirschfeld erzählt, daß er als Student einmal 
um die Weihnachtszeit eine Gesellschaft bei einem Professor der 
Medizin in Breslau mitmachte, auf der erst ein und bald darauf 
ein zweiter Assistent einer Frauenklinik zu einer Geburt abge- 
rufen wurden. Ein anwesender älterer Arzt machte dabei die 
Bemerkung: „Ja, ja, die Kaisergeburtstagskinder". Hirsch- 



331 



f e 1 d , der um eine Erklärung dieser ihm unverständlichen 
AeuDerung bat, erfuhr, daß damak um AVeihaachten die Ent- 
bindungsaQEtalten und Wöclmerinuenheime überfüllt waren, weil 
in j«uer Zeit die unehelichen Kinder geboren wurden, zu welchen 
neun Monate früher, am 22. März, dem Geburtetage des alten 
Kaisers, einem allgemeinen Volksfeste, die Keime gelegt waren. 

Die Zunahme der wilden Liebe, eines vom Augenblick und 
Zufall abhängigen, rasch wechselnden Geschlechtsverkehrs, die 
in dem geschilderten Zusammenhange mit dem Genußleben steht, 
ist ein charakteristisches Merkmal unserer Zeit. 

Neben der Prostitution, die wir in einem besonderen Kapitel 
besprechen, bildet das sogenannte „Verhältnis" den eigent- 
lichen Kern der wilden Liebe. "Wenn die Verteidiger der Zwangs- 
ehe von freier Liebe sprechen, dann meinen sie nicht die freie 
Liebe, die höhere individuelle Liebe, wie sie im vorigen Kapitel 
geschildert worden ist, sondern stets das heutige „Verhältnis", 
das in der Tat die ernstesten Gefahren in physischer und ethischer 
Beziehung in sich birgt. Denn auf der einen Seite bildet das 
Verhältnis den hauptsächlichsten Vermittler der weiteren Aus- 
breitunp der venerischen Krankheiten, auf der anderen Seite hat 
wesentlich diese neue Form geschlechtlicher Beziehungen das 
Element der Heuchelei, Lüge und des Mißtrauens großgezogen, 
das heute die Liebe vergiftet, die Geschlechter immer mehr von- 
einander entfernt, und jenen traurigen Geschlecht shaß, die 
MSnnerfcindschafl der Frauen und den AVeiberhaß der Männer, 
erzeugt, der auch zur Signatur der Gegenwart gehört. 

Die allmähliche Entartung des ursprünglich idealen Verhält- 
nisses zur wilden Liebe der Gegenwart hat Hellpach in seiner 
kleinen Schrift über „Liebe und Liebesleben im 19. Jahrhundert" 
eingehend geschildert und psychologisch erklärt. 

In dieser ausgezeichneten Charakteristik des Verhältnisses 
wird zunächst ausgeführt, daß es erstens ein durchaus groß- 
Btadtisches Produkt sei, und zweitens mit der kapitalistischen 
Entwicklung eng zusammenhänge, die Tausende von jungen 
Mädchen zum selbständigen Broterwerb drängt, so daß sich aus 
ihnen namentlich die für die Großstadt typische Jfen schenklasse 
der Verkäuferinnen mit all ihren verwandten Spielarten 
rekrutierte. Das ist der Boden, auf dem das Verhältniswesen 
sich entwickelte. 

„Am Tage sind diese Mädchen beschäftigt. Kommt der Abend 




332 

mit dem ersehnten Ladenschluß, so winkt ihnen die Aussicht, 
heimzugehen in ärmliche Verhältnisse, oft genug trüben Familien- 
szenen beizuwohnen, sich schlafen zu legen und am nächsten 
Morgen wieder ins Geschäft zu wandern. Tagaus, tagein. Das 
ist kein sehr ergötzlicher Wochenkalender, zumal wenn der Weg 
vom Geschäft in die Wohnung an strahlend erleuchteten Bier- 
palästen und Cafes, an Theatern und Konzertsälen vorüberführi 
und das alles in den Jahren der geschlechtlichen Entfaltung, 
wo die heiße, sinnliche Begierde zum ersten Male in allen Nerven 
prickelt 1 War es da zu verwundem, wenn das Verlangen brennend 
wurde, nach aller Tagesarbeit abends auch einmal ein klein 
bißchen von den sich aufdringlich zur Schau stellenden Herr- 
lichkeiten der Großstadt zu genießen ? Nach der Gebundenheit des 
Ladens nicht geraden Wegs in die Gebundenheit der Familie 
heimzukehren, sondern ein wenig die Freiheit des Vergnügens 
kennen zu lernen? Und das unter der entzückenden Form einer 
kleinen Liebelei? 

Und die sozialen Verhältnisse sorgten auch für die Mdj^ 
lichkeit der Erfüllung solchen Sehnens. Gab es doch Tausende 
von jungen Kaufleuten, Hunderte von Studenten, Bureaubeamten, 
Unteroffizieren, die lieber ein Mädel am Arm ihre Abende ver- 
brachten, als allein. Die Prostituierten eigneten sich zu solchen 
Zwecken wenig. Schließlich war man ja nicht immer dazu ge- 
launt, „aufs ganze zu gehen", dem Abend eine Liebesnacht folgen 
zu lassen; man fühlte sich aber in Stimmung, mit einem Mädel 
zu plaudern, zu schäkern, sie vielleicht ein bißchen zu drücken 
und zu küssen. 

Und so nahm das seinen Weg. Man redete eine Verkäuferin 
an, man begleitete sie ein Stück, man traf eine Verabredung für 
den nächsten Abend ; dann ging man vielleicht schon irgendwohin, 
man sah, wie die Kleine sich verliebte, das Du und der Kuß 
folgten; noch ein paar Mal so, und man fühlte, daß die Glück- 
liche selber nur noch mit brennender Begierde die letzte Bitte 
erwartete: „mitzukommen". Und wenn das geschehen war, dann 
hatte man eben sein „Verhältnis". Und es erwies sich in allen 
Stücken als ein Vorzug gegenüber der Prostituierten. Es war 
billig, anspruchslos, betulich, verliebt und — gesund. Man hatte 
es selber gern, das Liebesleben mit ihm war nicht mehr Uoß 
notwendiges Uebel, sondern ein reizendes Vergnügen. Und nur 
zwei dunkle Pimkte trübten das lichte Bild: die Furcht vor 



333 

einem Küide und der Gedanke an die Trennung. Diese Trübung 
empfand übrigens nur der Mann. Die Mädchen haben damals so 
wenig wie heute an solche entfernten Dinge gedacht . . . 

In einer Entwicklung von drei Jahrzehnten hat manches 
einzelne wohl, das Gesamtbild sieh wenig verändert. Die bluir 
junge Verkäuferin von heute braucht nur nicht lange zu hoffen 
und zu harren, sie tritt fast immer schon mit der Gewißheit 
in ihren Beruf, daß sie in kurzem „mit jemandem gehen'' wird. 
Sie wird anfangs immer einen Menschen vorziehen, von dem sie 
dodi noch annehmen darf, daß er sie möglicherweise heiraten 
könnte. Die jungen Kaufleute, die Unteroffiziere sind daher die 
Begehrteren. Erst später, wenn die Resignation kommt, und nur 
noch der Wunsch geblieben ist, sich zu amüsieren, pflegen 
Akademiker den Vortritt zu haben; denn sie sind flotter, unter- 
haltender, man ist eitel auf ihren Stand. Das ist alles so ge- 
blieben, wie es war. Nur mag es vor dreißig Jahren wohl noch 
eine ganze Anzahl von Verkäuferinnen gegeben haben, die trotz 
aller Sehnsucht unberührt sich hielten. Es haftete für die im 
bürgerlichen Geiste erzogenen Mädchen doch ein gewisser übler 
Geruch am freien Geschlechtsverkehr. Das ist heute ganz 
vorbei. Die Mädchen dieser Schicht, die mit Bewußtsein allen 
Lockungen widerstehen, sind zu zählen. Bis tief ins mittlere 
Bürgertum hinein reichen heute die „Verhältnisse". 

Für den männlichen Teil ist freilich eines gründlich anders 
geworden. Die Illusion, daß der geschlechtliche Umgang mit einem 
Verhältnis die Garantie der Gefahrlosigkeit für die Gesundheit 
biete, ist heute längst zerstoben. TVir stehen heute der Tatsache 
gegenüber, daß weit mehr*') als die eigentliche Prostitution das 
Verhältniswesen der Herd geschlechtlicher Verseuchung ist. Um 
das zu verstehen, müssen wir auf die Lösung des Verhältnisses 
einen Blick werfen. 

Es wurde schon erwähnt, daß von einem völligen Einleben 
nach Art des Grisettentums beim dt}utschen Verhältnis nie die 
B^e gewesen sei ; und innerhalb absehbarer Zeit wird diese Tat- 
sache unverändert bleiben. Es gibt selbst in Berlin eine erheb- 
liche Anzahl von Wohnungen, deren Vermieter den Besuch zweifel- 



^) So schlimm ist es noch nicht. Aber die Zahl der geschlecht- 
lichen Ansteckungen durch die wilde Liebe und den freien Geschlechts- 
verkehr im Verhältniswesen nimmt bestandig zu. 



334 

hiafter Damen unter keinen Umständen gestatten. Aber auch die 
Vermieter der ungenierten, oder, wie der Student es nennt, der 
„sturmfreien" Zimmer würden eine tagelange Beherbergung einer 
Frauensperson durch ihren Mieter nie dulden und nie dulden 
können, wenn sie nicht bei der Polizei in den Kuppeleiverdacht 
geraten wollen. Was also die beiden Parteien des Verhältnisses 
zu Hause vereinigt, ist fast immer nur der Greschlechtsgenuß 
selber. Das Charakteristische des Grisettentums : die Alltäglich* 
keit, die Prosa des Zusammenlebens — wird im Verhältnis gar 
nicht durchgekostet. Infolgedessen stellt sich auf 
Seiten des Mannes leicht der Ueberdruß ein. Neue 
Eindrücke fesseln und reizen ihn. Er löst das Verhältnis. Zart 
geht es dabei meistens nicht her Der Möglichkeiten sind viele, 
aber die einzig anständige: die offene, mündliche Mitteilung ist 
wohl die allerseltenste. Nach erfolgter Lösung ist für ihn die 
Sache beendet. Er ist um eine nette Erinnerung reicher und 
beginnt sich nach Ersatz umzuschauen. 

Das Mädchen auch. Nur daß für sie diese Lösung gar oft 
den ersten Schritt auf eine sehr abschüssige Bahn bedeutet. Zu- 
nächst folgt vielleicht eine kurze Zeit der Erbitterung. Aber 
der Geschlechtstrieb spottet aller anderen Regungen: ein neues 
Verhältnis beginnt. Und nun steigt schon langsam eine Ahnung 
auf, daß der Wechsel in der Liebe doch gar nicht so übel sei 
Die zweite Lösung wird mit Gleichmut ertragen, und gar nicht 
selten ist es in kurzem so weit, daß das Mädchen 
die Liebschaften auf wenige Tage einschränkt, 
daß sie endlich tagtäglich bei einem andern Be- 
friedigung sucht. Gewerbsmäßige Prostitution ist es noch 
nicht; auch psychologisch besteht immer noch ein Unterschied 
Es steckt doch noch sinnliches Empfinden dahinter, und nur 
dessen Stärke, die durch das Uebermaß an Geschlechtsverkehr 
sich steigert, läßt die Person der Befriediger als beinahe gleich- 
gültig erscheinen. Aber nun braucht nur ein wirtschaftliches 
Steinchen ins Bollen zu kommen: Kündigung der Stelliing, Ver- 
stoßung aus dem Elternhause, eines wie das andere durch daa 
ausschweifende Leben mit seinen Nachlässigkeiten und seiner 
Arbeitsunlust veranlaßt — und die Lawine donnert hinab. Der 
Hunger treibt dazu, für das, was bisher nur die Begierde stillen 
sollte, klingenden Lohn zu nehmen. Die Prostitution hat ein 
Opfer mehr. 



335 

Die ganze Zeit aber zwischen dem Beginn der zweiten Lieb- 
schaft und der polizeilichen Einreihung in die Prostitution bietet 
allen Liebhabern die höchste Oefahr geschlechtlicher Erkrankung. 
Denn die Mehrzahl der Verhältnisse stecken sich 
gleich bei ihrer ersten Liebelei geschlechtlich an. 
Die Erklärung muß auf jene Zeit zurückgehen, wo das Verhältnis 
erst anfing, Mode zu werden und die Kontrolle der Prostituierten 
in gesundheitlicher Hinsicht noch mangelhafter, der Schutz gegen 
die Ansteckungsgefahr noch weniger bekannt war, als heute. Die 
jungen Leute der großen Städte gingen damals aus ihren ersten 
Liebesnächten zum größten Teile krank hervor. Denn ihre ge- 
schlechtliche Befriedigung suchten sie anfangs immer bei der 
Prostituierten, wie es auch heute noch zu sein pflegt, weil für 
den unberührten Jüngling dieser Weg bequemer ist, weniger An- 
forderungen an seine Gewandtheit, gar keine an seine Verf ührungs- 
kunst stellt, was bei der Knüpfung eines Verhältnisses doch 
immerhin in die Wagschale fällt. Später, wenn dann der Ueber- 
druß an der Prostitution eintrat, suchte man sich ein Verhältnis, 
und da zu jener Zeit namentlich die Behandlung des Trippers 
sehr im Argen lag, so steckte man das Verhältnis sofort an. 
Auf diese Weise sind die Verhältnismädchen, 
seitdem sie in Mode kamen, systematisch ver- 
seucht worden." 

Neben der Purostitution ist heute da^ Verhältnis- 
wesen ein großer Herd der geschlechtlichen Ansteckung, und 
die wilde Liebe stellt auch in psychologisch-ethischer Beziehung 
dieselbe Gefahr dar, wie die Prostitution. Der häufige Wechsel, 
die Vielgestaltigkeit des Geschlechtsverkehrs beim Verhältnis- 
wesen läßt keine tieferen seelischen Beziehungen aufkommen, er- 
niedrigt die Mädchen zu bloßen Objekten physischer Sinnenlust, 
läßt sie immer mehr sich an die finanziell stärkeren Männer 
halten und macht sie so zu ganzen oder halben Prostituierten. 
Ihnen ist jetzt das G^nußleben, die Vergnügungssucht, die Haupt- 
sache, nicht die Liebe. Die venerische Infektion kommt noch 
hinzu, um sie vollends zu depravieren. Noch schlimmer ist die 
Korruption der Männerwelt, die die im Umgange mit Prostituierten 
angenommenen Allüren auf den Verkelir mit dem Verhältnis 
überträgt, vor allem aber schließlich nur noch den rohen Ge- 
schlechtsakt als solchen sucht und begehrt, ohne das Bedürfnis 
einer tieferen geistigen Anknüpfung zu fühlen. Die Folge ist 



336 

flüchtiger Charakter der sexuellen Beziehungen, häufiger Wechsel 
beiderseits und das Ende: die Lüge, das Mißtrauen, der 
Haß. 

Glaube an und Hoffnung auf wahre Liebe schwinden für 
immer, übrig bleibt nur die kalte, öde, unsäglich verbitternde 
Enttäuschung, die Verzweiflung am anderen Geschlecht, die 
so charakteristisch für unsere Zeit ist- Nie gab es so viele 
prinzipielle Weiberhasser und Männerfeindinnen. Im Verkehr der 
Geschlechter glaubt keiner mehr dem anderen und von beiden 
Seiten knüpft man das „Verhältnis" ohne besondere Illusionen 
an, nur in der Absicht, die beiderseitige Genußsucht und Sinnen- 
lust möglich intensiv zu befriedigen. 

So ist das moderne Verhältnis viel mehr noch als die 
Prostitution, die keine Illusionen zerstören kann, da sie sich so- 
gleich in ihrem wahren Charakter manifestiert, das Grab der 
Liebe geworden imd hat eine neue Korruption des Sexuallebens 
zur Folge gehabt, die beinahe gefährlicher erscheint, als die alte 
durch die Prostitution verursachte. Es ist auch ein zweiter ebenso 
gefährlicher Herd der venerischen Ansteckung geworden, deren 
Ausbreitung es außerordentlich begünstigt 

Wer also den Kampf gegen die moralische Entartung des 
Liebeslebens und gegen die Geschlechtskrankheiten führen will, 
muß die heutige Gestaltung des Verhältniswesens 
ebenso energisch bekämpfen und beseitigen wie 
die Prostitution. 

Die wildeLiebe des heutigen „außerehelichen" Geschlechtn- 
Verkehrs, die, ich wiederhole es immer wieder, nicht das ge- 
ringste mit der „freien Liebe" zu tun hat, und die Zwangs- 
ehe sind die eigentlichen Ursachen der geschlechtlichen Kor- 
ruption. Beide hängen eng miteinander zusammen. Die soziale, 
wirtschaftliche und geistige Kultur der Gegenwart fordert freie 
Liebe, weder die Zwangsehe noch die wilde Liebe sind mit ihr 
vereinbar. 

Es gibt weder für die Prostitution noch für den wilden außei^ 
ehelichen Geschlechtsverkehr unserer Zeit eine Bechtfertigung 
vom ärztlichen, rassenhygienischen und soziologischen Stand- 
punkt In ihrem Wesen laufen beide auf dasselbe hinaus: Ab- 
tötung und Vernichtung aller individuellen Liebe, aller die 
Menschennatur geistig so sehr bereichernden feineren Liebes- 



337 

regungen und eine weitere Zunahme und schnelle Ausbreitung 
der Geschlechtskrankheiten. 

Das Heil unseres Volkes liegt nicht in einer „Empfehlung** 
des außerehelichen Greschlechtsverkehrs für alle diejenigen, welche 
nicht in der Lage sind, zu heiraten — und ihre Zahl wächst 
von Tag zu Tag — sondern in einer Beform der Ehe, einer 
freieren G^taltung des Liebeslebens, wobei man sich getrost 
an Ibsens Wort in der „Frau vom Meere'* halten kann: 

„Wir können nie darüber hinwegkommen, daß ein freiwilliges 
Gelübde beinahe noch fester bindet als eine Trauung/* 

Eine „Geschlechtsfreiheit**") soll und darf es nicht 
geben, wohl aber eine „Liebesfreiheit**. 

Wenn jemand mich fragt, ob ich ihm zum „außerehelichen** 
Geschlechtsverkehr raten könne, so muß ich als Arzt und gewissen- 
hafter Mensch mit einem glatten „Nein** antworten, weil ich 
die Verantwortung für die Folgen eines solchen Bates nicht über- 
nehmen kann. 

Glücklicherweise macht sich sowohl in unserer Frauen- als 
auch in unserer Männerwelt eine wachsende Abneigung gegen 
die wilde Liebe, wie sie im modernen Verhältniswesen zutage 
tritt, bemerkbar. Schon gibt es zahlreiche Verhältnisse, die sich 
stark der freien Liebe nähern und alle Voraussetzungen derselben 
hinsichtlich der Dauer, der tieferen seelischen Beziehungen, des 
sexuellen Verantwortlichkeitsgefühls in physischer und moralischer 
Beziehung imd der freudigen Bejahung der Konsequenzen in 
bezug auf die Nachkommenschaft erfüllen. 



**) Geschlechtsfreiheit, d. h. eine förmliche Organisation der ge- 
schlechtlichen Promiskuität, forderte ein gewisser Dr. Roderich 
Hellmann in einem jetzt sehr selten gewordenen, weil sofort kon- 
fiszierten Buche: „Ueber Geschlechtsfreiheit. Ein philosophischer Ver- 
such zur Erhöhung des menschlichen Glückes." Berlin 1878, worin er 
\L a. verlangt, daß bereits bei Eintritt der Geschlechtsreife „die Ge- 
schlechtsteile in eine angemessene Tätigkeit gesetzt werden", und den 
Personen beiderlei Geschlechts nunmehr gestattet wird, „sich jedweden 
Geschlechtsgenuß zu gestatten", allerdings unter Vermeidung von Ge- 
sundheitsschädigung und Schwängerung. Dieser sonderbare Heilige tritt 
femer auch dafür ein, daß — Bedürfnisanstalten abgeschafft werden, 
weil die Geschlechter ungeniert auf der Straße voreinander ihre Be- 
dürfnisse befriedigen, auch ebenso ungeniert ihre Geschlechtsteile zur 
sexuellen Anlockung zeigen sollen II 

Bloch, Sexualleben. 2. u. 8. Auflage. oo 

(6.— 18. Tausend.) 



338 

Die wilde Liebe aber muß auch als ständige Verbindung 
mit der Prostitution bekämpft werden, zu der sie die Brücke, 
den üebergang, bildet. Darin liegt ihre größte Gefahr. Das werden 
wir sehen, wenn wir die Verhältnisse der Prostitution ge- 
nauer untersuchen, zu deren Betrachtung wir uns nunmehr wenden. 



339 



DREIZEHNTES KAPITEL. 

Die Prostitution. 

Auf diese eine tiefgesunkene und entwürdigte Menschengestalt 
konzentrieren sich die Leidenschaften, welche die Welt mit Schande 
füllen könnten. Während Bekenntnisse und Zivilisationen entstehen 
und vergehen, bleibt sie die Priesterin der Menschheit, welche für die 
Sünden des Volkes zum Opfer fällt. 

W. H. Lecky. 



22* 



340 



Inhalt des dreizehnten Kapitels. 

Prostitution und Geschlechtskrankheiten das Zentralproblem der 
sexuellen Fra^e. — Mein Glaube an die Möglichkeit der Ausrottung 
beider. — Anfang der wissenschaftlichen Bekämpfung beider erst in 
den letzten Jahren. — Die „plaie sociale". — Innere und änfiere 
Behandlung derselben. — Die wissenschaftliche Literatur über Ftosti- 
tution. — Rosenbaums Werk über die Prostitution im Altertum. 

— Aretino, Delgado, Veniero über die Prostitution der Re- 
naissance. — Franckenaus Abhandlung über die „Hurenhanser^. 

— Erste Anregungen zum wissenschaftlichen Studium der Prosti- 
tution und Venerie im 18. Jahrhundert. — R6tif de la Bre tonne 
und sein „Pomographe**. . — Die „Sittenkontrolle*'. — Parent- 
Duchatelets grundlegendes Werk. — Analyse desselben. — Zeit* 
genössische Werke über die Prostitution in Paris, London, Edinburgh» 
Glasgow, Lissabon, Lyon, Algier. — Erster Gebrauch des Wortee 
„mannliche Prostitution". — Schriften über die Prostitution in Berlin. 

— Eine eigene Spezies von Zuhältern. — Die Prostitution in Hamburg. 

— Dr. Lipperts Buch. — Die „Memoiren einer Prostituierten*, 
Vorlauf er des „Tagebuchs einer Verlorenen**. — Groß-Hoffingers 
Werk über die Prostitution in Oesterreich. — Nachweis des Zusammen« 
hangs der Prostitution mit der Zwaz^sehe. — Berühmtes Kapitel über 
die Dienstmadchenprostitution. — Schrank über die Prostitution 
in Wien. — Die Prostitution in Leipzig. — In New York. — Allge- 
meine Werke über Prostitution. — Jeannel, Aoton, Hü gel, — 
Schriften über heimliche Prostitution, Prostitution der Minderjährigen, 
über Reglementierung und Bordelle, über die soziale Bedeutung der 
Prostitution. — Blaschkos neue kritische Forschungen über Prosti* 
tution. — Ergebnisse derselben. — Lombrosos anthropologische 
Theorie. — Die Arbeiten Tarnowskys und Ströhmbergs, ratk 
Fiaux und ▼. Düring. 

Begriff und Definition der Prostitution. — Echte und Ptseudo* 
Prostituierte. — Prostitution bei NaturYÖlkem. — Religiöse Prosti- 
tution als Keimform der modernen Prostitution. — Diese ein Produkt 
der Stadtebildung. — Zustande im Mittelalter. — Abnahme der Bor> 
delle seit jener Zeit. — Die Nachfrage nach Prostituierten. — Dm 
Zahlenverhaltnis zwischen Prostituierten und männlicher Bevölkerong. — 
Angebot größer als Nachfrage. — Ursache des männlichen Bedürfnissee 
nach Prostitution. — Die Prostitution ein Kulturprodnkt. — Zorückdrän- 
gung primitiver Geschlechtsinstinkte durch die Kultur. — Das sexuelle 
Ober- und Unterbewußtsein. — Zeitweilige elementare Regungen dse 



341 

letrteren. — Mitteilungen von J. P. Jakobson und anderen Sohrift- 
■tellem darüber. — Befriedigung dieser Instinkte durch die Prosti- 
tntion. — Diese zum Teil ein Produkt des physiologischen Masochis- 
mus der Männer. 

Zahlreiche Ursachen der Prostitution. — Die anthropologische 
Theorie und Lehre von der geborenen Prostituierten. — Kritik der- 
selben. — Nachweis des Erworbenseins vieler körperlicher und geistiger 
Veränderungen der Prostituierten. — Die Verwischung der sekun- 
dären und tertiären Qeschlechtsmerkmale bei Lustmädchen. — Kern 
der Lombros eschen Theorie. — Die Ökonomischen Faktoren der 
Prostitution. — Wirkliche und relative Not als Ursache. — Bedingt 
die Prostitntion als Massenerscheinung. — Die Weiber- und Einder- 
arbeit. — Prostitution als Nebenerwerb. — Unzureichende Löhne. — 
Die Enqueten von 1887 und 1903 darüber. — Beispiele. — Der hohe 
Anteil der Dienstmädchen an der Prostitution. — Erklärung dafür. ~ 
Die relative Not der Dienstmädchen. — Psychologische Faktoren der 
Dienstmädchenprostitution. — Das Wohnungselend. — Schlafburschen- 
weeen. — Alkoholismus. — Der Mädchenhandel. — Quellen desselben. 
— Nationale und internationale Maßregeln dagegen. — Die Arbeit 
des jüdischen Komitees gegen den Mädchenhandel in Galizien. — 
Maßnahmen in Buenos Aires. — Die Berliner Zentralpolizeistelle zur 
Bekämpfung des Mädchenhandels. 

Die Stätten der Prostitution. — Oeffentliche Prostitution. — 
Str&ßenprostitution. — Charakter und Gefaliren derselben. — Größere 
Gefahr der Bordelle. — Bordelle als Zentren der geschlechtlichen 
Korruption und Perversität und Beirde der Ansteckung. — Die hohe 
Schule der Psychopathia sexualis. — Der Bordelljaigon. — Die Animier- 
kneipen. — Die Balllokale und Tanzsalons. — Die Vari6t6s, Tingel- 
Tangel, Kabaretts, und „Rummel'*. — Die „Pensionen", Maisons de 
passe und Absteigequartiere. — Die Massageinstitute. — Die Weiber- 

Anhang. Die Halbwelt. — Ursprung des Namena. — Die 
„Demi-Monde" des jüngeren Alexander Dumas. — Heutige Ver- 
inderozig des Begriffes. — Analogie mit den griechischen Hetären. — 
Zusammenhang der Halbwelt mit dem High Life. — Herkunft. — Der 
geeellachaftliohe Einfluß der „grandes cocottes". — Der deutsche Halb- 
weHbegriff. — Die internationale Dirne. 



342 



Die Prostitution und die mit ihr im innigsten Zu- 
sammenhange stehenden Geschlechtskrankheiten bUden 
recht eigentlich den K e r n , das Zentralproblemder sexuellen 
Frage. Seine Lösung ist beinahe identisch mit der Lösung dieser 
letzteren selbst. Man ermesse die Größe imd den Lihalt der 
Vorstellung: keine Prostitution, keine G^chlechtskrankheiten 
mehr! 

In der Tat gibt es keine beglückendere Idee, kein leuchtenderes 
Ideal als dasjenige der moralischen und physischen Beinheit 
in den Beziehungen zwischen den G^chlechtem. In einer Zeit, 
wo besonders auf sozialem Gebiete eine solche Fülle von An- 
regungen und weitschauenden Beformgedanken zutage tritt, sollte 
diese Idee einer Bekämpfung imd Ausrottung der Prostitution 
und Venerie aA der Spitze aller Kulturforderungen stehen, damit 
endlich das tragische Moment, der giftige Stachel aus dem ao 
verworrenen, unglückseligen Liebesleben der Gegenwart entfernt 
und damit ganz gewiß die eigentliche Grundlage für eine 
schönere Zukunft desselben geschaffen wird. Dieser Gtodanke ist 
einzig, er ist der größten einer, die die zum Bewußtsein ihrer 
selbst gekommene Menschheit je gefaßt hat, und ihm gehört die 
Zukunft I 

Die Franzosen nennen Prostitution und venerische Exaak- 
heiten „une plaie sociale", ein fressendes Greschwür am Körper 
der Gesellschaft. Ich nehme diese treffende Vergleichung auf 
und führe sie etwas weiter aus, um in einem anschaulichen Bilde 
den Weg zu zeigen, den wir gehen müssen, um Prostitution und 
Venerie auszurotten. Denn in dieser Beziehung bin ich ein unver- 
besserlicher Optimist. Ich glaube an die Möglichkeit der Aus- 
tilgung der Geschlechtskrankheiten und der Beseitigung der 
Prostitution innerhalb der Kulturwelt durch nationale und inter- 
nationale Maßnahmen. Ich stimme nicht in den Chorus dexer 



343 

ein, die da sagen: weil es immer eine Prostitution gegeben hat, 
muß es auch in Zukunft eine solche geben, weil die venerischen 
Krankheiten immer^) existiert haben, sind sie eine unvermeid* 
liehe Begleiterscheinung der Kultur. 

Wie lange ist es denn her, daß man überhaupt einen 
Versuch machte, gegen die Prostitution und die Venerie vorzu- 
gehen? Was die letztere betrifft, so haben wir erst in den 
letzten Jahren angefangen, systematisch die Ergebnisse der 
wissenschaftlichen Forschung im E^ampfe gegen sie zu verwerten, 
und das Studium der Prostitution und die darauf gegründeten 
ersten Abwehr- und Eind&mmungsmaßregeln gegen dieselbe 
reichen nicht weiter zurück als bis in die zweite Hälfte des 
18. Jahrhunderts, ja datieren eigentlich erst seit dem Erscheinen 
des für alle Zeiten klassischen Werkes von Parent- 
Duchatelet (1836). 

Wir stehen überhaupt erst im Beginne des Krampfes 
gegen Prostitution und G^chlechtskrankheiten. Alles, was früher 
geschah, waren unzulängliche, vereinzelte Versuche, ungeei^ete 
und halbe Maßregeln, ja eine einzige Aufeinanderfolge von Miß- 
griffen, die die Zustände nur verschlimmerten. Heute haben 
sich Medizin, Sozialwissenschaft, Pädagogik, Bechtswissenschaft 
und Ethik zu gemeinsamem Kampfe verbündet; und dieser 
ist nicht nur ein nationaler, sondern vereinigt alle Kulturvölker 
zu gemeinsamem Handeln. 

Da ist wahrhaftig Aussicht imd Hoffnung auf eine radikale 
Heilung und Beseitigung der „plaie sociale". Solch ein Greschwür 
kann aber nur dann gründlich geheilt werden, wenn man sich 
nicht bloß auf die äußere Behandlung der zutage liegenden 
Wunde beschränkt und mit deren Beseitigung sich zufrieden 
gibt, nein, man muß gleichzeitig auch den inneren Ursachen 
dieses chronischen Leidens zu Leibe gehen, und in unserem Falle 
sind die inneren Ursachen noch wichtiger als die äußeren, d. h. 
Ethik, Pädagogik und Sozialwissenschaft sind im 
Kampfe gegen die Prostitution noch bedeutungsvoller und unent- 
behrlicher als Medizin und Hygiene. Wenn man die Prosti- 
tution nebst ihren Folgen, den Geschlechtskrankheiten, nur rein 

^) Daß diese Behauptung falsch ist, habe ich für die Syphilis in 
meinem Bache „Der Ursprang der Syphilis" (Jena 1901) sicher er- 
wiesen. 7ür die europäische und asiatische Eultarwelt ist die Syphilis 
eine spezifisch moderne Krankheit, nicht mehr als 400 Jahre alt. 



344 

ftrztlich-hygienLSch betrachtet und bekämpfti wird man nie zum 
Ziele kommen. Einseitigkeit ist hier gleichbedeutend mit Miß- 
erfolg. Das Problem der Prostitution muß von vielen Seiten an- 
gefaßt werden, weil die hier in Betracht kommenden Ursachen 
vielfältige sind, sowohl anthropologischer als ökonomischer, 
sozialer und psychologischer Natur. Es gibt zahlreiche Ab- 
arten der Prostitution, ebenso zahlreiche und verschiedene 
Typen von Prostituierten. Für den Kenner des wirklichen 
Lebens ist es daher immöglich, sich einseitig auf eine einzige 
Theorie festzulegen. Da kommen oft in ein und demselben 
Falle die verschiedensten (Gesichtspunkte in Betracht. 

Die Geschichte der Prostitution ist ein ungeheuer inter- 
essantes Kapitel der allgemeinen Kulturgeschichte, das bisher in 
einer wissenschaftlichen und kritischen Ansprüchen genügenden 
Form noch nicht geschrieben wurde, die Literatur über 
Prostitution ist von einem geradezu beängstigenden Umfange. 
Auch hier fehlt noch völlig jede kritische Sichtung und Dar- 
stellung. Es ist unmöglich, an dieser Stelle, wo nur von den 
Verhältnissen der Gregenwart die Bede ist, ausführlicher auf die 
historisch-literarische Seite der Prostitutionsfrage einzugehen. Das 
muß einem späteren ausführlichen Werke vorbehalten bleiben, 
zu dem ich seit Jahren das Material sammle. Hier will idi 
nur kurz für den sich dafür interessierenden Leser die wichtigsten 
Schriften über die Prostitution anführen, die auf wissenachaft- 
liehe und historische Bedeutung Anspruch erheben können. 

Die Prostitution des Altertums behandelt in mustergültiger 
Weise Julius Bosenbaum in seiner berühmten „Oeschichte 
der Lustseuche im Altertume*' (Halle a. S. 1839), es ist bis heute 
noch die Hauptquelle für die Kenntnis der betreffenden Zustände 
im Altertum. Freilich geht es von der falschen Voraussetzung 
aus, daß die Syphilis im Altertume bereits existiert habe, welche 
Ansicht ich in dem in Vorbereitung befindlichen zweiten Bande 
meines „Ursprungs der Syphilis'* widerlege, wo ich auch der 
Prostitution bei den Alten auf Grund der neueren Wissenschaft- 
liehen Forschungen seit 1839, dem Erscheinungsjahr des Bosen- 
baum sehen Buches, eine ausführliche Untersuchung widme. 

Die ersten nicht wissenschaftlichen, sondern mehr belletristi- 
schen, aber auch bezüglich der Treue der Beobachtung und der 
psychologischen Ergründung des Wesens der Prostitution wahrhaft 
klassischen Schilderungen des neuzeitlichen Prostitutionswesens 



345 

• 

stammen aus dem 16. und 17. Jalurhtindert. Ich nenne vor allem 
die berühmten ,3&gioi^&ix^^i^ti" des Pietro Aretino,*) 
femer die nicht minder bedeutende, schon früher, 1528, erschienene 
^Lozana Andaluza" des Francisco Delgado (Fran- 
cesco Delicado).') Beide Schriften schildern ebenso wie die 
berüchtigte „Zafetta" des Lorenzo Veniero (ca. 1535) und 
wie „La Tariffa delle Puttane di Venegia*' (eines Anonymus, 
1530) die Prostitutionsverbältnisse der italienischen Renaissance, 

eine geradezu überraschende AehnUchkeit mit den Verhält- 
nissen der Gegenwart aufweisen und daher noch Jieute lehr- 
reich sind.*) 

Aus dem 17. Jahrhtmdert kommen als wichtige Eultur- 
dokumente in Betracht die Schilderung der Prostitution in Holland 
in der interessanten Schrift „Le putanisme d'Amsterdam'* (Brüssel 
1883, holländische Originalausgabe: Amsterdam 1681) und die 
aus demselben Jahre 1681 stammende „Disputatio medica qua 
lupanaria s. v. Huren-Häuser ex principüs quoque medids impio- 
bantur'' von Georg Franck von Franckenau,^) die erste 
medizinische Polemik gegen die Bordelle. 

Bis zur Mitte des 19. Jahrhtmderts gingen dann die An- 
regungen zum Studium der Prostitution von Frankreich aus.^) 
In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde nach dem 
Ausspruch der Goncourts die „Pomognomonie** ein wiss^i- 
schaftliches Problem. Verschiedene Beformvorschläge tauchten 
auf, bereits 1763 wurde die „Sittenkontrolle'' empfohlen 
und 176S erschien der berühmte „Pornographe'' des B6tif 

*) Venedig 1534, Deutsch Ton Heinrich Conrad t: „Die Ge- 
spräche des göttlichen Pietro Aretino", Leipzig 1903, 2 Bände (ver- 
griffen und selten). 

*} „La Losana Andaluza" (La Gentille Andalouse) par Francisco 
Delicado. Tiaduit pour la premiöre fois, texte Espagnol en regard par 
Aleide Bonneau, Paris 1888, 2 Bände. — VgL über dieses Werk 
mein Buch „Ursprung der Syphilis'', Bd. I, S. 36—43. 

*) VgL darüber auch das interessante Werk von Salvatore 
di Oiacomo, Die Prostitution in Neapel im 15., 16. und 17. Jahr- 
hundert. Nach unveröffentlichten Dokumenten. Nach der deutschen 
üebersetsung bearbeitet und mit einer Einleitung versehen von Dr. 
Iwan Bloch, Dresden 1904. 

&) Wieder abgedruckt in dessen „Satjrae medicae XX", Leipzig 
1722, a 528--549. 

^ VgL darüber mein Werk über R6tif de la Bretonne, 
Berlin 1906, 8. 604 ff. 



346 

de la BretonneJ) die erste ausflilirliche Schrift über 
staatliche Reglementierung der Prostitution, deren 
großer historischer Bedeutung der bekannte Marseiller Syphili- 
dologe Mireur durch eine Neuausgabe (Brüssel 1879) gereoht 
geworden ist. 

Aber erst mit dem unsterblichen imd bewimderungswürdigen 
Werke von Parent-Duchatelet^) über die Prostitution in 
Paris aus dem Jahre 1836 begann die eigentliche moderne 
wissenschaftliche Literatiir über die Prostitution. Es ist 
die erste Schrift, welche die Prostitution in allen ihren Be^ 
Ziehungen würdigt und auf genauen ärztlichen Beobachtungen, 
psychologischen und sozialen Studien beruht; noch heute einzig 
in ihrer Art und ein Muster kritischer Forschung und franzö- 
sischen Gelehrtenfleißes. 

Eine ganz kurze Inhaltsangabe des epochemachenden Buclies 
von Parent-Duchatclet lehrt am besten seine Bedeutung 
kennen und verschafft uns einen Einblick in alle bei der Prosti- 
tution in Betracht kommenden und von ihm behandelten Fragen. 

Nachdem er in der Einleitung die Beweggründe, aus denen er 
die Arbeit unternommen hat, und die literarischen Quellen für sie 
mitgeteilt hat, bespricht Parent-Duchatelet im ersten 
Kapitel zunächst einige allgemeine Fragen, gibt eine Definition 
der Prostituierten, macht Mitteilungen über ihre Zahl in Pans, 
ihre Herkunft nach Land, Stand, Bildung, Beruf, ihr Alter 
und die erste Veranlassung zur Prostitution. Das zweite 
Kapitel handelt von den Sitten und Gewohnheiten der 
Lustmädchen, der Meinung, die sie von sich selbst haben, den 
religiösen Gefühlen, der Schamhaftigkeit, geistigen Beschaffen- 
heit, dem Tätowieren, Beschäftigung, der Unreinlichkeit, Sprache, 
Fehlern und guten Eigenschaften, den verschiedenen Klassen 3er 
Prostituierten und endlich den Zuhältern. Das dritte E^apitel 
enthält physiologische Betrachtungen über die Lust- 
dirnen, nämlich über ihre Korpulenz, die Veränderungen der 
Stimme, Eigentümlichkeiten der Haar- und Augenfarbe, den Wuchs, 
Beschaffenheit der G^chlechtsteile und Fruchtbarkeit. Im vierten 
Kapitel wird der Einfluß des Prostitutionsgewerbes 

^) Inhaltsangabe in meinem erwähnten Buche S. 505 — 512. 

>) A. J. £. Parent-Duchatelet, „De la Prostitution dans 
la viUe de Paris", Paris 1836, 3. Auflage 1857. Deutsche Uebersetzong 
von G. W. Becker, Leipzig 1837, 2 Bände, 



347 

auf die Oesundheit der Mädchen untersucht und die 
verschiedenen daraus resultierenden krankhaften Zustände be- 
schrieben. Das fünfte EApitel behandelt die öffentlichen 
Häuser, ihre Vor- und Nachteile, die Frage der Bordellstraßen 
und der Lokalisierung und Kasemierung der Prostitution. Im 
sechsten Kapitel wird das Einschreiben der Dirnen in 
den Polizeilisten erörtert, im siebenten das Kupple- 
rinnen- und Bordellwirtinnenwesen. Die Kapitel 8, 
9 und 10 beschäftigen sich mit der geheimen Prostitution 
in Absteigequartieren, Kneipen, EAffeehäusem, Tabakläden usw., 
Kapitel 11 mit der Straßenprostitution, Kapitel 12 mit 
der Verbreitung der Prostitution in den einzelnen 
Stadtteilen von Paris, Kapitel 13 mit den Beziehungen der 
Prostitution zum Militär, Kapitel 14 mit der Prosti- 
tution in der Umgebung von Paris. Im fünfzehnten 
Kapitel wird das spätere Schicksal der Dirnen geschildert, 
im sechzehnten die ärztliche Behandlung, die den Prosti- 
tuierten zuteil wird, eingehend besprochen, vor allem die Methode 
der Untersuchung des Gesundheitszustandes geschildert. Kapitel 17 
und 18 handeln von den Spitälern und Gefängnissen 
für Prostituierte, Kapitel 19 von der ehemaligen Prostitutions- 
flteuer, Kupitel 20 von die Verwaltung und Gesund- 
heitspolizei betreffenden Fragen, z. B. auch von dem 
neuerdings wieder aufgetauchten Plane, die männliche Klientel 
der Dirnen einer ärztlichen Untersuchung zu imterziehen, femer 
von anstößigen Bildern und Büchern, von Diebstählen in den 
Bordellen. Im 21. Kapitel wird die ja heute noch aktuelle Frage 
der eigentümlichen Stellung der Hausbesitzer zu 
den bei ihnen wohnenden Prostituierten und die 
Gesetzmäßigkeit der gegen jene verfügten Strafen, im 22. Kapitel 
überhaupt die ganze Gesetzgebung über die Prostitution be- 
handelt Dann wirft zum Schlüsse in Kapitel 23 und 24 der 
Verfasser die Fragen auf, ob Freudenmädchen notwendig 
sind, was er (nota bene vom Standpunkt der Zwangsehenmoral) 
bejaht, und ob die Polizei die Anwendung von Ver- 
hütungsmitteln gegen venerische Ansteckung 
gestatten dürfe, was er nur bedingt bejaht, da er jede 
öffentliche Ankündigung von Schutzmitteln polizeilich ver- 
boieu sehen will. Endlich bespricht er im Schlußkapitel, im 
fflnfondzwanzigsten, die Anstalten zur Rettung ge- 



r 



348 

fallener Mädchen tuid schließt sein umfassendes, olle Seiten 
der behandelten Frage in Betracht ziehendes Werk mit den Worten : 

„Meine Arbeit ist zu Ende; als ich sie begann, bemerkte ich, 
welchen Beweggrund ich hatte, sie zu unternehmen, welchen Zweck 
ich dadurch erreichen wollte. H&tte ich nicht die feste lieber- 
Zeugung gehabt, daß die von mir begonnenen Nachforschungen 
über das Wesen der Lustdimen die Gesundheit und die Sittlich- 
keit fördern könnten, so würde ich sie nicht veröffentlicht haben. 
Ich habe große Gebrechen der Menschheit enthüllt; besonnene 
Männer, für die ich schrieb, werden mir dafür Dank zollen. Wer 
seine Nebenmenschen liebt, wird mir ohne Bedenken in dem von 
mir beschriebenen Kreise des Wissens auch folgen und seinen 
Blick von den von mir entworfenen Gemälden nicht wegwenden. 
Will man das noch zu bewirkende Gute kennen 
und mit Erfolg den Weg, Besseres zu schaffen, 
betreten lernen, so muß man erst wissen, was 
vorhanden ist; man muß die Wahrheit kennen. 

Das Treiben der Lustdirnen ist ein Uebel in allen Zeiten, 
allen Ländern und scheint den Menschen im gesellschaftlichen 
Bande angeboren zu sein. Es wird sich vielleicht nie ausrotten 
lassen; allein desto mehr muß man streben, seinen umfang und 
seine Gefahren zu beschränken. Es verhält sich damit, wie mit 
den Lastern und Verbrechen, wie mit den Krankheiten; der Sitten- 
lehrer sucht die Laster zu verhüten, der Gesetzgeber den Ver- 
brechen vorzubeugen, der Arzt die E^rankheiten zu heilen. Die 
einen und die andern wissen, daß sie niemals vollkommen zum 
Ziele gelangen; aber sie gehen dennoch ans Werk in der üebei^ 
Zeugung, daß wer auch nur ein wenig Gutes bewirkt, den 
schwachen Menschen viele Dienste leistet. Ich folge ihrem Bei- 
spiele. Ein Freund, den ich stets bedauern werde, lenkte meine 
Aufmerksamkeit auf das Schicksal der öffentlichen Mädchen, ich 
erforschte sie, ich wollte die Ursache ihrer Herabwürdigung kennen 
lernen und womöglich die Mittel entdecken sie zu beschränken. 
Was mir die Erfahrung darüber gesagt hat, habe ich offen aus* 
einander gesetzt, und bin überzeugt, daß der Gesetzgeber, der 
Mann, den der Staat beauftragt hat, die öffentliche Gesundheit 
und Sittlichkeit zu bewachen, hier nützliche Lehren schöpfen wird." 

Noch heute bildet das nach Anlage und Durchführung geniale 
Werk Parent-Duchatelets die Grundlage für das wisaen- 



349 

flchaftliche Studium der Prostitution. Es ist das Vorbild für alle 
gleichzeitigen und sp&teren Arbeiten gewesen. 

Der m&chtige Einfluß dieses Buches zeigte sich vor allem 
darin, daß in rascher Folge Werke über die Prostitution in den 
yerschiedenen Hauptstädten der Kulturwelt erschienen, die alle 
mehr oder minder auf dasselbe basiert waren und so noch heute 
höchst wertvolle wissenschaftliche Monographien über die Prosti- 
tutionsverhältnisse einer bestimmten Stadt darstellen, wie wir sie 
seitdem nicht wieder bekommen haben. Hier ist noch ein reiches, 
zum Teil bisher gar nicht verwertetes Material verborgen. 

Als eine Ergänzung und weitere Ausführung der Schrift 
Parent-Duchatelets erschien drei Jahre später, im Jahre 
1839, das zweibändige Werk des Polizeikommissars Beraud*) 
über die Freudenmädchen von Paris und über die Pariser Sitten- 
polizei, das besonders durch eine ausführliche Greschichte der 
Prostitution und durch seinen Reichtum an feinen psychologischen 
Beobachtungen, sowie durch seine genaueren Mitteilungen über 
die heimliche Prostitution ausgezeichnet ist. 

Im gleichen Jahre wie Beraud veröffentlichte ein hoch- 
angesehener Londoner Arzt, Dr. Michael Byan,^^) sein be- 
deutendes Buch über die Prostitution in London^^) mit 
einer Vergleichung der Zustände in Paris und New York. Byan 
hat zuerst die allgemeinen sozialen und ökonomischen 
Ursachen der Prostitution kritisch gewürdigt, wie es ja von einem 
Engländer nicht anders zu erwarten ist. Auch finden sich in 
seinem Buche interessante Mitteilungen über die damalige unge- 
heure Verbreitung pornographischer Bücher und Bilder in Eng- 
land,^') deren Fabrikation und Vertrieb durch Hausierer und die 
dagegen unternommenen Maßregeln. Wertvoll sind auch die in 
dem Buche auf S. 212 — 252 gegebenen eingehenden Nachrichten 



*) F. F. A B6raud, „Les filles publiques de Paris'', Brüssel 
1839, 2 Bände. 

>o) Dr. Michael Ryan (f ca. 1840 oder 1841) war ein Bekannter 
Arthur Schopenhauers, der ihm im Juni 1829 ein Exemplar 
seiner „Theoria colomm" sandte. VgL Eduard Grisebach, 
„Schopenhauer. Geschichte seines Lebens." Berlin 1897, S. 168. 

^) M. Ryan, „Prostitution in London with a comparatire view 
of ihat of Paris and New York.*' London 1839. 

^) Vgl. darüber auch Mitteilungen ans anderen Quellen in meinem 
„Geschlechtsleben in England", Berlin 1903, Bd. III, S. 316—319, 
8. 440—447. 




3Ö0 

über die Prostitution in den Vereinigten Staaten, speziell in 
New York. 

. Dem Beispiele Ryans folgten seine Landslente Dr. Wil- 
liam Tait und der Reverend Ralph Wardlaw. Der erstere 
behandelte in einem umfangreichen Buche^*) die Prostitution 
in Edinburgh, der zweite in einer kürzeren Schrift^^) die- 
jenige in Olasgow. 

Sehr interessant ist das wohl nur in wenigen Exemplaren 
nach Deutschland gelangte (eins davon ist in meinem Besitze), 
auch in Portugal sehr seltene Werk des Dr. Francisco 
Ignacio dos Santos Cruz über die Prostitution in 
Lissabon,^^) in dem das ganze portugiesische Prostitutionswesen 
mit besonderer Berücksichtigung der Hauptstadt eine muster- 
gültige Darstellung gefunden hat. Santos Cruz berücksichtigt 
besonders die legislative Seite der Frage. Er ist der erste, der 
die neuerdings von Lesser wohl ohne Kenntnis diesee Vor^ 
läufers ausgesprochene Idee der Einrichtung von Poli- 
kliniken zur unentgeltlichen Behandlung der 
Prostituierten in Erwägung zieht.^*) 

Ueber die Prostitution in der von jeher durch ihre Sitten- 
losigkeit berüchtigten Stadt Lyon schrieb Dr. Potton ein 
berühmtes, von der medizinischen Gesellschaft zu Lyon im Jahre 
1841 preisgekröntes Buch^^) nach amtlichen Quellen und mit 
besonderer Berücksichtigung der Beziehungen der Prostitution zu 
den gesundheitlichen und wirtschaftlichen Verhältnissen der Be- 
völkerung. 

Ein vorzügliches Buch ist auch die Schrift über die Prosti- 
tution in Algier von E. A. Duchesne.^^) Hier ist aus- 

^>) W. Tait. Magdalenism. An inquiry into the extent, causes 
and consequences of Prostitution in Edinburgh, ßecond Edition. Edin- 
burgh 1842. 

^A) R. Ward law, „Lectures on female Prostitution: its nature, 
extents, effects, guilt, causcs, and remedy." Third Edition. Glasgow 1843. 

1^) E. J. dos Santos Cruz, ,,Da prostitnigao na cidade de 
Lisboa", Lissabon 1841. 

^^) S. 203—206 (,,EstabelecLmento8 de beneficencia para as oon- 
sultas gratnitas*'.). 

^7) A. Potton, De la prostitution et de ses cons^uences dana 
les grandes villes, dans la ville de Lyon en particolier, BEuris 
und Lyon 1842. 

^>} E. A. Duchesne, De la prostitution dans la villa d' Alger 
depuis la conqudte, Paris 1853. 



351 

führlich auch von der „m&nnlichen Prostitution" die 
Bede, d. h. der Prostitution von M&nnem für M&nner, welche 
Begriffserweiterung meines Wissens hier zum ersten Male sich 
findet. Natürlich werden auch in Alteren Schriften häufig die 
käuflichen Päderasten erwähnt, aber der Begriff „Prostitution'' 
wurde streng auf die Erlasse der käuflichen Weiber eingeschränkt. 

Das ersehen wir z. B. aus dem sieben Jahre vor dem 
Du c he sn eschen Buche erschienenen anonymen Werke über 
„Die Prostitution in Berlin und ihre Opfer*',") 
dessen Verfasser im Vorworte bekennt, daB „das treffliche Buch 
des ehrwürdigen Parent-Duchatelet de la prostitution dans 
la ville de Paris und der glorreiche Erfolg desselben die Haupt- 
veranlassung zu unserer Arbeit geliefert hat." Diese ist übrigens 
völlig selbständig und behandelt die individuellen Verhältnisse 
der Prostitution in Berlin auf Grund amtli eher Quellen und 
Erfahrungen in historischer, moralischer, medizinischer und polizei- 
Ucher Beziehung. Auch hier findet sich ein Anhang über 
„prostituierte Männer" (S. 207), aber das sind keine Ver- 
treter der homosexuellen Prostitution, sondern nach der Definition 
des Verfassers „Männer, welche daraus ein Gewerbe machen, 
wollüstigen Weibern für Greld zur Befriedigung ihrer 
unnatürlichen Leidenschaften zu dienen''. Diese Spezies kommt 
auch heute noch vor, ein besonderer Name für sie existiert nicht, 
wir müssen sie schon in die große Bubrik des Zuhältertums ein- 
reihen, obgleich dieser Begriff nicht ganz auf sie paßt. Später 
kommen wir noch einmal auf diese eigentümliche G-attung tmd 
Abart der männlichen Prostitution zurück. 

Als Ergänzung des eben erwähnten Werkes kann die im 
gleichen Jahre, 1846, erschienene Schrift des Eriminalkommissars 
Dr. Carl Röhrmann über die Prostitution in Berlin^) 
betrachtet werden. Sie ist vor allem merkwürdig durch die „voll- 
ständigen und freimütigen Biographien der bekanntesten prosti- 
tuierten Frauenzimmer in Berlin*', eine Idee, auf die man ja jetzt 
wieder zurückgekommen ist, z. B. in W. Hammers Mitteilung 
von „Zehn Lebensläufen Berliner Eontrollmädchen" (Berlin und 
Leipzig 1905). 

^ — 

") Die Prostitution in Berlin und ihre Opfer, Berlin 1846. 
^ O. Böbrmann, Der sittliche Zustand ron Berlin nach Auf- 
hebfimg der geduldeten Prostitution des weiblichen Geschlechts. 
1846. 



362 



Sehr wertvolles amtlichee Material bietet endlich die dritte 
Schrift über die Prostitution in Berlin ans der Feder des be* 
kannten Syphilidologen F. J. B e h r e n d.'^) Sie beginnt mit einer 
sorgfältigen Geschichte der polizeilichen Beanfsichtigong dar 
Prostitntion in Berlin, erörtert dann die Folgen der 1845 erfolgtea 
Aufhebung der Berliner Bordelle nnd bespricht dann die neu zu 
ergreifenden Maßregeln und Vorschläge zur Beanfsichtigong der 
Prostitution und Bekämpfung der Syphilis in Berlin. Bas Buch 
besitzt als Materialsammlung hohen Wert. 

Wenig bekannt, aber durchaus originell ist das Buch des 
Hamburger Arztes Dr. L i p p e r t über die Prostitution in H a m - 
bürg.") Selbst Blaschko erwähnt es nicht in der Literatur- 
übersicht am Ende seines später zu besprechenden Werkes. 
Lippert bringt zahlreiche und interessante neue Beiträge zur 
Kenntnis der „vielköpfigen Hydra, des farbenspielenden Chamär 
leons'* der Prostitution. Nach einer einleitenden Skizze über die 
historische Entwicklung der Hamburger Prostitution gibt er eine 
„Charakteristik der gegenwärtigen sittlichen Zustände von Ham- 
burg'*, in der er über die Zahl der Bordellmädchen und Straßen- 
dirnen, über die topographische Verteilung der Prostitution und 
der Bordelle, über die geheimen Absteigequartiere, über die auf- 
fällige Abnahme der Ehen, das Verhältnis der ehelichen zu den 
unehelichen Greburten, die Zahl der Kneipen und Tanzlokale wich* 
tige Angaben macht, um dann diese einzelnen Faktoren der Prosti- 
tution, besonders die Gelegenheiten zur Prostitution genauer zu 
schildern. Das dritte Kapitel enthält eine hochinteressante „physio- 
logisch-pathologische Beschreibung der Hamburger Lustdirnen". 
Nach Lippert sind die Hauptmotive der Prostitution „Faul- 
heit, Leichtsinn und vor allem Putzsucht^'. Besonders 
dieses letztere Moment wird mit Becht von ihm in den Vorder- 
grund gerückt, es wird leider von der neueren wissenschaftlichen 
Forschung über die Ursachen der Prostitution allzu sehr ver- 
nachlässigt. Dann folgen Angaben über Alter, Nationalität, Stand 



'^) Fr. J. Bohrend, Die Prostitntion in Berlin und die gegen 
sie und die Syphilis zu nehmenden Maßr^eln. Eine Denkschrift, im 
Auftrage, auf Grund amtlicher Quellen abgefaßt and Se. £zzellenx dem 
Herrn Minister yon Ladenberg überreicht. Erlangen 1860. 

>') H. Lippert, Die Prostitution in Hamburg in ihren eigen* 
tdmliohen Verhältnissen, Hamburg 1848. 



*^ 



353 



und Beruf. Bereits zu Lipperts Zeit lieferten den Hauptanteil 
an der öffentlichen Prostitution die Dienstmädchen (S. 79), 
nicht die Mädchen des Arbeiterstandes. Es ist das also nicht 
ausschließlich eine Folge der zunehmenden geistigen Bildung des 
Proletariats in der Gegenwart, wie neuere Forscher behaupten, 
sondern hängt höchstwahrscheinlich mehr noch mit der freieren 
Gestaltung des Liebeslebens in der Arbeiterklasse zusammen, wo 
die edlere Form der „freien Liebe'' längst geherrscht hat tmd 
ganz naturgemäß zu einer Eindämmung der Prostitution führen 
mußte. — Das Kapitel schließt mit einer ausführlichen Schilde- 
rung der körperlichen und seelischen Eigentümlichkeiten der 
hamburgischen Freudenmädchen und der bei ihnen beobachteten 
Krankheiten. Im vierten Kapitel werden die verschiedenen Klassen 
der Prostituierten näher betrachtet, die Bordellmädchen (mit ge- 
nauer Schilderung der berüchtigten Hamburger Bordellstraßen), 
die allein wohnenden Dirnen, die Straßendimen, die femmes entre- 
tenues, die große Gruppe der heimlichen Prostituierten. Dann 
folgen in einem Anhange interessante Mitteilungen über die 
öffentlichen Lokale, die mit der Prostitution in Beziehung stehen, 
über die Prostitution auf dem Hamburger Berge, der Vorstadt 
St. Pauli und über das Hamburger Magdalenenstift. 

Eine sehr gute Schilderung der Hamburger Prostitution 
findet sich auch in den gleichzeitig mit dem Lipper tschen 
Buche erschienenen „Memoiren einer Prostituierten 
oder die Prostitution in Hamburg" (St. Pauli 1847). 
Dieses heute außerordentlich selten gewordene Buch ist ähnlich 
wie das im vorigen Jahre zu so großer Berühmtheit gelangte 
„Tagebuch einer Verlorenen" der Margarete Böhme, von 
einem Dr. J. Zeisig angeblich nach dem „Original-Manu- 
skript" bearbeitet. Man sieht: es ist alles schon dagewesen I 

Im Vorworte seines Buches bemerkt L i p p e r t , daß, nachdem 
die Prostitution in Berlin und Hamburg nunmehr ihre Dar- 
stellung gefunden habe, noch eine analoge Schrift über TVien 
ausstehe, um „die erforderliche Statistik der drei Hauptstädte 
und Hauptfaktoren deutscher Prostitution" beisammen zu haben. 

Das eigentliche Werk über die Prostitution in W i e n erschien 
aber erst 40 Jahre später, im Jahre 1886. Jedoch war bereits 
1847 das ausschließlich die österreichischen, natürlich hauptsäch- 
lich die Wiener Verhältnisse behandelnde Buch des Dr. Anton 

Bloc h t BexuAllebeo. 2. u. a Auflage. 23 

(«.—18. Tausend.) *^ 



364 

J. Oroß-Hof f inger erschienen,'*) das nach meiner Ansicht 
eine epochemachende Bedeutung besitzt, weil darin zum ersten 
Male und mit allem Nachdrucke die Einrichtung der Zwangsehe 
als die letzte Ursache der Prostitution bezeichnet wird, auf die 
sich alle übrigen zurückführen lassen. In keinem Buche sind die 
grauenhaften Zust&nde, wie sie durch die künstliche Konservierung 
der auf ganz anderen, längst der Vergangenheit angehörigen wirt- 
schaftlichen Zuständen beruhenden staatlich-kirchlichen Zwangsehe 
geschaffen worden sind, so anschaulich, mit so erschreckender Deut- 
lichkeit geschildert worden. Gleich die beiden ersten Abschnitte 
„Das Weib die Sklavin der Zivilisation^' und „Das Weib in seiner 
Herabwürdigung" sind die furchtbarsten Anklagen gegen die 
konventionelle Ehe. Verfasser formuliert S. 190 — 191 fünfzehn 
Paragraphen eines Ehereformgesetzes, das sehr große Aehnlich- 
keit mit den oben erwähnten Ideen Ellen Keys hat. Geradezu 
klassisch ist das Kapitel über die Dienstmädchen, das in 
solcher Ausführlichkeit (S. 226 — 284) einzig ist und eine aus- 
gezeichnete Beschreibung der rechtlichen, sittlichen und ökono- 
mischen Verhältnisse des Dienstbotenwesens darstellt. 

„Die vacierenden Dienstboten," sagt er, „sind 
die allzeit fertige Beservearmee der Prosti- 
tution. Täglich werden aus ihr neue Rekruten 
für den regelmäßigen Dienst ausgehoben und 
täglich komplettiert sich diese Reserve von 
selbst." 

Auch Groß-Hoff inger kam schon 1847 zu dem Resultat, 
daß die „freie Liebe" oder „freie Ehe" die einzige Rettung aus 
der Misere der Prostitution sei. 

Das umfangreiche Werk von Schrank über die Wiener 
Prostitution**) zeichnet sich durch eine Fülle der merkwürdigsten 
und interessantesten Einzelbeobachtungen aus, die besonders im 
ersten geschichtlichen Teile enthalten sind. Der zweite beschäftigt 
sich mit der Administration und Hygiene der Prostitution in 



'0 A. J. Groß- Hoffinger, Die Schicksale derFrauen 
und die Prostitution im Zusammenhange mit dem Prinzip der 
Unauflösbarkeit der katholischen Ehe und besonders der österreichi- 
schen Gesetzgebung und der Philosophie des Zeitalters. Leipzig 1817. 

*^) Josef Schrank, Die Prostitution in Wien in historischer, 
administr^^tiver und hjgienischer Beziehung, Wien 1886, 2 B&nde, 



355 

Wien. Das Werk bietet das Material über die Wiener Prostitution 
bis 1885 in erschöpfender Weise. 

Die Prostitution in Leipzig ist in drei Kapiteln eines 
1854 erschienenen allgemeinen Werkes über Prostitution**) be- 
sonders bebandelt. Sie haben die Ueberschrif ten : „Die Sitten- 
verderbnis in Leipzig" ; „Greduldete Mädchen und geduldete Häuser 
in Leipzig. Ihr Wesen"; „Greduldete Mädchen in Leipzig, ihre 
Sitten, ihre Gebräuche, ihr Gesundheitszustand, ihr Ende". Liter- 
essant ist die Angabe des Verfassers, daß von den 3000 Dienst- 
mädchen Leipzigs der dritte Teil der geheimen Prostitution 
huldige. 

Auch die Prostitution in der größten Stadt der neuen Welt, 
in New York, fand noch in den fünfziger Jahren des 19. Jahr- 
hunderts eine musterhafte Darstellung in dem großen Geschichts- 
werke des New Yorker Arztes William M. Sänger,*^) von 
dessen 685 Seiten in Großoktav die Seiten 450 — 676 der Sdiilde- 
rung der New Yorker Prostitutionsverhältnisse gewidmet sind. 
Auch der geschichtliche Teil des Buches ist sehr wertvoll, weil 
durchweg nach den Quellen bearbeitet. 

Mit dem Jahre 1860 ungefähr schloß diese erste Periode 
der wissenschaftlichen Prostitutionsliteratur ab, die durch die 
Monographien über einzelne Städte nach dem Vorgange von 
Parent-Duchatelet charakterisiert wird. Wie letzterer diese 
Art der Darstellung inauguriert hatte, so übernahmen die 
Franzosen von jetzt an auch wieder die Führung in den weiteren 
Forschungen über die Prostitution. Zunächst faßte Dr. J. Jean- 
nel die Besultate der genannten Schriften in einem allgemeinen 
Werke über die Prostitution zusammen,*'') das eine vergleichende 
Uebersicht der Verhältnisse in den verschiedenen Ländern und 
Städten bietet. Auch der Engländer W. Acton schrieb ein ähn- 



'*) Die Sittenverderbnis unserer Zeit und ihre Opfer in ihren Be- 
ziehungen zum Staate, zur Familie und zur MoraL Mit Berücksichti- 
gung der Prostitutionsrerhältnisse in Leipzig. Leip- 
zig 1854. 

««) W. M. Sanger, The History of Prostitution, New York 1859, 

*^) J. J e a n n e 1 , Die Prostitution in den großen Städten im neun- 
zehnten Jahrhundert und die Vernichtung der venerischen Krankheiten. 
Dcntaoh von F. W. M ü 11 e r , Erlangen 1869. 

23» 



856 ' 

liebes allgemeinee Werk über die Prostitution,**) ebenso der 
Deutsche Hügel.**) 

Die so wichtige Frage der heimlichen Prostitution ist 
besonders durch die Schriften von Martineau**) und Com- 
menge*^) geklärt worden, die nicht minder wichtige der Prosti- 
tution der Minderjährigen behandelte Augagneur,**) 
die Reglementierung und Bordellfrage hat in um- 
fassender und auf die sorgfältigsten Statistiken sich gründender 
Weise Fiaux untersucht und ihrer Lösung entgegengeführt,**) 
von höheren philosophisch-sozialen Gresichtspxmkten behandelte der 
ehemalige Minister YvesGuyot das Problem der Prostitution,*^) 
kurz, die französischen Aerzte haben von allen Seiten dieses dunkle 
Gebiet beleuchtet und die Grundlagen für das wissen- 
schaftlich-kritische Studium der Prostitution 
geschaffen, das mit dem Anfang der neunziger Jahre des vorigen 
Jahrhunderts einsetzt. 

Es gebührt ohne Zweifel AlfredBlaschko das Verdienst, 
die Prostitutionsfrage durch die von ihm 1892 in der Berliner 
Medizinischen Gresellschaft angeregte Debatte und durch mehrere 
durch eine scharfsinnige Kritik ausgezeichnete Schriften*^) in ein 
ganz neues Fahrwasser geleitet zu haben. Die von ihm auf Grund 
eingehender wissenschaftlicher Studien, sorgfältigster praktischer 
Erwägungen angegebene Devise lautet: 



*s) W. Acten, Prostitution in its varions Aspects, London 1874, 
2. Auflage. 

>*) Hügel, Zur Greschichte, Statistik und Regelung der Prostitu- 
tion, Wien 1865. 

s*') L. Martineau, La Prostitution clandestine, Faxis 1886. 

*^) 0. C o m m e n g e, La Prostitution clandestine k Paris, Paris 18^. 

s2)y,Augagneur,La Prostitution des f illes mineures, Paris 1888. 

'*) L. F i a u z , La police des moeurs en France et dans les prin- 
cipales villes de TEurope, Paris 1888; Les maisons de tol^ranoe, leur 
fermeture, 3me Edition. Paris 1892; La Prostitution „cloitr^e**, Brüssel 
1902. 

M) Yves Guyot, La prostitution. Etüde de physiologie sociale, 
P&ris 1882. 

SA) A. Blasohko, Zur Prostitutionsfrage, Berliner klio« Wochen- 
schrift 1892, S. 430 — 136; Syphilis und Prostitution vom Standpunkte 
der öffentlichen Gresundheitspflege, Berlin 1893; Hygiene der Prostitu- 
tion und der venerischen Krankheiten, Jena lOOO; Die Prostitution im 
19. Jahrhundert, Berlin 1902; Die gesundheitlichen Sch&den der Prosti- 
tution und deren Bekämpfung, Berlin 1904. 



367 



Fort mit der Beglementierungl 
Fort mit den Bordellen! 

Zugleich ist Blaschko überzeugter Verfechter der ökono- 
mischen Theorie der Prostitution. 

Fast zu gleicher Zeit hatte Oesare Lombroso, der be- 
rühmte Turiner Psychiater und Kri m i nalanthropologe, seine 
anthropologische Theorie der Prostitution aufgestellt und 
die Aufsehen erregende Lehre von der »»Donna delinquente e pro- 
stituta", von der „geborenen Prostituierten" verkündet,**) 
worin er bei dem Petersburger Syphilidologen Tarnowsky 
einen unbedingten Anhänger fand, während dieser zugleich den 
sogenannten „Abolitionismus", d. h. die Bestrebungen einer 
zum Zwecke der Abschaffung der Beglementierung der Prosti- 
tution 1875 von Mrs. Josephine Butler begründeten inter- 
nationalen Föderation scharf bekämpfte.*?) Den gleichen Stand- 
punkt wie Lombroso und Tarnowsky vertritt Ströhm- 
berg in einem interessanten Werke über Prostitution.**) 

Es ist aber bemerkenswert, daß in neuester 2ieit auch die 
französischen Forscher, vor allem der erfahrene Fiauz, sich den 
Ansichten Blaschkos nähern, von deren Richtigkeit auch ich 
mich jetzt überzeugt habe, nachdem ich in meinem Werke über 
die Prostitution in England,*') das vor sechs Jahren erschien 
(Vorrede von Oktober 1900), noch den Standpimkt der Beglemen- 
tierung vertreten hatte. Auch E. von Düring, der als lang- 
jähriger Professor der Medizin in Konstantinopel die Verhält- 
nisse der dortigen Prostitution gründlich studiert hat, schließt 
sich in einer lesenswerten Abhandlung^^) vollkommen der An- 
sicht Blaschkos von der Nutzlosigkeit der Beglementierung 
und der Bordelle an. 



**) 0. Lombroso und O. Ferrero, Das Weib als Verbrecherin 
und Prostituierte, Hamburg 1894. 

*') B. Tarnowsky, Prostitution und Abolitionismus, Ham- 
burg 1890. 

*<) C. Ströhmberg, Die Prostitution. Eine sozial-medizinische 
Studie, Stuttgart 1899. 

M) s. Dthren (Iwan Bloch), Das Geschlechtsleben in Eng- 
land, Charlottenburg 1901, Bd. I, S. 201—445. 

^) E. von Düring, Prostitution und Geschlechtskrankheiten, 
Leipxig 1906. 



358 ' . 

Nach dieser Uebersicht über die wichtigsten Schriften und 
wissenscbaftlichen Anschauungen über Prostitution gehen wir nun 
zu einer kurzen Schilderung der Verhältnisse in der Gregenwart 
über. 

Der Begriff „Prostitution" ist keineswegs ein klarer 
und scharf umgrenzter. Parent-Duchatelet nahm Prosti- 
tution nur dann an, „wenn mehrere einzelne Fälle von Preis- 
gebung beglaubigt sind und sich wiederholen, wenn das Mädchen 
öffentlich dafür bekannt ist, wenn Gefangennahme stattfand und 
das Verbrechen auf der Stelle entdeckt, sowie durch andere Zeugen 
oder Polizeiagenten erwiesen wurde" (Bd. I, S. 11). 

Damit schloß er die ganze sogenannte „heimliche" Prostitution, 
also die bei weitem zahlreichste Kategorie von der Prostitution aus. 

Sobald man diese ins Auge faßt, muß man auch zu einem 
weiteren Begriffe des "Wortes Prostitution kommen. Dies tat der 
französische Arzt Key in seiner kleinen Schrift über die 
„öffentliche und heimliche Prostitution" (Deutsch, Grimma 
und Leipzig 1851, S. 1). Er bezeichnet als Prostitution den Akt, 
„bei welchem eine Frau jedem Manne, ohne unterschied 
sich überläßt und für eine zu leistende Zahlung den Ge- 
brauch ihres Körpers gestattet". 

In dieser ausgezeichneten Definition sind die beiden wich- 
tigsten Merkmale der Prostitution : die völlige Gleichgültig- 
keit gegen die Person des die Hingabe begehren- 
den Mannes und die Hingebung gegen Entgelt deutlich 
hervorgehoben. Es fehlt nur noch die von Parent-Ducha- 
telet hervorgehobene Bedingung der häufigen Wieder* 
holung des Prostitutionsaktes mit verschiedenen Männern. 

Mit Schrank kann man alle diese Merkmale der Prosti- 
tution in einem einzigen Worte zusammenfassen und sie charak- 
terisieren als „Unzuchtgewerbe betrieben mit dem 
menschlichen Körper", womit man erstens auch die in 
obigen Definitionen nicht enthaltene männliche und weibliche 
homosexuelle Prostitution einbegreift, und zweitens die Tat- 
sache hervorhebt, daß bei der echten Prostituierten das Geld, 
der Erwerb weit mehr Zweck des Prostitutionsaktes ist als 
irgend ein Genuß. Wo dieser letztere neben dem Gelderwerb 
allzu sehr hervortritt, da handelt es sich eigentlich nicht mehr um 
echte Prostitution. Ja, selbst eine Dirne, die sonst den Charakter 
einer typischen Prostituierten hat ist es in dem Moment nicht 



■ ' m 

mehr, wo das „Gewerbe'' ihr Nebensacne wird, iind der Mann, 
dem sie sich hingibt, Hauptsache. Deshalb darf man, streng 
genommen, einen großen Teil der heimlichen Prostituierten und 
der Halbwelt wenigstens zeitweise, dann nämlich, wenn der 
sie imterhaltende oder entlohnende Mann auch zugleich ihr 
„Geliebter'' ist,^) nicht zur eigentlichen Prostitution zählen, sie 
gehören dann ins Grebiet der freilich ebenso gefährlichen „wilden 
Liebe". Aber in der Praxis läßt sich diese Sonderang nicht 
streng durchführen, da dasselbe Weib sehr häufig auch 
echte Prostitutionsakte begeht. ^ 

Nur der „Verkauf des süßen Namens der Liebe", wie der 
berühmte Politiker Louis Blanc sich ausdrückt, ist es, der 
die Prostitution ausmacht, das völlige Fehlen aller seelischen 
und persönlichen Beziehungen auf der einen Seite und das 
schmähliche Hervortreten des merkantilen Charakters der 
Geschlechtsverbindung auf der anderen Seite. Deshalb kann es 
auch eine Prostitution in der Ehe geben, obgleich diese immer 
noch weit von der käuflichen Preisgabe an zahlreiche und 
häufig wechselnde Individuen entfernt ist. 

Die „Prostitution" der Urzeit mit ihrer ganz anderen Ge- 
staltung der sozialen Verhältnisse näherte sich ohne Zweifel mehr 
der heutigen wilden Liebe als unserer Prostitution. Es war ge- 
schlechtliche Promiskuität, kein Unzuchtsgewerbe. Nach Hein- 
rich Schurtz freilich ist die Prostitution kein ausschließliches 
Erzeugnis höherer Kultur, sondern kommt auch bei Naturvölkern 
vor, und tritt überall dort auf, wo der ungebundene Geschlechts- 
verkehr der Jugend, die wilde Liebe, unterdrückt wird, ohne 
daß frühe Ehe an seine Stelle tritt. Was er aber als Prostitution 
schildert, z. 6. das Wohnen mehrerer unverheirateter Mädchen 
im Männerhause, ist doch nur eine besondere Form der wilden 
Liebe. Jedoch soll es nach Berichten vieler Beisenden auch bei 
primitiven Völkern käufliche Weiber geben, was man dann 
ebenso aiis dem Zusammenwirken individueller, sozialer und 
ökonomischer Verhältnisse erklären müßte, wie bei uns. 

Daß die sogenannte „religiöse" Prostitution mindestens 
als eine Keimform und Vorläufer unserer heutigen Prosti- 
tution anzusehen ist, unterliegt für mich keinem Zweifel. Auch 



^) Schön hat Goethe in dem Oedicht „Der Gott und die Baja- 
dere'' die Veredlung der feilen Liebe durch die ideale Liebe dargesellt. 



360 

hierbei Handelte es sich um ein Unzuchtsge werbe, nur daß 
das Greld nicht dem ganz wie unaere heutige Dirne sich wahl- 
los jedem beliebrgen Manne preisgebenden Tempelmädchen 
zufloß, sondern der Gottheit bezw. den schlauen Priestern, die 
damals wohl nicht selten die Bolle unserer heutigen Bordell- 
wirtinnen spielten. Daß freilich bei dieser religiösen Prostitution 
auch ein idealeres Moment obwaltete, ist ebenso unzweifelhaft 
Davon war bereits oben (S. 109 — 120) ausführlich die Bede. 

Die Prostitution ist überall ein Produkt der Städte- 
bildung, sie entwickelt sich in ihrem eigentümlichen Wesen 
nur in größeren Städten, dem Lande blieb sie immer fremd 
bis auf jene schönen Zeiten des Mittelalters, wo man die Prosti- 
tution für ein Bedürfnis hielt wie Essen und Trinken, sie 
in Zünften organisierte und überall „Frauenhäuser*' zur öffent- 
lichen, ungenierten Benutzung für alle Stände, für Volk und 
Purst einrichtete. Damals hatten auch ganz kleine Städte ihre 
Frauenhäuser. Das Auftreten der Syphilis und das Erwachen 
des modernen Individualismus machte diesen Zuständen ein Ende, 
überall verschwanden die Frauenhäuser und diese Tendenz einer 
ständigen Abnahme kasernierter Prostitution, einer fort- 
dauernden Verminderung der Bordelle hat sich immer mehr ver- 
stärkt. Im großen und ganzen kennt heute das Land keine 
Prostitution, es kennt nur die freie und wilde Liebe. Die Existenz 
der Prostitution ist an die Großstädte gebunden, weil hier alle 
Voraussetzungen dafür erfüllt sind, vor allem die Möglichkeiten 
der Befriedigung des Geschlechtstriebes durch die Ehe oder freie 
Liebe für die Männer weit geringer sind als auf dem Lande. 
In der Stadt gibt es eben eine Nachfrage nach Prostituierten, 
auf dem Lande nicht. Freilich erklärt die Nachfrage von Seiten 
der Männer nicht den Umfang, den die heutige Prostitution in 
den großen Städten angenommen hat, sie erklärt gewissermaßen 
nur einen Teil der Prostitution. F. Schiller weist in seiner 
schönen Arbeit über „Fürsorgeerziehung und Prostitutions- 
bekämpfung^' (Zeitschrift für Bekämpfung der Greschlechtskrank- 
heiten, 1904, Bd. 11, S. 311—313) nach, daß die Prostitution 
keineswegs mit dem Wachsen der männlichen Bevölkerung gleichen 
Schritt hält, daß sie in Wirklichkeit in den letzten 
Jahrzehnten in ungleich stärkerem Verhältnisse 
gewachsen ist, als die Bevölkerung und daß diese 
und die einzelnen Städte in ihren Verhältnis« 



^ 361 

zahlen von ProBtituierten und männliclier Be- 
völkerung das bunteste Bild bieten. 

So hat sich z. B. in Berlin die Prostitution in einem fast 
doppelt so starken Verhältnis vermehrt wie die männ- 
liche Bevölkerung. Dasselbe Verhältnis ist in anderen Städten 
zu beobachten. Ueberall übersteigt das Angebot der Prosti- 
tuierten die Nachfrage und durch dieses große Angebot wird 
ganz gewiß das Bedürfnis zum Teil erst geweckt. Straßendirnen 
und Bordell verlocken viele Männer zum Greschlechtsverkchr, 
die sonst kein Bedürfnis dazu gefühlt hätten. 

Andererseits aber bleibt auch die Tatsache einer frei- 
willigen Nachfrage von seiten der Männer bestehen. 
In diesem Sinne hat man die Prostitution in der Hauptsache 
eine ,»Männerfrage^' genannt. 

Hier erhebt sich nun eine inhaltsschwere Frage, die, so weit 
ich sehe, vor mir noch niemals jemand aufgeworfen hat, viel- 
leicht weil niemand es gewagt hat, die aber für die Erkenntnis 
der Prostitution von größter Bedeutung ist. 

Was ist denn eigentlich das „Bedürfnis des Mannes nach 
Prostitution^^ von dem Blaschko spricht? Ist es der bloße 
Geschlechtstrieb? Oder noch ein anderes Moment? 

Oewiß spielt auch der G^chlechtstrieb, spielt bloße Sinn- 
lichkeit eine große Bolle bei dieser männlichen Nachfrage nach 
Prostituierten. Aber das erklärt nicht die Tatsache, weshalb so 
viele Ehemänner oder die Möglichkeit anderen Greschlechtsverkehrs 
habenden Männer die Prostitution frequentieren, das erklärt nicht 
die eigentümliche, mich immer wieder von neuem in Erstaunen 
setzende Anziehungskraft, welche Prostituierte auf hochgebildete, 
ästhetische und ethisch fein empfindende Männer ausüben. Liegt 
hier nicht eine tiefere, physiologische Beziehung zugrunde?» 

Ich bejahe unbedingt diese Frage und gebe darauf folgende 
Antwort: 

Es ist kein Zufall, daß die Prostitution wesentlich ein Pro- 
dukt der Kultur ist, hier ihre eigentlichen Lebensbedingungen 
findet, während sie in primitiven Zuständen nicht recht ge- 
deihen kann. 

In primitiven Zeiten konnten eben, ungehemmt durch die 
(berechtigten) Forderungen einer höheren Kultur und der mit ihr 
eng verknüpften gesellschaftlichen Moral, die Menschen ihre wilden 
Triebe auch auf geechlechtlichem Gebiete ohne Scheu befriedigen, 



362 " ^ 

den eigentümlichen biologischen Instinkten sexueller Natur, die 
in jedem verborgen liegen, freien Lauf lassen. Ihr sexuelles 
„Ober- und Unterbewußtsein", wie Chr. von Ehrenfels mit 
einem glücklichen Ausdruck den Dualismus in der modernen Sexua^ 
lität bezeichnet hat, war noch einheitlich. Heute aber sind 
die ursprünglichen Instinkte zurückgedrängt durch die Not- 
wendigkeit des Kulturlebens und den Zwang der konventionellen 
Sitte, sie schlummern aber in jedem. Auch wir haben ein jeder 
unser sexuelles Unterbewußtsein. Bisweilen erwacht es, verlangt 
nach Betätigung, frei von jeder Fessel, jedem Zwang, jeder Kon- 
vention. Es ist, als ob in solchen Augenblicken der Mensch ein 
ganz anderes Wesen sei. Hier werden die „zwei Seelen" in unserer 
Brust Wahrheit. Ist das noch der berühmte Grelehrte, der fein- 
sinnige Idealist, der zartfühlende Aesthetiker, der Künstler, der 
uns mit den herrlichsten, reinsten Werken der Poesie und Plastik 
beschenkt? Wir erkennen ihn nicht wieder, weil in solchen 
Momenten etwas ganz anderes in ihm aufgetaucht ist, eine andere 
Natur in ihm sich regt und ihn mit der Kraft einer elementaren 
Gewalt zu Dingen hinreißt, vor denen sein „Oberbewußtsein", 
der Kulturmensch in ihm zurückschaudern würde. 

Gerade ein so feinfühliges, den zartesten seelischen Begungea 
zugängliches Gemüt wie das des dänischen Dichters J. P. Jakob- 
sen mußte diesen Kontrast besonders schmerzlich empfinden, 
gerade solche Naturen, in denen sich die geschüderten Extreme 
am schärfsten und deutlichsten ausprägen, liefern ims den Beweis 
für die Existenz einer Doppelseele. Jener Urinstinkt bricht da 
hervor wie eine Monomanie, an welche alte psychiatrische Lehre 
man unwillkürlich erinnert wird, wenn man sieht, wie selbst 
hochbedeutende, sonst nur in den höchsten geistigen Begionen 
lebende Menschen solchen Anwandlungen eines rein instinktiven 
Sexualismus unterliegen und ein „geheimes" Innenleben führen, 
von dessen Existenz die Welt keine Ahnung hat. 

In „Niels Lyhne" hat J. P. Jakobsen dieses Doppelleben 
sehr gut charakterisiert. „Aber wenn er dann," heißt es dort, 
„dem Gotte treu elf Tage lang gedient hatte, so geschah es oft, 
daß andere Mächte in ihm die Oberhand bekamen, er wurde 
von einem rasenden Drang nach der groben Lust grober Genüsse 
ergriffen und gab ihm nach, gepackt von der menschlichen Be- 
gierde naeh Selbstvemichtung, die, während das Blut brennt, wie 
Blut nur brennen kann, nach Herabwürdigung, Verkehrtheit^ 



•• • • • # 

363 

Schmutz und Kot verlangt mit ganz demselben Maße von Elraft, 
das jenem anderen, ebenso menschlichen Streben eigen, das Streben, 
sich selbst zu erhalten, größer als man selbst ist und reiner.'^ 

Diesen Instinkten der Männer nun kommt nur die Prosti- 
tution entgegen. Bei den käuflichen Dirnen können sie dieses 
von Jakobson anschaulich und treffend geschilderte Verlangen 
voll befriedigen, auf dessen Ursprung wir noch in anderem Zu- 
sammenhange zurückkommen. Das Gemeine, Rohe, Brutal-Tierische 
im Prostitutionswesen übt eine förmliche magische Anziehungs- 
kraft auf zahlreiche Männer aus. 

Ludwig Pietsch erzählt in seinen „Erinnerungen aus 
den sechziger Jahren" (Bijrlin 1894, Bd. 11, S. 337) von der be- 
rüchtigsten Kokotte des zweiten Kaiserreiches Cora Pearl, die 
er in Baden-Baden sah. „Ich habe nie verstehen können," be- 
richtet er, „wie sie einen so starken Reiz auszuüben vermochte. 
In ihrer Erscheinung, ihrem wulstig geformten, bemalten „Mops- 
gesicht", lag er jedenfalls nicht. Vielleicht wirkte sie auf so 
viele Männer hauptsächlich durch dieselbe Eigenschaft, welche 
der königliche Freimd der dänischen Gräfin Danner (der Ras- 
mufisen) dieser nachrühmte und als den Grund ihrer, andern 
ebenso unverständlichen, Macht über sein Herz angeführt haben 
soll: „Sie ist ja so herrlich gemein". 

Dieses Wort spricht Bände und erleuchtet die eigentümliche 
Wirkung des Dirnentums und Dimenwesens auf den Mann in 
drastischer, aber durchaus zutreffender Weise.**) Sehr gut hat 
auch Stefan Grimmen in einer Novelle tte „Die Landpartie" 
(in: „Die Welt am Montag", Nr. 22 vom 28. Mai 1906) diese 
Wirkung geschildert, die hier von zwei im Grase liegenden 
Demimondänen auf die männlichen Personen einer Landpartie 
ausgeübt wird, die darüber ihre anständige weibliche Begleitung 
ganz vergessen. Auch den Goncourts war diese spezifische 
Anziebimg der Dirne bekannt, da sie einmal in ihrem Tagebuche 
einer Frau empfehlen, sie solle Dirnengewohnheiten annehmen, 
um ihren Mann recht lange zu fesseln. 



**) Auch Henry Murger erwähnt in seinem „Zigeunerleben" 
(Reklamaasgabe S. 274), die „unbegreifliche" Tatsache, daß „I^ute von 
Stand, die zuweilen Greis t, einen Namen und einen Rock nach der 
Mode haben^ sich aus Liebe zum Alltäglichen soweit hinreißen lassen, 
daß sie ein Geschöpf, welches ihr Bedienter nicht zur Geliebten 
nehmen würde, zur Würde eines Modegegenstandes erheben." 



364 

Es läßt sich hierin ein gewisser masochistischer Zug im 
Empfinden der Männer nicht verkennen, der besonders grell 
hervortritt, wenn man den Gegensatz zwischen dem Wesen der 
oben erwähnten geistig hochstehenden Naturen und einer Prosti- 
tuierten sich vorstellt. So käme man zu der Ansicht, daß die 
Prostitution zum Teil ein Produkt des physio- 
logischen männlichen Masochismus sei, d. h. des 
Dranges, von Zeit zu Zeit in die Tiefen der rohen, brutalen 
Oeschlechtslust und der Selbstentäußerung und Selbstdemütigung 
durch die Hingabe an ein minderwertiges Greschöpf hinabzutauchen. 
Dieser Zug zum Dimenhuften ist eine der merkwürdigsten Er- 
scheinungen in der Psyche des modernen Kulturmenschen, es ist 
der Fluch der Kulturentwicklung. „Auch der idealste Mensch 
wird seinen Körper nicht los,*' sagt Heinrich Schurtz, „die 
Verfeinerung führt zuletzt zu prüder Unnatur, die notwendig 
einmal von einem Hauch frischer Unfeinheit und 
roher Natürlichkeit durchweht werden muß, wenn 
sie nicht an ihrem inneren Widerspruch zugnmde gehen soll/* 

Ohne Zweifel ist dieses Bedürfnis weit mehr dem Manne 
eigentümlich als dem Weibe. Doch möchte ich sein Vorhandensein 
bei letzterem nicht gänzlich bestreiten. Ich komme auf diese 
ganze wichtige Frage in anderem Zusammenhange noch einmal 
zurück 

Natürlich liegt hier nur ein begünstigendes Moment 
für die Erzeugung der Prostitution als Massenerscheinung 
vor, keine eigentliche Ursache für die Züchtung der einzelnen 
Prostituierten. 

Ich halte überhaupt den Streit über die Ursachen der Prosti- 
tution für überflüssig. Es wirken eine Menge Ursachen dabei 
zusammen, und in jedem einzelnen Falle ist es inuner eine un- 
selige Verkettung von Verhaltnissen, inneren und äußeren 
Einflüssen, die das Mädchen zur Prostitution trieb. Die ver- 
schiedenen Theorien über die Ursachen der Prostitution 
haben daher nur einen relativen Wert, keine erklärt sie ganz, 
jede muß die andere zuhilfe nehmen. 

Das gilt vor allem von der berühmten Theorie Lombrosos 
von der „geborenen Prostituierten", die klipp und klar 
besagt, daß das Mädchen bereits mit allen Charakteranlagen 
einer Prostituierten geboren wird, und daß diese Charakter- 



866 

anlagen aHöK eine körperliche Grundlage haben in G^estalt 
nachweisbarer Entartungszeichen. 

Lombrosos „g;eborene Dirne'' zeichnet sich vor allem 
durch einen völligen Mangel des sittlichen Gefühls aus, durch 
t3rpische „moral insanity", die die eigentliche „Wurzel" des 
Dimenlebens ist, das mit dem Geschlechtlichen nur sehr wenig 
zusammenhängt. Die Prostitution ist daher nach Lombroso 
y,nur ein besonderer Fall der frühzeitigen Neigung zu allem Bösen, 
der von Kindheit auf bestehenden Lust, Verbotenes zu tun, die 
den moralisch idiotischen Menschen charakterisiert."^^) Die indi- 
viduelle Ursache der Prostitution liegt daher nicht auf sexuellem, 
sondern auf sittlichem Gebiete. Mit dem ethischen Defekte sind 
Naschhaftigkeit, Putzsucht, Trunksucht, Eitelkeit, Arbeitsscheu, 
Verlogenheit und Neigung zur Eriminalität verbunden. Dieser 
moralischen Entartung entsprechen körperliche Degenerations- 
merkmale, wie Zahnanomalien, gespaltener Gaumen, Abnormitäten 
der Behaarung, Henkelohren, Gesichtsasymmetrien usw. 

Der geschilderte Typus des degenerierten Weibes existiert 
in der Tat. Aber er macht erstens nur einen verhältnismäßig 
geringen Bruchteil der Prostituierten aus und findet sich ohne 
Zweifel auch unter nicht prostituierten Weibern. Inso- 
fern ist der Ausdruck „geborene Prostituierte" falsch, und müßte 
lauten: „geborene Degenerierte". Denn nicht alle geborenen 
Degenerierten werden Prostituierte. 

Zweitens sind nicht alle degenerierten Prosti- 
tuierten geborene Degenerierte. Bei vielen ist die 
Degeneration erst durch das Unzuchtsgewerbe erworben. 

„Niemand," sagt Friedrich Hammer, „der es nicht 
selbst mit ansehen muß, macht sich einen Begriff, wie rasch 
und gründlich sich der Umwandlungsprozeß von 
einem ehrbaren Mädchen in eine Dirne abspielt, und 
was das eigentlich heißt, eine Straßendirne. Kam sie vor wenig 
Wochen noch ziemlich sauber angezogen und gekämmt, wohl mit 
dem Zuge des Leichtsinns im Gesicht, aber doch noch einiger- 
maßen fähig, die Situation zu beurteilen, in der sie sich befindet, 
so erscheint sie nun nach jeder Richtimg verwahrlost, starrend 
vor Schmutz, voller Ungeziefer, und auf ihr Gesicht legt sich 



*») C. Lombroso, Das Weib als Verbrecherin und Prostituierte. 
4J. 650, 



866 . . - 

ein unendlich trostloser Ausdruck, nicht wie Sie vielleicht glauben, 
von Sinnlichkeit und Zügellosigkeit, nein, der Verblödung, 
der absoluten Hilfs- und Willenlosigkeit, des Abgestumpftseins 
gegen Strafen wie gegen Wohltaten."*^) 

Es haben denn auch schon die älteren Prostitutionsforscher 
nach dem Vorgange Parent-Duchatelets die geistigen und 
körperlichen Abnormitäten der Dirne als Veränderungen 
durch die Lebensweise nachgewiesen. Man kann bei vielen Prosti- 
tuierten eine typische Verwischung der sekundären 
und tertiären Geschlechtsmerkmale nach längerer 
Ausübung ihres Gewerbes beobachten. Schon Virey bemerkt 
sehr richtig, daß „öffentliche Mädchen wegen der häufigen Um- 
armungen der Männer, ein mehr oder weniger männliches Wesen 
annehmen", daß ihr Hals stärker, ihre Stimme rauher und fast 
männlich wird (J. J, Virey, Das Weib. Leipzig 1827, S. 157 
bis 158). 

Die meisten Prostituierten haben den Funktionen des weib- 
lichen Körpers mehr oder weniger Gewalt angetan, ihr Greschlechts- 
leben vollkommen zerrüttet und sind unfruchtbar. Es ist kein 
Wunder, daß sich dies bisweilen auch in ihrer äußeren Erscheinung 
ausprägt, z. 6. in der schwachen Entwicklung der Brüste, die 
häufig genug eine bloße Atrophie ist. Die „unverkennbare Aus- 
bildung" tertiärer Charaktere des Mannes bei einzelnen Prosti- 
tuierten, die Kurella zur Aufstellung der interessanten Hypo- 
these veranlaßt hat, daß die Prostituierten eine Abart der Homo- 
sexuellen darstellen,^^) beruht meist auf einer Annahme männ- 
licher Lebensführung und männlicher Gewohnheiten, die auf die 
Dauer nicht ohne Einfluß auf die Körperbildung bleiben können, 
wie z. B. das Bauchen und der übermäßige Genuß von Alkohol, 
das Kneipenlebcn, Völlerei und andere männliche Gewohnheiten. 
Die „tiefe männliche" Stimme mancher Prostituierten ist wohl 
lediglich eine Folgeerscheinung des reichlichen Nikotin- und 
Alkoholgenusses. Dieser auffälligen, allmählichen Verände- 
rung der Stimme hat bereits Parent-Duchatelet eine ein- 



**) Friedrich Hammer, Die Keglementierung der Prostitu- 
tion, in: Zeitschrift für Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten, 
Leipzig 1905, Bd. III, Heft 10, S. 380. 

^) H. Eurella, Zum biologischen Verständnis der somattschea 
und psychischen Bisexualität, in: Zentralblatt für Nervenheilkunde 
J896, Bd. 19, S. 239. 



' ' .867 

gehende Bespreclmng gewidmet (I, 86 — 88 der deutschen Ausgabe), 
ebenso war sie Lippert aufgefallen. Parent-Duchatelet 
führt das häufige Auftreten der Männerstimme auf den über- 
mäßigen Genuß alkoholischer Getränke, auf die Einwirkungen 
des häufigen Witterungswechsels (Erkältung usw.) zurück. Auch 
das Bauchen hat gewiß einen Anteil daran. 

Auf andere Veränderungen macht Lippert aufmerksam 
(Die Prostitution in Hamburg, S. 80 und 90): „Die Augen ge- 
winnen durch die jahrelange tägliche üebung im Grewerbe etwas 
Stechendes, Rollendes, sie sind stärker gewölbt infolge der steten 
krampfhaften Spannung der Augenmuskeln, da ja die Augen 
zum Erspähen und Anlocken von Kundschaft hauptsächlich be- 
nutzt werden. Die Kau- oder, um den naturhistorischen Ausdruck 
anzuwenden, die Freßwerkzeuge sind bei vielen stark entwickelt, 
der Mund, durch Küssen und Kauen in steter Tätigkeit, prävaliert, 
die Stirn ist oft flach und unbedeutend, der Hinterkopf häufig 
stark vorragend. Die Haare wachsen vielen nur spärlich, ja es 
finden sich selbst zahlreiche Glatzen. Hierfür fehlt es nicht an 
Gründen: vor allem die unruhige Lebensweise, das viele Herum- 
treiben bei jeder Witterung auf offener Straße, teilweise selbst 
im bloßen Kopf, der oft andauernde weiße Fluß, an dem sie 
leiden,^^) das beständige Zerren, Manipulieren, Frisieren und 
Einsalben der Haare, bei den niederen Klassen der Prostituierten 
der Branntweingenuß usw. 

Die rauhe Stimme ist das physiologische Merkmal eines 
Weibes, die ihren eigentlichen Funktionen, denen der Mutter 
entfremdet worden." 

Debrigens besteht das Gros der jugendlichen Prosti- 
tuierten aus durchaus weiblichen Erscheinungen. Erst im 
späteren Alter pflegt der eben gezeichnete Typus hervorzutreten 
und sich dadurch als eine Folge äußerer Einflüsse zu kenn- 
zeichnen. Fünf bis zehn Jahre bringen da einen gewaltigen Unter- 
schied hervor. Ln Jahre 1898 behandelte ich ein Dienstmäddien 
an Syphilis. Damals war sie eine zierliche, echt weibliche Er- 
scheinung. Nach sieben Jahren, im Jahre 1905, stellte sie sich 
wieder bei mir vor. Welche Veränderung! Das Gesicht aufge- 
dunsen, in die Breite gezogen, die einst hellen, klaren Augen 
trübe, ausdruckslos, die Stimme rauh, alle spezifisch weiblichen 
Formen und Merkmale verwischt durch eine auffallende Korpulens;. 

^) Die Syphilis nicht zu vergesseal 



868 

Es war kein Weib mehr, es war eine ,,Dirne", ein besonderer 
Menschensclilag, aber ein allmählich gewordener, und 
nach nur sechs Jahren der Ausübung des Prostitutionsgewerbes. 

Diese Tatsachen schließen allerdings durchaus nicht die 
Existenz echter Degenerierter, in größerem Prozentsatze 
als bei Nichtprostituierten/^) auch nicht diejenige echter Homo- 
sexueller unter den Prostituierten aus. Insofern birgt Lom- 
brosos Theorie einen wahren Kern. Aber es ist das doch immer 
nur ein Bruch teü des gesamten Dirnentums. Lombroso ist 
selbst wiederholt genötigt, die Häufigkeit normaler weiblicher 
Erscheinungen, ja von Schönheiten unter den Prostituierten an- 
zuerkennen.*®) 

Endlich widerlegt auch der Umstand, daß dieselben Degene- 
rationstypen, wie sie uns Lombroso bei den Prostituierten 
schildert, sich auch bei nichtprostituierten Weibern finden,*') 
die Lehre von der „geborenen Prostituierten". Freilich ist 
Lombroso diesem Einwände durch Aufstellung eines ,^equi- 
valents der Prostituierten in den höheren Klassen" begegnet, hat 
aber damit nur bewiesen, daß dieselbe moralische Entartung 
ebenso wie bei einem Teü der Prostituierten auch bei Vertreterinnen 
anderer und höherer weiblichen Klassen vorkommt. Es gibt in 
der Tat Dimennaturen auch in der Klasse der oberen Zehntausend. 

Die beste Einschränkung der allgemeineren Geltung der Lehre 
von der „Donna prostituta" ist das Schlußkapitel des Lom- 
bro soschen Buches über die „Gelegenheitsprostituierte". Es be- 
ginnt mit den durchaus zutreffenden Worten: 

„Nicht alle Prostituierten sind ethisch blödsinnig, d. h. n i c h t 
alle sind geborene Dirnen; auch auf diesem Gebiete 
wirkt die Gelegenheit." 

Das wird in diesem Kapilel weiter ausgeführt, und damit 



^7) Diesen gemäßigten Lombrosismus vertritt z. B. A. H. H ü b n e r 
in seiner interessanten Arbeit „Ueber Prostituierte und ihre strafrecht- 
liche Behandlung*' (Monatsschrift für Eriminalpsychologie 1907, S. 1 
bis 11). Er fand, daß unter 64 in der Irrenanstalt Herzberge bei Berlin 
beobachteten geisteskranken Prostituierten nicht weniger als 59,45 <yo 
bereits zur Zeit der Stellung unter Sittenkontrolle geistig defekt waren. 

4«) Vgl. C, Lombroso, Neue Fortschritte in den Verbrecher- 
Studien, Deutsch von H. Merian, Gera 1899, S. 329. 

*•) Auch Schrank bemerkt (Prostitution in Wien II, 216), daß 
xdan auffallende körperliche Gebrechen bei Prostituierten weder häufiger 
noch seltener finde als in dem Gros der Bevölkerung. 



hat Lombroso selbst die Geltung seiner Theorie bedeutend 
eingeschränkt tuid anerkannt, daß auch noch andere Ursachen 
bei der Prostitution in Betracht kommen als die natürliche Ver- 
anlagung« 

Vor allem haben die ökonomischen Faktoren eine große 
Bedeutung für die Züchtung und das Wachstum der Prostitution, 
wenn auch nicht eine ausschließliche. 

Ich unterscheide hier zwischen wirklicher, echter Not 
(Nahrungs- und Wohnungssorgen usw.) und bloß relativer 
Not. Man hat bisher bei der Beurteilung der wirtschaftlichen 
Ursachen der Prostitution diese Dinge viel zu wenig auseinander 
gehalten. 

Darüber, daß wirkliche absolute Not und 
Lebenssorgen viele Mädchen zur Prostitution 
treiben, kann nach den neueren statistischen Er- 
hebungen gar kein Zweifel bestehen. Das genauere 
Material findet man in den oben erwähnten Schriften von 
Blaschko, einem Hauptvertreter der ökonomischen Theorie der 
Prostitution, von Georg Keben,*®) von Oda Olberg,") 
Anna Pappritz,") Pfeiffer,**) Paul Kampf fmeyer,**) 
E. V. Düring**) und vielen anderen. Euer ist ein erschreckend 
reiches Material, eine Menge zum Teil erschütternder und tief- 
trauriger Einzelheiten und Belege für die These Gutzkows 
gesammelt, daß sich die materiellen Uebel der Gesellschaft 
immer und überall in Unsittlich keit verwandeln. Hier muß 
ganz gewiß zunächst der Hebel zur Beseitigung dieser ökono- 
mischen Vorbedingungen der Prostitution angesetzt werden« Hie 
Bhodus, hie saltal Davon bin ich fest überzeugt, obgleich ich 

^) G. K eben , Die Prostitution in ihren Beziehungen zur modernen 
realistischen Literatur, Zürich 1892. 

^1) Oda Olberg, Das Elend in der Hausindustrie der Kon- 
fektion, Leipzig 1896. 

") Anna Pappritz, Die wirtschaftlichen Ursachen der Prosti- 
tution, ^Berlin 1903. 

M) Pfeiffer, Das Wohnungselend der großen Städte und seine 
Beziehungen zur Prostitution und den Geschlechtskrankheiten, in: Z. 
für Bekämpfung der Creschlechtskrankheiten 1903, Bd. I, S. 135—144 

•*) P. Kampffmeyer, Das Wohnungselend der Großstädte usw. 
ebendaselbst, S. 145—160; derselbe. Die Wohnungsmißstände im 
Prostitutions- und Schlafgängerwesen und ihre gesetzliche Beform, 
ebendaselbst 1905, Bd. III, S. 166—229. 

M) £. ▼. Dür ing, Prostitution und Geschlechtskrankheiten, S. 11. 

Bloch, Sexualleben. 2. u. & Aaflaffo. oi 

(6.-18. Tauiend.) ^ 



870 

nicEt atiöschliefilich in den wirtscliaftlidien Verh&lt- 
nissen die Ursache der Prostitution sehe, wie z. B. in extremster 
Form Anna Pappritz dies ausführt. Richtig ist aber, daß 
unser ganzes Sexualleben heute so innig mit der sozialen 
Frage zusammenhängt, daß seine Beform eine Beform der wirt- 
schaftlichen Verhältnisse zur tmbedingten Voraussetzung hat. 
Die Prostitution als Massenerscheinung, wie sie sich heute 
zeigt und ihr ständiger Zuwachs in ganz unverhältnis- 
mäßig stärkerer Weise als in früheren leiten, läßt sich nur 
durch die rapide Umgestaltung der wirtschaftlichen Verhältnisse 
erklären, wie sie durch die Konzentration der Bevölkerung in 
den Großstädten, durch die Industrialisierung und den kapita- 
listischeu Großbetrieb, den dadurch außerordentlich erschwerten 
Lebenskampf, das späte Heiratsalter und die immer grOßer 
werdende Zahl der wirtschaftlich imd beruflich unselbständigen 
Individuen gegeben sind. Auch die Zunahme der Kinderarbeit, 
natürlich besonders der Kinder weiblichen Geschlechts, kommt 
hier als merkwürdige Erscheinung des modernen Industriebetriebes 
in Betracht, vor allem aber die Tatsache, daß die weibliche 
Arbeit durchschnittlich äußerst gering bewertet und demgemäß 
bezahlt wird. 

Diese imzureichenden Löhne weisen von vornherein zahlreiche 
Frauen und Mädchen auf einen Nebenerwerb in Form der 
Prostitution. Ja, es ist bekannt, daß von vornherein die Arbeit- 
geber mit dieser Tatsache rechnen und nicht selten den brutalen 
Zynismus besitzen, ihre weiblichen Angestellten auf diese für 
sie, die Arbeitgeber, allerdings bequeme Methode der Lohn- 
verbesserung hinzuweisen! 

Das „Beichsarbeitsblatt'S Jahrgang 1903 No. 2, bringt eine 
sehr bemerkenswerte Zusammenstellung über die Arbeits- und 
Lebensverhältnisse der unverheirateten Fabrikarbeite- 
rinnen in Berlin. Sie ist das Ergebnis von Erhebungen seitens 
der Gewerbeinspektion für Berlin, die durch ihre Assistentinnen 
das erforderliche Material sammeln ließ, um in die Lebenshaltung 
der Arbeiterinnen einen Einblick zu gewinnen. Die Erhebungen 
erstreckten sich auf 9 39 unverheiratete Fabrikarbeiterinnen, 
wobei alle die Betriebsarten berücksichtigt «wurden, in denen in 
Berlin Arbeiterinnen in erheblicherer Zahl beschäftigt werden. 
Das Durchschnittsalter der befragten Arbeiterinnen betrug 
227) Jahre; die älteste war 64 Jahre, über 21 Jahre waren 



i 871 

5S,5 <Vb der Gesamtzahl, zwischen 16 tmd 21 Jahren 42,0 o/o, unter 
16 Jahren 4,5 o/o. Die durchschnittliche Arbeitsdauer betrug für 
den Tag 9 Vs Stunden ; 3,2 o/o aller Arbeiterinnen arbeiteten 7Vi 
bis 8 Stunden, 37,2 o/o 8 bis 9 Stunden, 47,7 o/o 9 bis 10 Stunden 
und 11,90/0 10 bis 11 Stunden. Der Wochenlohn betrug im 
Durchschnitt 11,36 Mark; im einzelnen stellte er sich sehr ver- 
schieden, 4,30/0 der Arbeiterinnen erhielt weniger als 6 Mark, 
1,1 0/0 über 20 bis 30 Mark, üeberwiegend lagen die ge- 
zahlten Löhne zwischen 8 und 15 Mark. Zuschüsse 
an barem Oelde, Kleidung und Lebensmitteln erhielten nach ihrer 
Angabe von den befragten Arbeiterinnen 88, darunter 41 von 
den Eltern, 4 von Verwandten, 3 von Kassen. 542 von den Be- 
fragten wohnten bei den Eltern, 57 bei anderen. Verwandten, 
zusammen also 64,2 0/0 der Gesamtzahl, in Schlafstelle wohnten 
21,60/0, in eigenem Zimmer 14o/o. Die schlechter gelohnten Ar- 
beiterinnen wohnen überwiegend bei den Eltern, sobald der Lohn 
zu eigener Lebenshalttmg ausreicht, ziehen viele von den Eltern 
fori. Der Schlaf räum war tmter 845 Angaben 758 mal ein Zimmer, 
82 mal eine Küche, 2 mal eine Bodenkammer, 3 mal ein anderer 
Eaum- In einzelnen Fällen wurden ganz ungeeignete Gelasse 
zum Schlafen benutzt; überhaupt sind die Zustände 
schlimmer, als die obigen Zahlen vermuten lassen. Von 
832 Arbeiterinnen benutzten nur 169 einen Baum allein, 193 ge- 
meinsam mit einer anderen Person und 4 70 (d. i 56,6 0/0) mit 
mehreren Personen. lieber die Preise, die für Wohnung 
gezahlt werden, lagen 464 Angaben vor, der Durchschnittssatz 
betrug 1,79 Mark für die Woche. Der Preis für die gesamte 
Kost (Haupt- und NebenmaUzeiten) stellte sich im Durchschnitt 
wöchentlich für 568 Arbeiterinnen auf 6,77 Mark, darunter zahlten 
205 bis zu 6 Mark, 109 mehr als 8 Mark für die Woche. Die 
Oesamtkosten für Wohnung und Essen betragen bei 867 Arbeite- 
rinnen im Durchschnitt 7,62 Mark. Ihre Hauptmahlzeiten halten 
44,70/0 mittags, 55,30/0 abends, 79,4o/o tun dies zu Hause, 9,4o/o 
in der Fabrik, 11,2 0/0 in einer Volksküche, Kochschule oder im 
Oasthaus. Ueber die Ausgaben für Kleidung usw. sind nur 
sehr spärliche Angaben gemacht worden, die wir übergehen 
können. Unterstützungen tmd Unterhaltungskosten für Verwandte 
oder Kinder zahlten von den befragten 939 Arbeiterinnen 197 
oder 21 0/0, Steuern etwa lOo/o mit einem durchschnittlichen Be- 
trage von 8 Pf. in der Woche. Für Vergnügungen machten 

21* 



172 



833 Arbeiterinnen Atu^g^ben in der äurclischnittlicEen Höhe von 
1 Mark. £iner größeren Zahl der Befragten (22 o/o) ist es g^ 
luDgen, etwas zurückzulegen, meist sind es 50 Pf. bis zu 1 Mark 
in der Woche; das Ersparte geht aber vielfach alljährlich während 
der Zeit geringeren Verdienstes, bei Krankheit usw. wieder 
verloren. Die vorstehenden Zahlen, die in vielen Beziehungen 
weiterer Prüfung, Ergänzung und Klärung bedürfen, lassen soviel 
erkennen, daß zur Hebung der Verhältnisse in der Liebenshaltung 
der Fabrikarbeiterinnen noch recht viel zu tun bleibt. 

Daß diese Löhne gänzlich unzureichend sind, ergibt sich aus 
folgender Zusammenstellung der Ausgaben einer Wäschenäherin 
für Wohnung und Ernährung (nach den Mitteilungen des Ge- 
werberats von Stülpnagel): 

Mk. Pf. 
S<^lafstelle und Kaffee — 20 

Zweites Frühstück (Butterbrot) — 15 

Mittagessen — 30 

Vesperbrot — 15 

Abendessen — 20 

Für 2 Flaschen Bier — 20 

Zusammen 1 20 

Das macht wöchentlich 8 Mark 40 Pfennige nur für Nahrung 
und Wohnung. Von dem übrigen sind Kleidung, Wäsche und 
etwaige Vergnügungen zu bestreiten, was nur bei den höchsten 
Löhnen zwischen 12 und 15 Mark möglich und oft genug der 
Fall ist, wie auch Anna Pappritz zugibt. In vielen Fällen 
beträgt der Wochenlohn nur 5 bis 8 Mark. In der Mehrzahl 
der Konfektionsbetriebe ruht überhaupt die Produktion 4 bis 
6 Monate. Da fällt also jede Entlohnung aus. 

Nach dem statistischen Jahrbuch der Stadt Berlin von 1897 
betrug der Jahresverdienst: 

für Schneiderinnen 457 Mark 

„ Wäschenäherinnen 486 „ 

„ Knopflochhandarbeiterinnen 354 

„ Knopflochmaschinenarbeiterinnen 700 ., 

„ Hand-, Putz- und Hosenträgerarbeiterinnen 354 ,, 

Ja, für das gesamte Deutsche Reich ergab die Erhebung des 
statistischen Amts nur ein Durchschnittsjahreseinkommeu von 
322 Mark II 



373 

Da ist es kein Wunder, daß z. R die Gewerberäte von Frank- 
furt a. M. und Wiesbaden in ihrem in den „Er^bnissen der 
von den Bundesregierungen angestellten Ermittlungen über die 
Lohnverhältnisee der Arbeiterinnen in den Wäsehefabriken und 
der Konfektionsbranche im Jahre 1887'' veröffentlichten Berichte 
sagen : 

„Li Prankfurt waren zu Ende des vorigen Monats unter 
226 daselbst unter sittenpolizeilicher Kontrolle stehenden Per- 
sonen (also die heimlichen Prostituierten nicht mitgerechnet!) 
98 Arbeiterinnen, die teils in Wäsche-, teils in Konfektions- 
geschäften tätig waren. Da für einen notbedürftigen Unterhalt täg^ 
lieh mindestens 1,25 Mark gerechnet werden muß, so reicht der 
bei Anfertigung gewöhnlicher Artikel zu erzielende Verdienst 
von 1,50 bis 1,80 Mark in der Tat kaum aus, um alle Bedürf- 
nisse zu bestreiten; es wird daher der geringe Lohn nicht ganz 
ohne Einfluß in der vorliegenden Frage sein." 

Aehnlich lauten die Berichte der Gewerberäte von Düssel- 
dorf, Posen, Stettin, Neuß, Barmen, Elberfeld, M.-Gladbach, 
Erfurt usw. 

Wichtig ist dabei der den Zusammenhang zwischen materieller 
Not und Prostitution unwiderleglich beweisende Umstand, daß 
in den meisten Fällen diese Prostitution der Arbeiterinnen nur 
eine gelegentliche, keine gewerbsmäßige Prostitution ist, 
d. h. nur dann geübt wird, wenn Lebenssorgen dazu zwingen. 

Zur eigentlichen gewerbsmäßigen Prostitution liefert 
bemerkenswerterweise der Stand der in relativer Freiheit 
lebenden, selbständigen Arbeiterinnen ein geringeres Kontingent 
als der Stand der immer abhängig gewesenen, im Lebens- 
kampfe viel unerfahreneren imd doch in besseren Lebensverhält- 
nissen befindlichen Dienstmädchen. Auf Grund einer Zu- 
sammenstellung von Zahlen aus den Jahren 1855, 1873 und 1898, 
die für 1855 und 1898 viel zu geringe Ziffern aufweisen, nimmt 
Blaschko an, daß früher die Beteiligung der Arbeiterinnen 
an der Prostitution eine größere gewesen sei als heute, daß 
dagegen der Anteil der Dienstmädchen enorm gewachsen sei. 
Das trifft nicht ganz zil Schon Groß-Hof f inger hat 
in seinem früher erwähnten Buche die Dienstmädchenklasse 
als den eigentlichen Kern der Prostitution bezeichnet und dieser 
Tatsache ein selir langes erklärendes Kapitel seines Buches ge- 
widmet Und um dieselbe Zeit (1848) erkl&rt Lippert ebeu- 



374 

falls (a. a. 0. S. 79) : „Den Hauptfonds der öffentlichen Mädchen 
liefern die Dienstmädchen (auch bei ihm gesperrt gedruckt!), 
dann Näherinnen imd Stickmamsells, Putz* und Blumenarbeite- 
rinnen, Schneiderinnen, Friseuiinnen, Ladenmädchen, Schenk- 
mamsellen." 

Diese, wie man sieht, schon sehr alte Tatsache, die viel- 
leicht heute in größerem Umfange sich zeigt, läßt sich 
nun keineswegs durch bloße Not erklären, die auf bestimmte 
Fälle wie Verführung und uneheliche Mutterschaft beschränkt 
ist. Hier kann man nur von einer relativen Not sprechen, 
die mehr innerer, als äußerer Natur ist. 

Mit Becht bemerkt Schiller in seiner ausgezeichneten Ab- 
handlung über „Fürsorgeerziehung und Prostitutionsbekämpfung", 
daß bei den ehemaligen Dienstmädchen in den meisten Fällen 
(abgesehen von den schlecht bezahlten Dienstboten in Eoieipen, 
den Abwaschmädchen usw.) von schlechter Entlohnung und wirk- 
licher Not nicht die Eede sein könne, da sie in ihren Dienst- 
stellungen außer dem Lohn freie Kost und freie Wohnung haben 
und dadurch viel be^er gestellt sind, als der größte Teil der 
Fabrik- und Heimarbeiterinnen. Trotzdem stellen sie das Haupt- 
kontingent der Prostituierten. 

Das Gros der Dienstmädchen stammt vom Lande, wo in ge- 
schlechtlicher Beziehung laxe Anschauungen herrschen, zudem 
kommen die Mädchen in einem sehr jugendlichen Alter in die 
Stadt. Der Mangel an Erziehung und Lebenserfahrung tritt bei 
ihnen ganz auffallend hervor, und wird durch die dauernd ab- 
hängige Stellung noch verstärkt, im Gegensatze zu den früh 
selbständigen, mit allen Tücken und Schlichen der Großstadt 
vertrauten städtischen Arbeiterinnen. Hinzu kommt noch ein 
wenig gewürdigtes Moment: die Putzsucht. Sie ist gerade bei 
Dienstmädchen besonders groß, die in dieser Beziehung beständig 
dem von den Toiletten ihrer Herrinnen ausgehenden suggestiven 
Einflüsse unterliegen. Diese Putzsucht in Verbindung mit einfir 
viel größeren geschlechtlichen Skrupellosigkeit, als wir sie bei den 
Arbeiterinnen finden, treibt viele Dienstmädchen auch ohne 
wirkliche Lebensnot zur Prostitution. Kommen noch Stellen- 
losigkeit, Arbeitsscheu, uneheliche Geburt, venerische Ansteckung 
hinzu, so gelangen sie leicht zur gewerbsmäßigen Prostitution. 

Dieser innere psychologische Faktor spielt eine bei- 
nahe ebenso große Holle als der ökonomische. Selbst Blaschko 



375 

weist darauf hin, daß im VerhAltnis zu den Hunderttaufienden 
von Frauen» die sich in harter, schlecht bezahlter Arbeit ihr 
Brot erwerben müssen, die Zahl derer, die schließlich der Prosti- 
tution anheimfallen, doch nur eine verschwindend kleine ist, und 
daß daher ein Mangel an Willenskraft, Fleiß, Ausdauer und 
sittlichem Halt und schließlich auch — hier kommt Lombroso 
zu seinem Becht — angeborene Minderwertigkeit als Ur- 
sachen der Prostitution angeschuldigt werden müssen. Hell- 
pach hat recht, wenn er, der diese „sozialpsychologische" Er- 
klärung der Prostitution in seiner lesenswerten Abhandlung über 
„Prostitution tmd Prostituierte" (Berlin 1905) hauptsächlich her- 
anzieht, das rein Oekonomische als die „allerletzte Wendung" 
in dem Schicksalsgange bezeichnet, der zur Prostitution führt. 

Eb ist daran festzuhalten, daß die verschiedensten und 
heterogensten Lebensschicksale zuletzt in die Prostitution 
hineinführen können. Da spielt auch der Mangel an Er- 
ziehung, die frühzeitige Gewöhnung an geschlecht- 
liche Ausartung durch Anblick und Verführung, wie sie 
das von Pfeiffer und Kampf fmeyer neuerdings dramatisch 
geschilderte Wohnungselend in großen Städten mit sich 
bringt, eine große Bolle. 

„Von hoher Warte herab," sagt Pfeiffer, „ist es leichter 
gegen Unsittlichkeit imd Unmoralität zu donnern, als in dumpfen 
engen Wohnungen, in Not tmd Entbehrungen allen Verlockungen 
zu widerstehen . • • Der Einlogierer bändelt mit der Frau an, 
das kirchlich getraute oder wilde Ehepaar wartet mit seinen 
Liebkosungen nicht bis die Kinder die Wohnung verlassen haben« 
Die Kinder sind Zeugen mancher Szenen, welche wenig für das 
sittliche Erwachen taugen; sie sehen Dinge, welche sie später 
als selbstverständlich betrachten und üben, denn sie haben es 
ja nicht anders kennen gelernt, und denken, es ist überall so . . . 

Das Dienstmädchen bekommt ein Kind, der Vater ist über 
alle Berge, stellenlos erinnert sie sich, daß sie eine verheiratete 
Schwester hat, welche sie auch nach langem Suchen in einer 
feuchten Kellerwohnung findet. Die Wohnung der Schwester 
besteht aus einem Zimmer tmd einer dunklen Küche, drei frierende, 
schmutzige Kinder spielen am Ofen. Der Mann ist arbeitslos, 
doch der Baum wird vielleicht auch noch genügen für die 
Schwägerin und das uneheliche Kind. Es kommen auch etwas 
bessere Tage, bis auf einmal innerhalb von acht Tagen beide 




ii6 

Schwestern von demselben Manne niederkommen. Wenn sich das 
alles in dem einen verfügbaren Eanm abgespielt hat, werden 
die Kinder so manches Unverständliche gesehen haben.'^ 

Die Berliner Wohnungsstatistik von 1900 lieferte geradezu 
erschreckende Aufschlüsse über diese und noch viel schlimmere 
Zustände, wie sie durch das „Schlafburschen"- und 
,,Schlaf mädchen^-Unwesen zur Genüge erklärlich sind. 
Einzimmrige Wohnungen mit 4 bis 7 Bewohnern sind häufig, 
mit 8 bis 10 nicht selten! 

Daß der Alkoholismus überall, unter den verschiedensten 
Verhältnissen, den Boden für die Prostitution vorbereitet, braucht 
nach dem früher Gesagten nicht weiter ausgeführt zu werden. 
Kr äpelin und O. Rosenthal haben diesen innigen Zusammen- 
hang zwischen Prostitution und Alkoholismus eingehend dargelegt 

Eine wichtige Quelle der Prostitution liefern auch Kuppelei 
und Mädchenhandel, diese schweren sozialen Schäden tmserer 
Zeit. Wie oft nicht werden schon Kinder von den eigenen Eltern 
oder von anderen jedes moralischen Gefühles baren Individuen 
zum Zwecke der pekuniären Ausbeutung in die Praktiken der 
Prostitution eingeweiht und angelernt, als bloße Werkzeuge des 
Erwerbs durch Wollust zu dienen I Paris liefert hierfür immer 
noch mehr Beispiele als jede andere europäische Hauptstadt, aber 
London steht nicht weit zurück, wie die „Pall Mall Gazette*'- 
Skandale von 1883 bewiesen, auf die wir in anderem Zusammen- 
hange noch zurückkommen. Selbst in Berlin mehrte sich in den 
letzten Jahren in erschreckendem Maße die Zahl halbwüchsiger, 
ja kindlicher Prostituierten. Zwölf- bis vierzehnjährige Prosti- 
tuierte sind nichts Seltenes mehr. 

Eine noch traurigere Erscheinung ist der moderne Mädchen- 
handel, recht eigentlich ein Produkt des „Zeitalters des Ver- 
kehrs'*, obgleich ältere Zeiten ihn auch kannten, besonders das 
Frankreich des 18. Jahrhunderts^^) (vgl. besonders die Lieferungen 
für den berüchtigten „Hirschpark"). 

^) Vgl. die Schilderung der erstaunlichen Entwickelang des da» 
maligen französischen Kuppelei wesens in meinen „Neuen Forschnagen 
über den Marquis de Sade*', Berlin 1904, S. 88—98. Der Marquis d« 
S a d e hat in seinem Roman „Die 120 Tage von Sodom'* den Madeben* 
handel seiner Zeit sehr anschaulich geschildert. Unglaubliche Ent- 
hüllungen über das Treiben und die fast absolute Macht der Kapple- 
rinnen und ihre Beziehungen zur Polizei brachte der im Oktober 1906 
in Wien verhandelte Prozeß gegen die Kupplerin Begine Biehl, die 



377 

Der moderne Mädchenhandel*') hängt aufs innigste mit dem 
Bordellwesen zusammen. Man kann den Satz aufstellen: 
ohne Bordelle kein Mädchenhandel. Und dieser letztere beweist 
eben die wachsende Unbeliebtheit der Bordelle bei den 
sich prostituierenden IVauen, die das freie Leben vorziehen. So 
wird es für die Bordellbesitzer immer schwieriger, Insassinnen 
zu bekommen, und der internationale Mädchenhandel soll die 
immer größer werdenden Lücken in der Zahl der Bordellmädchen 
ausfüllen. 

Der Mädchenhandel wird, heute fast ausschließlich vom 
Osten aus betrieben. Was seine Quellgebiete betrifft, so ist Polen 
(Cralizien) mit 40o/o, Rußland mit 15, Italien mit 11, Oesterreich- 
Ungam mit 10, Deutschland mit 8«/o an der „traite blanche", 
der Ausfuhr weißer Sklavinnen beteiligt. Die meisten Mädchen 
werden nach Argentinien transportiert, wo man sie in den 
Bordellen wieder antrifft.*®) 

Die Mädchenhändler oder „Kaften", wie man in Brasilien 
die Madchenhändler oder Sklavenhalter nennt, sind meist galizische 
Juden. Rosenack weist in seinem Referat über die Bekämpfung 
des Mädchenhandels, die gerade von den westeuropäischen jüdischen 
Vereinigungen, besonders der „Jewish Association for the Pro- 



unter der Maske eines „Kleidersalons" jahrelang ein Bordell betrieb, 
in dem die Mädchen aller Freiheit beraubt, körperlich gezüchtigt und 
niemals für ihre ,. Arbeit" entlohnt wurden. Vgl. A. Blaschko, in: 
Zeitschr. f. Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten 1906, Bd. V, S. 427 
bis 433; ferner Karl Kraus, Der Prozeß Riehl, Wien 1906. 

^7) Die Literatur darüber ist sehr groß. Ich erwähne nur Alfred 
S. Dyer, Der Handel mit englischen Mädchen, Berlin 1881; ferner die 
berühmte Schrift von Alexis Splingard, Clarissa, Aus dunkeln 
Hausern Belgiens. Mit einer Einleitung von Otto Henneam Rhyn, 
4. Aaf läge, Leipzig o. J. (ca. 1897) ; O. Henne am Rhyn, Prosli- 
tutioQ und Mädchenhandel, Leipzig o. J. (ca. 1903) ;Julius Kem^ny, 
„Hungara", ungarische Mädchen auf dem Markte. Enthüllungen über 
den internationalen Mädchenhandel, Budapest 1903. — Vgl. auch das 
ausführliche Refeiut in: Zeitschrift für Bekämpfung der Geschlechts- 
krankheiten 1904, Bd. II, S. 207—212. (Bericht über die jüdische 
Studienkommission zur Bekämpfung des Mädchenhandels.) — Uel)er 
den Mädchenhandel in Holland vgl. J. Rutgers, Skizzen aus Holland, 
ibid. 1906. Bd. V, S. 361—355. 

^*) ^S^ ^her die Zustände in Südamerika den Bericht des Majors 
a, D. Wagner, Schriftführer des deutschen Nationalkomitees zur 
Bekämpfung des Mädchenhandels in : Z. f. Bekämpfung der Geschlechts- 
kxankheiten 1906. Bd. V., S. 378—382. 



tu 



/ 



378 ' , 

iection of Girls and Women" tatkräftig in die Hand genommen 
worden ist, nach, daß Vs ^^^ galizischen Juden als sogenannte 
,,Liiftmen8chen^', d. h. ohne bestimmte und sichere Erwerbs- 
verhältnisse leben, und daß nur eine Besserung der sozialen Ver- 
hältnisse dem dortigen Mädchenhandel den Boden abgraben kann« 
Er hält die von den nationalen und internationaleni 
Konferenzen zurBekämpfungdesMädchenh an dels 
(1903 Berlin, 1905 Frankfurt a. Main) beschlossenen Maßnahmen 
für nicht geeignet, demselben wesentlichen Abbruch zu tun. Am 
meisten hat entschieden das jüdische Zweigkomitee in Deutsch- 
land für die Bekämpfung des galizischen Mädchenhandels getan. 
Dr. Eosenack, Berta Pappenheim und Dr. Sera Rabi- 
no witsch haben im Auftrage des Komitees die Verhältnisse 
an Ort und Stelle studiert, die Bevölkerung ist durch Wort und 
Schrift aufgeklärt worden und man bemüht sich jetzt eifrig, 
die wirtschaftliche Lage der Arbeiterinnen in Oalizien aufzu- 
bessern. Zu diesem Zwecke sind geschulte Helferinnen aus Deutsch* 
land nach Oalizien geschickt worden. Es ist gelungen, in Oalizien 
das allgemeine Interesse für die Bekämpfung des Mädchenhandels 
zu erwecken. In einer Konferenz zu Lemberg haben sich die 
galizischen Vereine und jüdischen O^meinden mit Vertretern 
deutscher und anderer Vereinigimgen zusammengetan, um den 
Plan und die Maßnahmen zur Verbesserung der Verhältnisse in 
Oalizien zu vereinbaren. 

Auch in Buenos Aires, dem Haupteinfuhrort für 
galizische Mädchen, hat sich ein Komitee gegen den Mädchen- 
handel gebildet, dem Angehörige aller Konfessionen und Nationa- 
litäten angehören. Das hat die gute Wirkung gehabt, daß die 
Mädchenhändler Furcht bekommen haben. Sie betreiben nicht 
mehr ihr Oewerbe so offen wie früher. Auch die argentinische 
Polizei beteiligt sich jetzt am Kampfe gegen den Mädchenhandel. 
Nur zwei — Richter in Buenos Aires machten mit den Mädchen- 
händlern gemeinsame Sache und ließen dieselben gegen größere 
Summen frei. Es liegt aber ein Gresetzentwurf vor, der sechs- 
jährige Zuchthausstrafe und Vermögenseinziehung auf den 
Mädchenhandel setzt. 

Die Mädchenhändler bilden einen internationalen Bing. Sitz 
desselben ist Buenos Aires. 

In Berlin besteht seit 1904 eine Zentralpolizeistelle 
zur Bekämpfung des internationalen Mädchenhandels, deren Wirk- 



379 

samkeit sich auf das ganze Beich ausdehnt. Alle in Deutscli- 
land zur Kenntnis der Behörden gelangenden Fälle von Mädchen- 
handel werden der Zentralpolizeistelle mitgeteilt. Diese führt 
eine Liste der ihr bekannt gewordenen Mädchenhändler, hat ein 
Album mit Photographien von bestraften Händlern angelegt und 
tauscht ihre Erfahrungen mit den anderen Polizeibehörden aus. 
So ist zru hoffen, daß die im Verhältnis zu anderen Ländern 
geringe Zahl von Verschleppungen deutscher Mädchen nach aus- 
ländischen schlechten Häusern immer geringer werden wird, wie 
auch die lokalen Maßnahmen in Galizien imd Argentinien den 
Mädchenhandel überhaupt voraussichtlich bald gänzlich beseitigen 
werden. 

Daß allerdings auch nach und von anderen Ländern, z. 6. 
von England nach Belgien und Deutschland (Hamburg), von 
Galizien nach der Türkei, von Italien nach Nordamerika usw., 
einzelne Mädchen verschleppt werden, weist O. Henne am 
Rhyn nach. Nach Felix Baumann soll die Zahl der Mädchen- 
händler in New York gegen 20000 betragen. Sie haben enge 
Beziehungen zur Polizei imd bedienen sich junger hübscher Männer, 
der sogenannten „Kadetten", zur Anlockung der Mädchen. Die 
Beseitigung der Bordelle würde auch hier das beste Mittel zur 
Beseitigung des Mädchenhandels sein. 

Nachdem wir so die Quellen der Prostitution kennen gelernt 
haben, wollen wir in aller Kürze eine Uebersicht über ihre 
Stätten geben. Hier ist die öffentliche Prostitution von 
der geheimen zu unterscheiden. 

Für die öffentliche Prostitution kommen wesentlich nur 
zwei Arten in Betracht: die Straßenprostitution, die auf der 
Straße ihre Opfer sucht, um dann in eigenen Wohnungen oder 
in y^bsteige quartieren" dem Unzuchtsgewerbe nachzu- 
gehen, und die Bordellprostitution. 

Die öffentliche Straßenprostitution ist heute in den meisten 
Ländern, besonders aber in Deutschland, wo nur noch in wenigen 
S^dten Bordelle bestehen» die weitaus zahlreichere, imd hat in 
der Tat z. B. in der Berliner Friedrichs&aJüe, aber auch auf 
den Pariser Boulevards, bedenkliche Zustände hervorgerufen, die 
an die schlimmsten Zeiten des kaiserlichen Bom erinnern. Die 
Berührung von öffentlichem Leben xmd Prostitutionswesen 
ist ohne Zweifel ein großes Uebel, das Treiben der Dirnen auf 
offener Straße, die schamlose und lüsterne Zursdiaustellung ihrer 



/ 



• 

/ 



380 

Geschlechtereize, die freche Anlockung oora«m publico, die her- 
ausfordernde Art des ganzen Unzuchtsbetriebes, das alles ver- 
giftet unser öffentliches Leben, verwischt die Grenze zwischen 
Sauberkeit und Befleckung und stellt das Bild der geschlecht* 
liehen Korruption tagtäglich vor aller Augen hin — vor die des 
reinen, unschuldigen Mädchens sowohl wie der ehrbaren Frau 
und des unreifen ICnaben. Treffend hat man diese Straßen- 
prostitution die Kloake des sozialen Lebens genannt, die auf 
I offener Straße entleert wird, während wenigstens die Bordell- 
'i Prostitution nur eine ffeheim bleibende KloaJke. darstellt, deren 
J üblen Geruch nicht alle Welt zu spüren bekommti, wie bei der 
': Straßenprostitution. Hinzu kommen die ernsten Gefahren bei der 
. Ausübung des Unzuchtsgewerbes in Privatwohnungen und Ab- 
steigequaitieren für die in solchen Häusern wohnenden anstäadigen 
Familien, Was bekommen die Kinder da nicht alles zu sehen 
und zu hören I Nicht selten werden Prostituierte zu vertraulichem 
Familienverkehr zugelassen und verführen die Töchter^ armer 
Leute ebenfalls zur Prostitution und die Söhne zur Unzucht oder 
zum Zuhältertum. Daß diese Grefahr der Infektion der unteren 
Bevölkerungsschichten durch die Prostitution in großem Umfange 
besteht, dafür ließen sich zahlreiche Beispiele aus dem Leben 
anführen. Alles, was die Anhänger der Bordelle in dieser Be- 
ziehung sagen, unterschreibe ich. 

Und doch sind Bordelle ein noch größeres Uebell Sie 
I sind ein unvergleichlich gefährlicheres Zentrum der ge- 
^ schlechtlichen Korruption, die schlimmst^e Züch- 
f tungsstätte für geschlechtliche Verirrungen aller 
Art und last not least der größte Herd der geschlecht- 
lichen Ansteckung. Was den letzteren Punkt betrifft, so 
wird davon ausführlicher in dem Kapitel über die Reglemon- 
tierungsfrage in ihrem Zusammenhange mit df*r Bekämpfung d»=*r 
Geschlechtskrankheiten die Eede sein. 

Das Bordell ist die hohe Schule raffinierter GeschWhts- 
lust und Perversität. Ich muß es den Schilderungen der beiden 
erfahrensten Bordellkenner, L e o T a x i 1**) und LouisFiau x,*^) 
überlassen, dies im einzelnen zu begründen. Es ist eine allbe- 
kannte Tatsache, daß viele junge MäJiner erst im Bordell erfahn^n, 

M) L^o Taxil, La corruption fin-d^si^cle, Paris 1894, S. IGUii'. 
^) Louis Fiaux, Lca maisoas de tolemiioe. Leur fermelute. 
Troisieme 6ditiou, Paris 1892, S. 169 ff.; S. 248, 2oQ— 251. 



381 

auf wie mannigfaltige und raffinierte Weisen der natürliche Ge- 
■cfalechtsverkehr umgangen imd durch eine perverse sexuelle 
Betätigung ersetzt werden kann. Hier wird die Psycho- 
pathia aexualis systematisch gelehrt. Und was der 
alte Wüstling von den Dirnen verlangt und mit Geld bezahlt, | 
das wird dann dem jungen Neuling von selbst ange-Jt 
boten, weil Konkurrenz der Dirnen untereinander und Hoffnung*^ 
auf größeren Gewinn dazu nötigen. Man darf der Behauptung; 
französischer Sittenforscher durchaus Glauben schenken, daß es 
junge Männer gibt, die auf diese Weise das Perverse früher 
als das Natürliche kennen lernten und nicht selten diesen Mysterien 
der Venus auch für die Dauer mehr Geschmack abgewannen als 
dem natürlichen, normalen Geschlechtsverkehr. 

Der „Bordell j arg on" enthält denn auch fast ausschließ- 1 
lieh Worte, die gerade den widernatürlichen, abnormen Greschlechts- ? 
verkehr in mehr oder weniger zynischer Weise andeuten, z. B. -: 
„faire feuille de rose" = anilingus; „sfogliar la rosa" (die Eose 
entblättern!) = pädicare; „faire tSte-beche" = Gegenseitiger 
Cunnilingus zweier Tribaden; „punta di penna" = masturbatio 
labialis; „pulci lavoratrici" (dressierte Flöhe!) = Tribaden usw. 

Ein gewissenhafter Forscher wie Fiaux kommt auf Grund 
seiner langjährigen Beobachtungen zu dem Ergebnis, daß die 
Bordelle nicht nur die gefährlichste Form der öffent- 
lichen, sondern jeder Prostitution überhaupt darstellen und mög- 
lichst bald in allen Ländern gänzlich zu beseitigen sind. 

Neben den genannten beiden Arten und Stätten der .,öffent-|^ 
liehen", d. h. der unter polizeilicher Aufsicht stehenden Prosti-/ 
tution gibt es nun eine weit größere heimliche Prostitution* 
wobei das „heimlich" allerdings cum grano salis zu nehmen ist| 
da auch sie sich mehr oder weniger in der Oeffentlichkeit kIo^ 
spielt. Diese geheime Prostitution ist nämlich an zahlreichen und 
voneinander sehr verschiedenen Orten zugänglich. Auch sie hat 
bereits ihre Typen, Besonderheiten, kurz ihr bestimmtes Lokal- 
kolorit je nach dem Orte, wo sie ausgeübt wird. Geben wir f 
einen kurzen Ueberblick über diese verschiedenen Stätten der ^' 
cfheimen Prostitution. ^'" i 

1. Wirtschaften mit „Damenbedienung", söge- . 
nannte „Animier kneipen". — Die Kellnerin ist der 
Haupttypus der geheimen Prostitution und auch durch die ständige 
Verbindung mit dem Alkoholismus die allergefährUchste Gattung 



882 

t 

derselben.*^) Denn sie soll mehr noch ^m exzessiven Alkohol- 
als zum Gescblechtegenuß den Oast verlocken. Zu diesem Zwecke 
erhält sie Anteil am Gewinn atus den verkaxLften Quantitäten 
Bier oder Wein, außer freier Kost ihr einziger Verdienst. 

Die Animierkneipen und Bestaurants mit Damenbedienung 
kennzeichnen sich schon von weitem durch ihre verhängten 
Fenster und durch geheimnisvolle rote, grüne oder blaue 
Glaslaternen über den Eingangstüren. Diese bunten Laternen 
sind so charakteristisch für diese Stätten der Wollust und Völlerei, 
daß man auf der vorjährigen Ereissynode des Berliner Stadt- 
teils Friedrichs Werder I (vgl. „Voss. Zeitung" No. 248 vom 30. Mai 
1906) den Antrag einbrachte, bei den maßgebenden Behörden 
dahin vorstellig zu werden, daß für den ganzen Stadtbezirk 
Berlin die bimten Laternen zur Ankündigung von Lokalen mit 
weiblicher Bedienung verboten würden. Dieser Antrag gelangte 
ztir Annahme, obgleich nicht mit unrecht der Einwand erhoben 
wurde, daß dann jedes Kennzeichen für soldie Lokale fehlen 
würde, jedes Wamungssignal für unschuldige Seelen. 

Viele „Animier**kneipen — die Franzosen nennen ähnlich die 
Mädchen in solchen Lokalen, „les inviteuses" — muten durch 
ihr geheimnisvolles Interieur, durch die ein mystisches Halbdunkel 
erzeugenden schweren Vorhänge, durch kleine sehr diskret durch 
bunte Ampeln erleuchtete chambres separees mit erotischen 
Bildern, spanischen Wänden und schwellenden Sofas, wie kleine 
Lupanare an. Hier werden die zahlungsfähigeren Kunden 
und Neulinge untergebracht, während die gewöhnlichen „Stamm- 
gaste'* meist in dem eigentlichen größeren Bestaurationszimmer 
sitzen, wo auch Musik, allerdings sehr schlechte Musik, in Ge- 
stalt eines Klavier- oder Zitherspielers nicht fehlt. 

Das ganze schamlose Treiben in den Animierkneipen, bei 
dem der Alkohol und die Zote die Hauptrolle spielen, hat neuer- 
dings Hermann Seyffert sehr anschaulich und lebenswahr 
geschildert.^') Die Klientel dieser Mädchenkneipen besteht meist 
aus unreifen Burschen, die hier das Geld ihrer Eltern oder Chefs 

6^) Die Kellnerinnen sind nach neueren statistischen Erhebungen 
bis zu 80 und 90 o/o mit Geschlechtskrankheiten behaftet, so daß sie 
vielleicht die gefährlichste Klasse der Prostituierten darstellen. 

*>} H. Seyffert, Die Animier-Kneipen und ihre Geheimnisse 
in: Freie Meinung 1906, No. 26 und 27. Vgl. ferner „Das Unwesen der 
Kellnerinnenwirtschaften in Preußen unter besonderer Berücksichti- 
gung der Verhältnisse in Köln", Hagen i. W., o. J. (1891). 



888 

darclibringen, aber audi ans alten Staxnmglisten, meist schon 
bejahrten Ehem&nnem, denen diese Atmosphäre eine willkommene 
Abwechslung im Vergleich mit dem h&nslichen Einerlei ist. Die 
Mengen Alkohol, die hier vertilgt werden, und zwar sowohl von 
den Gästen als auch den Kellnerinnen, sind enorm. Letztere 
müssen immer auf Kosten des Gastes mittrinken, damit der Ver- 
dienst des Wirtes desto größer ist. O. Rosenthal berichtet^') 
von Kellnerinnen, die pro Tag, abgesehen vom Kognak und allen 
Likören, 20 bis 30 Glas Bier und darüber tranken I 

Die Verhältnisse in den Animierkneipen werden, besonders 
was die betrügerischen Machinationen dort betrifft, grell be- 
leuchtet durch den folgenden Bericht über eine Gerichtsverhand- 
lung (nach y, Vossische Zeitung'', No. 446 vom 23. September 1906) : 

Eine Nachtszene aus dem „Paradies** hat zu einer An- 
klage wegen Betrags bezw. Beihilfe dazu geführt, die gestern vor 
dem Schöffengericht verhandelt wurde. Angeklagt waren die Schank- 
wirtin Eva G. und die Kellnerinnen Olga W., genannt die „schone 
Olga**, und Margarete F., genannt die „dicke Grete*'. Im schönen 
Wonnemonat Mai strebte ein besser gekleideter Herr, der anscheinend 
voll des sülzen Weines war, im Zickzackkurse durch die Straßen vor- 
wärts. Er konnte dem verführerischen Leuchten einer roten Laterne 
nicht widerstehen und bald befand er sich mitten im „Paradiese''. 
Das war jedoch nur ein Lokal mit Bedienung von „zarter Hand", 
als dessen glückliche Besitzerin die Angeklagte G. fungierte. Der 
neue Gast gab sofort eine Lage Porter. Infolge seines stark benebelten 
Zustande merkte er jedoch nicht, daß ihm schon nach einigen Runden 
nur noch gewöhnliches dunkles Bier vorgesetzt wurde, das er aber 
mit einer Mark das Glas bezahlen sollte. Auch er unterlag im „Para- 
diese'* den Lockungen der holden Weiblichkeit und bestellte Rotwein, 
die Flasche zum Preise von 8 Mk. (Einkaufspreis 90 Pfg.). Einer 
Flasche nach der anderen wurde der Hals gebrochen, und auch hier be- 
merkte es der noble Gast nicht, daß wiederholt halbvolle Flaschen 
vom Tische verschwanden, die, in der Küche zusammengegossen, wieder 
als ganze Flaschen spater auf dem Tisch erschienen. Auf Anraten 
der „dicken Grete** probierte der Grast auch einmal eine Mischung 
von Botwein und Sekt. Da er hieran Gefallen fand, ließ er mehrere 
Flaschen Sekt anfahren. Der Preis stellte sich die Flasche auf 10 Mk. 
(Einkaufspreis 1,70 Mk.). Schließlich ging es an das Bezahlen. Die 
drei Dämchen sahen sich in ihren Erwartungen nicht getauscht, denn 
der noble Kavalier entnahm seiner Brieftasche einen „blauen Lappen". 
Den Beat des Geldes erhielt der Gast nicht wieder, wohl aber seine 



**) O. Bosenthal, Alkoholismus und Prostitution, Berlin 1905, 
Seite 4& 



384 

Uhr, deren man sich schon vorher versichert hatte. SchlieBlich wurde 
er mit saufter Gewalt an die frische Luft befördert. Diese Nacht- 
szene wäre vielleicht niemals Gegenstand eines Strafprozesses ge- 
worden, da der noble Gast sich vor einer Anzeige hütete. Erst als 
eines Tages die Wirtin des Paradieses der „dicken Grete" anläßlich 
eines Streites das teure Gebiß demolierte, erstattete diese Anzeige 
von jenem Vorfall. Sie hatte jedoch damit niclit gerechnet, daß sie 
sich dadurch selbst der Beihilfe zum Betrüge beschuldigte. In der 
gestrigen Verhandlung mußte die Angeklagte maugels ausreichenden 
Beweises freigesprochen werden. Die Angeschuldigte G. wurde wegen 
Betruges zu einer Woche Gefängnis, die P. zu 16 Mk. Geldstrafe wegen 
Beihilfe verurteilt. 

2. Balllokale und Tanzsalons.**) — Eigentlich nur 
eine Abart der unter 1 aufgeführten Lokale, Animierkneipen im 
großen mit der Zugabe von (besserer) Musik und Tanz. Aber 
die schönen Zeiten des Bai Mabille, der Closerie des Lilas cder 
der Cremome Gardens, Portland Bx>onis und Argyll Booms und 
des Orpheums sind längst vorüber. Die Mehrzahl der Berliner 
und Pariser Balllokale — in London sind sie längst verschwunden 
— sind auf ein tieferes Niveau herabgestiegen, die Prostitution 
herrscht jetzt vor, das „Verhältnis", das sich in den früheren 
mehr idyllischen Balllokalen so heimisch fühlte, ist nicht mehr 
dort zu finden. Man braucht nur die heute berühmten Balllokale 
Berlins, das Ballhaus in der Joachimstraße, die „Blumensäle** usw. 
zu besuchen — von den Stätten niederer Prostitution, wie z. B. 
Lestmanns Tanzsalon, ganz zu schweigen — , um diese Tatsache 
festzustellen. Auch hier ist die Hauptsache das Trinken und 
immer neue Trinken I Selbst in Paris, in den Montmartre-Ball- 
lokalen, kann man die „inyiteuses" in vollster Tätigkeit sehen 
wenn auch der Bai Tabarin, Bullier und andere Tanzsäle immer 
noch in ästhetischer Hinsicht mehr befriedigen als die Bei*liner 
Stätten der Terpsichore. Ein Tanzlokal, das nocli nicht aus- 
schließlich von der Prostitution mit Beschlag belegt war, war 
Embergs Tanzsaal in der Schumannstraße, der im vorigen Jahre 
(190G) für immer geschlossen wurde. Jetzt existieren ähnliche 
größere Balllokale eigentlich nur noch in den Vorstädten, in 
Haiensee, Grünau, Nieder-Schönhausen usw. Aber auch hier ist 



M) Vgl. die ausführlichen Schilderungen bei Hans Ostw&ld, 
Berliner Tanzlokale, Berlin und Leipzig o. J. (1901); über die früherea 
Londoner BalUokale mein „Geschlechtsleben in Eu^^land^'y Bd. I, 
S. 324-334. 



385 

der Tanz nicht die Hauptsache, Kuppelei und Prostitution machen 
sich auch hier breit, wie dies schon vor fünfzig Jahren T h. Bade 
in seiner, diese Zusammenhänge nachweisenden Abhandlung 
„Ueber Gelegenheitsmacherei und öffentliches Tanzvergnügen" 
(Berlin 1858) geschildert hat. 

3. Varietes, Tingel-Tangel und Kabaretts. — 
Der Hauptzweck dieser für unsere Zeit charakteristischen Lokale 
ist das „Totschlagen der Zeit" auf recht „amüsante" Weise, wie 
es der hohle und geistig leere „Genußmensch" von heute verlangt. 
Befriedigung des größten Sensationsbedürfnisses durch Auftreten 
mehr oder weniger dekolletierter Sängerinnen, Tänzerinnen, Akro- 
baten und Akrobatinnen, durch Darstellung von Tableaux vivants 
in Gestalt schöner Weiber oder des Eanematographen oder von 
Pantomimen, durch recht schai*f gewürzte Couplets, durch Vor- 
führung aufregender Jongleurkunststücke, Ringkämpfe zwischen 
Männern und Weibern, Taschenspielereien, Kriegs- und Wasser- 
schauspiele usw. usw. Kurz, die verschiedensten „Varietäten" 
— daher der Name — des Amüsements werden hier geboten, imd 
es ist bezeichnend, daß diese Vergnügungsstätten zuerst in den 
großen Hafenstädten entstanden, in Liverpool, London, Hamburg, 
Marseille, wo die Matrosen nach der öden Monotonie langer See- 
fahrten im bunten Allerlei der hier sich darbietenden Genüsse 
Befriedigung fanden. Jetzt treibt die Monotonie, die Lihaltsleere 
ihres Lebens auch ungezählte Scharen von Städtern in die Varietes, 
die, wenn sie auch ebensowenig wie die Kabaretts als eigentliche 
„Stätten" der Prostitution bezeichnet werden können, doch das 
Stelldichein für die Elientel derselben bilden und so stets all- 
abendlich einer großen Zahl von Prostituierten als Schauplatz 
ihrer Tätigkeit dienen. 

Die niedrigste Art des „Variete", das „Tingel-Tangel", auch 
wohl euphemistisch „Academy of Music" genannt, ist allerdings 
weiter nichts als ein Bordell, nur daß der eigentliche Geschlechts- 
akt nicht in dem Lokale selbst vorgenommen wird, wie so oft in 
den ähnlichen Animierkneipen. Die hier auftretenden Chanteusen 
sind alle niedere Prostituierte. Meist bieten sie, während eine von 
ihnen ihre „Gesangskunst" (sit venia verbo) zum Besten gibt, 
in schamloser Dekolletierung auf dem Podium sitzend, ihre Beize 
dar und „animieren" zum Trinken. Kommis und Studenten bilden 
die „verständnisvolle" Zuhörerschar, in den Hafenstädten die 
Matrosen Wer kennt nicht die berühmteste Tingel-Tangel-Straße 

Blocb Sexuaiiebeu. 2. u. 3. Auflage. 25 

(&— '18^ Tause&dg 



386 

der Welt, den Spielbudenplatz und die Eeeperbahn in St. Pauli, 
der Hafenvorstadt von Hamburg ? Hier reiht sich ein Variete ans 
andere, und alle sind überfüllt von einer rauchenden, trinkenden, 
die Lieder der Chanteusen mitsingenden Menge. Eine besondere 
Art dieser Vergnügungsorte stellen die sogenannten „Rummel** 
dar, eine Spezialität Berlins. Wo irgendwo inmitten oder auch 
außerhalb der Stadt durch Abbruch alter Häuser oder sonst ein 
größerer Bauplatz längere Zeit frei ist, schlagen Tingel-Tangel* 
besitzer ihre Buden auf, werden Karussels und Kuchenbuden er- 
richtet, und es entwickelt sich ein buntes Treiben, an dem aus- 
schließlich die unteren Volksklassen sich beteiligen. Hier suchen 
die allerniedrigsten Prostituierten ihr Brot und finden es. 

4. „Pensionat e** und Maisons de passe. — Greht man 
durch die Straßen Berlins, so fallen einem bald Schilder an den 
Haustüren auf mit dem Vermerk : „Hier sind Zimmer auf Monate, 
Wochen und Tage zu vermieten". Ich will nun nicht behaupten, 
daß immer diesen Ankündigungen eine Verlockung zur Un- 
zucht oder die Darbietung einer Gelegenheit dazu zugrunde liegt. 
Aber in vielen Fällen dienen diese Offerten als Kennzeichen des 
in solchen Wohnungen stattfindenden „Verkehrs". Oft dienen 
mehrere Stockwerke, ja ganze Häuser diesem Zwecke. Es ist 
ein „Privat-Hotel", ein Hotel gami, in Wirklichkeit aber ein 
verkapptes Bordell, ein „Absteigequartier" für Prostituierte und 
ihre Kunden, eine Stätte, wo von dem Wirte — meist ist dieser 
Wirt allerdings weiblichen Geschlechts — das Kuppeleigewerbe 
im größten Umfange betrieben wird. Ohne diese bereits zur 
Genüge bekannten und verdächtigen Schilder, unter dem minder 
auffälligen Namen einer „Pension" figurieren andere Wohnungen, 
die mehr für die exquisiten Genüsse und Raffinements der reichen 
Lebewelt eingerichtet sind und geschlechtlichen „Orgien" im 
größten Umfange, der Verkuppelung und Verführung junger 
Mädchen, und den Zusammenkünften der besseren Demimonde 
und ihrer Klientel dienen. 

Folgendes Beispiel aus dem „Berliner Tageblatt" (Nr. 383 
vom 30. Juli 1904) möge das illustrieren; 

Aus einer Dresdener Fremde npension. Vor der sechsten Straf* 
kammcr des königlichen Landgerichts Dresden gelangte ein aufsehen- 
erregender Prozeß gegen die Inhaber der Dresdener Frcmdeupeosion IL, 
den aus Göda bei Bautzen gebürtigen ehemaligen 73 Jahre alten 
Polizeibeamten Michael Soh. und dessen 62 jährige Ehefrau Anna Karo» 



^ " " ' 387 

line Seh. geb. H. zur Verhandlung. Das Ehepaar lebte bis zum Jahre 
1898 in Zwickau, siedelte dann nach Dresden über und begründete 
zuerst Marschallstraße, dann Elisenstraße und später am Terrassen- 
ufer eine Fremdenpension, die namentlich von Berlinern viel fre- 
quentiert wurde. Spater sollte die Pension nach der Räcknitzstraße 
verlegt werden. Den Inhabern aber wurde seitens der Polizei die 
Konzession versagt, da man aus mancherlei Anzeichen zu der An- 
nahme gelangt war, daß in der „Pension H.'' wilde Orgien und 
Gelage gefeiert wurden. Die Pension verblieb daher am Terrassen- 
ufer, aber die Sittenpolizei behielt sie stets im Auge, bis es ihr 
endlich gelang, das Nest auszunehmen. Nun stellte es sich heraus, 
daß der saubere Ehemann seit geraumer Zeit die eigene Tochter ver- 
kuppelte. Das Mädchen, das dadurch von Stufe zu Stufe sank, brachte 
Damen der Halbwelt, auch einige Verkäuferinnen und andere mit In 
die Pension« Junge Eaufleute und Lebemänner stellten sich ein, und 
was dann weiter geschehen ist, wurde vor Grericht unter Ausschluß 
der Oeffentlichkeit verhandelt. Die Pensionsinhaber befanden sich in 
steter Geldverlegenheit. Der GrerichtsvoUzieher war ein ständiger Gast 
in der Pension, und Schmidt und Frau leisteten auch den Offen- 
barungseid. Dessenungeachtet brandschatzte die Pensionsmutter eine 
Anzahl Dresdener Eaufleute. Als Inhaberin der Pension H. gewährte 
man der sehr distinguiert auftretenden Dame gern Kredit, und diesen 
nützte die Kupplerin redlich aus. Vor Gericht führten die Ange- 
klagten eine Unschuldskomödie auf und suchten die Vorgänge in der 
Pension als eine „harmlose Abendunterhaltung" hinzustellen. Sie 
wurden aber beide verurteilt, und zwar der Ehemann zu drei Monaten, 
die am meisten beteiligte Ehefrau unter Einrechnung einer bereits 
früher erkannten dreimonatigen Strafe zu einer Gesamtstrafe von 
einem Jahr Gefängnis. Beiden wurden ferner die bürgerlichen Ehren- 
rechte auf die Dauer von zwei Jahren aberkannt und gleichzeitig 
Polizeiaufsicht über sie verhängt. 

5. Massageinstitute. — Mit diesen echt modernen \ 
Etablissements, die wesentlich der masochistischen Prostitution ~ 
dienen, werden wir uns im Kapitel „Masochismus" näher be- 
schäftigen. Die meisten „Masseusen" sind Prostituierte, betreiben 
auch die gewöhnliche Prostitution, und insofern erscheint ihre 
Erwähnung an dieser Stell© gerechtfertigt. 

6. Die "Weibercafes. — Sie sind in allen großen Städten, 
besonders in London. Paris, Wien, Berlin, Budapest sehr zahl- j 
reich und dienen als hauptsächliche Vermittler der Tages- j 
Prostitution. Die Prostituierten sitzen hier in Scharen* 
stundenlang und warten auf Klientel, die natürlich auch die 
genossenen Getränke bezahlen muß. Gewisse Berliner Cafes, wie 
z. B. da« „Cafe National", das seit mehreren Jahren eingegangene 
Cafe Keck in der Leipziger Straße sind allerdings typische 

86* 



388 

Nachtcafes, wo von Einbruch der Dunkelheit an bis ziun 
frühen Morgen die Prostituierten auf Kundschaft warten. 

Natürlich erschöpfen die genannten Eubriken bei weitem 
nicht Umfang und Art der modernen Prostitution, die viel mehr 
Schlupfwinkel und Möglichkeiten der Betätigung hat Die meisten 
aber haben irgend eine Beziehung zu den erwähnten Stätten der 
Prostitution, so daß wir nicht näher darauf einzugehen brauchen. 
Prostitution kann natürlich überall getrieben werden, und die 
Verlockungen dazu finden sich an allen Orten, wo größere 
Menschenmengen zusammenkommen. 

Anhang. 

Die Halbwelt. 

Zur Prostitution im weiteren Sinne des Wortes gehört auch 

\ die „H a 1 b w e 1 1" („Demi-Monde"), unter welchem, von dem 

jüngeren Alexander Dumas stammenden Namen man die 

Kategorien der „Maitressen", femmes soutenues, Lorctten, Kokotten 

und galanten Damen zusammenfaßt. 

A. Dumas gibt an der berühmten Stelle (Akt 11 Szene 9) 
seines Schauspiels „Demi-Monde" durch den Mund des Olivier 
von Jalin die folgende Definition der Halbwelt: 

„Alle diese Frauen haben einen Fehltritt in ihrer Vergangenheit, 
einen kleinen schwarzen Fleck auf ihrem Namen, und sie drangen 
sich 80 viel als möglich zusammen, damit diese Flecke weniger ins 
Auge fallen. Sie haben dasselbe Herkommen, dasselbe Aeußere, die- 
selben Vorurteile der guten Gesellschaft, aber gehören ihr nicht mehr 
an und bilden das, was wir die „lialb-Welt" (Demi-Monde) nennen, 
die wie eine Insel auf dem Ozean von Paris schwimmt und alles an 
sich zieht, aufnimmt und anerkennt, was vom festen Laude fallt, 
auswandert oder flieht — ungerechnet die fremden Schiffbrüchigen, 
die kommen — man weiß nicht woher I . . . 

Seit die Ehemänner, unter dem Schutz des Gesetzbuches, das Recht 
haben, eine pflichtvergessene Frau aus dem Schoß der Familie zu verban- 
nen, hat die eheliche Sittenlehre eine Umwandlung erlitten, die eine neue 
Welt geschaffen hat — denn was wird aus allen diesen verstoßenen, koiu- 
promittierten Frauen? — Die erste, die sich vor die Tür gesetzt sah, 
beweinte ihre Schuld und verbarg ihre Schande in der Zurückgezogeu- 
heit; aber — die zweite? Die zweite sucht die erste auf, und sobald 
sie zwei waren, nannten sie die Schuld ein Unglück, das Verbrechen 
einen Irrtum und fingen an, sich gegenseitig zu trösten und zu ent- 
schuldigen. Drei geworden, luden sie sich zum Diner, vier — tanzten 
sie Quadrille. Nun gruppierten sich * um diese Frauen hall auch 



j r ^ ; • : • ■ 389 

noch junge Mädchen, die ihr Leben mit einem Fehltritt begänne q; 
falsche Witwen ; Frauen, die den Namen des Greliebten tragen, bei dem 
sie leben; einige jener raschen „Ehen", die ihr Supernumerariat in 
einem langjährigen Liebea Verhältnis machten; endlich alle Frauen, 
die glauben machen wollen, daß sie etwas waren und nicht als das 
erscheinen wollen, was sie sind. Heutzutage ist diese regelwidrige 
Welt in voller Blüte und ihre Bastard-Gesellschaft ist bei jungen 
Männern sehr beliebt. Denn hier ist die Liebe nicht so schwierig 
wie oben und nicht so teuer wie — unten." 

Aus dem letzten Satze ersieht man, daß der ursprüngliche 
Begriff der „Halbwelt" nicht so weit war wie der heutige, vor 
allem noch nicht denjenigen der Prostitution in sich schloß, wie 
das jetzt der Fall ist. Die Halbweltdame des Dumas war 
„nicht so teuer" wie die gewöhnliche Prostituierte, unsere heutigeni 
Demimondänen sind gerade dadurch charakterisiert, daß sie hoclJ 
im Preise stehen. Es sind Prostituierte für die oberen Zehnj 
tausend. Und doch haben sie mit der alten Demimonde das ge- 
meinsam, daß sie nicht wie die eigentlichen Prostituierten wahl- 
los jedem Zahlungsfähigen sich preisgeben, sondern daß sie auf 
die gesellschaftliche Stellung ihrer Liebhaber und deren Charakter 
als „Gentleman" Wert legen. Ja, sie können etwas wie Liebe 
zeigen. Am besten ließe sich die heutige Halbwelt mit den 
griechischen Hetären vergleichen. Sie bildet einen charakte- 
ristischen Bestandteil des modernen High Life. Wo dieses am 
meisten hervortritt, bei den Rennen, den Theaterpremieren, in 
den f ashionablen Seebädern, in Monte Carlo, den Blumenkorsos, 
Wohltätigkeitsbazaren, großen Maskenbällen, da trifft man auch 
die Halbwelt, die, was Schönheit, Toilette, distinguiertes Auf- 
treten, Bildung tind Unterhaltungsgabe betrifft, sich in nichts 
von den Damen der vornehmen Welt, den „mondänen" Frauen 
unterscheidet. Grewisse Typen der Demimonde verwirklichen in 
der Tat das Ideal der griechischen Hetäre, nur ist sie noch mehr 
raffiniertes Grenußweib als diese, durch und durch Kultur, die 
eigentliche Schöpferin der Mode, tonangebend in allen Dingen 
des Geschmacks. Die Mondäne und Demimondäne sind im äußeren 
Auftreten kaum voneinander zu unterscheiden, wenigstens in 
Paris nicht, wo ein witziger Schriftsteller ihren Unterschied dahin 
definiert, daß die erstere nur am Tage, die zweite auch bei Nacht 
ihre Liebhaber empfängt.®*) Nur der Kenner spürt den „Halb- 

•*) Victor Joze, Paris-Gomorrhe. Moeurs du jour, Paris 1898, 
U«it« 173. 



390 

welthauck'S das undefinierbare Etwas, das den galanten Damen 
in den Augen der jeunesse doree einen so besonderen Eeiz verleiht. 
Aus welchen Kreisen rekrutiert sich die Halbwelt? Die 
Theaterdamen, die Sterne der Varietes und des Balletts, stellen 
ihr Kontingent^ auch die Aristokratie ist vertreten, doch manche 
zärtliche Lorette oder eisige „fille de marbre" ist niederer Her- 
kunft, versteht es aber ausgezeichnet, sich rasch allen Anforde- 
rungen des High Life anzupassen, ihr Dogcart ebenso graziös 
zu lenken, wie die echteste Gräfin, und in Longchamps oder 
Karlshorst, Ostende oder Trouville die vornehme Dame zu spielen. 

Der einzige Unterschied zwischen diesen, eben der Unter- 
schied einer — halben Welt, ist die Tatsache, daß diese vornehme 
I Lebensführung der Demimondäne nicht aus eigenen Mitteln be- 
* stritten wird, sondern aus der Tasche eines oder häufig mehrerer 
*; reicher Galans.' 

Den Typus der „grande cocotte" trifft man echt imd unver- 
fälscht nur in Paris. Hier spielt die Demimondäne eine große 
Rolle in der Oeffentlichkeit. Die Zeit der früheren Fürsten- 
maitressen mit ihren politischen Intriguen und ihrer weit reichen- 
den Machtsphäre ist freilich vorbei, eine Lola Montez, eine 
Aurora Königsmark ist heute auf die Dauer nicht mehr 
möglich. Doch unterhält namentlich die Pariser Demimonde ein* 
. fluJireiche Beziehungen zu der neuen Großmacht unserer Zeit, 
I zur Presse. Georg Dahlen nennt die im Dienste der Demi- 
] monde stehenden Journalisten „Preß-Fridoline", weil sie „ihre 
Feder nicht sowohl mit Dukaten als mit mehr oder minder be- 
neidenswerten Schäferstunden in vornehmen Boudoirs bezahlt zu 
wissen lieben,"^^) und VictorJoze schildert ebenfalls die durch 
eine Liebesnacht oder auch nur ein Lächeln bezahlte Reklame, 
die Pariser Schriftsteller in den Zeitungen für die vornehmen 
Kokotten des Quartier Marboeuf oder der Avenue du Bois de 
Boulogne machen, um indische Nabobs, russische Großfürsten oder 
amerikanische Milliardäre auf diese oder jene beaute k la mode 
aufmerksam zu machen. So etwas ist für Paris charakteristisch. 
I In anderen Hauptstädten wird die käufliche Galanterie nicht 
j so an die Oeffentlichkeit gebracht, sie führt hier ein ver- 
l borgeneres Dasein. 



^) Georg Dahlen, Aufzeichnungen über die europäische Oe- 
Bellschaft, Berlin 1885, S. 126. 



391 

Denn was der Ifeiitßche, speziell der Berliner „Halbwelt" 
nennt, ist nichts weniger als der Typus der geschilderten echten 
Demimondäne. Unsere Halbwelt rekrutiert sich zum größten Teile 
aus intelligenten Prostituierten, die besonders in den öffentlichen 
Gärten, im Zoologischen Garten, im Lehrter Ausstellungspark, 
in den vornehmen Nachtrestaurants zu finden sind und hier 
jeden Abend neue Beute suchen, jeden Abend einem anderen 
Liebhaber ihre Beize für eine bestimmte Summe verkaufen, 
während die wirkliche, echte Halbweltdame nie mehr als einen 
oder zwei Verehrer hat, die ihren ganzen Lebensunterhalt be- 
streiten, und jedenfalls öffentlich nicht so dem Prostitutions- 
gewerbe nachgeht, wie die geschilderten Prostituierten. 

Endlich gibt es noch einen anderen Typus, den man mit 
der Demimonde nicht in einen Topf werfen darf. Das ist die 
internationale Dirne, die von einem Orte zum anderen 
reist, zwar oft Air und Auftreten einer vornehmen Lorette hat, 
aber doch ein viel unsteteres, bewegteres Leben führt als diese 
und oft neben der Prostitution noch das Gewerbe einer Hoch- 
staplerin betreibt. Bald ist sie in Paris, bald in London, Biarritz, 
Monte Carlo (dem Hauptfelde ihrer Tätigkeit!), bald in Kon- 
stantinopel, Smyma, Petersburg und Berlin. Bisweilen unter- 
nimmt sie auch eine Entdeckungsreise nach der neuen Welt. 
Deutschland stellt einen nicht geringen Prozentsatz zu diesem 
internationalen Kokottentum. Diese wandernden Kokotten sind 
besonders in Offiziers- und Börsenkreisen sehr bekannt, und 
werden von diesen nicht selten weiter „empfohlen", wie man 
Beisenden Empfehlungen mitgibt. Oder sie werden gar „ver- 
lost", wie das kürzlich in München in Offizierskreisen vorkam, 
xmd dem glücklichen, meist allerdings bedauernswerten Gewinner 
zugeteilt. Ln Auslande legen sie sich mit Vorliebe französische 
oder exotische Namen bei. 



392 



VIERZEHNTES KAPITEL. 

Die Geschlechtskrankheiten. 

Im Verein mit der Alkoholvergiftung und der Tuberkulose kann 
man die Syphilis als die Pest der Gegenwart ansehen. 

Alfred Fournier. 



393 



Inhalt des vierzehnüm Kapitels. 

Die Frostitution Herd» nicht Ursache der Geschlechtskrankheiten. 

— Zur Philosophie der Geschlechtskrankheiten. — Alter derselben. — 
Zeitliche und örtliche Entstehung. — Der Ursprung der Syphilis. — 
Praktische Bedeutung des Nachweises ihi^ee neuzeitlichen Charakters. 

— Die theologisch-animistische Theorie der Geschlechtskrankheiten. 

— Dire Widerlegung. — Unverschuldete Ansteckung. — Der Begriff der 
spezifischen Infektionskrankheit. — Bekämpfung der Geschlechtskrank- 
heiten durch die Wissenschaft. — 

Die Syphilis als spezifische Krankheit der Neuzeit. — Schilderung 
ihrer Symptome, ihres Verlaufes und ihrer Ausgänge. — Folgen der 
Syphilis für Familie, Nachkommen und Rasse. — Erlrayphilis der ersten 
und zweiten Generation. — Die Entartung der Rasse durch Syphilis. — 
Das Alter der Ansteckung mit Syphilis bei Mann und Weib. — Der 
weiche Schanker. — Der Tripper. — Wandlung der Anschauungen über 
die Gefahren des Trippers. — Der Hamröhrentripper des Mannes. — 
Akutes und chronisches Stadium. — Complikalionen. — Der Tripper 
beim Weibe. — Die „Unterleibsleiden" der Frauen. — Die Erblindung 
durch Tripper. 

Anhang. Die Gesohleohtskrankheiten bei Homosexuellen. 



394 



Das Zentralproblem der sexuellen Frage ist, wie ich schon 
im Anfange des vorigen Kapitels sagte, die Ausrottung der 
Prostitution und der Oesch lechtskrankheiten, deren 
hauptsächlicher Herd jene ist. Ich sage, der hauptsächliche 
„Herd", nicht die „Ursache". Denn wären alle Prostituierte 
gesund, dann könnte man ruhig die Prostitution bestehen lassen 
— abgesehen von ihren moralisch depravierenden Wirkungen — 
und die Geschlechtskrankheiten würden von selbst aufhören. 

Diese Behauptung stelle ich an den Anfang des Kapitels 
über die Geschlechtskrankheiten, weil es heutzutage immer noch 
eine merkwürdige Art von Philosophie oder besser 
Theologie der Geschlechtskrankheiten gibt, die be- 
züglich des Ursprungs derselben die seltsamsten Hypothesen 
aufstellt. 

So sagt z. B. der Schriftsteller Alexander Weill in 
seinen konfusen „Gesetzen imd Mysterien der Liebe" (Deutsch 
von Carl Weißbrodt, Berlin 189ö S. 88): 

„Wozu sich den Kopf über die Heilung der Syphilis zer- 
brechen? Wenn man ein Uebel heben will, so sacht man vor 
allem andern die Ursachen desselben zu ergründen, um diese zu 
beseitigen. Ist die Veranlassung des Uebels behoben, so schwindet 
dieses selbst. Ist die Schlange getötet, so schadet ihr Gift nicht 
mehr. Wie will man aber die Ursachen der Syphilis beseitigen, 
da sich dieselbe doch Tag für Tag durch neue Ausschreitungen 
erneuert und gehegt wird durch die behördlich zugelassene 
Prostitution und unsere gesellschaftlichen Gesetze, welche ins- 
gesamt gegen die Monogamie der Jugend und die Vermehrung 
der Bevölkerung sind? Könnte man heute alle Syphiliskrank* 
heiten heilen, so würde morgen dieselbe Krankheit 
unter einer neuen Form wiederkehren, da sie 
durch die gleichen Regellosigkeiten aufs neue 



395 

hervorgerufen werden würde. (I) Es ist völlig nutzlos, 
mit Jod und Quecksilber vorzugehen, denn jede neuerliche Ver- 
letzung der Naturgesetze würde doch wieder neue, unheilbare 
Krankheiten hervorrufen, welchen man nur entrinnen kann, wenn 
man den festen Willen hat, jenes Gesetz strenge zu befolgen." 

Ja, Weill geht so weit zu behaupten, daß jeder Mann, 
der mit zwei gesunden Frauen zu gleicher Zeit geschlecht- 
lichen Umgang hat, sich die Syphilis zuzieht, selbst wenn beide 
Frauen ihm treu wäxen, da „jede Ausschweifung im 
Oeschlechtsgenusse an und für sich schon das 
üebel hervorrufe!" 

Nach dieser Ansicht, die von vielen Laien geteilt wird, wären 
die Geschlechtskrankheiten, vor allem die schlimmste, die Syphilis, 
80 alt, wie die sexuelle Ausschweifung überhaupt, d. h. so alt 
wie das Menschengeschlecht und ein unabwend- 
bares Verhängnis desselben. 

In meinem Werke über den „Ursprung der Syphilis" habe 
ich diese Anschauung widerlegt, die in allgemein philosophischer 
und sozialhygienischer Beziehung bedeutungsvolle Frage nach der 
wahren Natur der Syphilis beantwortet und nachgewiesen, daß 
sie (wie auch die übrigen venerischen Krankheiten) eine zeit- 
liche und örtliche Entstehung hatte, nicht ewig existiert 
hat und eines Tages unter bestimmten Voraussetzungen wieder ( 
verschwinden wird. 

Die Geschichte der Syphilis hat eine eminent praktische 
Bedeutung. Geht doch aus ihr mit aller Sicherheit hervor, daß 
die gefährlichste und gefürchtetste Geschlechtskrankheit für die 
europäische und für die alte Kulturwelt den Charakter des 
rein Zufälligen hat, das retrospectiv — mit unserer 
heutigen Erfahrung betrachtet — vielleicht im ersten Beginne 
hätte femgehalten xmd im Keime erstickt werden können. 

Die praktische Bedeutung dieser Erkenntnis, daß die 
Syphilis für die alte Kulturwelt ein historisches Phänomen dar- 
stellt, daß sie eine Geschichte, einen Anfang oder, wie Voltaire 
halb ironisch sagte, eine Genealogie hat, kann nicht hoch genug 
eingeschätzt werden. 

Würde nicht etwas Befreiendes, Erlösendes in der Vorstellung 
liegen, daß es für die alte Welt eine Zeit gegeben hat, in der 
die Syphilis nicht existierte, daß dieser Zeitraum in Vergleichung 
mit dem seit dem ersten Auftreten der Syphilis verflossenen ein 



/ 



396 



! ! . , :. 1 



unendlich großer ist, und daß daher, wenn wir den Blick nun 
in die Zukunft ricliten, die Geschichte der Lustseuche den 
Charakter einer bloßen Episode für die europaische Kultur- 
menschheit annimmt? 

Zugleich würde diese sichere Erkenntnis eine eindringliche 
Warnung für alle jene Finsterlinge beider Geschlechter bilden, 
die die Frage der Verbreitung der Geschlechtskrankheiten aus- 
schließlich mit religiösen und moralischen Dingen verquicken 
möchten und so die einfachsten, klarsten Verhältnisse verdunkeln, 
alles auf einen unsicheren Boden stellen und jede Möglichkeit 
einer erfolgreichen Bekämpfung der Syphilis versperren. 

Noch heute spukt leider in manchen Köpfen die alte Vor- 
stellung, daß der geschlechtliche Verkehr eine Sünde sei, für 
die es eine Strafe gäbe und diese Strafe sei eben eine Geschlechts- 
krankheit, wie z. B. die Syphilis. Tylor, der berühmte eng- 
lische Anthropologe, hat nachgewiesen, daß diese Idee aus dem 
bis in die prähistorische Zeit zurückreichenden Animismus 
sich entwickelt hat, der in den Krankheiten dämonische Einflüsse 
sah. Wir stehen noch heute unter dem Einflüsse dieser Lehre, 
dieser finsteren, dämonischen Auffassung alles Sexuellen. Ich 
erinnere niu* an die Ideen Tolstois, der neuerdings in dem 
unglücklichen Dr. Weininger einen ihn noch in bezug auf 
die fanatische Verdammung des Geschlechtsverkehrs übertreffenden 
Nachfolger gefunden hat. Bis vor kurzem enthielten auch ge- 
wisse Bestimmungen unserer Krankenkassengesetzgebung deut- 
liche Spuren dieser Anschauung. Die meisten Aerzte und Histo- 
riker, die da sagten, daß die Syphilis so alt sei wie der Ge- 
schlechtsverkehr überhaupt, die das Wort prägten: ubi Venus, 
ibi Syphilis, huldigten unbewußt ebenfalls dieser Auffassung, 
daß die Geschlechtskrankheiten als eine göttliche Strafe anzu- 
sehen seien. 

Dieser theologischen Theorie vom Ursprünge der Syphilis, 
wie man sie nennen könnte, sind einige unwiderlegbare Tatsachen 
entgegenzuhalten, die sie ohne weiteres in ihrer ganzen Nichtigkeit 
und Haltlosigkeit erscheinen lassen. 

Schon allein der Umstand, daß es eine unverschuldete 
Ansteckung mit Syphilis gibt, daß z. B. in gewissen Distrikten 
Bußlands bis zu 90 o/o der Fälle dieser Krankheit ganz außer- 
halb des geschlechtlichen Verkehrs diirch zufällige Berührungen 
veranlaßt werden, zeigt die Torheit jener abergläubischen Ideen. 



397 

Zweitens ist es eine allgeiaein bekannte Tatsache, daß recht 
häufig noch völlig unverdorbene Individuen, unschuldige Neu- 
linge sich bei der ersten Grelegenheit geschlechtlichen Verkehrs 
syphilitisch anstecken, während die größere Erfahrung und 
genauere Kenntnis der hier drohenden Gefahren notorische Wüst- 
linge zu wirksamen Schutzmaßregeln veranlaßt, die doch nichts 
nützen würden, wenn die Syphilis wirklich die Strafe für Aus- 
schweifungen dieser Art wäre. 

Drittens widerlegt das Vorkommen der Syphilis bei kleinen 
Kindern — teils durch Vererbung, teils aber auch auf dem 
schon erwähnten Wege der zufälligen Berührung erworben — 
in schlagender Weise die obige Anschauung, die leider noch weite 
Kreise beherrscht und fasziniert. 

Man könnte noch weitere Argumente gegen dieselbe anführen, 
doch dürfte das Gresagte genügend die Haltlosigkeit dieses Aber- 
glaubens beleuchtet haben. Die Syphilis eines Individuums ist 
eben nicht .die Folge des geschlechtlichen Verkehrs, sondern nur 
die Folge einer anderen Syphilis bei einem anderen Individuum, 
d. h. sie ist eine spezifische Infektionskrankheit, die 
auch ohne jeden sexuellen Verkehr, bei Berührungen anderer 
Art, durch das ihr eigentümliche spezifische Gift übertragen wird. 
Syphilis entsteht nur durch Syphilis. 

Wir haben daher ausscliließlich nur sie in der gleichen 
Weise wie die übrigen Geschlechtskrankheiten zu bekämpfen, wir 
müssen, wie ein portugiesischer Arzt sehr treffend gesagt hat, 
der Tyrannei der Syphilis die Tyrannei der menschlichen Ver- 
nunft entgegenstellen. Die Hauptaufgabe einer Bekämpfimg der 
Geschlechtskrankheiten wird in der Tat eine solche Organi- 
sation der durch die Vernunft und die Erfahrung dargebotenen 
Kampfmittel gegen diese Krankheit sein. Sie muß die Kenntnis 
derselben in immer weiteren Kreisen der Menschheit verbreiten 
und dafür sorgen, daß jedem einzelnen die Bedeutung und die 
Gefahren der Syphilis und der übrigen Geschlechtskranldieiten 
aufs deutlichste bewußt werden. 

Auch hier ist die Greschichte unsei^ Lehrmeisterin, Leuchte 
der Wahrheit, und verheißt uns vollen Erfolg in der Bekämpfung 
der Geschlechtskrankheiten. 

Die Ergebnisse meiner Untersuchungen über den Ursprung 
der Syphilis weisen alle auf eine einzige, höchst bedeutungs- 
volle Tatsache hin, nämlich die, daß es sich bei der Syphilis, 



398 

was die alte Kulturwelt betrifft, um eine spezif ischeKrank- 
heit der Neuzeit handelt, die am Ende des 15. Jahr- 
hunderts zum ersten !Male hier auftrat, von deren früherer 
Existenz selbst bis in die prähistorischen Zeiten hinein sich auch 
nicht die geringste Spur nachweisen läßt. Diese Ansicht wurde 
schon vor der Veröffentlichung meines auf ganz neue Quellen- 
studien basierten kritischen Werkes von sehr hervorragenden 
Aerzten vertreten, von denen ich aus dem 18. Jahrhundert Jean 
Astrue und Christoph Girtanner, aus dem 19. den 
spanischer Militärarzt M o n t e j o und von deutschen Aerzten vor 
allem Rudolf Virohow, A. Geigel, v. Liebermeister, 
C. Binz und P. G. Unna nenne. Auch der große Philosoph 
Arthur Schopenhauer vertrat diese Ansicht.^) 

fiicord, der berühmte französische Syphilidologe, sprach 
einst von einem Bomane der Syphilis, der noch geschrieben 
werden müsse. Ich möchte sie eher mit einem Drama ver- 
gleichen, dessen einzelne Akte Jahrhunderte sind.* Dann sind 
von diesem Drama bereits vier Akte gespielt worden. Wir be- 
finden und gerade eben jetzt im Anfange des fünften. Wir 
haben also noch ein ganzes Jahrhundert vor uns, um mit allen 
Elräften, die der wissenschaftlichen medizinischen Forschung, der 
praktischen Heilkunde und Hygiene in Verbindung mit sozialen 
Maßnahmen zu Gebote stehen, darauf hinzuarbeiten, daß dieser 
fünfte Akt auch der letzte sei, wie es sich bei einem richtigen 
Drama gehört. 

Die Geschichte der Syphilis ist deshalb so lange in Dunkel 
gehüllt gewesen, weil man noch bis auf Philipp Ricord, 
also bis zum Beginne der zweiten Hälfte des 
19. Jahrhunderts, die drei venerischen Krankheiten: die 
Syphilis oder Lustseuche, den sogenannten weichen 
Schanker (venerisches Geschwür) und die Gonorrhöe 
oder Tripper im Grunde für wesenseins hielt, während wir 
heute wissen, daß gerade die Syphilis als spezifische Infektions- 
krankheit von konstitutionellem Charakter den ganzen 
Körper durchseucht und von den anderen, nur einen rein ört- 
lichen Charakter aufweisenden venerischen Leiden vollkommen 



1) Vgl. darüber Iwan Bloch, Schopenhauers Krankheit im 
Jahre 1823. Ein Beitrag zur Pathographie auf Grund eines anver- 
öffentHchtcn Dokumentes in: Medizinische Klinik 1906, Ko. 25 n. 26 
(Mitteilung aller Aeußerungen Schopenhauers über die Syphilis). 



399 

getrennt werden muß. Jener frühere Glaube aber an die Identität 
aller venerischen Affektionen, der sogar durch eine Autorität 
wie John Hunter vermittelst falsch gedeuteter Experimente 
befestigt wurde, mußte dazu führen, auch die geschichtliche 
Seite von diesem Gesichtspunkte aus zu behandeln. 

Wenn Tripper und weicher Schanker „syphilitischer" Natur 
waren, dann war natürlich die Syphilis von jeher dagewesen. 
Unschwer konnten jetzt einige Schilderungen und Erwähnungen 
von Genitalleiden bei antiken und mittelalterlichen Schriftstellern 
auf Syphilis bezogen werden. Erst die fortschreitende Aufklärung 
über die gänzliche Wesensverschiedenheit der drei venerischen 
Affektionen erwies auch die Haltlosigkeit jener Deutungen, ebenso 
die Bekanntschaft mit den pseudo venerischen und p s e u d o - 
syphilitschen Krankheiten, die uns die moderne Derma- 
tologie vermittelt hat. Auch hat man niemals in der alten 
Kulturwelt syphilitische Knochen aus antiker oder mittelalter- 
licher Zeit gefunden.*) Erst aus der Zeit nach der Ent- 
deckung Amerikas und vor allem nach dem Ausbruche 
der großen Syphilisepidemie gelegentlich des 
italienischen Feldzuges Karls VIII. von Frank- 
reich in den Jahren 1494 — 149ö stammen die ersten syphi- 
litischen Knochen, d. h. erst damals verbreitete sich die Syphilis 
in der alten Kulturwelt. 

In meinem Werke „Der Ursprung der Syphilis" (Jena 1901)^) 
habe ich, gestützt auf eine Kritik der älteren Anschauungen 
und unter Benutzung eines sehr reichhaltigen neuen Quellen- 
materials, den Nachweis erbracht, daß die Syphilis durch 
die Mannschaft deä Golumbus von Zentralamerika, speziell 
der Insel Haiti, in den Jahren 1493 und 1494 in Spanien 
eingeschleppt worden und von dort durch den Heereszug 
Karls Vin. sich epidemieartig in Italien und nach Zer- 



•) Hierüber habe ich zuerst in der „Soci»5tP d'Anthropolopcie de 
Paris" in einem am 19. April 1906 gehaltenen Vortrage „La Syphilis 
pr^tendue pr^historique** Mitteilung gemacht und l)ehandle die wichtige 
Frage der Knochenfunde in dem im Druck befindlichen zweiten 
Bande meines „Ursprung der Syphilis", S. 317—364. 

') Die Ergebnisse desselben habe ich in einem in der Staats- 
wisseuach&ft liehen Vereinigung in Berlin gehaltenen Vortrage kurz zu- 
sammeagelaßt : „Daa erste Auftreten der Lustseuche in Europa", 
Jena 1901 



•100 



streuimg der Soldaten in den übrigen Ländern Europ 
verbreitete, auch bald durch die Portugiesen nach dem fernen 
Osten, nach Indien, China und Japan gebracht wurde. Die 
Syphilis hatte bei ihrem ersten Auftreten in der alten Kultur- 
welt eine außerordentliche Bösartigkeit, alle durch sie her- 
vorgerufenen Krankheitserscheinungen verliefen rascher und hef- 
tiger als heutzutage, die Mortalität war eine viel größere, die 
Folgen auch bei Genesung viel schlimmere. Diese Bösartigkeit 
der damaligen Lustseuche kann nach unserer modernen An- 
schauungsweise über die Natur und Erscheinungsart der Krank- 
heit nur so erklärt werden, daß jene Völker, die nota bcne alle 
in gleich intensiver Weise davon ergriffen wurden, bis dahin 
vollkommen syphilisfrei gewesen waren I Alle Volks- 
kreise und alle Nationen wurden in gleichem Maße und mit 
derselben Heftigkeit von der Syphilis heimgesucht. 

Noch heute beobachten wir überall, wo die Lustseuche in 
bisher syphilisfreie Gregenden eingeschleppt wird, denselben 
akuten Verlauf, dieselbe Heftigkeit der Erscheinungen wie bei 
ihrem ersten Auftreten in Europa. In den seit der ersten Ein- 
schleppung verflossenen vier Jahrhunderten ist eine Ab- 
schwächung des syphilitischen Giftes, eine gewisse Immuni- 
sierung der europäischen Menschheit gegen dasselbe deutlich er- 
kennbar. Im allgemeinen hat heute die Syphilis — verglichen 
mit jener ersten Zeit — einen relativ milden Verlauf. Darauf 
kommen wir später noch zurück. 

Die beiden anderen Geschlechtskrankheiten, Tripper und 
weicher Schanker, haben ohne Zweifel schon im Altertume 
existiert. Aber auch sie sind spezifische Infektions- 
krankheiten, werden nur durch das ihnen eigentümliche Gift 
erzeugt, ebenso wie die Syphilis ihr eigenes Gift hat. 

Nachdem Ricord (1800— 1889) in den Jahren 1830--185O 
die völlige Verschiedenheit von Syphilis und Tripper nach- 
gewiesen, die Lehre von den drei Stadien der Syphilis, dem prim&ren, 
sekundären und tertiären, aufgestellt und endlich den weichen, 
nichtsyphilitischen vom harten syphilitischen 
Schanker unterscheiden gelehrt, Virchow dann in seiner 
berühmten Abhandlung „üeber die Natur der konstitutionellen 
syphilitischen Affektionen" (Virchows Arcliiv 1858, Bd. XV, 
S. 217 ff.) über den eigentümlichen Verlauf der konstitutionellen 
Syphilis und die Ursachen des zeitweiligen Verschwindens und 



401 

plötzlichen Wiaderaiif tauchens der Krankheitserscheiniingeii helles 
Licht verbreitet hatte, begann erst 1879 mit Albert Neißers 
epochemachender Entdeckung dee Gonokokkus als spezifischen 
ElrregerB des Trippers das eigentliche wissenschaftliche 
Studium der venerischen Krankheiten, das vorher 
auf vollkommen unsicherer Basis geruht hatte. 1889 bis 1892 
folgte die Entdeckung des Bazillus des weichen Schan- 
kers durch Ducrey imd Unna, wodurch die völlige 
Verschiedenheit des weichen und harten Schankers erwiesen wurde, 
und endlich haben uns die letzten drei Jahre (1903 — 1906) über- 
raschende und in ihrer Tragweite noch unabsehbare Ent- 
deckungen über die Natur des syphilitischen 
Öiftes gebracht. Im Jahre 1903 gelang es Elias Metsch- 
nikoffy die Syphilis vom Menschen auf den Affen zu über- 
tragen^ und damit die Grundlage für die weitere Erforschimg 
der Syphilis durch das Tierexperiment zu liefern, die Lassar 
dann durch die Impfung des syphilitischen Giftes von einem 
Affen auf einen anderen, sowie A. Neißer durch seine experi- 
mentellen Forschimgen auf Java noch verbreiterten,^) und im 
März 1905 veröffentlichte der za früh der Wissenschaft entrissene 
geniale Protozoenforscher Fritz Schaudinn seine erste Untere 
guchung über den mutmaßlichen Erreger der Syphilis, die 
sogenannte „Spirochaete pallida*'. Zahllose Nachunter- 
suchungen haben den Zusammenhang dieser zur Gattung der 
Protozoen gehörigen Spirill^tiform mit der syphilitischen Er- 
krankung bestätigt Damit aber sind wir der Lösung 
des Problems der sicheren Syphilisheilung und 
der Immunisierung gegen Syphilisganz bedeutend 
näher gekommen. Ganz neue Aussichten eröffnen sich uns 
in dieser Hinsicht.^) 

Wenn dereinst die Menschheit den Befreiern von der „Ge- 
schlechtspest", von der Hydra der venerischen Affektionen, 
ein Denkmal setzen wird, dann werden auf diesem nur vier Namen 
stehen: Bicord, Neißer, Metschnikof f , Schaudinn! 



^) ^E^ A Neißer, Die experimentelle Syphilisforschung nach 
ihrem gegenwärtigen Stande. Berlin 1906. 

ft) VgL Erich Hoffmann, Die Aetiologie der Sjrphilis, Berlin 
1906; Hans Hübner, Ueber moderne Syphilisforschungen, in: 
Zeitschr. f. Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten 1906, Bd. V, S. 468 
bis 481. 

Bloch, SezuAlleb^tn. 2. u. 8. Auflagre. o^ 

.(6.— 18. Tausend) 



402 

Nach dieeen orientierenden Vorbemerkungen über das Wesen 
der Geechlechtskrankheiten gehe ich zu einer kurzen Schildenmg 
derselbeii über^) und beginne mit der gefährlichsten Oeschlechts- 
kraakheit, der Syphilis. 

Die ersten Erscheinungen der Syphilis zeigen sich etwa drei 
bis vier Wochen nach erfolgter Ansteckung an der Stelle, wo 
die Ansteckung erfolgt ist, und das braucht durchaus nicht 
immer der Geechlechtsteil zu sein. Die Syphilis wird zwar am 
h&ufigsten durch den geschlechtlichen Verkehr übertragen, nicht 
selten aber auch durch Berührungen anderer Art, z. B. durch 
Küssen, durch gynäkologische oder chirurgiBche Unter- 
suchungen und Operationen, durch Trinken aus einem 
Glase, das eben vorher ein Syphilitischer benutzt hati durch 
Benutzung fremder, ungereinigter Taschentücher, Badetücher und 
Betten, durch den Gebrauch fremder Tabakspfeifen, Blasinstru- 
mente, Zahnbürsten und Zahnstocher, der Mundstücke in den 
OlasblSsereian, durch ungereinigte Basiermesser, durch 
Tätowierung, durch die Unsitte, fremde Bleistifte in den Mund 
im nehmen, durch Befeuchten der Briefmarken mit der Zunge, 
durch Aussaugen der Wimde bei der Zirkumzision» durch 
Saugen des Kindes an den Brüsten einer syphili- 
tischen Amme^) usw. In England hat sogar öfter der Brauch, 
vor Gericht zur Bekräftigung des Schwuis die Bibel zu küssen, 
VeranlaaBfung zur Uebertragung der Syphilis gegeben. 

<) Ich will nicht unterlassen, hier einige vortreffliche neuere all- 
gemeinverständliche Schriften darüber zu nennen: A. Blasohko, 
Die Geschlechtskrankheiten. Volkstümlich dargestellt, Berlin 1904; 
Paul Zweifel, Die geheimen Krankheiten in ihrer Bedeutung für 
die Gesundheit, Leipsig 1902; Alfred Fournier, Die SyphiUs eine 
sosiale Gefahr. Deutsch von Gas ton Vorberg, Leipzig 1905; Karl 
Ries, Ueber unverschuldete geschlechtliche Erkrankungen, Stuttgart 
(1904); O. Burwinkel, Die Geschlechtskrankheiten, Leipzig o. J. 
(1906); Waldvogel, Die Gefahren der Geschlechtskrankheiten und 
ihre Verhütung, Stuttgart 1906. ~ Gerade in der Wahl der populären 
Schriften über Geschlechtskrankheiten sollte der Laie sich nur an die 
besten Namen halten, weil auf diesem Gebiete die Schundliteratur 
überwuchert und durch Uebertreibung oder falsche und inreführeade 
Darstellungen mehr Schaden als Nutzen stiftet. Die hier genannten 
Schriften kann ich als durchaus wissenschaftliche und zuverl&ssige 
Aufklirungsschriften empfehlen. 

Qalewsky, Ueber die Uebertragung von Gesohleohtskrank* 
Stillgeschaft, in : Zeitsohr. f. Bekämpfung der Aeachlecbts- 
1906, Bd. V, S. 366—371. 



403 

la kulturell auf niedrigem Niveau stehenden Oegenden, wie 
z. B. in gewiflBen Dij3trikten Rußlands und der Tflrkei, erfolgen 
sogar 50 — 6O0/0 der Ansteckungen auf außergeschlechtlichem 
Wege. 

Ansteckend sind alle Absonderungen der syphilitischen 
Affektionen aller drei Stadien, auch die früher angezweifelte 
Ansteckungsfähigkeit des tertiären Stadiums ist neuerdings be- 
wiesen, das Blut kann gleichfalls, wenn auch seltener, die An- 
steckung vermitteln, dagegen sind die reinen, d. h. die nicht 
durch krankhafte Absonderungen verunreinigten physiologischen 
Sekrete, wie Speichel, Tränen, Milch nicht ansteckend. Häufig 
wird dagegen die Syphilis diu*ch den Samen übertragen. 

Die Ansteckung erfolgt nur an solchen Stellen, wo eine 
Kofitinuitätstrennung der Oberhaut oder Schleimhaut, ein Einriß, 
eine oberflächliche Wunde vorhanden ist, durch die das Gift ein- 
dringen kann. So kann aber auch ein scheinbar gesunder Syphi- 
litiker, wenn er z. B. beim Beischlaf „sich aufreibt", d. h. eine 
kleine Abschürfung am Oliede bezw. (bei einer Frau) in der Scheide 
bekommt, dann doch die Syphilis übertragen, falls das andere 
Individuum gleichfalls solche der Ansteckung leicht zugängliche 
Stellen hat. 

Wie erwähnt, zeigen sich aber erst zwei bis vier Wochen 
nach erfolgter Ansteckung die ersten Erscheinungen der Syphilis 
in Gestalt eines kleinen Bläschens oder E^nötchens an der infizierten 
Stelle, seltener auch wohl einer bloß wunden Stelle von eigen- 
tümlicher Böte. Allmählich vergrößert sich dieses E[nötchen oder 
diese Stelle, verhärtet sich immer mehr am Grunde, während 
die Oberfläche oft geschwürig zerfällt und höchst ansteckenden 
Biter absondert (sogenannter „harter Schanker'' oder 
„Primäraf f ekt'').^) Die Verhärtung ist in den meisten Fällen 
bereits da^ sichere Anzeichen dafür, daß das syphilitische Gift 
schon in den Körper eingedrungen ist. Wenigstens ist es nur 
in sehr seltenen Fällen gelungen, durch Ausschneiden oder Aus- 
brennen des harten Schankers der Syphilis den Weg ins Blut 



^) Es gibt allerdings auch eine solche „Verhärtung*' bei anderen 
nicht syphilitischen Affektionen der Genitalien, z. B. bei besonderer 
Lokaliaation derselben oder nach Aetzungen. Nur der Arzt kann hier 
entscheiden, ob es sich um eine sjrphilitische Ansteckung handelt 
oder nicht. 

26* 



404 

abzuschneiden. Fast immer traten trotzdem bald die Erscheinungen 
der allgemeinen DurchsenchTing des Körpers mit dem Gifte auf. 

Von der Eintrittsstelle aus, also da, wo der harte Sehanker 
sich bildet, gelangt das syphilitische Oift zunächst auf dem 
Wege des Ljrmphstromes in die Leistendrüsen, die in der dritten 
bis vierten Woche nach dem Auftreten des harten Schankers an- 
fangen zu schwellen und hart zu werden. Diese Schwellung der 
Leistendrüsen ist schmerzlos (sogenannte y,i indolente Bu- 
bonen'') im Gegensatz zu der schmerzhaften Schwellung beim 
weichen Schanker. Von hier aus tritt das Gift nun auf dem 
Blut- und Lymphwege seine Wanderung durch den Körper an, 
deren einzelne Etappen man an den Schwellungen der Lymph- 
drüsen an der Brust, dem Ellenbogen, dem Halse usw. verfolgen 
kann. Zuweilen machen sich andere Symptome einer Allgemein- 
infektion bemerkbar; vor allem das Auftreten von Fieber (nie 
vor dem 40. Tage nach der Ansteckung), Schmerzen in den 
Muskeln, Gelenken, Nerven, auch starke Kopfschmerzen, allge- 
meine Mattigkeit und Blässe tmd Bückgang des EmfihrungB- 
zustandes. 

Es sind die Vorläufer des sogenannten sekundären 
Stadiums der Syphilis, das nunmehr durch Auftreten eines viel- 
gestaltigen Hautausschlages manifest wird imd die Diagnose 
„Syphilis" sicher stellt. Deshalb soll der Kranke in zweifelhaften 
Fällen von Geschwüren an den Geschlechtsteilen stets Wochen 
und Monate hindurch täglich sorgfältig seine Körperhaut in- 
spizieren und auf das Auftreten von roten Flecken oder Knöiehen 
achten. Dieser syphilitische Hautausschlag ist auch in den 
späteren Perioden eines der sichersten und am meisten charakte- 
ristischen Merkmale der Krankheit. 

Der Ausschlag tritt meist zuerst am Bumpfe in Form von 
rosafarbenen Flecken auf (sogenannte ,3o8^ol& syphi- 
litica"), breitet sich dann über den Körper aus, nicht selten 
treten bereits zugleich oder kurze Zeit nach dem Fleckenausschlag 
Knötchen auf imd stark erhabene Verdickungen an den Schleim- 
haute^ingängen, besonders am After, in der Mimdschleimhant und 
auf der Zunge (sogenannte „Plaques mnqueuses", „breite 
Kondylome"). Durch schmerzhafte Empfindungen im Munde 
oder durch Jucken am After wird der Kranke von selbst auf 
4 diese Erscheinungen aufmerksam. Oft sind diese es, im Verein 

mit einer heftigen Entzündung der Tonsillen und des Rachens 



ß 



405 

(aog. yyAngina ayphilitica'O» dio den Patienten zuerst zum 
Arzt fOhren, nachdem alle früheren Ejankheitssjrmptome unbe- 
merkt vorüber gegangen waren I Als charakteristische Formen 
der sekundären syphilitischen Hautveranderungen seien femer 
noch erw&hnt: der sogenannte ,,Venuskranz'' (Corona Veneris), 
mit welchem schönen Namen man einen Hautausschlag an der 
Stini, besonders an der Haargrenze entlang, bezeichnet, der aller- 
dings vom Laien auch mit anderen nicht selten hier vorkommenden 
Hautaffektionen verwechselt werden kann, das sogenannte 
„Venushalsband" (Collier de Venus oder Leukoderma 
syphiliticum), eine fast nur bei Frauen vorkommende 
eigentümliche Figmentierung der Haut an Hals und Nacken in 
Gestalt brauner Flecken mit dazwischen liegenden weißen 
Stellen. Dieses Symptom ist ein absolut sicheres Kennzeichen 
der Syphilis. Ebenso charakteristisch ist die sogenannte y,P8ori- 
asis syphilitioa'S das Auftreten von eigentümlichen 
Flecken und Verdickungen an Handteller und Fußsohle, femer 
der syphilitische „Haarausf alT', der von dem gewöhnlichen 
Haarausfall sich durch sein plötzliches Auftreten imd seine herd- 
artige Verbreitung auf dem Kopfe unterscheidet. Nicht selten 
zeigen sich auch eitrige Hautausschläge in diesem sekundären 
Stadium der Syphilis. 

Der syphilitische Hautausschlag ist nur das äußere Sicht 
barwerden der den ganzen Körper, also auch die inneren Organe 
in Mitleidenschaft ziehenden Krankheit. Auch die inneren Organe 
werden gleichzeitig ergriffen. Die Affektion der Leber äußert 
sich durch Oelbsucht, die des Gehirns und der Hirnhäute durch 
Kopfschmerzen, eine in diesem Stadium oft auffällige Gedächt- 
nisschwäche, die der Müz durch Anschwellung, der Nieren 
durch Auftreten von Eiweiß im Urin, der £[nochen durch sehr 
schmerzhafte entzündliche Schwellungen, des Auges besonders 
durch die berüchtigte Entzündung der Regenbogenhaut 
(60<yo aller Entzündimgen der Begenbogenhaut sind syphilitischer 
Natur I) 

Bleibt die Krankheit unbehandelt, so wiederholen sich die 
geschilderten Erscheinungen mehrfach und werden immer bös- 
artiger und nach längerer Zeit gesellen sich ganz neue Krank- 
heitssymptome dazu (oft schon vom dritten Jahre an, durch- 
schnittlich 5 — 10 Jahre nach der Infektion, aber auch noch später), 
die den Uebergang des syphilitischen Krankheitsprozesses in das 



406 

terti&re Stadium bezeichnen. Dahin gehören das Auftreten sehr 
großer und nadi kOrzerem oder längerem Bestehen geschwOrig zer- 
fallender Knoten in der Haut und in den inneren Organen, der 
BOgenannten Gummiknoten („Gumma syphiliticum"), 
deren Zerfall die größten Entetellungen oder Lebensgefahren mit 
sich bringt, z. B. DurchlÖchenmg des harten Gatunens, Einsinken 
der Nase (syphilitische „Sattelnase"), g«schwürige Zerstörung 
großer Teile des SdiiUlelknochens, des Mastdarmes, der Leber, 
der Lunge, der Hoden, der Blutgefäße (besonders gefährlich die 
gommSeen Erkrankungen der Himgef äße 1)) des Gehirns und 
Rückenmarks. Schlaganfälle in jugendlichem Älter und 
Nervenlähmungen der verschiedensten Art, sowie plötz- 
liche Taubheit und Erblindung sind meist auf syphilitisdie 
Erkrankungen zurückzuführen. Viele chronische LeVtir-, Kieren- 
.und Nervenleiden sind Folgen früherer Syphilis, auch die Ver- 
tkalkung der Arterien, die gefährliche Erweiterung 
'der großen Blutgefäße, besonders der Hauptschlagader, 
der Aorta („Aneurysma Aortae") sind sehr häufig syphilitischen 
Ursprungs. 

Durch die Untersuchungen von Alfred Fournier und 
"Wilhelm Erb wissen wir heute, daß zwei schwere Erkran- 
kungen des Zentralnervensystems, die Tabes oder Rücken- 
marksschwindsucbt und die progressive Paralyse 
oder fortschreitende Lähmung der Irren fast aus- 
schließlich (in ca. 96 '>la der Fälle) auf eine frühere syphilitische 
Erkrankung zurückzuführen sind. Unter 5749 Fällen seiner 
Privatprazis beobachtete Fournier nicht weniger als 7S8 Fälle 
von Gehimsyphilis, 631 Fälle von Bückenmarksschwindsucht und 
83 Fälle von Gehirnerweichung. Tabes und progressive Paralyse 
sind um so gefährlicher, als sie nicht mehr eigentliche „syphili- 
tische" Erkrankungen sind, die also durch spezifische antisyphili- 
tische Heilmittel beseitigt werden könnten, sondern nur schwere 
degenerative Veränderungen des durch die vorangegangene Syphilis 
veränderten, gewissermaßen dafür präparierten Zentralner\'en- 
Systems, sogenannte ,, parasyphilitische" Erkrankungen, bei 
denen eine an ti syphilitische Behandlung gar keinen oder nur 
wenig Erfolg hat. 

Noch trauriger sind die Folgen der Syphilis für Familie, 

L s c li a f t und Basse. Die Syphilis in der Ehe, 
philis lind die Degeneration der Rasse durch 




407 

die Syphilis, das sind die hier in Betracht kommenden traurigen 
Erscheinxingen. 

In seinem schönen Werke über „Syphilis und Ehe" (deutsch 
von P. Michelson, Berlin 1881) hat Alfred Fournier, 
gegenwärtig der größte Kenner der Syphilis in allen ihren Er- 
scheinungen und Beziehungen» den verhängnisvollen Einfluß der 
Syphilis auf das eheliche Leben geschildert, und in seiner kürz- 
lich erschienenen Schrift „Die Syphilis eine soziale Grefahr" auch 
die beiden anderen Momente gewürdigt. Er fand durchschnittlich^ 
unter 100 syphilitischen Frauen 20, die von ihren Ehemännern 
angesteckt worden waren, entweder gleich im Beginne der Ehe 
oder auch im späteren Verlaufe derselben oder endlich auf dem 
Wege durch die Leibesfrucht bei der Zeugung. Die Ehescheidung 
auf Orund von Ansteckung mit Syphilis durch den Chatten kommt 
heute sehr oft vor. 

Die Vererbung der Syphilis auf das Kind kann vom \ 
Vater oder der Mutter aus erfolgen, absolut sicher tritt sie ein, \ 
wenn beide syphilitisch sind. Die verschiedenen hf^r in Betracht 
kommenden Möglichkeiten der Uebertragung und der eventuellen 
Immunität von Mutter oder Kind, wie sie durch das sogenannte 
Colles-Baum^ssche und das Profetasche Gesetz zum 
Ausdruck kommen, können hier nicht näher erörtert werden. Ist 
die Mutter selbst syphilitisch infiziert worden oder von vorn- 
herein syphilitisch, so werden die Kinder entweder nicht aus- 
getragen, es erfolgen Fehlgeburten, oder sie werden tot geboren 
oder endlich kommen sie mit den Symptomen der hereditären 
Syphilis zur Welt. 

Häufig vorkommende Früh- imd Totgeburten in einer Familie 
sind sehr verdächtig hinsichtlich ihres syphilitischen Ursprungs. 
Die Massensterblichkeit der Kinder in einer Familie ist 
nach Fournier für den Arzt ein wichtiges Erkenntmgszeichen 
der erblichen Syphilis. Die syphilitische Erkrankung des Vaters 
äußert sich in einer Kindersterblichkeit von 28 o/o, die der Mutter 
in einer solchen von 60 o/o, die Erkrankung beider Eltern in einer 
Sterblichkeit von 68 o/o. Geradezu unheimlich, bis zu 84 — 86 o/o, 
ist die Sterblichkeit unter den Blindem syphilitischer Prosti- 
tnierten. 

Die lebend geborenen, hereditär-syphilitischen Kinder sind 
meist sehr schwächlich, von geringem Körpergewicht, haben oft 
eine welke, ranzelige Haut, die mit typischen syphilitischen Aus- 



i08 

schlftgen bedeckt ist, oft mit großen Eiterblasen, besonders an 
Handteller und Faßsohle („Pemphigus syphiliticug^O» 
auch die inneren Organe, Milz, Leber und Knochen weisen krank- 
hafte Veränderungen auf. Charakteristisch ist auch die syphili- 
tische Affektion der oberen Luftwege, besonders der syphilitische 
Schnupfen der neugeborenen heredit&rsyphiUtischen Kinder. 
Weiter erzeugt die Erbsyphilis schwere Störungen der Ent- 
wicklung und Erscheinungen, die Fournier als „Sp&t- 
syphilis*' bezeichnet hat (Syphilis hereditaria tarda), weil sie 
erst in den späteren Lebensjahren auftreten.') Dauernde Lebens- 
schwäche, Zurückbleiben in der Entwicklung, 
typische Degenerationszeichen in Gestalt verschieden- 
artiger Mißbildungen, z. B. Auskerbung der oberen Schneide- 
zähne (ein von Jonathan Hutchinson zuerst beschriebenes 
Symptom), Mißbildungen der Nase, der Ohren, des Gaumens, 
Zwergwuchs, Taubstununheit, Mißbildungen der äußeren und 
inneren Geschlechtsorgane, englische Krankheit, Epilepsie und 
Geistesschwäche sind Folgen ererbter Syphilis. Tarnowsky, 
Fournier, Barth el6my haben die Folgen der Erbsyphilia 
bis in die zweite und dritte Generation verfolgen und so eine 
wichtige Ursache der Entartung der Basse nachweisen 
können. Die Syphilis des Großvaters kann noch beim Enkel ihre 
verhängnisvolle Wirkung ausüben imd alle oben genannten Ent- 
artungszeichen hervorrufen. Ja, die Erbsyphilis der zweiten 
Generation tritt oft mit derselben Stärke auf wie in der ersten, 
imd wie die erworbene Syphilis, so kann auch die hereditäie 
Syphilis bei Frauen Neigung zu Fehl- imd Totgeburten erzeugen. 
Nach einer von Edmond Fournier an der Hand von 
11 000 Fällen von Syphilis (10000 Männer, 1000 Frauen) aus 
seines Vaters, Alfred Fournier, Privatpraxis aufgestellten 
Statistik über das Alter der Ansteckung ergibt sich, daß beim 
M an ne die Ansteckung am häufigsten zwischen 20 und 26 Jahren 
(Höhepunkt das 28. Lebensjahr), beim Weibe zwischen 18 und 
21 Jahren erfolgt. 8 o/o der syphilitischen Männer und 20 ^ der 
syphilitischen Frauen infizierten sich vor dem 20. Lebensjahre. 
Die Syphilis ist doch heute wesentlich eine E^rankheit der 



4 



*) Vergl. das soeben erschienene vorzügliche Werk von Edmond 
Fournier, Recherches et diagnostic de rh6T6do-sn>bilis Urdire. 
Paria 1907. 



409 

unerfahrenen Jugend. Diese Tatsache ist wichtig für die 
Frage der Verhütung und der Aufklärung.^^) 

Weit geringere Bedeutung als die Syphilis besitzt der rein 
örtliche weiche Schanker, der niemals eine Allgemein- 
infektion zur Folge hat. Der weiche Schanker wird durch einen 
spezifischen Erreger, einen kettenbildenden Bazillus, hervor- 
gerufen, der sich im Eiter des Schankergeschwüres findet. Ein 
bis zwei Tage nach der Ansteckung bildet sich ein kleines 
Eiterbläschen an der üebertragongsstelle, meist den äußeren Qe- 
schlechtsteUen, dieses platzt bald xmd ein tief ausgehöhltes Ge- 
schwür kommt zum Vorschein, das sich meist rasch vergrößert 
und häufig durch die geschwürbildende Eigenschaft des Eiters 
in der Umgebung neue Schanker entstehen läßt, so daß der 
weiche Schanker meist in mehreren Oeschwüren vorkommt, unter 
geeigneter Behandlung mit antiseptischen Pulvern und mit Aetz- 
mitteln heilen die Schankergeschwüre meist ziemlich rasch, es 
gibt aber sehr gefährliche Verlaufsweisen des weichen Schankers, 
wie den serpiginösen, unaufhaltsam vorwärts kriechenden 
und den phagedänischen bezw. gangränösen, den bran- 
digen Schanker, deren die ärztliche Kunst nur mit größter Mühe 
Herr werden kann. Eine xmgefährlichere, aber sehr unangenehme 
und schmerzhafte Komplikation des weichen Schankers ist die 
Entzündung der Leistendrüsen, meist nur auf einer Seite, dieser 
schmerzhafte „Bubo" (im Gegensatz zum schmerzlosen syphili- 
tischen Bubo) hat eine außerordentlich große Neigung zur Ver- 
eiterung. Erfolgt diese xmd der Durchbruch des Eiters, so können 
Fisteln xmd neue Schankergeschwüre an den Durchbruchstellen 
entstehen. Durch Bettruhe, Einreibung von Jodsalbe, kalte Um- 
schläge, Injektion von Höllensteinlösung in den Bubo, innerlichen 
Gebrauch von Jodkalium kann man diesen üblen Ausgang verhüten. 

Eine mächtige Wandlung der Anschauungen hat 
sidi im Laufe der letzten dreißig Jahre bezüglich der Natur 
und Bedeutung der Tripperkrankheit oder Gonorrhöe 



10) Als größere wissenschaftliche Werke über Syphilis nenne ich 
die die gesamte Literatur enthaltenden von Isidor Neumann 
(Wi«i 1899, 2. Aufl.) und JosephLang (Wiesbaden 1896, 2. Aufl.), 
vor allem aber das epochemachende Werk von Alfred Fournier, 
,,TmiU de la sjphilis". Paris 1898 ff. (2 Bande in 4 Teilen). 



l 




410 

vollzogen.^^) Während man dieselbe früher für eine relativ harm- 
lose Krankheit hielt, wissen wir heute, daß der Tripper sowohl 
beim Manne als auch besonders bei der Frau langwierige, g»- 
ffthrliohe und schmerzhafte Krankheitserscheinungen hervormft 
und die Quelle unsäglicher Leiden, elenden Siechtums zahlreicher 
Frauen und die Hauptursache der männlichen und weiblicfaea 
Unfruchtbarkeit ist. 

Der Tripper ist wesentlich eine Schleimhauterkran* 
kung und unterscheidet sich hierdurch von der Syphilis, die 
eine auf dem Wege der Blutbahnen sich ausbreitende Allgemein- 
erkrankung ist. In seltenen Fällen allerdings kajin auch der Tripper 
Allgemeinerscheinungen machen, der Tripperrheumatis- 
mus, gonorrhoische Bückenmarks- und Herzerkrankungen und 
Nervenleiden gehören hierher, können aber als relativ seltene 
Vorkommnisse außer acht gelassen werden. 

Der eigentliche typische Sitz des Trippers ist die Schleim- 
haut der Harn- und Geschlechtsorgane des Mannes 
und des Weibes, wobei beim Manne im ganzen mehr die Harn-, 
bei der Frau mehr die Geschlechtsorgane in Mitleidenschaft ge- 
zogen werden. Ursache des echten Trippers ist stets die Ueber- 
tragung der durch den (von Neißer 1879 entdeckten) Gono- 
kokkus hervorgerufenen eitrigen Entzündung von einem 
Menschen auf den anderen. Es gibt auch einfache Harn- 
röhrenentzündungen mit eitrigem Ausfluß, in dem keine 
Gonokokken gefunden werden. Sie entstehen ebenfalls durch 
Ansteckung, der Erreger ist aber noch nicht nachgewiesen, ebenso 
dunkel ist die Beziehung mancher diesen einfachen Hamröhren- 
katarrh hervorrufenden Irritamente, z. B. der bei der Menstruation 
wirksamen zu dem supponierten Erreger. Jedenfalls verlaufen 
diese einfachen Katarrhe sehr milde und heilen nach wenigen 
Tagen oder Wochen von selbst oder unter milden antiseptischen 
Einspritzungen. 

Anders der echte Tripper. Beim Manne beginnt er etwa zwei 
bis sechs Tage nach dem unreinen Beischlafe mit Brennen beim 
Urinieren, Jucken an der Harnröhrenöffnung, die leicht gerötet 
ist ^ind einen zunächst schleimigen, später eitrigen und dann 
gelb oder grünlich gefärbten Ausfluß von selbst oder auf Dmek 

*i) Das grundlegende wissenschaftliche Werk über den Tripper 
schrieb Ernest Finger, Die Blennorrhoe der Sezoalorgane, 6. Aufl. 
Leipiig u. Wien 1901. 



411 

gegen die Harnröhre hervortreten läßt. Entzündung, Ausfluß 
und Scbmerzhaftigkeit, besonders beim Urinieren, nehmen im 
Laufe der nächsten Wochen zu, außerdem zeigt sich manchmal 
leichtes Fieber, Mattigkeit, seelische Depression, .und der Kranke 
wird besonders in der Nacht von heftigen und schmerzhaften 
Erektionen gequält. Selten kommt es zu Blutungen aus der Harn- 
röhre (sog. „russischer Tripper'O- Manchmal nimmt die 
Sache ein gutes Ende, besonders beim ersten Tripper wird das 
beobachtet. Schon in der dritten Woche können die geschilderten 
Symptome zurückgehen tmd in der vierten bis sechstens Woche 
nach der Ansteckung kann der ganze Erankheitsprozeß beendet, 
der Ausfluß verschwunden, der Urin wieder klar und in der 
Tat definitive Heilimg des Trippers eingetreten sein. 

Aber die Zahl dieser Glücklichen ist zu zählen. In der 
Mehrzahl der Fälle kommt es zu weiteren Erscheinungen und 
Komplikationen. Der Tripper wird „subakut" und später 
„chronisch". Schon Bicord hat gesagt: Wenn ein Trippe 
einmal angefangen hat, dann weiß nur Gott, wann er aufhören 
wird. Glücklicherweise ist dieser Pessimismus heute nicht mehr 
ganz berechtigt, aber es ist eine Tatsache, daß in den meisten 
Fällen auch heute noch der Tripper ein sehr hartnäckiges, 
langwieriges Leiden darstellt, nicht nur ein wahres Kreuz für 
den Patienten, sondern auch für den Arzt. Die Gonokokken 
wuchern in die Tiefe der Schleimhaut und wandern weiter nach 
hinten, der hintere Teil der Harnröhre erkrankt, was sich vor 
allem durch häufigen schmerzhaften Harndrang bemerkbar 
macht, weiter kann die Blase, die Vorsteherdrüse und 
der Nebenhoden ergriffen werden. Doppelseitige Nebenhoden- 
entzündung ist oft sehr verhängnisvoll für die Zeugungsfähigkeit. 
In ca. 60 o/o der Fälle hat man Zeugungsunfähigkeit danach 
beobachtet. 

Ist der Tripper chronisch geworden, so bilden sich Ver- 
dickungen an einzelnen Stellen der Hamröhrenschleimhaut, der 
Drin bleibt lange Zeit trübe, der Ausfluß wird allerdings spär- 
licher, zeigt sich aber mit konstanter Bosheit jeden Morgen, wenn 
der Patient erwacht, als sogenannter „Bon jour*'- Tropfen 
in der Hamröhrenmündimg, auch Beschwerden von selten der Vor- 
steherdrüse (schmerzhafte Sensationen besonders beim Stuhl- 
gange) und Symptome der Harnröhrenverengerung können sich 
einstellen. Sehr oft ist auch eine relative Impotenz und schwere 



r 



i 



412 

sexuelle NeurastlLenie die Folge eines chronischen Trippers. Das 
Schlimmste aber ist die lange Dauer der Ansteckungs- 
fähigkeit. Immer ist die Gefahr vorhanden, daß noch irgendwo 
Gonokokken verborgen sind und bei Gelegenheit den Prozeß neu 
anfachen und die Krankheit übertragen können. Zweifel teilt 
einen Fall mit, wo ein Mann sogar noch 13 Jahre nach Beginn 
seines Trippers eine Frau ansteckte I 

Und die Ansteckung einer Frau mit Tripper, das ist, wie 

wir heute wissen, ein ganzes Schicksal. Es ist das unsterbliche 

Verdienst des deutsch-amerikanischen Arztes Noeggerath, im 

I Jahre 1872 den Nachweis erbracht zu haben, daß die Mehrzahl 

Ider langwierigen „Unterleibsleiden'' der Frau nichts weiter 

fsind als die Folgen einer gonorrhoischen Infektion. Der Tripper 

bevorzugt die inneren Geschlechtsorgane des Weibes, die Gk>no- 

kokken finden auf den weiten ScUeimhautflAchen derselben die 

günstigsten Lebensbedingungen und tauBcnd Schlupfwinkel und 

Verstecke vor den therapeutischen Eingriffen des Arztes. 

„Sie wuchern mit der Gesetzmäßigkeit, wie das Unkraut, 
wenn man es nicht ausrotten kann, über die ganze Fl&che der 
Schleimhaut hinauf und ergreifen mit derselben Gesetzmäßigkeit 
die Schleimhäute der Gebärmutter und der Eileiter. Auch hier 
gibt es diese Geschwüre, auch hier die Verwachsungen und auch 
hier dadurch Zeugungsunfähigkeit. Aber es kommt bei den Fra